AnnaspiegelVergib mir, dass ich……

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„Um Gottes Willen, was hast Du getan, du hast den einzigen Menschen umgebracht, den ich jemals zu lieben bereit war.“ „Nein, nein, das war ich nicht, hörst Du, das war ich nicht, sie war schon tot, verstehst Du mich, sie war schon tot.“ Die junge Frau starrte vollkommen entgeistert auf die Leiche zu ihren Füßen, einer Leiche deren Gesichtszüge ihr nur allzu bekannt vorkamen. Der Schrecken lähmte ihre Glieder, bewegungslos nahm sie noch kurz wahr, dass sich einige glasklare Tränen ihren Weg über ihre blassen Wangen hinab zu ihrem schmalen Kinn bahnten und sich schließlich mit den Blutlachen auf dem schmutzigen Linoleum vermischten, dem gleichen Linoleum, auf dem auch sie ruhte, für immer und ewig. Zumindest so lange, bis die Leiche durch den Gerichtsmediziner als abtransportiert galt. Sie wusste, dass er ihr diese Tat, an der sie im Grunde doch keine Schuld trug, aber eben auch nicht hatte zu verhindern wissen, niemals würde verzeihen können. Ein letzter flehender Blick in seine sonst so vor purer Warmherzigkeit sprühenden Augen, die nun jedoch nichts mehr als Kälte und Mordlust zu verbreiten schienen, genügte ihr, um zu wissen, dass sie von diesem Zeitpunkt an, niemals mehr vor seinem Drang nach bitterster Rache würde sicher sein können. So versuchte Katriona zu fliehen, doch die Beine wollten ihr nun nicht mehr gehorchen, sie knickten einfach unter der Last dieser fürchterlichen Schuld ein und ließen die junge Frau schutzlos ihrem Widersacher ausgeliefert, zurück. Sie spürte noch, wie er sie an ihrem langen braunen Zopf quer durch die Halle des ehemaligen alten Futters- und Samenbetriebs der Insel zerrte. Dann die morsche steile Holztreppe hinunter, wo sie sich gefühlt eine heftige Kopfverletzung bei zuzog, bis er sie schließlich einfach achtlos den Aufzugsschacht hinunterstieß und dabei ein letztes Mal dieses widerliche Lachen von sich gab. Ein Lachen, das Katriona noch niemals zuvor von diesem Menschen, diesem über alles geliebten Wesen, hatte in sich aufnehmen müssen. Sie blickte nach oben, versuchte noch einmal sein Lächeln von damals in diesem steinharten Gesicht eines nun so kaltblütigen Mörders erhaschen zu dürfen, ehe er die Aufzugstüre zum leeren Schacht einfach so wieder schloss und zwar für alle Zeit, zumindest gefühlt für Katriona. Sollte sie wirklich an diesem 27.04. hier unten, in den Tiefen eines abrissreifen Gebäudes, in Mitten des Herzens ihrer Lieblingsinsel, einfach so sterben?? ……

Noch 3 Tage bis zum Shutdown, 28.04.

Noch immer war Katriona nicht klar, wie sie diese fürchterliche Nacht tatsächlich schaffte zu überleben. Irgendwie schien ihr letztlich doch noch die Flucht gelungen zu sein. Trotz allem tobte in ihrem Inneren ein übler Kampf, was war eigentlich geschehen? Sollte sie nicht eigentlich die Polizei in Kenntnis darüber setzen? Aber über was?? Hatte das ganze Szenario überhaupt stattgefunden? Verzweifelt irrte sie verdreckt, zerzaust, blutig über die Große Straße von Wyk. Zum Glück befanden sich die meisten Bewohner in ihren Häusern, die Läden waren geschlossen. Die 39-Jährige tastete nach ihrem Mundschutz, den sie bis gestern Abend immer in ihrer Jackentasche bei sich getragen hatte. „Corona“, dieses Wort löste urplötzlich Erinnerungen an die gute alte Zeit aus. Gedanken an all das, was bis gestern Abend noch als in Ordnung galt. „Vor dem Virus kann ich mich schützen“, wie aber vor dem Grauen, das noch immer dort unten tief in ihren Gedanken verborgen auf sie wartete. So wie die uralte Digi-Cam, die sie irgendwann am gestrigen Abend oder der heutigen Nacht in ihren abgehalfterten Rucksack befördert haben musste. Urplötzlich setzte sich das altersschwache Ding trotz zu geringer Akkuleistung in Gang. Katriona öffnete mit bebenden Fingern den Reißverschluss und entnahm ihrer Tasche die mit Sicherheit ca. 20 Jahre alte Kamera, klappte den Bildschirm auf und starrte ebenso gelähmt wie am Abend zuvor auf die Leiche zu ihren Füßen, nun auf die winzige Mattscheibe. Ein Aufschrei entriss sich ihren Lippen, erschrocken wich sie vor ihrem eigenen gellenden Schrei zurück und hätte die Kamera fast dem Besitzer des Restaurants „Zum Walfisch“ an den Kopf geworfen. Er konnte sie gerade eben noch so auffangen. „Schöne Aufnahmen, wann kommst Du denn nochmal zu uns, wir öffnen morgen wieder, allerdings nur so für 3-4 Stunden, je nachdem wie viele Insulaner denn auswärts essen gehen möchten. Ach und schickes Kleid, wolltest Du noch ausgehen?? Fragt sich nur wohin, oder??“ Als sie an sich hinunterblickte, erschrak die junge Frau erneut, ließ es sich vor Hauke Hinrich jedoch nicht anmerken, wie sehr dieser Anblick sie innerlich hatte zusammenzucken lassen. Sie wanderte Richtung Strandpromenade weiter, zum Glück war diese heute, sogar unter einem strahlend blauen Himmel, menschenleer. Mit zitternden Fingern versuchte sie die Knöpfe ihres Frühlingsmantels zu öffnen. Nach gefühlten 3 Stunden, obwohl sie wahrscheinlich nur 3 Minuten zum Aufknüpfen gebraucht hatte, warf sie den Mantel achtlos auf eine mit Sand bedeckte Touristenbank. Traurig musste sie plötzlich daran denken, dass dieser Sand auf der Bank vor ihr, ebenso wie es die angestaubten Tücher auf alten Möbeln in verlassenen Häusern taten, nur noch daran erinnerte, dass dieser Ort mal belebt war. Doch die melancholischen Gedanken wurden augenblicklich von einem widerlichen Schauer bitterster Furcht überdeckt. Sie trug ein rotes Samtkleid mit weitem Ausschnitt, darunter smaragdfarbene Strumpfhosen, gelbe Pumps und zur Abrundung dieses Clownskostüms babyblauen Nagellack, recht unordentlich auf ihre zierlichen Nägel aufgetragen, so als wäre der Lackierer in Eile gewesen, und zwar in deutlichster Eile. Was in Gottes Namen war eigentlich geschehen? Katriona sank verzweifelt auf die sandige Bank, ließ ihr Gesicht in die immer noch nach frischem Nagellack stinkenden Hände sinken und schrie erneut auf. Gab einen markerschütternden Laut von sich, so wehmütig, so herzzerreißend, und doch so sinnlos an diese kalte menschenleere Welt da draußen vergeudet. Lediglich einige am Horizont umhersegelnden Mantel-Möwen, registrierten überhaupt, was sich da auf dieser fast aussterbenden Promenade zutrug. Erneut nahm sie die Kamera zur Hand, klappte den Bildschirm zur Seite. Doch das Video, das sie selbst in absolut grauenhafter Position präsentierte, schien plötzlich verschwunden. Zurück blieben lediglich Fotos eines Familienausflugs. Wie konnte das sein, sie hatte es doch gesehen, sich selbst, wie sie dabei war… Nein, diese Schlussfolgerungen konnte sie noch nicht einmal rein innerlich vollzogen, überhaupt auch nur annähernd zu Ende denken….

Noch 2 Tage bis zum Shutdown, 29.04.

Die qualvollen Erinnerungen an diesen seltsamen Tag am Strand, ließen die 39-Jährige auch am nächsten Morgen noch immer nicht los. Sie war ganz entgegen ihrer eigenen häufig sehr nervösen Natur, recht ruhig und fast gelassen nach Hause gelaufen, zu Fuß, die ganzen 17 km bis nach Utersum. Und das in einer unglaublichen Rekordzeit von gerade mal 2 Stunden. Wie auch immer ihr das gelungen war, als sie zu Hause ankam, schienen sich diese Gedanken zunächst einmal zu zerstreuen, bzw. wurden sie durch eine bedeutsamere Tatsache übertüncht. Denn Katrionas Wohnungstüre stand sperrangelweit offen. Weshalb sie an diesem Abend nun einfach versuchte, alles Seltsame zunächst einmal zu ignorieren, denn irgendwie war es ihr, als sei nichts von den schlimmen Begebenheiten tatsächlich real. So ging sie duschen, zog zuvor ihr „Clownskostüm“ aus und legte sich danach einfach schlafen, ganz in der Hoffnung, dieser reale Alptraum möge am nächsten Morgen sein jähes Ende gefunden haben. Doch ganz so einfach schien sich der surreale Horror nicht abschütteln zu lassen. Gegen halb elf, als sich Katriona gerade erfolgreich geschafft hatte einzureden, dass ab jetzt nichts Seltsames mehr geschehen würde, weil alles vielleicht doch nur einem sehr luziden Traum entsprach, klingelte es ungewöhnlich lange und laut an der Haustüre. Katriona quälte sich in ihren Morgenmantel, öffnete die Türe und stand plötzlich ihrem geliebten Peiniger von vorgestern gegenüber. Panik blitzte in ihren Augen auf, aber er war schneller, stemmte seinen Fuß gegen die Türe und verschaffte sich unrechtmäßig Zutritt. „Hey, was ist los mit Dir verdammt, ich suche die halbe Insel nach Dir ab und Du, Du bist einfach so hier… Kat, Kat ??“ Sie stand wie erstarrt einfach nur im Türrahmen, blickte ihn unverwandt an. Denn da war er wieder, der warmherzigste Blick, den sie jemals von einem menschlichen Wesen hatte wahrnehmen dürfen. Trotz der Warnungen, sich anderen momentan höchsten bis auf 2,50 m zu nähern, trat sie aus dem Türrahmen heraus, stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang ihre zierlichen Arme um seinen muskulösen Oberkörper. Ein zarter Kuss seinerseits, wurde mit erschreckender Intensität, die sie sich selbst nicht zu erklären wusste, ihrerseits erwidert. Dieser Mensch, der sie so zart an sich gedrückt hielt, konnte kein kaltblütiger Killer sein, das passte einfach nicht zusammen. „Johannes, ich liebe Dich und was immer auch geschehen ist, vielleicht, ja vielleicht, können wir das einfach vergessen, oder ist überhaupt etwas geschehen??“ Johannes Büttler, Insel-Tierarzt mit Leib und Seele und seit bereits 2 Monaten mit Katriona verlobt, schob diese sanft einige Zentimeter von sich weg, zurück in den Türrahmen. Mit Tränen in seinen sanftmütigen dunkelbraunen Augen blickte er sie fast wehmütig an: „Doch, meine Liebste, es ist etwas geschehen und leider verändert es alles. Bald ist nichts mehr wie es mal war, es tut mir so leid. Doch, das was Du getan hast, das, was Du zugelassen hast, kann ich Dir einfach nicht verzeihen. Nur wegen Dir, ist jetzt alles vorbei, ein für alle Mal. Es hat mich fast selbst das Leben gekostet, Dich so zu sehen, ich hatte keine Ahnung, dass so etwas in Dir steckt, Du hast einfach zerstört, was wir uns über die Jahre aufgebaut haben. In ein paar Tagen schon, wirst Du verstehen, warum ich Dich heute verlasse.“ Johannes entwand sich ihres doch sehr kräftigen Griffes, und wollte ihr bereits den Rücken kehren, als Katriona der grauenhaften Aufnahmen der Videokamera wieder gewahr wurde: “Johannes, das Video, hast Du das Video nicht gesehen, darin bin ich…“ Er drehte sich kurz noch einmal um, packte sie hart an beiden Handgelenken, schüttelte Katriona heftig, so als wolle er sie damit zum Erwachen bringen: „Es gibt kein Video verdammt nochmal, wie oft soll ich Dir das noch sagen, meinst Du irgendjemand da draußen hätte Lust sich anzusehen, was Du getan hast.“ Völlig außer Atem und mit der Fassung ringend, griff Johannes nun wieder in zärtlicher Absicht nach einer aus ihrem langen Zopf herausgekräuselten Strähne, nur um sie genauso abrupt auch wieder fallenzulassen. „Du wolltest es nicht anders, Kat, mach‘s gut meine Schöne, mein Liebstes. Es gibt von nun an keinen gemeinsamen Weg mehr für uns, denn ich kann Dir das einfach nicht verzeihen, egal wie weh es mir auch tut, mich von nun an von Dir fernzuhalten. Leb Dein Schattendasein, denn mehr ist es nicht mehr, was Dir noch bleibt. Leb wohl, Liebe meines Lebens…“   

 

Noch 1 Tag bis zum Shutdown, 30.04.

Katriona war an einem Punkt ihres Lebens angelangt, an dem sie schier gar nichts mehr über sich selbst zu wissen schien. Sie wusste nur eines, ihren Johannes so zu sehen, brach ihr fast das Herz, andererseits war es auch der ultimative Beweis dafür, dass er sie nicht in dieser Lagerhalle bis aufs Blut fast zu Tode geschunden haben konnte. Das passte einfach nicht zusammen.

Katriona quälte sich schließlich doch noch aus ihrem Bett, verbrachte den Tag über in ihrer Wohnung in Utersum. Ging nur am Nachmittag mal kurz raus zum Deich, sammelte ein paar Muscheln am Strand, grüßte sogar hier und da einen Nachbarn und wunderte sich nur einige Sekunden lang darüber, dass diese bis auf einen, ihren Gruß nicht erwidern wollten. Sie schob diese Eigenart darauf, dass viele Insulaner eben für sich sein wollten und Katriona, obwohl sie bereits seit einigen Jahren hier auf dieser Insel als Ärztin der Notaufnahme des Krankenhauses tätig war, noch immer als Fremde betrachteten, vor der sie sich wohl in Acht zu nehmen hatten. Gegen Abend dann, brach sie noch zu ihrer fast täglichen Runde am Wyker Strand auf, fuhr also mit dem Wagen zum Heymannsweg Parkplatz, stellte ihren Mini dort ab und begab sich durch die Innenstadt bis zum Strandaufgang hinauf. Dort lief Katriona bereits einige Minuten leise summend vor sich hin, als sich ihr plötzlich jemand in den Weg stellte. Er trug eine fratzenschneidende Clownsmaske, grellbunte Hosen, gelbe Schuhe, alles nur spärlich durch eine der Solarlaternen, die die Strandpromenade bis nach Nieblum runter säumten, erhellt. Katriona bemerkte sofort wie ähnlich grell und bunt sich seine Kleidung ebenso von der Umgebung abhob, wie es auch die ihre vorgestern getan hatte, als sie völlig orientierungslos durch die Wyker Innenstadt geirrt war. Sie zitterte vor Angst und plötzlich aufkeimender Kälte, dabei stand der Clown eigentlich nur regungslos da, genauso wie der Pirat, eine leblose lebensgroße Figur vor einem der Restaurants hier unten am Strand. Nur dass dieser Clown lebte, ihr zwar nichts tat, zumindest momentan nicht, aber er atmete und ließ die junge Frau nicht weiterlaufen. Versuchte sie zurück zur unbelebten Hauptstraße zu gelangen, wechselte der Clown blitzschnell seine Position, stellte sich ihr auf der anderen Seite in den Weg. Als die 39-Jährige gar nicht mehr wusste, wohin sie sich noch wenden sollte, nahm sie all ihren Mut zusammen und stürmte einfach geradewegs auf ihn los. Da erst kam wirklich Leben in ihn, er griff mit beiden Händen nach ihrem Hals, faselte ganz kurz etwas von „so edler Porzellanhaut“ und begann ihr langsam die Kehle zuzudrücken. Kurz bevor bei ihr gefühlt endgültig die Lichter erloschen wären, ließ der Druck seiner Hände auf ihren schmerzenden Hals ein wenig nach. Sein maskiertes Gesicht näherte sich von hinten dem ihren an, fast in zärtlicher Absicht, legte er seinen Mund ein wenig frei, kam ihr noch näher, unerträglich nah, während Katriona wie erstarrt auf das Ende ihres doch noch so jungen Lebens wartete. „Ich kann Dich nicht töten, ich kann es einfach nicht…“ Mit diesen Worten ließ er endgültig ab von ihr, verschwand zurück in die Dunkelheit, aus der er erst vor wenigen Minuten zu ihr gestoßen war. Als Katriona an sich hinunterblickte lag da ein einzelner gelber Pump auf dem Strandweg und daneben die Kamera. Wie kam diese plötzlich hierher, glaubte sie doch ganz sicher zu wissen, sie zu Hause in ihrem Rucksack belassen zu haben. Kraftlos und zitternd vor Angst schleppte sie sich zurück zum Wagen, die Kamera rutschte ihr fast aus ihren angstverschwitzten Fingern. Im Wagen angekommen, klappte sie den Bildschirm erneut aus, starrte auf eine Szene, die es einfach nicht gegeben haben konnte, nicht gegeben haben durfte. Ihre Augen schienen vor Tränen fast überzulaufen, denn was die Kamera eine halbe Nacht lang über aufgezeichnet hatte, war an Brutalität und Grausamkeit kaum zu überbieten. Und das schlimmste, es schien so, als wäre das alles ihre Schuld. Doch schien es nur so, denn sowohl sie als auch Johannes hatten einfach nur ein winziges Detail übersehen. Ein Detail, das die gesamte Videoaufnahme in ein völlig neues Licht rücken sollte….   

 

Shutdown, 01.05.2020

Er stand am nächsten morgen einfach vor ihrer Türe, ein Eisblock, bereits zur Hälfte geschmolzen, sein Wasser verteilte sich über den gesamten asphaltierten Weg, lief in einem Rinnsal die kleine Auffahrt zur Hauptstraße hinunter. Blitze erster erleichternder Erkenntnis funkten durch ihr Gedächtnis, Bilder der Frauenleiche zu ihren Füßen, Bilder des Killerclowns, Aufnahmen von Johannes verhärtetem Gesicht, als er sie… Mit einem Mal ertönte aus dem Innern ihrer Wohnung das Lied „Never Enough“ aus dem Musical „The greatest showman.“ Leise begann sie dieses mitzusingen, Tränen bahnten sich wieder ihren Weg über ihre Wangen hinab auf denn fast geschmolzenen Eisblock, vermischte sich mit „eisigen Tränen.“ In ihrem Kopf konnte sie die Stimme eines Mannes vernehmen, eines Mannes, der immer wieder das gleiche von sich gab: „Sing mein Engel, sing, vielleicht kehre ich dann vor Deinem Shutdown zurück.“ Die letzten Töne des Liedes kletterten immer weiter in die Höhe, kündigten ihr gewaltiges imposantes Ende an. Und dann Stille, endgültige Stille, für immer? Nein, denn in diesen epischen Moment der Stille hinein, kündigte sich ein Anruf mit unterdrückter Nummer an. „Katriona Spiegel?“, meldete sich die junge Frau zitternd. Ein knackendes Geräusch in der Leitung, ließ sie zunächst vermuten, der Anrufer habe bereits wieder aufgelegt. Doch dann ertönte eine tiefe bronzene Stimme, dennoch so zart, so mitfühlend, dass sie fast erneut in Tränen ausgebrochen wäre: „Wenn Sie wissen wollen, was in der Nacht vom 26. auf den 27.04. tatsächlich geschehen ist, kommen Sie heute Abend zum Hafen, unsere Fähre legt um 21:30 Uhr ab, also nach unserem Gespräch.“ „Aber um diese Uhrzeit geht überhaupt keine Fähre mehr zum Festland.“ „Ihre schon, meine Liebe, Ihre schon.“ „Benötige ich eine Maske, Maskenpflicht seit vorgestern?“ „Nein, brauchen Sie nicht, Sie können Niemanden anstecken, kommen Sie einfach zum Hafen, dann werde ich Ihnen alles erklären.“

Ihren Mini stellte Katriona dieses Mal direkt am Fährhafen Föhrs ab, und schritt dann unsicher, verwirrt zur einzigen Fähre an diesem 01.05.2020. Eine sehr junge Frau winkte ihr vom Sonnendeck der Fähre aus zu und gab Katriona damit zu verstehen, zu ihr hinauf zu kommen. Immer noch verwirrt folgte die 39-Jährige dieser Aufforderung, passierte die elektronisch gesteuerte Glasschiebetüre und eilte im Anschluss die Stufen zum obersten Deck hinauf. Oben angelangt, kam die deutlich jüngere Frau, eigentlich eher noch wie eine Jugendliche wirkend, freudig auf sie zugestürmt, schloss Katriona trotz der immer noch bestehenden Kontaktsperre herzlich in ihre offenen Arme. „Schön, dass Du es geschafft hast, herzukommen, ich habe mich schon so auf Dich gefreut.“ „Ähm, ich habe mit einem Mann gesprochen, sehr markante Stimme und ich dachte…“ Die Jugendliche ließ die ihrige plötzlich in einem bronzenen Brustton erklingen und Katriona erkannte die Stimme des Gesprächspartners von vorhin wieder. Erschrocken wich sie einige Zentimeter von dem jungen Mädchen zurück: „Ist das alles ein makabrer Scherz oder was…“? „Nein, oh nein Kat, es ist alles bald vorbei, aber Du musst jetzt unbedingt mit mir zusammenarbeiten, ansonsten endet das alles in einer Tragödie.“ Vollkommen verstört aber dennoch irgendwo auch hoffnungsstrebend folgte sie dem jungen Mädchen in einen kleinen Nebenraum, wohl einem kleineren Schaltraum der Fähre. Und dort stand sie wieder, die Kamera, klein und unscheinbar, doch sie wusste, dass ihr Inhalt dem Gegenteil entsprach. Die junge Frau setzte sich und bat auch Katriona darum, vor dem nicht allzu großen Kamerabildschirm Platz zu nehmen. Wortlos startete das Mädchen die Kamera, es eröffnete sich ihr die gleiche Szenerie, die ihr vom 27.04. noch in Erinnerung geblieben war. Gebannt blickte sie auf die schmale fast winzige Mattscheibe und konnte dennoch alles, was sie wohl sehen musste, mehr als nur gut erkennen. Ihre Augen saugten sich schier an dem kleinen Bildschirm fest:

„Um Gottes Willen, was hast Du getan, du hast den einzigen Menschen umgebracht, den ich jemals zu lieben bereit war.“ „Nein, nein, das war ich nicht, hörst Du, das war ich nicht, sie war schon tot, verstehst Du mich, sie war schon tot.“ Die junge Frau starrte vollkommen entgeistert auf die Leiche zu ihren Füßen, einer Leiche deren Gesichtszüge ihr nur allzu bekannt vorkamen. Der Schrecken lähmte ihre Glieder, bewegungslos nahm sie noch kurz wahr, dass sich einige glasklare Tränen ihren Weg über ihre blassen Wangen hinab zu ihrem schmalen Kinn bahnten und sich schließlich mit den Blutlachen auf dem schmutzigen Linoleum vermischten, dem Gleichen Linoleum, auf dem auch sie ruhte, für immer und ewig. Zumindest so lange, bis die Leiche durch den Gerichtsmediziner als abtransportiert galt. Sie wusste, dass er ihr diese Tat, an der sie im Grunde doch keine Schuld trug, aber eben auch nicht hatte zu verhindern wissen, niemals würde verzeihen können. Ein letzter flehender Blick in seine sonst so vor purer Warmherzigkeit sprühenden Augen, die nun jedoch nichts mehr als Kälte und Mordlust zu verbreiten schienen, genügte ihr, um zu wissen, dass sie von diesem Zeitpunkt an, niemals mehr vor seinem Drang nach bitterster Rache würde sicher sein können. Doch plötzlich schwenkte die Kamera um, zeigte einen abgerissenen Strick, der sich zuvor an einem der Holzbalken befunden haben musste. Ein Kameraschwenk zurück, zurück zu Johannes, der vor Katrionas Leiche in die Hocke gegangen war. „Das war ein nicht ganz so gut durchdachter Suizid, denn der Strick ist vor Eintritt des Todes abgerissen. Deshalb der Sturz und die üble Kopfversletzung,“ ertönte plötzlich die Stimme eines Mannes, sie gehörte wohl dem Gerichtsmediziner. „Warum hast Du das getan, meine Süße, warum, ich kann Dir das niemals verzeihen, mein geliebtes Mädchen. Solch eine Tat aus dem Nichts heraus, ja, ich weiß, Du warst einsam. Ich durfte meine Wohnung nicht verlassen, positiv auf Corona getestet und deshalb konnten wir uns ca. einen Monat nicht sehen. Aber so etwas hättest Du nicht tun dürfen.“ Katriona, immer noch gebannt verzweifelt an den Bildschirm gefesselt, weinte nun bitterste Tränen und wollte sich gerade versuchen ein wenig zu beruhigen, als die vermeintliche Leiche zu Johannes Füßen, urplötzlich die Augen aufschlug und noch einen einzigen herausgekrächzten Satz von sich gab: „Vergib mir, dass ich tot bin.“ Danach verstarb Katrionas Stimme in dem aufgezeichneten Video und Johannes trug sie in seinen Armen davon und somit aus dem Sichtfeld der Kamera. Die junge Frau neben ihr, holte Katriona, die nun lediglich noch auf einen schwarzen, kalten Bildschirm starrte, ins Hier und Jetzt zurück, indem sie leise zu sprechen begann:

„Johannes war sehr wütend auf Dich, auf Deine Art Dich vermeintlich von dieser Welt verabschiedet zu haben, er wusste einfach nicht zu begreifen, wie Du so etwas tun konntest. Du hast seine Wut die letzten Tage über, deutlich zu spüren bekommen, hast gefühlt, wie er litt. Aber da war immer auch noch etwas anderes, eine grausame Kraft im Hintergrund, die nicht von Johannes herrührte.“ Ehe Katriona fragen konnte, ob Johannes sie tatsächlich in den Aufzugsschacht befördert hatte, redete die junge Frau neben ihr bereits weiter: „Er war es nicht, der Dich vermeintlich in diesen Schacht hinunterwarf. Das ist auch gar nicht geschehen, das waren lediglich Johannes Gedanken, was er am liebsten mit ihm getan hätte. Und bei diesem ihm scheiden sich nun wortwörtlich die Geister.“ Die Jugendliche drückte auf eine der schwarzen Tasten, die sich genau unter dem Bildschirmrand befanden und spulte die insgesamt 10 stündige Aufnahme zurück. Katriona stand mit einer Schlinge um ihren Hals ruhend auf einem riesigen Eisblock, während aus einem Lautsprecher direkt vor ihr auf dem Boden, das Lied „Never enough“ aus dem Musical „The greatest showman“ ertönte. Dann immer wieder, in gewissen Zeitabständen verstummte das Lied und die Stimme eines Mannes war über den Lautsprecher bis zu der Katriona, vor dem Bildschirm sitzend, zu vernehmen: „Sing mein Engel, sing, vielleicht kehre ich dann vor Deinem Shutdown zurück. Du wolltest mich nicht, bist lieber auf diese Insel abgehauen. Hast mich sitzen lassen, dabei sagte ich Dir immer, dass ich Dich liebe, so unendlich tief. Ich konnte Dich nicht gehen lassen, sorry Kleines, aber wenn ich Dich nicht haben kann, dann soll Dich auch Niemand anderes haben dürfen. Sing, mein Engel, denn in ein paar Stunden schon, wenn dieser Eisblock erst einmal gänzlich dahingeschmolzen ist, hast auch Du kein Leben mehr, ebenso wie ich, wirst zu dem Clown, einem toten Clown, zu dem auch Du mich hast werden lassen…. Leb wohl, mein Todesengel…“  

„Peter, Peter Pierrot, dachte nicht, dass er tatsächlich so gefährlich sein könnte.“  „Leider“, sprach die junge Frau neben Katriona bedächtig, fast flüsternd weiter, „er war nicht nur dem Namen nach ein trauriger Clown, er war es tatsächlich. Er dachte, Du gehörst ihm, ihm ganz alleine und da hat er es irgendwie unbemerkt auf diese Insel geschafft, trotz des Einreiseverbots für Touristen. Er hat Dir während Deines abendlichen Spaziergangs am Strand in einem Clownskostüm aufgelauert, Dich gewürgt, betäubt und in diese Lagerhalle gebracht, wo Peter Dich in Deinem Art Schrein aufbahrte, um Dir bei Deiner eigenen Hinrichtung zusehen zu können. Ein Eisblock zu Deinen Füßen, ein Strick um Deinen Hals. Mit dem Wissen in seinem kranken Hirn, dass Du Dich selbst erhängen wirst, wenn der Eisblock unter Deinen Füßen erst einmal gänzlich als dahingeschmolzen gilt.“

Mit Tränen in den Augen blickte Katriona die junge Frau ein letztes Mal mit fast zärtlichen Gefühlen für diese, tief in ihrem Inneren aufkeimend, traurig an: „Das heißt, ich bin also tot, zwar nicht selbst herbeigeführt, sondern kaltblütig ermordet aber immerhin tot.“ Die Jugendliche schüttelte sanft den Kopf: „Nein, eigentlich nicht, nachdem Johannes Dich dem Gerichtsmediziner übergeben hatte, entdeckte die Spurensicherung die Tonbandaufnahmen. So erfuhr auch Johannes schließlich, dass Du Dich nicht umgebracht hast. Er verzweifelte, wurde fast verrückt, weil er Dir nun nicht mehr sagen konnte, dass er Dir gar nichts mehr zu verzeihen hat, Dich immer noch liebt, Dich niemals verlassen hätte und im Grunde seines Herzens auch niemals wirklich daran glaubte, dass Du tatsächlich sterben wolltest. Du sitzt nicht wirklich hier bei mir, Du liegst seit dem 28.04. frühmorgens in einem Leichensack in einem ungekühlten Eisfach der Gerichtsmedizin. Weil sie nicht wussten, ob Du wirklich tot bist oder lediglich nur noch unter der Wirkung des Curare-Gifts stehst, hat man Dich in ein ungekühltes Fach verfrachtet…“

 Die Konturen des Schiffs verschwammen vor Katrionas Augen, tiefe, kehlige Laute entrangen sich ihrer Lippen, wurden zu gedämpften Schreien, die sich mit ihren schweren Atemzügen vermischten, mit Atemzügen, die leider nur die abgestandene Luft im Inneren des eher halbdurchlässigen Leichensacks zirkulieren ließen.

„Verdammt nochmal, Katriona atme, atme doch, Du hast das Handy, dass ich Dir hinterlassen habe betätigt, das heißt, Du lebst noch, also atme endlich…“ Johannes, der die letzten Tage in der Gerichtsmedizin auf dem Festland verbracht hatte, dort wo auch die vermeintliche Leiche Katriona Spiegels seit dem 27.04.2020 aufbewahrt wurde, versuchte mit allerletzter Kraft die Adern, Lungen seiner Verlobten wieder mit Leben anzufüllen. Gerade als er zum zweiten Mal glaubte, sie für immer verloren zu haben, rang sich ein leises Husten aus ihrer vertrockneten Kehle. Dann schlug Katriona die Augen auf, blickte sich um, schaute ungläubig Johannes entgegen, der sein Glück kaum in Worte oder gar Gefühle fassend fähig, seine Hand auf die ihre legte und dabei ein Stoßgebet Richtung Himmel fahren ließ.

Im selben Moment wurde die Türe zum Leichenraum aufgestoßen, der Gerichtsmediziner riss sich die grün schimmernde Stoffmaske vom Mund, warf sie in den nächstbesten Abfallbehälter und blickte Johannes sowie der „Untoten“ mit blitzenden Augen entgegen.

„Wisst ihr was, ihr Zwei, ich war kurz davor mich mit ihm dort oben ernsthaft anzulegen aber glaubt mir, seit heute Morgen, seit jetzt, hinterfrage ich nie wieder etwas. Es ist alles komplett verrückt gelaufen… Seit heute Morgen glaube ich wieder, und ich bin durch für heute.“ Der Mediziner wandte sich kurz ab, nur um quasi postwendend ganz in Columbo Manier zu den beiden zurückzukehren: „Eine Sache, nur eine einzige, hätte ich da noch: Peter Pierrot ist tot, hat sich im Meer ertränkt. Die Krise ist also vorbei.“ Katriona richtete sich vorsichtig noch immer in ihrem Leichensack liegend, in eine sitzende Position auf, strampelte den Sack von der Bahre hinunter und blickte den Arzt fragend an: „Welche Krise ist beendet?“ „Wohl beide“, antwortete der Gerichtsmediziner mit glänzenden, feuchten Augen, „Herr Pierrot gilt nun als verstorben und unser Virus wohl bald ebenso, sie haben einen Impfstoff. Fühlt sich so an, als hätte mit diesem Psychopathen auch der weltweite Horror unsere Erde für immer verlassen.“

Nachtrag

Viele Jahre später erst, entdeckte Katriona, mit wem sie vor geraumer Zeit dieses grausige Video betrachtete, wer demnach als ihre Retterin galt. Denn je älter die gemeinsame Tochter mit den Jahren wurde, desto plastischer zeichnete sich auch eine immer stärker in Erscheinung tretende, frappierende Ähnlichkeit der Gesichtszüge, zu dem Mädchen vom Sonnendeck der Fähre von damals, ab. 

Sollte der Gerichtsmediziner, dessen Namen ihr einfach nicht mehr einfallen wollte, letztlich recht behalten: „Wisst ihr was, ihr Zwei, ich war kurz davor mich mit ihm dort oben ernsthaft anzulegen aber glaubt mir, seit heute Morgen, seit jetzt, hinterfrage ich nie wieder etwas. Es ist alles komplett verrückt gelaufen… Seit heute Morgen glaube ich wieder….

„Das muss ich wohl nach alldem, was geschehen ist, heute auch wieder tun, lieben Dank an Dich, Bestiastan  Kezfitz , ist das eigentlich polnisch??, warum weiß ich den Namen plötzlich wieder??“

Endgültiger Shutdown oder viel mehr

Ende, also Ende mit allem, Ende mit der Geschichte, mit der Krise…..

 

 

            

 

                  

                    

2 thoughts on “Vergib mir, dass ich……

  1. Moin Anna,

    Eine wirklich geile Geschichte die du uns hier präsentierst.

    Ich gratuliere dir! Dir ist was richtig gutes gelungen.

    In deiner Storie steckt soviel. Die aktuelle Corona Krise und ihre Folgen für die Menschen. Etwas Mystery ala Akte X und ein wenig spielen mit der Angst der Leser, durch den Einsatz eines Clown’s….Huuuu, gruselig!

    Woher kommt der Name? Katriona? Noch nie gehört…

    Dein Schreibstil ist sehr eigen, er wirkte auf mich sehr gefestigt und geradlinig. Deine erste Geschichte? Du hast auf alle Fälle Talent. Wie du Dinge beschreibst, Emotionen transportierst ist grandios.

    Dein Plot und dein Twist, sind stark herausgearbeitet. Deine Charaktere Super skizziert. Hat mir wirklich gut gefallen.
    Nur 5 Likes, ok mit meinem sind es dann 6, denn mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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