Melli.Trügerische Erinnerung

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Melli F – Trügerische Erinnerung

Sie schlug der Länge nach hin. Autsch!

Langsam richtete sie sich wieder auf, blieb kurz auf dem harten Boden sitzen, um sich zu sortieren.

Ihren Rucksack hatte sie noch immer auf dem Rücken und glücklicherweise auch ihren Reisepass noch in der Hand. Lediglich ihre Jacke lag ein Stück neben ihr auf dem Boden. Schnell griff sie danach und erhob sich.

Sie murmelte eine kurze Entschuldigung ohne den Mann anzusehen, über dessen Aktenkoffer sie gerade gestolpert war.

Dann wandte sie sich abrupt ab und lief nach einem kurzen prüfenden Blick weiter in die Richtung, die ihr die wegweisenden Schilder zeigten.

Ihren Koffer hatte sie bereits aufgegeben. Jetzt konnte sie schon die Sicherheitskontrolle erkennen, durch die sie zu ihrem Gate gelangen würde.

Sie reihte sich in die Schlange der Wartenden und als sie soweit war, entledigte sie sich bereits all der unerwünschten Objekte und legte sie in die dafür vorgesehene Schale, bevor sie ihren Rucksack ebenfalls aufgab.

Als sie durch den Scanner war, begann sie Gürtel wieder anzuziehen, Handy und Reisepass einzustecken, warf sich das ausgewaschene Metallica-Sweatshirt über die Schulter und wartete auf ihren Rucksack, um auch den Beutel mit den Flüssigkeiten nochmal verstauen zu können. Doch der kam nicht.

Die Frau hinter den Bildschirmen winkte sie zu sich. Oh man, was ist denn jetzt? Wahrscheinlich hatte sie wieder einen Lippenstift übersehen, der irgendwo in den Untiefen der allerletzten Tasche steckte und der jetzt anschlug.

Es folgte die übliche Prozedur: hatte sie noch elektronische Gegenstände bei sich, die sie vergessen hatte? Ein Handy oder vielleicht ein Tablet? Nein. Ein skeptischer Blick und die Bitte den Rucksack zu öffnen. Marie rechnete schon fast damit, dass nun wieder der gesamte Inhalt ausgeräumt würde. Doch die Röntgenaufnahme war eindeutig und die Dame brauchte nur einen Handgriff. Sie öffnete den Reißverschluss eines Seitenfaches und zog ein Handy heraus. Sie hielt es Marie mit versteinerter Miene vor die Nase. »Kindchen, wenn sie mal eben vergessen, dass sie noch ein zweites Handy bei sich tragen, sollten Sie sich vielleicht fragen, ob das denn nicht ein bisschen überflüssig ist. Aber ihr Kids habt ja alles im Überfluss.«, sagte sie abfällig und rollte dabei mit den Augen.

Ohne Marie eines weiteren Blickes zu würdigen reichte sie ihr Handy und Rucksack.

Marie blieb noch einen Moment wie vom Donner getroffen stehen und starrte auf das Handy, das nun in ihrer Hand ruhte. Was zur Hölle?

Hinter ihr staute es sich. Sie schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern und machte den Weg frei. Ohne weiter darüber nachzudenken, begab sie sich zum Wartebereich zu ihrem Gate und machte es sich auf einem der Sitzplätze bequem. Einmal kurz durchatmen, bevor sie ihr Buch aus dem Rucksack zog.

Sie war hier. Am Flughafen, am Gate, nur noch knapp zwei Stunden bis Abflug und dann würde sie bald auch endlich ankommen. Dabei ging es ihr gar nicht speziell um Schottland. Das einzige, das sie interessierte war, dass sie weit weg kam. Raus hier. Weg von allem. Einfach allein sein. Zwar war zweifelhaft, ob das etwas bringen würde, aber sie hoffte es. Dagegen sprach jedoch , dass auch in den letzten drei Stunden, die sie bis zum Flughafen bereist gebraucht hatte, unentwegt nur an ihn gedacht hatte. Jonas. Als er vor zwei Wochen Schluss gemacht hatte, war ihre Welt zusammen gebrochen. Seither hatte sie kaum mehr getan, als sich Tag für Tag die Augen auszuheulen. Voller Sarkasmus warf sie einen trübsinnigen Blick auf das Buch, das in ihrem Schoß ruhte. Sie war so dumm. Da buchte sie mal eben eine Reise in die Abgeschiedenheit der schottischen Highlands, um sich abzulenken. Um klare Gedanken zu bekommen, den Kopf frei. Und was nahm sie mit? Natürlich einen Liebesroman! In Gedanken schlug sie sich selbst gegen die Stirn. Eigentlich las sie so etwas nicht. Sie mochte Schnulzen noch nie. Aber jetzt. Jetzt braucht es natürlich so etwas. Um noch mehr in dem Elend ertrinken zu können.

Plötzlich ging ein Zittern durch ihren Körper. Sie war so erschrocken, dass sie fast aufgeschrien hätte. Doch sie zuckte nur zusammen und als sie die Quelle diesen Zitterns ausgemacht hatte, schlug sie sich nun tatsächlich mit der flachen Hand gegen die Stirn.

Das Handy!

Das hatte sie schon wieder völlig vergessen. Wie gedankenlos sie dieser Tage doch war!

Sie hatte ein fremdes Handy in ihrer Hosentasche und hatte keine Ahnung, wie es zuvor in ihren Rucksack gekommen war. Dann fiel ihr ihr Sturz von vorhin nochmal ein. Ernsthaft? Ist das ein schlechter Film? Ich stolpere und zack hat mir jemand etwas untergeschoben? Das ergab keinen Sinn. Warum sollte sich jemand freiwillig von seinem Handy trennen?

Sie zog das fremde Handy aus ihrer Jeans und wartete bis es aufhörte zu klingeln. Als sie einen raschen Blick darauf warf, stellte sie fest, dass die Nummer des Anrufers nicht im Telefonbuch gespeichert war. Da stand keine Name, sondern lediglich eine Handynummer. Nicht, dass das von Bedeutung wäre.

Sie steckte ihr Buch zurück und wartete, bis das Klingeln aufhörte. Dann würde sie es sofort zu einem Info-Point bringen. Was sie längst hätte tun sollen. Sie konnte nicht fassen, dass ihr das jetzt erst in den Sinn kam.

Der Vibrationsalarm verebbte und sie erhob sich, schulterte ihren Rucksack. Als sie nach ihrem Sweatshirt griff, fiel ihr Blick noch mal flüchtig auf das Smartphone. Es war entsperrt. Hmm? Seltsam, sie musste im Aufstehen kurz über den Touchscreen gestrichen haben. Aber wer hat denn keinen Sicherheitscode? Kein Fingerabdruck, keine Gesichtserkennung, keine Ziffernfolge, nichts.

Sie konnte das nicht näher benennen, aber irgendwie hatte sie plötzlich ein furchtbar schlechtes Gefühl. Sie rang kurz mit sich selbst, doch dann sagte sie sich, es wäre nichts dabei. Da kein Sicherheitscode hinterlegt war, schien der Besitzer wohl nicht allzu viel Wert auf seine Privatsphäre zu legen. Außerdem, so redete sie sich ein, könnte sie vielleicht einen Hinweis auf den Besitzer finden. Möglicherweise hielt er sich hier am selben Gate auf und sie würde ihn erkennen. Das wäre wohl deutlich unkomplizierter.

Also setzte sie sich wieder, behielt den Rucksack jedoch auf dem Rücken, und öffnete über das Symbol auf der Startseite die Bildergalerie.

Sie könnte doch gewiss ein paar Selfies entdecken. Was zum…? Und da waren Selfies. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken und sie lies das Gerät fallen.

Sie griff erneut danach, aber sie hatte sich nicht getäuscht. Auf dem unbekannten Handy war ein Foto von ihr. Wie konnte das sein?

Aber es wurde noch schlimmer. Die Bildergalerie war übersät mit Bildern von Marie. Was geht denn hier ab? Nach und nach betrachtete sie einige der Fotos. Was es noch schlimmer machte.

Sie konnte sich nicht erinnern. An keines dieser Fotos.

Sie blickte genau in die Kamera. Sie lächelte. Manchmal lachte sie und manchmal war ihr Blick verträumt.

Sie hatte nicht nur keine Ahnung wann und wo diese Fotos entstanden waren, sondern sie konnte auch die Hintergründe in keiner Weiße zuordnen.

Da waren Selfies aus dem Badezimmer -jedenfalls ließen die Fliesen im Hintergrund darauf schließen, aber ein Badezimmer, in dem sie noch nie zuvor war. Verschlafene Selfies im Bett. In einem Bett, das definitiv nicht ihres war. Und wohl auch kaum ihr Schlafzimmer!

Und dennoch konnte kein Zweifel daran bestehen, dass Marie sich hier selbst betrachtete. Sie erkannte ihre Kleidung. Auf manchen trug sie ihr Lieblings-Bandshirt.

Marie schluckte schwer und sah sich kurz gehetzt um. Niemand beachtete sie. Eine junge Frau die in ihr Handy starrte, war nun wirklich nichts besonderes. Erst recht nicht, wenn besagte junge Frau alleine am Flughafen auf ihr Boarding wartete.

Sie streifte sich ihren Rucksack von den Schultern, den sie immer noch aufhatte, stellte ihn neben sich auf dem Boden ab und rutschte mit dem Rücken zur Lehne zurück.

Sie schlug die Beine übereinander und wischte weiter durch die Foto-Galerie. Der Gedanke, das gefundene Smartphone an einem Info-Point abzugeben, war wie ausgelöscht. Und das Handy war nicht gefunden, es war ihr untergeschoben worden. Musste doch so sein, oder? Ja klar, Marie. Irgendein Irrer ist dir zum Flughafen gefolgt, um dir sein Smartphone unterzuschieben. Das zufälligerweise mit Bildern von dir übersät ist. Du siehst zu viel fern.

Verschiedene Outfits, unterschiedliche Situationen, wechselnde Hintergründe. Fotos aus nahezu jeder erdenklichen Lebenslage. Bisher hatte sie sich durch mindestens zwanzig dieser Fotos gewischt, auf denen sie sich selbst anstarrte. Fotos, die sie nicht gemacht hatte. An Orten, an denen sie noch nie war.

In einem fremden Auto, einem ungekannten Bad, in einem fremden Bett verdammt!

Unwillkürlich fühlte Marie sich schrecklich beschämt. Und zutiefst beunruhigt.

»Entschuldigung?«

Als jemand ihre Schulter berührte, hätte Marie beinahe aufgeschrien.

Ihr Erschrecken schien ihr deutlich ins Gesicht zu stehen. »Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.«, sagte der junge Mann, der leicht vorgebeugt vor ihr stand.

Marie erwiderte noch immer nichts, glotzte ihn nur an.

Er runzelte die Stirn, als fragte er sich, ob mit ihr etwas nicht stimmte.

Oh nein, ganz und gar nicht.

Er legte den Kopf schief, wartete auf irgend eine Reaktion von Marie. Vergebens.

»Ähm… entschuldige, mein Akku ist leer und ich habe mein Ladekabel vergessen. Könnte ich mir womöglich kurz dein Handy ausleihen?« fragte er und fügte nach einer kurzen Pause hinzu »Ich will nur kurz meine Mutter anrufen?«

Da Marie ihn immer noch nur anstarrte, formulierte er den letzten Satz als Frage.

»Ähm…« Marie blinzelte und schüttelte schnell den Kopf, um ihre Verwirrung loszuwerden. Reiß dich zusammen! »Sorry. Ich, ähm… erwarte jeden Moment einen wichtigen Anruf.«, stammelte sie. Sie schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte. Das Smartphone in ihren Händen schien plötzlich mehrere Tonnen zu wiegen. Niemals würde sie jemandem diese Bitte abschlagen. Sie hatte eine Flatrate, ein kurzes Telefonat würde sie also nichts kosten. Nur dass das Handy eben nicht ihres war und sie es um keinen Preis weiter geben würde. Mit diesen Fotos. »Aber du kannst hier doch überall ein neues Ladegerät kaufen. Wir sind an einem Flughafen.« Sie brachte ein Lächeln zu Stande, in dem Versuch ihre Antwort etwas freundlicher zu verpacken.

Der Junge schien etwas peinlich berührt zu sein. »Nunja, ähm, es wäre nur ein kurzer Anruf. Wirklich wichtig.« Da runzelte er die Stirn und sein Blick verfinsterte sich. »Ist das…?« Er schaute ihr genau in die Augen. »Ist das mein Handy?«

»Hmm?« Sie schluckte erneut. Marie hätte sich am Liebsten selbst geohrfeigt. Sie hatte den Bildschirm nicht ausgeschaltet. Und da das Smartphone in ihren Händen in ihrem Schoß ruhte, konnte man gut sehen, was sie sich gerade angesehen hatte.

Marie winkte lächelnd in die Kamera.

Sie öffnete den Mund, doch wusste nicht, was sie sagen sollte.

Der Junge tastete indes seine Jeans ab, ganz offensichtlich, um zu überprüfen, ob sein Handy noch da war. War es natürlich nicht.

Er wollte nach dem Handy greifen, seinem Handy, doch Marie zog es schnell weg und verdunkelte nun endlich den Bildschirm.

»Okay, jetzt mal ernsthaft, wieso hast du mein Handy? Hast du es mir gestohlen?«

»Nein! Ich hab es gefunden.«, antwortete sie gereizt. »Ich wollte es gerade am Info-Point abgeben. Was ich jetzt auch tun werde.« Sie merkte selbst wie lahm das klang.

»Wie bitte? Du könntest es mir auch einfach zurück geben!« Er streckte ihr die Hand entgegen.

Marie reckte das Kinn vor. »Woher soll ich denn wissen, dass es dir gehört?«

Der Junge verdrehte die Augen. »Ich kann dir sagen was darauf ist.«

Eine Faust verkrampfte sich in ihrem Magen. Er kannte die Fotos?

Natürlich kannte er sie. Vermutlich hatte er sie gemacht, wenn es tatsächlich sein Smartphone war.

Sie blinzelte ihn an, während ihre Gedanken rasten. Komm schon, konzentriere dich, was tun?

Marie entsperrte den Bildschirm wieder, ging einen Klick zurück, so dass sie nicht nur das aktuell ausgewählte Foto in Großformat sah, sondern eine größere Auswahl überblicken konnte. So würde sie schneller Bilder finden, auf denen etwas anderes zu sehen war, als sie selbst.

»Komm schon, gib mir mein verdammtes Handy!« Erneut wollte er danach greifen, doch sie war schneller.

Und dann stockte ihr der Atem.

Sie riss die Augen auf und starrte ihn an.

Blickte erneut auf das Handy.

Da war ein Foto von ihnen beiden zusammen.

Sie selbst und der unbekannte Junge, der vor ihr stand. Und der langsam wirklich genervt war.

Beide hielten Sektgläser in die Hand und lächelten in die Kamera. Sie wirkten sehr vertraut.

»Wer bist du?«, bekam Marie leise heraus. Ihre Stimme war heißer. »Was ist hier los?«

»Was hast du denn für ein Problem?« Der Junge verengte die Augen und riss ihr nun endlich das Smartphone aus den Händen. Wütend schüttelte er den Kopf und wandte sich ab. Er wollte gerade gehen.

»Warte.«, sagte sie. Wenn das sein Handy war, konnte er ihr auch Antworten liefern. Er sollte ihr erklären, warum er dutzende Fotos von ihr auf seinem Handy hatte. Ein gemeinsames Foto.

Nun. Das lief ja super. Wenn sie Antworten von ihm wollte, hatte sie das Gespräch wohl denkbar schlecht begonnen. »Bitte warte, entschuldige.«

Er drehte sich zu ihr um.

Sie lächelte ihn an. »Ich bin Marie.« Aber sicher weißt du das bereits.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie entnervt an. »Okay schön. Ich heiße Niklas. Und ich brauche jetzt nach wie vor ein Ladekabel. Wenn du mich also entschuldigen würdest.« Wieder drehte er sich um. Wieder war er drauf und dran wegzulaufen.

»Bitte warte.« Marie erhob sich. »Du kannst meins haben.«

Niklas warf kurz den Kopf in den Nacken, atmete gepresst aus und schließlich setze er sich neben sie. Sie kramte in ihrem Rucksack und reichte ihm das Ladegerät. Zwischen seinem und ihrem Platz befand sich eine Leiste mit drei Steckdosen.

»Okay, hör zu, es tut mir leid. Ich habe dein Handy nicht gestohlen. Ich habe es gefunden und ich wollte es wirklich abgeben.«

»Sah aber nicht so aus.«

»Naja kannst du es mir verdenken?«

»Wie bitte?« Sie erntete einen weiteren abfälligen Blick.

»Naja… ich meine… diese Fotos…«

»Gehen dich überhaupt nichts an!«

»Was?« Jetzt war sie es, die wütend die Stirn runzelte. »Ich denke es geht mich sehr wohl etwas an, wenn ein Fremder Dutzende Fotos von mir auf seinem Handy hat!«, sie hob eine Augenbraue »Oder kennen wir uns vielleicht?«

»Okay das reicht jetzt aber wirklich! Tun wir nicht! Und zum ersten hast du überhaupt kein Recht dir meine Fotos überhaupt anzusehen. Und zum zweiten sind da keine Fotos von dir! Entschuldige, aber was stimmt denn nicht mit dir? Wie um alles in der Welt kommst du darauf, da wären Fotos von dir?« Niklas wirkte ernsthaft sauer.

»Ich weiß, ich sagte bereits, das es mir leid tut. Aber die Fotos sind nun einmal da und dafür hätte ich gerne eine Erklärung. Komm schon, das ist nicht zu viel verlangt.«

»Okay ich werde mir ein neues Ladegerät kaufen gehen.« Er machte sein Handy vom Stromkabel los und machte sich daran zu gehen. Einmal mehr. »Da. Sind. Keine. Fotos. Von. Dir!«

Langsam wurde auch Marie ehrlich wütend. Allein diese Fotos zu besitzen war eine Frechheit. Aber es nicht erklären, nicht einmal zugeben zu wollen, war doch nun wirklich die Höhe! Wo sie es doch mit eigenen Augen gesehen hatte.

»Warum ist da denn sogar ein Foto von uns zusammen? Bitte. Antworte mir doch.«, sagte sie mühsam beherrscht.

»Hör zu, Mädchen…«

»Marie.« noch mehr Beherrschung.

»Marie. Ich weiß nicht welchen Film du hier fährst. Aber lass mich damit in Ruhe, okay? Schlimm genug, dass du mein Handy gestohlen hast…«

»Gefunden!«, jetzt schrie sie.

»Ich werde dich nicht anzeigen oder so, ich hab es ja wieder. Aber komm mir nicht mit solch absurden Anschuldigungen. Das ist echt strange.«

Jetzt war Marie wirklich sauer. Und verängstigt. Was passiert hier? Was, wenn stimmte, was er sagte? Nein, ausgeschlossen. Sie hatte es doch selbst gesehen! »Was denkst du eigentlich wer du bist?«

Er verdrehte die Augen. »Nein was denkst du dir?! Ich weiß nicht, ob das deine übliche Masche ist…« Meine Masche? »und ob das schon einmal funktioniert hat. Aber nicht mit mir.«

Moment, dachte er etwa…?

»Erklär es mir!« schrie sie ihn an.

»Da gibt es nichts zu erklären!« Er zog sein Handy aus der Hosentasche und wischte durch die verschiedensten Fotos. »Da siehst du. Nur meine Freundin und ich.«

»Deine Freundin?« Das konnte doch alles nicht wahr sein! Sie konnte sich doch nicht so getäuscht haben! Sie hatte sich selbst gesehen! Aber das würde so vieles erklären. Warum er diese Fotos besaß. Warum sie auf jedem davon lächelte. Warum sie die Hintergründe nicht erkannte. Und warum sie sich nicht daran erinnern konnte, diese Fotos je gemacht zu haben. »Darf ich nochmal sehen?«, fragte sie leise. Sie schämte sich mehr denn je. Aber sie musste die Fotos nochmal sehen. Musste einfach wissen, ob sie sich wirklich so getäuscht hatte.

»Spinnst du?«

»Ich weiß doch, wie sich das anhört. Bitte. Lass mich nochmal kurz sehen.«

**Bevor er antworten konnte, gab es plötzlich einen riesigen Tumult auf dem Gate. Es gab eine Durchsage. Der Flug würde sich wohl um einige Stunden verspäten. Wie lange genau, ließ sich noch nicht sagen. Es gäbe einige unvorhergesehene internationale Erschwernisse, denen man sich jetzt zunächst annehmen müsse. Sobald alles geklärt war und ein reibungsloser Ablauf wieder gewährt werden konnte, würden alle Reisenden selbstverständlich umgehend informiert**

Niklas stieß frustriert die Luft aus. »Na schön, was soll’s. Das wird hier ja wohl noch ne Weile dauern. Ganz toll.« Niklas setzte sich wieder neben sie und reichte ihr sein Smartphone. »Lauf bloß nicht damit weg.«

Sie ignorierte seine bissige Aussage, die wohl witzig sein sollte.

Mit klopfendem Herzen griff sie nach dem Handy und betrachtete erneut die Fotos. Und hatte das Gefühl, ihr Herz würde einfrieren. Na also. Sie hatte sich nicht geirrt! Es war ganz eindeutig! Ob das jetzt allerdings tatsächlich ein Grund zur Freude war, dessen war sie sich nicht sicher. Aber zumindest bin ich nicht verrückt. Sie tippte auf eines der Fotos, so dass es größer angezeigt wurde. Da siehst du, ich lächle direkt in die Kamera! Sie drehte den Bildschirm zu Niklas und sah ihn mit erhobener Augenbraue an. »Also?«, fragte sie. Ihr Herz raste. Nun würde er es ihr erklären müssen.

Seine Brauen schossen ebenfalls in die Höhe. »Ja, also. Siehst du es nun ein?«

Was? Meinte er das ernst?

»Wie sollte ich auch jemals Fotos von dir gemacht haben, wo wir uns gar nicht kennen?«

»Das kann jetzt unmöglich dein Ernst sein!« Sie hielt ihm das Foto direkt unter die Nase. Wie konnte er das jetzt noch leugnen?

»Oh man«, stöhnte er und holte sich sein Handy zurück. »Bitte lass mich jetzt in Ruhe. So wie es aussieht, werden wir hier wohl noch einige Stunden festsitzen. Das ist bestimmt wegen diesem Virus aus China.«

»Wechsel nicht so einfach das Thema.«, sagte Marie leise. Das konnte doch nun wirklich nicht sein! Dass er immer noch leugnete! »Bitte. Das…« Sie sah ihn an. »Das macht mir echt Angst.«

»Ach was, du musst doch keine Angst haben. Die werden hier ein paar Stunden brauchen, um die Lage zu checken und sich zu koordinieren, aber mehr nicht. Sie werden uns hier schon nicht festhalten, in Quarantäne versetzen oder so.« Er lachte kurz sarkastisch auf. »Das hier ist Deutschland, die legen doch wegen diesem Virus nicht den kompletten Flughafen lahm.«

»Was? Nein!« Marie atmete kraftlos aus. Sie war den Tränen nahe. Was ging denn hier nur ab. »Natürlich nicht. Ich habe keine Angst vor Corona.« Sie atmete aus, schluckte schwer.

Als Niklas sie fragend ansah, nickte sie nur schwach auf sein Handy.

»Lass es gut sein, Marie, okay? Ich bin glücklich vergeben und habe kein Interesse, tut mir leid.«

»Das war keine Anmache!« Wie bescheuert wäre denn das? »Aber du kannst doch diese Fotos nicht einfach leugnen. Ich weiß doch, dass sie da sind.«

»Fotos von meiner Freundin.«, sagte er ruhig.

Sie sackte erschöpft in sich zusammen und kämpfte weiter mit den Tränen.

Konnte es sein, dass ihm das tatsächlich nicht auffiel? Konnte es tatsächlich seine Freundin sein, die ihr nur ein bisschen ähnlich sah? Nein! Sie würde sich doch selbst erkennen!

Als Niklas ihre Tränen aufblitzen sah, wirkte er aufrichtig besorgt. »Hey, na komm, nimm es nicht so schwer. Ist schon okay. Lass uns einen Kaffee trinken gehen? Wie gesagt, wir müssen wohl ein paar Stunden tot schlagen.«

»Ach und was sagt deine Freundin dazu?«, gab Marie bissig zurück.

Er verdrehte nur die Augen.

Zum ersten Mal sah Marie ihn direkt an. Und er war wirklich hübsch. Er schien etwa in ihrem Alter zu sein, schätzte ihn auf Ende zwanzig. Sein wildes, blondes Haar fiel ihm in die Stirn und er strich es regelmäßig zur Seite. Seine grünen Augen schienen zu glänzen.

Sofort dachte sie an Jonas und konnte die Tränen nun gar nicht mehr zurück halten. Nur seinetwegen war sie überhaupt hier. Oder besser, um vor ihrem Liebeskummer zu fliehen.

Sie wischte sich die Tränen weg und wollte mit Niklas gehen. Ablenkung, das war es doch was sie wollte. Und wie er richtig gesagt hatte, hier würde sie so schnell wohl nicht weg kommen. Also warum nicht die Zeit sinnvoll nutzen? Vielleicht könnte sie ja doch noch etwas aus ihm heraus bekommen. Sie musste es zumindest versuchen. Das würde ihr jetzt ohnehin keine Ruhe mehr lassen.

»Also schön.«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln.

Doch als sie aufblickte, war von Niklas nichts zu sehen.

Sie schaute sich um. Er war weg.

***

Das darf nicht wahr sein. Ach verdammt! Oh man, das wird ja immer besser.

Marie saß noch immer auf ihrem Platz, legte den Kopf in den Nacken und stöhnte hörbar auf. Sie hielt ihr Handy in der Hand. Tatsächlich ihr eigenes, ging es ihr sarkastisch durch den Kopf.

Seit der vorherigen Durchsage, schienen hier nahezu alle an ihren Smartphones festgewachsen zu sein. Die Leute durchkämmten das Internet. Auch sie wollte wissen, wann ihr Flieger endlich gehen würde. Jetzt mehr als denn je. Sie malte sich bereits genau aus, wie sie ganz alleine durch die raue Natur der schottischen Highlands streifen würde. Dabei bekäme sie bestimmt endlich den Kopf ein bisschen frei.

Also entsperrte sie ihren Bildschirm und wollte zuerst kurz die sozialen Medien abchecken. Krass. Die Beiträge reichten vom neuartigen Corona-Virus über covid-19 zurück zu Corona. Es gab kein anderes Thema.

Sie beendete die Facebook-App, wollte dann doch lieber nach fundierten Infos suchen und begann zu googeln. Und tatsächlich gab es vor etwa einer Stunde eine Unzahl von Eilmeldungen.

Tausende Flüge gecancelt, bereits angetretene Urlaubsreisen sollten abgebrochen werden, Einreiseverbot für Europäer in diversen Ländern, wie der U.S.A. Krass, dachte sie noch einmal. Wie war das eben Niklas? Die legen doch nicht den Frankfurter Flughafen lahm? Auch Marie hätte das nicht gedacht. Aber es schien gerade wirklich darauf hinaus zu laufen.

Seitens der Lufthansa waren allerdings noch keine Informationen öffentlich gemacht worden. Sie konnte nichts finden, weder auf der Internetseite des Flughafens, noch der der Lufthansa. Und auch nicht in den sozialen Meiden. Hier lief lediglich die Kommentarspalte heiß vor Panik, Mutmaßungen und Spekulationen.

Na super. Manche sprachen tatsächlich davon, dass der Flughafen und alle, die sich zur Zeit gerade hier aufhielten unter Quarantäne gestellt werden sollten. Dann käme hier keiner mehr weg. Ja klar, wollen die uns hier vierzehn verdammte Tage am Flughafen festhalten? Das hielt Marie doch für sehr unwahrscheinlich.

Inzwischen hatte sie auch schon mehrere WhatsApp-Nachrichten erhalten. Ihre Mutter wollte wissen, ob bei ihrem Flug alles glatt lief. Wohl kaum. Oh, wenn ihr wüsstet. Marie musste fast lachen, als sie sich ihre Lage vor Augen führte. Eingesperrt am Flughafen, ohne dass ein Flugzeug abheben darf. Mit einem fremden Jungen, dessen Handy voll ist von Fotos ihrer selbst. Es war einfach alles so absurd. So absurd, dass sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte. Sie betätigte den kleinen Knopf seitlich und legte das Handy zur Seite, nachdem sich der Bildschirm ausgeschaltet hatte.

Also was jetzt?

Sie wünschte sie hätte vorhin nicht so lange gezögert und wäre mit Niklas mitgegangen.

Das wäre allemal besser gewesen, als womöglich stundenlang alleine hier rum zu sitzen. Das würde ihrem Liebeskummer bestimmt gut tun. Pures Gift war das. Ablenkung hieß das verdammte Zauberwort.

Sie erwog Niklas zu suchen, diese Bilder würden in den nächsten Stunden hier am Flughafen definitiv nicht mehr aus ihrem Kopf verschwinden. Und es verlangte sie immer noch nach einer Erklärung. Doch wo sollte sie anfangen? Sie würde ihn hier niemals finden.

Trotzdem. Irgendetwas musste sie tun. Etwas die Beine vertreten. Vielleicht einen Happen essen. Oder sich ein Glas Wein gönnen?

Marie steuerte einen Kiosk an und stand noch unschlüssig vor dem Süßigkeiten-Regal, als sie den Blick hob und erstarrte.

Gegenüber von dem Kiosk gab es eine kleine Wein-Bar. Und davor stand Niklas und schien auf etwas zu warten. Sofort beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie legte die Schokolade zurück und lief auf Niklas zu. »Hey«, rief sie.

Als er sie sah, breitete sich auf seinem Gesicht ein boshaftes Grinsen aus.

Marie runzelte die Stirn. Der Ausdruck auf Niklas‘ Gesicht ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Egal, sie lief weiter geradewegs auf ihn zu, hatte ihn fast erreicht.

Und er blickte immer noch genau in ihre Richtung. Immer noch mit diesem abstrakten Grinsen.

Urplötzlich drehte er sich um und eilte davon.

Kurz blieb Marie verdutzt stehen, heftete sich dann aber sofort an seine Versen. Mein Gott, man könnte wirklich meinen, ich wollte ihn anmachen, so wie ich ihm hier nachstelle.

Als sie um die Ecke bog… blieb ihr Herz fast stehen.

Sie sah Niklas. Ein paar Schritte weiter.

Mit einem Mädchen. Seine Hände an ihren Wangen, seine Lippen auf ihren.

Okay, soweit nichts ungewöhnliches.

Aber als die beiden sich von einander lösten, drehten sie sich demonstrativ in ihre Richtung, fixierten sie mit starren Blicken und beide zeigten dieses widerliche Grinsen.

Marie stand reglos da, war wie vom Donner gerührt.

Konnte nichts sagen, nichts denken, nichts tun.

Sie fühlte sich, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, glaubte jeden Augenblick in sich zusammenzusacken, so weich waren ihre Knie.

Jetzt kamen die beiden langsam auf sie zu, Schritt für Schritt.

Marie wollte zurückweichen. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

Unwillkürlich zuckten innerhalb von Sekunden Tausende von Fotos vor ihrem geistigen Auge auf.

Langsam, ganz langsam, erkannte sie ihren Fehler.

Aber… nein… nein! Das war nicht möglich!

Sie starrte das Mädchen an. Zweifellos Niklas‘ Freundin. Das Mädchen von den Fotos. Das Mädchen, in dem sie sich selbst erkannt zu haben glaubte.

Wie es aussah, hatte Niklas nicht gelogen. Es waren Fotos von seiner Freundin, nicht von Marie.

Und dennoch war er nicht ehrlich gewesen. Es war absolut unmöglich, das ihm die Ähnlichkeit nicht aufgefallen war.

Auch jetzt schien es Marie, als würde sie in einen Spiegel schauen.

Auf den ersten Blick war es kaum möglich, die beiden Mädchen auseinander zu halten.

Nur dass die Andere eine schicke Langärmelige Seidenbluse trug und sie selbst ein abgewetztes Metal-Sweatshirt.

Niklas und seine Freundin standen jetzt genau vor ihr, nur noch wenige Zentimeter entfernt.

Marie kannte dieses Mädchen. Sehr gut. Auch nach all den Jahren, erkannte sie sie sofort.

»Sofia?«, krächzte sie. Sie bekam noch immer kaum ein Wort heraus.

Maries Herzschlag pulsierte in ihrem ganzen Körper, ihr war heiß.

»Was… Bist du das wirklich? Sofia?«

»Hallo liebes Schwesterchen.«

NEIN! Das war unmöglich!

***

Marie und Sofia, zwei zuckersüße kleine Mädchen. Zwillinge, einander wie aus dem Gesicht geschnitten. Marie war zehn Minuten älter als Sofia. Die beiden waren unzertrennlich.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag.

Die beiden Mädchen waren damals acht Jahre alt.

Es war Winter und der erste Schnee war endlich gefallen.

Der erste Schnee, der wirklich liegen blieb.

Die Mädchen hatten schon den ganzen letzten Tag vor dem Fenster gehockt, eine Tasse heiße Schokolade geschlürft und dem wilden und doch sanften Tanz der Schneeflocken zugesehen.

Als die beiden am nächsten Tag aufwachten und immer noch alles weiß war, konnten sie es nicht mehr erwarten. Sie wollten raus. Beide liebten es im Schnee herum zu tollen.

Aber ihre Eltern hatten keine Zeit. Sie arbeiteten viel. Und sie hatten keinen Garten. Die Mädchen sollten sich gedulden bis zum Wochenende.

Aber wenn der Schnee dann wieder weg ist? Das waren noch zwei Tage!

Kurzerhand beschlossen die beiden Mädchen sich aus dem Haus zu schleichen. Das würde ein Riesenspaß werden! Sie packten sich dick ein, Skianzug, Wollmütze, dicke Handschuhe, Winterschuhe. Heraus schleichen war nicht schwer, da ihre Eltern ohnehin sehr beschäftigt waren. Sie mussten lediglich ein bisschen leise sein.

Wie aufregend!

Es war das erste Mal, das sie so etwas taten.

Aufgeregt rannten sie den Weg bis zum Waldrand, zusammen einen hölzernen Schlitten zwischen sich tragend, und stapften dann durch den unberührten Schnee.

Die Stunden verstrichen. Beide waren langsam erschöpft, von dem ganzen Herumtollen im Schnee. Und auch die Kälte machte sich langsam wirklich bemerkbar.

Okay, noch eine Fahrt mit dem Schlitten, dann war ihr Abenteuer beendet.

Hätte es sein sollen.

Doch bei dieser letzten Abfahrt, beide so erschöpft, saß Sofia hinter Marie und hatte kaum noch die Kraft sich festzuhalten. Als der Schlitten dann über einen kleinen Hügel segelte, konnte sie sich nicht mehr halten und flog vom Schlitten. Ihr spitzer Aufschrei endete abrupt. Dann war es still.

Marie bremste, stieg von dem Schlitten und eilte zurück.

Sofia hatte die Augen geschlossen, das Gesicht schmerzverzerrt. Ihr Kopf schien auf einem herausragenden Ast aufgeschlagen zu sein.

Sie antwortete nicht. Reagierte auch nicht, als Marie sie an der Schulter rüttelte. Erst zaghaft, dann immer drängender, panisch. »Sofia!«, schrie sie immer wieder. »Sofia, wach doch auf! Bitte. Komm, wir gehen nach Hause. Bitte!« Die heißen Tränen brannten auf Maries kalten Wangen.

Doch Sofia wachte nicht auf, sie zeigte keinerlei Regung.

Kurz versuchte Marie ihre Schwester mit sich zu ziehen, doch das gab sie sofort auf. Keine Chance, sie hatte selbst keine Kraft mehr und der leblose Körper ihrer Schwester schien tonnenschwer.

»Oh Gott, nein! WACH AUF!«, brüllte Marie in den Wald. Sie weinte bitterlich, fühlte sich, als wäre etwas in ihr gestorben.

Sie hörte nicht auf zu weinen, während sie sich von Sofia abwandte, nach Hause rannte, sich sofort auf ihr Zimmer begab, ihrer klobigen Schneekleidung entledigte und sich auf ihr Bett warf. Oh Gott. Sie stopfte die nassen Schneesachen unter ihr Bett, damit niemand sie finden würde. Oh Gott, oh Gott, oh Gott.

Sie hasste sich dafür, doch sie erzählte niemandem davon. Auch nicht, als ihre Eltern krank vor Sorge waren und Marie unzählige Male fragten, ob sie denn nicht wüsste, wo ihre Schwester sein konnte. »Draußen ist es bitterkalt. Sie wird uns erfrieren, wenn wir sie nicht finden«, hatte ihre Mutter gesagt, mit geröteten Augen. »Wenn du etwas weißt, musst du es uns sagen, das verstehst du doch, Mäuschen?«, »Du kannst uns helfen, deine Schwester zu retten«, »Ganz egal was es ist. Du wirst nicht bestraft. Wir wollen sie nur finden. Wenn du etwas weißt, sag es uns.« Aber Marie sagte nichts. Kein einziges Wort. Sie konnte einfach nicht aufhören zu weinen.

Am nächsten Morgen hielt Marie es nicht mehr aus, sie hasste sich selbst so sehr für ihre Feigheit. Also rannte sie sofort nach dem Frühstück, das sie kaum runter bekam, zurück in den Wald.

Bis sie den Schlitten fand, den sie gestern völlig vergessen hatte. Doch da war keine Spur von Sofia. Nichts. Nirgends. Sie war verschwunden.

Das hier war die Stelle, da war sie sich ganz sicher. Da lugte der Ast aus dem Schnee heraus. Und… klebte da etwa Blut daran?

Oh Gott, oh Gott! Aber von Sofia keine Spur. Sie war weg.

Ich habe meine Schwester getötet.

Oder… hatte sie alles nur geträumt und sie trug überhaupt keine Schuld daran? Der Ausflug in den Schnee war nur ein Traum gewesen und Sofia hatte sich einfach heimlich davon gestohlen. Aber das war nicht Maries Schuld. So musste es sein.

Und das menschliche Gehirn ist in seinen Erinnerungen so beeinflussbar. So konnte Marie schon am nächsten Tag nicht mehr sicher unterscheiden, ob dies nun Realität war oder sie nur geträumt hatte.

Auch der Schlitten, den sie jetzt nach Hause zog und ebenfalls unter ihrem Bett versteckte, änderte nichts daran.

Ihr Gehirn wollte sich an das Geschehene nicht erinnern, das würde sie nicht ertragen.

Ihr Gehirn sagte ganz klar, sie hatte geträumt, es war nicht ihre Schuld.

Und die Menschen waren so schrecklich gut im Verdrängen.

Nur ganz leise war da noch die Stimme im Hinterkopf, die immer wieder schrie: Ich habe meine Schwester getötet! Und ich muss es meinen Eltern sagen!

***

»Ich dachte du wärst tot.« Es war nur ein Flüstern. Marie war wie betäubt. »Die ganze Zeit.«, stammelte sie »All die Jahre, dachte ich du wärst tot.«

Ihr wurde schlecht. »Wie kann das sein?«

Sofias Miene war eiskalt. Niklas hatte noch immer einen Arm um sie gelegt.

Zögerlich machte Marie einen Schritt auf die Beiden zu, als Sofia endlich etwas sagte. Ihre Stimme war genauso eiskalt, wie ihr Blick. »Du hast mich dort zurück gelassen.«

»Nein warte. Du warst nicht dort. Nein. Nein, das kann nicht sein. Das war nicht real. Es… es war doch nur ein Traum!«

»Das war ganz sicher kein Traum!« Mühsam beherrscht. Hasserfüllt. »Du hast mich einfach dort liegen lassen! Und niemandem jemals davon erzählt. Man hätte mich finden können. Retten.«

Erst jetzt dämmerte es Marie. Nach all den Jahren. Es war kein Traum gewesen. Sie war Schuld an all dem. Ihr Magen verkrampfte sich, sie schlug sich die Hände vor den Mund und ihre Knie gaben unter ihr nach, sie sackte zu Boden.

»Sofia… Es tut mir so unendlich leid.« Maries Augen füllten sich mit Tränen. »Ich… ich war ein Kind. Ich wusste nicht was passiert war.«

Sofia schnaubte verächtlich. »Willst du mir ernsthaft sagen, du hast einfach verdrängt, was passiert ist?« Sofias ganzer Körper, ebenso wie Niklas‘ Griff um ihre Hüfte versteiften sich.

»Es tut mir so leid, bitte, du musst mir glauben. Ich… oh mein Gott, ich verstehe das nicht.« Jetzt liefen ihr die Tränen ungehemmt übers Gesicht. »Was ist passiert?«, stellte sie endlich die Frage, die ihr schon de ganze Zeit auf der Zunge brannte.

»Das tut nichts zur Sache.«

»Was?!«

Niklas sprang ein »Sie lag stundenlang dort im Schnee. Als man sie fand, war sie halb erfroren.« Sofia hatte zu zittern angefangen. Nach all der Zeit konnte sie noch immer nicht darüber sprechen. »Man nahm sie mit und… kümmerte sich um sie. Es ging ihr gut. Und dennoch war sie entführt. Es war ein alter Mann. Er wollte ihr nichts böses. Dennoch hielt er sie dort fest und ließ sie nicht aus den Augen.« Er gab seiner Freundin einen sanften Kuss auf die Stirn. »Er hatte wohl ebenfalls eine Tochter, die etwa in Sofias Alter war, als sie ermordet wurde.« Beide schluckten schwer. »Seit dem lebte er in einer einsamen Hütte im Wald. Schon seit Jahren. Ein Wunder, Vorsehung. So hatte er es genannt. Man hatte ihm einen Ersatz für seinen Verlust geschenkt. Und dementsprechend gab er Acht auf sie. Er ließ sie nicht aus den Augen. Er ließ sie nicht zur Schule gehen, sondern unterrichtete sie zuhause. Sie durfte kaum überhaupt jemals vor die Tür, geschweige denn all die Dinge tun, die Mädchen ihres Alters eben so taten. Shoppen, Freibad, Freunde treffen, nichts. Sie war völlig isoliert.«

»Es war als wäre ich tot. Für jeden, nur für mich nicht.«, brachte nun Sofia heraus. Ihre Stimme zitterte. »Für mich war es schlimmer.«

Nun schloss Niklas seine Arme ganz um sie und hielt sie, zärtlich und liebevoll, aber fest.

»Mein Gott.«, Marie kämpfte sich zurück auf die Beine. Hör endlich auf zu heulen. Du bist erbärmlich. DU bist hier nicht das Opfer! »Es tut mir so leid«, wiederholte sie. »Mein Gott… so unendlich leid.«

»Nun, wie dem auch sei. Mein Ziehvater war immer gut zu mir. Er peppelte mich wieder auf und sorgte gut für mich. Bis er schließlich einem Herzinfarkt erlag.« Sofias Blick war starr. Sie blickte einfach durch Marie hindurch. »Das war der Tag, an dem ich zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder raus ging. Unter Menschen. Ich habe ein neues Leben begonnen.«

»Man kann sich wohl vorstellen, dass sie noch immer unter den Folgen zu leiden hat. Sie hat Albträume und Panikattacken, ist seither in psychologischer Behandlung.« ergänzte jetzt wieder Niklas.

»Warte, du warst zehn Jahre dort bei ihm?« Jener schicksalhafte Tag war fünfzehn Jahre her.

»Ja. Stell dir vor, es hat eine Weile gebraucht, um mich wieder zurecht zu finden in dieser Welt der Moderne. Und mit mir selbst. Schließlich lernte ich vor zwei Jahren Niklas kennen. Erst das hat mir wirklich geholfen.«

»Und ich konnte mir das nicht mit ansehen. Dich zu konfrontieren war meine Idee gewesen. Ich fand es nicht fair, dass Sofia deinetwegen ihre gesamte Jugend verloren hatte und auch den Rest ihres Lebens darunter leiden wird. Und du, die du doch Schuld bist an der ganzen Scheiße, lebst ein normales, glückliches Leben.«

Marie schluckte. Auch sie war seit jenem Tag ein paar mal bei einer Psychologin gewesen. Sie hatte ihre Schwester verloren, mit acht Jahren.

»Da wollte ich dich nicht so einfach davon kommen lassen und dir zumindest einen Schrecken einjagen.« Deshalb also die Nummer mit dem Handy.

Schließlich hatte Marie es geschafft sich zu erheben und machte ein paar Schritte auf die beiden zu doch sie machten zeitgleich einen Schritt zurück. Sofias Blick drückte pure Verachtung aus. »Bitte. Kann ich irgendetwas tun? Gibt es irgendetwas, womit ich das alles wieder gut machen kann? Bitte, Sofia. Sag es mir und ich tu es. Ich tue alles.«

»Sag es ihnen.« Jetzt war ihre Stimme wieder eiskalt. »Sag es ihnen endlich.«

In all den Jahren hatte Marie nie darüber gesprochen. Kein einziges Wort. Auch nicht mit der Psychologin. Sie konnte sich schlicht und einfach nicht daran erinnern. In ihrer Erinnerung war das nur ein Traum gewesen. Und tatsächlich realisierte sie erst jetzt, das dem nicht so war. Was hatte sie ihrer Schwester nur angetan. Ihrer Schwester, die sie so sehr geliebt und um die sie so unendlich viel geweint hatte.

»Okay.«, sagte sie mit weichen Knien. »Alles was du willst.«

Sofia nickte ihr zu und der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Lippen.

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