Sabine ZimmermannUnfallfolgen

 

Patrick geh nach Hause. Ich mache den Rest alleine.“,wandte Isolde sich an ihren Mitarbeiter. „Meinen sie wirklich, Frau Bergmeister?“ „Ja. Du warst heute hervorragend. Eine ganze Schulklasse, die sich in in unserer kleinen Bücherei tummelt ist anstrengend. Ich räume nur noch auf und dann mache ich auch Feierabend.“ „Na gut. Dann einen schönen Tag noch.“. Patrick war erst seit drei Monaten ihr Mitarbeiter und ihr eine große Hilfe.Es hatte lange gedauert, bis sich jemand um die frei gewordene Stelle beworben hatte. Langsam sammelte sie ein paar herumliegenden Bücher ein und stellte sie in die richtigen Regale.’Heute war wirklich viel los gewesen.‘,seufzte sie innerlich. Erst kam die Seniorengruppe am Vormittag und dann die Kinder am Abend.Zwischendurch waren noch einige einzelne Kunden da gewesen, von denen sie einen mit dem langersehnten, vorbestellten Thriller besonders glücklich hatte machen können. Als die Bibliothekarin ein Märchenbuch in das Regal schob fiel auf der anderen Seite etwas mit einem leisen Knall auf den Boden. Sie ging um das Regal herum.“Na, das wird wohl jemand vermissen.“,sprach Isolde zu sich selber und hob ein Handy vom Boden auf.Sie war versucht nachzuschauen, ob sie herausfinden könnte wem es gehört, aber letztendlich steckte sie es nur in ihre Hosentasche. Es war spät, es regnete,sie war müde und sie hatte heute keine Lust mehr sich um irgendetwas zu kümmern. Sicher würde der Besitzer sich morgen früh von selbst melden. Irgendwo klapperte etwas leise. Isolde blickte sich etwas angespannt um. War noch jemand in der Bibliothek? Hatte sie einen Kunden übersehen?

 

Hallo? Hallo, ist da jemand? Ich habe schon geschlossen.“ Vorsichtig schaute sie in den Eingangsbereich. Doch es war nur die Tür,die leicht im Wind klapperte. “Patrick hat wieder nicht richtig zugezogen.“,stellte sie erleichtert seufzend fest. Mit einem Ruck klinkte sie die Tür ein und schloss ab. Feierabend!Ihre privaten Wohnräume grenzten direkt an die Bücherei. Eine anklagend miauenden Katze begrüßte sie sobald sie die Wohnungstür öffnete.“Na Sam, bist du schon am Verhungern? Isolde streichelte den kleinen Stubentiger. Sie lebte alleine mit Sam und ihren fünf Goldfischen. Aber das war in Ordnung. Isolde mochte es bei der Arbeit mit Menschen zusammen zu sein, aber privat weniger. Sie fütterte Sam und machte es sich dann in ihrem Ohrensessel bequem.An ihrem Laptop stellte sie klassische Musik ein, setzte den neuen schnurlosen Kopfhörer auf zu dem Patrick ihr geraten hatte und schloss einen Moment genüsslich die Augen.Sam rollte sich auf ihren Beinen zusammen. Endlich Ruhe! Nur das samtige Brummen aus der Katzenkehle drang noch durch die Abendstille.

 

 

Ohrenbetäubender Krach ließ Isolde aufschrecken. Was war das? Wo war sie? Sie riss den Kopfhörer runter und schaute sich hektisch um. Ihr Blick ging an der Wanduhr vorbei, die halb acht am Vormittag anzeigte. Dann war es plötzlich wieder still. Das Herz der Bibliothekarin raste,sie fühlte wie ihr Magen sich schmerzhaft zusammenzog. Nie hörte sie Heavy Metal! Diese Musik weckte Erinnerungen, die sie nicht haben wollte. Woher verdammt war diese Musik hergekommen? Stand jemand vor dem Fenster und erlaubte sich einen schlechten Scherz? Die Jugendlichen, die sie letzte Woche aus der Bücherei verweisen musste? Hatte sich jemand bei ihr eingeschlichen? Warum saß sie immer noch im Sessel? War sie gestern eingeschlafen? Sie sprang auf und der Kopfhörer fiel auf den Boden. Vorsichtig zog sie die Fenstervorhänge einen Spalt zur Seite.Doch draußen war nichts. Vom Park, in dem das alte Bibliotheksgebäude stand, hörte man nur den Regen. Das Wetter war immer noch genauso schlecht wie gestern Abend. Da war sie wieder! Die Musik! Aber diesmal ein anderes Lied, etwas ruhigeres. Es kam eindeutig aus ihrem Zimmer.Sie hob den Kopfhörer auf und lauschte. Ja, es kam daher. Sie spürte Angst,fühlte sich beobachtet. Isolde hob den Laptop hoch,aber dessen Akku war über Nacht leer geworden. Aus ihrem Kopfhörer kam der Soundtrack eines Western der vom Tod handelte.Warum nur? ‚Das Handy‘, fiel Isolde ein. Das hatte sie immer noch in der Hosentasche! Könnte es möglich sein, dass es daher kam?‘,überlegte sie. Isolde hatte von Technik nicht viel Ahnung. Sie holte das Handy und drückte den Einschaltknopf. Aus dem Kopfhörer tönten die letzten Takte, dann war nur noch Isoldes schnaufende Atmung im Raum zuhören.Doch auch die blieb aus, als sie auf den Sperrbildschirm sah.

 

 

Sie sah sich selbst! Sie lag schlafend im Bett und am Fußende hatte sich Sam zusammengerollt.Der Kalender neben dem Bett zeigte das Datum von letzten Montag an. Hektisch wischte sie weiter. Der Startbildschirm war bei jedem Handy das sie kannte voller kleiner bunter Symbole. Hier aber war, auf weiß-schwarzem Hintergrund, nur ein einziges Symbol: Ein gelber Ordner mit dem Titel “Bereue es.“. Sonst nichts. Isolde schluckte, das kleine Gerät zitterte in ihren Händen. Sie hatte Angst!Dass das Handy nicht mal gesperrt gewesen war, fiel ihr gar nicht auf. Sie starrte nur auf den Hintergrund den sie als die Fotografie eines ihr gut bekannten Dokumentes identifiziert hatte. Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu. Da waren wieder Geräusche in der Wohnung. Ein leises Klicken, sie meinte auch Schritte zu hören, dann ein leises Schnarren. Angstvoll lauschte sie und drehte sich vorsichtig um. Aber es war nur die Pumpe des Aquariums die, wie immer um 7.45 Uhr, angesprungen war.’7.45 Uhr, dann müsste Patrick doch in der Bibliothek sein. Seine Arbeit fing um 7.30 Uhr an.Warum hatte er noch nicht nach ihr gerufen? Er wusste, dass sie immer um sieben Uhr anfing zu arbeiten‘, dachte sie. Auf zitternden Beinen ging sie in die Bücherei,immer mit der Angst,dass irgendwo jemand aus einer Ecke stürzte und sie überfallen könnte.

 

„Patrick? Patrick, sind Sie da?“ Es blieb still. Patrick war offensichtlich nicht da. Und trotzdem fühlte Isolde sich beobachtet. Sich immer wieder umschauend, vorsichtig um die Regale spickend, ging sie zur Tür.Sie zuckte zurück, als ihre Füße gegen etwas am Boden stießen. Auf der Fußmatte innen vor der Tür, direkt unter dem Briefschlitz, lag eine Notiz. Die krakelige, leicht verwischte Schrift kam ihr bekannt vor, konnte sie aber nicht sofort zuordnen. Was ihr Frösteln steigerte. Die Notiz war von Patrick. ‚Ich komme heute nicht zur Arbeit.Ich bin krank.‘, stand darauf geschrieben.’Ausgerechnet heute! Das durfte doch nicht wahr sein!’dachte sie sich. Einerseits erleichtert und andererseits unzufrieden. ‚Aber warum hatte er nicht einfach angerufen?’überlegte sie. Ein kleiner, fieser Gedanke schlich sich in ihren Kopf.’Patrick hat mir erzählt, dass er sein Handy verloren hat. Steckt er womöglich hinter dem Ganzen? Ist seine Krankheit nur eine Ausrede, und er schleicht jetzt hier herum und versucht sie in den Wahnsinn zu treiben?‘ Das konnte sie sich zwar nicht vorstellen, aber er war der Einzige der einen Ersatzschlüssel zur Bibliothek besaß. ‚Oder hatte am Ende irgendjemand Patrick in seiner Gewalt? Und täuschte nur vor, dass die Notiz von ihm ist?‘ Ihr Kopf lieferte ihr viel zu viele schreckliche Möglichkeiten. Noch immer wusste sie nicht, warum das Ganze überhaupt passierte. ‚Aber begingen Verbrecher ihre Taten immer mit einem Sinn?‘,überlegte sie. Ihr wurde schwindelig und am nächsten Regal musste sie sich anlehnen. „Bloß nicht umfallen!“,sprach sie zu sich selbst. Da war es wieder!Wieder dieses Gefühl beobachtet zu werden.Dieses Gefühl, als wenn sich die Nackenhaare aufstellen und ein kalter feiner Windhauch dadurch zog. Doch sie sah niemanden. Sie brauchte Hilfe. Sie hatte das Handy bei sich, damit würde sie die Polizei rufen! Isolde versuchte ihre Atmung und ihre Gedanken zu beruhigen und nahm dann das Handy in die Hand. Der kleine gelbe Ordner war immer noch da und schrie sie förmlich an: „Öffne mich!“.Kleine Hautfetzen von ihren Lippen auf denen sie biss,fielen auf das Display, während sie den Finger zwischen ihm und der Möglichkeit den Notruf zu wählen schweben ließ. Der Finger berührte den Ordner..

 

 

‚Nein!Niemand konnte davon wissen! Niemand!‘ Sie sah das Unmögliche vor sich. Den veröffentlichten Alptraum ihres Lebens, der in dieser Zusammensetzung gar nicht existieren konnte.Sie hatte doch alles aufgegeben.Isolde kroch nicht nur die Angst, sondern auch ihr Mageninhalt ihren Hals hoch und sie eilte stolpernd in ihr Bad. Sie wusste nicht wie lange sie vor der Toilette gekniet hatte,als sie wieder einen Gedanken fassen konnte. Sie zog das Handy, welches vor ihr lag, zu sich, atmete noch einmal tief durch, und richtete dann langsam ihre Augen darauf um sich alle Fotos einzeln anzusehen.5 Fotos.Jedes hatte eine eigene Unterschrift. Unter dem ersten Bild stand „Ich weiß es“. Es war die Aufnahme einer Frau mittleren Alters die eindeutig ein schwerer Pflegefall war. Das Bild war schon älter ,wahrscheinlich irgendwoher abfotografiert. „Schuld“,stand unter dem Zweiten, welches das Abbild eines Zeitungsartikels von einem schlimmen Autounfall war. Auf dem Dritten sah Isolde zwei Säuglinge.“Einsam!“ war dessen Unterschrift. Das verstand sie nicht. Das Vierte war schlussendlich ein zusammengefügtes Bild aus zwei Bildern, links ein Bild von einem Mann und einer Frau die sich im Arm hielten, rechts ein ganz aktuelles Bild von ihr selbst. Isolde blieb die Luft im Hals stecken. Sie wusste was das hieß. Alles was sie seit Jahrzehnten verborgen und vernichtet hatte, wusste ein Fremder. Aber woher? Wie hatte er sie gefunden? Nur das Bild mit den Babys passte nicht in die Serie. Das konnte sie nicht einordnen. Isolde starrte auf das einsame Wort „Feigling“ unter dem 5. Bild. Es war keine Fotografie, nur ein einsames Wort auf blutrotem Hintergrund „Du zahlst!“ Isolde presste die Zähne zusammen bis sie schmerzten um das Gefühl schreien zu müssen zu unterdrücken. Ihr Herz drückte, als wollte es aus dem Brustkorb springen. Da kam sie wieder, diese Musik. Aus dem Kopfhörer auf ihrem Sessel. So laut, dass sie es bis in das Bad hören konnte. Der Titel der mit dem Tod zu tun hatte, der ihr aber nicht einfiel. Isolde fragte sich schon nicht mehr, warum ihrem Kopf diese Frage gerade so wichtig war.Warum es nicht wichtiger war, wieso Musik aus einem Kopfhörer kam,der nirgendwo angeschlossen war.Sie konnte nun weglaufen oder den Verstand verlieren.Was sie nicht machen durfte,war die Polizei rufen. Das war klar. Denn sie wollte auf keinen Fall ins Gefängnis. Dahin zukommen hatte sie seit 32 Jahren vermieden.Sie wollte doch nur ihr ruhiges Leben als Bibliothekarin weiterführen.

 

‚Die Büchereitür! Sie ist noch offen! Oder hatte ich sie noch nicht geöffnet?‘,fiel ihr da ein. Lesehungrige Bürger konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Vorsichtig erhob sie sich, steckte das Handy ein und als der Schwindel nachließ ging sie zur Tür. Sie war verschlossen. Doch Isolde spürte Augen in ihrem Rücken. Und sie hörte tatsächlich leise Schritte! Sie zog langsam ein gewaltiges Exemplar einer Enzyklopädie aus dem Regal und drehte sich damit um. Vor ihr stand ein Mann der sie stumm aus eisblauen Augen anstarrte.

 

 

Patrick! Gott sei Dank! Du hast mich vielleicht erschreckt! Geht es dir doch wieder besser?“ Isolde ließ erleichtert ihr Buch sinken. Es war niemand Fremdes in der Bücherei! Diese Bilder machten sie wirklich verrückt! “Aber du kannst wieder gehen. Wir lassen heute zu. Ich, ich fühle mich heute nicht.“ Sie versuchte eine sichere Stimme zu haben. Er antwortete nicht. Starrte sie nur an. Isolde wurde nervös.“Patrick, was ist?“ Er schwieg weiter. Schließlich ging er zur Tür, zog den Schlüssel ab und ließ ihn in seine Jackentasche fallen.

 

„Patrick? Patrick, was tust du da?“ Er schob sie weiter in die Bibliothek, bis sie an ein Regal stieß. „Was soll das? Patrick…“ „Du hast das Handy gefunden. Und du hast es dir schon angesehen.“, raunte er. „Patrick, nein, wieso? Also, ich meine..du, wieso…warum?“Isolde stotterte vor sich hin. Angst und Unglaube hatten sie erfasst.

 

Patrick? Hatte ich dir schon meinen Namen gesagt? Habe ich mich dir als Patrick vorgestellt?“ Das Grinsen wurde noch hämischer. Isolde starrte ihn an. Das war Patrick vor ihr!Er sah hundertprozentig genauso aus. War genauso gekleidet. Klang vielleicht etwas heiserer, aber vielleicht bekam er ja eine Erkältung. Es war Patrick, das würde sie schwören! Es klingelte in ihrer Hosentasche.

 

„Ich heiße Michael.Du wirst mir gleich glauben. Schau dir das Bild an. Los.“ Er deutete auf ihre Hose und kam ihr noch näher,Isolde spürte seinen übelriechenden Atem in ihrem Gesicht. Sie nahm das Handy in die Hand. „Wie, wie haben Sie das gemacht?“Sie war vom Schock ergriffen. Starrte den Mann vor sich einfach nur an. „Bluetooth. Funktioniert bei Handys und übrigens auch bei Kopfhörern wie deinem..“ Er grinste sie hämisch an.„Oder meinst du, was ich mit ihm gemacht habe? Er sieht doch gut aus,oder?Irgendwie passend zu meiner Musikauswahl für dich.“ Damit deutete er auf das Bild auf dem Patrick zu sehen war, blutbefleckt und scheinbar leblos. Isoldes Beine gaben nach und sie erbrach die spärlichen Reste, die ihr Magen noch hergab auf den Fußboden.“ Wie du siehst,Patrick hat fristlos gekündigt.“ „Warum haben Sie das getan?“,fragte sie leise,als ihr Körper sich beruhigt hatte.“Es musste sein. Das gehörte zum Plan.“, antwortete der Mann. „Was? Wieso? Was für ein Plan? Wessen Plan? Patricks Plan? Ihr Plan? Er wollte Geld sparen bis er auswandern könnte. Er träumte von Australien.Seinen Eltern wollte er auch Geld geben. Das war sein Plan.“ „Sein Plan? Seine Eltern? Die Menschen bei denen er aufwuchs waren seine Adoptiveltern. Leute vom Land, die ihn streng erzogen und hart arbeiten ließen. Er hatte es vielleicht etwas besser als ich. Kann schon sein. Ich war immer ein schlimmer Junge gewesen. Weißt du, als ich sechs Jahre alt war wollte ich wissen, ob Hasen brennen können. Mein Adoptivvater zeigte mir nach Abschluss meines Experimentes wie gut er mit dem Gürtel umgehen konnte.“ Einen Moment schien Isolde Traurigkeit in den Augen des Mannes zusehen.“Patrick wurde adoptiert,das wusste ich nicht. Aber was hat das mit mir zu tun? Was hat das mit den, …mit den Bildern auf dem Handy zu tun?“ Isolde konnte die Worte vor lauter Furcht kaum aussprechen.“Ich habe nie Kinder gehabt, ich kannte weder Patrick bevor er hier anfing, noch kenne ich Sie. „Es hat alles mit Dir zu tun. Das weißt du doch. Hast du es nicht erkannt? Nein, wahrscheinlich nicht. Nach soviel Zeit wäre es dir vielleicht auch nicht aufgefallen. Und lass das „SIE“. In einer Familie siezt man sich doch nicht.“ Der Mann stand noch immer mit demselben hämischen Grinsen über Isolde, die immer noch auf dem Boden hockte.“Nochmal, ich heiße Michael.Und das schon seit 31 Jahren. Schau mich an.Fällt dir dazu etwas ein?“.Er zog Isolde grob am Arm, zwang sie ihn anzuschauen. Isolde sah nur Kälte. Eine eisblaue Kälte. Augen,ja genau wie Patricks. Und es waren Augen wie ihre … Konnte es sein? Nein, das muss ein teuflischer Zufall sein! Sie war tot gewesen. Isolde war sich sicher. Aber wenn doch? Sie sah doch gerade in Anjas Augen.Hatte sie am Ende noch mehr Schuld auf sich geladen? Von der sie nichts wusste? „Fällt dir etwas ein?“ Wieder schüttelte er sie grob und das hämische Grinsen verwandelte sich in eine bösartige Fratze. „Nein? Ich glaube dir nicht.“ Isolde spürte, sie wurde gerade von ihrer Vergangenheit eingeholt. Die Bilder, die ihr eigentlich nie mehr zugeordnet werden konnten, die gar nicht existieren durften. Der Mann dessen Grund hier zu sein sie immer noch nicht verstand. Sie wusste nur, das sie ihr Ziel, alles von damals für immer zu vergessen, verloren hatte. „Du sollst mich duzen, habe ich gesagt.Ist das endlich klar? Oder möchtest du vielleicht lieber deiner Katze folgen?“ Er zog sie noch näher an sich, sie spürte seinen warmen Atem an ihrer Wange und er zog eine Pistole aus der Hosentasche.“Was ist mit Sam? Was haben Sie getan?“ Isolde liefen die Tränen die Wangen runter.“Schauen wir doch mal nach.“ Michael schubste sie vor sich her in Richtung ihrer Wohnräume.

 

 

„Nein!Sam!“Isolde stürzte zu dem Aquarium in dem ihr Kater zwischen den Goldfischen trieb. Mit einem Griff zog sie ihn heraus und drückte das nasse Tier an sich. „Du Bastard! Du Miststück!“, versuchte sie sich auf ihn zu stürzen.„Schön, dann sind wir ja jetzt endlich beim „Du““.Er stieß Isolde grob in den Sessel. Sam fiel auf den Boden. Michael setzte sich auf einen Stuhl und starrte sie an. Sie wollte ihn nicht ansehen und doch konnte sie sich seinen Blicken nicht entziehen. Die Zeit verging. Nichts passierte.

 

Hose aus.“ Kurz und scharf kamen die Worte aus Michaels Mund. „Was?“ „Du sollst die Hose ausziehen. Und die Unterhose.“ „Niemals.“ Michael schoss. Die Wände des Aquariums barsten, Wasser und Fische flossen auf den Teppich und blieben zwischen den Beiden liegen. Mit dem Absatz drückte er langsam auf die zappelnden Aquariumbewohner. „Das könntest auch du sein..“ „Nein. Nein. Ich weiß nicht, was das hier soll, aber ich, ich wollte, ich will nur..“ Michael zuckte mit den Beinen, Isolde sprang auf, mit zitternden Händen befreite sie sich von ihrer Kleidung und stand dann halb entkleidet vor ihm.“Geht doch! Und nun den Rest!“ Isolde rührte sich nicht. Michael schaute sie an. Er nahm einen Taser aus der Jackentasche, sowie die Pistole und das Handy welches er Isolde inzwischen abgenommen hatte und legte alles ab. Im nächsten Moment sprang er auf und packte Isolde um ihr die Bluse aufzureißen. Reflexartig schlug sie seine Hand weg. Eisblaue Augen trafen auf dunkelgrüne, als Kugeln durch den Raum jagten. Bilder flogen von der Wand und eine große Blumenvase zerschellte in Einzelteile. Er schubste Isolde in den Sessel zurück.Er war zufrieden mit dem was er gesehen und gespürt hatte. Michaels Blick war fast freundlich.Für genau zwei Sekunden. Dann wurde er wieder eiskalt. „Genug geplaudert.“ Er zog aus seiner Jacke die gleichen fünf Fotos wie sie auf dem Handy waren und schmiss sie auf das Gemisch aus Katzen- und Fischüberresten. Er zeigte auf die Bilder:“Du bist Schuld, Du bist feige und hast sie,“, dabei deutete er auf das Bild mit den beiden Säuglingen,“einsam zurückgelassen. Heute bezahlst du. Und du erzählst die Geschichte. Nennen wir sie „Das Märchen von der feigen Bücherfrau“.“

 

Isoldes Magen drehte sich, der Kopf schmerzte und sie brachte keinen Gedanken zustande. „Ich weiß es nicht.“ „Falsche Antwort.“ Der Schmerz in ihrem linken Knie folgte sofort auf den lauten Knall der Pistole und ihrem Schrei. „Das nächste Mal wird es der Bauch sein.“, sagte Michael.“Nochmal. Ich weiß alles. Aber ich will es aus deinem eigenen Mund hören.“ Dabei kam er Isolde wieder näher, beugte sich bis zu ihrem Ohr. „Sag es.“ Er drückte die Pistole auf ihre Bauch,aber löste sie nicht aus. Isolde war nassgeschwitzt, sie spürte das Blut am Knie und den Schmerz, der sich bei der kleinsten Bewegung wie ein Messer hoch in ihren Rücken schob. „Es,es war ein Unfall.“, wimmerte sie. Er riss eine Handvoll ihrer blonden Haare aus. „So ein Quatsch! Ihr fuhrt am 27.6. 1991 nachts mit dem Auto auf einer Landstraße. Ihr wart auf einer Party gewesen und ihr hattet getrunken. Du wolltest unbedingt mit dem Auto nach Hause fahren und Anja war so unvernünftig und ist mit eingestiegen,weil es das Auto ihrer Eltern war.Es war dunkel, es regnete,ihr hörtet laut Heavy Metal, und dann kam das Reh. Du wolltest ihm ausweichen, fuhrst in den Graben und das Auto überschlug sich. So stand es im Polizeibericht. Darin stand auch, das du dich einfach aus dem Staub gemacht hast. Also, dass die zweite Person, die definitiv in dem Auto saß, verschwunden war. Du bist nie wieder aufgetaucht. Bist feige abgehauen und hast Anja ohne ohne Bedenken schwerst verletzt liegen lassen. Ein LKW-Fahrer hat sie gefunden. Im letzten Moment.“ ‚Schwer verletzt‘, dachte Isolde und riss die Augen auf.“Anja war tot.Tot! Ja, ich, wir,wir waren besoffen,sie war nicht angeschnallt und dann ist sie durch die Frontscheibe geflogen. Sie. War. Tot! Ich hatte Glück, ich war angeschnallt.Ich lief zu ihr und da lag sie, ich fühlte ihren Puls… Anja war tot und ich mit einem Bein,nein mit zwei Beinen, im Knast.Ich wusste damals nicht was ich tat! Ich hatte Angst! Ich habe sie ins Auto gelegt, auf den Fahrersitz und bin abgehauen.“ Isoldes Stimme brach, sie schluchzte nur noch. Sie konnte es nicht glauben. ‚Anja hatte diesen schrecklichen Verkehrsunfall überlebt? Was wäre gewesen, wenn sie nicht weggelaufen wäre?‘,dachte sie.

 

 

„Es wäre besser für Anja gewesen, wenn sie gestorben wäre. Sie überlebte als Schwerstpflegefall.Sie war querschnittsgelähmt und hatte mehrere Schädelbrüche. Sie konnte sich vom Hals ab nicht bewegen,sie hatte die Sprache verloren. Später kamen weitere Komplikationen, Beatmung, Wachkoma. Anfangs konnte sie noch einzelne Laute von sich geben und mit den Augen blinzeln, aber die letzten Jahre lag sie nur noch wie eine Puppe im Bett. Aber das war nicht das Schlimmste für sie gewesen. Anja war schwanger mit Zwillingen als der Unfall passierte!Sie hatten es überlebt, sogar relativ gut. Anja bekam mit wie die Kinder in ihr wuchsen, während sie bewegungslos in ihrem Krankenhausbett lag, abhängig von der Pflege und dem guten Willen Anderer. Sie sah die Beiden einen kleinen, kurzen Moment, nachdem man sie per Kaiserschnitt geboren hatte, sie erkannte sie als ihre, und dann nahm man sie ihr weg. All das steht in der Krankenakte! Und du bist schuld!Schuld, dass die Kinder ohne Mutter, ohne Vater aufwuchsen!“ Isoldes Tränen flossen unaufhaltsam. Das konnte einfach nicht wahr sein,das durfte nicht wahr sein!Sie hatte keine Schwangerschaft bei Anja bemerkt! Das sagte sie auch. „Du glaubst ich lüge? Schau mich ganz genau an! Wen siehst du da? Schau meine Augen an!Du erkennst sie doch!“ Stromstöße rasten durch Isoldes Brustkorb und bevor sie das Bewusstsein verlor,sah sie es.

 

Es dämmerte, als Isolde wieder aufwachte. Ihr Hals brannte, die Mundhöhle war irgendwie verklebt und ihr Rücken schmerzte. Sie versuchte die Position zu wechseln was aber nicht möglich war. Er saß immer noch dort und Isolde wusste, die Geschichte war noch nicht zuende erzählt. Sie wusste aber, es ging ihm nicht um die Augenfarbe, es war die seltene Form. Denn sie sah Ihn.Ihn, den sie nie wieder sehen wollte. Sie spürte die Fesseln um ihren nackten Bauch und das Blut um sie herum.Sie versuchte etwas zu sagen, doch ihr Mund war..

 

Leer. Der Mund war leer, ihre vor Panik geweiteten Augen wurden immer größer und sie spürte den Schaum in ihrem Rachen,der das Atmen immer schwieriger machte.

 

„Ich sagte doch du zahlst.“,fuhr er fort, ihr Leiden ignorierend. „Anja starb vor sieben Jahren mit 44 Jahren in einem Altenheim, wo sie die letzten 15 Jahre verbrachte. Ihre Zwillinge waren erst in ein Heim gekommen, danach wurden sie adoptiert, der Ältere mit einem Jahr,der Jüngere mit fünf Monaten. Irgendwann fand der Jüngere einen Stapel Papiere im Büro seines vermeintlichen Vaters, er konnte erst wenig lesen,aber „Adoptivkind“ das verstand er. Später, als er gut lesen konnte, las er heimlich alle Papiere und begriff alles. Er war adoptiert worden, hatte einen Zwillingsbruder und seine „Tante Anja“ die er immer wieder in diesem Heim besuchen musste, war gar keine Tante, sondern seine Mutter. Er hasste diese Besuche. Weißt du, wie es für ein kleines Kind ist, diese Geräusche der Geräte, das Piepsen, das Brummen zu hören, den Krankenhausduft zu riechen ohne es zu verstehen? Und das jeden einzelnen Monat? Sein Adoptivvater versuchte viele Jahrelang den Unfallverursacher zu finden, aber er hatte keinen Erfolg. Der Ältere beschloss irgendwann, das alle für sein Schicksal zahlen müssten.Dafür, das man ihm die richtige Familie genommen hatte und dafür, dass sein Leben eine Lüge war. Seine Adoptiveltern kamen plötzlich bei einem Autounfall durch versagende Bremsen ums Leben.Er nahm die Unterlagen an sich, kam in verschiedene Heime,studierte Jura und verbrachte seine ganze Freizeit mit Recherchen. Bis er endlich alles gefunden hatte, was er suchte. Dann machte er sich auf den Weg seinen Plan umzusetzen.“

 

 

Michael stand auf und legte das Handy auf den Tisch neben den Sessel.“Ich werde dich nicht töten.Dein Leben liegt in deiner Hand.Du wirst von alleine sterben oder du erreichst das Handy noch rechtzeitig und kannst den Notruf wählen.Dann überlebst du auf ewig leidend so wie Mama.Auf ein „Auf Wiedersehen“ von dir werde ich gerne verzichten“ Aus Isoldes zerstörten Körper schrie die Verzweiflung. Sie sah das Messer, den Fleischklopfer, den Mann, das Blut auf ihrem Körper und das Handy. Ein letzter Hoffnungsschimmer. Bis ihr Blick auf den kleinen Muskel, der eigentlich in ihrem Mund gehörte, und die Trümmer ihrer Finger und Arme fiel. War ein Notruf so möglich? Michael drehte sich in der Tür noch einmal um und winkte. Aus der Küche trat eine weitere Person in das Wohnzimmer. „Michael ist kein Brudermörder. Ich lebe. Aber ich habe sein kleines Spiel gerne mitgemacht, nachdem er mich gefunden hatte. Du hast einen sehr unruhigen Schlaf, weißt du das eigentlich? Sind das alte Schuldgefühle? Weil du, nachdem du unsere Mutter im Auto liegengelassen hast, deinen lang unterdrückten Gefühlen nachgegeben hast? Die brauchst du nicht.“ Patrick schwenkte zwei Pässe in seiner Hand. „’Patrick‘ und ‚Michael‘ verschwinden nun auf ewig. Du hast bezahlt. Mit deinem Körper und dem Inhalt der Kaffeedose, die ich gefunden habe.Es waren genau 12525 Euro. Michael hat, wie du ja gesehen hast, deine Geburtsurkunde und die Tagebücher deiner Jugend gefunden.Du dachtest, du hast an alles gedacht. Nur nicht daran, dass deine besonderen Augen dich auch heute noch verraten könnten. Dein einziger Fehler.“ Patrick ging auf den Sessel zu.

 

Wieviel hat dich die Umoperation in Mexiko gekostet, Papa?“

 

8 thoughts on “Unfallfolgen

  1. Hallo liebe Sabine,

    wie schade, dass Du bislang so wenig Likes bekommen hast – ich hoffe, dass noch viele Deine Geschichte lesen und mit einem Herzchen versehen werden – verdient hat es Deine Geschichte allemal! Heftiges Ende 😉 aber ich hab ein kleines Faible für böse Storys, daher triffst Du bei mir voll einen Nerv!

    Liebe Grüße
    Anita („Räubertochter“)

  2. Hallo Sabine,

    Das ist schön eine krasse, böse, blutige Geschichte – aber es hat auch einfach gepasst.
    Wirklich schade, dass du bisher so wenig Resonanz hast.
    Habe ich das Ende richtig verstanden (Achtung SPOILER!!!): Einer der beiden Zwillingsbrüder gibt sich in Zukunft als Vater aus? Das hat mich irgendwie etwas verwirrt… Aber durchaus war dein Ende auch sehr überraschend und hat mir gefallen.
    Deine Hauptperson ist mir übrigens sehr sympathisch und ich wünschte, ich könnte ein Blick in Ihren kleinen Bücherladen werfen… Und den Kater streicheln 🙂
    Hat mich ganz arg an ein Buch erinnert, dessen Name mir nicht einfällt… Falls ich es im Regal sehe, gebe ich Dir nochmal bescheid.
    Länge und Lesefluss waren für mich gut, nur ein paar Absätze, um manchen Sachen mehr Wirkung zu geben, hätte ich mir gewünscht.

    Viel Erfolg weiterhin.

    Alles Liebe,

    Jenny /madame_papilio

    Falls du noch Lust hast meine Geschichte zu lesen, dann freue ich mich natürlich. Du findest sie hier: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/Nur-ein-kleiner-Schlüssel

  3. Hallo Jenny,
    vielen Dank für deinen Kommentar, sie hat mich sehr gefreut. Leider kam ich nicht eher zum Antworten, sorry. Zu deiner Frage: Nein, nicht einer der Brüder gibt sich als der Vater aus….Isolde ist ihr Vater ….nach einer OP die er/sie nach dem Unfall der Mutter durchgeführt hat . Inwiefern die Brüder ihre Identität wechseln…das bleibt des Lesers Fantasie überlassen 😉

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