Edeltraud und Sarah Turowskivegan_cooking_franzi

FRANZISKA

Franziska betrat den Raum, nahm den letzten Schluck von ihrem Milchkaffee und schmiss den Coffee-to-go-Becher in den Mülleimer in der Ecke des Wartezimmers. Trotz ihrer Nervosität musste sie kurz lächeln – es war wirklich ein Glücksfall, dass direkt gegenüber ihrer Wohnung vor knapp einem Jahr das Café Milchmädchen seine Pforten geöffnet hatte. Endlich ein Ort, an dem man guten Kaffee auch mit Mandel- oder Sojamilch bekommen konnte, und das auch nur einen Katzensprung entfernt! Franziskas Lächeln verschwand, als sie sich erinnerte, weshalb sie sich gerade beim Zahnarzt eingefunden hatte: Heute Vormittag war ihr ein kleines Stück vom Backenzahn abgebrochen, als sie eine Nuss aß und auf ein Stückchen Schale biss. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und überlegte, wie sie ihre Follower auf Instagram an ihrer Situation teilhaben lassen könnte. Großartig! Man hatte von hier aus einen wunderbaren Blick auf die Frauenkirche! Schnell schoss sie ein Foto und tippte: „Puh! Ganz schön nervös wegen dem Zahn… Aber immerhin Angst mit Ausblick!“. Franziska lud das Bild in ihrer Story hoch und antwortete auf ein paar aufmunternde Nachrichten, die sie nach ihrem Post heute Morgen erhalten hatte. Sie liebte ihr Dasein als Influencerin „vegan_cooking_franzi“, auch wenn die stetig steigende Anzahl an Followern – mittlerweile schon im hohen fünfstelligen Bereich – bedeutete, dass sie so gut wie immer online war. Sie hatte ihr Handy gerade weggepackt, als sie von der Sprechstundenhilfe aufgerufen wurde und seufzend aufstand.

Eine gute Stunde später verließ Franziska die Zahnarztpraxis und wandte sich Richtung Marienplatz. Für einen Freitagnachmittag Anfang April war es dank der Coronakrise erstaunlich leer, wobei sie ohne den abgebrochenen Zahn heute auch wohl kaum das Haus verlassen hätte. Sie fuhr mit der Zunge über die immer noch leicht betäubte Lippe und lief die Treppen zur U-Bahn herunter. Glücklicherweise kam gerade die passende Bahn und sie huschte vor einem Mann zu einer leeren 4er-Sitzgruppe. Er nahm auf der anderen Seite des Ganges Platz. Ihre Blicke begegneten sich kurz, woraufhin er sich wieder erhob und bereits an der nächsten Station, am Odeonsplatz, ausstieg. Franziska schüttelte den Kopf – sie war ja auch vorsichtig, aber manche Menschen übertrieben es eindeutig mit dem Mindestabstand. Sie hatte gerade ihr Handy gezückt und überlegte, welches Foto sie zu dem veganen Karotten-Pancake-Rezept hochladen sollte, als ein anderes Mobiltelefon zu klingeln begann. Suchend schaute sie sich um, bis sie begriff, dass das Klingeln aus der gegenüberliegenden Sitzgruppe stammte, vermutlich von einem vergessenen Handy des übervorsichtigen Mannes. Natürlich war die U-Bahn bereits wieder in voller Fahrt, weshalb Franziska aufstand und das mittlerweile verstummte Mobiltelefon an sich nahm. Sie drückte auf eine Taste, das Display leuchtete auf und Franziska ließ beinahe das Telefon fallen, denn sie sah – sich selbst. Auf dem Sperrbildschirm des Handys war eine Aufnahme von ihr, wie sie im Schnee einen Milchkaffee trank. Stirnrunzelnd sah sie auf den Bildschirm. Wieso würde eine wildfremde Person ein Foto von ihr als Bild auf dem Sperrbildschirm haben? Zuerst fühlte sie sich geschmeichelt. Womöglich war er ein Follower und Fan von ihr? In letzter Zeit kam es immer wieder vor, dass jemand sie auf der Straße erkannte und nach einem Selfie fragte. Allerdings waren das bislang immer Frauen gewesen, die zugegebenermaßen auch etwas jünger waren als der Mann, der sein Handy vergessen hatte. Sie versuchte, das Handy zu entsperren, doch es war mit einem Code gesichert. Sie versuchte „1234“, denn erstaunlich viele Leute benutzten die Zahlenfolge, ohne sich deswegen zu sorgen. Nicht aber „Mister verlorenes Handy“. Während sie sich überlegte, was sie nun mit ihrem Fund machen sollte, kam ihr ein angsteinflößender Gedanke: Was, wenn er einer dieser verrückten Stalker war? Vielleicht war er auch deswegen so schnell verschwunden, als sich ihre Blicke trafen? Fühlte er sich ertappt? Franziska wurde erst heiß, dann kalt, denn sie musste daran denken, was ihre Freundin Jennifer während des Bachelorstudiums durchmachen musste, nachdem sie einen unliebsamen Verehrer abserviert hatte, der sie daraufhin auf Schritt und Tritt verfolgte. Zum Schluss verließ Jenny kaum noch das Haus außer für ihre wöchentliche Therapiesitzung. Sie erschauderte bei der Vorstellung, dass ihr vielleicht etwas Ähnliches bevorstand. Bei genauer Betrachtung des Fotos fiel ihr auf, dass sie die Aufnahme nicht kannte, sie stammte auf keinen Fall aus ihrem Feed. Das bedeutete, dass er das Bild selber aufgenommen hatte! Franziska wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. Sie trug ihren Wintermantel auf dem Bild und es schneite, das bedeutete, dass er sie nicht erst seit gestern beobachtete! Außerdem war das Foto vor dem Café Milchmädchen gemacht worden, was hieß, dass er vermutlich auch noch wusste, wo sie wohnte! In ihrer aufkeimenden Panik hätte sie beinahe ihre Haltestelle verpasst. Sie hastete im letzten Moment aus der U-Bahn und rannte beinahe nach Hause, während sie alle paar Sekunden einen Blick über die Schulter warf. Franziska hatte gerade die Schuhe ausgezogen und sich bereits zweimal versichert, dass die Haustüre auch wirklich abgeschlossen war, als das fremde Handy wieder klingelte. Ohne zu überlegen, nahm sie den Anruf entgegen: „Ja??“ – Der Mann am anderen Ende sagte nur einen einzigen Satz. Doch dieser ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und offenbarte, dass sie es hier nicht mit einem Stalker zu tun hatte. Nein, es war viel schlimmer als das. Der Mann sagte: „Sommer 2018 – Jetzt weiß ich, dass du es warst!“

Franziska starrte noch Minuten nach dem Anruf auf das Handy in ihrem Schoß. Wie konnte das sein? Niemand wusste, was im Juli vor knapp 2 Jahren passiert war. Es durfte einfach niemand wissen. Es hatte auch keinerlei Zeugen gegeben, da war sie sich sicher. Woher wusste dieser Mann davon? Mit diesem Anruf, mit diesem einen Satz, war Franziskas schlimmster Albtraum wahr geworden. Was nun? Das konnte ihre gesamte Karriere, ach was, ihr gesamtes Leben ruinieren! Was wollte er? Rastlos tigerte sie in der leeren Wohnung umher. Sie wünschte, ihre Mitbewohnerin wäre zu Hause, doch Sabrina saß wegen der Pandemie auf einer philippinischen Insel fest. Doch was würde sie ihr sagen, wenn sie da wäre? „Jemand hat mein dunkelstes Geheimnis herausgefunden und ich drehe durch“? Franziska wusste instinktiv, dass sie diese Nacht kein Auge zu machen würde. Es würde wieder ganz genau wie damals werden, sie würde sich schlaflos stundenlang hin- und her wälzen und falls sie doch einmal einnickte, wenig später schweißgebadet, von fürchterlichen Albträumen geplagt, aufwachen.

Am nächsten Morgen stand Franziska früh auf. Wie erwartet, konnte sie nicht schlafen und fragte sich immer wieder, was der Fremde wohl von ihr wollte und wie sie aus dieser grauenhaften Situation herauskommen könnte. Gleichzeitig lauschte sie auf jedes Geräusch und jedes Knacken, wovon es in dem Altbau, in dem sie wohnte, nicht zu wenig gab. Ihr war speiübel, weswegen an Frühstück nicht zu denken war. Trotzdem öffnete sie Instagram und postete ein Rezept „Veganer Dinkelgrießbrei mit Pflaumenmus und Karamellmandeln“. Bei dem Gedanken an Essen drehte sich ihr zwar der Magen um, aber der Content war Gott sei Dank schon vorbereitet. Franziskas Herz setzte einen Schlag aus, als das Handy erneut klingelte.

DANIEL

Schwungvoll fiel die Eingangstüre ins Schloss. „Wo bist du, Anna?“, rief er. „In der Küche!“, kam es zurück. Er öffnete die Türe, sah Anna und war verblüfft. „Zefix, wer kommt zum Essen? Das reicht ja für 4, was du da schnippelst!“ „Lass dich nicht täuschen, das wird ein veganes Curry. Es fällt in sich zusammen, das ist unglaublich“, entgegnete Anna. „Schau nur, ich habe ein tolles Rezept im Blog meiner Lieblings-Influencerin gefunden. Und die Angaben sind: hier, für 2 Personen.“ Daniel kam näher, hauchte ihr einen Kuss in den Nacken und warf einen Blick auf ihr Tablet.

Von einer Sekunde zur anderen war nichts mehr wie zuvor. Er schnappte das Tablet, vergrößerte das Bild und konnte nicht fassen, was er sah. Er schloss die Augen, verglich das Bild mit seiner Erinnerung, öffnete die Augen und „sie“ war immer noch da. Erst jetzt realisierte er, dass Anna ihn mit großen Augen ansah und mit ihm sprach. „Gefällt dir das Rezept nicht? Ich dachte, dass du alle Zutaten magst!“ „Entschuldige bitte, natürlich esse ich alle Zutaten. Ich habe heute nur ein kleines Problem mit den Augen. Wahrscheinlich ist mir eine Wimper reingefallen, ich werde gleich mal nachsehen“, beruhigte er sie. Er gab ihr das Tablet zurück und verließ die Küche Richtung Badezimmer.

Er setzte sich auf den Badewannenrand und wartete, bis sich sein Herzschlag wieder beruhigte. Damit hätte er nie im Leben mehr gerechnet, „ihr“ jetzt auf einmal so nahe zu sein. Seine Gedanken schlugen Purzelbäume, aber er musste sich nun zusammenreißen und sich später über seine Gefühle klar werden.

Er schaffte es, mit Anna zu kochen, danach zu essen, mit ihr Konversation zu betreiben und den Abend zu verbringen. Als sie nebeneinander im Bett lagen, begann er, seinen Überlegungen Hand und Fuß zu geben. Zuerst musste er sich darüber klar werden, was er wollte. „Ich werde sie töten, langsam und qualvoll. Sie wird dafür bezahlen! Nichts auf der Welt wird mich davon abhalten können.“ Die Stimme in seinem Kopf schrie ohne Unterlass: „RacheRacheRacheRacheRache! Die Rache ist mein!“ Ebenso schnell wie dieser Gedanke geboren war, kam die Erkenntnis, dass es dafür eines ausgeklügelten Planes bedurfte. Wenn er nicht Gefahr laufen wollte, für seine Tat belangt zu werden, musste es sogar ein hieb- und stichfester Plan sein. Ziemlich schnell wurde ihm klar, dass solch eine Tat nicht seine Kragenweite war. Also verschob er ihre Bestrafung gedanklich auf später und versuchte, zuerst die profaneren Dinge auf die Reihe zu bekommen. Zum einen war da: Wie heißt sie, wo wohnt sie, wohnt sie allein, wenn nein – mit wem wohnt sie, was macht sie? Zum anderen gab es noch Anna. Er wollte keinesfalls, dass sie etwas von seinen Machenschaften erfuhr. Sein Tagesablauf durfte sich nicht von dem bisherigen unterscheiden, er durfte keine Fragen heraufbeschwören. Alles sollte normal sein. Wie bisher.

In jeder freien Minute der folgenden Tage recherchierte er über Instagram und Facebook, und wurde auch schnell fündig. Zu seinem Glück war Franzi eine fleißige Posterin, fast alle ihre Schritte wurden mit Bildern belegt. Er hatte es sich schwierig vorgestellt, jemanden nur aufgrund eines Vornamens und eines Bildes ausfindig zu machen. Sie schwärmte von einem Café Milchmädchen und ließ alle Welt wissen, dass dieses Café fußläufig zu ihrer Wohnung lag. Was war einfacher, als sich unauffällig an einen Tisch zu setzen, eine Zeitung zu lesen und die Kundschaft unter die Lupe zu nehmen? Sicher, ein paar Tage musste er sich schon gedulden. Aber schon bald darauf, Ende Februar, war es soweit. Er sah sie kommen, in ihrem dicken Mantel, der gestrickten Mütze und den wollenen Handschuhen. Er stand auf und verließ das Café, als sie an der Theke ihren Kaffee mit Mandelmilch bestellte. Wer zum Teufel trank so einen Mist? Er platzierte sich hinter einer Litfaßsäule, richtete sein Handy und fotografierte sie durchs Schneetreiben, als sie mit verzücktem Gesicht an ihrem Kaffee nippte. Er wartete, bis der Abstand zu ihr groß genug war und verfolgte sie zu ihrer Wohnung. Das war sogar noch einfacher als er es sich vorgestellt hatte. Welche die ihre war, konnte er leicht herausfinden. Es gab nur einen Namen, dessen Vorname mit F. abgekürzt war.  Dummerweise gab es einen zweiten Namen gleich dahinter, also musste er annehmen, dass sie mit ihrem Freund zusammenlebte. Bald war aber auch das geklärt. Laut Freundesliste bei Facebook gehörte der Nachname zu einer Sabrina. Also lebte sie mit einer Freundin zusammen. Wann immer es ihm möglich war, heftete er sich an ihre Fersen, fotografierte sie, beobachtete sie. Anfang März konnte er sehen, wie die Mitbewohnerin mit einem großen Koffer die Wohnung verließ, es sah nach Urlaub aus. Mittlerweile nahm der Racheplan in seinem Kopf immer deutlichere Gestalt an. Er wollte kein Mörder sein, aber er wollte damit Druck ausüben. Er wollte sie dazu bringen, sich selbst zu stellen indem er ihr drohte, dass er sie sonst töten würde.

Wie bringt man jemanden dazu, sich der Polizei zu stellen? Die Angst in ihr musste übermächtig werden,die Panik musste sie quasi lähmen.Sie durfte keinen anderen Ausweg mehr sehen. Was macht den Menschen Angst? Wenn man ihnen auf die Pelle rückt, Teil ihres Alltags wird. Er musste grinsen, als er sich daran erinnerte, wie der Plan Gestalt annahm – genauso einfach wie perfide. Er wollte sie mit dem Ergebnis seiner Stalkingkünste konfrontieren, einfach indem er ihr ein Handy in die Manteltasche gleiten lassen wollte.

Er kaufte sich ein Billighandy und bereitete alles vor. Und dann kam: Corona! Mindestabstand 2 Meter, Kontaktverbot – wie soll da ein Handy in eine Manteltasche gleiten können? Doch sogar in dieser Situation war ihm das Glück hold.

Am Freitag, den 3. April, postete Franzi, dass ihr wegen einer Nussschale ein Stück Backenzahn abgebrochen war und sie deswegen zum Zahnarzt müsse, der Notfälle auch weiterhin behandeln durfte. Daniel las es daheim auf Instagram und fragte sich, wo ihr Zahnarzt wohl seine Praxis hatte, als Franzi keine zwei Minuten später ein Bild aus dem Wartezimmer online stellte, das als Hintergrund eindeutig die Frauenkirche zeigte. Daniel war sich sicher, dass die Zahnarztpraxis in der Kaufinger Straße lag, schon alleine wegen des Winkels der fotografierten Frauenkirche. Er überlegte nicht lange, schnappte das vorbereitete Handy, lief zur U-Bahn Station Thalkirchen und nahm die nächste Bahn zum Marienplatz. Er platzierte sich Ecke Kaufinger Straße und Marienplatz, beim Kaufhof. Für ihn stand fest, dass sie diesen Weg nehmen würde, schon alleine deswegen, weil Corona keine andere Alternative als das Zuhause anbot. Als er sie kommen sah, setzte er sich vor ihr Richtung U-Bahn in Bewegung. Er ließ ihr den Vortritt, als die U-Bahn einrollte. Sie wählte eine leere 4-er Sitzgruppe. Daniel nahm auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges Platz. Sie schaute kurz zu ihm hin, er erwiderte ihren Blick. Gleich darauf stand er hastig auf und verließ die Bahn. Auf dem Sitz lag das Handy. Daniel stand am Gleis und nahm sein eigenes Mobiltelefon. Er wählte die Nummer des Bahn-Handys,  ließ es zweimal klingeln und legte dann auf. Er spürte, wie sich Euphorie in ihm ausbreitete und machte sich auf den Heimweg, wohl wissend, was nun in der Bahn passieren würde.

Daheim angekommen trank er mit Anna Kaffee und sie unterhielten sich über die Einschränkungen im täglichen Leben und wohin diese Pandemie das Land noch führen würde. Alle Fernsehkanäle hatten nur noch dieses eine Thema, alle Nachrichtensender überboten sich mit den schlimmen Details.

Daniel ging ins Schlafzimmer, holte tief Luft und wählte erneut die Nummer des Bahn-Handys. Es wurde sehr schnell abgenommen und er konnte ihre Angst schon nur in dem Wörtchen: Ja?? erkennen. Seine Botschaft bestand nur aus einem einzigen Satz: „Sommer 2018 – Jetzt weiß ich, dass du es warst!“ kurz und bündig, drohend, schwebend. Bevor sie etwas entgegnen konnte, hatte er bereits wieder aufgelegt. Er wusste, dass es nun an ihr war, eine schlaflose Nacht zu haben, diese quälende Ungewissheit: was kommt auf mich zu, wie kann ich das überleben? Und obwohl er dies schon erlebt hatte, diesen Kampf schon mit einem unsichtbaren Gegner ausgefochten und überlebt hatte, diese Pein sein steter Begleiter gewesen war, und er ihr dies alles genauso an den Hals gewünscht hatte, trotzdem gab es ihm keine Genugtuung. Doch er würde sie auf jeden Fall noch bis zum nächsten Morgen zappeln lassen, das, meinte er, hatte sie verdient.

Auch am nächsten Morgen hatte es Daniel nicht eilig, seinen nächsten Anruf bei Franzi zu machen. Er konnte warten, bis Anna im Bad war, und er das Telefonat ungestört führen konnte. Franzi nahm nach dem zweiten Klingeln ab. Sie klang atemlos, als sie das übliche „Ja“ ins Telefon hauchte. „Wie ich gestern schon sagte, weiß ich, was im Sommer 2018 geschehen ist, was du meiner Frau angetan hast! Du wirst diese Sache zu einem Abschluss bringen. Du wirst zur Polizei gehen und dich stellen“ sagte Daniel. „Nie im Leben“, kam als Antwort. „Oh. Ganz sicher wirst du das“, entgegnete Daniel. „Oder was?“ blaffte Franzi. „Oder du stirbst, ganz einfach. Das sind die Regeln: Du machst, was ich sage, oder ich nehm dir das Leben. Äußerst einfach – verstehst auch du, da bin ich sicher. Heute Nachmittag rufe ich an, und sage, wann und wo wir uns treffen. Dann gehen wir zusammen zur Polizei, denn ich will dich sehen, wenn du am Boden liegst.“ Daniel legte auf.

FRANZISKA

Fassungslos ließ sie das Mobiltelefon sinken. Es war nun klar, was der Fremde wollte, ebenso wie seine Drohung, sollte sie nicht tun, was er verlangte. Wie konnte es nur so weit kommen? Franziska schluchzte. In der Zeit danach waren ihre Schuldgefühle zeitweise übermächtig geworden. Sie durchforstete mehrmals täglich Polizeinachrichten sowie sämtliche Zeitungen, ob irgendjemand einen Verdacht hegte und ihr auf die Schliche kam.  Es war wie eine Obsession, sie konnte nicht aufhören daran zu denken, was sie getan hatte. An manchen Tagen war sie kurz davor, sich tatsächlich der Polizei zu stellen. Die schlaflosen Nächte nagten an ihr, genauso wie die ständige Angst, dass Alles auffliegen könnte. Doch die Wochen zogen dahin, ohne dass irgendetwas passierte. In dieser Zeit startete sie den Account „vegan_cooking_franzi“, was sie davor bewahrte, komplett durchzudrehen. Irgendwann wurde der Vorfall nirgends mehr erwähnt und bis auf gelegentliche Albträume konnte Franziska endlich wieder ihr Leben leben, dank ihrem Erfolg auf Instagram sogar besser, als sie es sich vorgestellt hatte. Doch nun hatte ihre Vergangenheit sie eingeholt… Mittlerweile ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Was sollte sie nur tun? Was war das „Richtige“ in solch einer Situation?

DANIEL

Er verbrachte den restlichen Tag mit trivialen Dingen, bestens geeignet um sich geistig abzulenken und Abstand zu gewinnen. Gegen 17.00 Uhr war Anna telefonisch mit einer Freundin verabredet und Daniel zog sich wieder ins Schlafzimmer zurück.  Er wählte die Nummer und sofort nahm Franzi ab. „Ja?“ „Wir treffen uns vor dem Polizeipräsidium. Um 07.30 Uhr.“ „Halt“, rief Franzi, „ich habe lange nachgedacht. Ja, ich stelle mich, aber ich schulde deiner Frau davor eine Entschuldigung. Ich möchte das, bitte. Bitte!“ Daniel meinte sich verhört zu haben. Schnell überlegte er, ob er damit einverstanden sein sollte.  „Ich habe Anna nichts davon gesagt, aber gut, warum nicht? Wir treffen uns am Tierpark Hellabrunn, Flamingo-Eingang, 07.30 Uhr. Danach fahren wir zur Polizei und keine weiteren Sperenzchen, dass das klar ist!“

Daniel setzte sich aufs Bett und seine Gedanken wanderten zurück zu dem unsäglichen Tag im Sommer 2018.  Sie waren so glücklich gewesen, er und seine Anna. Sie waren früh auf an diesem Samstag und frühstückten lange und ausgiebig. Dann gingen sie auf eine kleine Fahrradtour, einfach, weil es ein so schöner Tag war.  Sie radelten über Nebenstraßen, erfreuten sich an der üppigen Natur. Dummerweise meldete sich bei Daniel auch die Natur: der Kaffee wollte raus. Also rein in den nächsten Feldweg, Daniel trat für Vorsprung in die Pedale und schmiss das Rad dann ins Weizenfeld, damit er an den Waldrand rennen konnte. Er hörte einen aufheulenden Motor und drehte sich um. Er sah einen schwarzen Opel Corsa und eine Frau, die zur Fahrzeugfront lief. Er verlor sie aus den Augen, weil sie sich bückte. Da spürte er, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Er rannte los und sah die Frau zurück zum Auto eilen. Er sah ihr Gesicht klar und deutlich, er fixierte es geradezu. Deshalb konnte er sich später nicht an ein Kennzeichen erinnern. Als er bei Anna ankam, war das Auto bereits hinter der nächsten Kurve verschwunden. „Anna, Anna“, schrie er und sah ihre schmale Gestalt am Boden liegen.

Stunden später, als der Rettungswagen schon lange im Krankenhaus war, seine Aussage schon lange gemacht war, da erfuhr er, dass seine Angaben wahrscheinlich nicht ausreichen würden, die Unfallflüchtige zu finden. Er solle doch dankbar sein, dass seine Frau überlebt habe.

Die Genesung der Seele jedoch hatte noch immer nicht begonnen. Mit keinem Wort durfte der Unfall erwähnt werden. Anna verweigerte jede Therapie, jedes Gespräch so vehement, dass sich Daniel lieber an ihre Vorgabe hielt. Vielleicht, so seine Überlegung, wird eine Entschuldigung der Verursacherin diese Blockade lösen, wenn ihr keine Zeit zum Nachdenken blieb. Er würde Franzi einfach auf dem Heimweg seiner morgendlichen Joggingrunde mitbringen und seine Frau vor vollendete Tatsachen stellen.

Jetzt stand er kurz vor seinem Triumph. Nur noch eine Nacht.

Am nächsten Morgen stand er früh auf, zog sich fürs Jogging an, küsste Anna zum Abschied, schnappte sich den Schlüssel und verließ das Haus. Er joggte an der menschenleeren Isar entlang und war kurz vor 07.30 Uhr am Flamingo-Eingang. Wenig später sah er den vertrauten schwarzen Kleinwagen die Straße hochkommen und erkannte die Frau am Steuer.

 

KOMMISSARE OBERMAIER UND HAIGL

Haigl und ich schauen uns nochmal kurz an, bevor ich auf den Klingelknopf drücke. Wir holen beide tief Luft, als wir hinter der Türe eine Frauenstimme hören: „Sag bloß, du hast den Schlüssel verloren? Ich hab doch gesehen, wie du ihn…“ Die Türe wird geöffnet und wir stehen einer Frau im Rollstuhl gegenüber. „Frau Anna Buchthal? Sie sind die Ehefrau von Daniel Buchthal? Dürften wir eintreten?“ Die Türe wird weit geöffnet und die Frau im Rollstuhl sieht uns fragend an.

„Es tut uns sehr leid, aber wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Ehemann heute Morgen von einem Auto angefahren wurde und noch an der Unfallstelle verstorben ist.“ Ein markerschütternder Schrei durchdringt die Stille des Hauses und erstirbt in einem kläglichen Wimmern.  „Der Unfallverursacher ist leider flüchtig“, wage ich noch anzufügen.

5 thoughts on “vegan_cooking_franzi

  1. Hey, sehr gutes Ende, das ich so nicht erwartet hätte! Ein gut gewähltes und wichtiges Thema! Ich war erst auf einer anderen Fährte, was das Rachemotiv angeht, hihi. Auch schön, mal wieder so nach München „abzutauchen“, habe da selbst einige Jahre gewohnt. 😉 Liebe Grüße aus dem Norden. 😊

  2. Oh, mit dem Ende hätte ich jetzt auch nicht gerechnet…
    Coole, spannende Story, gut geschrieben. Vielleicht ist der Wechsel in die „Ich-Perspektive“ am Ende etwas ungewohnt, aber naja.
    Ich hab mein like dagelassen :).

    Freue mich auch über Leser meiner beiden Stories 🙂

  3. Hallo Edeltraud und Sarah (seid Ihr ein Mutter-Tochter-Autorinnenduo?),

    Kompliment an Euch, das ist eine spannende und gut geschriebene Geschichte! Mir gefällt besonders, dass Ihr die Corona-Krise mit in die Handlung eingebaut habt – bis jetzt ist Euer Text der erste, den ich hier gelesen habe, der diesen aktuellen Bezug hat. Außerdem zeigt Ihr sehr deutlich, was passieren kann, wenn man bei Facebook, Instagram & Co. „blankzieht“ und jede Menge persönliche Infos preisgibt, ohne groß darüber nachzudenken.

    Das Ende stimmt mich traurig, weil es unterm Strich eigentlich nur Verlierer gibt: Ein Mensch ist tot, der zweite hat den Partner verloren, der dritte hat nun noch mehr Schuld auf sich geladen. Aber es kann eben nicht in jeder Geschichte ein „Happy End“ geben, genau so wenig wie im richtigen Leben.

    So wie meine Vor-Kommentatorin hat es mich auch irritiert, dass Ihr ganz am Ende, als Ihr aus der Perspektive des Kommissars schreibt, in die Ich-Form wechselt. Ich sehe eigentlich keinen Grund dafür, aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache.

    Ich habe Euch gerne ein „Like“ gegeben und sende liebe Grüße,
    Ana2020

  4. Wooow – ich kann mich den anderen nur anschließen: Was für ein geniales Ende!! 😀 Das macht die Geschichte echt böse. Und das meine ich als Kompliment, denn ich mag böse Geschichten. 😛
    Und auch sonst ist eure Geschichte extrem gut geschrieben, Respekt. 🙂 Wie habt ihr das gemeinsame Schreiben denn organisiert? Hat eine aus der Sicht von Daniel und die andere aus der von Franzi geschrieben? Egal, wie ihr es hinbekommen habt – es ist toll geworden! 🙂

    Ganz liebe Grüße und danke für eure Geschichte! 🙂

    Kaja

    PS: Um Daniels Frage zu beantworten: ICH! Ich würde Kaffee mit Mandelmilch trinken! 😀 Obwohl, vielleicht eher Kakao … Aber Hauptsache Mandelmilch! 😛

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