Jule BürgiTrugbild

12+

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In Filmen wird das Aufschlitzen von Pulsadern meist falsch dargestellt. Es bedarf keines horizontalen, sondern eines vertikalen Schnittes. Sozusagen der Ader folgend von der Handwurzel bis zum Ellbogen. Wieso das so oft falsch dargestellt wurde, wusste sie nicht. Ebenso wenig wusste sie, warum gerade dieser Gedanke sich in ihrem Kopf eingenistet hatte. Sollte man nicht an etwas Schönes denken, wenn man kurz davor war, zu sterben? An all die Momente, die das Leben so lebenswert gemacht hatten? Soviel zu „ihr Leben lief in den prächtigsten Bildern vor ihrem inneren Auge ab“, dachte sie. Alles eine Lüge. Am Ende konnten auch tausende von guten Momenten nicht gegen einen schlechten Moment ankommen, wenn dieser eine Moment das Ende bedeutete. Ihre Hände zitterten, sodass ihr das Messer beinahe auf den Boden gefallen wäre. In der spiegelglatten Oberfläche der Klinge konnte sie einen Ausschnitt ihres zu einer Fratze verzogenen Gesichtes erkennen. Ihr Blick flirrte zwischen der Klinge und der empfindlichen Haut an ihrem Handgelenk hin und her. Hatte sie eine Wahl? Sie meinte, schon das zischende Geräusch des herannahenden Projektils zu hören. Ein tödliches Geschoss aus Blei. Ihr Blick suchte den seinen, der langsam aus der Dunkelheit trat. Er lächelte.
3 Stunden vorher
Das würde ihr letzter Auftrag werden. Noch eine letzte Erledigung und dann konnte sie in den wohlverdienten Feierabend gehen. Es war schon recht spät und sie spürte, wie die Müdigkeit sich langsam in ihren Knochen ausbreitete. Zum Glück hatte sie bereits alles, was sie brauchte. So würde es nicht lange dauern. Vertieft in das Bevorstehende bemerkte sie es nicht gleich. Erst nachdem sie schon einige Meter gefahren war, vernahm Jane das stete Vibrieren, welches ihren Blick auf den Beifahrersitz lenkte. Gott sei Dank, dachte sie sich. Sie hatte den halben Tag damit verbracht, ihr Handy zu suchen und war schon der festen Überzeugung gewesen, es nie wieder zu sehen. Erleichtert richtete sie ihren Blick wieder auf die Straße, als das Vibrieren lauter wurde. Aus dem Augenwinkel sah sie einige eingehende Nachrichten. Mit gerunzelter Stirn griff sie mit einer Hand nach dem brummenden Gerät, während sie versuchte, ihr Auto in der Spur zu halten. Vielleicht gab es einen Notfall. Sie sah auf das Display – und hätte im nächsten Moment beinahe aufgeschrien. Ein schrilles Hupen ertönte, und in letzter Sekunde gelang es ihr, das Steuer nach rechts zu reißen. Der Wagen schlingerte kurz, befand sich aber gerade noch rechtzeitig wieder auf der richtigen Seite der Fahrbahn. Der Fahrer des entgegenkommenden Wagens zeigte ihr wütend den Mittelfinger, doch das nahm Jane kaum mehr war. Ihre Gedanken drehten sich ausschließlich um die grausame Entdeckung, die sie gerade gemacht hatte. Mit zitternden Händen hielt sie einige Meter weiter am rechten Straßenrand, bevor sie sich zwang, einmal tief durchzuatmen und ihre aufkeimende Panik herunterzuschlucken. Vorsichtig tastete sie nach ihrem Handy, dass sich durch ihr ruckartiges Lenken nun zwischen ein paar einsamen Münzen, Kaugummipapier und einem Lippenpflegestift im Fußraum des Beifahrersitzes befand. Wobei es sich dabei, wie sie eben mit Schrecken feststellen musste, gar nicht um ihr Handy handelte. Lediglich Farbe und Modell stimmten überein. Ihre klammen Finger wischten über das Display, und trotz, dass ihr Kopf wusste, was es gleich zeigen würde, krampfte sich ihr Magen zusammen. Das Handy hatte keine Passwortsperre, sodass sie direkt ins Hauptmenü gelang. Und wenn sie je daran gezweifelt hatte, dass das Handy aus einem bestimmten Grund in ihrem Auto war, so wurde sie eines Besseren belehrt. Sie scrollte noch einmal durch die vielen eingegangenen Nachrichten einer unbekannten Rufnummer. Es waren Bilder, die immer wieder dieselbe Person zeigten. Ihre Augen glitten über das bleiche, androgyn wirkende Gesicht mit den scharfen Wangenknochen, die schwarze Kurzhaarfrisur, die zierliche Gestalt. Die Fotos mussten nachts aufgenommen worden sein, denn die junge Frau hatte die Augen geschlossen und den Mund leicht geöffnet. Schemenhaft war das Bett, in dem die Frau lag, und ein Nachttisch zu erkennen. Zusätzlich war die Aufnahme leicht verschwommen, so, als hätte der Fotograf nur wenig Zeit gehabt. Sie schloss die Augen, versuchte das Gesehene zu löschen, doch es ging nicht. Die Bilder hatten sich mit jedem einzelnen Partikel in ihrem Gedächtnis festgesetzt. Sie kannte diese Frau. Besser gesagt, sie wusste, wer diese Frau war. Einen Menschen vollends zu kennen war fast unmöglich, doch mit dieser Frau war sie schon eine lange Zeit verbunden. Deswegen tat es ihr umso mehr weh, wie schutzlos die junge Frau auf den Fotos wirkte. Gestört in einem so verletzlichen und vollkommen hilflosen Moment, dass ihr schlecht wurde. Welcher kranke Mensch würde so etwas tun? „Dreh` dich nicht um, denn der Plumpsack geht um…“ Fast hätte sie das Handy erneut fallengelassen, als die Melodie des bekannten Kinderliedes fast schon unnatürlich fröhlich die Stille durchbrach. Anruf von Unbekannt. Ihr Atem stockte. Sie würde nicht rangehen. Es klingelte weiter und weiter. Wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, er schien einen langen Atem zu haben. Und auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, der Drang nach Antworten überwog, sodass sie schließlich zögernd abnahm.
„Jane.“ vernahm sie eine männliche Stimme. Sie wirkte nicht verstellt. Eigentlich klang sie sogar recht angenehm. Tief und ein wenig rau. Sie hatte etwas Gewohntes, Vertrautes, obwohl Jane sich sicher war, sie noch nie zuvor gehört zu haben.
„Wer bist du?“ fragte sie und ihre Stimme kam ihr vor lauter Anspannung fremd vor.
„Jemand der alles verloren hat.“
„Das tut mir leid.“ Antwortete sie betont ruhig. So ruhig, wie es eben ging, wenn man von einem Unbekannten über das Telefon bedroht wurde. „Aber wie kann ich dir da helfen?“
„Du bist die, die mir alles genommen hat. Und du wirst dafür bezahlen.“ Dann legte er auf. Ihr stockte der Atem. Anstatt Antworten, hatte dieses Gespräch nur noch mehr Fragen in ihr aufgeworfen. Sie hatte immer noch keine Ahnung, um wen es sich bei dem Anrufer handeln könnte. Da kündigte ein leises Brummen das Eingehen einer weiteren Nachricht an. `Folge den Anweisungen oder das nächste Foto kommt aus der Rechtsmedizin.` Sie schluckte trocken. Dann folgte eine Adresse, die zu einem kleinen Café in der Nähe des städtischen Klinikums gehörte. Verwirrt starrte sie auf die Nachricht. Langsam wurde sie unruhig. Was hielt sie davon ab, in genau diesem Moment die Polizei zu rufen? Mit nur drei Ziffern könnte sie diesem Spuk ein Ende setzen. Eine leise Stimme zählte ihr mindestens ein Dutzend Gründe dagegen auf, doch bevor sie sich auf einen davon konzentrieren konnte, brummte es erneut. `Wenn du die Polizei rufst, ist das deine Sache. Dann musst du ihnen aber auch die Sache im Kofferraum erklären.` Die Sache im Kofferraum? Mit einem unguten Gefühl im Bauch stieg sie aus und ging langsam um ihren Wagen zum Kofferraum, während sie sich vergewisserte, dass sie vor möglichen Blicken unbeteiligter Zuschauer sicher war. In ihr drin wüteten die Angst, aber auch eine faszinierende Erregung, vor dem, was sie gleich erwarten würde. Mit einem kräftigen Ruck öffnete sich der Deckel des Kofferraums und gab den Blick auf sein Innenleben frei. Die Faust vor ihrem Mund erstickte Janes Aufschrei, als sie direkt in ein leichenblasses Gesicht schaute. Dort, auf der abgenutzten PVC-Auskleidung lag eine Frau in Embryohaltung, die Hände verschränkt, als würde sie beten. Der Notruf hatte sich damit wohl geklärt, dachte sie noch in einem Anflug von Galgenhumor, während sie sich auf den Boden sinken ließ. Unruhig drehte sie eine ihrer langen kastanienbraunen Strähnen um den Finger. Wie sollte sie diese leblose Frau im Kofferraum erklären? Und noch viel wichtiger, wer war diese Frau? Als sie ihr eben ins Gesicht geschaut hatte, war so etwas wie ein kurzer Moment des Erkennens aufgeblitzt, aber es war ein Gedanke, den sie nicht halten konnte. Leise ächzend stand sie auf und setzte sich resigniert hinters Steuer. Die Verzweiflung angesichts ihrer aussichtslosen Lage drohte sie langsam zu überwältigen, während sie erkannte, dass sie keine Wahl hatte.
Ein paar Minuten später fädelte sie sich in die Autoschlange auf der Hauptverkehrsstraße ein, die auch um knapp zehn Uhr abends noch außergewöhnlich stark befahren war, während ihr Navi sie zu der geforderten Adresse leitete. Mittlerweile dämmerte es draußen und lilafarbene Wolkenfetzen trieben über den Himmel. Bald würde es dunkel werden und sie hatte Angst, was in dieser Dunkelheit noch alles ans Licht kommen würde. Denn das das hier erst den Anfang darstellte, hatte sie instinktiv sofort gewusst. Sie fuhr an mehreren Bistros vorbei, vor denen einige Menschen noch versuchten, das letzte bisschen Tageslicht aufzusaugen, und konnte in der Ferne schon das imposante Gebäude des städtischen Klinikums erkennen. Und während sie langsam der Adresse immer näherkam, begann sich eine Erinnerung in ihrem Kopf zu formen. So flüchtig und unbedeutend, dass sie eigentlich keinen Gedanken mehr daran verschwendet hatte.
Sie sah sich selbst, letztes Jahr im Sommer, wie sie die Straße entlangfuhr. Die Fenster heruntergekurbelt sog sie den Trubel der Großstadt und den Geruch nach Hitze, Schweiß und Abgasen ein, während im Radio Don`t stop me now von Queen lief und in diesem Augenblick hatte sie sich wirklich so gefühlt, als könnte sie niemand aufhalten. Unbesiegbar. Sie freute sich auf die bevorstehende Aufgabe. Und während sie dabei war, den Moment ganz in sich aufzunehmen, hörte sie einen lauten Knall, dann das dumpfe Geräusch eines Körpers, der auf Asphalt traf. Reifen quietschten. Sie schaute sich um. Es schien einen Unfall gegeben zu haben, aber sie konnte aufgrund des allgemein ausbrechenden Durcheinanders kaum etwas erkennen. Sie sah nicht weiter nach links und rechts. Menschenansammlungen behagten ihr nicht. Als sie Schreie und die aufgeregten Stimmen der Menschen hörte, kurbelte sie das Fenster hoch. Und sie fuhr weiter. Ohne anzuhalten, immer weiter.
Sie verlor sich in den Erinnerungen an diesen Tag und diesen insgesamt sehr heißen letzten Sommer, an den sie schon lange nicht mehr gedacht hatte. Wieso auch? Für sie war es ein Tag wie jeder andere gewesen. Sicher, auch sie hatte den Unfall mit Fahrerflucht in den darauffolgenden Tagen in den Nachrichten verfolgt, aber das war auch alles gewesen. Da brummte das Handy erneut. Eine neue Adresse. Das Spiel ging also weiter. Müde fuhr sie sich über die ausgetrockneten Augen. Was wollte der Unbekannte damit bezwecken? Was war sein Plan? Sie fühlte eine emotionale Erschöpfung, wie sie sie bisher noch nicht gekannt hatte und wusste nicht, ob sie darüber froh oder betrübt sein sollte. Immerhin war sie noch in der Lage dazu, so etwas zu fühlen und das tat erstaunlich gut, bemerkte sie, während sie in Richtung Norden der Stadt fuhr. Mittlerweile hatte die Nacht den Kampf gegen den Tag gewonnen und die Dunkelheit kroch durch die Seitenstraßen. Lediglich einige Straßenlaternen verströmten ihr trübes, gelbes Licht. So auch in der Straße, in der sie nun nach einer guten halben Stunde Fahrt ihren Wagen parkte. Aufmerksam sah Jane sich um, konnte jedoch auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches feststellen. Es handelte sich um eine kleine Siedlung, in der die Reihenhäuser dicht nebeneinanderstanden und sich mit ihrer weißen Fassade und den kleinen Vorgärten äußerlich kaum voneinander unterschieden. In wenigen Fenstern brannte noch Licht. Einsame helle Vierecke in tiefschwarzer Dunkelheit. Suchend ging sie ein paar Schritte, bevor sie das Haus mit der Nummer 16 gefunden hatte, so wie es in der Nachricht angegeben war. Das Erste, was ihr auffiel, als sie näher kam, waren die bunten Luftballons, die sowohl an der kleinen Gartenpforte als auch an der Haustür befestigt waren. Rote, gelbe und blaue schwebende Farbtupfer, die in der Dunkelheit kaum noch zu erkennen waren, bedruckt mit Glückwünschen zum Geburtstag. Sie sah auf das Klingelschild. Richter. So sehr sie auch in ihrem Gedächtnis kramte, sie war sich sicher, diesen Namen noch nie zuvor gehört zu haben. Außerdem, was konnten diese Leute von ihr wollen? War der Unbekannte einer von ihnen? Um das herauszufinden gab es jedoch nur eine Möglichkeit. Sie musste in das Haus und der Sache auf den Grund gehen, auch wenn sie wusste, dass es ihr alles abverlangen würde. Die Fahrt hierher war erst der Anfang gewesen. Mit langsamen Schritten steuerte sie auf die Eingangstür zu, wo sie zunächst innehielt, um ins Innere des Hauses zu horchen. Kaum hatte sie jedoch eine Hand an das kühle Aluminium gelegt, gab die Tür nach und den Blick frei auf einen dunklen Flur, von dem eine Treppe in das obere Stockwerk führte.
Schemenhaft konnte sie einen Garderobenständer erkennen, der mit seinen leeren Haken und Bügeln wie ein Skelett in den kleinen Durchgang ragte. Zaghaft schlüpfte sie durch den kleinen Spalt und stand schließlich im Inneren des Hauses, in dem es fast schon unnatürlich ruhig war. Anhand der Luftballons im Vorgarten war sie davon ausgegangen, dass jemand zu Hause sein musste. Unsicher, was sie als Nächstes tun sollte, ging sie ein paar Schritte tiefer in die Dunkelheit. Ihr ganzer Körper war angespannt, jederzeit bereit, umzudrehen und wegzurennen so schnell er konnte. Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, fiel ihr ein schwacher Lichtschein auf, der aus dem oberen Stockwerk zu kommen schien und auf die oberen Stufen der Treppe fiel. Mit pochendem Herzen nahm sie eine Stufe nach der anderen und je weiter sie nach oben stieg, desto deutlicher vernahm sie eine leise Melodie. Sie kam aus dem Zimmer, das rechts vom Treppenaufgang lag. Bemüht, den Kloß herunterzuschlucken, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, streckte sie eine zitternde Hand nach der Tür aus, die nur angelehnt war. Ein Atemzug, sie hatte die Türklinke erreicht. Zweiter Atemzug, die Tür schwang langsam auf. Dritter Atemzug, sie holte scharf Luft, denn ihr bot sich ein so verstörender Anblick, dass sie kaum ihren Augen traute.
Auf den ersten Blick fühlte sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt, denn dieses Zimmer hatte alles, was sie sich als kleines Mädchen je gewünscht hatte. Rosafarben gestrichene Wände, ein riesiges weißes Himmelbett mit allerlei Stofftieren und auch sonst Spielzeug in jeder Ecke. Das Auffallende aber war die Geburtstagsdekoration. Überall hingen Luftschlangen und Ballons, während in der Mitte des Zimmers ein Tisch stand, der fast unter der Größe einer riesigen dreistöckigen Geburtstagstorte verschwand. Allein beim Anblick der vielen Sahne wurde ihr schon übel. Wenigstens ließ sich so auch die Dekoration vor der Haustür erklären. Was sich jedoch ganz und gar nicht erklären ließ, war diese absolute Stille, die über dem ganzen Haus lag. Während dieses Zimmer durch die Einrichtung fast schon überladen war, wirkte der Rest des Hauses kahl und unbewohnt. So, als wäre hier drinnen schon lange nicht mehr gelebt und gelacht worden. Und schon gar nicht so, als würde hier ein Geburtstag gefeiert werden. Was ist deine Geschichte, fragte sie das Zimmer im Stillen und sah sich erneut um. Ein Zettel auf dem kleinen Holztisch erregte ihre Aufmerksamkeit. Es handelte sich um ein Platzkärtchen. Ein Platzkärtchen auf dem ihr Name stand. Daneben ein Teller, so, als wäre sie Gast auf dieser verstörenden Feier. Sie atmete tief durch. Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Anstatt Antworten, warf dieses unheimliche Haus nur noch mehr Fragen auf, die sie sich nicht beantworten konnte. Gerade als sie sich zum Gehen wandte, vernahm sie plötzlich eine Stimme.
„Es ist unhöflich, eine Party so früh zu verlassen.“ Irritiert kniff sie die Augen zusammen. Dort in der linken hinteren Ecke des Zimmers stand, an die Wand gelehnt, ein Mann. Die Dunkelheit, lediglich unterbrochen von dem Schein vereinzelter Kerzen, verschluckte ihn fast, sodass Jane ihn zunächst gar nicht wahrgenommen hatte. Er schien noch recht jung, hatte seine langen schwarzen Haare zu einem nachlässigen Pferdeschwanz gebunden und obwohl sie wusste, dass sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, so erkannte sie die angenehme raue Stimme sofort. Der unbekannte Anrufer.
„Ich bin hier. Was willst du von mir?“ gab sie zurück. Ihre fest klingende Stimme stand in einem extremen Gegensatz zu ihrem Inneren, in dem Unruhe und Sorge wüteten.
„Gerechtigkeit.“ Er spuckte ihr das Wort entgegen und seine Abscheu war fast greifbar. „Und jetzt setz dich.“
Langsam ließ sie sich auf dem Stuhl, vor dem ihr Platzkärtchen stand, nieder. Wenn sie eine Chance haben wollte, lebend aus diesem Geisterhaus zu kommen, musste sie tun, was er sagte. Das wurde ihr in dem Moment klar, als sie die Waffe sah, mit der er nun demonstrativ in ihre Richtung deutete. Aber würde er wirklich so weit gehen, zu schießen? War er ein Mensch, der das Leben eines anderen Menschen ohne Skrupel auslöschen konnte? Sie wusste es nicht und sie verfluchte einmal mehr ihre schlechte Menschenkenntnis. Trotzdem konnte sie dieses Risiko nicht eingehen.
„Was soll das alles hier?“ ihre Stimme klang vor Anstrengung gepresst.
„Möchtest du vielleicht den Kuchen anschneiden?“ er deutete mit dem Finger auf das Küchenmesser, welches neben der Kuchenplatte lag. Gedankenverloren starrte sie auf die lange, scharfe Klinge.
„Weißt du, heute ist der Geburtstag meiner Schwester. Sie wird acht.“ Fuhr er in plauderndem Tonfall fort. „Nun ja, sie wäre heute acht geworden.“ Gedankenverloren sah er durch den Raum und sie konnte seinen Schmerz fast schon spüren. Doch als hätte er in ihren Gedanken gelesen, fielen mit einem Mal alle Emotionen aus seinem Gesicht. Er musterte sie genauer. „Guter Versuch übrigens, fast hätte ich dich nicht erkannt.“
Trotzig hielt sie seinem Blick stand. Verdammt.
„Und warum bin ich nun hier?“
„Weil du der Grund dafür bist, dass meine Schwester heute nicht hier sein kann.“ Überrascht starrte sie ihn an. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Und du hast sicher Beweise für diese absurde Behauptung, nicht wahr? Ich für meinen Teil habe dich nämlich noch nie in meinem Leben gesehen.“
„Tu nicht so, als wüsstest du nicht worum es geht.“ Sie konnte förmlich sehen, wie viel Beherrschung es ihn kostete, seine undurchdringliche Maske aufrecht zu erhalten. Sie bröckelte und jedes ihrer Worte erzeugte einen neuen Riss.
„Ich dachte, mein kleines Andenken in deinem Kofferraum wäre Beweis genug.“
Sie atmete tief durch, um nicht die Nerven zu verlieren. Eine unbestimmte Hilflosigkeit hatte von ihr Besitz ergriffen. „Ich kenne diese Frau doch überhaupt nicht.“ Presste sie hervor. Mit blitzenden Augen sah er sie an. Die Beherrschung war fast gänzlich aus seinem Gesicht verschwunden. In seinen Augen tobten die Emotionen und der Hass und die Verachtung, die er ihr entgegenbrachte, waren fast greifbar.
„Das ist die Frau, die du letzten Sommer überfahren hast.“
Sie erstarrte. Das konnte nicht wahr sein. Es war falsch, es musste falsch sein. Fast hätte sie aufgelacht, als sie verstand, dass sie anscheinend Opfer einer schrecklichen Verwechslung geworden war. Fahrig strich sie mit ihrem Finger über die unebene Maserung des Holztisches, während ihr Blick immer wieder zu dem Messer ging. Sie hatte die Worte zwar gehört, aber verstanden hatte sie sie nicht. Fieberhaft versuchte sie sich das leichenblasse Gesicht vor Augen zu rufen. Jetzt wusste sie auch, warum da dieser kurze Moment des Erkennens gewesen war. In ihrem Kopf setzten sich die Puzzleteile langsam zu einem Bild zusammen. Die Frau musste Opfer des Unfalls vom letzten Sommer gewesen sein. Der Unfall, an dessen Ort auch Jane heute geschickt worden war. Der Unfall, der in allen Nachrichten gewesen war. Sie schloss die Augen. Visualisierte diesen bedeutungsschweren Sommertag noch einmal herauf. In ihren Gedanken vermischten sich die Gesichter der Menschen bis da nur noch eine einheitliche Masse aus Farbtupfern war. Sie sahen sich so ähnlich. Ein furchtbarer Gedanke nahm in ihrem Kopf Gestalt an. Was, wenn gar nicht sie das Opfer einer schrecklichen Verwechslung geworden war? Was, wenn sie diejenige war, die etwas – oder jemanden – verwechselt hatte. Die Gedanken schossen wie Pfeile durch ihren Kopf.
„Ich war das nicht.“ Erwiderte sie flehend. „Ich war an dem Tag in der Nähe, aber ich habe doch keinen Unfall verursacht. Bitte, das musst du mir glauben!“
„Wag es nicht, mir zu unterstellen, ich würde nicht die Wahrheit sagen. Gerade du hast kein Recht dazu.“ Er stand nun aufrecht, seine Waffe zielte auf ihren Kopf. Sie sah, dass seine Hand leicht zitterte und sie wusste, wenn sie jetzt keinen weiteren Fehler machte, konnte sie die Situation noch unter Kontrolle bringen.
„Hör zu, es tut mir leid, wenn einer von dir geliebten Person so eine Tragödie zugestoßen ist, aber ich kann dir versichern-“ sein hartes Auflachen unterbrach sie.
„Geliebte Person. Ich hatte die Frau noch nie zuvor gesehen.“ Erwiderte er bitter. „Ihr Schicksal wäre mir auch völlig egal gewesen, aber leider war sie zufällig die Stammzellenspenderin meiner Schwester. Du kannst dir sicher vorstellen, dass eine Spende nach diesem schweren Unfall und den darauffolgenden Operationen erstmal nicht erlaubt werden konnte.“ Nach dieser Aussage wurde es ganz still. Alles, was Jane konnte, war, ihn einfach nur anzustarren. Sie sah den Schmerz in seinen Augen und war wie erstarrt. Manche Geschichten hatten kein Happy End und diese war eine davon, das wurde ihr nun klar. Ihr Blick glitt noch einmal durch das Zimmer. Mit einem Mal verstand sie auch, wem diese Feier gewidmet worden war.
„Du hast keine Ahnung, was wir durchmachen mussten. Und das alles nur deinetwegen.“
„Ohne die Spende hat sie es nicht geschafft.“ Es erschien ihr sinnlos, diese Feststellung als Frage zu formulieren. Wieso der Illusion hingeben, dass es darauf mehr als eine mögliche Antwort geben konnte. Der Ausdruck in seinen Augen sagte mehr als genug.
„Hör mal, du verwechselst mich.“ Sie räusperte sich. „Das kann nur ein riesiges Missverständnis sein. Dein Verlust tut mir leid, aber ich habe damit nichts zu tun.“ Flehend sah sie ihn an.
Verachtend musterte er sie. „Mich täuscht du nicht. Jeder bekommt das, was er verdient hat, und bei dir ist das genau heute. Entweder tust du es oder ich. Aber dein Leben ist hier und heute vorbei!“
Jetzt
Verzweifelt suchte sie seinen Blick, ohne genau zu wissen, was sie damit bezwecken wollte. Sie bemühte sich, jeden negativen Gedanken an das mögliche Ende aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Es gab nur eines, was ihr vollkommen klar war. Sie musste ihn dazu bringen, ihr zu glauben. Ihn mit Worten überzeugen. Und sie musste versuchen ruhig zu bleiben, was in Anbetracht des Küchenmessers in ihrer Hand und der Pistole in seiner Hand keine leichte Aufgabe darstellte.
„Ich verstehe, dass du seitdem entsetzlich leiden musst und ich verstehe auch, dass du Gerechtigkeit für das willst, was deiner Schwester widerfahren ist, aber könntest du dir selbst verzeihen, wenn eine unschuldige Person deswegen stirbt? Denn darauf würde es hinauslaufen. Lass mich nicht dafür bezahlen, dass der wahre Übeltäter der Geschichte noch frei herumläuft.“
„Sag du mir nicht, was ich zu tun habe. Und hör auf, das verdammte Unschuldslamm zu spielen. Entweder du benutzt jetzt endlich den Gegenstand in deiner Hand, und zwar nicht zum Kuchen schneiden, oder ich bin gezwungen abzudrücken.“
Traurig sah sie ihn an. Ihr Körper war nun ganz ruhig und sie merkte, wie sie wieder Herrin über ihre eigenen Gefühle und Gedanken wurde. Sie blendete alles aus, konzentrierte sich nur auf den Moment. Sie wusste, sie würde niemals heil aus dieser ganzen Sache herauskommen, wenn sie ihn am Leben ließe. Er wusste einfach viel zu viel und sie konnte es nicht zulassen, dass er alles zerstörte, was sie sich aufgebaut hatte. „Ja, vielleicht kommt dieser Tag, aber ganz bestimmt nicht heute.“ Mit einem präzisen Wurf schoss das Messer mit einem Sirren durch die Luft, bevor sich die Klinge in einem perfekten Winkel in seinen Brustkorb bohrte. Es war ein perfekter Wurf gewesen und sie hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gehabt. Langsam hob sie seine Pistole auf, die er reflexartig hatte fallen lassen und sah mit Bedauern in sein Gesicht, in dem der Schock wie ein eingefrorenes Bild wirkte. Du hättest weiterziehen sollen, wie der Rest deiner Familie es anscheinend getan hatte, dachte sie für sich und ihre Gedanken schweiften zu den leerstehenden Räumen. Es tat ihr leid um ihn und sie konnte seinen Sinn nach Gerechtigkeit sehr gut nachvollziehen, aber hier war es um ihr Leben gegangen.
Ein lautes Poltern ließ sie herumfahren. „Hilfe!“ ertönte eine atemlose Stimme. „Ich brauche Hilfe. Ich wurde entführt.“ Nein. Nein, das konnte wirklich nicht wahr sein. Entgeistert starrte Jane die Gestalt an, die erschöpft und zitternd im Türrahmen aufgetaucht war. „Bitte.“ Sie flüsterte nur noch. „Ich konnte mich irgendwie aus dem Kofferraum befreien, aber ich weiß nicht, wann er zurückkommt und- “ Ihr Blick wanderte von Jane zu dem jungen Mann und weiter zu dem Messer in seiner Brust. Rund um die Einstichstelle hatte das Blut sein Hemd dunkel verfärbt. „Oh.“ Machte sie und ihre Augen wurden groß. Ihr Blick glitt zurück zu Jane und sie runzelte die Stirn. Beschwichtigend hob Jane die Hände. „Du brauchst keine Angst mehr haben. Es ist vorbei. Mich hat er ebenfalls entführt, doch es ist mir gelungen, ihn zu überwältigen, kurz bevor er versuchen konnte, mich umzubringen.“ Der irritierte Blick blieb, doch sie meinte auch, einen Anflug von Erleichterung in dem Gesicht der Frau zu sehen.
„Gott sei Dank. Als ich wieder bei Bewusstsein war, habe ich nur dieses Handy gefunden, mit der Nachricht, ich solle dieses Haus aufsuchen. Aber es ist gruselig, oder? Total gruselig. Und überhaupt, ich weiß nicht mal, warum ich hier bin. Weißt du es? Ach, ich bin übrigens Romy.“
Sie zögerte, hatte keine Ahnung, wie viel sie der aufgeregten jungen Frau namens Romy erzählen sollte. „Er hat mich für etwas verantwortlich gemacht, an dem ich keine Schuld trage“, erwiderte sie schließlich langsam, „deswegen bin ich hier. Und nach seiner Geschichte dachte ich ehrlich gesagt, du wärst tot.“ Nach dieser Aussage herrschte für einen Moment Stille. Die junge Frau keuchte überrascht auf. Ihre veilchenblauen Augen weiteten sich und Jane fühlte sich unter ihrem musternden Blick mittlerweile immer unwohler. Wieso hatte sie ihm nicht genauer zugehört? Wieso war sie automatisch davon ausgegangen, dass die Frau tot sein musste? Er hatte es mit keinem Wort erwähnt, aber trotzdem so aussehen lassen. Andererseits, das war doch etwas Gutes, oder? Mit einem Mal veränderte sich der Gesichtsausdruck der Frau. Etwas blitzte in ihren Augen auf und in ihrem Kopf schien es nun zu arbeiten. Nein, es war nichts Gutes. Fast zeitgleich, als das entscheidende Teil in Romys Gedächtnis einrastete, traf sie die Kugel in die Brust. Sie hatte sie also doch im Auto erkannt.
Danach
Als sie wieder auf die Straße trat, strich ihr die kühle Nachtluft über das Gesicht. Es war, als würde die unbekannte Bedrohung erst jetzt ihre Klauen von ihrem Brustkorb nehmen, sodass sie endlich wieder frei atmen konnte. Die vielen unterschiedlichen Gefühle der letzten Stunden drohten sie zu überrollen und sie musste sich zunächst einmal sammeln. Es ging gegen ihre beherrschte Natur, die Emotionen anderer so nah an sich heran zu lassen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was für ein unfassbares Glück sie gehabt hatte. Das Täuschen anderer Menschen hatte sie zwar jahrelang perfektioniert, aber diese Geschichte hätte auch ganz anders ausgehen können und sie wusste, dass sie das nächste Mal unbedingt vorsichtiger und noch genauer sein musste. Wobei sie sich immer noch fragte, wie ihr dieser Fehler unterlaufen konnte. Der Auftrag war eindeutig gewesen und die Anweisungen, wie Opfer und Vorgehen, sehr klar. Sie hätte sich noch am Unfallort vergewissern müssen, aber das war ihr zu heikel erschienen. Verärgert über sich selbst runzelte sie die Stirn. Sie wusste, es war scheinheilig, dass sie vorgab, noch irgendwelche moralischen Prinzipien in sich zu tragen, doch es war ärgerlich, wenn unschuldige Menschen ihr Leben ließen, nur weil sie ihre Arbeit schlampig ausführte. Das es heute noch mehr geworden waren, war Pech, aber wie hätte sie wissen können, was ihr Fehler alles nach sich ziehen würde. Sie war doch lediglich da, damit die bösen Menschen das bekamen, was sie verdienten. Sie war da, um die Welt besser zu machen. Beim nächsten Auftrag würde es wieder den Richtigen treffen, beschloss sie im Stillen, dann zog sie sich die mittlerweile unangenehm juckende Perücke mit den kastanienbraunen Locken vom Kopf und fuhr sich durch die kurzen Haare.
Ja, schwarz hatte ihr schon immer besser gestanden, dachte sie, während sie ein letztes Mal die Bilder auf dem fremden Handy betrachtete und gleichzeitig beschloss, dass es nicht schaden könnte, ihr Schlafzimmer bald mal wieder umzustellen. Schließlich entsorgte sie es im nächsten Mülleimer und ging zu ihrem Auto. Ein paar Minuten später beobachtete sie den Schauplatz ihrer Demütigung, der im Rückspiegel immer kleiner und schließlich ganz von der Dunkelheit verschlungen wurde. Sie hatte noch eine Aufgabe zu erledigen.

ENDE

12+

2 thoughts on “Trugbild

  1. Hier hast du wirklich eine gute Geschichte abgeliefert! Besonders der Einstieg, also quasi das Ende am Anfang hast du erstklassig beschrieben!
    Dein Schreibstil gefällt mir persönlich auch sehr gut, weshalb das lesen spannend und knackig verläuft.
    Als du den „Plumpssack“ erwähnt hast; hast du richtig für Gänsehaut bei mir gesorgt. Leider hat es am Ende so auf mich gewirkt, als wolltest du schnell fertig werden.
    Vielleicht baust du das Ende noch etwas aus oder lässt es offen?
    Ansonsten gefällt mir deine Geschichte wirklich gut! Dran bleiben 🙂
    Herzlich – Lia 🌿

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  2. Moin, ne spannende Geschichte die du uns hier präsentierst!
    Der Einstieg in den Plot ist dir wirklich gut gelungen.
    Wer kennt ihn nicht „ Den Plumpssack „ 😅
    Schöne Idee.
    Deine Dialoge wirkten auf mich etwas „ fremd „. Hier und da hatte ich das Gefühl: so redet niemand.

    Stilistisch hätte ich mir ein paar Absätze mehr gewünscht, daß erhöht das Leseerlebnis.

    Auch auf mich wirkte der Schluß etwas gehetzt, aber insgesamt betrachtet hast du uns eine tolle Geschichte erzählt.

    Für den Mut an diesem Wettbewerb teilgenommen zu haben und dafür das du deine Geschichte mit uns geteilt hast, lass ich dir gerne ein Like da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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