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Was siehst DU?

Eine Kurzgeschichte von Tim J. Wendt

Offene Schädelfraktur 3. Grad, eventuell Fremdkörper. Wir haben sie soweit stabilisiert.“

Gehirnflüssigkeit?“

Charlene nahm Alles wie im Rausch wahr. Sie war nicht darauf vorbereitet in eine solche Situation zu kommen, mit einem Kind. Normalerweise waren es Erwachsene, die an ihr vorbeigefahren wurden, wenn sie wieder etwas stahl – Schmerz- und Beruhigungsmittel. Sie konnte den Blick von dem Mädchen nicht lösen. Sie war bestimmt schön, wenn nicht gerade blutgetränkte Lappen ihr Gesicht zierten. Ob sie es auch noch nach der Narbe der Verletzung sein würde? Charlene wurde brutal gegen die Wand gestoßen und als sie ihren Blick wieder in Richtung des Mädchens mit der Kopfverletzung lenkte, war diese bereits hinter einer Tür verschwunden. ‚Gut so!‘, dachte sie sich. Sie war schließlich wegen Etwas hier und hatte keine Lust wieder von einer Krankenschwester angesprochen zu werden. Als Schatten eines Pflegers lief sie in Richtung des Medikamentenzimmers. Sie hoffte, dass dieser in der Hektik offen stehen würde. Drei Krankenwagen standen vor der Notaufnahme, darauf hatte Charlene extra gewartet. Menschen waren so berechenbar. Multitasking war ein Mythos: Niemand hatte sie wahrgenommen, als sie mit ihrem ausgedellten Beutel die Notaufnahme wieder verließ. Ihr war kalt, aber der Gedanke an die Kekse, die sie als Tausch bekommen würde, machte ihr Hoffnung. Weiße Schokolade und ein so weicher Teig. Deutlich besser als die weißen Karotten und blauen Kartoffeln, die Zuhause auf sie warteten. Sie dachte an das Mädchen. Wahrscheinlich würde sie auf die Intensivstation kommen. Charlene würde sie dort besuchen, es fehlte nur ein Satz.

Einundzwanzig. Einundzwanzig. Einundzwanzig. Caruso sagte sie solle ihm nach drei Sekunden folgen, damit nicht auffiel, dass er sich wieder mit ihr traf. Seine Schwester Laura mochte Flavia nicht, sie war ihr zu stylisch, zu schlank, zu blond, zu blauäugig. Dennoch traf sich ihr Bruder mit ihr regelmäßig, wenn er seine Schwester besuchte. Flavia sah sich kurz um. Oft stand Laura noch am Fenster und schaute Caruso nach. Gruselig, dachte sie. Laura ist ein so anhänglicher, bestimmender Mensch, dass Flavia glücklich war alleine zu leben. Schon immer war sie ihren eigenen Weg gegangen, schon als Kind. Sie fasste sich wieder und ging nach einem letzten Blick mit großen Schritten in Richtung Bahnhof Calazzo, Milano Centrale, wo sie sich mit Caruso im asiatischen Restaurant treffen würde.

Zwölf Minuten!“, stöhnte Caruso vorwurfsvoll. Flavia war nicht besonders schnell zu Fuß. Aufgrund einer Verletzung aus dem Kindesalter, war ihr linkes Knie nach innen verdreht und sie konnte nur vorsichtig auftreten, besonders wenn die Straßen nass waren, wie an diesem Tag.

Danke,“ sagte sie, als er ihr die Hühnchenbox reichte. Sie bezahlte sie nicht, aber das hatte Caruso auch nie verlangt, sie war ihm dankbar dafür. Beide aßen ohne Etwas zu sagen und beobachteten das bunte Treiben. Eine hübsche braunhaarige junge Frau mit Kopfhörer in einem Ohr kreuzte ihren Blick. Flavia erschrak. Sie hoffte, Caruso hatte es nicht bemerkt. Auf eine Erklärung war sie nicht gerade scharf.

Alles Okay?“, fragte Caruso und wand sich zu ihr.

Was soll schon sein?“ Sie zwinkerte.

Du hast gezuckt. Ist er es?“ Sie hatte ihm einmal erklärt, dass sie sich nach ihrem Ex-Freund umsah, Filippo, ein Phantom. Es war die beste Möglichkeit sich um Erklärungen herumzuwinden.

Lass uns gehen.“ Es hatte aufgehört zu regnen. Caruso hatte noch nicht aufgegessen, aber das war ihr egal.

Flavia mochte Porta Venezia. Sie fühlte gerne die Steine und stellte sich oft vor die Figuren würden aus ihrem Schutz der Mauern heraustreten und ihr die Historie ihrer Heimatstadt darstellen. Sie berührte eine der Figuren und war wieder in den Bann gezogen. Sie lies ihre Hand an der Figur entlang gleiten, als ihr Blick an etwas hängen blieb. Etwas Schwarz-Glänzendes.

Guck Mal“ Caruso schob sie sanft beiseite und zog es hinter der Figur hervor, „Ein Blackberry, das würde ich auch loswerden wollen!“ Flavia drehte sich weg, es war ihr egal. Der schöne Moment war zerstört und sie wollte weiter gehen. Die Ampel müsste gleich grün werden.

Lustig, das Kind sieht dir ein bisschen ähnlich.“ Ruckartig drehte Flavia sich um und starrte auf das Smartphone. Es war ein Bild darauf zu sehen. Die dunklen Haare glänzten im Schein der Sonne, das Mädchen hatte ein helles Kleid an und schaute an der Kamera vorbei. Flavia nahm ihm das Smartphone aus der Hand. Daneben stand ein blondes Mädchen. Sie schaute in dieselbe Richtung und das Kleid sah ebenfalls ähnlich aus. „Ich glaube so böse kannst du gar nicht gucken. Du bist immer am lächeln“, sagte Caruso, aber seine Worte nahm Flavia nicht wahr. Sie erinnerte sich an diesen Tag. Sie waren als Familie in ihrem Haus am Meer gewesen. Es war kein schöner Tag gewesen.

Du scheiß Schlampe! Fickst wieder n Anderen und denkst ich check das net, oder was!?“ Ihr Plan war aufgegangen. Als sie die verzweifelten Schreie hörte, überkam sie Vorfreude. Vielleicht war es ein Teil der Bierflasche, die Enno durchgehend in der Hand hielt, der Auslöser dieser waren oder ein Küchenmesser. Eigentlich war es egal. Sie hoffte die Verletzung würde schwer genug sein. Charlene nahm sich einen Keks aus der zweiten Schachtel. Diesmal war Enno ganz besonders glücklich über den Beutel, den sie ihm gab und hatte ihr drei Schachteln ihrer Lieblingskekse gegeben, anstatt der einen Vereinbarten. Nachdem sie drei weitere Kekse gegessen hatte, hörte sie die Sirena Ambulanza. Leise summte sie den Rhythmus mit und packte ihre Kekse zusammen. Sie würde dem Krankenwagen nachlaufen.

Hey, mein Schatz“, sagte eine vertraute Stimme. Es war viel zu hell und Nera konnte nur Umrisse erkennen, aber sie erkannte sie. Ihre Mutter. Langsam klarte das Bild auf und Nera wurde bewusst, dass sie nicht mehr Zuhause war, nicht mehr in ihrer Nähe. Sie schloss die Augen wieder, spürte nun ihren Herzschlag im Kopf – im linken Teil. Sie hatte sie gestoßen mit ganzer Absicht. Die Treppe hinunter, sodass Nera mit dem Kopf aufschlug. Mehr hatte sie nicht mehr erlebt, sie sah den Hass vor sich. Spürte erneut die Anspannung. Aber sie hatte gewonnen. Ihre Mutter war mit Nera alleine und schenkte ihre ganze Aufmerksamkeit ihrer Tochter. Sie hatte gewonnen.

Als sie wieder wach wurde, war es dunkel. Nera blinzelte mehrmals und konnte nun die Umrisse der Gegenstände erkennen, die rechts und zentral im Zimmer standen, nach links konnte sie sich nicht bewegen. Maschinen an denen etwas herunterhing, Schubladen, die aus der Wand kamen und die zwei Türen. Unter der einen Tür schimmerte ein intensives Licht hindurch. Es beruhigte sie, dass sie nicht alleine war. Sie hörte den leichten Atem von ihrer Mutter, die wahrscheinlich links auf einem Stuhl saß, jetzt aber ihren Arm berührte. Eine Stimme flüsterte, aber sie war zu weit weg. Nera konzentrierte sich nun auf die Stimme, was sagte sie… „Lou… Ha… Nein, Hallo!“ Nera zuckte zusammen. Die Stimme hatte die letzten beiden Worten nicht mehr geflüstert, sondern selbstbewusst geschrien, zumindest kam es ihr so vor. Jetzt hatte sie Angst. Es war nicht die Stimme ihrer Mutter gewesen oder die eines anderen Erwachsenen. Sie scheint einem jungen Mädchen zu gehören, etwa in ihrem Alter. Nera rutschte auf dem Krankenhausbett nach oben und zog ihren Arm zurück. „W…Wer bist du?“ Sie überlegte, ob sie vielleicht schreien sollte, aber niemand würde sie verstehen. Sie war sich sogar unsicher, ob das Mädchen sie gehört hatte. Der Geschmack im Mund war seltsam und sie selber hatte ihre Stimme nur ganz leicht wahrgenommen und wenig klar. Aber das Mädchen hatte sie gehört. „Ich heiße Charlene. Ich langweile mich hier. Deine Mamma ist eben aus dem Zimmer gegangen, deswegen haben wir ein bisschen Zeit.“, Charlene hatte sich vorgebeugt, sodass Nera sie sehen konnte, „Du bist wirklich hübsch, weißt du!“ Nera lächelte, wobei ein grauenhafter Schmerz ihren Kopf durchzog. Sie berührte die linke Seite ihres Kopfes und der Schmerz erreichte seinen Höhepunkt. Die Seite war komplett mit Stoff umschlungen, welcher wahrscheinlich der Grund war, weshalb sie Charlene zuerst so schlecht verstanden hatte. Diese machte ein besorgtes Gesicht. „Was ist mit dir passiert? Ich habe dich heute morgen schon gesehen. Du warst voller Blut!“

Meine Schwester hat gestoßen. Mit dem Kopf aufgeschlagen.“ Jedes Wort verursachte ein Neues Stechen in ihrem Kopf. Charlene merkte das und nahm ihre Hand. „Deine Mamma ist gleich wieder da, dann redet sie mit dem Arzt und die Schmerzen werden besser. Darf ich morgen wiederkommen?“ Nera nickte. Sie freute sich, dass Charlene zu ihr gekommen war. Hoffentlich kam sie morgen wieder. Sie wollte ein Bild zu der Stimme haben, die sie immer noch in sich hörte.

Das Bild hatte sie nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Sie hatte jeden Tag besonders gut aufgepasst, dass sie ihr nicht gefährlich werden konnte, dass sie nicht hier war. Flavia hatte mit ihrer Familie in einer Kleinstadt eine gute halbe Stunde außerhalb von Mailand gewohnt. Sie waren ab und zu hier gewesen, aber ihr Leben spielte sich hauptsächlich dort ab. Bewusst war sie in die Großstadt gezogen. Anonymität und ein attraktives Jobangebot hatte sie her gelockt und sie war zufrieden mit ihrer Wahl. Schließlich hatte sie Caruso kennengelernt und er war wichtig für ihr Leben. Sie könnte sich sonst niemals eine Wohnung leisten, wenn sie neben Logis auch noch für Kost aufkommen müsste. Morgens aß sie nichts und am Nachmittag oder Abend lud Caruso sie auf etwas Leckeres aus einem Restaurant oder Imbiss ein. So kam sie gut über die Runden und er wirkte auch zufrieden. Er mochte sie sehr und das wusste sie. Natürlich würde daraus nie Etwas werden, aber für den Moment lief es gut. Flavia hatte sich aus seinem Griff befreit und versprochen das Smartphone bei einer Sammelstelle abzugeben und Caruso gebeten, sie nicht zu begleiten. Er verstand es nicht aber ließ sich letztendlich doch darauf ein. Ihre Wege trennten sich und Flavia ging einen Umweg, bevor sie in dieselbe Richtung wie Caruso ging. Der ausgedehnte Spaziergang war eine Hölle und Flavia war froh, dass sie nur einem älteren Pärchen und einem Mann auf dem Fahrrad begegnet war.Ihre Freundin lächelte, als Flavia durch die Tür trat. Sie hatten sich vor langer Zeit kennengelernt und seitdem war sie Flavia die eine Stütze gewesen. Sie konnte sich auf ihre Freundin verlassen und diese nahm ihr gerne ihre Sorgen. Durch ihre Hilfe war Flavia in die Stadt gekommen und auch sie hatte die Wohnung ausgesucht, ebenso wie den Job. Sie hatte für jedes Problem sofort eine Lösung. Auch jetzt nickte sie leicht, als Flavia ihr das Smartphone zeigte. Nun war sie erleichtert. Das Nicken bedeutete, sie würde ihr helfen. Sie könnte alles für sie regeln und womöglich müsste Flavia nicht einen Gedanken darüber fassen. Aber nun streichelte sie ihren Arm und schaute ihr in die Augen. „Diesen Kampf musst du alleine kämpfen, das weißt du, oder?“ Entsetzt mit weit offenen Augen schaute Flavia sie an. Schweiß brach aus, ihr rechtes Auge begann zu zucken. Es war kein Scherz gewesen. Sie kannten sich seit beinahe 15 Jahren und Flavia kannte ihre Freundin gut, sie hatte es ernst gemeint. „Du… Du willst, dass ich ihr alleine begegne?“, sagte sie ohne ihre Mimik zu ändern. „Flavia, kannst du jetzt bitte gehen?“

Es regnete. Sie lief durch die Straßen und ihr Bein schmerzte. Die nassen Haare klebten ihr im Nacken und im Gesicht. Der scharfe Wind lies sie frösteln, aber sie lief weiter. Sie wusste nicht wohin, aber sie wollte weg. Schnell und weit weg. Ihre Freundin hatte ihr nicht helfen wollen und würde sie in der Stadt bleiben, würde sie ganz bestimmt bald jemand finden. Die Situation blitzte wieder vor ihren Augen. Es war so viel Blut, so viele verschiedene Stimmen schrien hysterisch durcheinander; Nera hatte es nicht ausgehalten. Sie hatte sie erstochen. Sie hatte sie besucht, nachts, in ihrem Krankenzimmer. Dieses kranke Mädchen. Mit ihrem zitternden Auge hatte sie Nera angestarrt und dann fiel ihr Blick auf ihre schlafende Mutter. Nera hatte erst geflüstert, wollte ihre Mutter wecken, schrie aber, als diese nicht wach werden wollte. Sie stand nun vor ihr. Nera spürte die metallische Klinge, aber war ganz ruhig. Sie sahen sich in die Augen. Stich. Ein gluckerndes Geräusch, der gedämpfte Aufschlag der nassen Klinge auf dem Linoleumboden. Mamma sackte zusammen. Nera war zu Charlene in das Zimmer ihrer Mutter gerannt und sie weinerlich angefleht, sie vor ihr zu beschützen. Vor Flavia. Charlene hatte sie nur angestarrt und ihr nicht in die Augen gesehen. Nun war Nera auf der Flucht, auf der Flucht vor ihrer eigenen Schwester, die sie die Treppe hinunter gestoßen und ihre Mutter ermordet hatte.

Caruso hatte sich Sorgen gemacht. Flavia wirkte verändert, nachdem sie das Bild auf dem Smartphone gesehen hatte. Zwar hatte sich nach ein paar sofort wieder das strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht gelegt, aber er spürte es – dass da mehr hinter stecken musste. Caruso war sich ziemlich sicher, dass sie das Telefon nicht abgeben würde. Sie gab sich Mühe ihm das Gefühl zu geben, indem sie in genau diese Richtung lief, aber nach ein paar Blocks lief sie den Weg wieder zurück. Er hatte sie verfolgt, bis sie in ein sehr gepflegtes Haus ging. Es überraschte Caruso deshalb umso mehr, dass das Treppenhaus nach etwas ganz Anderem roch. Er hatte es nie selber geraucht, aber kannte den Geruch von den Abenden mit seinen Freunden. Laura hatte schon öfter so Etwas vermutet. Sie sagte, dass Flavia deshalb so gut schauspielern konnte. Caruso hatte nicht genau zugehört. Sie erzählte ihm ständig, etwas von Weinen und Schreien aus Flavia‘s Wohnung und was für ein schlechter Mensch sie war. Aber er glaubte ihr nicht – sie war bloß eifersüchtig. Flavia hatte Geheimnisse vor ihm und es kränkte ihn, dass sie sie nicht mit ihm teilte, aber das war in Ordnung für ihn. Heute würde er hoffentlich eines davon lüften, ihr Beiseite stehen und endlich Erkennen, was für ein tolles Paar sie beide wären. Flavia war die Treppe nach oben gegangen und klopfte an die linke Tür. Caruso würde später das Klingelschild überprüfen, aber jetzt machte er die Augen zu und versuchte das Gespräch zu verstehen. Er mochte ihre Stimme so sehr. Oft flüsterte ihre Stimme in seinen Träumen, er spürte das sanfte poppen auf seiner Haut, die Hitze aus ihrem Atem. Oft war er nassgeschwitzt, wenn er immer dieselben Szenen träumte. Er wünschte es sich so sehr.

Flavia war panisch. Sie hatte Charly angefleht sie jetzt nicht alleine zu lassen, aber diese hatte sie nicht wieder angeschaut. Flavia war gegangen, ohne die Tür zu schließen. Mit hartem Schritt ging sie die alte Treppe hinunter und aus dem Haus. Die Stadt war ihr Feind. Sie hatte sich immer sehr wohl gefühlt, geboren, sicher. Nun konnte die Gefahr überall aus ihr kommen. Aus den Gassen, von der Straße. Aus allen Richtungen umzingelten sie Menschen, starrten sie an mit vorwurfsvollen Blicken. Flavia ging schneller, versuchte so viel Abstand wie möglich von den Menschen zu gewinnen, wich ihnen aus. Jetzt lief sie. ‚Langsam, viel zu langsam!‘ Ihr knie schmerzte, aber sie versuchte schneller zu laufen. Die Menschen, an denen sie vorbei lief, schauten ihr hinterher – Grimmige Gesichter. Sie hörte die Stimmen hinter sich böse Worte spucken. Atem in ihrem Nacken, hektisch drehte Flavia sich um; es war nur der Wind gewesen. Mit dem Blick nach hinten, lief sie gegen eine Laterne, schwankte kurz und lief dann weiter. Jetzt sah sie ihn. Den großen Mann in dem schweren Trenchcoat ein paar Meter vor ihr. Er ging wie ein Findling in der Masse, kam auf sie zu. Flavia konnte nicht ausweichen, weglaufen, schreien. Dann packte er sie am Arm.

Sie hatte die Augen zusammengekniffen und ihren ganzen Körper angespannt. Der Mann packte so fest zu, dass sie sich nur mit großer Mühe befreien konnte. Schnell bog Flavia in die nächste Gasse ein und lief wieder auf die Straße, lief hin und her zwischen dem Netz aus Straßen und Häusern und zog ihr Handy heraus – Flughafen, Bahnlinie. 17:15, 20 Minuten bis ein Zug nach Turin starten würde. Flavia hetzte nach Hause, warf Geld in ihre Handtasche, suchte nach einem Koffer, warf wahllos Kleidungsstücke hinein und verließ ihre Wohnung. In der Eile hatte sie die Tür nicht abgeschlossen.

Der Zug war voll. Anscheinend wollten viele Pendler nach Hause nach Vittuone oder San Martino. Flavia hatte nur einen Platz zwischen ein paar Kindern gefunden. Zwar mochte sie Kinder nicht, aber da sie selber nicht besonders groß war, hoffte sie, dass diese zumindest ein gutes Cover bargen. Sie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit. Sie liebte ihren Papa. Oft waren sie zusammen an einen der vielen Seen gefahren und haben die Sonnenreflexion darauf betrachtet. Das waren die schönsten Tage in ihrer Kindheit. Als ihr Papa starb, als Flavia acht Jahre alt war, änderte sich Alles. Ihre Mutter kam mit der Situation nicht zurecht und Flavia wusste auch warum. Sie hatte ihn getötet. Sie hatte nicht genug auf ihn aufgepasst und in der Nacht nicht gemerkt, dass Etwas nicht stimmte. Später musste sie es selber spüren, die Hilflosigkeit, die Papa hatte erleben müssen. Flavia musste lächeln. Sie hatte in dem Moment Genugtuung gespürt. Eines der Kinder stieß gegen ihr Bein. Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr es schmerzte. Die Belastung durch das schnelle Gehen hatte ihr Knie sicher schon blau werden lassen. Sie versuchte sich zu entspannen, die Bahn fuhr weg von Mailand, weg von Nera. Hier sollte sie sicher sein, aber es fühlte sich nicht so an. Um sich abzulenken, betrachtete sie die Kinder um sie herum. Sie kicherten, schauten nach draußen und liefen im Zug herum. So freundlich und unschuldig, dachte Flavia. Es war albern sich solche Gedanken zu machen, woher sollte jemand wissen, wo sie gerade war. Sie schaute einem Jungen hinterher, der sich hinter der Trennwand zum nächsten Waggon versteckte. Wartend darauf, dass er wieder auftauchte, beugte sich Flavia weiter in den Gang. Jetzt sah sie den Jungen wieder und neben ihm eine junge Frau. Ihr Atem setzte aus, ihr Herz hämmerte in der Brust. Sie konnte es nicht sein. Jetzt kam sie auf sie zu, sie sah ihr Gesicht. Sie griff nach ihrem Koffer und stolperte in den Gang.

Geh nicht weiter!“, ihre Stimme war bedrohlich, hektisch, sie kam langsam auf sie zu, „Du hast Mamma getötet. Sie hat dich aus der Schule abgeholt, weil Filippo dich geärgert hat, sie hat dir gezeigt, wie man schwimmt, sie hat deinen Löwen genäht, als er aufgerissen war und du bist so erbärmlich und…“

Stopp! Mamma war nie für mich da! Das warst du! Sie hat mich immer gehasst; sie hat mein Leben zerstört, als sie Papa umgebracht hat! Sie hat mich verachtet für die Verbindung, die wir hatten. Sie hat mich alleine gelassen nach Papas Tod und war nur bei dir!“, japste Flavia, ohne den Blick auf ihre Schwester zu richten, sie bekam schlecht Luft. Nera schaute ihr direkt in die Augen, Flavia konnte sich nicht wehren. „War das so?“, hauchte sie Flavia entgegen.

Caruso war zu spät. Er war am Bahnhof angekommen und sah sie nicht mehr. Rechts, links, rechts und wieder links zuckte sein Kopf verzweifelt, um Flavia zwischen den Menschenmassen zu entdecken. Es gab zwei Möglichkeiten. Der Bahnsteig war richtig, hier war sie die Treppe hinunter gelaufen, aber es gab zwei Gleise mit zwei Zügen, wo sie eingestiegen sein könnte. Jetzt musste er sich entscheiden. Er hastete durch die Waggons des Zuges nach Turin. Sitzreihe für Sitzreihe ging er durch. Ein paar Kinder spielten anscheinend verstecken. Er schob sich an ihnen vorbei und sah sie plötzlich. Auf dem Boden sitzend mit einem Koffer vor sich. Die anderen Fahrgäste schauten sie schockiert an. Eine furchtbare Situation, dachte Caruso. Er musste ihr helfen, aber weshalb lag sie dort? Er war jetzt nur noch wenige Meter entfernt und hörte sie. Sie schien in einer anderen Welt zu sein. Eine Welt, wo eine furchtbare Gefahr lauerte. Er sah die Angst in ihren Augen, die Schutzhaltung, mit der sie auf dem Boden saß, schützend den Koffer haltend. Er musste ihr helfen, aber wie? Fieberhaft suchte er sein Gedächtnis nach der entscheidenden Idee ab. Und dann, dann war er wieder in seinem Traum, seinem Traum von einem Leben mit ihr, wo sie ihn brauchen würde. Wo sie beide in ihrer ganz eigenen Welt harmonieren würden. Das gab ihm die entscheidenden Worte: „Flavia! Mit wem sprichst du!?“ Flavia drehte den Kopf und ihr Gesicht entspannte sich. Sie sah wieder die anderen Fahrgäste – die Kinder, die gespielt hatten und sie nun verängstigt anschauten. Die Pendler, die nach einem langen Tag sie jetzt schockiert betrachteten. Caruso hatte Nera aus dem Zug verschwinden lassen. Er hielt sie fest, als sie den großen Koffer losließ und dann nach hinten kippte. Sie braucht ihn.

Schön, dass sie heute wieder da sind!“ Die Schwester lächelte. Caruso war bereits öfter in diese Klinik gekommen, um Flavia zu besuchen. Sie hatte dort nicht wohnen müssen, aber sie wollte nicht alleine sein. Heute war ein besonderer Tag. Heute wollte er sie fragen. Caruso hatte nasse Hände und sein Herz schlug wie wild. In Gedanken ging er das letzte Gespräch mit der Ärztin noch einmal durch. „Flavia braucht jemanden an ihrer Seite. Jemanden, der sie aus ihrer Psychose wieder zurückholt. Es ist ihre innere Schuld, die sie belastet. Sie will die Welt vor sich selber schützen und begibt sich damit in Gefahr.“ Er würde sie immer halten und nie aus den Augen lassen, dachte Caruso. Jetzt sah er sie. Seitdem sie hier war, hatte Flavia sich verändert. Sie war offener, sie redeten viel mehr. Sie trug jetzt öfter Zöpfe, anstatt offen, um ihre Narbe am Kopf zu verbergen, und das gefiel Caruso sehr. Auch heute war der Park wieder wunderschön. Die Sonne glitzerte auf dem stillen Wasser und die Tiere erschufen eine schöne Klangkulisse. Die letzten Male hatten Flavia und Caruso oft hier gesessen und einfach auf das Wasser geschaut. Jetzt hatte sie seine volle Aufmerksamkeit. Er sah es als passenden Moment: „Topolina? Möchtest du zu mir ziehen?“ Nach einer kurzen Pause drehte sie ihren Kopf in seine Richtung. Sie hatte den Mund nur leicht geöffnet, sodass Caruso nur einen kleinen Teil der oberen Schneidezähne sah. „Das wünsche ich mir“, sagte sie leise und schaute wieder aufs Wasser. Er nahm ihre Hand – sie drückte seine. Bei ihr fühlte er sich vollständig. Er braucht sie.

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