AdamStaubbartWenn Wände weinen

 

WENN

WÄNDE 

WEINEN

 

 

 

Liebe Leserin,

Lieber Leser,

 

Stell dir vor, dein gesamtes Gedächtnis ist gefühlt nichts weiter als ein riesiger Haufen winziger, zerrissener Papierfetzen. Vollständig und doch unverständlich. Ein Puzzle namens Tabula rasa, das zwar fertig zusammengesetzt ist, aber ausschließlich aus abertausenden, weißen Teilen zu bestehen scheint und somit ein nichtssagendes Gebilde ist. Eine Horrorvorstellung, ich weiß. Genauso muss ich wohl oder übel gestehen, dass die Wahrscheinlichkeit alles andere als groß ist, dass du tatsächlich in ein solch schreckliches Szenario gerätst.

 

Sei aber dennoch achtsam mit deinen Überlegungen über den Verlauf deines Schicksals, weil oft sind es genau die nahezu verschwindend kleinen Möglichkeiten, die gerade wegen ihrer minimalen Größe an Wahrscheinlichkeit im Tran des Alltags völlig unterschätzt werden oder die mit fatalen Folgen sogar schlichtweg übersehen werden. Vielleicht wäre es daher besonders ratsam, wenn du dir zur Abwechslung mal gezielt eine Situation vor den Augen führst, eben weil die Chance, dass sie in deinem Leben in einem ähnlichen Ausmaß geschehen könnte, bestimmt so mickrig ist wie ein Ameisenlöwe.

 

Lass mich dir einen weiteren verborgenen Pfad in dem Labyrinth mit den unendlich vielen Werdegängen der ungewissen Zukunft zeigen und am Ende werde ich dir beweisen, dass du wegen einer Kette von bestimmten Ereignissen in einer Lage kommen kannst, in der alles möglich und nichts sicher ist.

 

Ich heiße Iris und ich hinterlasse diesen Text für den Fall, dass unser Selbstversuch mächtig fehlschlägt. Wenn du meine Nachricht liest, bedeutet es vermutlich, dass genau dies geschehen ist und dass ich noch einmal gestorben bin, dieses Mal hoffentlich richtig. Nutze meine letzten Worte, um herauszufinden, was mir widerfahren ist. Dazu musst du meine Identität zunächst ermitteln, denn mein Name allein gibt dir kaum etwas darüber Preis, wer ich bin. Oder besser gesagt: Wer ich war. Der Name eines Menschen ist nur der Titel, zu dem es x-beliebig viele unterschiedliche Geschichten geben kann. Man muss sich eine Person schon genauer unter die Lupe nehmen, um all ihre geheimnisvollen Seiten auf den Grund zu gehen.

 

In diesem Sinne denke ich, dass ich dir genug Anhaltspunkte zur Verfügung gestellt habe und irgendwie ärgert es mich ziemlich, dass ich niemals wissen werde, ob du es schaffen wirst, das Schloss zu meiner dunklen Vergangenheit zu knacken.

 

Iris

 

PS: Lass uns noch rasch einen imaginären Münzwurf vollstrecken! Kopf oder Zahl?

 

 

 

Nachdem ich mir den Brief ein letztes Mal durchgelesen habe, falte ich ihn mehrmals. Als er schmal genug für seinen Versteck ist, packe ich ihn wie eine Binde zwischen Slip und meine Genitalien. Ich ziehe mich an, warte und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die Zeit voranrauscht wie ein tosender Fluss. Meine Fingerkuppeln kribbeln mit exponentiell anwachsendender Ungeduld intensiver. Beinahe mit unschuldiger Kindlichkeit fiebere ich den Moment entgegen, an dem ich endlich erfahren werde, wie die Enthüllung ausgehen wird. In meiner Fantasie versuche ich mir auszumalen, wie du die Augenblicke vor der großen Überraschung erleben könntest. Was machst du exakt in dieser Sekunde und welche Gedanken und Empfindungen wirst du in den kommenden Herzschlägen haben?

 

*

 

Du erwachst auf einem Sofa, blutrot und mit durchgesessenem Kunstleder. Irgendwo hinter dir tickt eine Uhr und die klickenden Laute, die sie monoton von sich gibt, klingen wie ein Reißverschluss, den jemand bedachtsam ganz langsam zumacht, Stück für Stück. Die einzigen weiteren Geräusche, die die aasfressende Totenstille in dem lichtdurchfluteten Raum mit den blassen Wänden noch nicht lautlos verschlungen hat, sind die rasselnden Atemzüge deines Herzens, das ziemlich wild rast, als hättest du dir in deinem Traum eben noch einen kräftezerrenden Überlebenskampf geliefert. Bist du überhaupt aus einem Traum erwacht oder bist du in Folge des Handgemenges um Leben und Tod lediglich bewusstlos geworden? Für Letzteres spricht in jedem Fall dieser nahezu unmöglich lokalisierbare, aber umso heftigere Schmerz, der womöglich sogar der Grund dafür ist, warum du aufgewacht bist. Der Schmerz ist schwer zu beschreiben, ein ganz schön hässliches Gefühl, als wärst du in kleinste Einzelteile zerhackt, obwohl dein Körper zeitgleich noch vollständig und vor allem unversehrt ist. Immerhin sieht so deine Bilanz auf den ersten Blick aus.

 

Wer bist du?

 

Dir schwebt kein Name in den Sinn. Angesichts deiner fein säuberlich ausradierten Erinnerung an deinem Vorleben wäre es auch verwunderlich gewesen, wenn dir noch geläufig geblieben wäre, wie du heißt. Nur eine Sache meinst du über dich zu wissen, und zwar, dass du weiblichen Geschlechts bist. Zumindest hast du dies bis zu dem Moment geglaubt, als du dir mit den Händen vor deinem vermeintlichen Busen fassen willst und unter dem Stoff eines dünnen T-Shirts, der denselben Blauton besitzt wie ein Schlumpf, spürst du zwei flache Brustwarzen. Wer auch immer du sein magst, du bist definitiv ein Mann. Nur warum warst du dir dann zunächst sicher eine Frau zu sein? Bist du vielleicht ein Transgender? Immerhin wirkt es so, als würdest du dich unwohl in deiner Haut fühlen.

 

Du starrst herab zu deinen faltigen Händen, die an den Knöcheln sogar hell behaart sind, begutachtest deine dicken Wurstfinger. Nein, selbst der beste Schönheitschirurg der Welt könnte eine zierliche Frauenhand nicht derart männlich aussehen lassen. Solche Hände wie die von dir gehören zweifelslos zu einem Mann. Einem Mann, der locker vierzig Jahre auf den Buckel haben muss. Vierzig Jahre – Einfach ausnahmslos ausgelöscht.

 

Der pulsierende Schmerz lässt nicht von dir ab, pulsiert und pocht beinahe so rhythmisch, dass es dir vorkommt, als würdest du unter deiner Haut am ganzen Körper verteilt dutzende von Herzen besitzen. Unwillkürlich durchzuckt dich die Frage, ob du dich vielleicht auch mit deiner Alterseinschätzung getäuscht hast und insgeheim bereits ein steinalter Senior bist. Dies würde nicht nur deine Schmerzen erklären, sondern auch, warum du dich an absolut nichts aus deinem Leben erinnern kannst. Du könntest an Alzheimer erkrankt sein. Oder auch nicht. Nur was ist ansonsten die Ursache für deinen radikalen Gedächtnisschwund?

 

Du beschließt der Sache auf den Grund zu gehen, musst du ja, wenn du Antworten auf die vielen Fragen zu deiner Person haben möchtest. Von nichts kommt nichts. Mit den Erinnerungen wird sich dies ja bestimmt nicht anders verhalten.

 

Den Blick nach vorne durch den Raum schweifend erhebst du dich von dem abgenutzten Sofa und stellst fest, dass du dich in einem Wohnzimmer aufhältst. In deinem Wohnzimmer? Deine Augen wandern zu dem flachen Tisch aus Ahornholz. Eine weiße Tischdecke, verziert mit roten Blümchen und Blätter, die jedoch eher so aussehen wie unzählige Bluttropfen, ist auf der ovalen Platte ausgebreitet wurden. Darauf befindet sich ein verschlungener Bronzeständer mit einer erloschene Kerze, die bis zu einem mickrigen Stumpf heruntergeschmolzen ist, doch das cremefarbene Wachs ist noch ganz frisch, als hätte jemand erst vor kurzer Zeit die lebhaft am Docht tanzende Flamme ausgepustet und selbst in der Luft hängt noch geisterhaft der verbrannte Geruch von ihrem verrauchtem Leben. Unweit daneben liegt ein Schnuller.

 

Mit pochendem Kopf und einem noch heftiger pochenden Herz hinter den Rippen hebst du ihn auf. Er fühlt sich merkwürdig vertraut an, so als hätten diese Finger ihn schon hundertmal berührt und trotzdem kannst du dich nicht an einen einzigen Moment zurückentsinnen, an dem du ihn in deinen eigenen Händen gehalten hast. Der Schnuller ist feucht und Speichel hängt an ihm, als hätte man ihn gerade eben erst aus dem Mund eines sabbernden Babys gezogen. Traurigerweise kannst du dich nicht mal erinnern, ob es sich bei dem Kleinkind, das an ihm genuckelt haben muss, um dein Kind handelt oder ob du lediglich auf ihn aufpasst. Genauso wenig weißt du, wo dieses Kind jetzt stecken könnte. Befindet es sich womöglich noch in deiner Nähe?

 

Du stellst dir vor, dass du echt ein Vater bist und es da jemanden gibt, der auf dich angewiesen ist. Und der Gedanke, dass dir der Name von deinem möglicherweise eigenen Fleisch und Blut nicht einfällt, trifft dich sogar härter als die Tatsache, dass du nicht einmal deinen eigenen Namen kennst. Das Pochen verwandelt sich in Stiche, aber es fühlt sich nicht an wie Messerstiche. Eher wie Nadelstiche in Haut und Fleisch, als würde eine unsichtbare Gestalt versuchen dich mit Nadel und Faden zusammenzuflicken. Wieder zusammenzuflicken.

 

Den Schnuller noch immer festhaltend gehst du weiter durch den Raum und deine Füße bringen dich zur Zimmertür, die geradezu verführerisch einen Spalt offensteht. Am Laminatboden vor der dünnen Tür liegt jedoch etwas. Es ist ein Handy. Deins kann es nicht sein, denn dieses steckt vorne in deiner Hosentasche, wie du mit einem schnellen Handgriff feststellst. Jedenfalls glaubst du, dass das Handy auf dem Boden nicht dir gehört, sondern von jemand anderem ist. Nur wer ist dieser Jemand? Der Schnuller eines Babys, das Smartphone eines Unbekannten – Was wirst du als nächstes entdecken?

 

Du hebst das dünne Gerät mit der leuchtend gelben Schutzhülle auf. Das Handy ist von Samsung, allerdings kennst du nicht die genaue Bezeichnung des Modells. Ein diagonaler Riss zieht sich über das Display. Mit dem Daumen drückst du auf einen Knopf und der Sperrbildschirm blitzt auf, ein fliederfarbener Hintergrund mit schwarzen Linien. Oben stehen Uhrzeit, Wochentag und Datum – 14:37 Fr., 26. April. Im unteren Bereich befindet sich ein weißes Schloss, darunter die Worte Zum Entsperren streichen. Nach einem Fingerwisch über dem Touchscreen erscheint ein Zahlencode-Eingabefeld.

 

Auf einmal schießt dir wie aus dem Nichts eine konkrete Ziffernabfolge durch den Kopf.

 

11 15 16 06

 

Ohne große Hoffnung tippst du die Zahlen ein, bestätigst anschließend deine Eingabe und bist baff, dass es der richtige Code ist, an den du dich erinnert hast. Ist dieses Handy vielleicht doch nicht das einer anderen Person? Wieso sonst kennst du den Code zum Entsperren? Und warum bist du in der Lage dich ausgerechnet daran zu erinnern, obwohl dir noch nicht mal wichtige Rahmendaten wie dein Name oder dein Alter einfallen wollen?

 

Deine Finger bewegen sich wie von alleine zu dem Button, mit dem sich augenblicklich die Bildergalerie öffnet. Eine Liste unterschiedlicher Alben wird dir angezeigt und du wählst unwillkürlich einen davon aus. Offenbar bist du auf eine Sammlung an Selfies gestoßen. Die Fotos zeigen eine dunkelhäutige Frau mit kaffeeschwarzen Augen und einer ebenso dunklen Haarmähne. Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt, dessen bist du dir genauso sicher wie der Tatsache, dass dir ihr Gesicht vertraut wie dein Spiegelbild vorkommt. Aber sie ist eine Frau und du bist ein Mann. Sie hat dunkle Haut und ist jung, während du sowohl hellhäutig als auch knittrig alt bist. Du weißt ganz genau, dass du dich täuschen musst. Vielleicht kennst du die afrikanisch aussehende Dame auf den Bildern nur sehr gut. Sie könnte deine beste Freundin sein, eventuell gar deine Lebensgefährtin.

 

Oder sie könnte dein schlimmster Feind sein.

 

Du weißt nichts. Immer noch nichts. Und je mehr Zeit vergeht, desto stärker wächst in dir die düstere Ahnung, dass deine Amnesie sich nicht so schnell in die Kniee zwingen lässt. Dass letztendlich du es sein wirst, der von ihr zu Fall gebracht wird, als wäre dein Gedächtnisverlust ein lebendiger, unbezwingbarer Gegner. 

 

Hinter deiner Stirn meldet sich der Schmerz der Anstrengung zu Wort. Dir ist klar, dass du dir lediglich mehr wehtun wirst, wenn du dich weiterhin zum Erinnern zwingen willst. Du arbeitest dich auf der Suche nach deinem Ich oder in der Hoffnung zumindest Spuren deiner Identität zu finden weiter durch die Selfies. Die Frau hat die Fotos von sich so geschossen, dass man lediglich ihren Kopf auf den Bildern erkennen kann. So scheint es ewig weiter zu gehen. Nur der Hintergrund und die Lichtverhältnisse verändern sich.

 

Niederschmetternd musst du einsehen, dass du so auch nicht sonderlich weiterkommst. Du willst noch kurz einen Blick in die anderen Alben der Galerie werfen, ehe du dich danach in den anderen Zimmern möchtest, doch dann stößt du völlig unerwartet auf einem Selfie der Frau, auf dem doch noch ihr ganzer Körper zu sehen ist.

 

Als erstes denkst du stirnrunzelnd, dass es sich um ein mit Photoshop bearbeitetes Bild handelt. Kopf und Körper scheinen nicht zusammenzupassen. Ein Mensch, zusammengebastelt aus zwei Menschen. Exakt diesen Eindruck erweckt das Selfie auf dich.

 

Zu sehen ist die Frau mit den kaffeeschwarzen Augen. Sie hat das Foto vor einem Spiegel geknipst, weswegen man darauf ihren lediglich in Unterhose gekleideten Körper von Kopf bis Fuß erkennen kann. Beginnend vom Hals bis zu ihrem restlichen Körper sieht ihr Äußeres männlich aus. Falten zieren die blasse, schlaffe Haut, insbesondere am Hals. Der Bauch ist gerade so dick genug, dass die Rippen nicht zum Vorschein kommen. Graue Haare wachsen von Brust bis zum Bauchnabel dicht wie ein Pelz. Eine türkisfarbene Badehose sitzt so tief, als würde sie ihrem Träger jeder Zeit von den hageren Hüften rutschen.

 

Du lässt den bedeutungslos gewordenen Schnuller aus deiner Hand fallen, um dir mit den Fingern ins Gesicht fassen zu können und hörst auf zu atmen, als du ebenmäßige, nahtlos glatte Haut zu spüren bekommst. Mit aufsteigender Übelkeit greifst du dir um den Hals, genau an der Stelle, wo eine wulstige, dicke Narbe wie eine Kette einmal deinen gesamten Hals entlangreicht. Eine Erkenntnis, die du nicht akzeptieren willst, nimmt nach und nach Gestalt an.

 

Und urplötzlich wird irgendwo im Gebäude eine Tür geöffnet, quietschend wie eine alte, rostige Schraube, die man nach einer halben Ewigkeit wieder zu lösen versucht.

 

Erschrocken zuckst du zusammen, so hast du doch gar nicht mehr gerechnet, dass jemand in deiner Nähe ist. Du musst an die erloschene Kerze denken, deren Wachs gerade eben nicht trocken gewesen war, an den sabbernassen Schnuller am Tisch. Augenblicklich verfluchst du dich innerlich, dass du dich so alleine gefühlt hast, obwohl dir alle Zeichen eigentlich das Gegenteil bewiesen haben.

 

Schritte sind zu hören, gleich nebenan im Nachbarzimmer. Als sie scheinbar zielstrebig in deine Richtung kommen, weißt du nicht, ob du vor Freude in die Luft springen solltest, weil die Person dir womöglich beim Auffrischen deines Gedächtnis helfen könnte oder ob du blanke Todesangst empfinden solltest, weil neben der Rettung hinter dieser Tür genauso gut eine tödliche Gefahr lauern könnte.

 

*

 

Das ist er! Mein Moment! Der Moment, auf den ich solange warten musste. Jetzt ist es soweit. Uns trennt lediglich eine ganz leicht aufstehende Tür, durch die sich der der rußige Geruch der Kerze herauszwängt, die ich kurz vor deinem Erwachen ausgepustet habe. Es fühlt sich an, als würde dieser Atemzug Jahre zurückliegen. In Wahrheit liegen zwischen dem Zeitpunkt und den jetzigen womöglich keine zehn Minuten.

 

Ich stelle mir, wie du in den nächsten Sekunden reagieren wirst, wenn ich in Begleitung des Hackmessers zu dir ins Wohnzimmer hereinplatze und mich als die Hölle aus Fleisch und Tod vorstellen werde. Ebenso stelle ich mir vor, wie dein schockierter Gesichtsausdruck aussehen mag, nachdem ich dich darüber aufgeklärt habe, dass du mehr Verbrecher als Mannsweib bist. Ich kann deine typische ungläubige Miene bis ins kleinste Detail vor meinem geistigen Auge sehen, die du mit Gewissheit aufsetzen wirst, wenn du von deiner bösen Identität erfahren wirst. Bis zum kommenden Wimpernschlag genieße ich den Gedanken, dass ich alles über dich weiß, während du nichts über dich weißt.

 

Dann stoße ich die Tür mit meinen dunkelhäutigen Händen auf und als ich hereinstampfe, kann ich nicht glauben, was ich zusehen bekomme. Kann nicht glauben, wen ich zusehen bekomme oder besser ausgedrückt, wen ich nicht zusehen bekomme.

 

Denn entgegen meiner Erwartung finde ich dich hinter der Tür nicht vor. Alles, was ich im Raum erblicke, ist die geisterhafte Gestalt der Menschenleere. Unsichtbar für die Augen im Gesicht, doch sichtbar für die Augen im Herzen. Bestimmt hat die Menschenleere genauso viele unterschiedliche Erscheinungsformen wie es Möglichkeiten zum Sterben gibt. Und passend zu ihrer stark variierbaren Identität schreiben die Leute ihr noch andere Bezeichnung zu, als wäre sie tatsächlich eine lebendige Person, der man mal eben einen anderen Spitznamen gibt. So ist die Menschenleere bei vielen Menschen auch mit dem Tod gleichgestellt. Stets empfand ich diese Bezeichnung als falsch, doch nun erkenne ich erstmals, dass die Wortwahl in besonderen Momenten goldrichtig ist. Noch nie bin ich Augenzeugin geworden, wie die Menschenleere und der Tod auf eine Weise harmonieren, als wären sie aus einem Ei gepellt. Vielleicht fällt es mir deswegen auch so schwer, zu glauben, dass ich mich derart in meiner Vorstellung getäuscht habe, was sich hier vor wenigen Minuten abgespielt hat. Und dies obwohl sich der Beweis dafür schwarz auf weiß vor meinen Füßen befindet, schwarzes Blut auf weißem Laminat.

 

Ich bin wie gelähmt. Jedenfalls äußerlich. Innerlich überschlagen sich gerade meine Gedanken. Noch sausen sie kreuz und quer im freien Fall herab. Noch bin ich gedanklich nicht auf den Boden der Tatsachen angekommen, um eins und eins zusammenzählen zu können und um zu verstehen, was Fakt ist. Um zu verstehen, dass ich mich zu sehr auf mich und dich konzentriert habe. Ich habe mich zu sehr auf diese eine Sache versteift, die wir ausprobieren wollten. Ich war zu sehr mit unserem gewagten Selbstversuch beschäftigt, dass ich die Anderen komplett außer Acht gelassen habe. Für eine Zeitlang war ich wegen dem vielen Adrenalin zu sehr im Rausch, dass ich sie ganz vergessen habe.

 

Bis jetzt.

 

Nun bin ich schlauer und bin mir bewusst, welche Konsequenz aus meinem Fehlverhalten resultiert. Ab jetzt ist alles möglich und nichts sicher. Die Entscheidung um Leben und Tod ist noch nicht gefallen. Zumindest für mich. Was dich angeht, bin ich mir in Anbetracht der Unmengen an Blut am Boden zwar unsicher, ob du noch unter den Lebenden weilst, doch was mich angeht, bin ich überzeugt, dass ich, die schließlich mit einem Spalterbeil bewaffnet ist, noch eine Gelegenheit hat, das Blatt zu wenden.

 

Noch.

 

Die Frage ist bloß, wie lange dies so bleibt. Es existiert lediglich ein Weg, der nicht nur zu dieser einen Antwort führt, sondern auch direkt zum Maximum an Erkenntnis darüber, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe wirklich ist. Mein Ziel liegt in senkrechter Richtung steil über meinem Kopf, in der Sackgasse von Dachboden, wo die Wände schon über Jahre hinweg Blut und Tränen weinen.

 

Den geschmeidigen Holzgriffs des Beils stärker umklammernd folge ich den dunklen Blutspuren auf dem längst ab geblichenen Boden. Unter anderen Umständen hätte es mich sicherlich maßlos fasziniert, dass das Blut wirklich mehr schwarz als rot wirkt. Dafür fehlt mir im Augenblick jedoch ernsthaft die Zeit. Wenn dies wirklich dein Blut sein sollte, bist du entweder tot oder stark verwundet. Falls du noch lebst, dann gewiss nicht mehr lange. Sofern es mir nicht gelingt, dir schnell aus der Patsche zu helfen, könntest du binnen weniger Minuten, wenn nicht sogar weniger, verbluten.

 

Über mir an der niedrigen Decke tickt die Uhr, radikal und kompromisslos. Einmal mehr erinnert mich ihr Geräusch, mit dem sie eine neue Sekunde mitteilt, wie ein Reißverschluss, den man gemächlich, aber sicher zu macht. Wie der Reißverschluss eines Leichensacks, der zusammen mit seinem Inhalt eine Einheit bildet und solange einer Raupe gleich kokonartig eingehüllt ist, bis der Übergang ins nächste Stadium vollständig erfolgt ist.

 

Das Blut, das vermutlich dein Blut ist, führt mich zu dem roten Sofa, vor dem es endet. Ich schaue nach oben, zu dem schmalen Rechteck, der sich beim genauen Hinsehen vom Rest der Decke abhebt, obwohl er mit demselben Weißton bestrichen ist. Schuld daran sind die Umrisse der Luke, die sich schlichtweg nicht verstecken lassen. Mittig innerhalb der kleinen Fläche, ist die runde Uhr so angebracht worden, dass man nicht die Vertiefung erkennen kann, mit der man die Luke öffnen kann. Wenn ich mich richtig entsinne, war es damals sogar meine Idee die Uhr dort zu befestigen. Selbst jetzt hängt sie noch immer an Ort und Stelle an der geschlossenen Luke. Allerdings ist sie nun Teil einer eindrucksvollen Warnung. Eindrucksvoll, weil sie zum größten Teil mit Blut verfasst worden ist. Warnung, weil jetzt sowohl links als auch rechts neben der Uhr der Großbuchstabe S prangt, was im Zusammenspiel mit der Uhrenform SOS ergibt.

 

Trotz der Mahnung lege ich das Beil vorerst auf dem Tisch beiseite, um den langen, mit frischem Blut verschmierten Holzstab hinter dem Sofa hervorzuholen. Ich steige auf das Sofa, recke mich auf Zehenspitzen stehend empor und als ich mit der freien Hand die Uhr aus der Halterung hebe kommt mir das Ticken wie das einer Bombe vor, die bald das gesamte Haus dem Erdboden gleich machen wird. Darum bemüht die Fassung zu behalten lasse ich die Uhr achtlos fallen, hebe den Holzstab mit dem Haken an der Spitze hoch und führe ihn in die winzige Vertiefung, wo sich der noch winzigere Ring befindet. Normalsterbliche würden dafür wahrscheinlich mehrere Versuche brauchen, aber da ich den Einstieg zum Dachboden mehrmals täglich öffne, gelingt es mir reibungslos beim ersten Ansatz.

 

Ich ziehe die Luke auf, springe vom Sofa runter, packe den Holzstab zurück, schnappe mir das Beil vom Tisch, stelle dabei beiläufig fest, dass einzelne Blutspritzer selbst die Tischdecke erreicht haben und steige erneut auf das Sofa. Bewaffnet widme ich mich der aufklappbaren Holzleiter. Nachdem ich dies getan habe, klettere ich die Sprossen hinauf, an denen das Blut seine ölige Spur fortsetzt. Vorsichtig bewege ich meinen Kopf nach oben, in die Öffnung des Dachbodens, wo sich die Blutmenge zu einer Lache vergrößert, bis das Blut weiter hinten seinen Zustand verändert und eine feste Gestalt annimmt.

 

Eine menschliche Gestalt.

 

Noch bevor ich den auf den Boden liegenden Körper als dich identifiziere, schiebe ich mich ohne zu zögern in die Öffnung herein und haste zu dir.

 

André!“, bringe ich mit purer Trauer in der rauen Stimme hervor und habe das Gefühl, dass mir gleich die Tränen kommen.

 

Du bist tot.

 

Wie zur Verneinung beginnst du dich zu regen. Oder bilde ich mir das nur ein? Nein, dein Gesicht zuckt tatsächlich. Deine Lippen beben, aber nicht allein wegen dem Schmerz. 

 

„Ein Glück!“, widerfährt es mich mit neuer Hoffnung. „Du lebst!“ Ich kniee mich neben ihn hin. „kannst du dich an mich erinnern?“

 

„Geh“, presst du hervor nur hervor. „Du darfst hier nicht bleiben. Es ist alles anders gelaufen, als wir geplant haben. Du musst wieder runter! Schnell! Bevor er wiederkommt!“

 

Ein eiskalter Schauder läuft mir den Rücken herunter, als ich verstehe, dass du mit er auf Doktor Zahl anspielst. Der Mann, den wir zu verdanken haben, dass du meinen Kopf besitzt und ich deinen. Der Mann, der gemeinsam mit seinen Liebsten eigentlich seit Jahren von uns in dem Dachboden gefangen gehalten wird. Der Mann, der nun aber aus irgendeinem Grunde abgehauen ist und dich bei seiner Flucht irgendwie verletzt zu haben scheint. Der Mann, der offenbar irgendwo unten auf der Lauer liegt. Unten im vermeintlich menschenleeren Wohnzimmer.

 

Ich bringe kein Wort über die Lippen.

 

„Die Tabletten haben nicht eine Amnesie bewirkt, sondern die Öffnung von Narben“, erzählst du mir so rasch du kannst und ich sehe, dass das ganze Blut aus der Stelle tritt, wo der Kopf zum Hals übergeht. „Unser kleines Experiment ist total schiefgelaufen. Kurz nachdem ich das Bewusstsein wiedererlangt habe, ist die große Narbe schon aufgerissen. In dem Moment als ich aufstehen wollte, um etwas zu holen, mit das ich die Blutung stillen kann, ist mir eine komplett andere und viel schlimmere Sache aufgefallen. Das Messer. Das Messer, mit dem ich diesen widerlichen Dreckskerl immer damit gedroht habe, ihn die Kehle durchzuschneiden – Es war nicht in meiner Hosentasche. Scheiße, Iris! Ich habe dieses bescheuerte Messer einfach oben im Dachboden vergessen! Ich bin also so schnell wie möglich hoch zum Dachboden geklettert, obwohl ich wegen diesen Pillen wie eine halbgeschlachtete Sau geblutet habe. Aber…“

 

„Er hat sich bereits befreien können und dich überwältigen können“, beende ich deinen Satz.

 

Ich habe meine Sprache wieder, scheine dafür aber mein Gleichgewichtssinn zu verlieren. Kurz dreht sich alles wie nach einer Karussellfahrt.

 

„Hier sitzen wir in der Klemme“, sagst du besorgt.

 

„Das sehe ich allerdings ein wenig anders“, entgegne ich noch halb schwindelig vor den Augen. „Wir sitzen im Goldtresor. Denkst du etwa, dass er seine Schätze aus Fleisch und Blut einfach so zurücklassen wird? Wohl kaum! Wir sitzen keineswegs in der Klemme, solange wir noch sein Heiligtum in unserer Gewalt haben. Er wird wiederkommen, um seine Familie aus diesem Drecksloch zu holen. Früher oder später wird dies geschehen. Garantiert. Bloß, dass wir darauf vorbereitet sind und dass er davon überhaupt keine Ahnung hat.“ Ich deute mit einem Kopfnicken auf das Beil, das ich die ganze Zeit über mit mir führe. „Machen wir diesem Abzocker klar, dass es aus unserer Hölle kein Entrinnen gibt.“

 

„Iris“, bringst du schwach lächelnd hervor. „Du bist echt ein wahnsinnig teuflisches Genie!“

 

„Und du bist die lebende Bestätigung dafür, dass die Hölle kein Ort ist, sondern ein Mensch.“

 

„Aber, Iris, du brauchst mir doch nicht unter die Nase zu binden, dass ich der Inbegriff von Satan bin. Ich weiß doch sehr gut, wer ich bin.“

 

„Sorry, André“, gebe ich dir flüsternd zu verstehen. „Bis gerade eben war ich wegen diesen Tabletten, die du geschluckt hast, der Ansicht, dass du weniger über dich weißt, als jemand mit fortgeschrittener Alzheimererkrankung.“ Ich ziehe mir den lachsfarbene Strickpullover über den Kopf und reiche ihn dir. „Hier, drück ihn dir vorerst lieber auf die offene Wunde. Du hast nämlich ganz schön viel Blut verloren und es wäre ja schade, wenn du abkratzt.“

 

„Und wieso?“, fragst du gekonnt schlagfertig. „Weil du dann keinen mehr hast, der für dich die Drecksarbeit erledigt und du dich dann alleine mit Doktor Zahl und seiner Sippe herumschlagen darfst, oder wieso?“

 

Ich weiß, dass du mich nur spaßeshalber necken willst.

 

„Bleib du hier ruhig liegen, während ich mich in Deckung begebe, bis der Spinner mal wieder hochkommt,“ schlage ich vor, ohne auf deine Äußerung einzugehen, küsse dich kurz auf deine Stirn und verschanze mich dann im Schatten der aufstehenden Luke auf den harten Boden. 

 

Jetzt heißt es abwarten. Schon wieder. Nur dieses Mal werde ich mir keinen Fehler erlauben, dieses Mal darf ich mir keinen Fehler erlauben. Sonst war alles für die Katz. Die ganze Arbeit der letzten vier Jahre wäre hinfällig. Dazu darf ich es nicht kommen lassen. Doktor Zahl darf nicht einfach so davonkommen und seine Familie genauso wenig. Zwar kann seine Familie nichts für seine Taten, aber wir benötigen sie. Seine Familie ist für uns Mittel zum Zweck. Die härteste Strafe ist es nicht eine Person selbst für ihre Taten bezahlen zu lassen, sondern seine Liebsten für seine Taten bezahlen zu lassen.

 

„Den Testpersonen winkt hinterher zur Belohnung ein Geldbetrag von je einer Million Euro entgegen“, erinnere ich mich an den Wortlaut jenes Artikels zurück, über den ich vor inzwischen fünf Jahren zufällig gestolpert bin.  

 

In dem Artikel wurde von einer umstrittenen, bislang nie zu vor durchgeführte Operation geworben. Zur medizinischen Forschung wollte ein gewisser Doktor Zahl, der sich auf Transplantationen spezialisiert hatte, herausfinden, ob man mit einer bestimmten Methode einen Kopf an einen komplett anderen Körper einpflanzen konnte, sodass der Patient hinterher weiterhin lebte. Mithilfe zweier Probanden, die sich in Gegenleistung für eine dicke Summe an Geld freiwillig unters Messer gelegt hatten, führte er den Eingriff durch.

 

Einer dieser Versuchskaninchen war ich, der andere du. Wir beide hatten große Geldsorgen. Gefährlich große Geldsorgen, die uns dazu veranlasst haben, dass wir bei diesem irren Experiment teilgenommen haben. So kam es, dass sich die Wege einer Spielsüchtigen, eines Obdachlosen und eines Arztes für Transplantationsmedizin gekreuzt haben.

 

Die OP lief entgegen aller Erwartungen ohne Komplikationen ab. Soweit, so gut. Allerdings erhielten wir nicht die Geldsumme, die uns versprochen wurde. Weder ich noch du haben auch nur einen popeligen Cent für das Risiko bekommen, das wir auf uns genommen haben. Wir standen mit leeren Händen da und Doktor Zahl war offenbar ungelogen der Annahme, dass er uns einfach so über den Tisch ziehen konnte. Allerdings hat er nicht bedacht, dass nichts zu haben, nicht unbedingt machtlos zu sein bedeuten muss. Er hat nicht damit gerechnet, dass nichts zu haben, auch bedeuten kann, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Im Gegensatz zu uns hatte Doktor Zahl umso mehr zu verlieren. Sein Reichtum, seine Familie, sein unbeschwertes Leben.

 

Es gab eine Zeit, als wir die Opfer waren, zwei Menschen, deren Köpfe ihre Körper gewechselt haben. Früher war Doktor Zahl noch der Verbrecher, der Fiesling, der sich nicht an die Abmachung gehalten hat und uns skrupellos betrogen hat. Er ging ganz klar als Gewinner aus der Aktion hervor, erntete Ruhm und Anerkennung für die Vollbringung seines medizinischen Wunderwerks, bekam eine Beförderung, konnte sich noch einen extra Urlaub mehr im Jahr leisten.

 

Vielleicht war es gerade seine unersättliche Gier, die alle Beteiligten blind gemacht hat. Uns hat sie blind vor Wut und Rachegelüste gemacht, während sie ihn zu einem Blinden gemacht hat, der nicht in der Lage war, um zu erkennen, dass er alles andere als unverwundbar war. Die Planung und Umsetzung unserer Vergeltung haben mich und dich zusammengeschweißt und ganz nebenbei haben wir während der Phase der totalen Blindheit die Rollen mit Doktor Zahl getauscht. Vom Opfer zum Täter, vom Täter zum Opfer.

 

Doktor Zahl hatte uns eine Million Euro als Gegenleistung für die Teilnahme an die Kopftransplantation versprochen. Hätte er uns die Kohle danach in die Hand gedrückt, hätten wir ihn und seiner Familie niemals auch nur ein Haar gekrümmt. Aber er musste ja den Hals nicht voll genug kriegen. Persönliches Pech! Indem er den Deal gebrochen hat, hat er im weitesten Sinne gleichzeitig sein eigenes Genick gebrochen und zusätzlich das scheußliche Schicksal seiner Vorzeige-Patchwork-Familie besiegelt. Als diabolisches Duo waren wir vor vier Jahren in einem Moment in das Leben unserer zukünftigen Geißeln geplatzt, wo niemand ein solches Ereignis in Erwähnung gezogen hätte.

 

Es war kurz vor Ostern, mitten in den Schulferien. Natürlich war Familie Zahl wie jedes Mal zu dieser Jahreszeit zur Ostsee hochgefahren, um die Feiertage in ihrem abgelegenen Ferienhaus zu verbringen, von dem man trotz der Abgeschiedenheit einen Ausblick auf den Strand in der Ferne hat. Die Stimmung war genauso heiter wie das Wetter. Jedenfalls solange, bis wir an Karfreitag im Wohnzimmer aufgetaucht waren. Unser plötzliches Erscheinen, als wären wir regelrecht aus dem Boden gewachsen, hätte vermutlich schon ausgereicht, um ihnen einen mächtigen Schrecken einzujagen. Jedoch waren wir nicht gekommen, um den verzogenen Bonzen einmal so richtig Angst einzuflößen. Ansonsten hätten wir uns das halbe Waffenarsenal sparen können, mit denen wir sie im Schacht gehalten haben. Nein, wir waren damals gekommen, um den Betrag anzufordern, den Doktor Zahl uns schuldig war. Allerdings hatte sich die Währungseinheit hinter der jeweiligen Million geändert. Statt eine Million Euro für jeden von uns verlangten wir eine Begleichung von eine Million Tropfen. Eine Million Tropfen Blut, Tränen und Angstschweiß. Das war der Preis und erst wenn der Betrag bis zum letzten Spritzer vollständig abgezahlt ist, sind wir quitt mit Doktor Zahl samt seiner Traumfamilie.

 

„Er kommt“, hauchst du mir ins Ohr und im ersten Moment hätte ich instinktiv beinahe mit dem Hackbeil um mich geschlagen, weil ich dich zunächst für Doktor Zahl gehalten habe.

 

Ich war so vertieft gewesen, dass ich nicht mal Notiz davon genommen habe, wie du deine Kraftreserven am Schopf gepackt haben musst, um zu mir zu kriechen. Wieso passiert mir das eigentlich andauernd, dass ich mich so tief und schnell in meiner eigenen Gedankenwelt verlaufe? Oder ist dies überhaupt meine eigene Gedankenwelt? Immerhin gehört der Kopf, der auf meinem Hals thront ja ursprünglich zu dir. Ist meine Gedankenwelt dann streng genommen deine? Verhalte ich mich auf eine Art wie du es einst vor der OP getan hättest und ist meine Denkweise auf die Dinge insgeheim nichts weiter als deine ehemalige Weltanschauung?

 

Ich schüttele mich heftig, um nicht den Verstand zu verlieren, denn dies wäre im Moment mehr als nur unangemessen. Erstaunlicherweise bin ich wie auf Knopfdruck wieder konzentriert und vernehme das Tippeln, das unten vom Wohnzimmer kommt, nackte Fußsohlen auf leichenblassen Laminatboden und ab und zu ein patschender Schritt auf das schmierige Blut.  

 

Mit einem Schulterblick, gefolgt von einem Nicken, versichere ich dir auf stumme Weise, dass ich bereit bin. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass wir auch ohne Worte einwandfrei miteinander kommunizieren können.

 

Wir wagen zusammen einen letzten, tiefen Atemzug, als würden wir uns neben unserer innigen Zuneigung ebenso ein und die gleiche Lunge teilen. Sowohl in deiner Nase als auch in meiner strömt der Gestank von Urin und ich würde meine beiden Hände dafür ins Feuer legen, dass Tamara, dieses Riesenbaby, sich mal wieder ins Höschen gepisst hat. Ich schwöre mir, dass ich sie eigenhändig in Windeln zwängen werde, wenn das Problem mit ihrem ach so lieben Ehemann vom Tisch ist und er wieder gefesselt im Dachboden schmorren darf. Oder ich bringe sie am besten gleich um, als Denkzettel für Doktor Zahls Fluchtversuch. Strafe muss schließlich sein.

 

Ich spüre, dass du ganz dicht hinter mir bist und ich spüre, dass er ganz dicht unter uns ist. Er müsste längst auf das Sofa gestiegen sein, dessen Farbe ich irgendwie automatisch mit Blut in Verbindung bringe. Immerhin verwandeln sich die Schritte zu andere Geräusche. Für einen panischen Sekundenbruchteil durchzuckt mich der Gedanke, dass er die Luke einfach schließt und uns nicht mehr rauslässt. Umso erleichterter bin ich, als ich höre wie die Holzsprossen der Leiter knarzen und ächzen. Nur mit Mühe kann ich das Verlangen unterdrücken beruhigt auszuatmen, was dazu hätte führen können, dass dieser verräterische Luftzug direkt die wachsamen Ohren von Doktor Zahl erreicht. Stattdessen aber kralle ich meine Finger kräftiger um den Griff des Beils, darauf vorbereitet, im schlimmsten Fall der Fälle von ihm Gebrauch zu machen.

 

Nach endlos erscheinenden Herzschlägen geschieht es. Der lächerlich kleine Kopf von Doktor Zahl mit seinen wild zerzausten, langen Haaren taucht gefolgt von seinem dürren, geschwächten Körper im Dachboden auf. Es erfüllt mich stets aufs Neue mit Fröhlichkeit, wenn ich seine Gestalt betrachte, mehr Mumie als Mensch. Dann denke ich mir jedes Mal, dass sich die Anstrengungen und Strapazen der letzten vier Jahren voll und ganz ausgezahlt haben. Dass er begriffen hat, dass er lediglich eine bemitleidenswerte Fliege ist und nicht eine unantastbare, göttliche Ikone, die niemals in Vergessenheit geraten wird.

 

Im spärlichen Licht einer einzigen Halogenlampe über die Luke wird nahezu der gesamte Dachboden von einer kalt schmeckenden Düsternis verschluckt, sodass uns der silberhaarige Doktor Zahl in unserem Versteck unmöglich ausfindig machen kann. Wir springen gleichzeitig aus unserer Deckung heraus, als hätten wir uns über Telepathie verständigt. Mit unserem ganzen Körpergewicht schmeißen wir uns hinterrücks auf ihn und stürzen ihn unsanft zu Boden. Obwohl ich damit gerechnet hätte, dass er zappeln und um sich treten würde wie ein Verrückter, setzt er sich gegen uns kaum zu Wehr, als hätte er bereits aufgegeben. Ich muss nicht mal das Hackmesser verwenden, damit wir ihn überwältigen können. Echt schade.

 

Bereits wenige Minuten später hockt er wieder gefesselt und geknebelt in der Mitte des Dachbodens. Der Raum ist so geschnitten, dass man darin problemlos aufrechtstehen kann.  An den Dachschrägen befinden sich auf beiden Seiten jeweils zwei Fenster, bei denen wir allerdings die Jalousien komplett runtergezogen haben. Nicht etwa, weil wir unseren Geißeln absolut kein Tageslicht erlauben, sondern einzig und alleine, weil wir die unerträgliche Hitze nicht reinlassen wollen, die sich hier oben zu dieser Jahreszeit ansonsten schnell ausgebreitet hätte. Schließlich haben weder du noch ich die Lust permanent vom Gefühl her eine Sauna zu betreten, wenn wir unseren Gefangenen einen Besuch abstatten.

 

„Puh“, sagst du zu mir, nachdem wir nach einem Kontrollgang den Dachboden verlassen haben und wieder im Wohnzimmer stehen. „Das ist ja gerade nochmal gut gegangen.“

 

„Kann man so sagen“, stimme ich zu und füge scherzhaft die Frage hinzu. „Hast du dein Messer diesmal auch wirklich am Mann?“

 

Du klingst lustlos. „Hahaha. Sehr witzig. Sicherlich wirst du mir dies noch bis zum Zeitpunkt vorenthalten, wenn ich im Sterben liege.“

 

„Tu dir keinen Zwang an.“ Ich hebe das Hackmesser und setze eine entsprechend passende Miene zu meiner Drohung auf. „Wir müssen diesen Zeitpunkt ja nicht unnötig hinauszögern.“

 

Daraufhin brechen wir beide in Lachen aus. Vorhin hast du dir meinen Pullover provisorisch wie einen Schal um die Wunde am Hals geschlungen, damit die Blutung etwas nachgelassen hat. Nun aber haben wir genug Zeit, um die Verletzung besser zu behandeln. Ich hole den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Badezimmer und wickele einen Verband auf die ekelhaft aufgerissene Narbe zwischen Kopf und Hals. Hoffentlich schließt sie sich wieder, nachdem die Wirkung der Tabletten abgeklungen ist. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie erneut zugenäht werden muss.

 

„Trink viel“, befehle ich, während ich dir eine volle Flasche Mineralwasser auf den Tisch stelle und den Schnuller schnappe, der nach wie vor in der Nähe der Kerze liegt, wo ich ihn vorhin hinterlassen habe. „Wer weiß, was für ein Zeug in den Pillen drinnen ist.“    

 

 „Danke.“

 

„Ruh dich aus. Ich werde noch einmal oben vorbeischauen und dem Arztloch eine Lektion für sein heutiges Fehlverhalten erteilen, in Ordnung?“

 

Du lachst auf. „Arztloch? Dir fallen auch immer so treffende Bezeichnungen für diesen Typen ein. Das muss definitiv an meinem Köpfchen liegen!“

 

„Tja, nur deine Rübe gehört wohl für immer mir, falls du es vergessen haben solltest“, erinnere ich dich grinsend.

 

„Ich fürchte, dass ich mich niemals an diese Tatsache gewöhnen werde.“

 

Diese Worte höre ich viel leiser, da ich schon mit meinem Beil die Leiter zum Dachboden bestiegen habe. Zielstrebig gehe ich im Halbdunkeln zum anderen Ende des Raumes. Zu der Wand, an der Tamara in einer Körperhaltung wie Jesus am Kreuz so mit Hand- und Fußschellen gefesselt ist, dass sie ihre Position nur minimal ändern kann.

 

Tamara, die Gattin von Doktor Zahl, ist auf dieselbe Weise in Gewahrsam wie Torben, Holly und Jill, die allesamt die Folter über sich erdulden müssen, dass sie den Großteil des lieben Tages gezwungenermaßen stehend verbringen, den Rücken dabei sehr eng an die jeweilige Wand gepresst. Alle sechs Stunden gestatten wir abwechselnd jemanden sich für sechs Stunden in ein kleines Metallbett zu legen, das eine beabsichtigt harte Matratze hat und ausschließlich in den Wintermonaten stellen wir ihnen ein dünnes Deckchen zur Verfügung. Selbstverständlich wird die Person, die für eine kurze Zeit das Glück hat zu liegen oder sogar einzuschlafen, an den Gliedmaßen ebenfalls so gefesselt, dass sie das Bett nicht verlassen kann. Morgens und abends gibt es eine Kleinigkeit zum Essen. Mit dem Trinken verhält es sich ähnlich, bloß dass auch gegen zwölf Uhr Mittag einer von uns Beiden unseren Geißeln einige zusätzliche Schlucke Wasser gewährt. Jedes Mal, wenn wir unsere Gefangenen füttern oder trinken lassen, geben wir ihnen mit erhöhten Vorsichtmaßnahmen die Möglichkeit in einen gemeinsamen Eimer ein Geschäft zu verrichten.

 

Jeden Montag stehen die Körperreinigung sowie das Wechseln der Kleidung auf den Plan. Die Tage von Dienstag bis Freitag gehören je einen unserer Gefangenen, wo wir sie im Laufe des Tages mehrmals quälen. Die zwanzigjährige Holly, Tamaras Tochter aus erster Ehe, ist stets am Dienstag dran. Um Tamara selbst kümmern wir uns mittwochs. Nestküken Jill, die das einzige gemeinsame Kind des Ehepaars Zahl ist und mit einem Alter von vierzehn Jahren zu unserer jüngsten Gefangenen gehört, bekommt immer am Donnerstag ihre Folter. Torben, der siebzehnjährige Sohn von Doktor Zahl, ist zu guter Letzt am Freitag an der Reihe. Samstag und Sonntag lassen wir sie überwiegend in Ruhe. Geburtstage und sämtliche Feiertage existieren innerhalb des Dachbodens nicht. Dies ist die feste Routine, die sich in den vier Jahren entwickelt hat.

 

Auch Tamaras Aussehen hat sich im Verlauf der Gefangenschaft in dem Dachboden ihres eigenen Ferienhauses erstaunlich verändert. Sie war eine fröhliche, aufgeweckte Frau mit einem roten Pagenkopf und einem wettergegerbten Gesicht gewesen. Ich weiß zwar, dass sie an jenem Karfreitag, wo unsere Rache begann, bereits vierzig Jahre alt war, auch wenn ich sie damals locker erst wie Anfang dreißig geschätzt hätte. Es heißt, dass Schönheit vergänglich ist. Tamara ist die menschliche Verkörperung für diesen Sprichwort. Heute sieht sie nämlich so aus, als wäre sie nach jedem vergangenen Monat in Arrest um ein Jahr gealtert. Ihr Haar ist längst ergraut, ihre Haut ist von tief einschneidenden Falten gezeichnet, das Leben scheint bis zum letzten Tropfen aus ihren zuvor so strahlend blauen Augen gesickert zu sein und ihr einst ansteckendes Lachen wirkt wie ausgestorben. Manchmal frage ich mich, ob sie innerlich schon mindestens genauso verfallen ist wie ihr ruiniertes, optisches Erscheinungsbild.

 

Sie hat ihre Augen fest geschlossen und sieht aus, als würde sie schlafen, als wäre sie für immer eingeschlafen. Doch ich weiß, dass sie nicht von besseren Zeiten träumt, denn stehend kann man nicht einschlafen, sondern nur kurz einnicken. Dies liegt daran, dass die Körperspannung eines Menschen beim Schlafen nachlässt und er unvermeidlich in sich zusammensackt, was das Aufwachen zur Folge hat. Tot wird Tamara bestimmt ebenso wenig sein. Aber das werde ich gleich ändern.

 

Ich stehe vor ihr und überlege, wie ich sie mit dem Beil am besten umbringe. Kurz und schmerzlos oder doch lange und qualvoll? Möge der Zufall mir die Entscheidung abnehmen. Schon seit längerer Zeit pflege ich die Angewohnheit eine Münze zu werfen, sobald ich mir total unschlüssig bin, für welche Sache ich mich festlegen soll. Insbesondere anlässlich unserer Situation bietet sich dies hervorragend an, weil unser Nachname Kopf lautet. Beim Münzwurf hat sich daher etabliert, dass Kopf so viel wie BRUTAL bedeutet. Zahl hingegen steht für HARMLOS. Auf diese Weise wird der Härtegrad einer Foltereinheit bestimmt, der einer unserer Geißeln aussetzt wird. Wieso soll heute nicht auch die Münze auswählen, auf welcher Weise ich Tamara kaltmache?

 

Diabolisch gackere ich vor mir hin, während ich mit meiner freien Hand die 1-Euro-Münze aus meiner Hosentasche herausfingere und sie in der Luft schnippen lasse. Als die Münze blitzend herunter gesaust ist und am Boden angekommen ist, mache ich Augen wie ein staunendes Kind. Das Lachen friert mir im Gesicht ein. So ein Ergebnis habe ich noch nie erlebt. Weder Kopf noch Zahl. Die Münze ist exakt auf der Kante zum Stillstand gekommen. Mir ist bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Münze senkrecht landet, bei 1:6000 liegt. Und ausgerechnet jetzt bei einem so wichtigen Münzwurf, bei dem es um Leben und Tod geht, tritt dieser extrem seltene Fall ein.  

 

Was jetzt?

 

Ich habe keinen Plan, was ich mit diesem Ergebnis anfangen soll. Bislang habe ich mithilfe von diesem Prinzip sämtliche Entscheidungen ohne Probleme treffen können. Ja, selbst unsere Aktion mit der Einsperrung der Familie Zahl in dem Dachboden ihres eigenen Ferienhauses hätte sich vermutlich niemals durchgesetzt, wenn die Münze es damals nicht so gewollt hätte. Stets konnte ich mich darauf verlassen, dass die Münze das Urteil für mich trifft, wenn ich mal ratlos war. Nun jedoch schien sie mich eiskalt im Stich zu lassen.

 

Wie auch immer. Tamara werde ich trotzdem erledigen. Ich werde ihr einfach den Kopf mit dem Beil abschlagen und ihn später über Doktor Zahl aufhängen. Wenn ich das Glück auf meiner Seite habe, werde ich vorrausichtlich erst in 6000 Münzwürfen in der gleichen prekären Lage kommen wie eben gerade.

 

Mit Daumen und Zeigefinger meiner Wurfhand entferne ich ihr das Klebeband soweit vom Mund, dass das letzte Stück noch an einer Wangenseite haften bleibt.

 

„Na“, begrüße ich sie, das Gesicht ganz nah an das ihre zugewandt. „Hat die Dame denn noch irgendwelche letzten Worte, die sie in den engsten Familienkreis mitzuteilen hat, bevor sie stirbt?“

 

Keine Reaktion. Ihre Augen sind immer noch zugeklappt.

 

„Du brauchst dich nicht totzustellen“, sage ich ihr. „Noch lebst du. Also hör auf dir oder mir etwas vor zu machen. Ich habe sogar extra etwas für dich mitgenommen.“ Ich hole den Schnuller hervor und stopfe ihn Tamara prompt in den Mund, die sogar tatsächlich an ihn nuckelt. „Das gefällt dir, nicht wahr? Willst du jetzt vielleicht doch noch ein paar Sätze loswerden, ehe dein Leben endgültig vorbei ist?“

 

Augenblicklich lässt sie den Schnuller nach unten plumpsen, reißt ihre stark violett geäderten Lider auf und glotzt mich aus leeren Augen an, an denen ich nicht mal eine schwache Nuance von Menschlichkeit ausfindig machen kann. Und für einen Sekundenbruchteil fragt mein Herz sich, ob es überhaupt noch Menschen sind, die wir da gefangen halten oder ob wir aus ihnen wilde Bestien gemacht haben.

 

„Wir Wände, wir weinen!“, spuckt Tamara sabbernd aus, als wäre sie ein tollwütiges Tier. „Und selbst lange, nachdem eine Million Tropfen Blut, Tränen und Angstschweiß bereits getrocknet sind, werden wir nicht davon ablassen!“

 

Wie von einer höheren Macht ferngesteuert befestige ich wieder das Klebeband entlang ihrer Lippen und auch wenn ich es mir äußerlich nicht anmerken lasse, haben Tamaras Worte hinter meiner Brust die Oberfläche meines Herzens wie mit Gänsehaut benetzt. Abermals überlege ich, ob ich nicht von Grund auf ausnahmslos Böse bin. Ob zumindest in meinem Herzen noch ein letztes, gutes Fünkchen vor sich hin glimmt.

 

Doch warum denke ich über etwas in dieser Richtung nach? Nein, über so etwas brauche ich mir doch keine Gedanken zu machen. Viel mehr sollte ich mich wieder auf mein Vorhaben fokussieren.

 

Nun schlinge ich auch die andere Hand um den Griff meiner Waffe und streiche die scharfe Schneideseite sachte über ihre Haut am Hals. Allein dies hinterlässt an dieser Stelle einen Kratzer, was Tamara aufwimmern lässt. Winzige Bluttropfen rieseln aus der Schramme, meine Markierung.

 

Zum tödlichen Hieb ausholend schwinge ich wohlwissend, dass Doktor Zahl alles hilflos mitanschauen muss, das Hackbeil zurück.

 

Genau in diesen Herzklopfer erfüllt wie eine Explosion ein markerschütternder Lärm das gesamte Haus. Es ist wie ein ohrenzerreißender Donner, jedoch ohne einen Blitz als warnenden Vorboten. Entgeistert taumle ich einen Schritt rückwärts und dem erzitternden Krach folgt unverzüglich ein Aufruf, der alles übertönt.

 

„POLIZEI!!!“

 

Mein Kopf schnellt zu Doktor Zahl, der trotz des Panzertapes vor seinem Mund glorreich lacht. Er besieht mich mit einem triumphierenden Blick und ich werde das Gefühl nicht los, dass er gerade an einem Sprichwort denkt.

 

Du hast keine Chance, aber nutze sie.

 

Und plötzlich fällt mir der Grosche, wieso das Unmöglich auf einmal für dich und mich zur bitteren Wirklichkeit wird. Kurz nachdem du bei unserem Experiment mit den Tabletten weggedöst bist, habe ich mein Handy auf dem Boden des Wohnzimmers nahe der Tür für dich platziert. Als ich jedoch reingekommen bin, hat mich der Anblick des vielen Bluts und die trügerische Menschenleere so sehr abgelenkt, dass ich nicht einmal darauf geachtet habe, ob mein Smartphone noch an Ort und Stelle lag. Vermutlich hat es sich Doktor Zahl zu diesem Zeitpunkt längst gekrallt und die Polizei verständigt. Deswegen hat er sich auch nicht mal großartig gewehrt, als wir ihn oben im Dachboden überwältigt haben. Er war sich im Klaren darüber, dass wir davon überzeugt waren wieder alles im Griff zu haben. Dabei war da bereits das komplette Gegenteil der Fall. Wir haben die Kontrolle nämlich nicht etwa zurückgewonnen, sondern waren unwissend im Begriff sie vollständig zu verlieren. Wie konnte es nur zu so einem Desaster kommen? Wachsen Wunder, wenn Wände weinen?

 

Mir kommt es so vor, als würde ich von jetzt auf gleich zu Asche zerfallen. Unser Untergang ist unausweichlich und binnen weniger Sekunden wird das Ergebnis von unserer jahrelangen Arbeit zunichtemachen.

 

Ich höre die schweren Schritte des Spezialeinsatzkommandos auf dem Laminatboden im Wohnzimmer und deine gellenden Schreie und ich glaube, dass ich nur Millimeter vor der Klippe der Ohnmacht stehe. Während für Familie Zahl die Zeit in der Hölle zu Ende geht, fängt sie für uns gerade erst an.

 

Es ist zu spät. Aber noch ist nicht alles vorbei. Noch habe ich, wenn auch sehr begrenzt, Zeit, um eine letzte Handlung zu vollführen. Eine letzte Tat, damit wenigstens nicht absolut alles umsonst war. Damit Doktor Zahl am Ende nicht nur lediglich mit einem blauen Auge davonkommt. Noch bin ich nicht entmachtet wurden und habe die Möglichkeit die Exekution des Hauptschuldigen zu vollbringen. Hier und jetzt in ebendiesen Dachboden soll es geschehen.

 

Noch bevor ich mir diese eine Sache vorgenommen habe, wende ich mich bereits von Tamara ab und schieße pfeilschnell in die Richtung ihres Mannes. Mit einem Kampfschrei, als wäre ich mitten in einer aussichtslosen Kriegsschlacht, stürme ich so rasch mich meine Beine tragen näher zu meinem Ziel und will schon beim Laufen mit dem Beil ausholen.

 

Wir sehen uns in der Hölle!

 

Ein Schuss wird abgefeuert.

 

Schmerz. Schlimmer Schmerz. Sehr schlimmer Schmerz.

 

Ich stürze endlos langsam wie unter Zeitlupe zu Boden. Die Münze, die synchron mit mir zur Seite kippt, ist das letzte, was ich von dieser Welt erblicke. Das ist mein-

 

 

-ENDE-

 

24 thoughts on “Wenn Wände weinen

  1. Huiiiiiii, schwere Kost! Tolle, bildgewaltige Sprache. Aber man muss es mögen. Man fühlt sich wie in einem Splattermovie was in Form eines Poetry Slams gedreht wurde. Schreiben kannst Du! Ich werde mir ganz sicher auch die anderen Geschichten von dir durchgelesen.

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

  2. Lieber Frank, vielen Dank für dein Feedback:)
    Es freut mich sehr, dass dir meine Art zu schreiben gefällt und ich hoffe, dass ich dich mit den anderen beiden Geschichten von mir auch gut unterhalten kann.
    Ich wünsche dir noch ein schönes, lesereiches Wochenende!
    Alles Liebe ^^
    D
    A
    M

  3. Ich bin über Franks Empfehlung in der Instagruppe wir_schrieben_zuhause hier gelandet – aber ich glaube, das kennst Du schon?
    Sehr krass, Deine Geschichte, sehr extrem – dabei so besonders und gut erzählt, dass Sie nach meinem Ermessen in die Sammlung gehört. Und der Begriff „Patchwork-Familie“ bekommt direkt eine ganz neue, mehrsinnige Bedeutung 🙈🙊

    1. Hi Monaline!

      Herzlichen Dank für deine liebe Rückmeldug und deinen Like 🙂

      Es freut mich, dass die Geschichte auch bei dir gut angekommen ist und ja, ich kenne die Gruppe auf Instagram!

      Im Grunde ist die Story für mich selbst ein sehr großer Selbstversuch gewesen, insbesondere wegen dieser Du-Perspektive, die ich benutzt habe und wegen der extrem teuflischen Art der Gefangenschaft. Diese Geschichte zu schreiben war für mich eine tolle Übung, da mich beim Schreiben in der Vergangenheit oft die befremdlichen und brutalen Momente ziemlich gefordert haben. Zu sehen, dass es nun noch obendrein Leute gibt, die die Geschichte mögen, erfüllt mich mit Freude 😀

      Gerne lese ich mir jetzt gleich auch deine Geschichte durch und bin gespannt, was mich erwarten wird ^^

      Alles Liebe
      D
      A
      M

  4. Hallo Adam,

    ich kann mich Frank und Mona nur anschließen – Deine Geschichte ist tatsächlicher harter Tobak und ich muss ehrlich gestehen, dass ich kein Fan von viel Blut und Hackebeilchen bin (also eher Team Psychothriller als Team Splatter ;)), aber Dank Deiner wirklich tollen Erzählweise und Deines grandiosen Schreibstils von Deiner Geschichte begeistert bin. Ich freue mich schon auf die anderen beiden.

    Liebe Grüße
    Anita („Räubertochter“)

    1. Hi Anita!

      Ein großes Dankeschön dafür, dass du meine Geschichte gelesen hast und dass du mir ein Kommentar geschrieben hast 🙂

      Es freut mich zu lesen, dass ich dich kurzzeitig nötigen konnte die Seiten zu Team Splatter zu wechseln und dass ich trotzdem gut unterhalten konnte ^^

      In diesem Sinne wünsche ich dir einen schönen Start ins Wochenende und noch viel Spaß beim Lesen von „Abgestürzt“ und „Ganz großes Kino“. Ich freue mich bereits über deine Rückmeldung!

      Alles Liebe 🙂
      D
      A
      M

  5. Wow! Interessanter Titel. Harter Stoff. Die Ich-Perspektive mag ich sehr gerne, aber auch die „Du-Perspektive“ hat mir sehr gut gefallen und liest man nicht oft. Schon dadurch hat sich Deine Geschichte von allen anderen die ich hier bisher gelesen habe abgehoben. Aber auch der Plot war ganz anders und ebenso schaurig. Hat auch Romanpotential! Dafür ein ♥️ von mir!

    Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, das würde mich sehr freuen. 🌻🖤

    Liebe Grüße, Sarah! 👋🌻 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

    1. Hey Sarah!
      Es freut mich, dass du auf meine Geschichte aufmerksam geworden bist und dass sie dir so sehr gefallen hat! Der Titel deiner Geschichte klingt auch wirklich interessant und ich werde sie mir auch noch durchlesen 🙂
      Echt krass zu lesen, dass „Wenn Wände weinen“ deiner Meinung nach Romanpotential hat! Danke für dein Feedback und dein Herz 🙂
      Alles Liebe^^
      D
      A
      M

  6. Hallo Adam,

    jetzt muss ich erstmal durchatmen 🙂

    Sprachlich ist Deine Geschichte herausragend! Du spielst perfekt mit den Worten. Das zeigt sich auch ganz am Ende Deiner Story eindrucksvoll.

    Der Inhalt ist hart, um nicht zu sagen Horror 😉 Werde heute damit beschäftigt sein, darüber nachzudenken, was der Kopftausch wohl mit jemandem macht. Krasse Vorstellung.

    Von mir ein fettes Like für Deine außergewöhnliche Geschichte!

    1. Hey Tina!

      Es tut gut zu lesen, dass dir die sprachliche Umsetzung meiner Geschichte derart gefallen hat und dass ich dich darüber hinaus zum Nachdenken anregen konnte. Ich selber habe mir aber persönlich eher die Frage gestellt, was es mit jemandem macht, der über Jahre hinweg zuschauen muss, wie seiner Familie nonstop so etwas Schreckliches angetan wird. Manchmal denke ich darüber nach, wie das Leben der Familie wohl nach der brutalen Gefangenschaft im Dachboden weitergehen wird und ob sie überhaupt in der Lage sind, sich je von dem Grauen zu erholen. Danke jedenfalls für deinen Kommentar 🙂

      Alles Liebe!
      D
      A
      M

  7. Hi Adam!
    Huch, das ist aber eine Geschichte! Eine außergewöhnliche Idee und du hast sie richtig gut umgesetzt. Am Anfang musste ich mich an deinen Sprachstil gewöhnen, aber dann war ich mittendrin. Einfach super.
    Du brauchst unbedingt mehr Likes, mach ein wenig Werbung, das tun alle hier. Drück dir die Daumen.
    Apropos Werbung:
    Vielleicht hast du Lust, auch meine Geschichte zu lesen und mir Feedback zu geben, würde mich riesig freuen.
    Liebe Grüße Lotte
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-alte-mann-und-die-pflegerin

  8. Lieber Adam, diese ist, für mich, die beste deiner Geschichten und auch eine der besten, die ich bisher hier gelesen habe. Du bist so kreativ und wortgewandt, ganz toll! Einzig die Erklärungen zu den Hintergründen könntest du, für meinen Geschmack, etwas kürzen. Vielleicht magst du auch nochmal drüberlesen und die Grammatik- und Rechtschreibfehler korrigieren. Das ist bei einer so tollen Geschichte echt schade, da es sich auch nur um Flüchtigkeitsfehler zu handeln scheint. Bei drei Geschichten fehlte dir am Ende wahrscheinlich die Zeit zum Korrektur lesen. Dennoch eine meiner Lieblingsgeschichten in diesem Wettbewerb!

    1. Liebe Andrea, was soll ich nach einer solchen Rückmeldung noch schreiben? Wenn ich könnte, würde ich dir mehr als nur einen Daumen hoch für diesen Kommentar geben und auch mehr als bloß einen Herz für deine eigene Story. Vielen, vielen Dank, dass du meine drei Geschichten gelesen und bewertet hast. Es rührt mich echt so dolle, dass „Wenn Wände weinen“ zu deinen Favoriten zählt, insbesondere, weil mir dein „Maislabyrinth“ abartig gut gefallen hat und weil die Story noch immer in mein Gedächtnis eingebrannt ist. Danke auch für die Kritikpunkte! Gerne schaue ich mal bei Gelegenheit durch die Geschichte und übe Hetzjagd auf Grammatik- und Rechtschreibfehler aus. Du hast Recht, denn das Korrekturlesen musste ich recht kurz halten, damit ich es neben der Arbeit schaffen konnte, alle drei Kurzgeschichten zu Ende zu schreiben.
      Viel Erfolg für das E-Book und alles Liebe!
      Adam

    1. Hi Sabrina,
      Es freut mich, dass ich dir mit meiner Geschichte mal etwas Abwechslung bescheren konnte und dass ich mit meinem Schreibstil bei dir überzeugen konnte. Danke für dein Herz! Gerne schaue ich auch bei „Die Wahrheit kommt auf Rädern vorbei“ 🙂
      Alles Liebe!
      D
      A
      M

  9. Lieber Adam,

    Zuerst möchte ich dir sagen: Respekt! Du hast 3 Geschichten geschrieben. Wahnsinn 🙏! Ich habe mir den Titel ausgesucht, den ich am interessantesten fand.
    Sag mal, du bist erst 20 Jahre alt? Du hast einen großen Wortschatz Donnerwetter! Deine Du-Perspektive ist auch etwas ganz besonders und fällt auf. Und deine Rechtschreibung und Zeichensetzung sind vorbildlich. Mir ist nur ein Flüchtigkeitsfehler aufgefallen, der sich schnell ausbügeln lässt.
    – ab geblichenen Boden.

    Am Anfang musste ich erst einmal mein Köpfchen ganz doll anstrengen 😬, um mir vorzustellen, wie deine Protagonisten nach deiner „Tansplantationsmedizin“ aussehen könnten und wie das alles funktioniert hat. Ganz schön harte Kost! An Kreativität mangelt es dir auf jeden Fall nicht.
    „Einer dieser Versuchskaninchen war ich, der andere du.“

    Lieber Adam, wie groß müssen die Geldsorgen sein, um sich auf so etwas einzulassen 😨?

    Ich mag gerne knackige Dialoge, die einer Geschichte Leben einhauchen und Figuren charakterisieren, ohne groß zu erzählen. Dennoch hast du es geschafft, mich Dank deines Schreibstils von deinem Plot zu überzeugen. Deine Geschichte bleibt hängen, gerade weil sie so anders ist und du viele tolle Bilder in meinem Kopf erzeugt hast.
    „… Wie der Reißverschluss eines Leichensacks, der zusammen mit seinem Inhalt eine Einheit bildet und solange einer Raupe gleich kokonartig eingehüllt ist, bis der Übergang ins nächste Stadium vollständig erfolgt ist.“

    „nackte Fußsohlen auf leichenblassen Laminatboden und ab und zu ein patschender Schritt auf das schmierige Blut.“

    Du hast dir so viel Mühe gegeben, wäre schade, wenn keine Geschichte ins E-Book käme. Frag noch Freunde und Verwandte, ob sie dich unterstützen .

    „Wir Wände, wir weinen!“, spuckt Tamara sabbernd aus, als wäre sie ein tollwütiges Tier.

    Daher also dein lebendiger Titel 🙂 . Mach weiter so. Mein Like 👍 hast du. Ich weiß nicht, ob du hier selber viel liest. Falls ja, meine Geschichte heißt „Happy birthday“.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/happy-birthday

    Würde mich über Feedback freuen. Allerdings ist meine Story komplett anders als deine.

    Liebe Grüße,
    Martina 🙂

    1. Liebe Martina!

      Es freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen hat! Danke für dein Lob und den kleinen Verbesserungstipp. Das mit den Dialogen innerhalb einer Geschichte ist noch so eine Sache, wo ich noch öfters meine Probleme habe. Irgendwie versuche ich diese manchmal sogar extra zu umgehen, weil ich es noch nicht ganz auf die Reihe kriege, wie ich ein Gespräch zwischen zwei Figuren kurz und knackig, aber gleichzeitig auch spannend und informativ formulieren kann… Aber ich glaube, dass sich das beheben lässt, indem ich noch mehr Fitzek-Bücher lese 😉

      Momentan habe ich leider kaum Zeit, um Werbung für mein Kurzgeschichten-Trio zu machen, doch ich freue mich total, wenn ich am Wochenende mal vorbeischaue und sehe, dass mir so liebe Kommentare hinterlassen werden 🙂

      Alles Liebe!
      Adam

  10. Hallo lieber Adam
    Lieber Herr Kollege

    Du bist erst 20 Jahre alt?

    Meine Fresse.
    Wenn da mal nicht ein Riesentalent seinen Weg in die Welt der Literatur findet.

    Deine Geschichte schreit nach einer Verfilmung, nach einer Veröffentlichung im EBook.

    Was für eine großartige Geschichte.

    Du hast ein gegebenes Erzähltalent.
    Deine Grundidee, die Protagonisten, die Umsetzung der Parameter, deine Wortwahl …. alles außergewöhnlich und hervorragend.

    Und das Ende.

    Unglaublich.

    Nichts für schwache Nerven.
    Das ist echt harter Stoff.
    Aber ich liebe solche Stories.

    Gut, an der Rechtschreibung und der Zeichensetzung müsstest du echt noch arbeiten.
    Aber das ist kein Problem.
    Lass deine Geschichten in Zukunft immer noch einmal gegenlesen.
    Und das Problem ist Vergangenheit.

    Wie mein Kollege Frank immer sagt:
    Es gibt Menschen, die schreiben unfassbar geniale Geschichten, und Menschen, die sich um die Korrektur kümmern.

    🙂

    Und jetzt los !!!!!!

    Kämpfe weiter und gib niemals auf.
    Du hast ein riesiges Potenzial.
    Und du kannst es noch ins EBook schaffen.

    Sooo viele Stimmen fehlen dir gar nicht.

    Mein Like hast du natürlich sicher.

    Und es wäre ein fataler Fehler und Irrtum dieses Projektes, wenn du nicht ins EBook kommen solltest.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.

    Du bist mit deinen 20 Jahren ein Ausnahmetalent und ein Vorbild für viele andere junge AutorInnen.

    Glaub an dich.
    Lebe dein Leben.
    Lebe deinen Traum.

    Wer sooo genial schreiben kann, MUSS eine großartige literarische Zukunft vor sich haben.

    Ich zolle dir den höchsten Respekt.

    Liebe und kollegiale Grüße.
    Swen Artmann (Artsneurosia)

    Ich würde mich sehr freuen, wenn so ein junger Mann und so ein Talent wie du, meine Geschichte auch lesen würde.

    Vor allem würde mich dein ehrlich gemeinter Rat, dein Kommentar sehr interessieren.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Vielleicht bis die Tage.
    Swen

    1. Schönen Sonntag
      W
      E
      N

      Ich habe deinen Kommentar vor Arbeitsbeginn gelesen, was bedeutet, dass ich von morgens bis zum Feierabend allein schon wegen deiner Wenigkeit bestens gelaunt war. Es ist immer ein schönes Gefühl, wenn man von der Leserschaft ein positives Feedback bekommt, doch wenn jemand wie diese Rückmeldung von jemand wie dir kommt, der sich mit seiner Story garantiert an die Spitze des E-Books geschrieben hat, ist das irgendwie etwas ganz besonderes.

      Früher hätte ich mich gar nicht getraut an einen Wettbewerb wie „wirschreibenzuhause“ teilzunehmen, obwohl mir schon in der Schulzeit mein damaliger Deutschlehrer ständig eingetrichtert hat, dass ich dies dringend mal tun sollte. Erst wenn ich eine Geschichte total perfekt gefunden habe, habe ich mich vielleicht mal getraut sie mit anderen zu teilen und sie vorgelesen, doch mehr war lange nicht drinnen. Vor ein paar Jahren bin ich glücklicherweise über meinen Schatten gesprungen und habe für einen Fortsetzung-Folgt-Buch einen eigenen Beitrag eingereicht, mit dem ich mich sogar durchsetzen konnte, auch wenn ich nie im Leben damit gerechnet hätte. Dieses kleine Erfolgserlebnis hat alles verändert und mein Selbstvertrauen so sehr gestärkt, dass ich neben der Lehre noch bei ein Paar Wettbewerben teilgenommen habe, zeitweilig Geschichten bei Wattpad hochgeladen habe und letztlich auf die tolle Aktion von Sebastian Fitzek aufmerksam geworden bin. Es macht mich sehr glücklich, dass du der Ansicht bist, dass ich ein Ausnahmetalent und Vorbild für junge Schreibbegeisterte bin. Klar, würde ich es schön finden, wenn eine meiner Stories noch ins E-Book kommt, doch auch falls dafür nicht reicht, fühle ich mich irgendwie trotzdem nicht als „Verlierer“, weil ich durch den Wettbewerb so viele nette und talentierte Menschen kennengelernt habe und obendrein noch unglaublich schöne Erfahrungen dazu gewonnen habe. Außerdem kann ich mir sogar vorstellen, dass ich meine Geschichten eines Tages noch zu Büchern erweitern kann. Also wäre es nicht all zu katastrophal, wenn keine es ins E-Book schafft 😉 Momentan mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn ich mich nicht getraut hätte diese Geschichten zu schreiben und hier auf der Plattform hochzustellen. Es war und ist ein schönes Erlebnis, an das man sich noch lange mit einem Lächeln im Gesicht zurück entsinnen kann 🙂

      „Die silberne Katze“ von dir habe ich schon vor einer Weile bezähmt und ich bin ehrlich froh, dass sich nach mir noch so viele Leute die Zeit für deine Geschichte genommen haben. Auch ich zolle dir meinen höchsten Respekt, Swen!

      Alles Liebe 🙂
      D
      A
      M

  11. Moin, Adam! WOW! Das ist ja ein furchtbares Szenario, das Du da entworfen hast *schauder* . Wirklich richtig gruselig. Ich musste mich da am Anfang erst einmal reinfinden und konnte zuächst nicht glauben, was Du da beschriebst. So etwas kann man doch nicht machen, oder doch? Unheimlich. Hatte immer Bilder von Addams Family (na okay, das ginge ja noch) und Screw (das schon nicht mehr) vor Augen.

    Und dann diese Endsequenz auf dem Dachboden, wo so genau beschrieben wird, wann wer gequält wird. Selbst das zehnjährige Kind! Ich habe hier einen Elfjährigen rumflitzen, das ist schon schwerverdaulich gewesen. Zum Glück nur Phantasie!!!

    Ein paar Flüchtigkeiten sind drin, klar.
    Was mir davon ab noch auffiel, war:

    „Sei aber dennoch achtsam mit deinen Überlegungen über den Verlauf deines Schicksals, weil oft sind es genau die nahezu verschwindend kleinen Möglichkeiten, die gerade wegen ihrer minimalen Größe an Wahrscheinlichkeit im Tran des Alltags völlig unterschätzt werden oder die mit fatalen Folgen sogar schlichtweg übersehen werden.“
    -> schau Dir den Satz nochmal an und überleg mal, ob Du nicht zwei oder sogar drei Sätze daraus machen kannst; denn dieser ist ein wenig zu lang. Wenn man am Ende angekommen ist, hat man den Anfang vergessen. Und das ist blöd.
    UND: Die Sache mit dem Weil! Sei aber dennoch achtsam …. , weil: Oft sind es …..
    -> es hat sich hier leider so eingebürgert, dass ein Weil ohne Kausalzusammenhang (also mit einem Komma davor oder einem Doppelpunkt) einfach in die Sätze integriert wird weil ist eben schick. Verstehst Du, was ich meine? Hört sich ein wenig nach amerikanisiertem Deutsch an. Hat unsere Sprache aber nicht nötig.

    glauben, was ich zusehen bekomme
    -> kam an der Stelle viermal. Was nicht schlimm ist, da Stilelement.
    Aber: zu sehen.

    Das war`s aber im Wesentlichen.
    MACH NOCH EIN WENIG WERBUNG FÜR DEINE GESCHICHTE!!!!
    Sie ist außergewöhnlich und hat mehr Likes verdient, als (aktuell) 15!!!!!!
    Vielleicht klappt`s ja noch!

    Kollegiale Grüße!
    Kathrin aka Scripturine / https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt -> freu mich, wenn Du mal vorbeiliest 🙂

    (PS) Und Du bist wirklich erst 20? Nicht dein Ernst ….. 😉

    1. Liebe Kathrin,

      Vielen Dank für deine Rückmeldung! Besonders deine Verbesserungsvorschläge sind sehr hilfreich!

      Es ist schön zu lesen, dass ich dir mit „Wenn Wände weinen“ das Fürchten lehren konnte, was neben meiner Bilder erzeugenden Sprache meine Hauptabsicht war. Vielleicht tröstet es dich, dass ich sogar beim Schreiben manchmal eine kurze Pause einlegen musste, da ich ja die ganze Zeit über wusste, was sich über dem scheinbar normalen Wohnzimmer zuträgt und was für ein düsteres Geheimnis die beiden Protagonisten verbindet. Das war schon zeitweise ganz schön gruselig, wenn man sich so intensiv in den (getauschten) Kopf der Hauptfiguren hineinversetzen muss… Am Ende bin ich aber froh, dass ich es so durchgezogen habe und bis zum Schluss durchgehalten habe. Aber du hast Recht: Zum Glück ist alles nichts weiter als Phantasie und wird hoffentlich niemals in ähnlicher Form geschehen:)

      Ich freue mich über jeden Like, der dazu kommt und würde mich natürlich echt freuen, wenn ich mit einer Geschichte vielleicht ins E-Book reinkomme. Da ich lediglich in meiner Freizeit schreibe, die momentan etwas rar ist, komme ich nur noch selten dazu, um für meine Geschichten zu werben. Aber mal sehen, ob ich noch ein, zwei Herzchen für mich erobern kann 😀

      Alles Liebe und ein schönes Wochenende!
      D
      A
      M

      PS: Jap, ich bin noch frische 20, doch die 21 ist nicht mehr all zu weit entfernt 🙂 Ich habe mit 10 angefangen meine ersten „größeren“ Projekte zu schreiben, damals leider noch radikal mit Stift und Papier. Aber in den letzten Jahren habe ich glücklicherweise das Abtippen für mich entdeckt!

  12. Hey!

    Ich war mir ziemlich sicher, dass ich Deine Geschichte schon gelesen, geliked und natürlich auch kommentiert hatte, aber anscheinend war sie nur sehr lange auf meiner To-Do Liste. Dafür ein kleines, aber ehrliches „sorry“. Ist hiermit nachgeholt.

    Beim zweiten Lesen wusste ich auch wieder warum. *lach* An dem Tag, als ich zum ersten Mal hier war, war mir der Sinn eher nach dunklem Thriller und Psychospielchen, die mit etwas weniger Kunstblut auskommen. Das ist nicht für jeden etwas, auf der anderen Seite aber auch ein Alleinstellungsmerkmal, das Dich weiterbringen könnte. Warum also nicht?

    Ich bleibe noch ein paar Minuten in meiner Schockstarre, lasse Dir aber gern (jetzt endlich) ein Herz da. In schwarz und blutig gibts die aber leider nicht… :o)

    LG aus Hamburg
    Chris
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/identitaet-6

  13. Lieber Adam, ich habe Deine Geschichte heute bei Andrea in der Story entdeckt und sie mir als vorletztes noch auf meinen zahlreichen, vollgekritzelten Blätter notiert. Ich persönlich mag solche Art von Geschichten sehr, ich könnte schon Saw oder Walking Dead zum Frühstück gucken 😂

    Du hast ein unglaubliches Talent und deswegen verursacht es mir auch ein bisschen Kopfschmerzen, dass sich so wenig Leser für Deine Geschichte(n) interessieren (ich gehe jetzt mal davon aus, dass die anderen Zwei genauso gut sind).

    Sei stolz auf Dich und Deine Leistung. Und wenn Du nochmal an solch einem Wettbewerb teilnimmst, dann mach ruhig ein bisschen Werbung für Dich, damit Deine Geschichte dort landet wo sie hin gehört. Aber mach bloß nicht zuviel, nach Diamanten sollte man ruhig ein bisschen graben 😂 Und jetzt gehen noch nachbarschaftliche Grüße aus dem Deister an Dich und alles Gute für die Zukunft LG Melanie https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/blaues-mondlicht P. S. Ich versuche noch Deine anderen Geschichten zu lesen 😉

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