jeanninegillVerdrängung

4 Jahre zuvor

Ein kühler, morgendlicher Windzug durchfuhr die Bahnhofshalle, ließ ihre Haut erzittern und riss sie damit aus dem Tiefschlaf. Das Quietschen der Gleisen hallte durch die große Halle und das Echo schien eher lauter zu werden als zu verblassen.

Der Zug hielt mit etwa 3 Metern Abstand zu ihr. Menschenmengen strömten vorbei, schenkten ihr keine Aufmerksamkeit. Die Türen schlossen sich, der Lärm ertönte ein weiteres Mal und schien noch stärker auf ihren Kopf einzuhämmern.

Er nagte sich hindurch, ließ sie zusammenkrampfen und erneut bewusstlos werden.

Eine ganze Stunde lang lag sie dort, im Inneren der Bahnhofshalle, nicht weit entfernt von den Gleisen. Gekleidet mit einem kurzen Rock und einer weißen, leicht durchlässigen Bluse.

Ihr schwarzer BH schien hindurch und lenkte somit von der Kette mit dem Kreuz ab.

Ihre Mutter schenkte sie ihr zu ihrem 14. Geburtstag, seitdem trug sie sie beinahe täglich. Sogar, dieses eine Mal, wo sie sich freizügig gekleidet auf eine Party begab.

Ein wenig paradox, dachte sie sich noch am Abend bevor sie losging.

Zwei Jahre nun schon, immer begleitete sie das Geschenk ihrer Mutter, sollte sie beschützen und von den bösartigen Seiten der Welt fernhalten, gab ihr Kraft und Selbstbewusstsein.

Doch was passierte in dieser Nacht? Wo blieb die Kraft und der Schutz?

Orientierungslos lag sie auf dem Boden, wusste nicht was mit ihr passiert ist. Die einzige Erinnerung an den letzten Abend war, wie sie von drei Unbekannten angemacht wurde.

Sie werte sich zwar, jedoch wurde sie von Sekunde zu Sekunde schwächer.

Ihre Wahrnehmung wurde immer verschwommener und verzögerten sich teilweise.

Einer der Jungen fasste sie am Arm. Ab diesem Moment wusste sie nichts mehr.

Eine weitreichende Wissenslücke. Das Gefühl gleicht dem, welches man verspürt wenn einem die drei letzten Puzzleteile für das Endergebnis fehlen.

Eine Art von Wut, jedoch abgeschwächt.

So wie ihr Körper es war.

Tausende Gedanken schossen ihr durch ihren Kopf. Es war nicht klar, was die Typen mit ihr angestellt haben, jedoch sobald sie daran dachte, von allen drein angefasst worden zu sein, stieß ihr plötzlich etwas im Magen und ihr bekam ein Gefühl von Übelkeit. Ein Schauer, welcher ihren gesamten Rücken durchquerte und ein Gefühl, welches sie nicht leicht von sich bekam.

Es war die Unsicherheit, welche sie zu solchen Gedanken führte.

Ich bin sicherlich einfach zu betrunken gewesen, um zum Zug zu kommen.

Im Endeffekt haben mich die Jungs einfach zum Bahnhof begleitet und dachten, ich würde den Rest alleine nach Hause schaffen.

Ich halt einfach meinen Mund und dann wird auch nicht so ein Drama draus gemacht.

Typisch für sie. Solange man sich nicht hundertprozentig sicher ist, brauch man erst gar nicht darüber reden. Somit hatte sie zum Beispiel auch nie irgendjemanden für etwas beschuldigt, so wie es die meisten tun, wenn sie das Gefühl haben, im Unrecht zu stehen.

4 Jahre später

Die wärmende Sonne bahnte sich ihren Weg durch die dünnen Vorhänge und strahlte Emma direkt ins Gesicht. Ihr Wecker hatte seinen lauten, ringenden Ton noch nicht abgespielt, jedoch genügten die sanften Küsse der Sonne, um sie aus dem Bett zu bekommen.

Die alte Retro-Uhr, welche direkt gegenüber des Bettes an der Wand hing, zeigte 7:31.

Sie stieg aus ihrem Bett heraus, überzog ihr Füße mit den warmen Socken, welche sie jederzeit neben ihrem Bett in einem kleinen Nachtisch aufbewahrt, und machte sich dann auf den Weg in ihre kleine zwei Quadratmeter-große Küche. Sie konnte sich nicht wirklich etwas größeres leisten, denn sie hatte sowieso schon einen Berg an Schulden. Erst letztens hatte sie sich 60 € bei einem guten Freund aus der Kindheit geliehen. Er versprach ihr zwar, er würde nichts zurückverlangen wollen, jedoch bewiesen die acht SMS von ihm das Gegenteil.

Mitten in der Nacht brummte Emmas Handy auf und gab den voreingestellten Benachrichtigungston von sich ab. Nach drei weiteren Meldungen stellte sie ihr Handy endgültig auf lautlos.

Sorry, dass ich dich jetzt mitten in der Nacht anschreibe allerdings benötige ich das Geld echt dringend zurück. Bitte.

Ich brauch es bis spätestens Dienstag, ja?

Sollte ich es bis dahin noch nicht haben, bekomme ich echt viel Stress also sei doch so lieb und überweis mir das Geld zurück.

So nun möchte ich dich auch echt nicht weiter stören. Sorry!

Liebe Grüße, Sven

Diesen Haufen an Nachrichten morgens am Esstisch mit einer Tasse Kaffee in der Hand zu lesen, schien wohl eher amüsant für Emma, anstatt besorgniserregend, denn anstatt sich Sorgen darüber zu machen, wo sie denn das Geld herbekommen möchte, schenkten ihr die Nachrichten nur ein verschlafenes, leichtes Lächeln.

Warum schreibt er denn so, als wäre er extrem aufgeregt. Kann er nicht einfach auf den Punkt bringen, was los ist? Und was soll dieses „Liebe Grüße, Sven“ ? Als würde ich seinen Namen nicht schon oben auf dem Bildschirm sehen.

Ein gewöhntes Klingeln ertönte durch die Wohnung, ließ sie direkt von dem samt-grünen Stuhl aufspringen. Es war die tägliche Post, die ihr direkt vor die Tür gebracht wird, seitdem ihr Briefkasten grundlos aufgebrochen worden ist.

Der Hausmeister meinte, es wären harmlose Jugendliche gewesen, die am Abend ein wenig zu viel getrunken hatten.

Sie selber war allerdings davon überzeugt, es wäre die Nachbarin Mertel gewesen. Einige Wochen zuvor sollte Emma ein Paket für sie annehmen, doch aus angeborener Tollpatschigkeit ließ sie es kurz vor der Ablage fallen. In dem Paket befanden sich kleine, russische Porzellanfiguren, die natürlich komplett zersprangen.

Als Mertel dies mitbekam, meinte sie zwar noch, Emma müsse nicht für den Schaden aufkommen,wo sie doch schon so knapp bei Kasse ist, strahlte dabei allerdings Unmengen an Bosheit aus. Solche provozierenden Sprüche brachte die 65-Jährige des Öfteren, jedoch stritt sie grundsätzlich ab, aufgrund eines Streites Sachbeschädigung zu begehen.

Es wurde ihr gesagt, der Briefkasten müsse noch warten bis andere Probleme des Hauses behoben wurden, somit wurde ihr nun schon seit 3 Wochen die Post vor die Tür getragen.

Und jeden Morgen lief sie zur Tür und nahm die Briefe entgegen, lächelte dem gelb-gekleideten Mann zu und verabschiedete ihn nach ungefähr drei Sekunden wieder. Sie wollte ihm seinen Job nicht noch mehr mit sinnlosem Smalltalk erschweren. Es war schließlich schon mehr als genug, dass er extra zu ihr vor die Tür kam.

Die dünne Eingangstür fiel wieder ins Schloss und Emma warf einen Blick in den Stapel, welchen sie in ihren Händen trug. Eher passiv schenkte sie den vielen Ermahnungen Interesse, ein blau-beschrifteter Brief stach ihr wohl eher in die Augen.

Die Schrift glich einem achtjährigen Kind oder einem an Parkinson leidenden Senior. Kaum entzifferbar standen drei großgeschriebene Wörter quer auf dem Briefumschlag.

PASS DARAUF AUF

Das dritte Wort war leicht verwischt und somit noch schwerer zu lesen, jedoch hatte Emma selber nicht die ordentlichste und einwandfreiste Druckschrift. Somit schien es nicht unmöglich, aus den Wörtern einen verständlichen Satz zu lesen.

PASS DARAUF AUF

Und was heißt das jetzt?

Der Puls stieg leicht, eine Art von Angstschauer durchfuhr ihren Nacken, jedoch machte sie sich nichts daraus, den Brief einfach zu öffnen. Sie hatte es sich mit der Zeit angewöhnt, Briefe mit einem Messer an der obersten Seite aufzuschneiden, also griff sie sich das geschärfte Edelstahlmesser aus dem Block und durchtrennte die Verschließung des Umschlages.

Ein leichter Vanilleduft stieg hervor, er ähnelte ihrem früheren, liebsten Parfum.

Er wurde meist im Alltag getragen, allerdings auch wenige Male, wenn sie etwas unternahm.

Die linke Hand hielt den gefüllten Umschlag, die rechte Hand ertastete den Inhalt. Sie zog ein kleines Polaroidfoto hervor und beinahe schien alles um sie herum zu verstummen. Selbst die einzelnen Haarsträhnen, die ihr vor den Augen hangen und sie normalerweise gehindert hätten, das Bild anzusehen, schienen bedeutungslos in diesem Moment. Der Blick war hundertprozentig auf das kleine bedruckte Papier gelenkt, keine kleinste Ablenkung war zu spüren.

Emmas Hände fingen im Moment des Realisierens an stark zu zittern. Es fiel zu Boden, das Polaroid und ihre Sicherheit.

Der Puls schien immer weiter zu steigen, sie fing an fast schon hastig nach Luft zu schnappen. Einige Schritte nach hinten gestolpert und schon stoß sie den großen Standspiegel um. Sie hatte ihn als Einzugsgeschenk von ihrer Tante bekommen. Er traf zwar nicht ihren Geschmack, doch trotzdem stellte Emma ihn in ihrer Wohnung auf, allein aus Respekt und Dankbarkeit.

Und nun lag er zertrümmert auf dem Boden, die Scherben im kompletten Wohnbereich verteilt und Emma mittendrin. Ohne Reaktion oder Ähnliches. Sie stand nur stumm und angespannt daneben, beobachtete das auf dem Boden liegende Bild, so als könnte es sich selbstständig bewegen und plötzlich verschwinden.

Nein. Verdammt nochmal, NEIN! Was… Wie kann… das sein?

Kalter Schweiß tropfte ihr von ihrer Stirn direkt auf ihre Nase, ließ jedes einzelne Härrchen in ihrem Gesicht sich aufrichten und mit einmal Mal durchzuckte es ihren gesamten Körper.

Ihr beinahe schon leerer Blick durchbohrte das Bild, analysierte es von Weitem.

Ein junges, sechzehnjähriges Mädchen, in Unterwäsche auf Fliesen liegend. Auf ihrem Bauch ihre Kreuzkette platziert.

Wie paradox.

Mit einem Mal durchbrach ein schrilles Piepen die Stille, in welcher Emma sich für einen kurzen Moment gefangen hielt. Der Ton füllte jeden einzelnen Raum mit Lärm und erlöste sie aus ihrem paranoid-verängstigtem Wahn.

Der Ton schien aus der linken Tür des Flurs zu kommen, dem Schlafzimmer.

Der Wecker. Sie wachte heute morgen früher auf, als er klingelte. 8:15 zeigte er nun auf dem leicht grünlichen, veralteten Bildschirm an, dabei flackerte er leicht, so wie er es immer tat wenn der Alarm läutete. Wackelkontakt.

Sobald das ohrenbetäubende Schrillen ausgestellt worden war, dreht sie sich zur Seite der Tür, blickte durch den leicht offenen Spalt und hoffte, weder Scherben, noch ein Polaroid auf ihrem Boden erkennen zu können.

Hoffnung auf Einbildung. Jedoch lag Emma falsch, ihr Verstand hatte sie nicht täuschen wollen.

Es war die Realität, auch wenn die Situation noch so surreal schien.

Eine kleine Träne stieß Emma in ihr Auge, vervielfachte sich zu einem ganzen Tränenfass welches sich übers komplette Gesicht ergoss. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre rechte Kopfhälfte und zog sich bin in ihr Unterleib.

Das kann verdammt nochmal nicht wahr sein, nein.

Schon wieder versuchte sie sich die schmerzhafte Realität auszureden. Ihre Augen schlossen sich, sie lehnte ihr Körpergewicht auf die Kante ihres Bettes und verfiel schlussendlich in einen Schlaf.

Ihre Beine lagen noch auf dem kahlen Laminatboden, ihr Oberkörper befand sich zur Hälfte auf dem Bett und ihr Kopf war tief in ein Kissen gedrückt.

Es war ein Moment von Schwäche, sowohl für ihre Psyche, als auch für ihren Körper, welcher sich auf einen Schlag unendlich schwer anfühlte.

Einen Moment später

An die gelb bemalte Graffitiwand gelehnt, plaudernd mit der besten Freundin auf einer Party.

Das eisgekühlte Getränk in ihrer Hand schmeckte bittersüß, ließ sie sich frei fühlen, lenkte sie von dem sozialen Stress ab. Sie redete sich selber ein, es würde sie ablenken, ihr auf kuriose Art und Weise helfen mit generell Allem besser umgehen zu können. Dabei wusste sie jedoch selber, dass sie nie der Typ alkoholtrinkender Mädchen war. Viel eher ließ sie sich von der Kunst des Schreibens inspirieren und verfasste selber die ein oder andere poetische Zeile.

Erst vor kurzem hatte die Regionalzeitung eines ihrer Gedichte ausgestellt, woraufhin sie jedoch besonders viele Kommentare ihrer Mitmenschen bekam.

Beleidigungen und unehrliche Kritik machte sich zu diesen Tagen besonders präsent auf ihren Plattformen, sowie auch in ihrem Umfeld.

Ihre Blicke schweiften durch den mit Menschen gefüllten Raum, es waren so viele verschiedene Persönlichkeiten zu erkennen. Sie verlor sich beinahe in ihrem leeren Blick, da stolperte ein etwas größerer, stark gebauter Typ gegen sie. Statt einer Entschuldigung versuchte er seine Blicke reden zu lassen, welche immer weiter runter auf ihren Ausschnitt sanken.

Emma drehte sich zwar weg, jedoch traten unerwartet zwei weitere Jungs dazu, drückten sie an ihrer Taille an die Wand und warfen ihr gespielte Komplimente an den Kopf, ignorierten ihren versuchten Widerstand. Ein Dröhnen stieß ihr durch den Kopf, ein Schwindelgefühl zog sich durch ihren schmalen Körper und ließ sie nur noch verschwommen sehen. Eine kalte, große Hand umfasste ihren Arm und drückte so lange stark zu, bis Emma endgültig das Bewusstsein verlor.

Einer der Drein hob sie hoch und trug sie mit beiden Armen den Gang entlang, ließ sie auf dem kalten Boden nieder.

Stop.

Ihre Augen rissen sich auf, der Körper voller Adrenalin gepumpt. Schockmoment.

Solch einen Traum hatte sie noch nie erlebt, jahrelang hatte sie diese Seite ihres Lebens versteckt gehalten. Sie war sich nie sicher, ob es wirklich so passiert war, wie sie es in Erinnerung hatte.

Komplett alkoholisiert war Emma an diesem Abend angesprochen worden. Mehr hatte sie nicht in Erinnerung und solch eine Aussage hätte bei der Polizei keinen Großen Nutzen gehabt.

In erster Linie wollte sie niemanden beschuldigen, immer hatte sie sich ausgeredet, angefasst worden zu sein. Ihr Bewusstsein war nicht vorhanden, allgemein hatte sie diese Vorstellung nur in ihrem Kopf gehabt.

Aber was ist das dann für ein Polaroid? Verdammt es muss doch passiert sein, sonst hätte es so ein Bild niemals von mir gegeben.

Sie stützte sich auf, hielt sich dabei am Nachttischchen fest und bemerkte die Stelle auf dem Antikholz, wo normalerweise die Kette liegen sollte. Die Kreuzkette.

Jeden Abend legte sie das sechs Jahre alte Geschenk ihrer Mutter neben ihrem Bett auf dem Nachttisch ab. Am nächsten Morgen zog sie sie zumeist direkt wieder an und startete dann erst ihren Tag. Doch wo war die Kette an diesem Morgen?

An dem Morgen, wo sie vor dem Klingeln des Weckers aufwachte, einen mit „PASS DARAUF AUF“ beschriebenen Umschlag bekam, in welchem sich ein Bild befand, welches ihr tiefstes Geheimnis wieder heraufholte aus den Tiefen des Verdrängens, einem endlosen schwarzen Schacht in welchen man sich kein zweites Mal begeben möchte, nachdem man ihn einmal erforscht hatte.

Worauf soll ich denn aufpassen ? Auf das Bild? Auf meine Kette?

Tausende Gedanken durchbrachen auf einmal die Verwirrung in ihrem Kopf. Millionen von Fragen, Angst und Unsicherheit.

Ihre Hand zitterte erneut und bevor Emma wieder in den Schlaf fiel, beschloss sie, warmes Wasser über ihre Handgelenke fließen zu lassen.

Ihre Mutter zeigte ihr diesen Trick schon in früher Kindheit, offensichtlich hatte auch sie das Problem mit Zitteranfällen bei Aufregung.

Der Blick in den Badezimmerspiegel erinnerte sie explosionsartig an die vielen Scherben, welche sich durch den gesamten Wohnbereich verteilt hatten.

Ihr Gesicht war blasser denn je und ihre schwarzen, krausigen Haare sahen völlig verunstaltet aus.

Sie konnte spüren, wie ihr die Kraft im Körper fehlte und es schockierte sie selber, dass ein einziges Bild sie so sehr zerreißen konnte.

Trotz des Bildes war sie sich unsicher über die Situation von vor 4 Jahren, es zeigte nur sie auf kahlen Fliesen. Gekleidet in ihrer schwarzen Unterwäsche mit ihrer Kreuzkette auf dem Bauch.

Bewusstlos.

Was will die Person mit dem Bild erreichen? Warum tut man mir so etwas an ?

Völlig orientierungslos in ihrer eigenen Wohnung, taumelte sie in den Wohnbereich und hob das Polaroid von dem Boden hoch. Emma versuchte, dem Bild keine großen Blicke mehr zu schenken, also drehte sie das Bild auf die weiße, leere Seite und legte es in die Schublade ihres Nachttisches.

Ein Spaß, es war nur ein verdammt böser Spaß. Das Bild ist mit Sicherheit gefälscht.

In der Hoffnung, nicht sonderlich mehr mit dem Bild konfrontiert zu werden, schloss sie also die Schublade und entfernte die Scherben des Spiegels.

Am nächsten Morgen

Das schrille Klingeln des Weckers durchbohrte ihr wie an jedem anderen Morgen auch ihre Ohren und ließ sie ruckartig aus dem Bett springen. Ihr großes Schlafshirt war vollkommen durchnässt vor Schweiß, sie schlief wieder unruhig.

Früher musste Emma solche Phasen mehrmals durchmachen, schlechte Träume, die einen die Nacht lang sich rumwälzen ließen und einem den Schlaf mehrmals in der Nacht durchbrachen, eine Hitze unter der Decke, welche einen durchgehend zu quälen versuchte und der kalte Schweiß der Angst, welche einen in einer Pfütze aufwachen ließ.

Sie träumte erneut von dem Übergriff und schon wieder endete der Traum in dem Moment der Bewusstlosigkeit.

Es war Montag, Arbeitstag. Der Buchladen, in welchem sie arbeitete machte in einer halben Stunde auf und Emma hatte Frühdienst.

Das Make-Up weggelassen, das Hemd und die Jeans hastig übergezogen.

Ein Grund sich extra aufzufrischen existierte nicht.

Ein kurzer Blick zu dem Nachtisch geworfen, in der Hoffnung die Kette würde wieder dort an ihrem gewohnten Platz liegen. Jedoch tat sie das nicht.

Emma hatte sich gestern nicht geirrt, die Kette war verschwunden und das anonym-zugestellte Bild lag tatsächlich in der Schublade. Ignorieren.

Setz dir dein verdammtes Lächeln auf Emma. Schau so, als ob alles normal ist.

Dabei war es das nicht, mittlerweile war nichts mehr normal. Selbst auf dem weg die Straße herunter gingen ihr durchgehend die Gedanken durch den Kopf, die sie gestern bereits plagten.

„Schau mal, das ist sie doch. Die von dem Bild.“

Eine männliche Stimme hinter Emma ertönte und ließ sie völlig zusammenschrecken. Sie blickte nach hinten und starrte einem älteren Pärchen direkt ins Gesicht. Der Mann sah sie fragwürdig an, was wiederum nicht verwerflich war. Sie starrte direkt durch ihn hindurch und wirkte dabei wahrscheinlich wie eine geisteskranke, die vor Kurzem aus der Psychiatrie entflohen ist.

„Entschuldigung?“

Emmas Sinne wurden wieder wach, sie verfiel scheinbar unbewusst in eine Art Starre.

„Ich meinte das Model auf dem Plakat dort hinten. Nicht Sie.“

„Ich… Ehm… Entschuldigung.“

Emma wandte sich dem Mann ab und lief weiter zu der Buchhandlung.

Was ist denn los mit mir? Als ob ich wirklich gerade dachte, er meint mich.“

Die Buchhandlung war nur noch eine Straße entfernt. Sie lief stur weiter, achtete dabei kaum noch auf die Umgebung. Dass sie nicht überfahren wurde, konnte man als eine Art Wunder werten.

Auf dem Weg zur Tür holte sie die Schlüssel aus ihrer großen Handtasche heraus und erschrak bei dem Anblick der Türklinke.

Ein rascher Blick nach hinten, es befand sich keiner in der Nähe.

Warum verdammt nochmal hängt meine Kette an der Tür? Scheiße was soll das? Was sind das für Spielchen? Ich will, dass das aufhört !

Erneut wachte sie schweißgebadet auf, schon wieder hatte sie den Partyabend von vor 4 Jahren in ihrem Kopf durchlaufen lassen. Ähnlich wie ein Hörspiel auf einer Kassette. Aufgenommen, angefangen Abzuspielen und kurz vor dem wichtigsten Teil der Geschichte reißt das Tonband.

Jede Nacht diese ständige Wiederholung.

Ständig diesen erneuten Schmerz zu spüren ist vergleichbar mit der Vorstellung der Hölle. So stellte sie sich Emma jedenfalls vor. Eine ständige Wiederholung des Schmerzes, aus welcher man sich selber nicht befreien kann, da die eigene Einstellung und die Psyche einen daran hindern.

War es möglich, dass Emma innerhalb von zwei Tagen so kaputt ging? War sie bereits am Ende ihrer Psyche angelangt?

Wenn man vier Jahre lang den innerlichen Schmerz unterdrückt, dieser dann auf einmal unerwartet aus einem hervor gehoben wird, dann ist alles möglich. Sie hatte jahrelang verdrängt, dass sie ganz genau wusste, was an diesem Abend passiert war.

In Gedanken verloren, mit einem leeren Blick auf das Polaroid.

Auf einmal ertönte ein Klingeln, es war der Ton ihres Handys.

„Sven? Was ist?“

„Hey Emma, ist es möglich, dass du persönlich vorbei kommst, um mir das Geld zu bringen? Die 60€?“

„Du Sven, mir geht es gerade nicht so gut, ich bin so verwirrt und es passieren in den letzten Ta-…“

„Du kommst her und bringst mir das Geld, verstanden?“

Mit diesen letzten Worten legte er auf, verabschiedete sich nicht einmal.

Er klang zwar leicht verärgert, jedoch hatte er einen lauten, traurigen Unterton.

Leicht verwirrt zog sie ihre Stiefel über, griff ihr Portmonaie und begab sich auf den Weg zu ihrem besten Freund, welcher drei Straßen weiter wohnte.

Auf dem Weg kamen wieder die Gedanken hoch, ihre paranoide Wahrnehmung konnte sie jedoch unterdrücken. Die Straßen schienen für sie immer länger zu werden, der Weg immer steiler und der Himmel immer grauer.

Doch schlussendlich an der Tür des Freundes angekommen, war sie fröhlich es zum Ziel geschafft zu haben.

Sie klingelte einige Male, doch es öffnete niemand. Zuerst kamen ihr die Gedanken, sie wäre an der falschen Haustür, jedoch war sie schon so oft hier gewesen.

Es war hundertprozentig Hausnummer 731.

Emma lehnte sich nach dem fünften Versuch zu Klingeln an der Tür ab, diese brach auf.

Der Flur war kalt und undekoriert. So wie sie ihn kannte.

„Sven?“ „Die Tür war offen.“

Nach nur einem kurzen Blick um die Ecke, glaubte sie ihrem Verstand nicht mehr.

Ihr bester Freund lag blutverschmiert auf dem Boden seines Wohnzimmers. Die Augen geschlossen, in der linken Hand weitere Polaroids, in der rechten Hand die selbe Kreuzkette wie die, die Emma gerade um ihren Hals trug.

Auf einem der Bilder sah man Sven, vier Jahre jünger, in einem kahlen Raum mit Boden aus Fliesen.

 

Autorin: Jeannine Gill (14 Jahre alt)

Email: gill.jeannine21@gmail.com

 

5 thoughts on “Verdrängung

  1. Erst einmal großen Respekt für diesen super Schreibstil! Was mir besonders gut gefallen hat, ist wie du die Emotionen beschrieben hast. Mir gefällt es, wenn man mit guter Erklärung, als Leser selbst in die emotionale Lage der Protagonisten gezogen wird. (Dafür gibt es natürlich auch ein Like)

    Falls du Lust hast, würde ich mich freuen, wenn du dir Zeit nimmst auch meine Geschichte zu lesen:
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/rate-wer-ich-bin

  2. Hi,
    zuerst mal Respekt, dass Du in Deinem jungen Alter schon so gut und sicher schreibst.
    Deine Geschichte hat mir in weiten Teilen sehr gefallen. Hier und da wäre vielleicht ein wenig Arbeit an der Struktur möglich/nötig, aber sowas machen die Profis mit ihren Lektoren zusammen…
    Ich möchte hier gar nichts kritisieren, aber ein paar Fragen habe ich:
    – Mir ist die Rolle von Sven nicht ganz klar geworden, war er einer der Jungen damals? Hat er ein ähnliches Erlebnis gehabt?
    – Wie ist die Kette verschwunden und wieder aufgetaucht? War jemand in ihrer Wohnung, oder hatte sie die nur verloren?

    Ich finde, Fragen vom Leser helfen dabei, seine Geschichte zu überdenken, zu verfeinern und an sich arbeiten zu können. Mach bitte unbedingt weiter, ich glaube Du hast viel Potenzial. Wenn man bedenkt, dass Du erst 14 Jahre alt bist… ich bin 42 und genauso weit wie Du, habe auch erst eine Geschichte geschrieben und eingereicht. Wenn ich mir überlege, wie weit Du in 28 Jahren sein kannst, da kann was großes draus werden!

    Mein Like bekommst Du!

    P.S. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte („Glasauge“) zu lesen und ein Feedback da zu lassen.

Schreibe einen Kommentar