Steven BeckmannTraum(a)

Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag. – Charlie Chaplin

TRAUM(A)

=)
Sie schrie um ihr Leben. Doch so spätabends, auf einem verlassenen Schotterplatz, hörte sie niemand.
Im Radio spielte leise das Lied Hello Sunshine.
Er sang belustigt mit, während er ihren Kopf immer wieder auf das Armaturenbrett schlug.
Wenige Stunden später wurde sie von einem Lastwagenfahrer gefunden. Er wollte dort ein paar Stunden Schlaf finden. Stattdessen fand er den eingeschlagenen Kopf einer jungen Frau. Ihr blondes Haar blutverklebt. Ihr Gesicht eine blutige, brutal zugeschnittene, grinsende Fratze.

Sie warfen sich schüchterne Blicke zu.
Sie, während sie ihr Baby im Kinderwagen beruhigte oder es durch den Park schob. Er, während er auf einer Bank ein Buch las. Jeden Nachmittag. Tag für Tag.
Kamen ins Gespräch. Unterhielten sich über Lieblingsautoren, ihre Bücher, was sie beide taten und wofür sie sich interessierten.
Es war ein Jogger, der auf das Kinderschreien aufmerksam wurde, im Gebüsch, abseits des Weges. Dort fand er das schreiende Baby im Kinderwagen und seine Mutter, auf einem Laubhaufen davor – deren grauenvolles Gesicht kein Kind der Welt mehr beruhigen konnte.

Luisa wurde schlecht. Wegen des neuesten Mordes, von dem der Nachrichtensprecher nüchtern berichtete. Aber auch über die mittlerweile hohe Zahl an Opfern.
Sie sah die Meldungen in den Nachrichten. Las die Berichte in den Zeitungen. Verfolgte jede noch so kleine Meldung über die sogenannten Smiley-Morde.
Anstelle des Nachrichtensprechers wurden nun Bilder mehrerer Opfer eingeblendet. Sie lachten. Glückliche, junge Frauen. Nicht viel älter als sie es selbst war, als…
Luisa zitterte. Griff nach ihrem Sofakissen, presste ihr Gesicht hinein und schrie.
Schrie, bis ihre Stimme versagte.

1
Es war nur eine Frage der Zeit. Es war ihr immer klar gewesen.Egal, wie viel Zeit ins Land ging, wie normal sie sich in manchen Momenten ihres Lebens fühlte. Nachts, wenn sie im Bett lag, musste sie immer daran denken.
Nun saß sie in ihrem kleinen Wohnzimmer, starrte das Foto an, das zwischen den Fingern ihrer Hand klemmte und wusste, dass die Frage nach der Zeit abgelaufen war.
Der Wecker klingelte. Das letzte Sandkorn war gefallen.
Sie wusste, dass ihr jetziges Leben vorbei war, egal was geschah. Die nächste Frage, die sie sich stellte, war: Konnte sie den Wecker neu aufdrehen, die Sanduhr noch einmal umdrehen? Ist dieses Leben vorüber oder ihr Leben?
Diese Frage beschäftigte sie seit zwei Tagen. Seitdem sie dieses verdammte Foto aus dem Briefkasten gefischt hatte.

>> Was willst du hier? << Ihre Stimme klang dünn und schien kurz davor zu sein, zu brechen. Auf ihrem Sofa sitzend, zog sie an ihrer Zigarette. Der Qualm hing genauso schwer in ihrem Wohnzimmer wie ihre Frage. Luisas Blick sah über das Foto, in sein Gesicht, konzentrierte sich auf seine Nase. Mied den Blick seiner Augen. Sie dürften mittlerweile lediglich zwei schwarze Löcher sein – nach allem. Luisa setzte sich auf, als hätte dieser Gedanke sie durch das Sitzpolster des Sofas gebissen. Er saß ihr im Sessel gegenüber. Luisa glaubte zu erkennen, wie er einen inneren Kampf führte. Was ist es? Wut? Angst? Hass? Auf mich, dich oder die ganze Welt? Dann tat er etwas, womit sie nicht rechnete. Er lächelte.

Das Foto wurde unscharf, als Luisas Hand zu zittern begann. >> Ich war jahrelang in Kliniken. Immer wieder. Tausende Stunden Gespräche darüber, was mit mir los ist. Hunderte Stunden, die sich wie tausende anfühlten, die ich fixiert da lag. Haufenweise Medikamente. Medikamente, die man anpassen und wechseln musste. Es gab Momente, da konnte ich keinen klaren Gedanken fassen und welche, wo es zu viel auf einmal davon gab. Eingesperrt sein…du hast einfach keine Vorstellung davon, wie das ist! << Er schrie den letzten Satz fast heraus. Bekam sich jedoch gerade so in den Griff, dass es eher ein wütendes Zischen wurde. Luisa wollte dies alles nicht hören, ertrug es aber dennoch. >> Du sagst mir, ich hätte keine Vorstellung? Wie kommst du nur… << Sie sprach ihren Satz nicht zu Ende. Nicht, weil sie damit kämpfte, sich in den Griff bekommen zu müssen, sondern weil seine Hände ihr die Luft abschnürten. Deshalb und weil sie darüber erschrocken war, ihm so plötzlich so nah zu sein, riss sie ihre Augen auf, während sie um jeden noch so kleinen Atemzug kämpfte. Dabei wurde sie immer weiter in die weichen Polster ihres Sofas gedrückt. >> Warum!? <<, schrie er sie an. >> All die Jahre! Warum? Ich will wissen, warum! All die Jahre! ALL…DIE…JAHRE!<< >> Weil man das mit Monstern macht! <<. Dieses Mal war sie es, die ihn wütend anzischte; mit der restlichen Luft, die noch in ihrer Lunge war. Er hörte auf, sie zu würgen, sah sie mit einem schockierten, aber auch schmerzhaften Gesichtsausdruck an. Luisa spürte, wie seine Hände, die ihren Hals dennoch weiter umschlossen, zitterten. Sie sah und hörte, wie seine Zähne mahlten. Dann tat er wieder etwas, womit sie nicht rechnete. Vor allem nicht jetzt, in solch einer Situation. Er grinste. Doch dieses Grinsen ängstigte sie. Doch entkommen, weglaufen, konnte sie nicht. Sanft, aber bestimmt, legte er seine Hände auf ihren Schultern ab. Drückte sie damit erneut ein stückweit ins Polster. >> Ich bin kein … so etwas bin ich nicht!<< Sein Körper bebte, während er sprach. >>Du willst wissen, warum ich hier bin? << Sein Grinsen wurde größer. So groß ein Grinsen werden konnte, ohne Zähne zu zeigen. Reißzähne, ging es ihr durch den Kopf. >> Ich bin hergekommen, um dich zu töten. << Luisa versuchte, von ihm loszukommen. Trotz seines Gewichts und die Gefahr, die von ihm ausging, zu flüchten, doch er war einfach zu stark. Er drückte seine Hand auf ihre Stirn und machte ihren Fluchtversuch mit einem Ruck, der sie zurück schubste, zunichte. Griff neben sie. Luisa zuckte vor seiner Hand zurück, was er bemerkte und worüber sie sich ärgerte. Etwas raschelte. Er hielt ihr das Foto vor das Gesicht, das sie eben noch selbst in der Hand hatte. Sie sah zur Seite, wollte es nicht ansehen. Doch er zog an ihrem Haar und drehte ihren Kopf wieder zum Foto zurück. >> Sieh hin! <<, brüllte er sie an. Sie sah hin. Tränen standen in ihren wütenden Augen, die abwechselnd das Foto und ihn ansahen. Seinen direkten Blick aber weiterhin mieden. Es war nur eine Frage der Zeit, ging es ihr erneut durch den Kopf. Er warf das Foto zurück auf das Sofa. Griff mit der Hand hinter sich und zog, zu Luisas Entsetzen, ein Messer hervor. Kam dicht an ihr Ohr heran. >> Du willst wissen, was ich hier will? << Sein Atem an ihrem Ohr ekelte sie an. Panik durchflutete ihren Körper. Sie schloss die Augen, ahnte, was kam. Bekam keine Luft, als würden seine Hände sie wieder würgen. >> Ich bin hergekommen, um dich zu töten … Mutter! <<

2

Sie bekam keine Luft und war dabei, zu akzeptieren, dass der heutige Tag der war, an dem sie sterben würde. Hörte ihr Herz, ihr Blut, in den Ohren pochen. Die Umgebung war verzerrt und durch einen Tränenschleier verschwommen. In einem allerletzten Verzweiflungsakt, versuchte sie, den Griff um ihren Hals zu lockern, doch er ließ von selbst von ihr ab. >> Wisch das auf! <<, brüllte sie eine tiefe Stimme an. So nah an ihrem Gesicht, dass ihr dabei Spucke auf die Wange flog. Kurz darauf wurde sie an den Haaren gepackt und durch den Flur gezogen, zurück in die Küche. Sie spürte den Schmerz und das Brennen auf ihrer Kopfhaut, als dabei etliche Haare ausrissen. Dort angekommen, wurde sie auf den Bauch gedreht. Seine Hand hielt noch immer ihr Haar gepackt und ihren Kopf oben. >> Wie bitte? <<, fragte er. Sie hatte nichts gesagt, wusste aber, was er von ihr verlangte. Und er wusste, dass sie es wusste, wie sie seinem Gesicht ablesen konnte. >> Tut mir leid. <<, stieß sie leise hervor. >> WIE BITTE?! <<, schrie er sie an. >> TUT MIR LEID! TUT MIR LEID! TUT MIR LEID! << Tränen rannten über ihr Gesicht. Er grinste. Grinste sie an. Gutmütig, wie er annahm. Wie ein Heiliger, der jemanden seine Sünden verzieh. Er deutete auf den Boden. Auf die Stelle, direkt vor ihrer Nase. Dort, wo der aufgerissene Becher lag und ein kleiner See Kirschjoghurt, der sich aus einem kleinen Riss aus ihm heraus gebildet hatte. Der Griff in ihrem Haar wurde fester und riss ihr weitere Haare heraus. Ihr Gesicht wurde über den Boden gewischt, hin und her und hin her. Er ermahnte sie, ja alles mit ihrer Zunge aufzuwischen. Nachdem er der Meinung war, es sei genug, zerrte er ihren Kopf wieder hoch. Kam mit seinem Gesicht nah an ihres heran, das völlig verschmiert war. Tränen, Schweiß, Dreck und Kirschjoghurt klebten darin. Er streckte seine freie Hand aus, tunkte einen Finger in den Joghurtbecher und malte dann damit ein grinsendes Gesicht auf den Boden. Seine Augen funkelten regelrecht, als er damit fertig war. >> Du hast da was vergessen.<<, flüsterte er leise in ihr Ohr und klang dabei, wie ein Kind, das einen Witz erzählte und versuchte, dabei nicht zu lachen.

3

Nichts passierte. Luisa öffnete wieder ihre Augen. Kam zurück ins Hier und Jetzt. So, wie sie es in all ihren Therapien an die Hand bekommen hatte. Er hielt noch immer das Messer in seiner Hand. Mit der anderen wischte er sich seine Tränen weg. >> Was hast du nur getan?! << Er klang vorwurfsvoll und gleichzeitig verzweifelt. Sah sie für einen kurzen Moment an und stieg dann vom Sofa herunter. Ging durch das Zimmer und ließ sich langsam zurück in den Sessel fallen, aus dem er sich zuvor noch wutentbrannt aufbäumte. Seine Augen waren rot und aufgequollen, sein Gesicht eine verzerrte Fratze. Er schlug zwei, dreimal mit der Faust auf die Lehne des Sessels ein. Dumpfe Schläge, die in Luisa ein vergangenes Echo wieder erweckten. Sie bemerkte ihre eigenen Tränen erst, als sie ihr auf die Hand fielen. Sie sah ihn an. Betrachtete ihn. >> Was hast du getan? <<, fragte er erneut und presste beide Fäuste auf seine Augen. Gab dabei einen brüllheulenden Laut von sich. Als er seine Fäuste wieder herunter nahm, trafen sich ihre Blicke.

4

Mutter. Innerlich zuckte Luisa bei diesem Wort zusammen. >> So viele Jahre habe ich dieses Wort nicht mehr ausgesprochen. <<, flüsterte er. Seine Stimme klang rau und brüchig. Ruhig saß er da und sah zu Boden. Plötzlich fühlte Luisa etwas, dass für sie nicht mit ihrer Ohnmacht zuvor in Einklang passte. Wut. Sie kochte in ihr auf, als sie ihn im Sessel sitzen sah. Heulend und wimmernd und dazu diese unverschämte Frage stellend. Was hast du getan. Dann tat sie etwas, womit er nicht rechnete. Sie stürzte sich auf ihn. Noch bevor er erneut sein Messer zücken konnte, das wieder hinten in seiner Hose steckte, hielt Luisa ihm einen Korkenzieher an die Kehle, den sie beim Aufspringen von der Ablage unter dem Wohnzimmertisch griff. Sie war erstaunt darüber, wie schnell und perfekt ihr das gelang. Sie befahl ihm, die Hände dort zu lassen, wo sie sie sehen konnte. Genau dort, wo sie waren, auf den Lehnen des Sessels. Sie rechnete mit Widerstand, doch er machte keine Anstalten, sich zu wehren. Im Gegenteil, er lächelte stattdessen wieder. >>All die Jahre.<<, wiederholte er leise und betrachtete sie. >> Mutter. << Er wirkte nachdenklich. >> Es klingt irgendwie … falsch. Aber das tat es schon immer. << Der Korkenzieher in ihrer Hand zitterte. >> Nervös?<<, fragte er. Luisa ignorierte seine Frage. >> Was ich getan habe?<<, zischte sie ihn an. >> Das einzig Schlimme, dass ich getan habe, war, dich zur Welt zu bringen! << Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Seine Lippen wurden so schmal, dass sie fast in seinem Mund zu verschwinden drohten. Doch sie zeigten sich wieder und zu Luisas Fassungslosigkeit formten sie ein Grinsen. >> Geht diese Leier damit wieder los? Oh, wie kannst du nur, du Monster. Du brauchst Hilfe! Geh zu einem Seelenklempner! Stell dich der Polizei! Raus aus meinem Haus! << Er wackelte dabei mit dem Kopf und äffte sie nach. Sah sie an und brach in lautes Gelächter aus. Er lachte und lachte. So sehr, dass es ihn schüttelte und sie damit ebenfalls, wie sie ihn weiter mit dem Korkenzieher am Hals in Schach hielt. Für Luisa hallte sein Lachen von überall her wieder und traf sie dabei immer lauter und schmerzhafter. Dabei sah sie vor ihrem inneren Auge all die Opfer, seine Opfer. Fotos von glücklichen Gesichtern und nackte leblose Körper – um sie herum sein Lachen. Sein Lachen. Es war der Wind, der durch ihre Haare pustete, während alles andere an ihnen starr und reglos war. Die blutigen Smileys, die ihre Körper zierten und sogar ihre Gesichter ersetzten – aus ihnen hörte sie ihn lachen. Doch zwischen all diesen Grausamkeiten, dem Leid, sah sie das Foto vor sich auftauchen. Das Foto, dass vor zwei Tagen in ihrem Briefkasten lag. Es zeigte sie, Luisa, in jüngeren Jahren. Neben ihr ein kleiner Junge, ihr Sohn. Sie hatte sich seit Jahren keine Bilder mehr von ihm angesehen. Beide lachten sie in die Kamera. Seine Hände waren ganz rot und er hielt noch immer den roten Kreidestift in der Hand. Hinter ihnen, auf dem Asphalt, grinste ein großer roter Smiley mit in die Kamera. Dieser unschuldige Kreide Smiley wechselte sich in ihrem Kopf immer wieder mit den blutigen Mord Smileys ab. Sah ihren kleinen Sohn, wie er vergnügt mit der Kreide auf dem Asphalt malte und grinsend angerast kam, ihr um den Hals fiel. >> Mama. <<, hörte sie ihn sagen. Grinste sie breit an und deutete mit einem roten Finger auf die toten Frauen dort auf dem Asphalt. In Luisa brachen alle Dämme. Sie weinte, während ihr Sohn immer noch lachte. >> Leon… <<, brachte sie schluchzend hervor. Der sich vor Lachen schüttelnde Körper wurde plötzlich starr. Luisa hörte die alten Sessellehnen knacken, als er sich anspannte. Sein Lachen erstarb, kaum kam ihr sein Name über die Lippen. >> Nenn mich nicht so! <<, brüllte er. Sie sah das, was sie sein ganzes Leben lang gefürchtet hatte: Die Dunkelheit in seinen Augen. Für einen kurzen Moment schien sie seine Augen auszufüllen, wie ein Glas, das man mit schwarzer Tinte füllt. Ein Glas, das voll damit ist. Nicht überläuft, sondern zerspringt.

5

Luisa beobachtete, wie sie in Sturzbächen auf den Boden aufschlug. Schwarze Spritzer landeten in ihrem Gesicht. Ihr wurde an den Haaren gezogen. Ein grinsendes Gesicht drückte sie zu Boden. Mit Entsetzen erkannte sie, dass die Augen darin voll mit ihr waren. Zwei Gläser, zum Zerspringen gefüllt mit Tinte. Sie quoll aus ihnen heraus, tropfte aus dem Mund – dunkle Speichelfäden, so dünn, als säßen an ihren Anfängen Spinnenärsche anstatt Zähnen. Tropfte vom Finger, der gerade damit fertig war, ein grinsendes Gesicht auf den Küchenboden zu malen. >> Du hast da was vergessen. <<, kicherte es. Dann wurde sie über den Küchenboden gescheuert, wie ein widerspenstiger Mop. Direkt auf ihn zu und durch ihn hindurch. Ihr Mund füllte sich mit seinem bitteren Geschmack Als ihr Kopf hochgerissen wurde, sah sie ihren Sohn, Leon, wie er unter dem Küchentisch kauerte und alles mit großen Augen mit ansah. Er trug seinen Schlafanzug. Schwarze Spritzer befanden sich darauf, wie auch auf seiner Haut. Sie wurden größer, breiteten sich aus. Wasch es ab! Berühr es nicht! Sie wollte es ihm zu rufen, doch ihr Mund war voll. Sie spuckte und hustete schwarzen Schleim. Alles in Ordnung, mein Liebling, mein kleiner Schatz, flüsterte sie ihm in Gedanken zu, bevor alles schwarz wurde – und sie darin verloren ging.

6

>> Warum nennst du mich so? <<, fragte Leon ruhig. Luisa erwachte aus ihrem Tag-Albtraum und sah nun in das Gesicht ihres erwachsenen Sohnes. Streckte ihre Hand danach aus, als müsse sie es berühren, um überzeugt zu sein, dass es wirklich da war. Erkannte, wie er versuchte vor ihr zurückzuweichen und zog sie wieder zurück. >> Was? << >> Warum du mich so nennst? Mein Name. << In seinem Gesicht sah sie wieder seine Wut. Glaubte zumindest, dass es sich um Wut handelte. Wie will man jemanden innerhalb weniger Stunden einschätzen, dessen ganzes Leben einem eigentlich fremd ist? Selbst wenn es sich um den eigenen Sohn handelte. Diese Bezeichnung für ihn fühlte sich fremd an. >> Warum nennst du mich nicht bei den Namen, die du mir als kleiner Junge aufgedrückt hast. Mein kleines Monster. So hast du mich oft vor deinen Freundinnen genannt. Sie haben daraufhin immer gelacht und geschmunzelt. Wie Menschen es eben machen, wenn etwas grässliches verniedlicht wird. Oder verharmlost. << Luisa schluckte schwer, als seine Worte auf sie einschossen. Mittlerweile hielt sie den Korkenzieher nicht mehr an seinen Hals. Er lag noch in ihrer Hand, doch ihr Arm hing schlaff zu Boden. Sie wollte etwas erwidern. Wusste jedoch nicht genau was, nur, dass sie irgendetwas sagen musste, dass ihr die roten Hörner abnahm, die ihr Sohn ihr aufsetzte, doch Leon hob seine Hand. >> Böser kleiner Junge <<, fuhr er fort. >> immer, wenn du mich ins Bett brachtest. Es gab Nächte, da konnte ich deinen Atem an meinem Ohr spüren, wenn du mir sagtest, was für ein böser, böser, kleiner Junge ich doch war. << Sie wünschte sich, dass er aufhörte. Doch er tat ihr den Gefallen nicht. >>Ein Psycho. Das war ich für dich, als ich älter wurde. << Er verstummte, sah sie an. Luisa wich seinem Blick aus. Sah ihn dennoch. Wie er als Baby in ihrem Arm lag. Erinnerte sich daran, wie warm er war, wie er sich regte. Seine winzigen Füße und wie sie einen davon in die Hand nahm. Seine noch viel winzigeren Zehe betrachtete und sie sanft streichelte. Sie lächelte dabei. Ohne sich dessen bewusst zu sein, lächelte sie auch in dem Moment, wie sie daran denken musste. Sie erinnerte sich daran, wie er eines Abends in ihrem Bett neben ihr lag, fast eingeschlafen. Seine Hand reichte nicht mal ganz um ihren Finger, den sie fest hielt. Wie er kurz seine Augen öffnete. Sie ansah, kurz lächelte und dann einschlief. Nicht, ohne zuvor kräftig und mit weit geöffnetem Mund zu gähnen. Sie selbst legte sich mit dem Körper um ihn herum. So schliefen sie in dieser Nacht. Voller Liebe und Wärme. Das war das erste und, wie sie zugeben musste, das letzte Mal, dass sie sich wie eine Mutter gefühlt hatte.

Luisa wischte sie die Tränen aus dem Gesicht. Sah zu ihm und stellte fest, dass er sie immer noch ansah. Ich bin gekommen, um dich zu töten! Zwar hatte er sie nicht erstochen, dennoch war er dabei sie umzubringen. Als hätte er ihren Gedanken gehört, fügte er seiner kleinen Rede noch etwas hinzu. Es war nur ein Flüstern, ein Wispern, dennoch konnte sie jedes Wort deutlich hören. Als wäre er es diesmal, der sich zu ihr hinunterbeugte und ihr zuflüsterte, was für eine böse, böse Frau sie doch war. >> Mörder. So hast du mich genannt, bevor du versucht hast, mich zu töten.<<

7

Daran erinnerte sie sich. Natürlich tat sie das. Sie sah, wie sie das Kissen nahm. Sah seine, vor Schreck geweiteten, Augen. Und wie sie verschwanden, als sie ihm das Kissen auf sein Gesicht drückte. Er wehrte sich. Strampelte und schlug wild mit Armen und Beinen nach ihr. Schrie. Schrie um Hilfe, doch das alles drang nur gedämpft durch das Kissen. Mama, Mami, hörte sie ihn rufen. Vielleicht bildete sie es sich auch nur ein, doch wann immer sie daran dachte, hörte sie ihn Mami schreien. Er hatte mehr Kraft als sein dürrer elfjähriger Körper vermuten ließ, deshalb legte sie sich mit ihren gesamtem Gewicht auf das Kissen. Wie aus dem Nichts, schoss seine kleine Hand hervor und hielt ein kleines Messer. Luisa schrie auf und ließ von ihm ab. Er selbst zog sich das Kissen vom Gesicht, drückte sich gegen die Wand und schnappte nach Luft. Wedelte dabei mit dem Messer panisch umher. Blut klebte daran, ebenso auf dem Kissen vor seinen Füßen. Er sah zu ihr rüber. Luisa hielt sich ihr Gesicht, hatte Blut an den Händen, das aus dem Schnitt floss, den das Messer auf ihrer Wange hinterließ. Plötzlich krachte es. Für einen Moment sahen sie sich beide schweigend an. Dann schrie sie los. Schrie aus Leibeskräften und ließ sich zu Boden fallen. Die Tür zum Kinderzimmer wurde aufgerissen, Holzsplitter rieselten auf sie hinab. Das helle Licht von Taschenlampen blendete sie. Die Nachbarn hatten Geräusche gehört, sich Sorgen gemacht und die Polizei gerufen, wie sie später erfuhr. Luisa lag am Boden, hielt sich weiter ihr Gesicht und schrie. Einer der Polizisten befahl ihrem Sohn, das Messer aus der Hand zu nehmen, doch er war immer noch völlig neben sich. Sah von der anderen Seite des Zimmers noch immer zu ihr rüber, hilfesuchend. Schließlich war es der Polizist selbst, der es ihm aus der Hand zerren musste. Als sie zu den beiden Notarztwagen gebracht worden waren, streckte er seine Hand nach ihr aus. Sah sie traurig und verwirrt an, wie er in seinem Schlafanzug durch die kalte Nacht geschoben wurde. Luisa wandte ihren Blick ab und stieg in den Wagen. >> Von allen Namen, die du für mich hattest, ist Psycho der, für den sich die Leute entschieden haben, wenn sie über mich reden. << Luisa hörte seine Worte, jedoch aus weiter Ferne. Ihr Blick wanderte über seine Arme. Dünn, sehnig und voller Narben. Fein und unauffällig, sowie wulstig und unmöglich zu übersehen zeigten sie sich ihr. An einer Stelle blieb ihr Blick hängen. Eine kleine Tätowierung war es, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Selbstgestochen, wie es den Anschein hatte. Ein Smiley. Er grinste, genauso breit wie er, Leon, als sie mit angstgeweiteten Augen zu ihm aufsah.

8

Eine weitere Erinnerung blitzte in ihr auf. Der Abend, an dem sie ihm das Kissen auf sein Gesicht drückte, versuchte ihn zu töten, wie er es nannte, wenige Stunden zuvor. Das Weinglas fiel aus ihrer Hand, auf den hellen Teppich, wo sich schnell eine rote Lache bildete – Scherben glänzten darin. Genau wie die Klinge des Messers, das ihr elfjähriger Sohn in der Hand hielt. Es steckte in der Brust ihres Kanarienvogels. >> Ich will das nicht tun, aber ich muss! <<, sagte er und sah abwechselnd zwischen seiner Tat und ihr hin und her. Er kniete in seinem Schlafanzug vor dem Vogel. Hielt den Griff des Messers weiter fest in der Hand. Die Flügel des Vogels waren weit ausgestreckt, als hätte er versucht, im allerletzten Moment seinem Mörder zu entkommen. >> Es hat gar nicht geblutet. Nur dumpf … geknackt. << Luisa hätte sich beinahe neben ihrem verschütteten Wein übergeben. Nicht unbedingt wegen des Vogels, das machte sie einfach nur fassungslos, schockierte sie. Es waren nicht mal unbedingt die Worte, die er sagte, sondern wie er sie sagte. Völlig ruhig. Kalt. Ja, er klang fast schon enttäuscht. Als hätte eine besonders große Silvesterrakete lediglich eine kleine kurzlebige Leuchtkugel in den Himmel gemalt. Sie hasste die Worte, die über seine Lippen kamen. Sie weinte und hasste sich dafür, vor ihm zu Weinen. Hasste ihn, dass er sie dazu trieb. Und hasste ihn. Am liebsten hätte sie ihn in diesem Moment das Messer aus der Hand gerissen und sich selbst damit erstochen. Oder ihn. >> Papa wäre jetzt richtig sauer, wenn er das sehen würde. <<, sagte er und deutete auf den Weinfleck vor ihren Füßen. Luisa starrte ihn einfach nur an und fühlte sich leer, obwohl ihr weiter speiübel war. >> Papa ist schon lange fort. << Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. >> Jetzt gib Mama das Messer. << Sie versuchte ruhig zu bleiben, nicht zu schreien, und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

Ich will das nicht tun, aber ich muss. Luisa starrte wieder den Smiley auf seinem Unterarm an. Das waren seine Worte gewesen. Und seine, bevor sie durch einen langen Flur gezogen wurden. Und ihre, als sie neben seinem Bett stand. Ihn beim Schlafen beobachtete, tief einatmete und das Kissen nahm, das am Fußende seines Bettes lag. Luisa sah, wie eine Version von ihr das Kissen auf sein Gesicht drückte und mit einem Messer darauf einstach. Immer und immer wieder, bis sie keine Kraft mehr hatte. Zurück taumelte und erkannte, dass sie einen Smiley ins Kissen geritzt hatte, dessen rotes Grinsen immer breiter und breiter wurde, bis es von den Kanten tropfte. Sie wusste es. Die ganze Zeit, war es ihr bewusst gewesen. Und auch, dass sie sich im Grunde die Schuld dafür gab. Der Smiley verschwamm vor ihren Augen. Der auf dem Kissen als auch der auf seinem Unterarm. Sie schmeckte den salzigen Geschmack auf ihren Lippen, den bitteren Nachgeschmack auf der Zunge.

9

Sie lagen eine ganze Weile schweigend nebeneinander. Mutter und Sohn. Fremde. Dennoch verbunden, auch wenn sich ihr Seil wie Stacheldraht anfühlte, das um ihr Inneres gewickelt war. Luisa dachte an den toten Vogel, an all die toten Frauen, das Foto mit dem Kreide Smiley auf dem Asphalt und wie glücklich sie damals gewesen waren. >> Warum der Smiley? << Sie fragte es gerade heraus. Körper und Geist waren einfach zu schwach, um irgendwelche Barrieren aufrecht halten zu können. Schweigen. Schier endlose Minuten. Dann fing er an zu erzählen. >> Ich dachte, wenn er von mir kommt, heitert er dich vielleicht auf. Irgendwann brauchte ich ihn selbst, um mich aufzuheitern. Wie gesagt, all die Jahre dort drin. Deshalb das Tattoo. << Das war alles, was er dazu zu sagen hatte. Luisa legte die Stirn in Falten, wusste nichts darauf zu antworten. Dann platzte es einfach aus ihr heraus. >> Und die … die … Frauen in den…<< Leon sah sie an. Luisa fürchtete sich erneut vor der Dunkelheit, die sich irgendwo in seinen Augen versteckte. >> Du denkst wirklich, dass ich…<< Er gluckste. >> Weißt du, ich habe noch immer ein schlechtes Gewissen, wegen des Vogels. <<
Luisa spürte, seit langer Zeit, seine Hand in ihrer, nur war die Wärme fort.
Ich bin hergekommen, um die zu töten! Ich will das nicht tun, aber ich muss!
Leons Lachen, tief und dunkel, füllte ihre Ohren. Übertönte ihr Schreien erklang noch lange, nachdem ihre Stimme längst verstummte.

=)
Es war mitten in der Nacht, während der gesamte Zirkus schlief.
Ein einzelner Spot leuchtete von oben herab, direkt in die Mitte der großen Manege.
Dort unten, in seinem Lichtkreis, lag Nobby, der traurige Clown und zeigte ein Lächeln.
Zum ersten Mal. Breit und blutig. Für immer.
Aus dem dunklen Zuschauerraum spielte leise das Lied I started a Joke – eine Stimme sang vergnügt mit.
Am nächsten Morgen war es Lenny, der fröhliche Clown, der Nobby fand.

8 thoughts on “Traum(a)

  1. Uff, wow! Ich bin noch ein wenig geplättet!
    Sehr geile Story, klasse geschrieben, ein tolles und auch ein wenig verstörendes Ende. Genau, was ich von einem Thriller erwarte! Eine der besten Geschichten, die ich hier bisher gelesen habe! Ganz großes Kompliment!

  2. Hallo lieber Steven,

    Ich hatte ab und zu Schwierigkeiten zu erkennen, wann nun ein Zeitsprung stattfand, weil die Zeitform sich nicht änderte. Das würde ich auf jeden Fall ändern.
    Den Schluss habe ich nicht verstanden, aber lag vermutlich an mir 😀
    Ich hätte mir gewünscht, die Gespräche durch Zeilensprünge voneinander zu trennen.
    Ansonsten toll geschrieben und schöne Beschreibungen.
    Diese Stelle: „Dennoch verbunden, auch wenn sich ihr Seil wie Stacheldraht anfühlte, das um ihr Inneres gewickelt war“ hat mir richtig gut gefallen. Ein wirklich toller Vergleich!

    Alles Liebe
    Pauline

  3. Hallo lieber Steven,

    ich kann mich meinen Vorkommentatoren nur anschließen – wow, Deine Geschichte hat mich wirklich mitgerissen. Eine Schande, dass Du noch so wenig Likes hast. Dein Schreibstil ist wirklich besonders, ich war von Anfang an gefesselt, toll.
    Allerdings hatte ich manchmal Schwierigkeiten zu folgen – Du arbeitest mit Zeitsprüngen und Ortswechseln, die sich an manchen Stellen nicht so richtig nachvollziehen lassen oder nicht ganz klar sind – was im Einzelnen nicht schlimm ist, aber mir ging es innerhalb Deiner Story ein paar Mal so, dass ich nicht so ganz wusste „Hoppla, wo sind wir denn jetzt gelandet“ und in Summe wirkt das etwas konfus 🙂
    Den Schluss habe ich auch nicht verstanden – kannst Du den vielleicht kurz erläutern?
    Ansonsten dolle Show! Ich hoffe, Du schaffst es in eBook!

    Liebe Grüße
    Anita („Räubertochter“)

    1. Hallo Anita,

      vielen Dank für dein Feedback!
      Freut mich sehr, dass die Geschichte dir gefallen hat.
      Der Schluss soll, wie der Anfang auch, einen Mord darstellen, sodass man sich fragt, ob es doch der Junge war oder der Mörder eine gänzlich andere Person ist.
      Beim Schreiben bzw Überarbeiten habe ich tatsächlich länger überlegt, ob das in die Kurzgeschichte rein soll oder nicht.
      Ich hoffe, die Erklärung radiert das kleine Fragezeichen zum Schluss weg ;).

      Lieben Gruß

      Steven 🙂

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