Daniel.BahamasVerjährt

12+

Simon

Es war ihm offenbar missglückt sich von allen Blutrückständen zu befreien. In der Hautfalte der Unterseite seines rechten Ringfingers hatte er eine schmale Linie getrockneten Blutes entdeckt. Der Anblick rief in ihm die genugtuende Erinnerung an seine Unternehmung des vergangenen Tages hervor. Die Schreie, die Panik, das Flehen und das Unverständnis in den weit aufgerissenen blauen Augen. Noch nie zuvor hatte er Jemandem solche Qualen bereitet. Doch ihr Leiden konnte nur ein Bruchteil des Martyriums sein, das sie vor exakt fünf Jahren so leichtfertig auf ihn herab beschworen hatten. Nun trennten ihn nur noch wenige Stunden von der Erlösung. Der Gerechtigkeit würde Genüge getan werden. Er schmunzelte verstohlen. Im Schutze der schummrigen Beleuchtung der Bar und des hektischen Treibens um ihn herum befeuchtete er seine Lippen und lutschte an der stelle bis der metallische Geschmack des Sekrets verblich und nichts als seiner Haut zu sehen blieb.

Hanna

Sophia nahm immer noch nicht ab. Viermal hatte sie in der letzten halben Stunde versucht ihre kleine Schwester zu erreichen. Auf ihren Füßen hin und her tippelnd stand sie in der Kälte vor ihrer Lieblingsbar in der ihre Freunde gerade die nächste Runde bestellten. Genervt versuchte sie es ein weiteres mal. — Hi! Entweder bin ich beschäftigt oder ich habe gerade einfach keine Lust mit dir zu Reden. Aber hinterlass mir ruhig ne Nachricht — Es ertönte ein langgezogener Piepton.

— Man Sophia wo steckst du? Du weißt doch was dieser Abend für uns bedeutet. Meld dich wenn du das hörst oder komm einfach direkt in die Bar — Sie legte auf, verstaute das Handy in ihrer Handtasche und betrat die Bar erneut. Darauf bedacht keinem der dicht an dicht stehenden Gäste den Drink aus der Hand zu stoßen drängte sie durch die Menge und steuerte auf den tief roten Haarschopf ihrer besten Freundin Kathi zu. Diese stand mit ihrem Freund Nils und dessem Freund Paul an der Theke und wartete darauf, dass ein Tisch frei würde. Kathi drückte ihr einen Gin Tonic in die Hand — Hast du Sophia gesagt, dass sie ihren Hintern her bewegen soll? — ohne eine Antwort abzuwarten fuhr sie fort — komm; Paul hat eben einen Tisch gesichtet der jeden Moment frei wird — Sie nahm Nils Hand und steuerte auf eine Gruppe Studenten zu, die gerade einen der Tische verließ. — konntest du deine Schwester erreichen ? — Paul hatte sich ihr zugewandt. — Hatte kein Glück. Wahrscheinlich ist sie mit Freunden unterwegs und hat vergessen, dass sie hier vorbeischauen wollte — erwiderte Hanna. Paul nippte mit enttäuschtem Blick an seinem Bier und zuckte dann mit den Schultern. — Wird schon noch kommen — Sagte er und folgte Kathi und Nils an den, nun freien, Tisch. Hanna hatte schon beim Letzten Zusammentreffen der Beiden die Blicke wahrgenommen, mit denen Paul ihrer kleine Schwester bedacht hatte. Ob er auf Sophia stand? Sie verwarf den Gedanken. Stattdessen drängte sich ihr die Frage auf, ob Sophia wirklich einfach beschäftigt war und vergaß ihr handy zu checken? Angesichts der ewig langen Zeit in der sie sich diese Nacht herbeigesehnt hatten, konnte sie sich kaum vorstellen, dass ihre kleine Schwester kurzerhand beschlossen hatte ihre neugewonnene Freiheit ohne sie zu feiern. Nachdem sie beide seit dem Vorfall, der sich heute das fünfte Mal jährte, unter der Angst gelitten hatten entdeckt und für ihre Tat zur Verantwortung gezogen zu werden. — Leute ich gehe mir mal eben die Nase pudern — Eigentlich wollte sie Sophia nur nochmal eine Nachricht hinterlassen. Hanna kämpfte sich erneut durch die gut besuchte Bar bis zur Damentoilette. Drinnen stand eine aufgedreht gackernde Gruppe von Mädels und machte Selfies vor einem der schmutzigen Spiegel. Hanna ging an ihnen vorbei bis zum letzten der Waschbecken, stellte ihre Tasche auf die Ablage daneben und Atmete tief durch. Sie griff in ihre Tasche um ihr Handy herauszuholen. Als sie es herauszog fühlte es sich merkwürdig klein und schwer an. Sie betrachtete es stirnrunzelnd. Dies war nicht ihr Handy. Ihres war das neuste Modell auf dem Markt. Das Smartphone in ihrer Hand war schon mehrere Jahre alt. Ob es Jemand versehentlich in ihre Handtasche fallen gelassen hatte? Schon möglich; schließlich befanden sich in der Bar dutzende angeheiterte Studenten. Von Neugier gepackt drückte sie die Home-Taste. Zu ihrer Verwunderung entsperrte sich das Gerät ohne nach einem Passwort zu fragen. Auf dem Startbildschirm befanden sich lediglich die Applikationen für „Fotos“ und „Nachrichten“. Letztere zeigte, durch eine kleine rote „1“ am oberen rechten Rand, eine ungelesene Nachricht an. Doch was ihr den Atem stocken lies und ihre Aufmerksamkeit schlagartig fesselte, war das Hintergrundbild. Die Aufnahme war aus dem Inneren eines Raumes, über mehrere Köpfe hinweg durch ein auf den Bürgersteig gerichtetes Fenster getätigt worden. Es handelte sich um die Aufnahme einer Frau, die im Lichte einer Straßenlaterne auf ihr Mobiltelefon herab schaute. Hanna erschauerte unwillkürlich. Ihre von schulterlangem Haar verschleierten Gesichtszüge waren auf der teilweise unscharfen Aufnahme nicht auszumachen. Dennoch erkannte Hanna den blonden Schopf, den schwarzen Mantel und die Handtasche sofort. Denn all dies sah sie ebenfalls, wenn sie jetzt in den Spiegel über dem Waschbecken schaute vor dem sie stand. Sie verspürte ein leichtes Schwindelgefühl. Da sie hier mit ihren Freunden beinahe wöchentlich mehr oder weniger unvergessliche Abende verbrachte, fiel es ihr nicht schwer festzustellen, dass das Foto aus dem inneren der Bar in der sie sich gerade befand aufgenommen wurde. Jemand hatte sie fotografiert während sie eben versucht hatte ihre Schwester zu erreichen und die Aufnahme dann als Hintergrundbild gespeichert. Sollte dies irgend ein makaberer Scherz ihrer freunde sein? Hanna öffnete die „Fotos“ App um festzustellen, ob sich dort noch weitere aufnahmen von ihr verbargen. Sie bereute es umgehend. Ihr wurde schwarz vor Augen und ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie sackte auf dem weiß gekachelten Boden der Damentoilette zusammen — Ey! Alles in Ordnung bei dir? — Eines der Mädchen, die in der Zwischenzeit diskutiert hatten welches der Selfies in einem der diversen Sozialen Netzwerken gepostet werden sollte, kam einen Schritt auf sie zu. — Ja, vielleicht etwas zu viel getrunken — erwiderte Hanna benommen. Sie richtete sich auf, packte ihre Tasche und flüchtete sich in eine der Toilettenkabinen. Es fiel ihr schwer nicht zu hyperventilieren. Hatten ihr ihre Augen einen grausamen Scherz gespielt? Sie setzte sich auf den heruntergeklappten Klodeckel. Erneut tippte sie mit ihrem Zeigefinger auf das „Fotos“ Emblem. Bis auf die als Hintergrundbild gespeicherte Aufnahme von ihr befand sich nur ein weiteres Bild in dem Ordner. Es zeigte einen alten, abfotografierten Zeitungsartikel. Er titelte: „Sterbliche Überreste von deutschem Backpacker in Australien aufgetaucht.“ Weiter hieß es „Jan H. wollte nach seinem Abitur mit Freunden durch Australien reisen. Doch schon wenige Wochen nach seiner Ankunft sollte das Abenteuer für den 18 jährigen auf tragischem Wege enden. Simon P. ein Reisegefährte des Toten hat den von schweren Verletzungen gezeichneten Körper des Teenagers in einem Straßengraben außerhalb von Canberra gefunden.“ Neben dem Text war das kleine schwarz-weiße Bild eines in die Kamera lachenden Jungen abgebildet. Das Erscheinungsdatum des Artikels lag fünf Jahre zurück. Hannas Augen füllten sich mit Tränen. Das kindliche Gesicht dieses Jungen hatte sich damals unwiderruflich in ihr Gedächtnis Eingebrannt. Es jetzt wiederzusehen versetzte sie in die Nacht in Australien zurück, in der sie zusammen mit Sophia in ihren Mietwagen gestiegen war um zu einer Strand-Party an einem der Seen vor den Toren der Australischen Hauptstadt zu fahren. Zuvor hatten sie beide schon mehrere Drinks mit ein paar der anderen Reisenden am Pool ihres Hostels genossen. Dennoch hatte Hanna sich noch für Fahrtauglich genug befunden um sich hinter das Steuer ihres Mini-Vans zu setzen. Wenige Hundert Meter vor der Ausfahrt zum See war es dann zu dem Unfall gekommen. Sie hatte den am Straßenrand entlanglaufenden Jungen zu spät wahrgenommen. Er hatte sich noch halb zu dem heran rasendem Fahrzeug umgedreht, so dass sie sein Gesicht im Licht der Scheinwerfer sehen konnten. Trotz des Versuches im letzten Moment noch das Lenkrad herumzureißen, war die Stoßstange ihres Vans in Hüfthöhe gegen den Jungen geprallt. Der Zusammenstoß hatte ihn um mehrere Meter in das Geäst abseits der Straße geschleudert, wo er dann regungslos liegen geblieben war. Hanna spürte erneut die Gelähmtheit die sie damals dazu verdammt hatte hilflos zuzuschauen wie Sophia hektisch versucht hatte den Sicherheitsgurt des Beifahrersitzes zu lösen, aus dem Auto sprang und in die Dunkelheit zu der merkwürdig verrenkten Gestalt eilte. Eine gefühlte Ewigkeit hatte sie neben ihm gekniet. Als sie zum Wagen zurückgekehrt war hatte sie Hanna teilnahmslos mitgeteilt, dass sie nichts mehr tun konnten. Sie hatten überlegt die Behörden zu informieren. Doch angesichts der zu erwartenden Folgen waren sie übereingekommen nichts zu unternehmen. Am Nächten Morgen hatten sie den Mini-Van, der weder Beulen noch Kratzer aufwies, zurückgegeben, Flüge in Richtung Heimat gebucht und sich geschworen nie wieder über die Ereignisse dieser Nacht zu sprechen. Nur einmal noch, etwa ein Jahr nachdem sie Australien so fluchtartig verlassen hatten befassten sie sich mit dem Geschehenen. Sophia, die in der Zwischenzeit ein Jurastudium begonnen hatte, schickte Hanna eine Nachricht mit mehreren Auszüge aus einem ihrer Gesetzestexte „§ 222 StGB, Fahrlässige Tötung“ — Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft — und „§ 78 StGB, Verjährungsfrist“ — Die Verjährung schließt die Ahndung der Tat und die Androhung von Maßnahmen aus. Soweit die Verfolgung verjährt beträgt die Verjährungsfrist fünf Jahre bei Taten, die im Höchstmaß mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bedroht sind — Dazu hatte ihre Schwester nur geschrieben — Sobald die Sache fünf Jahre her ist kann uns nichts mehr passieren und wir könne das alles endlich vergessen —

Unvermittelt drang Kathis Stimme durch die Tür der Toilettenkabine und entriss Hanna den düsteren Tiefen ihrer Erinnerung — Hanna bist du da drin? Ist alles in Ordnung? — — Klar, alles in Ordnung. Habe eben ein Paar Kommilitonen getroffen und mich ein bisschen verquatscht. Geh ruhig schonmal zurück zu den Anderen — Es kostete sie beinahe eine übermenschliches Maß an Anstrengung, ihrer Freundin in gelassenem Tonfall zu antworten. Sie Atmete tief durch und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Jemand in dieser Bar wusste, dass sie für den Tod des Jungen verantwortlich war und hatte ihr das Handy zugespielt um sie dies wissen zu lassen. Doch warum? Die Person hätte sie jederzeit bei der Polizei melden können. Stattdessen offenbarte sie sich heute, in der Nacht in der ihre Tat verjähren würde. Hanna öffnete die Nachrichten-App auf dem fremden Smartphone. Vielleicht würde sie einen Hinweis darauf finden, wer dieses makabere Spielchen mit ihr trieb. Es wurde nur ein einziger Nachrichtenverlauf mit einer nicht eingespeicherten Nummer angezeigt. In dem Chat befand sich lediglich eine ungeladen Bilddatei. Begleitet von der dunklen Vorahnung, dass sie es bereuen würde tippte Hanna auf die Datei um sie herunterzuladen. Sie erkannte Sophia sofort. Nur mit BH und Höschen bekleidet lag ihre kleine Schwester in Rückenlage auf einem breiten Bett. Jemand hatte sie mit Armen und Beinen an die Bettpfosten gefesselt. Man hätte annehmen könne es handele sich um eine erotische Aufnahme, wären da nicht die rot-lila schimmernden Blutergüsse auf ihrem Körper. Das stark angeschwollene Gewebe um eines ihrer Augen glich einem tief blauen Hügeln auf ihrem Gesicht, ihre Nase und der Mund waren nur noch eine blutige Masse und ihr linkes Bein war unterhalb des Knies in einem unnatürlichen Winkel abgespreizt.

Simon

Das Miststück hatte das Handy, dass er in ihrer Tasche platziert hatte also gefunden. Die Statusleiste am oberen Rand seiner Nachrichten-App zeigte ihm an, dass sie in diesem Moment „online“ war. Wahrscheinlich betrachtete sie gerade das Foto ihrer Schwester, dass er erst vor wenigen Stunden aufgenommen hatte. Er würde vieles darum geben jetzt ihren Gesichtsausdruck beobachten zu können. Sein Plan ging besser auf als er jemals zu träumen gewagt hätte. Hätte sie das Handy vor den Augen der Anderen gefunden hätte sie sich vielleicht etwas anmerken lassen. Doch nun hielt sie sich bereits seit geraumer Zeit in der Damentoilette auf. So konnte er das Geschehen in Seelenruhe dirigieren. Er tippte eine Nachricht in sein Smartphone und sendete sie ab. — Gefällt es dir wie ich dein Schwesterchen für mein Foto hergerichtet habe? Ich habe sie den selben Schmerz erfahren lassen, den Jan spüren musste bevor er starb — Einige Momente geschah nichts. Dann änderte sich das „online“ Symbol in seiner Statusleiste zu „schreibt…“. Schließlich erschien ein Wort. — Bitte — sie schrieb weiter. — Warum tust du das? Bitte sag mir wo Sophia ist. Ich mache alles was du verlangst aber bitte lass sie gehen — Eine euphorische Welle durchströmte ihn. Sie schien genau das Maß an Verzweiflung und Hilflosigkeit erreicht zu haben, dass er sie hatte spüren lassen wollen. Die Zeit war gekommen gleiches mit gleichem zu vergelten. Sie hatte nicht nur seinen besten freund getötet, sondern war auch noch eiskalt und berechnend genug gewesen zu versuchen ihrer gerechten Strafe zu entgehen. Doch wenn sie jetzt das Leben ihrer Schwester retten wollte würde sie dafür dem Leben ihrer bester Freundin ein Ende bereiten müssen, so wie sie Jans viel zu kurzem Leben beendet hatte. Damit sie nicht auf die Idee kam ihm die Polizei auf den Hals zu hetzen, machte er ihr klar, dass er zuerst ihre Freundin und danach ihre Schwester ohne zu zögern umbringen würde, wenn er den Eindruck bekäme sie würde sich nicht an seine Anweisungen halten. Monate hatte es ihn gekostet einen Weg zu finden, wie er sie seinen gebündelten Schmerz spüren lassen konnte, ohne sich selber die Hände schmutzig zu machen. Er hatte neben dem Handy auch eine Ampulle mit einem starken Beruhigungsmittel in die Tasche gesteckt. Die Menge des Wirkstoffes würde problemlos ausreichen um einen erwachsenen Menschen zu töten. Dieses Mittel würde sie ihrer Freundin verabreichen. Er wollte nicht dass sie litt. schließlich war sie in diesem Spiel nur ein Bauer, der geopfert werden musste.

Hanna

Sie öffnete die Kabinentür, trat an das gegenüberliegende Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Tränen hatten ihre Wimperntusche in schwarzen Linien ihre Wange herab laufen lassen. In ihren Mundwinkeln und auf ihrem Kinn befanden sich Überreste einer durchsichtig schimmernde Flüssigkeit, die von dem Gin Tonic stammen musste, den sie erbrochen hatte als sie ihre Schwester auf dem Foto dieses Irren erkannt hatte. Sie drehte den Hahn auf und schöpfte sich mit zittrigen Händen kaltes Wasser ins Gesicht. Sie trocknete es mit einigen Taschentüchern aus ihrer Handtasche und betrachtete sich erneut im Spiegel. Selbst ein Blinder würde sehen, dass sie geweint hatte. Doch ansonsten sah sie einigermaßen vorzeigbar aus. Die Anderen durften ihr nicht ansehen, dass sie in den letzten 20 Minuten durch die Hölle und wieder zurück gegangen war. Ansonsten würde es ihr unmöglich sein die Idee, die ihrer Schwester und Kathi das Leben retten sollte, in die Tat umzusetzen. Hanna hatte dem Psychopath der Sophia in seiner Gewalt hatte versichert sie würde alles tun um ihre Schwester zu befreien. Sie wäre sogar dazu bereit ihrer besten Freundin eine tödliche Dosis an Beruhigungsmittel zu verabreichen. Tatsächlich hatte sie in ihrer Handtasche eine kleines, gläsernes Fläschchen mit der Aufschrift „Flunitrazepam“ entdeckt. Ihr war bewusst, dass es sich bei der Flüssigkeit um K.O. Tropfen handelte. Doch sie hatte keineswegs vor diese entsprechend der Anweisungen, die sie erhalten hatte, zu verwenden. Denn ihre Situation hatte sich verändert. Nachdem er ihr seinen kranken Gedankengang erläutert hatte, demzufolge das Ableben von Kathi dem toten Jungen Gerechtigkeit verschaffen würde, hatte Hanna eine gefühlte Ewigkeit regungslos in der Toilettenkabine gesessen, auf das Hintergrundbild des fremden Smartphones gestarrt und ihre Gedanken gesammelt. Dabei war ihr am unteren Rand des Bildes etwas ins Auge gefallen. Es war ein Teil von Kathis unverwechselbarer roter Mähne zu erkennen. Derjenige der die Aufnahme getätigt hatte, musste unmittelbar hinter ihrer Freundin gestanden haben. Außerdem musste das Foto in etwa von der Stelle aufgenommen worden sein, an der ihre Freunde auf einen freien Tisch gewartet hatten, während sie draußen stand. Hanna hatte den Gedanken zunächst kopfschüttelnd abgetan, doch schlussendlich gestand sie sich ein, dass ihr das Handy von einem ihrer Freunde zugespielt worden sein musste. Einer ihrer Freunde, die in diesem Moment draußen auf sie warteten, hatte ihre kleine Schwester in seiner Gewalt. Kathi konnte sie selbstverständlich ausschließen. Hanna kannte sie seit beinahe zehn Jahren. Doch wie gut kannte sie Nils und Paul? Nils war nun beinahe zwei Jahre mit Kathi zusammen. Sie überlegten sogar demnächst zusammenzuziehen. Hanna war sich sicher, dass es ihrer Freundin aufgefallen wäre, wenn sich irgendwo im Inneren ihres offenherzigen, gutmütigen Freundes ein sadistischer Irrer verbarg. Paul hingegen kannte sie erst seit wenigen Monaten. Er war ein Kommilitone von Nils. Dieser hatte Paul eines Abends mit in die Bar geschleppt und den Anderen vorgestellt. Hatte er nicht einmal erwähnt, dass er nach dem Abitur für einige zeit durch Australien gereist ist? Er musste es sein. Sie verstaute die kleine Ampulle mit den K.O. Tropfen in der Hosentasche ihrer Jeans, sammelte sich kurz und trat dann aus der Damentoilette. — Du siehst aus als hättest du geheult. Ist was passiert? Du warst echt lange weg — Fragte Nils, der ihr mit Kathi im Arm auf der Bank gegenüber saß. Hanna winkte ab. — Ach halb so wild. Ich habe Kathi eben schon gesagt, dass ich Freunde aus der Uni getroffen habe. Habe mich wohl etwas verquatscht. Sie Spürte wie Paul, der nur um eine Armlänge entfernt, neben ihr saß sie von der Seite musterte. Sie wagte es nicht ihn anzuschauen aus Angst er könne an ihrem Gesicht ablesen, dass sie ihn entlarvt hatte. — Meint ihr der Tisch wird sofort in beschlag genommen, wenn wir kurz an die frische Luft gehen um zu rauchen? — fragte Kathi in die Runde. Hanna ergriff die Chance ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen sofort. — Geht ruhig. Ich bleibe hier und passe auf, dass sich niemand auf eure Plätze setzt. Kathi nickte einverstanden. — Ich bleibe auch drinnen — Warf Paul ein. — Ich will eure Zweisamkeit nicht stören — Kathi schmunzelte. — Wie du meinst — Sie und Nils standen auf und verließen den Tisch in Richtung Ausgang. Hanna spürte kalten Schweiß auf ihrem Rücken. Hatte Paul die anderen absichtlich nicht begleitet um mit eigenen Augen zu sehen, wie sie die K.O. Tropfen in Kathis Getränk flößte? — Meinst du Sophia kommt noch? — Fragte Paul. Hanna entglitt beinahe ihr, so mühevoll aufrecht erhaltenes, Pokerface. Spielte er mit ihr? Wahrscheinlich genoss es dieser Sadist beiläufig ihre Schwester zu erwähnen und zu beobachten, wie sie reagierte. Doch sie ließ sich nichts anmerken. — Ja bestimmt. Wahrscheinlich macht sie sich sofort auf den Weg sobald sie meine Nachrichten abhört — Auf Pauls Gesicht breitete sich ein zufriedenes Grinsen aus. Machte er sich jetzt offen über sie lustig? Er nickte in Richtung ihres, mittlerweile leeren, Gin Tonics. — Willst du noch einen? Geht auf mich — Hanna nickte, bedankte sich und rückte etwas zur Seite um ihn vorbeizulassen. Sie beobachtete wie er zur Theke ging. Als er bei einer der Kellnerinnen seine Bestellung aufgab, nutzte sie ihre Gelegenheit. Sie zog die Ampulle aus ihrer Hosentasche, beugte sich rasch über den Tisch und tröpfelte etwa die Hälfte der klaren Flüssigkeit in den Longdrink ihrer besten Freundin. Anschließend entleerte sie den restlichen Inhalt in die, zur Hälfte gefüllte, Bierflasche, die Paul zurückgelassen hatte. Ein drückendes Gefühl von Schuld überkam sie als sie Kathis unverändert wirkendes Getränk betrachtete. Ihr war jedoch bewusst, dass sie kein Risiko eingehen durfte, wenn sie ihre Schwester retten wollte. Paul musste bewusst sein, dass sie diesen Moment nutzen würde um das Beruhigungsmittel in Kathis Getränk zu mischen. Würde Kathi nach Ablauf einer gewissen Zeit immer noch keine Symptome zeigen, wäre Paul mit Sicherheit misstrauisch und würde Annehmen, dass Kathi seine Anweisungen nicht befolgt hatte. Dadurch, dass sie sowohl ihrer Freundin als auch Paul jeweils die hälfte der Flüssigkeit untergemischt hatte, hoffte sie keinem der beiden eine Tödliche Dosis verabreicht zu haben. Sie wollte Paul außer Gefecht setzen und anschließend die Polizei informieren, die ihre Schwester dann mit Sicherheit befreien würde. Kathi und Nils kehrten im selben Moment zurück wie Paul. Kaum eine halbe stunde später vernahm Hanna deutliche Veränderungen am Verhalten ihrer Freundin. Sie hatten in der Zwischenzeit begonnen Karten zu spielen. Kathi die schon in den letzten zehn Minuten untypisch betrunken und aufgedreht gewirkte, lies ihre Karten aus der Hand fallen. Bei dem Versuch sie wieder vom Boden aufzuheben stieß sie mit ihrem Arm das Bier ihres Freundes um. — Sorry Nils. Irgendwie fühle ich mich gerade nicht gut — Dieser lachte und machte einen Scherz über die Unverträglichkeit von Frauen wenn es um Alkohol ging. Hanna strafte ihn mit einem maßregelnden Blick und griff ihrer Freundin unter die Arme. Willst du kurz frische Luft schnappen? — fragte sie an Kathi gerichtet. Diese nickte benommen. Während sie sich ihren Mantel überzog, schaute sie verstohlen zu Paul hinüber. Er saß nach wie vor gelassen auf der Bank und nippte an seinem Bier. Nur seine Augen wirkten glasiger als sonst.

Simon

Sie hatte es tatsächlich getan. Er schaute ihr hinterher und beobachtete, wie sie ihre Freundin, die sich kaum noch aufrecht halten konnte, durch die Menge zum Ausgang bugsierte. Vielleicht würde er ihre Schwester doch nicht verschonen. Es schien als wäre es ihr viel zu leicht gefallen, Kathi die Überdosis des Beruhigungsmittels zu verabreichen. Er hatte unterschätzt wie kaltblütig und berechnend das Miststück war. In wenigen Minuten würde Kathi aufhören zu Atmen. Er hoffte, dass Hanna in Panik geraten würde. Sie sollte schreien und um Hilfe betteln, während sie sich bewusst war, dass sie ihre Freundin eigenhändig getötet hatte. Er würde anschließend zu der am Bodenliegenden Kathi eilen und den Verzweifelten spielen. vielleicht würde er sogar den Notruf wählen um jeden Verdacht, der gegen seine Person erhoben werden könnte, zu Nichte zu machen. Doch sobald er das Handy losgeworden war, würde ohnehin keine Spur mehr zu ihm führen.

In wenigen Stunden wäre seine Mission vollbracht. Er würde seine erfundene Identität, mit der er so lange alle getäuscht hatte, wieder aufgeben und sein Leben in dem Wissen fortsetzen, dass Jan nun in frieden ruhen konnte.

Hanna

Sie hatte Kathi aus der Bar hinaus in eine ruhige Seitenstraße geschleppt. Dort hatte sich diese minutenlang übergeben, bevor sie sich auf eine Bank gesetzt hatte und eingeschlafen war. Sophia fühlte zum wiederholten mal ihren Puls um sicherzugehen, dass sich ihre Freundin in einem stabilen Zustand befand. Ob Paul auch schon außer Gefecht gesetzt war? Sie wollte die Polizei nicht verständigen, bevor er außer Stande war noch irgendjemanden zu verletzen. In diesem Augenblick erschien Paul am dunklen Ende der Seitenstraße. Hanna erschrak. Hatten die K.O. Tropfen bei ihm etwa nicht gewirkt? Erst einen Moment später erfasste sie die Situation. Pauls Kinn viel immer wieder auf seine Brust, als fiele es ihm schwer bei Bewusstsein zu bleiben. Niels hatte die Arme um seinen Freund geschlungen und kam auf sie zu. Ein warmes Gefühl des Triumphes durchströmte Hanna. Paul würde weder Sophia noch Kathi etwas anhaben können. — Was ist denn los mit den Beiden? Ist alles in Ordnung mit Kathi? — fragte Nils in besorgtem Tonfall und verfrachtete Paul neben Kathi auf die Bank. — Ich erkläre dir das alles später — Antwortete Hanna. — Jetzt müssen wir erstmal die Polizei und einen Krankenwagen rufen — – Polizei? Warum denn? — Kathi zog das Handy, dass Paul ihr zugesteckt hatte aus ihrer Handtasche, öffnete die „Fotos“ App und zeigte Nils die Aufnahme ihrer Schwester. — Paul ist nicht der für den wir ihn gehalten haben. Er hat meine Schwester entführt und schwer verletzt und hat von mir verlangt Kathi umzubringen, wenn ich Sophia retten wolle — Um ihm zu beweisen, dass sie die Wahrheit sprach, klopfte sie Pauls Hosentaschen ab um sein Handy zu finden, auf dem sich die Anweisungen befinden würden, die er ihr geschickt hatte. Sie konnte kein Handy finden. Doch es musste sich irgendwo an ihm befinden. Ihr kam eine Idee. Sie schloss den Ordner mit der Aufnahme ihrer Schwester und öffnete stattdessen die „Nachrichten“ App. Hanna tippte auf die unbekannte Nummer, die ihr die Nachrichten geschickt hatte und rief sie an. Wenn der Ton des Handys, dass den Anruf empfing eingeschaltete war, würde sie wissen, wo es sich verbarg. Einige Momente vergingen. Dann vernahm Hanna den dumpfen Ton eines vibrierenden Handys. Sie drehte sich um. Langsam zog Nils ein Handy aus der Brusttasche seiner Jacke, schaute auf es herab und beendete Hannas Anruf.

 

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2 thoughts on “Verjährt

  1. Hallo Daniel,
    deine Idee gefällt mir sehr gut und ist so erzählt, dass man gerne bis zum Ende weiterliest. Ich möchte nur den Vorschlag machen, statt Strichen richtige Anführungszeichen für die wörtliche Rede zu benutzen. Damit würde es leichter fallen sie direkt zu erkennen. Vielleicht könnte man Paul noch durch irgendetwas ein bisschen verdächtiger erscheinen lassen, damit der Leser wirklich überzeugt von seiner Schuld ist und nciht darüber nachdenkt, es könnte auch jemand anders sein.
    Liebe Grüße und falls du Lust zu lesen hast freue ich mich auch über ein Feedback
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/momentaufnahme

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  2. Moin,

    toller, bildhafter Schreibstil. Gut umgesetzter Plot. Deine Geschichte hat mir richtig gut gefallen. Womit ich ein wenig Probleme hatte, war die kleine Schrift die du gewählt hast. Das ist aber ein kleineres Übel. Ansonsten war das richtig, richtig gut! Spannend, packend und mit dem AHA-Moment zum Schluss. Alles da was eine gute Geschichte ausmacht.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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