Stefan DettmannVerkehrte Freunde

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Erinner Dich.
Nur diese zwei, handgekritzelten Wörter, standen auf der Rückseite, des alten Fotos welches Alain heute morgen beim aufschlagen seiner Zeitung auf den Boden fiel.
Es war nicht sonderlich scharf geschossen, was ihn darauf schließen lies, dass, das Foto entweder ziemlich alt gewesen sein muss oder schlecht entwickelt worden sein musste.
Erst hielt Alain es für eine hässliche Reklame, doch selbst dafür war es ihm zu suspekt, wo doch auch jegliche Adresse fehlte.
Doch dann fiel ihm noch etwas an dem Foto auf, eine Besonderheit denen nur den wenigsten bekannt war.
⹂Die Kirche!“, stieß er lauter hervor als beabsichtigt, wodurch Alain alle Blicke
von seiner verschlafenen Familie, am Frühstückstisch, auf sich zog.
⹂Was ist mit der Kirche?“, wollte seine Frau wissen, die nur das
abgeknickte Titelblatt, mit den Kurznachrichten, vor ihrer Nase sah.
⹂Notre-Dame hat gebrannt“, antwortete Alain.
⹂Wie schrecklich, das Herz Frankreichs“
Doch Alain verbarg mit seiner rechten Hand das Foto hinter der aufgeschlagenen Zeitung.
Seine Kinder nahmen nicht viel Kenntnis davon, als Alain kurz über die
Zeitung hinausschaute, sah er sie nur verschlafen, in ihren Schlafanzügen,
unmotiviert in ihren Bananenjoghurt herumstochern.
Alain erkannte im Hintergrund, als er sich wieder dem Foto widmete,
trotz der schlechten Qualität, ausgerechnet die Kirche, in der wo er
seiner Frau das
Ja-Wort gab.
Die Kirchturmspitze, ihre runde Form, war für ihn unverkennbar.
Alain hatte die Hochzeit extra so organisiert, das nur er, seine Frau und die
engsten Verwandten am Tag der Trauung teilnehmen konnten – niemand sonst.
Doch jetzt war der Kirchplatz offenbar noch Schauplatz eines anderen
Spektakel und jemand kannte Alain besser als ihn lieb war und brachte
damit sogar seine Familie in Gefahr.
Es blieb Alain nichts anderes übrig als den Kirchplatz erneut aufzusuchen,
um seiner Vergangenheit auf den Grund zu gehen.

Erinner dich, hallte das Echo, der bedrohlichen Nachricht, noch immer
in seinem Kopf nach.
Woran?!
Alain war ein besonnener Mensch, er wirkte für viele still, doch genau das
war seine Stärke. Durch seine Besonnenheit ist er schon in vielen Konflikten
davon gekommen. Er hat eine deeskalierende Art, die er anderen gar nicht
mal so richtig beschreiben konnte. Es war einfach für ihn da.
Es gelang ihm immer, auch in den hektischsten Situationen, die Ruhe zu bewahren und während andere sogar laut wurden, lies er durch seine Körpersprache wissen das er nicht zu reizen oder einzuschüchtern sei.
Trotzdem lies er seine Stimme immer leise, dennoch deutlich, seinem Gegenüber erklingen.
Doch, wie er vorhin aufbrach, erkannte Alain sich kaum wieder, was das
Spiegelbild über ihn verriet.
Runter gezogene Mundwinkel, aufgerissene Augen,
ein von schweiß glänzendes, eingefallenes Gesicht.
Das war nicht mehr Er.

Als Alain sich auf dem Weg befand, seiner Vergangenheit auf den Grund zu gehen, zog er noch einmal das Foto, aus der Innenseite seiner Jacke hervor.
Auf den ersten Blick zeigte das Bild lediglich drei Männer, in langen, dunklen Mänteln die jeweils mit gesenkten Köpfen, im Kreis standen und sie schienen sich gegenseitig vor dem Wind zu schützen, um sich vermutlich Zigaretten anzuzünden.
Von keinem einzigen war der Kopf, geschweige denn das Gesicht zu erkennen.
Es erinnerte ihn unweigerlich an die 1920er Jahre in Berlin.
Mafia, schoss Alain durch den Kopf.
Verdammt, ich kann doch nicht in so einer zwielichtigen Gesellschaft sein.
Trotz allem war das Foto offensichtlich für ihn bestimmt
und jemand
kannte sein Zeitungsabonnement und, noch schlimmer, seine Adresse.
Alain musste wieder unweigerlich an seine kleine Familie denken, die
er ziemlich verdutzt zurückgelassen hatte, als er ihnen vorhin
ziemlich atemlos erklärte er müsste noch einen wichtigen Termin, für seine Firma, während seines Urlaubs, über Ostern, erledigen obwohl er seinen
Söhnen für heute eine Fahrradtour versprach.
Vielleicht brachte
er sie sogar gerade in Gefahr?

Als Alain den Platz erreichte, blendete ihn die Sonne während er nochmal
das Foto abglich.
10:55 Uhr konnte er an den römischen Zahlen, der Kirchenuhr ablesen.
Fünf Minuten später wollte er mit seinen Söhnen auf den Fahrrädern los.
Ein Jahr, nach der Hochzeit, brachte seine Frau zwei Kinder zur
Welt, zwei Jungen. Alain hätte es damals am liebsten, vor Glück,
der ganzen Welt erzählt, als der Anruf aus dem Krankenhaus kam.
Es gab es für ihn kein Halten mehr, als die Geburt kurz bevor stand,
er überfiel sogar förmlich seinen Chef, während einer Sitzung, was ihm gar nicht ähnlich sah. Er erinnerte sich nicht mal mehr ob er überhaupt das Okay von seinem Chef bekommen hatte.
Was wollen die Männer nur von mir oder meiner Familie?, sah Alain sein Glück gefährdet.

Obwohl Alain richtig stand erwartete ihn niemand, er sah sich in alle Richtungen um aber Alain sah keinen der ihn im Schatten, der kleinen Allee, vor dem imposanten Kirchplatz, erwartete. Alain wollte schon wieder gehen, als er von hinten angesprochen wurde.
„Hallo Alain, erinnerst Du dich endlich?!“, peitschte die herbe
Stimme gnadenlos in seinen Nacken.
Robert
⹂Im Stich gelassen hast Du uns damals“
Alain wagte sich gar nicht umzudrehen, einen Arbeitskollegen erwartete
er, vielleicht sogar seinen Chef aber doch nicht ausgerechnet Robert.
„Hallo Robert“, er wollte seinem alten Kumpanen gleich, mit dem ersten Satz,
deutlich machen das er nichts mehr mit seinen linken Geschäften zu tun hatte.
„Du erinnerst Dich sogar noch an meinen Namen“, lachte Robert mit seiner
rauen Stimme auf.
„Was bist Du so abweisend, Alain? Ich bin doch nur vorbei gekommen für
ein Gespräch unter alten Kumpeln“, offensichtlich trank Robert immer noch,
so wie sein Atem roch stellte Alain fest.
Er war bereits so dicht gekommen das Alain ihn schon hätte in die Arme
nehmen können oder umgekehrt Robert ihn hätte den Arm brechen können,
bei einem Fluchtversuch.
Wozu er locker im Stande war, fiel Alain beim Körperbau von seinem Gegenüber auf.
Robert war zwar einen Kopf kleiner, dennoch war sein kompakter Körperbau,
deutlich muskulöser als der von Alain.
„Weißt Du denn auch noch von Matthias?!“, setzte Robert seinen Monolog fort.

„Im Gefängnis sitzt der“
Alain versuchte keine Reaktion zu zeigen.
„Wegen Dir, du Feigling!“, schmetterte die Alkoholfahne erbarmungslos
in Alain´s Gesicht.

Alain, Robert und Matthias waren damals, in ihren jungen zwanziger Jahren,
die bekanntesten Verbrecher ihrer Gemeinde, alles, von Graffiti,
über Sachbeschädigung und Drogen bis hin zur Körperverletzung
ging auf ihre Kappe. Wortwörtlich. War die Kappe doch ihr Erkennungsmerkmal.
Die Bulldoggen nannten sie sich damals wegen dem zerknautschten Gesicht
von Robert doch war der Name viel mehr durch die Polizei und der Presse
entstanden und dem Schriftzug auf der Kappe.
Eines Tages reichte es Matthias, der älteste von ihnen und Kopf ihrer Truppe,
als sie sich in ihrer Stammkneipe trafen offenbarte er ihnen einen neuen, gefährlicheren Plan.
Alain erinnerte sich noch an seinen Monolog, auch wenn er es verdrängt hatte,
fiel es ihm nach und nach mit dem Erscheinen von Robert wieder ein.
Matthias war es leid nur eine kleine Nummer zu sein.
„Leute, ich hab genug vom Kleinkriminellen, wir tun jedes Wochenende das
gleiche. Telefonzellen zertrümmern, Graffiti sprühen, Leute verprügeln.
Verdammt die wechseln jetzt schon die Straßenseite wenn die mich auch
nur riechen! Wir schaffen es nicht mal mehr auf die Titelseite der Zeitung!
Verdammt! Wir brauchen was Größeres.
Am nächsten Wochenende überfallen wir die Spielhalle!“,
polterte Matthias in seinem Redeschwall
Alain hätte am liebsten den Kirchplatz jetzt wieder verlassen.
Doch Robert, der ihm jetzt genau gegenüber stand und ihn immer noch
am gehen hinderte, war damals sofort Feuer und Flamme für die Idee.
Hätte Robert gekonnt wäre er applaudierend, wie auf einer Abschlussfeier, aufgestanden und hätte seinen besten Freund am liebsten noch
feierlich in die Arme genommen.
Doch Matthias unterband es direkt mit seinem schärfsten Blick.
Robert hat sich kaum verändert, so Alain ihn jetzt vor sich sah, strahlten seine
Augen noch immer, alleine von den Erinnerungen.

⹂Unser Plan stand“, sprach Robert weiter.
Der Plan. Der so lupenreine Plan, ausgerechnet,
ausgehandelt auf diesem Platz. Das Foto war ein Zeitungsausschnitt,
dass erklärte Alain die schlechte Qualität.
Das Bild war auf der Titelseite der Zeitung gelandet, nach dem Coup.
Geschossen und später bei der Zeitung eingereicht wurden durch einen
Spaziergänger der gerade seine Gemeinde fotografierte.
⹂Hey“, schnipste Robert mit den Fingern, ins Gesicht von Alain, der bemerkte
das sein Gegenüber mit den Gedanken abdriftete.

⹂Du warst der Fahrer, nur der verdammte Fahrer!“
⹂Und ich war dagegen. Von Anfang an!“, erwiderte Alain zum ersten Mal.
⹂Und hast es somit vermasselt“
Nein, ihr habt es vermasselt.
Alain erinnerte sich. Sie trafen sich in ihrer Stammkneipe.
In Stimmung kommen, so lautete das wöchentliche Motto damals.
Habt ihr die Bude mal inspiziert?“, hörte sich Alain in seiner Erinnerung fragen.
⹂Um dann unsere Gesichter auf den Kameras zu haben? Quatsch! Nein!“,
hörte er Matthias.
⹂Wir gehen einfach schnell rein und kommen mit einem Haufen Bargeld wieder raus. Ganz einfach“,
ergriff Robert die Antwort.
⹂Genau“
Seid ihr verrückt?!“
Es wird uns keiner komisch kommen“, deutete Matthias nach draußen zu seinem Wagen. Kommt mit“
Alain musste ungläubig staunen als Matthias ihnen im Wagen,
die Waffen, sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelt, mit den Worten
⹂Das wird ein einfacher Job“, übergeben hatte.
Alain konnte nicht mehr aussteigen ohne, gegenüber seinen zwei betrunkenen
Kumpanen, sein Leben zu riskieren.
⹂Niemand sprach was von einem bewaffneten Raubüberfall“,
wendete Alain noch ein.
⹂Fahr!“, war bloß die ihm gemeinsam entgegen geschlagene Antwort.
Alain legte die Waffe auf den Beifahrersitz und zog zeitgleich mit Robert und Matthias die Masken über die Gesichter bevor sie gemeinsam losfuhren.

⹂Einfach rein. Einfach raus“, wiederholte Matthias den Plan
⹂Kein Zeit verlieren“
Alain beobachtete den Parkplatz, als sie vorbeifuhren.
⹂Voll heute“, kommentierte er.
⹂Dann kommst du eben mit, dann sind wir zu dritt“, sprach Robert
und Matthias nickte es im Innenspiegel ab.
⹂Oder willst Du das Blei als Erster probieren?“
⹂Park den Wagen, lass aber die Türen offen“,
war das letzte Kommando.

Alain sah nur als nächstes vor sich wie er hinter Matthias und Robert
in die Spielhalle stürmte.
⹂ÜBERFALL!“, brüllten seine beiden Kumpanen, ohne ein Ziel
vor Augen gehabt zu haben, blind durch den Lichtwechsel, aus
der beleuchteten Straße hinein in die nachtschwarze Spielhalle
und irritiert durch den Automatenlärm.
⹂Digga. Der Tresen!“, war dass nächste Kommando, im gedämpften
Ton durch die Maske.
Der erste Schuss von Robert landete in der Decke.
Alain hörte die panischen Schreie der beiden jungen Kassiererinnen,
die vermutlich gerade ihre erste Samstagnacht, alleine in der
Spielhalle verbrachten und völlig überrascht wurden.
Beide duckten sich instinktiv hinter den schmalen Empfangstresen,
doch das schützte sie nicht vor dem brutalen Angriff von Robert und Matthias,
die jetzt wieder völlig in ihrem Element waren.
⹂Mach die verdammte Kasse auf, du Schlampe!“, griff Robert eine der beiden Frauen im Nacken. Matthias scheuchte von der anderen Seite, die andere hoch.
⹂Du auch!“, brüllte er mit vorgezogener Waffe.
Alain stand nur wie angewurzelt da, er konnte nur beobachten und sah wie die
beiden Frauen zitternd und tränenüberströmt versuchten, ohne Gegenwehr,
die Kassen zu öffnen. Am liebsten hätte er eingeriffen, doch seine Waffe ließ er
im Wagen zurück.
⹂Hey, bleibt zurück!“, hörte Alain sich rufen, als er in der Spielhalle
beobachtete und sah wie sich einige Männer zur Gegenwehr mobilisierten.
Er wollte ihnen nicht drohen, sondern warnen, waren seine Freunde
mittlerweile zu allem bereit.

Doch Matthias sah es genau so schnell und gab einen weiteren Schuss ab,
nur traf der nicht in die Decke sondern in das Schienbein des jungen blonden,
der ihnen schon am nächsten war.
⹂Scheiße!“, brüllte er und griff, genau wie Robert auf der anderen Seite, blind
in die Kasse und erwischten gemeinsam nur wenige Scheine
die sie sich hastig in die Jacken stopften.
Alain sah noch, während der Flucht, über die Schulter, wie der Mann
blutend auf den Knien zusammenbrach und mit schmerzverzerrten Gesicht
endgültig am Boden lag.
⹂Zum Glück bekam der junge Kerl damals sofort Hilfe!“, erkannte sich
Alain wieder in der Gegenwart.
⹂Sonst hätten wir damals noch wegen Mordes verantworten müssen!“
⹂Wir?!“, brüllte Robert.
⹂Du hast damals den Wagen abgewürgt und schön brav das Opfer,
vor der Polizei gespielt! Wegen Dir wurden Matthias und ich damals ins
Gefängnis gesperrt. Du mit Deiner Zeugenaussage. Pah!“
Alain musste weg, zu sehr plagten ihn die Erinnerungen an seine falschen
Kumpanen, doch Robert hinderte ihn nach wie vor, und Alain beobachtete
an den nervösen Handbewegungen, das Robert noch etwas in seiner Jackentasche verbarg.
Im unglücklichsten Fall hatte er ein Messer dabei und Robert hätte locker den
hilflosen Passanten spielen können, während Alain schmerzverzerrt zusammenklappt.
⹂Matthias schickt mich“, wurde Robert erstaunlicherweise ruhiger.
Verdammt
⹂Wenn du nochmal über unsere Geschäfte singst, bist Du Verräter,
deine Frau und deine zwei Jungs dran. Du wirst sehen.“
Robert überließ Alain eine kurze Pause und wendete sich
von ihm ab ohne ihn ein weiteres Blickes zu würdigen.
⹂Du musst wissen, ich trage neuerdings Zeitungen aus und
wie du es sicherlich erfahren hast, wir kennen deine Adresse Alain“

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