Sabine GraulWann ist eine Geschichte zu Ende?

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Wann ist eine Geschichte zu Ende?

Ja, ich wünsche dir eine gute Heimfahrt, grüß Anna von mir.“ rief Martin seinem Kollegen fröhlich zu.

Er dreht sich um und schaut auf den Stapel Bewerbungen. Ein Handy lag zu oberst. Er nahm es in die Hand und setzte an zu fragen wer es liegen gelassen hat und bemerkte plötzlich, das er bereits allein war am Messetisch. Die Hallen leerten sich zusehends. Er ging in Richtung Messeinformation. Ein Fahrer war im Begriff den letzten Karton Hallenpläne und Aufsteller zum Fahrzeug zu bringen. Ohne ihn anzusehen beantwortete er Martins Frage.

Nein, ich kann keine Fundstücke mitnehmen, dann müssen sie es zur Polizei bringen oder telefonisch der Messeleitung melden.“

Martin nahm den Kaffee entgegen und wanderte durch die Reihen Richtung Fenster, er genießt es abseits zu sitzen, an einem so frequentierten Ort wie eine Autobahnraststätte. Während er darüber nachdachte, seine Frau darüber in Kenntnis zu setzen, das er sich ziemlich bald auf den Weg machen würde, fiel ihm das gefundene Handy, das eigentlich ein Smartphone ist, wieder ein. Er zog es aus der Tasche und hantierte damit herum. Er fragte sich, weshalb die Menschen so sehr auf ein Telefon dieser Art fixiert sind, ihm reicht es wenn er mit seinem Klapphandy telefonieren kann. Das Smartphone zeigte die Uhrzeit und das Datum. Er wollte darauf herum tippen, durch seine nicht akkuraten Bewegungen auf dem Display verschwand die Uhrzeit und ein Foto wurde sichtbar. Genau das ist der Grund weshalb so ein Gerät nicht in Frage kommt, denkt er bei sich. Einmal berührt und schon kann man fremde Bilder sehen.

Nachdem er sich die Brille aufsetzte, die immer griffbereit anstelle des Einstecktuchs im Sakko klemmte, konnte er erkennen, das auf dem Foto er selbst zu sehen war. Martin bemerkte wie flau ihm wurde, so als würde er am Abgrund einer Schlucht stehen.

Das konnte doch nicht sein, dachte er, wie kam denn das Bild auf das Handy? Er starrte auf das Display als würde die Aufnahme verschwinden, wenn er nur lange genug drauf starrt. Rasend schnell spulten sich Gedanken ab. Hat er das Handy schon einmal gesehen? War ihm schon einmal eine Person damit aufgefallen? Wenn er sich doch nur daran erinnern könnte. Er schaute auf und ließ sein Blick durch den Raum wandern. Viele Menschen hielten sich zu dieser Zeit nicht im Restaurantbereich auf, die meisten kauften Kleinigkeiten für die Fahrt und fuhren weiter. Niemand der Notiz von ihm nahm.

Er sagte sich, okay ganz ruhig: Es war also ein Handy, das ihm nicht gehörte, es war eine Momentaufnahme auf dem Gerät, das ihn zeigte und es war nicht gesperrt, nur der Bildschirmschoner war aktiv. Das war kein Zufall, jemand wusste, das er nicht sehr technikaffin ist und wusste, das er an diesem Wochenende in Hannover auf der „Beruf & Bildung“ sein Kollegium am Messestand unterstützen würde. In seiner Jackentasche brummte es immer wieder, er saß inzwischen auf einer überdachten Bank vor dem Restaurant und sah zu, wie sich in der Pfütze Blasen bildeten. Auf der anderen Seite des Eingangs führte eine Frau ein Telefonat, sie verabschiedete sich mit den Worten „ Schatz, dann sei so lieb und bring die Kleine ins Bett. Ich werde noch eine Weile brauchen bis nach Hause und werde frühestens in zwei Stunden da sein. Gib ihr einen gute Nacht Kuss und sag ihr Mami hat sie lieb. Tschüss mein Schatz.“ Die Frau eilte durch den Regen zum Parkplatz. Ihm wurde bewusst, das er sich endlich bei seiner Frau melden musste. Wenn er alleine mit dem Auto reiste sprachen sie immer noch einmal miteinander vor der Abfahrt und sie wusste wann die Messe beendet ist und er aufbrechen würde.

Martin griff in die Tasche und wischte über das Display des gefundenen Telefons, es war wieder diese Aufnahme von vor Jahren zu sehen. Er konnte sein Gesicht deutlich darauf erkennen und auch das des Mädchens obwohl es aus der Ferne aufgenommen sein musste oder heran gezoomt worden war. Er konnte sich noch gut an diesen Ort und die Nacht erinnern. Ihm wurde schlecht, er konnte jetzt nicht fahren entschied er und ging auf die Toilette. Er nahm eine Kabine und setzte sich auf den Toilettendeckel. Seiner Frau schrieb er eine SMS, das er noch mit den anderen Essen gegangen sei und sich später melden würde, was er sonst nie machte, er schrieb für gewöhnlich keine SMS. Daraufhin herrschte endlich Ruhe in seiner Tasche und er hatte das Gefühl Zeit zum Ordnen seiner Gedanken zu bekommen. Die Tür des Waschraumes ging immer wieder, nach einer Weile jedoch waren nur noch sehr leise raschelnde Geräusche zu hören und plötzlich schob sich ein Zettel unter der Tür durch. Auf diesem Zettel stand „Ich…“ geschrieben. Er wich zurück und verspürte wieder diesen Stich im Magen mit der Übelkeit. Eine Turnschuhspitze, die den Zettel durch schob war zu erkennen. Schnell entschloss er sich zu folgen und rannte ins Restaurant, dort befand sich nur noch ein Mann in Motorradkluft an der Kasse, der gerade Zigaretten und Kaugummis bezahlte. Martin rannte raus ein Blick zur Tankstelle zeigte ihm, das niemand dort Kunde war, er rannte in die andere Richtung zum Parkplatz niemand der solche Schuhe trug. Die wenigen die dort waren, waren schnell zu checken.

Im Auto sank er über das Lenkrad, schloss die Augen und dachte an den Augenblick auf dem Bild. Er war sich so sicher, das niemand davon Notiz genommen hat und er überzeugt sein konnte, das die Geschichte Ruhen würde, es waren schon viele Jahre vergangen. Er wusste, dass das Mädchen mit ihren Eltern nur für ein paar Tage zu Besuch in der Gegend war, man erzählte sich, das diese Familie auf der Rückfahrt nach Frankreich tödlich verunglückt sei.

Während er nun endlich die Heimreise antrat und auf der Autobahn den rechten Streifen nutzte um Zeit zu gewinnen, gingen seine Gedanken wieder zurück an jenen Abend im November, als er das Mädchen auf dem Foto traf. Damals hatten sie ein Ferienhaus dort an der Küste. Er hielt sich ein einziges Mal mal allein in dem Haus auf, um sich eine Auszeit zu nehmen. Aber wie zum Teufel konnte ein Foto entstehen und weshalb hatte man es ihm jetzt mit dieser Nachricht zukommen lassen? Niemand wusste damals von seinem kurzen Aufenthalt, nicht einmal seine Familie.

Martin erreichte mitten in der Nacht den Parkplatz des Friedhofs auf dem sein Zwillingsbruder begraben liegt. Sie hatten ein typisches Zwillingsbruderverhältnis, sie waren sich so gleich und das nicht nur optisch, das einer für den anderen gehalten werden konnte. Im Auto dachte er darüber nach, wie er die drohende Gefahr abwenden konnte. Immer wieder spielten sich die Abende vor seinen Augen ab, der damals mit dem Mädchen und der heute. Er konnte einfach keinen Zusammenhang herstellen. Das Mobiltelefon auf dem Zettel in der Mittelkonsole brummte kurz, das Display leuchtete auf. Er hat eine Nachricht erhalten „… bin dein Gewissen…“. Sofort wählte er die Option Anruf, am anderen Ende teilte ihm eine künstliche Stimme mit, das die Rufnummer nicht erreichbar sei. Er hob den Blick und bemerkte, das es bereits hell wurde. Am Grab setzte er sich auf das kleine Bänkchen unterm Baum und erzählte seinem Bruder alles, ohne etwas auszulassen. Auf seiner Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen, er griff sich an den Hals. Es würgte ihm die Luft ab. Was sollte er seiner Frau sagen, er war längst überfällig. Sie würde dutzende Fragen stellen.

Als Martin die Gartentür aufschloss stürmte ihm der Labrador der Nachbarin entgegen, der oft zu Gast war. Gabi, seine Frau, rief „Hallo mein Schatz, guten Morgen. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, wo warst du so lange?“ Sie lief mit dem Wäschekorb in der Hand rasch zur Kellertreppe und drückte ihm einen Kuss im Vorbeigehen auf die Wange. „Ich habe dich versucht zu erreichen, die anderen sind sicher noch gestern Abend zuhause angekommen aber du bist nicht mal mehr ans Telefon gegangen.“ Martin murmelte vor sich er. „Was sagst du?“ schallte es aus dem Keller. „Ich musste jemandem mit dem Auto helfen unterwegs, das hat so lange gedauert.“ Gabi runzelte die Stirn und rief „Du?“ doch er war bereits im Bad und telefonierte mit der Sekretärin seines Vorgesetzten um sich krank zu melden. Nachdem er das Gespräch beendet hatte betrachtete er sich lange im Spiegel, es kam ihm dabei der Gedanke, ob er nicht seinen Zwillingsbruder auf dem Foto erkennen würde können, wenn es nötig wäre.

Er verspürte weiterhin eine unsichtbare Wand zwischen sich und der Umgebung in der er sich befand, daran hat auch die ausgiebige Dusche nichts geändert. Aus dem Schlafzimmerfenster beobachtete er wie seine Frau die Wäsche aufhing. Der Postbote grüßte Gabi und bedeutete ihr, das er die Post auf den Sockel gelegt hatte. Es war doch alles beim Alten.

Die Wochen vergingen, seine Frau hatte sich nicht weiter nach der langen Heimfahrt erkundigt, denn er erklärte ihr den Anteil seiner Hilfe dem anderen Autofahrer gegenüber und das genügte ihr.

In den Semesterferien fuhr die Familie an die Côte d’Azur. Zum Ende des Urlaubs genoss Martin seinen Kaffee allein auf der Hotelterrasse, die Frauen waren noch einmal einkaufen in Nizza. Er jedoch zog es vor in Ruhe fachliche Publikationen zu lesen. Martin schaute auf die Uhr und wollte gerade gehen, da brachte ihm die Bedienung einen Cognac mit einem Umschlag. Sie lächelte freundlich und sagte „Sie wurden eingeladen Monsieur“ und verschwand auch gleich wieder. Er schaute umher, um festzustellen wer ihn eingeladen haben könnte und öffnete den Umschlag. Niemand in dem Außenbereich sah zu ihm herüber. Langsam zog er eine Einladungskarte aus dem Umschlag auf der in französischer Sprache stand „Einladung zu einer Reise in die Welt deines Gewissens.“ Darunter wurde in der gleichen Schrift, wie auf dem Zettel vor Wochen, auf deutsch geschrieben „Denn ich werde dich nie mehr aus den Augen lassen.“ Nun war ihm klar, jede Geschichte würde über kurz oder lang ein Ende haben und diese hatte noch kein Ende.

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One thought on “Wann ist eine Geschichte zu Ende?

  1. Hi,
    eine wirklich gute Geschichte hast Du da geschrieben.
    Die Handlung wird durch die reine Andeutung der Geschehnisse zu einer ganz eigenen, individuellen für jeden Leser. Das gefällt mir. Das offene Ende lädt ein, sie weiter zu denken – toll!
    Mein Like hast Du!

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte („Glasauge“) zu lesen und ein Feedback da zu lassen…

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