Storyteller71Verborgene Talente

Sie kam gut gelaunt am Edinburgher Flughafen an. Von Deutschland aus war es nur ein kurzer Flug, schneller Check-In und kurze Ausweiskontrolle. Das Warten am Flugsteig machte ihr nicht so viel aus, denn es brachte sie ihrem Ziel immer näher. Nun hatte sie mit ihrem großen, buntem Rollkoffer den Ausgang des Flughafens erreicht und atmete tief ein und aus. Endlich war sie in Edinburgh angekommen.

Dass sie nicht so gut Englisch sprechen konnte, hatte sie nicht daran gehindert, diese Reise in den Osterferien zu buchen. Waren der Flug und die Unterkunft erst gebucht, gab es kein Zurück mehr. Sie würde sich schon irgendwie durchschlagen, wie sonst auch immer, wenn sie in Großbritannien war. Schließlich kannte sie hier niemand.

Das Taxi brachte sie in ihr Hotel in der Innenstadt. Schon während der Fahrt sog sie die Atmosphäre der Stadt in sich auf, blickte gebannt aus dem Fenster und bewunderte die massiven, mittelalterlichen Häuser, die Schaufenster und Passanten. Nachdem sie ihren Taxifahrer mit einem üppigen Trinkgeld bedacht hatte, checkte sie schnell im Hotel ein, wuchtete ihren schweren Koffer mühsam über die Treppe in ihr kleines, aber sauberes Hotelzimmer. Ihr modern eingerichtetes Hotel lag nur zehn Gehminuten von der Royal Mile, der langen Prachtstraße von Edinburgh, entfernt. Sie war sehr zufrieden mit der Auswahl ihres Hotels, das Internet hatte dieses Mal nicht gelogen. Sie packte schnell ein paar Sachen aus, die sie sich für die Rückkehr am Abend schon einmal zurechtlegte. Dann verließ sie mit zügigen Schritten und einem fröhlichen Lächeln beschwingt ihr Hotel.

Über wenige schmale, an den Seiten dicht beparkte Gassen gelangte sie schon zu größeren Straßen, auf denen viele Menschen an ihr vorbei strömten. Es war laut, die Autos fuhren nah an ihr vorbei, die Menschen unterhielten sich und sie musste sich immer wieder durchdrängeln, um vorwärts zu kommen. Aber sie war da, in Edinburgh. Sie strahlte leise vor sich hin.

Die Frau ließ sich eine Zeit lang von den Menschenmassen treiben, dann entschied sie sich, die Straße zu überqueren und links in die Cockburn Street einzubiegen. Diese geschwungene Straße war mit ihren vielen bunten, kleinen Läden ein beliebtes Ziel und Fotomotiv. Auch sie zog es bei ihren bisherigen Aufenthalten immer wieder in diese belebte Straße, denn ihr gefielen die Läden dort ganz besonders. Da war z.B. der Zauberladen, der sich über drei Stockwerke erstreckte. Er war sehr eng, man musste mit einem Rucksack auf dem Rücken oder einer etwas größeren Tasche über der Schulter immer aufpassen, niemanden anzurempeln oder nichts herunterzustoßen. Aber hier gab es so viele zauberhafte Dinge, die man in Deutschland nicht fand, schon gar nicht in einem einzigen Laden. Hier gab es Harry Potter Fanartikel in allen möglichen Formen, z.B. Notizbücher, Schals, Plüschtiere, aber auch andere „magische“ Dinge wie selbstgeschnitzte Zauberstäbe, Kräuteressenzen, Bücher über Magie und Hexen sowie Fantasybilder auf Postkarten, Postern und Geschirrtüchern.

Hier gab es immer etwas Neues zu entdecken, denn der Laden war so vollgestopft, dass das Auge gar nicht alles aufnehmen konnte. Die enge Holztreppe, über die man in das nächste Stockwerk gelangte, war auch noch Ausstellungsfläche und verstopfte leicht, da kaum zwei Leute aneinander vorbei gehen konnten. An den Wänden hingen neben den Verkaufsprodukten auch Deko. Der Schlangenkopf und der Spiegel waren beliebte Fotomotive.

Heute kaufte sie noch nichts, sondern ging erst einmal weiter. Auf dieser Straße war sie schon oft entlang gegangen, sie führte zum Grassmarket, einem belebten Platz mit vielen Pubs und Restaurants. Über eine Seitengasse mit langgezogener, abgelaufener Steintreppe und altmodischen Laternen gelangte man zu Greyfriars Kirkyard, einem sehr alten Friedhof, auf dem immer wieder Geister gesichtet wurden, die jene Besucher heimsuchten. Dieses Mal ging sie diesen Weg jedoch nicht, sondern entdeckte etwas versteckt am Anfang einer Seitengasse einen Buchladen.

Anne bewunderte die alte verwitterte Holzfassade des Ladens, ein großes Schaufenster, eine hölzerne altmodische Tür mit einem kleinen Fenster darin. Die Tür klemmte ein wenig, als sie sie öffnete. Sie trat hinein und die Bücherwelt hieß sie willkommen, das war ihre Welt, in die sie sich von Zeit zu Zeit zurückzog. Anne roch den leicht muffigen Geruch alter Bücher, sie erblickte die hohen Regale mit unendlich vielen Büchern und fühlte sich zu Hause.

Ein Mann saß offensichtlich vertieft in sein Buch hinter der Kasse und würdigte sie keines Blickes. Sie bewegte sich ganz versunken in ihr Tun durch die Regalreihen, zog mal dieses mal jenes Buch heraus, warf einen Blick auf den Klappentext oder in das Buch hinein. Dann trat sie in einen schmalen Gang und stand plötzlich vor einer ganzen Regalwand zu den Themen „Magie, Kräuterheilkunde und Hexen“.

Anne griff nach einem recht großen und altertümlich wirkenden Buch. Sie musste es in beiden Händen halten, spürte das raue, alte Leder des Einbandes und schlug es neugierig irgendwo in der Mitte auf. Ihr schlug der Geruch eines schon lange gelagerten Buches entgegen. Sie hielt es aufgeschlagen in beiden Händen und wollte gerade beginnen zu lesen, als sie zwei alte Fotos entdeckte, die zwischen den Buchseiten lagen, als hätten sie auf sie gewartet. „Was ist das denn? Was sind das denn für Bilder?“, sie blickte sich um. Es war niemand zu sehen, sie legte das Buch vorsichtig auf den Boden und schaute sich die Bilder genauer an. Es waren alte Schwarzweißbilder mit einem wellenförmigen Rand. „Das kann ich nicht glauben!“ Sie betrachtete die Fotos mit zittrigen Händen, ihr Atem ging schlagartig schneller und ihr Herz pochte wie wild: „Das bin ich auf den Fotos, das bin ich“, entfuhr es ihr. Sie ließ die Bilder fallen, verließ hastig den Laden und rannte.

Anne rannte keuchend, drängelte sich hastig durch die Menschenmassen. Nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, erreichte sie ihr Hotel. Sie hetzte ohne auf irgendwelche Menschen zu achten die Treppen hinauf zu ihrem Zimmer. Sie kramte mit immer noch zitternden Fingern irgendwie ihre Karte aus dem Portemonnaie und schaffte es, die Zimmertür zu öffnen. Völlig außer Atem und am ganzen Körper zitternd sank sie hinter der Tür auf den Boden. Sie saß dort keuchend und unendlich erschöpft. Am liebsten wollte sie laut schreien, aber sie hielt sich krampfhaft zurück, drückte panisch ihre Hände vor den Mund. Sie versuchte sich zu beruhigen und ihren Körper und ihre Gedanken zumindest stückchenweise wieder zu ordnen.

Ihr ganzer Körper wurde panikartig durchgeschüttelt: „Es muss an den Tabletten liegen“, schoss es ihr durch den Kopf. „Ich hätte misstrauischer sein müssen, als sie mir die Psychiaterin verschrieb, ich hätte sofort viel kritischer nachfragen müssen, oder sie gar nicht nehmen dürfen, aber ich war froh, endlich Hilfe zu bekommen, so erleichtert.“ Mit den Tabletten stellte sich zunächst eine bleierne Schwere, eine alles bremsende Müdigkeit ein. Sie konnte wieder besser einschlafen und geriet nicht bei jeder Kleinigkeit in Panik, das war ihr recht gewesen. Die Schmerzen ließen nach. Endlich fühlte sich ihr Tag wieder halbwegs normal an, es war fast wie früher, als sie sich die Traurigkeit noch nicht wie ein dicker, schwerer, tiefgrauer Wintermantel über ihre Tage und Nächte gelegt hatte, Woche für Woche, ein Monat nach dem anderen, ohne Ausweg. Aber immer wieder kamen die Angst und die Zweifel: „Was machen die mit mir? Ist das richtig? Bin das noch ich oder verändern mich die Medikamente?“

„Und nun sitze ich hier zitternd auf dem Boden, in einem anderen Land, unter Fremden, und weiß nicht mehr, was wahr ist oder nicht. Auf dem Bild habe ich mich gesehen, das war ich, ca. 25 Jahre alt. Ich hielt ein großes Schlachtermesser in der Hand und hatte gerade dem Schaf auf dem steinernen Altar die Kehle durchgeschnitten. Das Blut rann den Altar hinunter, meine Kleidung war bespritzt mit und nass von Blut. Ich sah glücklich aus, tatsächlich glücklich, wie in meinem Element. Das ist ein Gefühl, was ich heute kaum noch kenne.“

Sie raffte sich langsam, mit vorsichtigen Bewegungen auf, um nicht zu fallen. Sie ging ins Badezimmer, wusch sich das Gesicht und zog sich aus. Sie nahm heute Abend drei statt einer Tablette, weil sie sich nicht anders zu helfen wusste. Nachdem sie im Bett lag, schlief sie schnell ein, doch sie hatte eine unruhige Nacht. Sie wachte immer wieder auf, schlief aber dann dank der Antidepressiva wieder, wachte von ihrem eigenen Stöhnen im Schlaf auf. Ihre Träume waren wirr und bedrohlich, es kam immer Blut darin vor, das Schaf schrie sie vor Schmerz an, bevor es leblos da lag. Die Menschenmenge jubelte ihr zu und sie hatte verbotenen Spaß an allem.

Am Morgen wachte sie zerschlagen auf. Ihre Gedanken rasten immer noch, schon wieder wie galoppierende Pferde durch ihren Kopf. Sie hatte noch die beklemmenden, verzweifelten und verboten guten Gefühle der Träume in ihrem Körper. Sie hielt sie nur schwer aus und nahm noch vor dem Frühstück die erste Tablette. Wie in Trance putzte sie sich die Zähne, zog sich an und ging zum Frühstück. Nachdem sie sich gestärkt hatte, die Tablette wirkte und sie sich etwas besser fühlte, versuchte sie sich noch einmal logisch mit der Situation auseinanderzusetzen.

Anne schob ihre schlechten Gefühle und Zweifel zur Seite, obwohl sie es eigentlich besser hätte wissen müssen. Ihr Bauchgefühl hatte sie noch nie in die Irre geführt, aber sie hatte es schon einige Male unbeachtet zur Seite geschoben. Ihr Verstand hatte der Intuition nicht geglaubt, nicht glauben wollen und das endete schon mal in einer Katastrophe. Das wusste sie, hatte sie schmerzlich in ihren Beziehungen erfahren, trotzdem redete sie sich wieder etwas ein.

„Das kann doch gar nicht sein, dass ich auf einem Foto aus den 20er Jahren als junge Frau zu sehen bin. Bei einem Opferritual? So etwas kann ich nicht, das ist nicht meine Welt. Mitten in einem Steinkreis, wie in uralten Zeiten? Da habe ich mal wieder völlig überreagiert, das müssen meine überstrapazierten Nerven sein oder die Tabletten oder beides. Das habe ich mir nur eingebildet! Jetzt ist Schluss damit, ich mache erst einmal etwas anderes und lenke mich ab.“ Sie packte ein paar Kekse und Wasser in ihren Rucksack, zog ihre bequemen Sneaker an und verließ das Hotel.

Anne ging wieder Richtung Innenstadt, die drängelnden Menschenmassen und die hohen, alten Steinhäuser und Gassen Edinburghs wirkten vertraut und gaben ihr etwas Sicherheit zurück. Sie genoss die Atmosphäre der Stadt, schlenderte weiter, schaute sich in dem einen oder anderen Geschäft um und ließ sich treiben.

Plötzlich, noch ganz in Gedanken versunken, stand sie in einem Geschäft, dass sie noch nie gesehen hatte, noch nirgendwo. Dieses Geschäft trug den Namen „Witches Brew“ und zog sie geradezu magisch, lächerlich magisch an. Anne zögerte nicht lange und ging hinein, sofort stieg ihr der Duft von Räucherstäbchen und Kräutern in die Nase. Es war etwas dunkler als draußen, ihre Augen gewöhnten sich sehr schnell daran. Sie ging bedächtig von einer Ecke zur nächsten, von Regal zu Regal, nahm das ein oder andere Stück in die Hand und betrachtete es. Ab und zu huschte ihr ein Lächeln über die Lippen oder sie zog verwundert die Augenbrauen hoch, sie war ganz versunken. Daher bemerkte sie die ältere Frau hinter dem Tresen zunächst nicht.

„Das ist ein ganz besonderes Stück“, sagte die Frau zu ihr. Anne hielt eine Kette aus Rauchquarzen in der Hand und bewunderte sie. „Kann ich die mal anprobieren?“ „Selbstverständlich, ich helfe dir.“ Sie legte Anne die Kette um den Hals und reichte ihr einen Handspiegel. „Die ist wunderschön und fühlt sich unglaublich gut an, die nehme ich“, erwiderte sie und bewunderte sich noch kurz im Spiegel. Sie gingen zur Kasse und Anne bezahlte. Die Verkäuferin erzählte ihr noch etwas über das Amulett an der Kette, aber Anne schaute nur auf das Plakat, dass neben der Kasse hing. Es war ein Plakat, auf dem für eine Stadtführung zum Thema „Hexen“ geworben wurde. Treffpunkt war die Hundestatue von Greyfriars Bobby um 20 Uhr. Sie verabschiedete sich. Erst als sie wieder draußen stand, fiel ihr auf, dass die Frau Deutsch mit ihr gesprochen hatte. Auch diesen Gedanken schob sie beiseite. Die neue Kette legte sie sofort an, ein wohliger Schauer durchfuhr sie, sie entspannte sich und hatte die Ereignisse vom Vorabend schon fast vergessen. Der weitere Tag verlief ereignislos, sie ruhte sich etwas in ihrem Hotelzimmer aus.

Um halb acht machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt für die Hexenführung. Dort angelangt bemerkte sie, dass sie an diesem Abend wohl die Einzige war. Um kurz vor acht kam die Touristenführerin. Obwohl sie die einzige war, die teilnehmen wollte, bestand die Frau sehr freundlich aber bestimmt darauf, die Führung durchzuführen. Es war die Ladenbesitzerin, bei der sie die Kette gekauft hatte. Sie erkannte Anne wieder und wollte mit ihr unbedingt den Hexenrundgang machen. Sie begannen im Schottischen Nationalmuseum. Als sie dort wieder herauskamen, dämmerte es bereits. Sie hatte sehr engagiert und ausführlich erzählt und war auf alle Rückfragen von Anne eingegangen. Beide liefen nun in ihr Gespräch vertieft und strahlend zu Greyfriars Kirkyard. Auf diesem Friedhof sollte es enden.

Anne bewunderte die verwitterten Grabsteine. Sie gingen schmale Trampelpfade entlang, während sie sich die ganze Zeit über alles Mögliche unterhielten. Kate konnte spannend und witzig erzählen, Anne steuerte nur gelegentlich etwas zum Gespräch bei, sie fühlte sich so wohl in Kates Gesellschaft, wie schon lange nicht mehr. Der gestrige Abend war gänzlich vergessen. Es war mittlerweile fast ganz dunkel und sie waren alleine auf dem Friedhof. Wäre sie alleine gewesen, hätte sie sich wahrscheinlich gefürchtet, aber nicht mit Kate zusammen. Sie führte sie immer weiter, erzählte immer haarsträubendere Geschichten über Mörder, Grabräuber und Heimsuchungen von Geistern. Die Gruften, an denen sie vorbeikamen, wurden immer abgelegener und zugewachsener. Kate deutete auf das Innere einer Gruft, Anne hielt sich an Gitterstäben fast und versuchte hineinzuschauen. Dann spürte sie einen harten Schlag am Hinterkopf und wurde bewusstlos.

Als sie erwachte, war ihr schlecht. Sie lag im Gras, versuchte sich langsam und mit Schmerzen aufzurichten. Anne orientierte sich zitternd und mit bis zum Hals klopfenden Herzschlag. Sie war in einer der Gruften gefangen, umgeben von hohen Mauern und Gitterstäben. Das konnte sie ertasten. Ihr Atem ging schnell, sie konnte sich wie gestern Abend kaum beruhigen. „Eingesperrt im völligen Dunkel, auf dem gespenstigsten Friedhof der Stadt, niedergeschlagen von einer Frau, die mir schon nach kurzer Zeit unglaublich sympathisch und vertraut war. Wie konnte mir das nur passieren? Mein Leben war geradezu schrecklich normal und langweilig vorhersehbar gewesen und nun das …“, ging es ihr durch den Kopf. Da sie die Situation nicht einschätzen konnte, schrie sie zunächst nicht um Hilfe, um Kate nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Anne wusste nicht, was sie tun sollte. Ihre Gedanken wurden jedoch unterbrochen, als sich ein Mann und eine Frau näherten, die sich flüsternd unterhielten. Sie lauschte gebannt den Stimmen, kauerte sich weiter hinten in der Gruft zusammen und lauschte angestrengt den Stimmen. „Doch, sie ist es, ich habe sie erkannt. Sie nennt sich jetzt Anne, …, aber sie ist es.“ Anne erkannte Kates Stimme. „Wir warten schon sehr lange auf sie, sie kann uns mit ihren Fähigkeiten entscheidende Vorteile verschaffen …“, erwiderte der Mann.

Sie waren nun an der Gruft, in der Anne gefangen gehalten wurde, angekommen. „Sie ist eine mächtige Hexe, wir müssen uns vor ihr in Acht nehmen“, sagte der Mann und Kate nickte. Er leuchtete mit einer Taschenlampe ins Innere der Gruft. Annes Gedanken überschlugen sich: „Ich eine Hexe? Das kann nicht sein, das ist eine schreckliche Verwechslung.“ Der Mann schrie sie an, dass sie aufstehen solle. Sie tat es und bereute es sofort. Beide musterten sie von oben bis unten. Sie versuchte das Missverständnis aufzuklären und sagte mit zitternder Stimme: „Ich bin nicht die, für die Sie mich halten. Ich bin ganz sicher keine Hexe.“ „Das hätte ich sicher gemerkt“, fügte sie in Gedanken hinzu.

Im Schein der Taschenlampe konnte sie nun vage erkennen, wer vor ihr stand. Der Mann war etwa Mitte vierzig, groß und massig, er hatte ein aufgedunsenes Gesicht, dunkle Haare und eine bedrohliche Ausstrahlung. Er wirkte so, als ob er jeden Moment darauf wartete einen möglichen Gegner zu identifizieren, anzugreifen und zu überwältigen. Ein Choleriker, der schnell aus der Haut fuhr und seine ständig schlechte Laune an anderen ausließ, um sich danach besser zu fühlen, stand vor ihr.

Anne hatte ihre Umgebung schon immer erfühlt. Das heißt, wenn sie einen Raum oder ein Gebäude betrat, erspürte sie die Stimmung, die dort in der Luft lag. Wenn sie durch die Flure lief, erkannte sie die Gefühle der Menschen, die dort lang gegangen waren. Sie fühlte sie so klar, wie andere Menschen einen Geruch erkannten, der in der Luft lag. Wenn sie jemanden zum ersten Mal traf, hatte sie eine Eingebung, wie sich dieser Mensch auf ihr Leben auswirken würde. Meistens schob sie diese Wahrnehmungen beiseite und versuchte Logik walten zu lassen. Aber er passierte ihr immer wieder und bewahrheitete sich früher oder später.

Kate fing an zu reden, sie sprach zu dem Mann gewandt: „Ich habe sie heute zufällig auf der Straße getroffen und bin ihr in eine Buchhandlung gefolgt. Dort habe ich die Bilder einer unserer Zeremonien in einem Buch versteckt, so dass sie ihr in die Hände fielen. Mit ihrer Vorgeschichte war klar, dass sie dieses Buch interessieren würde. Alles lief wie geplant und sie tauchte nicht nur in meinem Laden auf, sondern auch bei meiner Führung. Das kann alles kein Zufall sein, es sind die Synchronizitäten des Universums, die sie hierher zu uns gebracht haben. Jetzt können wir sie richten.“ „Ich weiß nicht, warum sie dir immer noch so wichtig ist. Sie hat dir zwar damals deine Aufgaben als Hohepriesterin weggenommen, sie war auch immer beliebter und angesehener als du bei den Mitgliedern unserer Gruppe, aber heute scheint sie, so wie ich das sehe, ihre Macht und ihren Einfluss verloren zu haben. Sie ist wertlos für uns, es war vollkommener Unsinn sie hier einzusperren und mich zu holen.“ Der Mann drehte sich um und wollte gehen. Kate versuchte ihn aufzuhalten: „Auch wenn sie ihre Kräfte im Moment noch nicht gebraucht, kann sie uns nützlich sein. Sie ist in unserer Gewalt, wir …“ Ihre Stimmen wurden immer leiser, sie entfernten sich.

Anne hat ein paar entscheidende Informationen erhalten: Es hörte sich so an, als ob sie sich aus einem früheren Leben kannten, als hätte es einen Sinn, dass sie sich hier wiederträfen. Sie dachten, dass sie magische Fähigkeiten hätte, die sie in einem Hexenzirkel angewandt hatte. Die Fotos passten zu dieser Geschichte, denn sie zeigten Anne als eine Art Hohepriesterin bei einer Opferzeremonie. Auf dem zweiten Foto hatte sie einen keltischen Steinkreis und viele weitere Menschen gesehen, die sie umringten. Ihr fiel ein, dass sie die Gesichter von Kate und dem Mann auf dem Bild aus dem Buch erkannt hatte.

Aber all das erschien ihr so unglaublich. Solche Dinge passieren in Geschichten oder anderen, interessanteren Personen, aber doch nicht ihr. All die Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Sie konnte das alles nicht glauben, obwohl ihr die Zusammenhänge der letzten seltsamen Ereignisse, die ihr zugestoßen waren, nun plötzlich eigenartiger Weise Sinn ergaben.

Trotzdem war es immer noch mitten in der Nacht und sie war eingesperrt in eine Gruft auf dem Friedhof. Normalerweise wäre sie gestorben vor Angst und Verwirrung, ihre Gedanken hätten verrückt gespielt und ihr Körper hätte mit Panikreaktionen ihr die Kontrolle über die Situation entrissen. All das geschah dieses Mal nicht, sie fror erbärmlich und musste sich bewegen, um irgendwie warm zu bleiben, aber die Informationen, die sie erhalten hatte, lösten keine Ängste aus. Sie konnte relativ klar denken und war gespannt, was sie damit anfangen könnte. Für Hexen, Magie, Steinkreise und ähnliches hatte sie sich schon immer interessiert, was auch immer das bedeuten sollte.

Bald konnte sie einen alten Herren um Hilfe bitten, der bei Morgendämmerung auf dem Friedhof auftauchte, um die Kirche und den Friedhof für die Besucher und Touristen zu öffnen. Er hatte einen Schlüssel, mit dem er sie befreite. Sie bedankte sich überschwänglich, verabschiedete sich schnell und lief zu den Treppen in Richtung Grassmarket, um ihm nicht noch mehr erklären zu müssen.

Auf den langgezogenen Treppenstufen, die nur schlecht von Laternen beleuchtet waren, stolperte sie fast und konnte sich nur noch in letzter Sekunde am Geländer erschrocken festhalten. Das, über das sie fast gefallen wäre, war ein lebloser Körper. Nahmen der Schrecken und die seltsamen Ereignisse denn gar kein Ende? Sie hielt etwas Abstand von dem Körper und betrachtete ihn. Diese offensichtlich tote Frau lag mit ungewöhnlich verdrehten Beinen und mit dem Kopf nach unten auf den Stufen. Der Inhalt ihrer Handtasche war überall verstreut, eine riesige Blutlache ergoss sich über das Kopfsteinpflaster und die Treppenstufen. Sie hatte eine große, klaffende Wunde am Kopf. Sie hatte kurze, feine, blonde Haare, neben ihrem Kopf lag eine Perücke mit langen, schwarzen Haaren. Erst jetzt erkannte Anne, dass dort Kate lag. Der Streit mit ihrem Bekannten musste wohl dieses abscheuliche Ende genommen haben.

Anne schaute sich instinktiv um, doch es war niemand zu sehen. Die Gefühlsachterbahn tauchte kurz wieder auf, Angst, Hilflosigkeit, Genugtuung, Traurigkeit, Wut und Mitleid wechselten sich in Sekundenbruchteilen ab. Als brave Bürgerin, die sie immer gewesen war, hätte sie nun die Polizei rufen und die Ereignisse des Tages und den Mann beschreiben müssen. Sie tat dies jedoch nicht, sondern nahm den Schlüsselbund und die Geldbörse der Toten mit. Sie ging weiter und stand nach einiger Zeit vor dem Geschäft von Kate.

Sie suchte den richtigen Schlüssel aus dem Schlüsselbund und schloss auf. Sie setzte sich auf den Hocker hinter der Kasse. Sie atmete hörbar aus, blickte sich um. Sie lüftete, zog die Jalousien hoch und bald standen die ersten Kunden im Laden. So ging es den ganzen Tag, immer wieder kamen Kunden, die sie beriet. Sie war sehr stolz auf jeden Verkauf, den sie tätigte. Wenn sie zwischendurch etwas Zeit hatte, staubte sie ab, nahm ein Buch aus dem Regal und las darin oder machte sich Gedanken über die Veränderungen, die sie in dem Laden vornehmen wollte. Das alles kam ihr wunderbar spannend und fast normal vor. Sie hatte sich im Hinterzimmer etwas gewaschen und zurecht gemacht, sie summte leise vor sich hin und bemerkte nicht, dass sie noch keine Tablette genommen hatte.

Abends machte sie alles dicht, schloss ab und ging zu ihrem Hotel. Auf dem Weg dorthin aß sie in einer kleinen Pizzeria, erledigte noch ein paar Einkäufe und saß schließlich müde und zufrieden auf ihrem Sofa. Sonst wäre Anne nach solchen Erlebnissen heulend zusammengebrochen und hätte sich gar nicht beruhigen können. Sie wäre tief verletzt von Kates Verhalten gewesen, hätte sich zurückgezogen, hätte sich die Augen aus dem Kopf geheult, wäre tief verunsichert gewesen, hätte Schuld bei sich gesucht, wäre verzweifelt gewesen, hätte schwarz für die Zukunft gesehen, der tiefschwarze Mantel der Ängste und Depressionen hätte sich für Wochen über ihr Leben gelegt und sie überall hin begleitet, bis sie nur noch hilflos zu Hause saß.

Aber dieses Mal war es anders. Irgendwann in der Nacht hatte sie sich dazu entschlossen, den Rucksack mit ihren Erfahrungen nicht immer dicker und schwerer werden zu lassen, sondern einige Erfahrungen und Erwartungen für die Zukunft loszulassen und zu entsorgen. Sie ließ einen Teil der Schwere bewusst gehen. Sie wusste tief in ihrem Inneren, dass dort immer noch Stärke und Durchhaltevermögen warteten. Das fühlte sich verboten gut an. Eigentlich müsste sie sich bei Kate bedanken, dass sie ihr neue Schlüssel für ihr Leben in die Hand gegeben hatte, mit denen sie nun neue Erfahrungen machen und Entscheidungen treffen konnte.

Sie hatte den Kopf voll mit neuen Ideen und ihr Herz war erfüllt von Glücksgefühlen, die so lange weg gewesen waren. Sie würde morgen wieder in den Hexenladen gehen, sich dort und in Kates Wohnung umsehen. Die Vermieter der Wohnung und des Ladens würden froh über eine Nachfolgerin sein. Ihr würde schon eine halbwegs glaubwürdige Geschichte von ihr als Kates „alter Freundin“ aus Deutschland einfallen. Die Leute glauben sowieso das, was sie glauben wollen.

Was von dieser Geschichte mit dem Hexenzirkel stimmte oder nicht, könnte sie in nächster Zeit herausfinden und viel Spaß dabei haben. Anne trank noch einen Schluck Whiskey, aß von ihrem Lieblingsfudge und schlief bald tief und fest. Morgen könnte sie wieder ihre neu gewonnenen Erkenntnisse und Gefühle genießen sowie bisher verborgene Talente entdecken.

5 thoughts on “Verborgene Talente

  1. Hi, eine sehr schöne Geschichte, leider überhaupt nicht mein Genre. Aber egal.
    Wenn ich etwas kritisieren darf, dann dass der Stoff für eine Kurzgeschichte (für mich) einen zu flachen Spannungsbogen hat. Ich hatte das Gefühl, dass da noch ganz viel drum herum zu schreiben wäre, vielleicht mit ein paar unerwarteten Wendungen und etwas mehr „Horror/Fantasy“ ? Vielleicht kann das ja ein ganzes Buch werden?
    LG

    1. Dem kann ich mich genau so anschließen. Mir hat die Spannung gefehlt und für mich persönlich muss es bei einer KG einfach Schlag auf Schlag gehen. War mir für eine KG zu seicht, würde in einer längeren Variante aber bestimmt besser funktionieren.

  2. Hallo,
    eine sehr coole Geschichte und total kreativ.
    Die ersten paar Zeilen hatten mich sofort gepackt.
    Es war zwar kein Krimi oder Thriller, aber im Fantasy/Horror-Bereich fühle ich mich auch sehr zu Hause und hat mich überhaupt nicht gestört. Diese Abwechslung war wirklich klasse.
    Wie @der_schweenie schon geschrieben hat, kann ich mir auch gut vorstellen daraus ein Buch zu machen. Mehr über diese magische Welt, ihre Talente und unentdeckten Kräfte zu erfahren. Zusätzlich ein paar Verstrickungen, verschiedene Gruppierungen usw. Dadurch könnte das ganze auch noch mehr Spannung bekommen.
    Besonders, weil ich deinen Schreibstil angenehm und flüssig zu lesen empfand. Ich bin über keinen Ausdruck oder irgendeine Wortwahl gestolpert.
    Deine Beschreibungen der Stadt und der Umgebung waren lebhaft und ich hatte ein richtiges Bild vor Augen. Den Friedhof hätte ich mir noch etwas unheimlicher gewünscht, mit toten Ästen, die wie knochige Finger nach ihr zu greifen drohen… oder so 😀
    Meinen Like hast du! 🙂

    Alles Liebe
    Pauline <3

  3. Wegen Dir will ich jetzt in den Laden mit den Harry Potter Fanartikeln 🙂
    Was mir an Deiner Geschichte besonders gut gefällt ist, dass kein Handy gefunden wird. Was ich spannend gefunden hätte, wäre wenn Anne nicht an Depressionen sondern z.B. an Psychosen gelitten hätte. Dann wäre vielleicht dieser „Welche Wahrnehmung stimmt?“-Effekt stärker hervorgekommen.
    Ich finde aber die Atmosphäre Deiner Geschichte stark. Dieser Wechsel von einer „friedlichen“ Welt zu Annes düsterem Geheimnis, nämlich, dass sie einfach Kates Laden übernimmt.

  4. Ich finde du hast die Kriterien mal auf ganz andere Weise erfüllt. Hexen und Zauberer – darüber habe ich bisher noch nichts gelesen. Ich bin leider auch nicht unbedingt in diesem Genre zuhause aber du bist ja nicht nur in dieser Kategorie verhaftet sondern spannend und gruselig schreibst du ja auch. Mich persönlich hat die Geschichte einfach nicht so überzeugt aber das mögen andere wieder ganz anders sehen! Also, dran bleiben!:)

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