QuiettalkerVerlorener Glanz

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Kapitel 1: Heute

„Zeig mir deine Schuhe und ich sage dir, wer du bist.“ Roberto nickt zustimmend zu den grossen roten Leuchtbuchstaben hoch, die über seinem Badezimmerspiegel hängen. Selbstbewusst, fast schon etwas überheblich, betrachtet er sein Spiegelbild und zwinkert ihm zu. Aus einer goldenen Box unter dem Spiegel zieht er ein Kleenex heraus und poliert die silbernen Knöpfe seines Anzuges. Jeden drei Mal. Zwei Mal im Uhrzeiger-, einmal im Gegenuhrzeigersinn. Dann bückt er sich. Unter seinem Spülbecken hängt ein zweiter Spiegel. Stolz betrachtet er seine roten Lederschuhe, die „Potenza rossa“, darin. Die Leuchtbuchstaben über seinem Spiegel hatten recht. Seine Schuhe würden sofort verraten, wer er ist. Er ist der berühmteste und reichste Schuh-Designer Deutschlands. Einer, der strahlt und beeindruckt, wohin er auch kommt. Seine Eltern hätten seinen Namen nicht passender wählen können. Roberto, der Ruhm, der Strahlende, der Glänzende. Gerade, als er mit dem Kleenex über das Leder seiner Schuhe streichen will, schreit jemand. „Nein Roberto, doch nicht dafür!“ Es ist Roberto selbst. Er muss lachen. Fast ein bisschen beschämt darüber, dass er sein eigenes Kunstwerk fast mit einem Rotztuch beschmiert hätte. Schnell wirft er es fort und zieht ein Stofftuch aus der Hosentasche. Sanft wischt er über das Leder. Ein wohliges Gefühl breitet sich von seinen Füssen in seinen ganzen Körper aus. Roberto strahlt. Seine Schuhe ebenso. Das wird ein guter Tag, da ist sich Roberto sicher.

Leichtfüssig tänzelt er in den Hausflur, dreht sich einmal um sich selbst und stösst schwungvoll die Haustür auf. Mareike, seine Nachbarin, schaut neugierig von ihrem Liegestuhl auf, als sie Roberto sieht.  „Hallihalloooo, Roberto“, quiekt sie vergnügt über die Wiese. „Ciao, meine Liebe“, ruft Roberto zurück und lächelt verschmitzt. Er dreht sich zu seinem Rosenstrauch um und knickt ein paar Rosenköpfe ab. Dann springt er schwungvoll über die Wiese und wirft sie vor Mareike in die Luft. Feuerrote Rosenblättchen landen vor ihren Füssen. „Ach, Roberto“, seufzt sie. „Du weisst, was Frauen wollen.“ „Ja, das weiss ich“, sagt Roberto mit einem Zwinkern in Richtung seiner Lederschuhe. „Das auch“, haucht Mareike ihm verrucht zu. Roberto grinst verführerisch, dreht sich um und geht zu seinem Briefkasten. Was ihn wohl heute erwartet? Erneutes Lob für sein neustes Schuhmodell, Liebesbriefe von sehnsüchtigen Frauen? Oder bloss irgendwelche belanglosen Rechnungen? Sie bereiten ihm schon lange kein Kopfzerbrechen mehr. Denn Roberto hat alles. Ruhm, Ehre und Geld. Viel Geld. Er liebt sein glänzendes, prunkvolles Leben. Ihm kann niemand etwas anhaben.

Roberto überfliegt die Briefe. Ein etwas dickeres Couvert macht ihn neugierig. Er öffnet es. Ein altes Klapp-Handy fliegt in seine Hände. Was die Frauen sich immer einfallen lassen, denkt er sich. Was ist es dieses Mal? Fotos eines Frauenhöschens? Damit könnte er leben. Gut sogar. Er klappt das Handy auf. Ein Rädchen beginnt sich auf dem Bildschirm zu drehen. „Was hast du da, mein süsser Roberto?“, schäkert Mareike, die von ihrem Liegestuhl aufgestanden ist und in Robertos Richtung tänzelt. In diesem Moment erscheint ein Bild auf Robertos Handy. Darauf ist der Saum einer Herrenhose zu sehen. Der Mann steht in einem Wohnzimmer und trägt… Das kann nicht sein. Das ist Roberto selbst. Er trägt die „Identità“, der Prototyp seines ersten selbstdesignten Schuhs. „ICH WEISS, WAS DU GETAN HAST. DIESER DRECK KLEBT FÜR IMMER AN DEINEN SCHUHEN“, steht unter dem Bild. „FÖHRENWEG 5, VATERSTETTEN, MORGEN, 22 UHR, 500’000 EURO“. Roberto erstarrt. Paralysiert schaut er auf den kleinen Bildschirm in seinen Händen, sieht, wie seine Finger immer weisser anlaufen, da er ihn so fest zusammendrückt. „Roberto, mein Gott, was ist denn los?“, fragt Mareike, die neben ihm steht. Schnell klappt Roberto das Handy zu. „Nichts, nichts. Entschuldige mich.“ Mit eiligen Schritten geht er auf seinen Maserati zu. Er steigt ein und umklammert das Lenkrad. Bloss nicht schreien. Robertos Blick wandert runter auf seine Schuhe. Ein Rosenblatt klebt an seinem rechten Schuh. Er versucht es abzustreifen. Das Blatt verschmiert auf der Oberfläche. Der Schuh glänzt nicht mehr. Roberto auch nicht.

Kapitel 2: Eine Woche zuvor

„Hallo, meine Lieben! Heute sind wir mit ‚Shopping Queen‘ in München. Das Motto lautet: ‚Sneaker-Trend! Finde das perfekte Outfit rund um deine neuen, bunten Sneaker.“ Filippo verdreht die Augen. „Wie kann man sich bloss solchen Trash-TV reinziehen?“, seufzt er, keine Minute, nachdem die Sendung begonnen hat. Schnaubend steht er von der alten, zerrissenen Couch auf, auf der er sich mit seiner Frau Adriana eben noch die Mittagsnews angesehen hat und steuert den Kühlschrank an. Gerade wird den Fernsehzuschauern erklärt, worum es in „Shopping Queen“ geht. Filippo hat es schon hundert Mal gehört. Fünf Frauen haben jeweils vier Stunden Zeit, um sich mit 500 Euro das perfekte Outfit zu einem bestimmten Motto zusammenzustellen. Als Einstimmung darauf werden die witzigsten Ausschnitte der Sendung eingespielt. Auch das hat Filippo schon hundert Mal gesehen. Hundert Mal zu viel. Adriana hingegen amüsiert sich köstlich über eine junge, platinblond gefärbte Frau, die sich in ein Paar gepunktete Halbschuhe zwängt. „Schau dir das an, Filippo“, prustet sie darauf los. „Die kommt da niemals rein.“ „Was weiss ich? Wir Männer verstehen das nicht“, winkt Filippo ab, zieht ein Bier aus dem Kühlfach und klopft seinem Sohn Angelo auf die Schulter, der am Küchentisch sitzt und die Fotos seines neusten Shootings durchgeht. Er hat sich gerade eine Stelle als Modefotograf ergattert und will mit ganz besonderen Aufnahmen punkten. Trotzdem schweift sein Blick immer wieder zum Fernseher. Die Frau im Schuhladen versucht mittlerweile, ihren Schuh mit Gewalt über die Ferse zu ziehen. Angelo lacht auf. „Du findest das auch komisch?“, fragt Filippo. „Ich gebs auf“, ächzt er und wackelt in Richtung Arbeitszimmer davon. Angelo schaut nun gebannt auf den Fernseher. Es ist nicht die Dame, die seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Es sind die Schuhe. Schon als kleiner Junge war Angelo fasziniert davon. Er bastelte sich welche aus Styropor, fotografierte sie, zeichnete und bemalte sie. Eigentlich kein Wunder. Schliesslich hatte sein Vater Filippo, der heute als Schuhverkäufer arbeitet, früher selbst Schuhe designt. Doch das ist lange her. Vieles ist passiert. Vieles würde Angelo lieber vergessen.

Angelo dreht sich zu Adriana um und lächelt. Sie lächelt zurück. Die beiden hätten Mutter und Sohn sein können. Doch das sind sie nicht. Adriana und Angelos Vater Filippo lernten sich vor acht Jahren kennen. Zwei Jahre, nachdem Angelos Mutter Rivana gestorben war – und mit ihr Filippos Lächeln. Nur manchmal, nach der zweiten Flasche Wein, wenn er all seine Sorgen im Alkohol ertränkt hatte, war er für einen kurzen Moment glücklich gewesen. Sonst frassen ihn die Sorgen auf. Bis nichts mehr von ihm da war. Der Schuh-Designer musste seinen Job aufgeben, sein Haus verkaufen und in eine winzige, staubige Wohnung in einem heruntergekommenen Plattenbau etwas ausserhalb Münchens ziehen. Lange dachte der verzweifelte Witwer, das sei das Ende für ihn und seinen kleinen Sohn Angelo. Doch dann kam Adriana. Seine geliebte Adriana. Und sein Lächeln kehrte in sein und Angelos Leben zurück.

Angelo steht auf und lässt sich neben seiner Stiefmutter auf die Couch fallen. Sie freut sich über die Gesellschaft. „Endlich jemand, der seriöses Bildungsfernsehen mit mir schaut“, sagt sie. Angelo lacht. Das Kamerateam von „Shopping Queen“ ist mittlerweile bei der ersten Teilnehmerin zuhause angekommen. „Wow“, staunt der Kameramann und lässt seine Kamera über ein riesiges Grundstück mit einer prächtigen Villa schweifen. Adriana lacht. „Sieht fast so aus wie bei uns“, meint sie und zwinkert in Richtung Plastikblumen auf ihrem klapprigen Salontischchen. „Ja, das könnten wir sein. Definitiv“, sagt Angelo und lacht ebenfalls. Auf dem Fernsehbildschirm hat sich das überwältigte Kamerateam der Villa genähert und klopft an die Tür. Die junge, platinblond gefärbte Frau von vorhin öffnet die Tür. „Hallooo, ihr Süssen. Kommt doch rein!“, piepst sie und wackelt dem Kamerateam voraus durch die riesigen, lichtdurchfluteten Räume. „Ein grosses Haus für eine so junge Frau“, stichelt der Kameramann. „Nicht, wenn man mit dem reichsten Schuh-Designer Deutschlands verheiratet ist“, lacht die Frau schrill, um ihrer Äusserung die Arroganz zu nehmen. Es gelingt ihr nicht. Also versucht sie es mit einem Themenwechsel. „Wollt ihr meinen Ankleideraum sehen?“ „Ja, unbedingt!“, antwortet der Kameramann gespielt neugierig und folgt ihr den Flur entlang in den hinteren Teil der Villa. Die beiden betreten einen riesigen Raum mit Schränken an allen Wänden und kleinen pinken Hockern dazwischen. „Hübsch, nicht?“, meint die Frau mit einem zuckersüssen Lächeln. „Ich zeig euch mein Lieblingskleid, kommt“, fordert sie das Kamerateam auf und winkt in ihre Richtung. Sie zieht ein purpurnes Designerkleid aus dem Schrank und dreht sich um ihre eigene Achse. Doch der Kameramann hat etwas Spannenderes entdeckt. „Sag mal, was ist denn das da?“, meint er und zeigt auf eine Schachtel auf dem Boden des Schrankes. „Ach, das ist nur der Prototyp des ersten Schuhes, den mein Mann designt hat.“ „Was? Wie bitte? Und den lässt er in einer alten Schachtel verstauben?“ „Ja, den mag er nicht so. War halt sein erster Versuch. Darauf ist er nicht so stolz.“ „Weshalb?“, fragt der Kameramann. „Man hat ihn nie so herausgebracht, wie er ihn entworfen hat. Hat er auf jeden Fall gemeint. Und dass es Unglück bringe, wenn man ein Unikat ausstelle. Aber das ist nicht so spannend. Schaut euch lieber einmal meine High Heels von-“ „Ne, ne, ne, zeig uns den Schuh deines Mannes. Zeigen, zeigen, zeigen!“, stürmt der Kameramann. „Na gut“, seufzt die junge Frau, bückt sich und öffnet die Schachtel. Ein schlichter, brauner Lederschuh mit weissen Schuhbändeln und der Aufschrift „Identità“ ist zu sehen. Die Begeisterung des Kameramanns hält sich hörbar in Grenzen. Anscheinend hat er ein auffälligeres Design erwartet. „Das ist er nun also“, meint er gelangweilt und dreht seine Kamera schnell wieder zur jungen Frau ab. „Aber zeig uns doch nochmals deine Tasch…“ Das Bild auf dem Fernseher steht still. Angelo hat die Stopp-Taste gedrückt und blickt ungläubig auf den Bildschirm. Das kann nicht sein, denkt er sich, schüttelt den Kopf und spult zwanzig Sekunden zurück. „Nöö, nicht nochmals diese öden Treter“, protestiert Adriana. Doch Angelo hört sie nicht mehr. Wie gebannt schaut er zu, wie die Schuhschachtel vor seinen Augen erneut geöffnet wird. Angelo hat das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen. Er verschluckt sich, muss husten. „Alles klar?“, fragt Adriana. „Was ist denn?“ Doch Angelo ist schon von der Couch aufgesprungen.

Hektisch rennt Angelo durch den Flur. Als er in sein Schlafzimmer abbiegen möchte, stolpert er über die Pantoffeln seines Vaters. Hart schlägt er mit den Knien auf dem Boden auf. „Verdammte Schuhe!“, flucht er. Er rappelt sich auf und hält einen Moment inne. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Bloss nicht schreien. Angelo presst die Lippen zusammen. Vielleicht täuscht er sich ja, sagt er zu sich selbst. Doch sein Puls beruhigt sich nicht. Mit wackligen Schritten nähert er sich seinem Bett, geht schmerzerfüllt in die Knie und zieht eine Kartonschachtel hervor. Sie ist mit kleinen farbigen Raketen bemalt. Sanft streicht er darüber, unschlüssig, ob er es wagen soll. Ob er es aushält, eine Zeitreise zurück in seine Kindheit zu machen. Du hast keine Wahl, sagt er zu sich. Als er die Schachtel öffnet, strahlt ihm eine junge Frau mit braunen Locken entgegen. Der Mann, der neben ihr steht, sieht überglücklich aus. Angelo erkennt seinen Vater beinahe nicht mehr. Der Tod seiner Mutter hat ihn verändert. Für immer. Auch wenn ihn Adriana wieder aus dem Loch geholt hat, so glücklich wie damals hatte er ihn nie wieder gesehen. Ein bitteres Gefühl steigt in Angelo auf, doch er hält die Tränen zurück und legt das Foto wieder in die Schachtel. Unter einer Zeichnung kommen zahlreiche Fotos hervor, die er als kleiner Junge geschossen hat. Überall sind Schuhe zu sehen. Die High Heels seiner Mutter, seine ersten Turnschuhe, die Arbeitsschuhe seines Vaters. Und dann…zwei Männerhosenbeine mit Designerschuhen im alten Wohnzimmer von Angelos Familie. Sein Herz setzt für einen Moment aus. Er greift sich an die Kehle, zieht verzweifelt Luft ein. Doch es kommt keine. Sie sind es. Das sind dieselben Schuhe aus der Schachtel der Blondine in „Shopping Queen“. Die Schuhe, die der Mörder von Angelos Mutter getragen hatte.

Schlagartig fällt die Schachtel aus Angelos Händen. Alle Fotos fliegen zu Boden. Das Bild mit den Designerschuhen rutscht unter Angelos Bett. Er schaut ihm nach. Und plötzlich ist er wieder dort. Unter dem dunklen Bett seiner Eltern, wo er sich als kleiner Junge so gerne versteckt hatte. Wo er all seine „Schätze“ gehortet hatte. Bonbons, Lollis, ein Comic-Heft für Teenager, für das er noch zu jung war. Ein Teddy. Und sein ganzer Stolz: die kleine Kinderkamera, die er von seinem Vater auf den ersten Schultag geschenkt bekommen hatte. Seine Eltern hatten von Angelos Versteck gewusst. Doch sie hatten es nicht angerührt. Das war sein Reich. Seine sichere Burg, in die er sich vor bösen Geistern verkroch. Doch eines Tages, da wurde das Gespenst real. Und es nahm ihm alles, was er liebte.

Es war ein lauer Frühlingsabend vor zehn Jahren. Angelo war mit seinem kleinen Plastik-Flugzeug und den Militärstiefeln seines Vaters an den Füssen durch den Flur gerannt und hatte Pilot gespielt. Seine Mutter sass im Wohnzimmer und las. Plötzlich klopfte es an die Tür. „Bitte alle anschnallen. Es gibt Turbulenzen“, verkündete Angelo seinen Passagieren, ging mit seinem Plastik-Flugzeug in den Sinkflug über und versteckte sich unter dem Bett seiner Eltern. Er hörte nicht, wer der Besucher war. Doch er hörte einen Mann brüllen. Und seine Mutter. Hin und her. Es musste ein Streit sein. Angelo kroch noch weiter unter das Bett. Plötzlich hörte er seine Mutter. Verärgert schnaubte sie und betrat das Zimmer. Direkt dahinter sah Angelo zwei Herrenschuhe, die ihr folgten. Buchstabe für Buchstabe, so, wie er es in der Schule gelernt hatte, las er lautlos „I…d…e…n…t…i…t…à.“ Solche Schuhe hatte Angelo noch nie gesehen. Er griff nach seinem Kinder-Fotoapparat. Der Auslöser gab ein leises Klicken von sich. Gerade wollte Angelo sein Foto bewundern, da hörte er einen harten, dumpfen Schlag. Er zuckte erschrocken zusammen. Direkt vor ihm knallte etwas ungebremst auf den Boden. Es war ein Körper. Angelo kannte ihn gut. Seine Mutter schlug hart mit dem Kopf auf dem Parkett auf und sank in sich zusammen. Mit leerem Blick schaute sie direkt in Angelos Richtung. Blut rann über ihren Kopf und die Schläfe. Immer mehr und mehr. Angelo schlug die Hand vor den Mund. Er konnte sich nicht bewegen. Dann hörte er erneut einen Schlag. Dann noch einen. Angelo schloss die Augen. Er wollte nichts mehr sehen. Doch er wusste, es war zu spät. Das Gespenst hatte zugeschlagen. Und es würde nie mehr aus seinem Leben verschwinden. Angelo schwor sich, niemandem etwas davon zu erzählen. Er wollte nicht, dass das Gespenst den anderen Leuten so viel Angst machte wie ihm. Also verschwieg er es. Seinem Vater, der zwei Stunden später von einem Designer-Meeting nach Hause kam. Der Polizei, die sie die nächsten Tage und Wochen befragte. Der Kinderpsychologin, die so lieb zu ihm war. Er verschwieg es, schob den Gedanken einfach beiseite wie die Wolken, durch die sein Plastik-Spielzeug im Sinkflug geflogen war. Doch jetzt ist alles wieder da. Wie der Schlag, der Flugzeugpassagiere bei einem Aufprall erfasst, ist alles wieder zurück.

Zwei harte Schläge lassen Angelo in die Gegenwart zurückkommen. Es ist sein Vater, der im Flur Schuhe ausklopft. Angelo schüttelt den Kopf, versucht, sich zusammenzureissen. Wie ferngesteuert räumt er die Fotos zusammen, die über dem Boden verteilt liegen. Als letztes zieht er das Foto mit den Designerschuhen unter dem Bett hervor. Plötzlich steigt etwas in Angelo auf. Etwas Dunkles, Unbändiges. Wut. Hass. Rache. Und Klarheit. Geistesgegenwärtig steht er auf, setzt sich vor seinen Computer, legt das Foto neben die Tastatur und tippt „Shopping Queen“ in die Suchmaschine ein. Sofort erscheinen die letzten Sendungen. „Sneaker Trend“ steht zuoberst. Angelo klickt darauf und spult das Video nochmals zu der Stelle, an der die junge Frau die Schuhschachtel öffnet. Angelo hält das Video an. Für einen Moment ist er sich nicht mehr sicher, ob er die Wahrheit wissen will. Will er wissen, ob die Schuhe im Video und die auf seinem Foto identisch sind? Will er dem Mörder seiner Mutter einen Schritt näher kommen? Eine kleine Schweissperle rollt über seine Nase und bleibt an seiner Nasenspitze kleben, bis die Schwerkraft sie nach unten zieht. Manchmal muss man springen, denkt Angelo und schaut auf das Foto neben der Tastatur. Dann nochmals zu den Schuhen im Video. Und nochmals zurück. Angelo drückt mit einem schmerzerfüllten Gesicht die Augen zusammen. Doch das Bild verschwindet nicht. Nicht die weissen Schuhbändel des braunen Lederschuhes. Nicht das „Identità“, das daneben steht als unverkennbares Merkmal des Prototyps. Tränen drücken sich durch Angelos Augenlider und rinnen beidseitig über seine Wangen. Doch diesmal lässt er sie nicht fallen. Diesmal handelt er. Bestimmt wischt er sie mit seinem rechten Ärmel von seinem Gesicht. Er tippt „Schuhdesigner München Italien“ in die Suchmaschine ein. Vor seinem Gesicht erscheinen Bilder eines attraktiven, modebewussten jungen Südländers. Roberto Barilla. Hasserfüllt schaut ihm Angelo auf dem Bildschirm entgegen. Am liebsten würde er auf den Bildschirm einschlagen, bis dieses Grinsen verschwindet. Doch er hat eine bessere Idee. Er spult an den Anfang des Videos zurück und notiert sich den Stadtteil, in der die Villa steht. Mithilfe von Google Maps überfliegt er München und hält nach grossen Grundstücken mit Villen Ausschau. Der Stadtteil ist voll davon. Doch dann fällt ihm eine Strassenecke ins Auge. Von der Ecke aus zieht sich ein langes, geschwungenes Weglein zu einem prächtigen Haus. Angelo schaut nochmals auf das Video, stellt sich das Grundstück aus einer anderen Perspektive vor. Er ist sich ganz sicher. Das ist die Villa von Roberto Barilla. Er notiert die Adresse und schiebt das Zettelchen in seine Hosentasche. Dann macht er sich auf in die Stadt, um sich ein billiges Klapphandy zu kaufen. Damit wird er das Foto aus seiner Kinderschachtel abfotografieren und es Barilla mit einem Drohbrief zuschicken. Diesem geschleckten, anbiedernden Protz wird es wie seinem Vater gehen, schwört sich Angelo. Er wird niemals mehr lächeln.

Kapitel 3: Heute
Robertos „Potenza rossa“ stehen auf seiner Küchentheke und glänzen im funkelnden Licht der Deckenbeleuchtung, die er für ein halbes Vermögen installieren liess. Noch immer kleben die Rosenblätter an ihnen, die Roberto am Vortag vor Mareike in die Luft geworfen hatte und die an ihnen haften geblieben waren. „DIESER DRECK KLEBT FÜR IMMER AN DEINEN SCHUHEN“, hallen die Worte aus dem Drohbrief in Robertos Kopf. Verzweifelt rubbelt er mit seinem Stofftaschentuch über die Schuhe. Er rubbelt, als könnte er mit dem Schmutz auch die Angst vor dem, was folgt, aus seinem Leben entfernen. Die verschmierten Rosenblätter lösen sich, doch die Angst bleibt. Er hat keine andere Wahl, sagt Roberto zu sich selbst. Jemand weiss, was er Schreckliches getan hat. Wenn das auskommt, werden sein Ruhm, sein Ansehen, sein Glanz, ja sein ganzes Leben austrocknen und zerbröseln wie die kleinen Überreste der Rosenblätter, die unter seinen Küchentisch gefallen sind. Roberto hat keine Wahl. Er hebt den Koffer mit den 500’000 Euro vom Boden auf, die er am Nachmittag bei der Bank geholt hat und geht mit strengen Schritten durch die Tür. Wird er jemals wieder so beschwingt durch sein Haus wirbeln, wie er es gestern noch tat? Er weiss es nicht. Roberto schliesst die Tür. Es ist 21.30 Uhr. 30 Minuten hat er Zeit, um den Föhrenweg 5 in Vaterstetten zu erreichen. Roberto steigt in seinen Maserati, schliesst die Tür und startet den Motor.

Fast zeitgleich drückt ein alter, ausgelatschter Adidas-Turnschuh auf das Gaspedal eines Fiat 500. Angelo fährt vom Parkplatz vor dem Haus seiner Eltern auf die Hauptstrasse. Sein Rücken klebt am Sitz, seine Hände schwitzen. Er weiss nicht, wie das, was er heute vorhat, ausgehen wird. Das Einzige, was er weiss, ist, dass er Genugtuung will. Klar hätte er auch zur Polizei gehen können, doch hätte der Mörder seiner Mutter eine gerechte Strafe erhalten? Was wäre bei einem so schrecklichen Mord wie diesem überhaupt eine gerechte Strafe? Und hätten die Beweise überhaupt gereicht? Angelo will Rache. Er möchte, dass der Mörder so leidet wie sein Vater, der tagelang nicht mehr schlief, kaum etwas ass und seinen Kummer mit Alkohol ertränkte. Der seinen kleinen Sohn mit sich in die Tiefe riss und ihm eine lebenslange Bindungsunfähigkeit mit auf den Weg gab. Seit seine Mutter von ihnen gegangen ist, hat Angelo Angst, sich auf Frauen einzulassen. Lieber bricht er ihnen das Herz, als dass seines noch einmal gebrochen wird. Und dann bricht es trotzdem jedes Mal. Auch dafür will er sich rächen. Als Angelo auf das verlassene Industriegebiet zufährt, das er für die Geldübergabe ausgewählt hat, ist seine Angst blinder Wut gewichen. Er schaut auf den Beifahrersitz und weiss nicht mehr, ob er die Pistole seines Vaters, die dort liegt, vielleicht doch brauchen wird.

Roberto reibt seine Schuhe nervös aneinander, während er über sein Steuerrad auf das dunkle Gelände äugt, das vor ihm liegt. Vorsichtig öffnet er die Tür seines Maseratis. Er greift zum Geldkoffer, dann lässt er die Autotür leise zufallen. Mit langsamen Schritten überquert er einen geteerten Platz. Plötzlich nimmt er ein leises Quietschen von Turnschuhen hinter sich wahr. „Stehen bleiben! Keine Bewegung, ich bin bewaffnet“, hört er die Stimme eines jungen Mannes. Roberto erstarrt. „Hast du das Geld?“, fragt der Mann. „Ja. 500’000. A-alles hier drin“, stammelt Roberto und hält zittrig den Koffer in die Höhe. „Nimm es mit. I-ich werde niemandem etwas erzählen. Und da, n-nimm auch das“, stottert er und legt das Klapphandy auf den Boden. „Wir werden nie mehr voneinander hö-“ – Roberto hört ein schrilles Auflachen hinter sich. „Hast du im Ernst gedacht, damit wären wir quitt?“ Robert schluckt. „Nein, natürlich nicht. A-aber ich dachte, naja, dass es eine kleine Genugtuung ist für das, was ich getan habe.“ „Eine Genugtuung? EINE GENUGTUUNG? Was denkst du eigentlich, wer du bist?“ Angelo rennt wuterfüllt auf Roberto zu und drückt ihm die Pistole hart an den Hinterkopf. Roberto schreit auf. „Ruhe, verdammt!“, brüllt Angelo und presst die Pistole stärker in seine Kopfhaut. „Weisst du eigentlich, wie ich gelitten habe? Ich war 12, verdammt! Mein Vater ist vor Kummer fast verreckt. Und ich musste alles mitansehen.“ Plötzlich versteht Roberto, wer hinter ihm steht. Es muss der Sohn seines alten Geschäftspartners Filippo sein. Wer sonst hätte gewusst, was er getan hatte? „Du bist Filippos Sohn“, sagt er leise. Angelo zuckt zusammen. „Woher weisst du das, verdammt?“, brüllt er. „W-wir waren Geschäftskollegen. Doch d-dann war das mit deiner Mutter, i-“ „Das mit meiner Mutter? Wie kannst du nur so über sie sprechen, du…“ Angelo schlägt mit der Pistole an Robertos Schläfe. Er zuckt schmerzerfüllt zusammen. „Ich weiss, das war falsch. Ich habe zwei grosse Fehler gemacht. Doch vielleicht kann ich den einen mit dem Geld ja wieder gutmachen.“ Angelos Blick wird leer. Jegliches Gefühl verschwindet aus seiner Mimik. Nur die Wut bleibt. Er schaut zu Boden, auf die Schuhe von Roberto und den Schriftzug „Potenza rossa“. Unverkennbar. So unverkennbar wie die „Identità“. Nach und nach wird Angelo von der Dunkelheit um sich eingehüllt. Sie zieht ihn mit sich unter das Bett seiner Eltern. Er sieht alles wieder vor sich. Die „Identità“ stehen hinter seiner Mutter. Er drückt auf den Auslöser seiner Kinderkamera. Dann hört er den Schlag. Er hört ihn, als wäre er zehn Jahre entfernt und doch ganz nah. Dann noch einen und noch einen. Angelo drückt die Augen fest zusammen. Als er sie wieder öffnet, liegt Roberto ausgestreckt vor ihm auf dem Boden. Blut rinnt über seinen Kopf und die Schläfe. Immer mehr und mehr. Mit aufgerissenen Augen schaut Angelo auf ihn herunter. Dann in seine eigenen Hände. Er hat Roberto mit seiner Waffe erschlagen. Er hat es getan. Angelo könnte Erleichterung spüren. Doch das tut er nicht. Als er den Geldkoffer aus Robertos schweissigen Fingern nimmt, das Klapphandy aus der Blutlache zieht und zitternd zurück zu seinem Fiat 500 geht, dreht er sich nicht noch einmal um. Er weiss, dass das Bild, genauso wie das seiner Mutter, nie mehr aus seinem Gedächtnis verschwinden wird. Angelo setzt sich in sein Auto und fährt davon. Roberto bleibt zurück. Auf seinen „Potenza rossa“ glänzt ein Blutfleck. Er wird für immer dort kleben bleiben.

Kapitel 4: 15 Jahre später

Staub rieselt auf Angelos Pantoffeln, als er die schmale Leiter zum Dachboden seines Elternhauses hochklettert. Wie lange hier oben wohl niemand mehr war? Die letzten Jahre, bevor sein Vater ins Pflegeheim kam, hatte dieser sich kaum mehr bewegt. Und er war bestimmt nicht hier hochgekraxelt, da ist sich Angelo sicher, als er die Dachbodenluke aufstösst. Noch mehr Staub. Angelo rümpft die Nase. Er hat es sich etwas einfacher – und weniger staubig – vorgestellt, das Haus seines Vaters zu räumen. Hilfe hat er keine. Adriana starb, kurz bevor sein Vater ins Pflegeheim kam. Selbst hat Angelo keine Familie. Es hatte nie geklappt. Auch der Mord an Roberto hatte ihm nicht den Frieden gebracht, den er so lange gesucht hatte. Trotzdem hatte er Glück gehabt. Er hatte am Tatort keine Spuren hinterlassen, keinen einzigen verwertbaren Hinweis. Die Polizei hatte den Fall nach jahrelangen erfolglosen Untersuchungen zu den Akten gelegt. Auf Angelo war der Verdacht nie gefallen. Er selbst geht seit vielen Jahren in die Psychotherapie. Doch das ist ihm recht. Und es tut ihm gut. Endlich kann er seine Kindheit aufarbeiten. Und den Mord. Auch heute wacht er manchmal noch mitten in der Nacht schweissüberströmt auf und hört die Schläge. Doch sind es die Schläge, die seine Mutter trafen oder die, die Roberto töteten? Angelo fragt sich nicht mehr. Für ihn ist es ein und dieselbe Tat geworden. Und er ist nicht der Schuldige. Ganz bestimmt nicht. Mit Schwung zieht sich Angelo zum Dachboden hoch. Überall stehen verstaubte Kisten, Truhen und Schränke. Angelo schlurft über den Boden auf einen Schrank zu. Plötzlich stolpert er, will sich auffangen, doch übertritt sich mit den alten, ausgelatschten Pantoffeln seines Vaters. Er knallt auf den Boden. Wuterfüllt starrt er auf den Übeltäter, eine kleine Kartonschachtel, die auf dem Boden steht. Etwas weckt seine Neugier. Es scheint, als stehe dort auf der Schachtel…“Identità“? Das kann nicht sein. Angelo muss sich täuschen, schliesslich ist die Schachtel voller Staub. Vorsichtig und noch immer schmerzerfüllt von seinem Sturz kriecht er auf sie zu. Als er sie öffnet, verschluckt er sich beinahe. Mit weit aufgerissenen Augen schaut Angelo auf die „Identità“, die dort in der Kiste liegen. Dieselben, die er in der „Shopping Queen“-Folge gesehen hatte. Dieselben, die der Mörder seiner Mutter angehabt hatte. Was machen Robertos Schuhe bei seinem Vater? Angelo packt die Schuhschachtel unter den Arm, rappelt sich hoch, wobei er beinahe noch einmal stolpert und rennt los. So schnell er kann.


„Was sind das für Schuhe?“, keucht Angelo, als er die Tür zum Pflegezimmer seines Vaters aufstösst. Filippo sitzt in seinem Lesesessel, hält die Tageszeitung in den Händen und blickt skeptisch dahinter hervor. „Ich kaufe keine Schuhe! Gehen Sie!“, ruft er stinkig. Angelo verdreht die Augen. Fast hätte er es vergessen. Sein Vater leidet an starker Demenz. Manchmal erkennt er seinen Sohn, manchmal nicht. Heute ist kein guter Tag. Angelo geht auf Filippo zu und kniet sich neben ihn. „Ich bin es, Angelo“, sagt er, diesmal ganz sanft. Er streichelt über den Arm seines Vaters. Filippos Augen beginnen zu glänzen. „Ach, Angelo!“ Filippo nimmt seinen Sohn in die Arme. „Mein lieber Angelo. Musst du nicht in die Schule?“ „Nein, Papa. Schau mal, ich hab Schuhe mitgebracht“, sagt Angelo und streckt ihm die Schachtel hin. Neugierig öffnet Filippo den Deckel. Er betrachtet die Schuhe neugierig, doch ohne jegliche Regung in seiner Mimik. „Die ‚Identità‘, Papa, magst du dich erinnern?“, versucht ihm Angelo zu helfen. Plötzlich verfinstert sich Filippos Blick. Eine unbändige Wut breitet sich von seinem Gesicht in seinen ganzen Körper aus. „Dieser elende Halunke, dieser schmierige Lustmolch! Alles hat er mir genommen! Alles!“, schreit Filippo. „Beruhig dich, Papa. Von wem sprichst du?“, fragt Angelo überrascht. Filippo schaut ihn mit ahnungslosen Augen an. „Wer ist dieser Halunke?“, hakt Angelo nach. Sein Vater denkt angestrengt nach. Doch da ist nichts. All die negativen Erinnerungen, die eben noch da waren, sind wieder verschwunden. „Weshalb Lustmolch, Papa? Wer ist ein Lustmolch und wieso?“ Filippos Lippen werden schmal. Er presst die Worte aus dem Mund, als würde er sie ausspucken: „Barilla. Dieser verdammte Betrüger!“ „Roberto Barilla? Was ist mit ihm?“ „Dieser elende Drecksack.“ „Was ist mit ihm, Papa?“ Filippo schaut auf seine Hände, die sich wuterfüllt zu Fäusten ballen und sich in die Polster seines Sessels bohren. „Er hat mir deine Mutter genommen. Wie konnte er nur? Ich war sein Kollege, sein Kollege, verdammt!“ „Du wusstest davon? Papa?“, fragt Angelo ungläubig. „Wovon?“, fragt Filippo und schaut seinen Sohn wieder an, als wäre alles, was er gerade gesagt hat, weg. „Du wusstest, dass Roberto Barilla Mama getötet hat?“ Sein Vater schaut zur Decke, von der einen Ecke in die andere, als würde er in seinen Erinnerungen kramen. Plötzlich wird sein Blick klar. Die Wut von vorhin kehrt zurück. „Getötet. Ach was. Erwischt hab ich die beiden. Als ich eines Abends nach Hause kam. In unserem Bett!“ Angelo schüttelt ungläubig den Kopf. Er hätte mit allem gerechnet. Aber nicht damit. „Was hast du dann getan, Papa?“ „Getan, getan. Ich hab dir immer gesagt, du musst pünktlich zur Schule los. Und was hat es gebracht, mein Junge?“ Angelo seufzt. Er muss sich zusammenreissen. „Konzentrier dich, Papa, was hast du getan, als du Barilla erwischt hast?“ „Getan? Ich hab ihn zum Teufel geschert, das hab ich. Doch er hatte nicht genug. Er musste alles zerstören.“ „Wie meinst du das, alles?“ „Angelo“, Filippo packt die Schultern seines Sohnes und schüttelt ihn. Jetzt sind seine Gedanken ganz klar. „Er hat die Skizzen der ‚Identità‘ geklaut und sie als seine Idee verkauft. Während er reich wurde, mussten wir jahrelang am Hungertuch nagen. Dieser Verräter! Es hat ihm nicht gereicht, mir deine Mutter zu nehmen. Er musste mir auch noch mein Lebenswerk nehmen.“ In Filippos Augen schimmern Tränen. Angelo schaut seinen Vater an, traurig, hilflos, unfähig, in diesem Moment einen klaren Gedanken zu fassen. All der Schmerz, all die Verzweiflung, die sein Vater und er durchmachen mussten, schlagen ihm wie eine Flutwelle entgegen. „Das tut mir so leid, Papa.“ Die beiden nehmen sich in die Arme. Doch plötzlich schreckt Angelo hoch. „Aber warum…“, Angelo schaut Filippo direkt in die Augen, „…warum hast du Roberto Barillas Schuhe?“ „Welche Schuhe?“, fragt Filippo mit unschuldigen Augen. Angelo zeigt ein weiteres Mal auf die Schuhschachtel. „Woher hast du Barillas Schuhe?“, fragt er nochmals. „Dieser elende Halunke!“, flucht Filippo wuterfüllt. „Papa! Antworte mir! Woher. Hast. Du. Seine. Schuhe!“, schreit Angelo. „Barillas Schuhe? Das sind meine!“ „Wie, deine? Papa?“ Filippo streicht sich durch sein schütteres Haar, versucht verzweifelt an der Erinnerung festzuhalten, die ihm schon fast wieder entgleitet. Dann meint er: „Das ist der Prototyp, den ich aus den Skizzen hergestellt habe.“ Angelo versteht kein Wort mehr. „Aber…“, stammelt er, „…aber die Schuhe, die ich in ‚Shopping Queen‘ gesehen habe…in seinem Haus…die…d-die sahen identisch aus.“ Verwirrt schaut Angelo auf die Schuhe und dann auf seinen Vater. Sein Blick ist bereits wieder abgeschweift. Er beobachtet einen kleinen Vogel, der vor seinem Fenster sitzt. Filippo lächelt. „Papa, wie können Roberto Barillas Schuhe dieselben wie deine sein? Seine Schuhe sahen völlig identisch aus“, holt ihn Angelo wieder zurück in die Gegenwart. „Pha! Identisch! Auf keinen Fall“, erwidert Filippo harsch und rupft die Schuhschachtel aus Angelos Händen. Er zieht die Schuhe heraus. „Da“, sagt er und zeigt auf zwei kleine, unscheinbare Striche an der Seite der Schuhsohle. „Das war immer mein Erkennungsmerkmal.“ Ungläubig schaut Angelo auf die vor Wut zitternden, verrunzelten Hände seines Vaters. Dann reisst er die Schuhschachtel aus Filippos Händen und stürmt aus der Tür. Filippos Blick folgt ihm fragend. Doch im nächsten Moment lächelt er wieder. „Dieser Junge. Immer zu spät zur Schule.“

Angelo sitzt in seinem Auto vor dem Pflegeheim und schaut ängstlich auf die Schachtel in seinen Händen. Hat sein Vater nur fantasiert? Oder hat er tatsächlich die Wahrheit gesagt? Das kann nicht sein. „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!“, schreit er und schlägt auf das Steuerrad ein. Einmal. Zweimal. Dreimal. Er hört die Schläge nachhallen. Seine, die des Mörders seiner Mutter und die, die auf Roberto niederprasselten. Angelo drückt die Augen zusammen. „Ich habe zwei grosse Fehler gemacht“, hallt die Stimme von Roberto in seinem Kopf wider. Zwei Fehler. Wenn Roberto seine Mutter ermordet hatte, welcher war dann der zweite Fehler? Angelo versucht sich an die Worte zu erinnern, die sein Vater zu ihm gesagt hat. „Es hat ihm nicht gereicht, mir deine Mutter zu nehmen. Er musste mir auch noch mein Lebenswerk nehmen.“ Zwei Fehler. Roberto hatte zwei Fehler begangen. Der Mord war keiner davon. Ein schrecklicher Verdacht überkommt Angelo. Hat sein eigener Vater seine Mutter getötet? War Roberto unschuldig? Fassungslos muss Angelo sich eingestehen: Er kann weder Filippos Unschuld noch seine Schuld beweisen. Er kann nicht beweisen, wer der Mörder seiner Mutter war, da er das Beweisfoto aus seiner Kindheit nach dem Mord an Roberto verbrannt hatte. Er hatte für immer damit abschliessen wollen. Nun sind die bösen Geister, die ihn damals heimsuchten, wieder da. Und er, Angelo, kann sich nicht gegen sie wehren. Er hat keinen Beweis. Um ihn herum beginnt sich alles zu drehen. Er hält sich am Lenkrad fest. „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!“, schreit er erneut. Die Tränen strömen über sein Gesicht. Er muss es wissen. Er muss wissen, wer seine Mutter ermordet hat. Doch wie? Plötzlich kommt ihm ein Geistesblitz. Wenn er die Schuhe seines Vaters in der Schachtel nicht mit dem Foto vergleichen kann, dann vielleicht…mit der Aufnahme aus „Shopping Queen“? Wären auf den dortigen Schuhen dieselben zwei Striche zu sehen, wäre das der Beweis, dass er den einzigen Prototyp gerade in den Händen halten muss. Und zwar derjenige von Roberto, der irgendwie in den Besitz seines Vaters gelangt sein muss. Das würde beweisen, dass sein Vater unschuldig ist. Wie hatte er das alles nur übersehen können? So oft hatte er die Aufnahme gesehen. Nie hatte er auf die Schuhsohle geachtet. Weshalb auch? Er wusste ja nicht, dass es zwei Prototypen geben könnte. Diesmal wird er nichts übersehen. Zitternd zieht Angelo sein Handy aus der Hosentasche. Mit schweissigen Fingern tippt er „S-h-o-p-p-i-n-g Q-u-e-e-n“ in die Suchmaschine ein. Die Folge wird wohl nicht mehr online sein, sagt Angelo zu sich. Insgeheim hofft er, die Wahrheit nicht zu erfahren. Insgeheim hofft er, dass seine schlimmsten Befürchtungen nicht wahr werden. Er scrollt die Videos der letzten Jahre durch, immer weiter und weiter. Alles verschwimmt vor Angelo. Dann sticht ihm plötzlich das Wort „Sneaker“ ins Auge. Angelo erstarrt. Er blickt auf die Schuhe auf seinem Schoss. Dann zum Zimmer seines Vaters im Pflegeheim. Will er es wissen? Will er? Er muss. Widerwillig drückt er den Startknopf des Videos. Er spult zu der Stelle, als die Blondine die Kiste der „Identità“ öffnet. Es sind keine Striche zu sehen. Doch Angelos Puls beruhigt sich nicht. Das ist kein Beweis. Die Kameraeinstellung lässt es nicht zu, einen Blick auf die Seite der Sohle zu erhaschen. Ist der Schuh wohl später nochmals zu sehen? Angelo hofft nicht. Und dennoch spult er weiter. Plötzlich nehmen seine Augen Bildausschnitte der Villa wahr. Abrupt stoppt er das Video. „Meine Güte, schau dir das an“, schreit eine kleine, rothaarige Mittvierzigerin auf. Sie hat den Ankleideraum entdeckt. Gemeinsam mit einer gross gewachsenen Studentin stöbert sie durch Kleider, Hüte, Gürtel, Schmuck, Taschen und Schuhe. Die Studentin bückt sich und zieht eine Schachtel aus dem Schrank. „Was da wohl drin ist?“, fragt sie ihre Kollegin. Sie öffnet die Schachtel und zieht ein Paar Männerschuhe hervor. „Komm, zieh an“, fordert sie die Mittvierzigerin auf. Die Studentin stellt die Schuhe auf den Boden und schlüpft hinein. Die Kamera schwenkt nach unten. Als sich die Studentin um die eigene Achse dreht, beginnt sich auch um Angelo alles zu drehen. Es dreht sich und dreht sich und dreht sich, bis ihm schwarz vor Augen wird. Er kriegt keine Luft. Als er die Autotür öffnet und aussteigen will, schaut er noch ein letztes Mal zum Fenster seines Vaters hoch. Dann sackt er in sich zusammen. Das Handy fällt scheppernd neben ihm auf den Boden. Auf dem Bildschirm erscheinen die Schuhsohlen der „Identità“. Es sind keine Striche zu sehen.

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One thought on “Verlorener Glanz

  1. Wow, super spannende Geschichte! Hat mir super gut gefallen, auch die Verbindung mit so etwas Banalem wie Shopping Queen finde ich toll. Die letzten drei Kapitel habe ich nicht sehen kommen, habe nur noch die Buchstaben verschlungen. Ich fand es eine super Auflösung, die Charaktere konnte ich mir bildlich vorstellen und der Autor hat eine Familiendynamik in nur wenigen Absätzen gebildet, die ich sehr bezeichnend fand. Solche Stories würde ich gerne öfters lesen :)!

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