Milena R.Und er floh

Sein Kopf fühlte sich an, als stünde er kurz davor, zu zerbersten. Das war das Erste, was David spürte, als sich sein Bewusstsein aus einem traumlosen Schlaf langsam wieder an die Oberfläche kämpfte. Das Nächste, was er bemerkte, war kurz darauf die Trockenheit in seinem Rachen. Er fühlte sich eher wie Schmirgelpapier an und schien förmlich nach Flüssigkeit zu schreien. Er öffnete seine Augen einen spaltbreit und tastete noch halb blind auf seinem Nachttisch nach einer Wasserflasche. Endlich benetzte die Flüssigkeit seine Lippen und rann dann wohltuend seine Kehle hinunter, nur um sich kurz darauf schon wieder anzufühlen, als wäre es Sand, den er schluckte. Schlagartig meldeten sich sein Geruchs- und Geschmackssinn zu Wort. Der bittere Geschmack in seinem Mund schien sich bis in den Magen ausgeweitet zu haben und sogar er selbst nahm den beißenden Geruch wahr, der von ihm ausging. Alkohol. Schon wieder. Er hatte doch damit aufhören wollen. Aber die Abende, an denen er sich mit Mark in einer Bar nach der anderen herumtrieb, endeten nicht selten im Alkoholrausch. Wie sollte man es in den schmierigen Bars mit schlechter Musik und noch schlechteren Getränken auch anders aushalten? Und wie sollte man sich anders von den ganzen quälenden Gedanken und Torturen des Alltags befreien? Nur für einen Abend, einen kurzen Moment. Das kam in letzter Zeit leider immer öfter vor. Die vergangene Nacht verschwamm in seinen Erinnerungen. Das letzte, woran er sich erinnerte, war eine Bar mit grässlichen beigen Lederpolstern, die vor seinem inneren Auge fließend in den dunklen Fußboden übergingen. Danach nichts. Blackout. Filmriss. In seinen Erinnerungen herrschte gähnende Leere. Als hätte jemand die letzte Nacht einfach herausgeschnitten und nur ein dunkles Loch übrig gelassen. Der Ekel vor sich selbst und die Sonne, die ihn durch die mittlerweile wieder geschlossenen Augen blendete, zwangen ihn schließlich doch, sich aufzurichten. Er musste sich diesem ohnehin aussichtslosen Tag stellen. Auch, wenn er sich beim Aufstehen kurz an der Wand abstützen musste, um nicht von dem plötzlichen Schwindel überwältigt zu werden und der Länge nach hinzufallen, schaffte er es ins Bad. Er klatschte sich etwas frisches Wasser ins Gesicht und vermied es dabei sorgsam, in den Spiegel zu schauen. Wenigstens etwas hatte er gelernt. Ein Blick an sich hinunter bestätigte seine Vermutung: Für den Schlafanzug hatte die Energie in der Nacht nicht mehr gereicht. Er schlüpfte in Jogginghose und T-Shirt und bahnte sich durch die achtlos im Zimmer verteilten Klamotten einen Weg zur Eingangstür. Im Treppenhaus begegnete er nur dem verwirrt dreinschauenden Herrn Karl, der in ausgetretenen Badelatschen und Morgenmantel mit dem Wohnungsschlüssel herumhantierte. David vermied es gründlich, seinen prüfenden Blick zu erwidern, mit dem er ihm ein quälendes Gespräch förmlich androhte.

Sein Briefkasten war wie immer vollgestopft mit Werbeanzeigen und Flyern, die ihn nicht interessierten. Vielleicht sollte er doch anfangen, seinen Briefkasten etwas öfter als einmal in der Woche zu leeren. Seine Sonntagszeitung hatte fast keinen Platz mehr darin gefunden und als er sie etwas zu gewaltsam aus dem Fach zerrte, riss die Frontseite ein. Er wollte den Briefkasten gerade wieder schließen, als er sah, was ihn zusätzlich zu den Werbeblättchen so verstopft hatte: Ein brauner Briefumschlag. Nicht einer dieser weißen, in denen regelmäßig seine Rechnungen und Bußgeldbescheide über zu schnelles Autofahren eintrudelten, sondern ein etwas größerer, von innen gepolsterter. Er drehte ihn nachdenklich in den Händen hin und her, während er die Treppe wieder hinauf ging. Er war unbeschriftet, noch nicht einmal sein Name stand darauf und unter der Luftpolsterfolie ertastete er deutlich einen einzigen, rechteckigen Gegenstand.

Wieder in seiner Wohnung angekommen, legte er seine Post auf den Tisch und machte sich in längst automatisierten Bewegungen einen starken Kaffee. Das war es, was er jetzt brauchte. An Essen war nicht zu denken. Bei dem bloßen Gedanken daran wurde ihm schon schlecht. Als er mit seinem Kaffee am Tisch saß, wollte er sich wieder dem Päckchen zuwenden. Doch seine Augen blieben plötzlich an dem Bild einer jungen Frau mit blonden Haaren und mandelförmigen Augen auf der Titelseite der Zeitung hängen. Er kannte dieses Bild. Er kannte diese Frau. Vielleicht lag es an der Überschrift über dem Foto, dass er seine Freundin nicht direkt erkannte. Viel zu schnell lasen seine Augen die Wörter, die in dem Text daneben standen. Viel zu lange brauchten sie, bis sie sich bruchstückhaft ihren Weg in seinen Verstand gebahnt hatten. Mord, Samstagnacht, Stichverletzungen, Platzwunde, erliegt noch auf dem Weg ins Krankenhaus ihren Verletzungen. Unruhig rieb er sich über die Augen, als könne er so das Bild mitsamt dem angebrochenen Tag wieder wegwischen und ihn nochmal ganz von vorne beginnen. Als er seine Augen wieder öffnete, war er halb davon überzeugt, dass er eine andere Person erkennen würde, doch als er den Riss, der mitten durch das Foto verlief, glattstrich, bestand kein Zweifel mehr. Es war Mareike, seine Freundin seit beinahe einem Jahr. Was war passiert? Scheiße, warum war sie tot? Er ließ die Zeitung mit zitternden Händen sinken. Noch gestern Abend hatten sie sich gesehen, kurz bevor er mit Mark losgezogen war. Mareike, die einzige Person, die ihn wirklich gekannt hatte, tot? Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Tatsachen seinen Verstand erreicht hatten. Dann fühlte es sich schlagartig an, als würde eine Welt in seinem Inneren zusammenbrechen und Verzweiflung breitete sich in ihm aus. Sie hatten sich vor anderthalb Jahren in der Straßenbahn das erste Mal gesehen. Richtig kitschig, wie im Film war es gewesen. Sie sah unglaublich hübsch aus und er hatte seine neugierigen Blicke kaum unterdrücken können. Aber letztendlich war sie es gewesen, die ihn angesprochen hatte. Natürlich. Er hätte sich das niemals getraut. Eine Frau wie Mareike, die konnte man nicht mit einem einfachen „Kann ich deine Nummer haben“ ansprechen. Im Gegensatz zu ihm. Und jetzt grinste sie ihn von der Frontseite der Zeitung an. Direkt neben Worten wie Mord oder Stichverletzungen. Aber Mareike hatte doch keine Feinde, sie war beliebt, alle mochten sie. Oder?

Sein Blick fiel auf das braune Päckchen, das ihn fast vorwurfsvoll anzustarren schien. Er hatte es völlig vergessen. Wie in Trance und wesentlich weniger interessiert als noch vor ein paar Minuten, riss er es auf und kippte seinen Inhalt auf den Tisch. Obwohl dieser tatsächlich nur aus einem einzigen Gegenstand bestand, einem schwarzen Smartphone. Verwirrt drehte er es in seinen Händen. War das eine Falle? Würde es in die Luft gehen, wenn er es einschaltete? Er schüttelte den Kopf, als unterhielte er sich mit sich selbst. Natürlich nicht, er wurde langsam paranoid. Er sollte aufhören so viele Thriller zu lesen. Also drückte er auf den Home-Button und es offenbarte sich ein schwarzer Bildschirm mit einem einzigen Symbol: Galerie. Er wollte es schon weglegen, er hatte schließlich gerade wirklich andere Dinge im Kopf, aber seine Neugierde flammte erneut auf. In der Galerie des Smartphones befanden sich lediglich vier Bilder. Er klickte auf das erste Foto und ließ seine Kaffeetasse klirrend zu Boden fallen, wo sie in tausende Scherben zersprang. Der restliche Kaffee spritzte über die weißen Fliesen. David war aufgesprungen, doch auch seine Hose hatte nun kaffeebraune Flecken. Er hatte aufgehört zu atmen und stand wie angewurzelt in der Küche, stocksteif. Sein Mund war leicht geöffnet, die Augen fixierten das Bild auf dem Smartphone. Er hatte das Gefühl, dass das Einzige, was sich für eine längere Zeit bewegte, sein Herz war, das dafür umso heftiger und schneller schlug. Er schluckte und ließ die Hand sinken. Er wollte das Bild aus seinem Kopf vertreiben, es niemals gesehen haben. Aber es schien wie auf seine Netzhaut gebrannt. Er sah sie vor sich, Mareike, blass und voller Blut. Überall war Blut. Sie lag zwischen hohen Gräsern, die neben einer verlassenen Straße wucherten. Eine tiefe Platzwunde zog sich seitlich über ihre Stirn und ihre Bluse war unter dem Blut gespickt von Löchern. Das mussten die Stichverletzungen sein. Schlagartig übermannte ihn die Übelkeit. Er presste sich die Hand vor den Mund und rannte zur Toilette. Während er das wenige, was sich in seinem Magen befand, in die Toilette erbrach, versuchte er, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, er musste wissen was passiert war. Wieder in der Küche, strich er mit zitternden Fingern über den Bildschirm und brachte das zweite Bild zum Vorschein. Mareike lag auch auf diesem Foto auf dem Boden, mit dem Unterschied, dass ein großer Schatten sie bedeckte. Der Schatten eines Mannes. Er war nur von hinten zu sehen, doch er trug eine blaue Jeans und eine schwarze Cordjacke. Er kannte diese Kombination. Er atmete ein paar Mal tief durch, bis er seinen Blick langsam zu den vor ihm auf dem Boden liegenden Kleidungsstücken wandern ließ. Doch er hatte sich nicht getäuscht. Natürlich nicht. Dort lagen sie, seine Jeans und seine Cordjacke. Er hatte beide gestern Abend getragen. Er versuchte, sich zu beruhigen. Das Foto bewies noch gar nichts. Es gab viele blaue Jeans und schwarze Cordjacken. Doch der kleine Hoffnungsschimmer wurde jäh zunichte gemacht, als er zum nächsten Bild wechselte. Es zeigte David, kniend über Mareike gebeugt, in der Hand ein Messer. Sein Gesicht deutlich zu erkennen. Es gab keinen Zweifel. Die Person auf dem Foto war er. Er kniff die Augen zusammen, wollte das Bild nicht genauer ansehen. Seine Augen füllten sich mit Tränen und gleichzeitig ärgerte er sich darüber. Wie konnte er noch vor wenigen Stunden zu so etwas in der Lage gewesen sein und jetzt heulen? Fast schon trotzig blätterte er zu dem vierten Foto, auf dem er wieder mit Mareike zu erkennen war. Diesmal blickte sie ihn wütend an, den Mund protestierend geöffnet, während er sie bei den Schultern gepackt hielt. Wieder war sein Gesicht klar zu erkennen, beleuchtet von einer der spärlichen Straßenlaternen, wie es sie auf den abgeschiedenen Wegen in der Nähe seines kleinen Wohngebietes hin und wieder gab. Die Fotos schienen in umgekehrter Reihenfolge gespeichert zu sein. Seine Gedanken rasten. Was war nur passiert? War es zum Streit gekommen? Hatte sie ihn wieder angepöbelt, dass er zu viel getrunken hatte? Wenn er so darüber nachdachte, gab es immer wieder Situationen, in denen sie ihn wahnsinnig gemacht hatte mit ihren Ratschlägen. Und er hatte sich schon immer schlecht unter Kontrolle gehabt, besonders, wenn er getrunken hatte. Einmal hatte er sie sogar geschlagen. Aber er konnte sie doch nicht einfach umgebracht haben. Wie konnte es sein, dass er sich an nichts erinnerte? Man brachte doch nicht einfach seine Freundin um und vergaß alles ein paar Stunden später.

Schließlich wischte er auch dieses Foto weiter, überzeugt, dass nichts die vorherigen Bilder an Grausamkeit übertreffen konnte. Das letzte Bild zeigte etwas verschwommen ein paar helle Glasscherben am Rande der Straße. Vermutlich stammten sie von einer zerbrochenen Flasche. Das Foto war objektiv betrachtet tatsächlich das harmloseste, doch vor Davids innerem Auge ließ es Erinnerungen aufsteigen, alte, tief verborgene Erinnerungen. Einen Moment lang sah er alles wieder vor sich, das Licht, die Geräusche. Er wurde zurückversetzt in die Vergangenheit, alte Gefühle wurden ausgelöst, alte Gedanken begannen, aufzusteigen. Doch er unterdrückte sie, erstickte sie im Keim, bevor sie ihn überwältigen konnten. Er war gut darin, jahrelange Übung hatten ihn zu einem Meister der Verdrängung gemacht. David zog seine Gedanken aus der alten Vergangenheit wieder zurück in die Gegenwart. Er versuchte, sie wieder dem jetzt Wesentlichen zuzuwenden: Was zum Teufel war in der letzten Nacht geschehen? Und was hatte dieses verfluchte Handy in seinem Briefkasten zu suchen? Seine Gedanken rasten. Er konnte Mareike nicht umgebracht haben. Das war unmöglich, er wüsste gar nicht wie er es anstellen würde, selbst wenn er es wollte. Er wäre nie in der Lage gewesen ihr tatsächlich dieses Messer in die Brust zu rammen, auch im betrunkenen Zustand nicht. Schon bei dem bloßen Gedanken daran wurde ihm wieder schlecht. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen. Was war der nächste logische Schritt? Mark! Er griff nach seinem Handy und musste es vier Mal versuchen, bis er endlich Marks dunkle Stimme hörte. „Ja?“, stöhnte er genervt ins Mikro. David versuchte, ruhig zu klingen, als er ihn fragte, wann sie gestern nach Hause gekommen waren und wo sie sich verabschiedet hatten.

„Oh man, David, was soll denn die Scheiße jetzt? Ich möchte schlafen!“

„Bitte Mark, es ist wirklich wichtig. Nur ganz kurz. Was haben wir gestern gemacht, wann hast du mich zuletzt gesehen?“

„Hast du schon wieder ‘nen Filmriss oder was? Du bist doch sonst nicht so … so paranoid deswegen. Meine Güte, also wir waren im Gina’s und da hast du diese heiße Braut angebaggert, halleluja, ich dachte wirklich …“

„Mark!“, unterbrach David ihn ungestüm.

„Jaja, ganz ruhig. Also wir waren im Gina’s und sind dann nach Hause. Ich schätze, wir waren so um eins an der Kreuzung. Da haben wir uns verabschiedet. Danach keine Ahnung. Warum denn? Biste in ‘nem fremden Bett aufgewacht oder was?“

David stöhnte und würgte Mark genervt ab. Ein Uhr an der Kreuzung. Das bedeutete, dass er spätestens um viertel nach eins Zuhause gewesen sein musste. Obwohl sich alles in ihm sträubte, griff er wieder nach dem Smartphone und öffnete die Fotos. Er klickte auf die Details und scrollte bis zum Aufnahmedatum. Tatsächlich, die Fotos waren alle zwischen 01:20 und 01:40 entstanden. Aber wer steckte ihm das Handy mit den Beweismitteln in den Briefkasten? Das ergab doch alles keinen Sinn. Sollte er zur Polizei gehen? Vielleicht konnte sie ihm mehr Informationen über Mareikes Tod geben. Aber dann würde er möglicherweise auch direkt in sein eigenes Verderben laufen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke und er griff nach seinem Handy. Er hätte schon viel früher auf die Idee kommen müssen. Er würde sie anrufen. Das konnte doch alles nur ein schlechter Scherz sein. Gleich würde er ihre fröhliche Stimme hören und alles war nur ein dummer Scherz eines Wahnsinnigen gewesen. Kurz nach dem ersten Klingeln ertönte plötzlich eine Melodie. David brauchte ein paar Sekunden, bis er begriff, dass sie nicht aus seinem Handy kam, sondern vom anderen Ende der Wohnung. Es war Mareikes Klingelton. Das konnte doch nicht wahr sein. Er lief zur Quelle des Tons, der aus seinen Klamotten des Vorabends zu kommen schien und zog Mareikes Handy aus der Hosentasche seiner Jeans. Dabei sah er sie: die Blutflecken. Überall auf seinem T-Shirt und seiner Jacke. Er griff nach dem Shirt und zerknitterte es in seiner Faust, während es vor seinen Augen immer mehr verschwamm. Die Tränen waren nun unaufhaltsam und mischten sich mit dem dunklen Blut, welches auf dem Stoff bereits getrocknet war. Was hatte er nur getan? Er wusste nicht, ob er in Selbstmitleid oder Selbstverachtung versinken sollte. Er war so wütend. Und so hilflos. Plötzlich vibrierte es an seiner Hand. Es war das fremde Smartphone, jemand rief ihn auf diesem Teufelsteil an. Er riss es an sein Ohr. „Wer bist du? Was willst du?“ Seine Stimme sollte sich stark und wütend anhören, aber er konnte das Zittern nicht unterdrücken.

„Hallo David, na, hast du mein Geschenk gefunden?“, fragte eine Männerstimme.

„Du sagst mir jetzt sofort, was dieser verfluchte Mist soll oder ich gehe zur Polizei!“, rief David und ärgerte sich immer mehr über seine brüchige Stimme.

„Na, na, na, das würde ich dir aber nicht empfehlen. Jetzt hör mir mal gut zu: Du wirst in genau einer Stunde zum alten Bahnhof kommen, verstanden? Solltest du es für nicht nötig halten, dort aufzutauchen, werden alle Fotos zur Polizei gehen und du in den Knast wandern. Wir wollen doch nicht, dass die Polizei in deine Wohnung kommt und alle Beweismittel findet, oder?“

     Kaum hatte der Mann an der anderen Seite den Satz beendet, legte er auf und David ließ das Handy erschöpft zu Boden sinken. Es stimmte, mit den Fotos und all dem Blut an seiner Kleidung hatte die Polizei genug Beweise zusammen, um ihn hinter Gitter zu bringen. Fehlte nur noch das Messer. David stand auf und schob seine Klamotten zur Seite. Dann suchte er hektisch alle Ecken und Winkel seiner beschaulichen Wohnung nach dem Messer ab. Es war ihm schon fast gleichgültig, ob er es fand oder nicht. Es sprach ohnehin alles gegen ihn. Noch immer konnte er nicht begreifen, wie er so etwas hatte tun können, kaltblütig und herzlos. Er war gewiss nicht fehlerlos und bei weitem nicht der perfekte Freund gewesen. Er war manchmal impulsiv, ja, aber ein Mörder? Er schüttelte den Kopf. Er musste sich den Fakten stellen. Die Beweise waren eindeutig. Er hatte das Gefühl, sich selber nicht mehr zu kennen, sich nicht mehr trauen zu können, sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Und das schien immer weniger unrealistisch. Wie zum Beweis fiel sein Blick genau in diesem Moment auf das Messer. Es hatte ganz hinten in einer Schublade seines Nachttisches gesteckt. Er hatte sich offensichtlich in der Nacht noch nicht einmal die Mühe gemacht, es abzuwaschen. Er dachte an die Worte des Mannes am Telefon und steckte das Messer in die Innentasche seiner Jacke, als er das Haus verließ.

 

Der alte Bahnhof war schon seit vielen Jahren verlassen und bestand nur aus einem kleinen Häuschen und den Bahnsteigen mit Plastikdächern zum Unterstellen. Doch Züge kamen hier schon lange keine mehr an. Der Himmel war mit dunklen Wolken verhangen und es prasselten unaufhörlich dicke Tropfen auf die alten Plastikdächer, die einst lieblos an den Bahnsteigen aufgestellt worden waren, um immerhin ein paar Reisende vor dem scheußlichen Wetter zu bewahren. Doch jetzt war alles leer, niemand war weit und breit zu sehen. David zog seine Jacke enger um sich und griff das Messer fester in seiner Hand. Es war seine einzige Chance, die Kontrolle über die Situation zu gewinnen. Dieser Mann war wahrscheinlich der Einzige, der ihm die Wahrheit sagen konnte und wenn er noch ein Fünkchen Selbstachtung besaß, dann musste er versuchen, diese herauszufinden. Um jeden Preis.

     Er war fast bei dem Bahnhofshäuschen angekommen, als er hinter sich Schritte hörte. Sie waren leise, vorsichtig darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Hätte sich auf dem bröckeligen Asphalt des Bahnhofsvorplatzes nicht der Regen zu Pfützen gesammelt, hätte David die Person bestimmt nicht gehört. Obwohl alles in ihm danach schrie, sich umzudrehen, lief er zielstrebig weiter auf das Haus zu. Er durfte sich nicht anmerken lassen, dass er den Anderen gehört hatte. Kaum war er an dem Häuschen angekommen, bog er um die Ecke und kauerte sich hinter einen alten Getränkeautomaten, das Messer noch immer fest umklammert. Als der dunkel gekleidete Mann einige Sekunden später an dem Automaten vorbeilief und David sich auf ihn stürzte, hatte er keinen Plan in seinem Kopf, keine Idee, was er vorhatte. Er musste improvisieren. Der Mann schien überrascht, er hatte sich so sicher gefühlt. David hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite, aber der andere war stark. David traf ein harter Schlag im Gesicht und ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Doch er wusste, dass es auf diesen einen Moment ankam. Wenn er ihn verstreichen lassen würde, dann wäre sein letzter Trumpf verloren. Also warf er sich mit all seinem Gewicht auf den Mann, begrub ihn unter seinem Körper, hielt ihn fest. Dann presste er ihm zitternd das Messer an die Kehle und beugte sich über ihn. Der Andere versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, aber es gelang ihm nicht. Der Regen prasselte still auf sie ein und der Asphalt unter ihnen war durch das Wasser tiefschwarz geworden. Einen Moment lang verharrten sie so. David konnte seinen kleinen Sieg kaum fassen. Schließlich hatte der Mann ihn erst auf die Idee gebracht, nach dem Messer zu suchen. Nach ein paar Sekunden fand David seine Stimme wieder.

„Was willst du von mir?“, schrie er den Mann an und spürte, wie die Regentropfen von seiner Nase abperlten und dem Mann ins Gesicht tropften. Doch er beachtete sie nicht. Er fixierte die strahlend blauen Augen seines Gegenübers, wollte keinen Moment der Schwäche zeigen. Doch zu seiner Überraschung fing dieser nur herzhaft an zu lachen.

„Möchtest du gleich den nächsten Mord begehen, keine 24 Stunden später?“

David hatte große Lust, ihm in sein zweifellos attraktives Gesicht zu schlagen. Doch er erhöhte nur den Druck auf das Messer, das er gegen die Kehle des Mannes drückte. Er betrachtete sein Gegenüber zum ersten Mal etwas genauer. Er hatte eine ähnliche Statur wie er und die gleichen dunklen Haare. Sie mussten etwa im gleichen Alter sein. Plötzlich flammte ein Gedanke in ihm auf. Es war ein vollkommen irrationaler Gedanke, aber trotzdem klammerte er sich daran. Was, wenn dieser Mann Mareike umgebracht hatte und ihm den Mord in die Schuhe schieben wollte?

„Ich habe Mareike nicht umgebracht“, sagte er nüchtern und setzte dabei alles auf eine Karte. Die eine Karte, die er noch hatte, die zwar im Widerspruch zu den Fakten und jeglicher logischen Schlussfolgerung stand, aber trotzdem seine einzige Hoffnung war. Der Mann unter ihm sah ihn nur abschätzig an. David hielt es nicht mehr aus. „Ich habe Mareike nicht umgebracht.“ Doch es klang eher nach einer Frage als nach einer Aussage. „Oder?“, schob er fast etwas kleinlaut hinterher. Etwas veränderte sich in dem Gesicht des Mannes. Sein Mund war zu einem erbitterten Grinsen verzogen, doch seine Augen strahlten nur eines aus: Hass.

„Genieß‘ diesen Augenblick David, halte dieses Gefühl fest. Das Gefühl des Zweifels. Spürst du es? Ich möchte, dass du dich darauf konzentrierst. Auf deine Schuld.“

David schüttelte den Kopf. Er durfte sich jetzt nicht ins Gewissen reden lassen. Musste an seiner Überzeugung festhalten. „Ich habe sie nicht getötet“, wiederholte er.

„Verrückt, nicht?“, erwiderte der Mann mit einer Ruhe, die David immer wütender machte. „Wenn man so sehr an sich zweifelt, dann erkennt man sich in den unrealistischsten Bildern wieder. Was einem die Sinne für Streiche spielen können, wenn man auf seinen Verstand und sein Gedächtnis nicht mehr vertrauen kann, nicht wahr?“

„Also stimmt es?“, rutschte es David heraus, während ihm ein dicker Tropfen den Rücken hinunterlief und die Nässe des Bodens durch seine Hosenbeine drang. Dieser Mann hatte ihm die schlimmsten Stunden seines Lebens beschert. Es war noch schlimmer gewesen als damals. Wie hätte er jemals wieder normal leben können, mit dem Gedanken, seine eigene Freundin auf dem Gewissen zu haben? Dieses Mal hätte ihm noch nicht einmal der Alkohol dabei helfen können, diese Gedanken loszuwerden. Der Andere lächelte wieder sein böses Lächeln. „Ich musste nur einen kleinen Einkauf tätigen und zwei Bilder bearbeiten, um dein Gesicht einzusetzen. Dann die Klamotten in deiner Wohnung austauschen, alles drapieren, während du geschlafen hast wie ein Baby. Es war so einfach. Aber die eigentliche Frage ist: Könntest du es wirklich tun? Jemanden umbringen?“

„Wen denn bitte?“, frage er überflüssigerweise und wollte die Antwort auf die Frage gar nicht wissen, obwohl sie sich in seinem Kopf schon an die Oberfläche geschoben hatte. Sie drückte gegen seine Schläfen, als wollte sie dort austreten, um es ihm direkt ins Gesicht zu schreien. Das Geheimnis. Die Wahrheit. Der Mann nutzte den Moment und schlug David das Messer aus der Hand. Er schaffte es mit ein paar Handgriffen, ihn zu überwältigen und nun ihn am Boden festzunageln. „Die Antwort lautet: ja! Du hast sie umgebracht, hast mich umgebracht“, zischte er, sodass David zusätzlich zu dem unaufhörlichen Regen Spucketropfen ins Gesicht flogen. Sein gesamter Körper erschlaffte, als die Erinnerung, die er so tief begraben hatte, ihn plötzlich wieder mit voller Kraft traf. Der Alkohol und die Zeit hatten ihm das Verdrängen leichter gemacht, aber nun kam alles zurück. Es war vor fünf Jahren gewesen. Er war nicht mehr ganz nüchtern und mit dem Kopf voller anderer Gedanken ins Auto gestiegen. Er hatte das andere Auto nicht kommen sehen und war viel zu weit auf der anderen Straßenseite gefahren. Sie war ihm entgegengekommen und hatte ihm ausweichen wollen. Dabei war sie von der Straße abgekommen und frontal gegen einen Baum geprallt. Er war stehen geblieben, doch es hatte sich nichts in dem anderen Auto geregt. Da hatte er es mit der Angst zu tun bekommen und hatte im Affekt die falsche Entscheidung getroffen. Schon damals wollte er einfach alles verdrängen. Es war eine verlassene Landstraße gewesen, keine Person weit und breit. Da hatte er den Motor gestartet und war einfach weitergefahren, hatte sie dort gelassen und jeden Kontakt mit dem Vorfall seitdem vermieden.

„Ich habe mich für ihren Tod verantwortlich gemacht. Sie war meine Freundin, ich habe sie geliebt – über alles. Wir hatten uns gestritten, ich habe sie angebrüllt. Dann ist sie abgehauen, mit dem Auto. Kurz danach bekomme ich die Meldung, dass sie einen Unfall hatte. Ich dachte, ich wäre schuld daran, dass sie nicht richtig auf die Fahrbahn geachtet hatte, dass sie außer sich war, alles wegen einem unnötigen Streit. Sie war nicht mehr ansprechbar und ist kurz danach gestorben. Ich habe später bei ihren Sachen einen Zettel gefunden, auf dem ein Kennzeichen notiert gewesen war. Dein Kennzeichen. Der Polizei hätte es nicht gereicht, Isa war immerhin nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Also habe ich dich ausfindig gemacht. Du hast mich monatelang glauben lassen, dass ich für ihren Unfall und ihren Tod verantwortlich war, weil du zu feige warst für die Wahrheit. Der Zweifel und mein schlechtes Gewissen haben mich zerfressen, bis ich diesen Zettel gefunden habe. Du hast nicht nur sie umgebracht, sondern auch mich. Dafür solltest du büßen. Du solltest das gleiche fühlen wie ich, bis zu deinem Tod. Du solltest heute sterben, mit dem Gedanken, deine eigene Freundin getötet zu haben. Jetzt weißt du zwar Bescheid, aber dem Tod kannst du nicht mehr entgehen. Ich werde Isa rächen.“

Mit diesen Worten legte er seine Hände um Davids Kehle und drückte zu. David schnappte nach Luft und versuchte verzweifelt seine Arme von den Knien des Mannes zu befreien, doch er war zu stark. Davids Kraft ließ nach. Die Wahrheit erschlug ihn nahezu. Er hätte ohnehin kein Recht dazu gehabt, weiterzuleben, wo er für den Tod zweier anderer verantwortlich war. Aber dann wurde ihm etwas anderes klar: Er stand gerade Mareikes Mörder gegenüber. Er hatte sie umgebracht, obwohl sie keinerlei Schuld traf. Er musste überleben, für Mareike. In diesem Moment ertasteten seine Finger das Messer, das mit etwas Abstand noch neben ihnen lag. Ohne lange nachzudenken, ergriff er es und rammte es dem Mann in die Seite. Er wusste nicht, ob der Stich ihn umbringen oder nur verletzen würde. Aber der Mann lockerte kurz seinen Griff. David nutzte die Gelegenheit und stieß ihn von sich weg. Dann rannte er, rannte weg von ihm, das blutige Messer in seiner Hand. Floh erneut.

3 thoughts on “Und er floh

Schreibe einen Kommentar