janinaWenn Wahrheit schmerzt

4+

Maria Perlmann, Mutter von Simon

 

Hätte sie gewusst, was der kleine Gegenstand alles bewirken konnte, hätte sie das Handy wahrscheinlich nie genommen.

Es lag ganz harmlos auf einem freien Tisch in der Cafeteria, und wäre der Bildschirmschoner auch nur fünf Sekunden später angesprungen, hätte sie es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. So aber konnte sie das Foto sehen, welches auf dem leuchtenden Bildschirm angezeigt wurde. Es war eine ganz normale Abbildung, wie man sie eben kannte. Auch der Winkel und der Fokus ließen auf nichts Besonderes schließen, es war wohl flüchtig während dem Laufen gemacht worden. Nein, es war die Person, welche heimlich fotografiert worden war. Denn es war sie selbst.

Es war mehr ein Reflex als eine bewusste Entscheidung, als sie das Handy unauffällig einsteckte. Nachdem sie sich hastig umgesehen und erleichtert festgestellt hatte, dass sie niemand beobachtete, ging sie eiligen Schrittes in Richtung Sekretariat, wo der besorgte Direktor sie bereits erwartete.

 

 

 Hanna Perlmann, Schwester von Simon

 

Sie saß in ihrem Zimmer und schrie.

Sie schrie und schrie immer weiter bis ihr Hals sich anfühlte, als würde er gleich in Tausend Stücke zerspringen. Immerhin war sie so geistreich gewesen und hatte sich zuvor ein Kissen vor den Mund gepresst. Musste ja nicht jeder wissen, dass das das einzige war wozu sie im Moment noch fähig war. Während ihre Schreie noch in ihren Ohren nachhallten, beschloss sie, etwas zu ändern. Es half zwar für den Moment, sich die quälenden Erinnerungen aus dem Hals zu pressen, doch danach war es nur noch viel schlimmer.

Hanna Perlmann schlich die Treppe herunter, aus Angst, ihre Mutter könnten ihr wieder mit irgendwelchen Therapiegesprächen kommen, zu denen sie so oder so nicht gehen würde, als ihr wieder einfiel, dass diese noch in der Schule war, um dem Direktor die schreckliche Nachricht zu überbringen. Nachdem sie das Fahrrad aus der Garage gezogen hatte und aufgestiegen war, fühlte sie augenblicklich wie die Achterbahnfahrt in ihrem Kopf langsamer wurde, bis sie schließlich ganz zum Stehen gekommen war. Was allerdings keinesfalls bedeutete, dass ihr Kopf nicht noch immer voller Bilder der letzten Stunden vollgestopft war. Resigniert stellte sie fest, dass offensichtlich kein Weg daran vorbeiführte, das Geschehene noch einmal langsam und der Reihe nach durchzugehen. Mit dem ersten Tritt in die Pedale kamen auch die Erinnerungen wieder in Fahrt. Wie Flammen flimmerten sie vor dem inneren Auge der Schwester des Toten auf.

 

 

12 Stunden zuvor

 

Hanna wusste, dass irgendetwas nicht stimme. Sie hatte es die ganze Zeit über gespürt. Beim Betreten des Hauses, während sie die Stille beinahe zu erdrücken zu wollen schien. Auch die fehlende Antwort auf den zittrigen Ruf nach ihrem Bruder hatte diese Vorahnung des Bösen nur verstärkt.

Erfüllt von dem kleinen Hoffnungsschimmer, er könnte genauso gut auch einfach kurzfristig außer Haus gegangen sein und in ein paar Stunden, wenn nicht sogar Minuten würde alles wieder so wie immer sein, stieg sie vorsichtig, als könnte sie ihr Schicksal mit lautem Getrampel verärgern und somit alles doch noch zum Schlechten wenden, die Treppe hinauf. Doch nun hätte auch das lauteste Gestampfe nichts mehr an der Tatsache ändern können, dass sie zu spät kann.

Durch die offen sehende Zimmertür hatte sie direkten Blick auf Simons leblosen Körper, an dem immer noch die gleichen verschwitzen Sachen klebten, in denen er heute Morgen noch angab, Fieber zu haben, um nicht in die Schule zu müssen.

Seine Füße hingen nur Zentimeter regungslos über dem Boden. Zentimeter, die ihm am Ende das Leben gekostet hatten.

 

 

Abrupt bremste Hanna und musste mehrmals blinzeln um überhaupt noch etwas von der realen Welt zu sehen und nicht bei der nächsten Kreuzung vor ein Auto zu fahren. Wobei andererseits, was war denn schon groß dabei? Zu verlieren hatte sie jetzt ja sowieso nichts mehr. Nein. Das hätte Simon ganz bestimmt nicht gewollt. Sie sah sich um und bemerkte erstaunt, dass sie der Entfernung nach gerade einmal knappe fünf Minuten unterwegs gewesen sein konnte. Es hatte sich eher angefühlt als wäre sie stundenlang in der Folter der Erinnerung herumgewandelt.

Als sie kurze Zeit später vor der Tür stand, hatte sie erneut ein schlechtes Gefühl, welches jetzt allerdings einen ihr schmerzlich bewussten Ursprung hatte. Hanna streckte den Kopf durch die Tür und stellte erleichtert fest, dass zwar die erdrückende Stille, nicht aber die Einsamkeit, die fast noch schlimmer gewesen war, geblieben waren. Denn nun saß ihre Mutter im Wohnzimmer, ohne auch nur ein Wort zu sagen, geschweige denn eine Begrüßung. Doch bis auf ihre Anwesenheit schien sie ihr offensichtlich keine große Hilfe zu sein.

Hannas Mutter saß, die Hände vors Gesicht geschlagen, auf dem Sofa und weinte. Unter normalen Umständen hätte auch sie das getan, doch die letzten Stunden hatten wortwörtlich die Tränen nur so aus ihr herausgesaugt.

 

Simon war zwar seit etwa einem halben Jahr aufgrund seiner Depression suizidgefährdet, aber irgendwie hatte Hanna den Gedanken, dieser Tag könnte tatsächlich irgendwann eintreten, verdrängt. Bis jetzt. Denn jetzt ist es soweit. Jetzt ist es passiert. Jetzt ist er nicht mehr da und wird es auch nie mehr sein. Denn mein Bruder, Simon Perlmann, hat sich vor zwölf Stunden in seinem Zimmer erhängt.

 

Hanna ging in ihr Zimmer und setzte sich aufs Bett. In der Hoffnung, etwas Ablenkung zu finden, schaltete sie ihr Handy ein. Böser Fehler. Augenblicklich strömten ihr Nachrichten ohne Ende entgegen, unter anderem von Leuten, zu denen sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hatte. Hauptsache, man hat kein schlechtes Gewissen. Doch gegen das, was Hanna gerade verspürte, halfen keine kurzen WhatsApps und auch die traurigsten Emojis der Welt. Das, was sie jetzt brauchte, konnte ihr nur eine einzige Person geben. Und von dieser Person wurde sie in diesem Moment angerufen.

„Hey.“ An Vanessas Stimme hörte man, dass sie viel geweint haben musste. Kein Wunder, sie hatte sich schließlich sehr gut mit Simon verstanden, auch wenn sie noch nicht so oft bei ihnen zu Hause gewesen war. Vanessa war vor ein paar Monaten in Hannas Klasse gekommen und hatte sich sofort mit ihr angefreundet.

 „Hey.“ „Willst du darüber reden?“ Vanessa war eine der wenigen Menschen, die nicht immer nur um etwas herumredeten, sondern gleich zum Punkt kamen. Hanna war ihr dankbar dafür und merkte, dass sie tatsächlich jemanden zum Reden brauchte.

„In einer halben Stunde bei mir?“

 

Als Vanessa 30 Minuten später an ihrer Haustür klingelte, hatte sich Hanna einigermaßen beruhigt und konnte wieder klare Gedanken fassen.

Sie umarmten sich wortlos und gingen in ihr Zimmer, wo Hanna die Zeit bis Vanessa kam damit verbracht hatte, stumm dazusitzen und nachzudenken. In dieser Zeit hatte sich bereits ein neues, alles überblendendes Symbol geformt: ein Fragezeichen. Wieso nur? schoss es ihr seitdem in Dauerschleife durch den Kopf. Es hieß immer nur wegen der Depression. Aber niemand wusste bisher, woher diese stammten.

„Er war immer so nett zu allen.“ Sagte sie tonlos und starrte dabei den Teddybären in ihrem Bett an, den sie einmal von Simon zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. „Ich weiß.“ Ihre Stimme klang zwar noch immer etwas belegt, aber immerhin nicht mehr ganz so verheult wie am Telefon. Nachdem eine Weile lang niemand mehr etwas gesagt hatte, gab sich Hanna einen Ruck und sprach endlich aus, was sie seit ihrem Telefonat so sehr beschäftigt hatte. „Warum? Warum hat er sich umgebracht? Warum hatte er überhaupt Depressionen? Ich verstehe das nicht. Bis vor einem halben Jahr war er der lebensfreudigste Mensch den ich je gekannt hatte. Und dann plötzlich… Von einem Tag auf den anderen war er wie ausgewechselt. Ein völlig anderer Mensch! Ich verstehe das einfach nicht!“ Sie spürte wie eine kleine Träne sich ihren Weg über den Wangenknochen hinab bis zu den Mundwinkeln zu bahnte.

„Ich kenne… Ich kannte Simon zwar noch nicht so lange, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, wie fröhlich er einmal gewesen sein muss.“

Weiteres Schweigen.

„Meinst du…“ setzte Vanessa an und musste schlucken, bevor sie weitersprach. „Meinst du, das alles würde dir leichter fallen, wenn du es wüsstest?“ Hanna nickte und war froh, dass ihre Freundin sie so gut verstand. „Weißt du denn, ob er eine Art Tagebuch oder so geführt hat?“ „Also ich weiß von nichts… Aber wir können doch mal auf seinem Computer nachschauen!“ Vanessa setzte ihren typisch skeptischen Blick auf. „An sich keine schlechte Idee, aber was ist mit dem Passwort?“ „Vertrauen unter Geschwistern“ lautete Hannas schlichte Antwort. Insgeheim war sie sich nun gar nicht mehr so sicher, ob sie dieses Vertrauen wirklich ausnutzten wollte, doch ihre Freundin hatte recht. Die Stimme in ihrem Kopf würde nicht locker lassen, bevor sie den Grund für Simons Depressionen herausgefunden hatte. Den Grund für seinen Tod.

 

Eine Gänsehaut schlich über Hannas gesamten Körper, als sie vor der Tür des gegenüberliegenden Zimmers stand. Würde ihre beste Freundin nicht ihre Hand halten, wäre sie sofort wieder zurückgegangen und nie mehr wiedergekommen. Doch es musste sein. Langsam setzte sie sich auf den harten Holzstuhl vor Simons Schreibtisch und klappte den alten Laptop auf, der direkt vor ihr stand. Ihre Finger zitterten jetzt bereits so sehr, dass sie schon Angst hatte, sich so oft vertippen, bis keine Versuche mehr übrig waren. Doch sie schaffte es tatsächlich schon beim zweiten Mal, auch wenn das nicht hieß, dass sie nicht immer noch genauso planlos war wie davor. Schön, sie hatte den Rechner ihres Bruders öffnen können, doch was jetzt? „Wir könnten den Suchverlauf anschauen.“ schlug Vanessa vor. Nachdem Hanna keine Reaktion zeigte, zog sie einen Stuhl zum Schreibtisch und begann, zwar auch zitternd, jedoch immerhin fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, mit ein paar gezielten Klicks den Browserverlauf aufzurufen. Bisher hatte Hanna nur dagesessen und ihrer Freundin zugeschaut, doch nun, als sie das Ergebnis ihrer „Recherche“ direkt vor ihr sah, schlug sie die Hände vors Gesicht und stieß einen entsetzten Schrei aus, während Vanessa mit weit aufgerissenen Augen den Bildschirm anstarrte.

 

Er hat es geplant. Über Wochen hinweg. Hat sich sogar mit anderen darüber ausgetauscht. Hanna konnte es nicht fassen. Bisher hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass es überhaupt solche Selbstmord-Foren gab, geschweige denn dass ihr eigener Bruder dort seit Wochen angemeldet war.

Vanessa fand als erste die Sprache wieder. „Aber dann muss es doch erst recht einen Grund dafür geben! Vielleicht, wenn wir Glück haben…“ Sie öffnete den Ordner „Dokumente“ und wurde tatsächlich fündig. „Simon hat ein digitales Tagebuch geführt?“ Jetzt hatte sich auch Hanna aus ihrer Schockstarre befreit und richtete ihr Augenmerk nunmehr auf die Datei, welche sich ihnen gerade offenbarte.

 

 

                                                                       Samstag, der 23. Januar

10 Tage vor der Erlösung

 

Gestern war es wieder soweit. Eigentlich hatte ich gehofft, es würde etwas länger gehen, denn im Moment kann ich das noch weniger gebrauchen als sowieso, weil meine letzte Mathenote, die ich gestern bekommen habe, trägt nicht gerade dazu bei, die Sorge um die Versetzung zu lindern.

Hanna übernachtete bei einer Freundin, also waren wir allein. Es fing wie immer damit an, dass ich mich ausziehen sollte. Ich versuchte gar nicht erst, mich zu weigern, da ich wusste, dass ich gegen die neun Millimeter Pistole, die in der Schublade lag, keine Chance gehabt hätte.

Er fing damit an, mich zu streicheln. Der alte Mann roch nach Zigarettenrauch und altem Schimmel, und das, was er von mir wollte, war das absolut letzte, was ich gerade wollte. Ich blickte noch einmal zu meiner Mutter, die hinter der Kamera stand und mir aufmunternd zunickte, und gab jegliche Hoffnung auf.

 

 Maria Perlmann, Mutter von Simon

Es war nicht so, als würde der Tod ihres Sohnes sie nicht belasten, doch jetzt gerade hatte sie eben einfach andere Probleme. Das Handy, welches sie ein paar Stunden zuvor in der Schule, auf die Simon gegangen war gefunden hatte, war glücklicherweise nicht verschlüsselt gewesen. Allerdings hatte sie darauf noch viele andere Fotos von ihr und ihrem Sohn gefunden, von denen sie mit Sicherheit sagen konnte, dass sie sie nicht selbst geschossen, geschweige denn verschickt hatte. War etwa doch jemand dahintergekommen? War es tatsächlich jemandem gelungen, ihr dunkelstes Geheimnis zu lüften? Maria wollte das Risiko nicht eingehen und dem mysteriösen Fund nachgehen. Als sie jedoch am Zimmer ihrer Tochter vorbeikam, stellten sich die Härchen auf ihren Armen auf. Hannas Zimmer leer und Simons Tür auf? Was, wenn am Ende auch noch sie herumschnüffelte? Sie schlich leise den mit Teppichboden ausgelegten Flur entlang, bis sie schließlich direkt vor der geöffneten Tür stand. In diesem Winkel konnte sie den Bildschirm des geöffneten Laptops sehen. Und was sich darauf befand.

 Nämlich Simons Tagebuch.

 

4+

2 thoughts on “Wenn Wahrheit schmerzt

Schreibe einen Kommentar