MaraHofhauserTrojanische Pferde

„Der zweite Kaffee groß oder klein?“

„Groß bitte“

„Mit Zucker?“

„Nein nein, meine Chefin ist Diabetikerin.“

„Alles klar, dann brauche ich einmal die Namen und dann dauert es einen kleinen Moment“

„Florian und Ivette.“

Ich zahle beide Kaffes und friemele den Süßstoff in den, meiner Chefin, während ich das Café verlasse.

Ich muss mich beeilen ins Büro zu kommen, denn ich möchte Ivette in einem ruhigen Moment sprechen, solange die anderen Mitarbeiter noch nicht da sind.

Seit Tagen lege ich mir die Worte für das anstehende Gespräch zurecht, in dem ich sie nach einer Gehaltserhöhung fragen möchte.

Ich hatte sie das bereits letztes Jahr gefragt und als sie mir meine Bitte abschlug war das wahnsinnig peinlich.

Der Kaffee, den ihr normalerweise die neue, übereifrige Praktikantin mitbringt, soll daher ein kläglicher Bestechungsversuch sein.

 

Ivette wirkt schon jetzt sehr gestresst und ich habe das Gefühl, dass sie mir nur sehr halbherzig zuhört, während ich ihr von meinen Forderungen erzähle.

Das war mir schon klar, deshalb habe ich vorausschauend einige kurze Sätze formuliert.

Ich lasse ihr das Papier auf dem Tisch liegen, bevor ich den Raum verlasse und Lorelei, die Praktikantin, diesen gut gelaunt mit jeweils einem großen Kaffeebecher in der Hand betritt.

Im Vorbeigehen bleibe ich versehentlich an ihrem Ellbogen hängen und der Inhalt eines Bechers schwappt über ihren Handschuh und den Ärmel ihres Mantels.

„Oh entschuldige bitte.“, sage ich.

„Kein Problem, kannst du die Becher bitte auf den Tisch stellen? Ich muss das kurz abwaschen.“, sie drückt mir die Becher in die Hand, dreht sich um und läuft in Richtung Badezimmer.

 

Ich setze mich an meinen Schreibtisch und fahre den Computer hoch.

Als ich meine Mails aufrufe höre ich einen leisen Pling-Ton aus der obersten Schublade meines Tischchens.

Instinktiv greife ich hinein und bin überrascht ein, mir fremdes Handy zu finden.

Sobald ich mit dem Finger über das Display fahre, entsperrt es sich automatisch und die eben empfange Nachricht mit Bildanhang erscheint.

Unsicherheit steigt in mir auf als ich lese: ‚Florian, diese Nachricht ist für dich‘.

Ich klicke auf das erste Foto und sehe mich, wie ich heute Morgen das Café verlasse.

Auf dem zweiten Bild schaue ich mich um und auf dem dritten gebe ich etwas in Ivettes Kaffee.

Merkwürdig, ich sehe mir das Telefon genauer an.

Außer dieser Nachricht scheint auf dem Handy nichts gespeichert zu sein.

‚Wer ist denn da?‘, schreibe ich der Nummer etwas verwirrt zurück.

Ich kann mir nicht erklären, wer mir so etwas zukommen lassen sollte oder weshalb.

Vielleicht ist es von Ivette und als Arbeitshandy gedacht.

Ich beschließe sie anzurufen und nachzufragen, werde allerdings nur zu ihrer Assistentin durchgestellt.

„Du, der geht es gerade nicht so gut, die musste sich übergeben und ist noch im Bad, aber ich sehe jetzt mal kurz nach ihr, sie kann dich dann gleich zurückrufen.“, sagt sie als ich frage wo die Chefin ist.

 

Zehn Minuten später geht alles ganz schnell:

 

Die Sekretärin hat Ivette schweißgebadet, zitternd und mit Schnappatmung auf dem Toilettenboden gefunden.

Bis der Krankenwagen ankam, war sie ohnmächtig geworden und nahezu atemlos.

 

Eine hektische Panik bricht im Büro aus.

Die Mitarbeiter machen sich große Sorgen und, dass keiner weiß, was genau los ist, sorgt für ein Durcheinander.

Letztendlich wird beschlossen das Büro für den heutigen Tag zu schließen.

Bevor auch ich meine Sachen wieder packe, spreche ich mich mit der Sekretärin ab, dass sie sich bei mir meldet, sobald sie etwas Näheres erfährt.

 

In dieser ganzen Aufregung habe ich das unbekannte Handy, das noch auf meinem Schreibtisch liegt, komplett vergessen.

Die Frage, die ich vorhin als Antwortnachricht versandt habe, ist nach wie vor unbeantwortet.

Ich beschließe es sicherheitshalber mit zu mir zu nehmen, es scheint ja auf jeden Fall für mich bestimmt zu sein.

 

Später am Abend ruft mich die Sekretärin an.

Sie ist vor lauter Tränen fast nicht zu verstehen.

„Sie ist tot Florian, sie ist gestorben.“, schluchzt sie in den Hörer.

Mir wird schwindelig und ich setze mich.

„Wie bitte?“, ich kann noch nicht begreifen, was sie mir da gerade gesagt hat.

„Sie ist im Krankenhaus verstorben. Es ist wohl zu viel Zeit vergangen, ehe wir sie gefunden haben.“, die Stimme der Sekretärin zittert sehr stark, „Kannst du dir das vorstellen? Wir hätten etwas merken, und früher nach ihr sehen müssen. Sie hat bestimmt sehr gelitten und sie war ja allein, das ist so schrecklich, ich kann es einfach gar nicht glauben.“

Die Vorstellung, dass sie so hilflos war, als sie mit dem Tod rang und am Ende die Hilfe doch zu spät kam, war nur sehr schwer zu ertragen.

„Aber wie kann das denn sein, hast du ihr die letzten Tage etwas angemerkt?“

„Der Arzt sagt es war eine periphere Atemlähmung, sie ist wahrscheinlich…“, sie brach erneut in Tränen aus,“…erstickt.

Das schlimmste, Florian ist, dass mich ihr Mann angerufen hat. Er sagt, dass die Polizei dazu gerufen werden musste.“

„Was? wieso denn das?“

„Es war wohl kein natürlicher Tod, die Anzeichen, die sie bis jetzt haben, weisen wohl auf eine Vergiftung hin. Aber sie wissen noch nichts sicher, bitte sag das auch nicht weiter, das soll eigentlich noch keiner wissen.“

Mir wird flau im Magen.

„Dann war das ein Mord?“

„Ich denke schon, aber sie wissen ja selbst noch nicht viel. Ich weiß es nicht, ich weiß gar nicht was ich tun soll“

 

Nachdem wir aufgelegt haben dauert es eine Weile, bis ich mich wieder gesammelt habe.

Diese Nachricht kam so plötzlich und erschreckend, es ist sehr schwer das alles gerade zu begreifen.

 

Ein erneuter Pling-Ton reißt mich aus meinen Gedanken.

Er kommt aus meiner Jackentasche und erinnert mich wieder an das fremde Handy, das ich im Laufe dieses nervenaufreibenden Tages schon wieder vergessen hatte.

Ich hole meine Jacke und nehme es aus der Tasche.

 

‚Auge um Auge. Zahn um Zahn. Leben um Leben.‘, ist als Antwort auf meine Frage im Chat zu lesen.

Ich muss mich erneut setzen.

Leben um Leben?

Nachdem ich von Ivette’s Tod erfahren habe?

Ich muss zugeben, dass mir das langsam etwas Angst macht und ich verstehe auch nicht, was damit gemeint ist.

‚Wer ist da?‘, schicke ich erneut als Antwort.

Mich überfordern die Ereignisse heute sehr, deshalb beschließe ich, mich etwas hinzulegen.

 

Als ich wieder aufwache, ist es schon Nachmittag.

Ich fühle mich miserabel und kein bisschen erholt, es ist wie in einem schlimmen Alptraum, aus dem man nicht aufwachen kann.

Ich gehe in die Küche, um mir etwas zu essen zu holen.

Meine Gedanken drehen sich wieder im Kreis bei dem Versuch den heutigen Tag zu begreifen.

Mein Handyklingelton unterbricht die Abwärtsspirale.

Erleichtert fällt mir auf, dass es der Klingelton von meinem Handy ist, mehr Nachrichten von dem merkwürdigen anderen Telefon würde ich heute wirklich nicht mehr ertragen.

„Florian Preisel am Apparat.“, melde ich mich.

„Hallo Herr Preisel, hier ist Herr B., ich melde mich vom ersten Polizeirevier, Innenstadt Frankfurt. Es geht um den Tod von Frau Dickert. Sie waren ja bei ihr angestellt, wenn ich das richtig sehe?“

„Ja genau, Frau Dickert ist, ähm war meine Chefin.“

„Alles klar. Wir müssen ihnen einige Fragen stellen. Vielleicht haben sie es schon gehört, aber Frau Dickert’s Tod war nicht natürlicher Ursache. Wir warten gerade noch auf die Laborergebnisse, mit denen wir morgen Nachmittag rechnen und würden sie bitten, dann um 17 Uhr hier vorstellig zu werden.“

Der Polizist teilt mir noch die Anschrift mit und bei wem ich mich melden soll.

Kurz überlege ich, ihm von den fragwürdigen Nachrichten auf dem Handy zu erzählen, aber lasse es dann doch.

Wahrscheinlich würde das etwas albern wirken.

 

Nachdem ich etwas gegessen habe fühle ich mich zumindest in der Lage, mich nochmal näher mit den Nachrichten und dem mysteriösen Telefon auseinander zu setzen.

Ich kann aber partout nichts darauf finden, das irgendwie aufschlussreich wäre.

Wieder und wieder lese ich mir den Verlauf durch, aber auch daraus kann ich nichts lesen.

Ich beschließe, mich wieder ins Bett zu legen.

Heute kann einfach nichts Gutes mehr passieren.

 

Als ich am nächsten Tag aufwache ist es schon Mittag.

Ich war gestern wohl erschöpfter als ich dachte.

Nachdem ich mein Handy auf Mitteilungen überprüft habe, fällt mir das Neue ein.

Tatsächlich ist eine weitere Nachricht auf dem Display erschienen.

Es ist wieder ein Foto.

Nervös klicke ich es an.

Es zeigt wieder mich, wieder mit zwei Kaffeebechern in der Hand.

Dieses Mal allerdings vor einem Bürogebäude.

Das ist nicht vor ‚Dickert Investments‘.

Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter, als ich das Bild zuordnen kann.

Was hat das zu bedeuten?

Ich werde langsam aber sicher ziemlich nervös.

Das Bild ist schon einige Jahre alt und wurde von meinem damaligen Kollegen an meinem ersten Praktikumstag aufgenommen.

Ich hatte das Foto beinahe vergessen.

Damals hatte ich gerade die Zusage für eine Übernahme nach meinem Praktikum bei ‚Dickert Investments‘ erhalten.

Ivette bestellte mich persönlich ins Büro, ich fühlte mich sehr geehrt.

Sie bot mir an, mich nach meinem Praktikum direkt fest anzustellen, wenn ich einen speziellen Job für sie erledigen würde.

Selbst die Zusage für das Praktikum in einer der renommiertesten Firmen wie ihrer, war etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte, geschweige denn für ein solches Unternehmen arbeiten zu dürfen.

Ich war der festen Überzeugung, alles für sie zu tun, um diesen Traum wahr werden zu lassen.

Als sie mir dann nähere Details eröffnete, kamen jedoch einige Zweifel in mir auf.

Ich sollte erneut ein Praktikum anfangen, das sie mir verschaffen würde.

Es wäre in der Firma, mit der sie zu dieser Zeit in hoher Konkurrenz stand.

Irgendwoher wusste sie, dass damals ein großer Kunde bei ihrer Rivalin unterschreiben wollte, was dieser den endgültigen Vorsprung in der Branche verschaffen würde.

Ich sollte also herausfinden, um welchen Kunden es ging, damit sie ihm ein besseres Angebot machen konnte.

Anfangs machten mir diese unfairen Mittel und der Gedanke an meine Verwicklung darin Bauchschmerzen.

Andererseits versprach mir Ivette eine strahlende berufliche Zukunft und im Nachhinein gesehen, setzte sie mich schon ziemlich unter Druck, was diesen Plan anging.

Ich ignorierte also meine Bedenken und lies mir den neues Praktikumsplatz verschaffen, um mit meinen Ermittlungen zu beginnen.

Das war tatsächlich leichter als gedacht, da die Chefin ihre Mitarbeiter sehr intensiv briefte und erwartete, dass sich alle angemessen vorbereiteten.

Natürlich war ich da als Praktikant erstmal außen vor, aber das Thema entwickelte sich schnell als Hauptthema im Pausenraum und in den Gängen.

Es dauerte also nicht lang, bis ich Ivette erzählen konnte, was sie wissen wollte, mein Praktikum zu Ende ging und ich auch offiziell anfing, für sie zu arbeiten.

Was ich allerdings vorher nicht wusste war, dass dieser Kunde entscheidend für das Überleben der Konkurrenzfirma gewesen war.

Nachdem diese Einnahmequelle wegbrach, ging das Unternehmen Pleite und die Geschäftsführerin sah sich vor einem enormen Schuldenberg und einer ziemlich düsteren Zukunft.

Ich hatte das damals in den Nachrichten gehört und mir auch viele Gedanken zu meiner Schuld daran gemacht.

Allerdings redete mir meine Chefin gut zu, dass das so oder so passiert wäre und irgendwann schenkte ich ihr Glauben und hörte auf zu Hinterfragen.

Ich weiß nicht wieso, aber ich hatte das ziemlich aus meinem Leben ausgeblendet und auch relativ schnell aufgehört, weiter darüber nachzudenken.

Dass das ausgerechnet jetzt wieder aufkommt, löst in mir ein komisches Gefühl aus.

 

Mir werden erst Bilder von mir mit dem Kaffee geschickt, dann dieser Rachespruch und jetzt dieses Bild.

Und das alles am Tag von einem Mord.

Ich weiß nicht ob ich paranoid bin, aber das ist alles so absurd, das muss ja in Zusammenhang stehen.

Aber wie?

 

Meine Gedanken schweifen ab.

Ich frage mich wirklich, wie ich diese Zeit und die Konsequenzen, die ich damals verursacht habe, so ausblenden konnte.

Es fühlt sich so weit weg an, jetzt darüber nachzudenken.

 

Wenn ich das damals nicht für meine Chefin erledigt hätte, hätte sie wahrscheinlich einfach jemand anderen gefunden.

Noch dazu war es ja gar nicht mein Plan, ich sehe mich da in gewisser Weise auch nur als Opfer.

Aber es hat wirklich ein sehr grausames Ende mit sich gebracht und nicht nur einen Lebenstraum sondern auch eine Existenz gekostet.

Wahrscheinlich nicht nur eine.

Wie konnte ich so lange ausblenden, mit was ich mich da schuldig gemacht habe?

Und was für ein Glück hatte Ivette, dass sie damit ungestraft durchgekommen ist?

So etwas könnte ich jetzt nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, auch wenn das pathetisch klingt, aber es kommt mir vor als wäre ich damals eine ganz andere Person gewesen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich jetzt älter bin.

Ich scheine mich enorm verändert zu haben, nicht wiederzuerkennen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto schuldiger fühle ich mich.

Bin ich so ein skrupelloser Mensch?

So langsam verheddere ich mich in meinen Gedanken und Gefühlen.

Ich gehe ins Badezimmer um eine kalte Dusche zu nehmen und wieder klarer zu denken.

 

Also was genau bedeutet das jetzt alles?

Kann es sein, dass es tatsächlich Mord war und es ein Vergeltungsschlag sein sollte?

Das wäre sehr wahrscheinlich, wenn man die Textnachricht bedenkt.

Andererseits erscheint mir das als sehr grausame Rache.

 

Und wie sollte das überhaupt stattgefunden haben?

Gestern sprach die Sekretärin von einer Vergiftung, aber da war sie sich auch nicht ganz sicher.

Mit was kann man denn jemanden vergiften?

Auf Anhieb fallen mir da nur einige Lebensmittel ein, aber Ivette frühstückt nie.

Außerdem wäre das nicht so schnell tödlich.

Vielleicht Schmerzmittel, damit begehen ja einige Menschen Selbstmord.

Kann es vielleicht sogar das gewesen sein?

Ein Selbstmord?

Es könnte sein, dass sie doch die Schuldgefühle überkommen haben.

Andererseits hätte das die Sekretärin durch die Glasfront sehen müssen.

Und wieso sollte sie sich im Büro das Leben nehmen?

Außerdem gäbe es dann keine Erklärung dafür, dass mir jemand über ein fremdes Handy etwas mitteilen möchte.

So absurd mir das auch vorkommt, aber ich kann es mir nicht anders Erklären, als dass es ein Mord aus Rache war.

Ich fühle mich wie in einem surrealen Alptraum.

Ich wünschte ich könnte daraus aufwachen.

 

Was mache ich hier eigentlich?

 

Ja, genau, was mache ich hier eigentlich?

Was ist meine Rolle in dem Ganzen?

Sollte ich vielleicht damit zur Polizei gehen?

Aber ich kann das doch selbst nicht erklären, bestimmt haben die Polizisten Besseres zu tun?

Ich starre den Chat an, in der Hoffnung daraus schlau zu werden.

Wozu diese Bilder?

Das letzte Bild habe ich damals auch auf Facebook gepostet, es stellt also kein allzu großes Problem dar, daran zu kommen.

Aber wer hätte mich im Café fotografieren können und vor allem, wieso?

 

Plötzlich viel es mir wie Schuppen von den Augen.

Auf einem der Bilder sah man, wie ich etwas in den Becher gebe, auf dem Ivette’s Name steht.

Da ich das im Laufen mache ist das Bild ein wenig verwackelt und man kann nicht erkennen, was genau es ist.

Also wenn sie wirklich vergiftet wurde und es ein Bild von mir gibt, auf dem man sieht, dass ich etwas in ihr Getränk kippe, dann könnte das durchaus falsch aussehen.

Vielleicht wusste jemand, dass ich mit meinem Gehalt unzufrieden war?

Vor ein paar Kollegen habe ich das erwähnt.

Oder ich sollte als Sündenbock herhalten?

Was, wenn mir das jemand anhängen will und ich das als Warnung verstehen soll?

Aber wieso sollte ich das Gift in der Öffentlichkeit in den Kaffee kippen?

Andererseits ist ‚vor aller Augen‘ auch ein gutes Versteck.

 

Okay, ich muss mich beruhigen.

Das ist nur eine erfundene Theorie und mit Sicherheit wäre nichts auf dem Handy ein ausreichender Beweis.

Wer würde mir das allen Ernstes anhängen?

Ich denke seit Stunden über nichts anderes nach, wahrscheinlich drehe ich einfach langsam durch.

Ich mache das Fenster auf und atme tief durch.

 

Draußen spielen ein paar Kinder und hüpfen in die Pfützen auf der Straße.

Sie laufen auf den Bürgersteig, als zwei Auto nacheinander in die Straße einbiegt.

Zwei Polizeiwägen.

Sehr merkwürdig.

Vielleicht ist doch was dran, an meine Überlegungen.

Aber vielleicht ist es nur eine Kontrollfahrt, ich darf mich einfach nicht verrückt machen.

Ich trete vom Fenster weg und überlege, was ich jetzt tun soll, als es an meiner Tür klingelt.

Ich gehe zum Türspion und sehe hindurch.

Zwei Polizisten stehen davor.

Jetzt werde ich langsam aber sicher panisch.

Sie klingeln erneut.

Einer der beiden zeigt in Richtung meines Küchenfensters, das habe ich gekippt gelassen.

Er spricht jetzt lauter.

 

„Herr Preisel hier ist Herr B., wir hatten miteinander telefoniert. Wir haben ein wichtiges Anliegen und konnten bereits sehen, dass ihr Licht brennt und sie am Fenster standen, also machen sie bitte die Türe auf. Andernfalls haben wir die Berechtigung uns selbstständig Zutritt zu verschaffen.“

 

Mir wird plötzlich heiß und meine Hände beginnen zu schwitzen.

Haben sie etwas gegen mich in der Hand?

Bestimmt wollen sie nicht nur Fragen stellen, dafür hätten sie den vereinbarten Termin abwarten können.

Die beiden klingeln erneut.

Mein Puls beginnt zu steigen und meine Atmung wird immer hektischer.

Ich überlege was ich machen soll, kann aber keinen klaren Gedanken fassen.

 

„Herr Preisel, wir werden uns jetzt Zutritt verschaffen.“

 

Ich höre ein Klacken und es klingt, als würde sich einer der beiden am Türschloss zu schaffen machen.

Gehetzt sehe ich mich um.

Vielleicht könnte ich den beiden einfach alles erklären.

Andererseits weiß ich selbst nicht, was los ist oder wie ich das Durcheinander in meinem Kopf plausibel in Worte fassen könnte.

Meine Geschichte mit dem unfreiwilligen Praktikum lässt sich auch gar nicht beweisen und selbst wenn, war mein Verhalten damals mit Sicherheit auch nicht rechtskonform.

Wieder ein Klacken.

Ich muss eine Entscheidung treffen.

Ich laufe ins Schlafzimmer, versuche nachzudenken.

Die Türe klackt schon wieder, diesmal etwas lauter.

Gleich sind sie da.

Ich blicke aus dem Fenster.

Das Zimmer ist im Erdgeschoss, ich könnte problemlos raus klettern.

Andererseits waren es zwei Wägen, also sind auch vor der Türe noch Polizisten.

Möglicherweise würde ich es schaffen, ohne, dass sie mich sehen.

Aber wenn sie mich sehen, lässt mich das erst recht schuldig dar stehen.

Vor was sollte ich denn auch weglaufen?

Das Schloss klackt wieder, dieses Mal sehr laut und anschließen gibt es nach.

Ich höre wie die Türe sich öffnet und die Polizisten eintreten.

Sie schließen die Türe hinter sich.

Ich blicke panisch aus dem Fenstern.

Die Schlafzimmertüre ist offen und ich höre die Schritte der Männer auf mich zukommen.

Könnten sie mich jetzt verhaften?

Eigentlich habe ich doch keinen Grund zu fliehen.

Aber vielleicht will mir doch jemand etwas anhängen.

Ich versuche zur überlegen, was jetzt das Schlausten wäre, kann aber keinen klaren Gedanken fassen.

Ich öffne das Fenster.

Am Ende des Ganges erscheinen die beiden Männer.

Mein Herz rast.

Sie haben mich auch gesehen.

 

„Herr Preisel das ist eine vorläufige Festnahme. Wir müssen sie mit auf’s Revier nehmen. Es geht um den Mord an Ivette Dickert. Unsere Laborergebnisse besagen, dass sie durch E605 vergiftet wurde und in Folge dessen verstorben ist. Wir haben Rückstände davon in einem Kaffeebecher gefunden, auf dem ihre Fingerabdrücke zu finden sind. Sie verstehen sicher, dass wir dem nachgehen müssen. Kommen sie bitte mit uns.“

 

Sie kommen mir immer näher.

Mein Herz ist kurz vor dem Explodieren.

Panisch blicke ich durch den Raum, bevor ich geistesgegenwärtig meine Beine aus dem Fenster schwinge, den Asphalt der Straße unter meinen Füßen spüre und beginne zu rennen.

 

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