P3trizi3Who?

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 Who?

Kapitel 1

„Frau Klähr? Das hier sollten sie sich ansehen.“ Der seltsame Ton in der Stimme des jungen Polizisten ließ ihre Alarmglöckchen schrillen. Die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf.
Sie drehte sich um. Vor ihr die Szenerie:
Der kalte Januarmorgen, die Sonne ging in der Ferne auf und ihr Atem bildete Wölkchen in der Luft.
Das ausgebrannte Autowrack, ein Gerippe aus geschwärztem Metall und verbeultem Blech vor der deutlich in Mitleidenschaft gezogenen Leitplanke und dem Baum, gegen den es geprallt war.
Im Hintergrund die von Nebel verhüllte, graue Landschaft. Bäume, Täler, kleiner Dörfer, die von hier winzig klein aussahen. Es könnte so friedlich sein.
Die Bergstraße wand sich hier, einer gigantischen Schlange gleich, die sich um den Berg schlang, in einer weiten Kurve um das Gestein herum. Es war ihr immer noch schleierhaft, wie die Fahrerin so von der Strecke hatte abkommen können.
Als der Polizist ihr das Handy reichte, registrierte sie durch den Plastikhandschuh seine zitternde Hand.
Er war noch jung, hatte vermutlich gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen.
„Das Handy der Frau?“
Er nickte.
„Hier gefunden?“
Erneutes Nicken.
Sie seufzte. „Sichern und ins Labor geben.“ Sie reichte es ihm und hatte sich schon halb abgewandt, aber er schüttelte den Kopf. „Es geht um das…um das, was drauf ist.“
„Das geht weder Sie noch mich etwas an“, entgegnete sie scharf.
„Ich…ich denke schon“, stammelte er, und schien unter ihrem strengen Blick zusammenzuschrumpfen. „Es tut mir leid, ich weiß…“ Sie zog ungläubig die Augenbraue hoch.  „Es ist…es ist automatisch angegangen, als ich es hochgehoben habe. Es hat den Aufprall anscheinend fast unbeschadet überstanden. Sehen Sie doch.“ Widerwillig verspürte sie Neugierde und beugte sich fast unwillkürlich ein Stück vor.
Heftig fuhr sie zurück. Kaltes Entsetzen durchströmte ihre Adern, als hätte sich ein eisiger Stachel in ihre Wirbelsäule gebohrt. Wieder dieses grausame Gefühl, als würde ihr jemand den Brustkorb zusammendrücken. Sie rang nach Luft.

Später wusste sie nicht mehr, wie sie es nach Hause geschafft hatte.
In die kleine Drei-Zimmerwohnung, die jetzt schon seit fast zehn Jahren ihr Zuhause gewesen war.
In der Wohnung war es still und dunkel, als sie ankam. Die Stille hatte etwas Bedrohliches.
Sie ging in alle Zimmer, schaltete das Licht ein, verriegelte die Fenster und die Wohnungstür.
Dann sackte sie auf dem kalten Fliesenboden im Badezimmer zusammen und weinte.

Ihr Spiegelbild sah fast so fürchterlich aus, wie sie sich fühlte. Aufgequollene, vom Weinen gerötete Augen, verschmierte Wimperntusche und keine Spur mehr von dem hohen, strengen Pferdeschwanz, den sie sich am Morgen sorgfältig gebunden hatte.
Ihre blonden Haare sahen aus wie ein Krähennest.
Sie stützte sich auf das Waschbecken. In Zeitlupe schaltete sie das Wasser an, spritzte sich den kalten Strahl ins Gesicht. Wusch die Reste ihres Make-Ups ab, suchte sich eine Bürste und entwirrte mechanisch das Haar.
Eine seltsame Ruhe hatte von ihr Besitz ergriffen. Die Angst war immer noch da – sie spürte sie, wie ein kleiner, eisig glühender Ball in ihren Eingeweiden – aber sie war nicht mehr so überwältigend und allumfassend wie heute Morgen.
Während sie ins Schlafzimmer ging, um sich aus ihrer Uniform zu schälen, spürte sie stattdessen, wie sich Wut in ihr bereitmachte.
Später, sagte sie sich. Nicht jetzt. Nicht heute.
Sie schlüpfte in ihren Pyjama, beobachtete, wie sich die Schlaftabletten mit einem Zischen in dem kalten Leitungswasser aus der Küche auflösten und kippte das Glas in einem Zug herunter, bevor sie das Licht löschte und sich unter ihre Bettdecke kuschelte.
Schon bald spürte sie, wie die vertraute Müdigkeit von ihr Besitz ergriff, und dann dämmerte sie auch schon weg.

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Am nächsten Morgen wachte sie auf und ihr inneres Gedankenkarrussell nahm sofort Fahrt auf, als hätte es die ganze Nacht nur darauf gewartet.
Ihre Gedanken drehten sich immer und immer wieder um die Frau.
Wer war sie?
Wo hatte sie hin gewollt?
Wie war sie verunglückt?
Und, die vermutlich drängendste: Wie kommt mein Bild auf ihr Handy?
Auf das Handy einer Toten, wie sie sich immer und immer wieder ins Gedächtnis rief.
Fragen konnte sie sie nicht mehr.
Während sie sich duschte, frühstückte, sich im Bad fertig machte und sich dann wieder in ihre Uniform warf, kreisten ihre Gedanken immer und immer wieder um das Bild, als könne ihr Gehirn es nicht richtig verarbeiten. Dabei war es noch nicht einmal ein besonders eigenartiges Bild. Nein, für den zufälligen, unwissenden Betrachter wäre ganz und gar nichts Besonderes daran.
Jeder einzelne Pixel hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, und sobald sie die Augen schloss, sah sie es wieder vor sich, so lebhaft, so echt, als würde sie es gerade in den Händen halten.
Ein Mann und ein kleines Mädchen. Beide lachen fröhlich in die Kamera. Der Mann, Ende Dreißig, kurze braune Haare, Bart, hat den Arm um das Mädchen gelegt, sie grinst bis über beide Backen und entblößt dabei ihre kleine Zahnlücke. Die, die bei kleinen Kindern noch als süß und niedlich bezeichnet wird, bei älteren aber als komisch und störend.
Die beiden stehen vor der Veranda eines kleinen, weiß gestrichenen Hauses.
Im Hintergrund ist eine hölzerne Schaukel zu sehen und man kann einen großen Garten erahnen. Ihr Herz zog sich erneut schmerzhaft zusammen.

Sie hatte diesen Garten geliebt, das wusste sie noch. Schaukeln, im Sandkasten buddeln, Verstecken und Fangen spielen. Viele glückliche, unbeschwerte Stunden hatte sie dort verbracht.
Sie schob die schmerzhaften Erinnerungen beiseite, wie sie es seit Jahren tag.
Ihre Kindheit war noch immer wie ein vermintes Gebäude, und jedes Mal, wenn sie sich hinein begab, lief sie Gefahr, auf eine dieser Minen zu treten und ihre Selbstbeherrschung stürzte in sich zusammen.
Normalerweise war sie gefasster. Das Bild gestern hatte sie einfach nur komplett unvorbereitet getroffen. Wer rechnet auch damit, auf dem Handy einer Toten Kindheitsfotos von sich zu finden? Eben. Niemand.
Sie schloss gerade die Wohnungstür auf, als ihr Smartphone klingelte.
„Jaa?“ Sie hatte das Gespräch angenommen, ohne auf den Namen zu achten, und sie zuckte zusammen, als eine vertraute Stimme erklang.
„Hey, du. Wie geht es dir?“ Sie fluchte innerlich. Alex. Ihr Bruder.
Gut, er war nicht ihr richtiger Bruder. Sie waren nicht blutsverwandt.
Aber er war trotzdem wie ein Bruder für sie. Als sie mit fünf Jahren in seine Familie gekommen war, als Pflegefall, da war er immer für sie da gewesen.
Später hatte sich das geändert…wenn sie an diese Nacht zurückdachte, packte sie die Angst wieder so lebendig, dass sie sich wieder sechs Jahre alt fühlte, wieder die Schreie hörte, die Sirenen, das Blaulicht, und das Blut, das ganze Blut…
„Selber hey. Du, ich muss mich beeilen, ich bin mal wieder auf dem letzten Drücker. Ich ruf dich später zurück, okay?“ Sie hielt den Atem an, hoffte, dass er ihr den unbeschwerten Tonfall abgenommen hatte, hoffte, dass er den Köder schluckte.
Sie hörte ihn am anderen Ende der Leitung lachen. „Okay. Hab einen schönen Tag. Bis später!“ Sie zwang sich zu einer fröhlichen Verabschiedung, dann legte sie auf und atmete erleichtert aus. Das war leichter gewesen, als gedacht.
Sie schob das leichte Schuldbewusstsein zur Seite, das in ihr aufstieg, und schloss die Wohnungstür hinter sich zu. Unter ihren Füßen knisterte es.
Sie trat verwundert einen Schritt zur Seite.
Da lag ein Umschlag auf ihrer Türmatte, der den Aufdruck Sweet Home halb verdeckte.
Sie runzelte die Stirn. Seit wann legte der Postbote Briefe auf die Türmatte?
Sie hob den Umschlag vorsichtig auf, drehte und wendete ihn, aber da war nichts. Keine Beschriftung. Kein Empfänger. Kein Absender. Kurz wog sie ab, zurück in die Wohnung zu gehen und ihn zum späteren Öffnen wegzulegen, aber ihre Neugierde siegte. Ihr war schon immer gesagt worden, sie wäre zu neugierig.
Sie riss den Umschlag auf und heraus fielen ein bekritzeltes Blatt Papier und einige Fotos.
Ihr stockte der Atem.
Das Foto von gestern. Der Mann und das Mädchen. Sie weigerte sich zu denken: Mein Vater. Kurz darauf sagte sie sich, dass das albern war.
Sie zwang sich dazu, sich die anderen Fotos anzusehen. Alle aufgenommen in ihrer Kindheit.
Eins zu Weihnachten, wieder sie und ihr…der Mann. Strahlend vor dem reich geschmückten Weihnachtsbaum, dessen grüne Zweige sich unter der Last der vielen bunten Christbaumkugeln bogen. Unter den ausladenden Nadeln stapelten sich Türme von bunt verpackten Päckchen.  Ein weiters Foto, aufgenommen an Thanksgiving. Ein schmerzhafter Stich in ihrer Brust. Ihre Pflegefamilie. Da war sie schon etwas älter, fünf vielleicht. Sie trug das Matrosenkleid, das ihre Pflegemutter so geliebt hatte. Sie und Alex hatten sich hinter ihrem Rücken heimlich darüber kringelig gelacht und er hatte sie aufgezogen, dass sie es tragen musste.
Damals hatte sie noch gelebt. Damals, bevor sich alles geändert hatte.
Sie lächelte auch auf diesem Bild, aber es war ein anderes Lächeln als auf den Bildern davor, nicht mehr so unbeschwert, sondern leicht traurig, ein Lächeln, das nicht zu den Augen reichte. Mit zitternden Fingern schob sie das Bild hinter die anderen und betrachtete das nächste Foto.
Auf diesem bekam sie ihr Abiturzeugnis überreicht. Sie trug das mitternachtsblaue Kleid, dass sie so gemocht hatte.
Dann, ihre Vereidigung bei der Polizei, sie stand neben den anderen Absolventen ihres Jahrgangs und trug bereits ihre Uniform, alle stolz bis über beide Ohren grinsend, und auf den letzten beiden…ihr Vater.
Das erste Foto war bei seiner Einlieferung aufgenommen worden.
Fast zwanzig Jahre war dies nun her. Sie hatte das Bild schon oft gesehen. Es angestarrt. Nächtelang. Es war ihr fast so vertraut wie ihr eigenes Spiegelbild. Das zweite Foto dagegen war ganz aktuell.
Es war ein fotokopierter Zeitungsartikel. Das gleiche Bild ihres Vaters prangte ganz oben, darunter die Überschrift: Enthüllung: Mörder von 1995 weist neuartige Genkrankheit auf. Beging er die Tat als Kranker?
Ihr wurde übel. Der Artikel verschwamm vor ihren Augen. Sie legte das Bild beiseite. Der Rest war ohnehin zu klein zum Lesen.
Warum wusste sie davon nichts?
Ein seltsames Gefühl der Taubheit hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie wusste nicht mehr, was sie glauben konnte. Glauben sollte. Woher kamen die Fotos?
Wer hatte sie hier platziert? Aus welchem Zweck?
Sie faltete mit bebenden Händen das Blatt auseinander, auf dem in krakeliger Handschrift stand:

Ich weiß alles

Mehr nicht.
Die Worte ließen ihr einen kalten Schauder über das Rückgrat laufen.  Sie holte tief Luft und straffte die Schultern. Sie würde diese Zettel ihren Vorgesetzten zeigen, nahm sie sich vor. Die wollten ja ohnehin ein Gespräch mit ihr. Wie betäubt steckte sie die Fotos und den Zettel zurück in den Umschlag, schob den in ihre Manteltasche, straffte die Schultern und ging los.

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„Aber ich bin nicht krank. Ganz sicher nicht. Ich meine, ich wüsste es doch, wenn ich krank wäre. Ich bin kerngesund. Ich bin nicht…ich bin nicht wie er. Ich habe nicht…ich würde nicht…“
Ihr Vorgesetzter schwieg. Sie war sich bewusst, was sie für einen Eindruck auf sie machen musste. Fahrig. Nervös. Mit blank liegenden Nerven.
Ganz bestimmt nicht, als wäre sie kerngesund.
Dann räusperte er sich.
„Die Krankheit ist anscheinend vererbbar. Sie bewirkt, dass bestimmte Areale des Gehirns nicht mehr ausreichend durchblutet werden, was dazu führt, dass sie absterben.“ Er warf ihr einen kurzen Blick über den Rand seiner Brille zu, lehnte sich dann in seinem schwarzen Bürosessel zurück und las aus dem Bericht vor, den ihm die Psychiatrie geschickt hatte:
„Die Betroffenen verlieren zunächst ihre Fähigkeiten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Kranke werden Stück für Stück zu Soziopathen.
Als Nächstes ist das Vernunftzentrum betroffen. Sie sind nicht mehr in der Lage, logische Entscheidungen zu treffen, und…“
Sie hob die Hand. „Würde man die Krankheit bei mir feststellen können?“
Er musterte sie erneut über den Rand seiner Brille. Wie sie diesen Blick hasste.
Ihre Klassenlehrerin in der weiterführenden Schule hatte sie immer genauso angesehen. Als wäre sie ein interessantes Versuchsobjekt, etwas, das man sich gerne anschaute, aber doch nicht ganz verstand. Krank. Anders. Als stimme irgendetwas mit ihr nicht. Als ob alle nur darauf warten würde, dass sie austickte, hochging, wie eine laufende Zeitbombe.
Aber vielleicht war sie das ja auch…
Fast hätte sie gelacht. Was eine Ironie. Wer konnte ihr schon versichern, dass sie nicht auf einmal eines Tages mit einer Axt mordend durch die Straßen laufen oder mit der Pistole Amok laufen würde, so wie ihr Vater, dessen Gene sie zweifellos geerbt hatte?
Jetzt räusperte er sich.
„Erst, wenn sie ausgebrochen ist. Und dann…“
„Wann bricht sie aus?“ Sie konnte sich einfach nicht zügeln. Aber anscheinend hatte sie heute einen geduldigen Tag erwischt. Er seufzte nicht, er maßregelte sie nicht, er fuhr sie nicht an. Oder vielleicht hatte er auch einfach Mitleid mit ihr.
Wie sie das hasste. Mitleid. Man konnte nichts damit kaufen, nichts damit anfangen. Dann sollte man sich auch noch dafür bedanken, dass andere, die einen nicht mal ansatzweise verstanden, dir ihr Mitleid äußerten.
Und in den meisten Fällen war es noch nicht einmal ehrlich gemeint.
Die Leute fühlten sich eher dazu gezwungen, einem ihr Mitleid mitzuteilen.
Als würde das irgendwem helfen. Erst wegen ihrer toten Mutter.
Dann wegen ihrem geisteskranken Mörder-Vater.
„Das ist unterschiedlich“, sagte ihr Vorgesetzter jetzt und riss sie abrupt in die Wirklichkeit zurück. „Die Ärzte vermuten, dass vermehrter Alkoholkonsum der Auslöser sein kann. Aber dieser Defekt ist noch nicht ausreichend erforscht. Wie gesagt, man kann die Krankheit erst feststellen, wenn sie ausgebrochen ist, das schränkt die Auswahl an…geeigneten Testpersonen erheblich ein. Allerdings weiß man, dass sie auf einen Gendefekt zurückgeht, und dieser ist vererbbar.“
„Kann es auch sein, dass ich die Krankheit in mir trage, sie aber nie ausbricht?“
Hoffnung hatte sich in ihr ausgebreitet, wuchs heran wie ein junger Spross im Frühling.
„Soweit wir wissen, bricht sie irgendwann aus. Früher oder später. Bei einigen geschieht dies bereits im Kinderalter, bei anderen als junge Erwachsene, in seltenen Fällen auch erst im Seniorenalter.“
Zack. Ihre Hoffnung zersprang mit einem Schlag.
Sie schluckte. „Und er…er hat ihn…er hat diesen Defekt, diese Krankheit sicher?“
Ihr Vorgesetzter nickte. Sie wurde wütend. Wut war besser als Angst.
„Und warum musste ich das dann durch die Zeitung erfahren?“
Er räusperte sich und wich ihrem Blick aus. Es war ihm sichtlich unangenehm. „Nun…anscheinend hat ein Insider die Zeitungen informiert, noch bevor uns die Berichte vorlagen. Wir haben keine Ahnung, wie das passieren konnte. Es muss jemand aus Ihrem näheren Umfeld sein…der fragliche Artikel liegt uns natürlich vor.
Er ist gestern erschienen.“
Sie vergrub den Kopf in ihren Händen. „Also weiß es inzwischen jeder.“
Er seufzte.
„Sie verstehen sicherlich, dass nun weitere Verfahren eingeleitet werden müssen. Wir werden…“
Den Rest hörte sie nicht mehr. Sie fühlte sich, als wäre sie unter Wasser. Die Geräusche drangen dumpf und seltsam verzerrt an ihre Ohren.
War es denn überhaupt wichtig, was er ihr noch zu sagen hatte?
Nichts als Worte. Leere Worte, die das Loch in ihr nicht auffüllen konnten.
Kurz überlegte sie, ob sie ihm den Brief zeigen sollte, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Was würde es schon bewirken?
Er würde sie nur für noch labiler halten, als sie ohnehin schon war.

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Sie war zurück in ihrer Wohnung. Der Umschlag in ihrer Tasche fühlte sich an, als wöge er mehrere Tonnen und nicht nur wenige Gramm.
Sie hatte dringenden Redebedarf. Alex. Sie hatte seine Nummer gewählt, bevor sie überhaupt gewusst hatte, dass sie an ihn gedacht hatte.
Aber bevor es mehr als ein oder zwei Mal geklingelt haben konnte, legte sie wieder auf.
Ihr Handy klingelte. Alex. Sie drückte ihn weg.
Ging in die Küche und machte sich einen Tee. Während sie wartete, dass das Wasser kochte, klingelte ihr Handy erneut. Diesmal kein Anruf, eine Nachricht.
In der Erwartung, dass sie von Alex war, warf sie nur einen kurzen Blick auf das Display.
Nummer unterdrückt.
Ich weiß alles.
Sie stockte und starrte wie angewurzelt auf das Display.
Das hohe Piepen des Wasserkochers hinter ihr riss sie aus ihrer Schockstarre.
Auf einmal fühlte sie sich in ihrer Wohnung nicht mehr sicher.
Wer wusste schon, wozu dieser Verrückte fähig war? Er wusste, wo sie wohnte. Er wusste Bescheid, über ihre Kindheit, sogar über ihre Pflegefamilie. Ein Geheimnis, das sie nicht einmal ihren engsten Freunden anvertraut hatte. Und jetzt wusste er sogar ihre Handynummer.
Aber zu wem konnte sie gehen? Sie hatte doch niemanden hier. Bei ihren Eltern konnte sie ganz sicher nicht aufkreuzen. Ihre Schwester war in Kalifornien auf irgendeinem Festival, und Alex…ja, wo war Alex?
Als sie das letzte Mal telefoniert hatten, war auch er außer Stadt gewesen, mit Freunden auf einem Camping Trip, wie er ihr erzählt hatte.
Aber mittlerweile müsste er eigentlich zurück sein.
Vielleicht konnte sie für eine Weile bei ihm unterkommen…
Zumindest für eine Nacht, oder zwei. Bestand die Chance, dass er den Zeitungsartikel noch nicht gesehen hatte? Vermutlich nicht.
Sie hob ihr Handy hoch. Zunächst einmal würde sie die Nummer blockieren.
Sie hielt inne.
Das Handy vibrierte in ihrer Hand. Ein Foto.
Sie konnte nicht anders, als darauf zu klicken, als würde ihr Finger magnetisch von ihrem Handybildschirm angezogen werden.
Auf dem Bild war ein Pärchen zu sehen, Mann und Frau. Sie sahen nett aus und sie strahlten so glücklich, dass man ihre Freude beinah durch das Bild heraus spüren konnte. Die Frau war sehr hübsch, mit langen blonden Haaren und blauen Auge, die Funken zu sprühen schienen, und sie kam ihr seltsam bekannt vor, als würde ihr Verstand kurz daran hängen bleiben.   Sie konnte das Bild aber nicht genau einordnen und wandte ihre Aufmerksamkeit daher dem Mann neben ihr zu.
Er war groß, breitschultrig, mit zerzaustem braunem Haar und dunkelbraunen Augen. Er hatte seinen Arm um die Frau gelegt, die ein kleines Baby in den Armen hielt. Sie standen vor einem großen, zitronengelb gestrichenen Haus mit einladend geöffneten, weißen Fensterläden, vor denen bunte Blumenkästen hingen. Rechts neben ihnen stand eine weitere Frau, ebenfalls lächelnd.
Erdbeerblondes, gelocktes Haar, feine Gesichtszüge, und die gleichen strahlend blauen Augen wie Frau mit dem Kind. Instinktiv wusste sie, dass die beiden Schwestern waren. Warum schickte er – oder sie – ihr ausgerechnet dieses Bild?
Sie war sich sicher, die Personen noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben. Oder?

Wusstest du, dass du eine Tante hattest, die ihr Leben lang auf der Suche nach dir war?

Nein, natürlich hatte sie das nicht gewusst.
Ihre Gedanken waren immer noch halb bei dem Bild, als auf einmal etwas in ihrem Verstand in Bewegung gesetzt wurde. Etwas rastete ein, wie die Zahnräder einer komplexen Maschine, die sich langsam in Bewegung setzte.
„Nein“, flüsterte sie. Sie hätte es doch gewusst, wenn sie eine Tante gehabt hätte. Oder?
Sie ließ das Handy fallen, als hätte sie sich daran verbrannt. Es glitt aus ihren tauben Fingern und knallte auf den Küchenboden.
Im Bildschirm zeichnete sich ein Sprung ab.
Sie begann unkontrolliert am ganzen Körper zu zittern und musste sich am Küchentresen abstützen. Ihre ganze Welt schien ins Wanken zu geraten und ihre Knie drohten unter ihr nachzugeben. Warum fühlten sich ihre Beine an wie Wackelpudding?
Ein hysterisches Lachen entrann ihrer Kehle.
Die Nachbarn mussten denken, sie war verrückt. Aber wahrscheinlich war sie das auch!
Sie sank entlang des Tresens auf den Boden. Und statt zu lachen, schluchzte sie auf einmal laut auf.
Vom Dienst suspendiert.
Ein verrückter Stalker, der Kindheitsfotos von ihr vor ihrer Tür platzierte.
Als wären eine tote Mutter und ein wahnsinniger Vater nicht genug für ein zerstörtes Leben.

Auf dem Display zeichnete sich ein deutlicher Riss ab. Das Glas hatte einen Sprung bekommen.
Die letzte Nachricht, die er geschrieben hatte, konnte sie trotzdem deutlich lesen.

Mörder.

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Sie strich mit den Fingern über das raue Papier.
Name: Susan Miller
Geburtstag: 14.03.1954
Daneben klebte ein Foto. Sie glich es mit dem Bild auf ihrem Handy ab, obwohl das gar nicht nötig war, auch dieses Bild hatte sich schmerzhaft genau in ihr Gedächtnis eingeprägt, als wäre jeder Pixel ein Nadelstich, der sich wie ein ewiges Tattoo auf ihrer Netzhaut eingebrannt hatte.
Die Frau auf dem Bild war älter und trug die Haare kürzer, und auch ihre Gesichtszüge hatten sich verändert, waren verhärmter, von Trauer und Sorgen gebildete Furchen durchzogen das Gesicht der Frau, aber es waren zweifellos dieselben Augen, das Gleiche, nun etwas traurig anmutendes Lächeln.
Dabei spürte sie einen Stich im Herz. Sie kannte es, die Geschichte eines Lächelns, sie erkannte die trügerischen Anzeichen, die es barg.
Das Lachen auf dem Bild mit den anderen beiden Personen und dem Baby war fröhlich, unbeschwert gewesen. Jetzt war es traurig und erreichte die Augen nicht. Genau wie bei mir.
Sie schüttelte den ungewollten Gedanken ab. Ob sie sich wohl gut verstanden hätten, wenn sie sich getroffen hätten?
Unwillkürlich schlang sie die Arme um sich. Ich werde es nie erfahren.
Sie biss die Zähne zusammen. Weiter.
Todesursache: Schädel-Hirn-Trauma, Genick-Bruch.
Danach war eine Liste weiterer Verletzungen aufgeführt, die sie sich bei dem Aufprall zugezogen hatte, aber unrelevant für sie und außerdem mit so vielen medizinischen Fachausdrücken gespickt, dass ihr der Kopf davon schwirrte.
Zeitpunkt des Todes: 6.Januar 1996
Vor genau zwei Tagen. Weiter im Text.
Bekannte Vorerkrankungen:
Diese Spalte war leer.
Der Name des Geburtsortes sagte ihr nichts, aber anscheinend hatte sie nur wenige Meilen entfernt von ihr gelebt. Was eine Ironie des Schicksals. Hatte sie doch das Objekt ihrer Suche geradezu vor der Nasenspitze gehabt.
Aber am Ende hat sie mich doch gefunden. Nur warum hat sie mich gesucht?
Sie blätterte herum, und ein Zettel fiel heraus. Sie hob ihn auf.
Er enthielt nur ein einziges Bild, ein Zeitungsartikel, offenbar schon viele Jahre alt.

Zweijähriges Mädchen entführt! Wer hat die kleine Emily gesehen?

Darunter das Bild eines süßen Mädchens, das strahlend mit ihren Eltern im Garten abgebildet war. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie erkannte die Eltern des Kindes. Es waren die beiden Menschen von dem ersten Bild, das sie vor ihrer Wohnungstür gefunden hatte.
Sie runzelte die Stirn. Wie passte das zusammen?
Die Mutter des entführten Kindes war offensichtlich die Schwester der zweiten Frau gewesen. Diese zweite Frau war ihre Tante.
Ein dumpfes Gefühl machte sich in ihr breit.
Wie ein Schlag traf sie die Erkenntnis.
Wenn das Mädchen das Baby von dem ersten Bild war, und die Frau auf diesem Foto unzweifelhaft die Schwester der Mutter des Kindes…nun aber diese Frau ihre Tante war?
Das…nein. Das konnte nicht sein. Der ganze Raum begann sich zu drehen.
Sie musste sich irgendwo abstützen.
„Nein“, flüsterte sie. Ihren zitternden Fingern entglitt das Bild und es fiel geräuschlos in einer anmutigen Kurve in Zeitlupe gleich zum Boden.
Der Raum begann, zu wanken.

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Etwas hatte sie geweckt, aber sie wusste nicht genau, was.
Ein Geräusch? Ein Geruch? War sie aus einem schlechten Traum hochgeschreckt?
Auf jeden Fall war sie schweißgebadet und Haar und Schlafanzug klebten ihr am Körper, und ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust, als wolle aus dem Käfig aus Rippen herausbrechen.
Sie tastete im Dunkeln nach dem Schalter ihrer Nachttischlampe, mit dem vagen Gedanken, aufzustehen, und sich aus der Küche ein Glas Wasser zu holen, denn ihre Kehle brannte vor Durst, als sie auf einmal ein Knarren hörte.
Sie erstarrte.
Angst machte sich in ihr breit, strömte durch ihre Adern wie eisiges Gift und flüsterte ihr die schrecklichsten Gestalten ein.
Sie dachte an die Briefe, an den verrückten Stalker, an ihren Vater, und ein eiskalter Schauder durchfuhr sie.
Erneut das Knarren, diesmal näher, und es weckte sie aus ihrer Lähmung. Sie sprang auf, sah wild im Raum umher, was sollte sie tun, der einzige Fluchtweg lag vor ihr, und das war die dunkle, nicht mehr länger stille Wohnung, in der sich der Eindringling befand. Verstecken? Um Hilfe rufen?
Panisch suchte sie nach einer Waffe, um sich zu verteidigen, als ein erneutes Knarren ertönte, diesmal nahe. Direkt vor der Tür.
Die Schritte verstummten.
Ihr Herz pochte so laut, dass es ihr war, als müsste man es durch die ganze Wohnung hören.
Die Nachttischlampe in ihrer Hand wog schwer.
Ihre Schultern bebten.
Dann öffnete sich die Tür mit einem leisen Quietschen.

„Alex.“ Vor Erleichterung hätte sie beinah laut aufgelacht, aber der Schreck saß ihr noch zu tief in den Knochen.
„Du hast mich erschreckt. Was machst du denn hier? Ich dachte schon, du wärst ein Einbrecher“, plapperte sie drauf los und drehte sich um, um die Nachttischlampe abzustellen. „Ich bin so froh, dass du da bist, du weißt ja nicht, was für eine Angst ich hatte, nach den ganzen Briefen und so.“ Und sie lachte befreit auf.
Dann wandte sie sich wieder zu Alex, der immer noch nichts gesagt hatte, wie ihr mit einem Mal auffiel. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit, einer dunklen Vorahnung gleich.
„A-alex?“, fragte sie zögernd.
Sein Gesicht lag im Schatten. Das silberne Mondlicht, das durch das halb zugezogene Fenster fiel, verwandelte das Zimmer in eine Zwischenwelt aus Licht und langen Schatten, die wie lebende Gestalten über die Wände krochen.
Nun kam er näher. Sie wich unwillkürlich zurück.
„Drei Jahre“, sagte er leise. „Drei Jahre hat es gedauert, bis ich es rausgefunden habe.“ Er lachte kurz auf. Immer noch sah sie sein Gesicht nur halb, seine Züge waren seltsam verzerrt, einer Fratze gleich. Nichts an ihm ähnelte dem Alex, den sie kannte.
„Bis du was rausgefunden hast?“, fragte sie und verfluchte die Angst in ihrer Stimme. Sie wich erneut zurück, als er einen weiteren Schritt auf sie zumachte.
„Na, was natürlich?“ Jetzt klang er verächtlich.
Sie ging im Kopf alle Selbstverteidigungstricks durch, die sie je gelernt hatte. Sie konnte es mit ihm aufnehmen.
Sie sprach sich selbst Mut zu.
Er redete weiter. „Es war ziemlich harte Arbeit. Viel Recherche. So viele lose Fäden, die ich alle mühsam zusammenbringen musste. Und jetzt schau an, was für ein Bild sie ergeben.“ Er kam noch einen Schritt näher.
„Mein Plan sah eigentlich vor, zuzusehen, wie dich die Wahrheit Stück für Stück zerstört. Zuzuschauen, wie sie dich aushöhlt, zerfrisst, bis nichts mehr von dir übrig ist.“
Er lachte. Es war ein ganz anderes Lachen, als sie von ihm kannte. Grausam. Kalt. Wahnsinnig.
Die feinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf.
„Ich bin so lange geduldig gewesen. Da wollte ich auch ein bisschen Spaß haben. Ein bisschen spielen, weißt du?“ In seinen Augen stand ein wahnsinniges Funkeln. Sie wollte erneut vor ihm zurückweichen, aber da war nur die kalte Wand.
Er genoss ihre Angst. Jetzt leckte er sich mit der Zunge über die Lippen, als könne er ihre Furcht schmecken.
Fast zärtlich strich er über den metallenen Lauf der Pistole, die er jetzt in der Hand hielt. Ihre eigene Dienstwaffe, wurde ihr klar. Sie hatte sie am Tag des Unfalls mitgenommen, weil sie so fertig gewesen war, und in der Küche liegen gelassen. Das war gegen die Regeln, aus gutem Grund. Und jetzt wusste sie auch, wieso.
„Dann habe ich diesen Schatz hier gefunden. Und ich dachte mir: Was könnte denn besser passen? Ein Mord, der mir nicht angelastet wird? Depressive Polizistin mit gestörter Kindheit und Gendefekt begeht Suizid in ihrer Wohnung. Eine spannende Headline, oder?“ Er lachte wieder.
„Sie werden deine Spuren in meiner Wohnung finden. Sie werden…sie werden wissen, dass ich…“ Sie verhaspelte sich.
Die erdrückende Wahrheit ließ ihr keinen Raum mehr zum Atmen. „Du wirst damit nicht davonkommen!“ Sie hörte, genauso wie er, die Verzweiflung aus ihrer Stimme.
Er lächelte. „Glaubst du das?“, fragte er mitleidig. „Ich bezweifele es. In, sagen wir, fünf Minuten werde ich völlig verzweifelt einen Notruf absetzen, weil ich einen Knall aus deinem Schlafzimmer gehört habe.
Ich erzähle ihnen, dass ich dir beistehen wollte. Dass du mir komisch vorkamst und ich deshalb auf der Couch geschlafen habe.
Natürlich wird es längst zu spät sein, bis der Krankenwagen da ist.“ Wieder leckte er sich über die Lippen. Hatte er das schon immer gemacht? Ihr war es nie aufgefallen. Wie so Vieles, wurde ihr nun mit entsetzlicher Klarheit bewusst.
„Der Anruf an dem Tag nach dem Unfall. Das war kein Zufall. Du hast die ganzen Briefe, Fotos und Zeitungsartikel deponiert. Du hattest angerufen, um zu sehen, ob der erste Brief angekommen war.“ Mit einem Mal war alles glasklar und fügte sich wie ein Puzzle vor ihren Augen Stück für Stück zusammen.
Er nickte anerkennend. „Weiter, weiter! Du warst schon immer ein scharfes Köpfchen. Nur zu schade, dass ich es durchlöchern muss!“
Sie ging nicht auf ihn ein. „Natürlich hattest du Zugang zu den alten Familienfotos. Du bist mit mir aufgewachsen. Es war kein Schweres für dich, sie aus den Familienalben herauszunehmen.“ Sie blickte auf.
„Und selbstverständlich hast du auch meine Handynummer! Du musstest nur deine eigene Nummer unterdrücken, um mir die Nachrichten zu schicken!“
„Gut, weiter, weiter!“, lobte er sie. Wieder fuhr seine Zunge, einem Reptil gleich, über die aufgesprungenen Lippen.
Ekel machte sich in ihr breit.
„Was ist nur mit dir passiert?“, stieß sie verächtlich hervor. „Früher hättest du so etwas nie nötig gehabt.“
„Du hättest es verhindern können!“, spuckte er und sein Gesicht verzerrte sich. Eine Erkenntnis dämmerte in ihr heran, wie der Morgen nach einer finsteren Nacht.
„Ich war sechs! Sechs, Alex! Was hätte ich tun sollen?“ Sie ballte die Hände zu Fäusten.
„Irgendetwas. Du hättest irgendetwas tun können. Sie würde noch leben, wenn du nicht wärst!“ Seine Stimme überschlug sich.
Sie spürte, wie sich Wut in ihr breit machte. „Es ist nicht meine Schuld, dass sie tot ist, Alex. Und wenn du mich umbringst, macht das deine Mutter auch nicht wieder lebendig. Er hat sie umgebracht, weil er wahnsinnig war.“
„SIE HAT SICH FÜR DICH GEOPFERT!“, heulte er und sie zuckte zusammen.
„Er ist aus der Psychatrie ausgebrochen und wollte mich zurückholen! Aber du kannst doch nicht glauben, dass ich das wollte?“
Die Gedanken an diese Nacht holten sie ein. Das Klirren von Glas, als ihr Vater die Wohnungstür mit der Scheibe einschlug. Das Kreischen ihrer Geschwister, die panischen Schreie der Eltern. Sie sollten sich verstecken.
Dann war er auch schon drinnen. Mit irrem Blick in den Augen, einer Axt in der Hand sah er sich um, bis ihr Blick auf sie fiel.
Dann kam er auf sie zu. Sie hatte sich nicht rühren können vor Angst. Er hob die Axt. Dann war da Alex´ Mutter, die sich vor sie warf…
Und so viel Blut, Blut, überall Rot, rotes Blut, auf dem Teppich, auf den Wänden, auf ihrem Vater und auch auf ihr…
Alex´ Vater schrie, wie sie noch nie jemanden hatte schreien hören.
Hände zerrten sie fort, sie stolperte hinter jemandem her, der Rest war ein Mischmasch aus verwackelten Bildern. Sie waren gerannt, hatten sich versteckt, während unten die Axt wütete und das Krachen der zersplitterten Möbel lauter wurde. Sie und Alex hatten sich oben im Wäscheschrank versteckt. Eng aneinandergekauert im Dunkeln, gefangen mit dem Geruch der frisch gewaschenen Handtücher und dem Waschmittel, das Alex´Mutter immer verwendete und das für sie in den letzten Monaten so etwas wie der Geruch nach Zuhause geworden war…
Irgendwann dann Sirenen, Blaulichter, die durch das Haus hereinschienen, über dem Haus kreiste ein Hubschrauber, dessen Scheinwerferlicht durch die Fenster fielen und in unregelmäßigen Abständen den Abschnitt des Flurs erhellten, den sie durch den schmalen Spalt der Schranktür erkennen konnten.
Polizisten, die durch Megafone Anweisungen gaben.
Alles ein einziges Durcheinander.
Sie sah, dass auch er sich an diese Nacht erinnerte.
„Ich wusste anfangs nicht, wer du warst. Das haben unsere Eltern immer schön geheim gehalten.
Aber nach dieser Nacht wusste ich es“, schloss er verbittert.
„Aber Alex“, flüsterte sie, und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Es ist schrecklich, was geschehen ist, aber du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. Was geschehen ist, ist geschehen. Du musst es ruhen lassen. Schließ damit ab. Du kannst nichts rückgängig machen. Glaubst du nicht, wenn ich die Möglichkeit hätte, dass ich ebenso viel verändern wollen würde?“
„Hast du es immer noch nicht verstanden? Es geht mir nicht um Rache“, entgegnete er heftig. „Auge um Auge, Zahn um Zahn, weißt du noch?“
Sie schnaubte. „Das stimmt nicht. Schau, was die Rache mit dir gemacht hat. Sie hat dich aufgefressen. Du bist ein Schatten deiner selbst. Wenn du mich tötest, was glaubst du, wird dann passieren? Glaubst du, du fühlst dich dann besser?“
Für einen kurzen Moment flackerte Unsicherheit über sein Gesicht und sie sah, wie die Hand mit der Waffe zitterte.
„Sie verfolgt mich in meinen Träumen“, flüsterte er. Sein Blick war auf etwas hinter ihr gerichtet. Sie drehte sich um, aber da war nichts.
„Sie schreit um Hilfe, aber ich kann nicht zu ihr…jede Nacht höre ich sie um Hilfe schreien…jede Nacht komme ich zu spät und jede Nacht fleht sie mich an, sie zu rächen. Mein Vater hat es nicht getan. Also werde ich es tun.“ Sein Blick kehrte zurück in den Raum, zurück zu ihr, und er fixierte sie mit einer nie dagewesenen Kälte.
Und in diesem Augenblick wusste sie, dass sie sterben würde.
Er war nicht mehr der Bruder, den sie kannte. Er war ein Fremder.
„Ihren Mörder hat das gerechte Schicksal längst ereilt. Er wird sterben, ohne meine Hilfe. Und ich dachte, diese nette Erbkrankheit würde auch mir die Drecksarbeit abnehmen. Ich forschte ein bisschen nach, schließlich musste ich sichergehen…“
„Dass sie mich auch töten würde“, vollendete sie den Satz wie betäubt. Eine seltsame Ruhe hatte von ihr Besitz ergriffen, jetzt, wo die Endgültigkeit ihres eigenen Todes langsam in ihr Bewusstsein sickerte.
Er lachte. „Und weißt du, wen ich dabei traf? Deine Tante. Das Leben hat wirklich seltsame Wendungen und Zufälle.
Sie erzählte mir alles, was sie wusste. Sie glaubte, dich jetzt endlich gefunden zu haben.
Ich freundete mich mit ihr an und gewann ihr Vertrauen. Und sie berichtete mir bereitwillig von allem, was sie herausgefunden hatte.
Das entführte Kind. Damals. Die Behörden haben die Suche längst aufgegeben.“
„Aber das kann nicht sein“, widersprach sie. „Es wäre aufgefallen, wenn sie…meine Eltern auf einmal ein zweijähriges Kind gehabt hätten, von dem keiner wusste.“
„Oh, das dachte ich mir auch. Und weißt du, was deine Tante mir erzählte?“ Er kam einen Schritt näher. Sein Atem, der nach dem Pfefferminzkaugummi, dass er immer so gerne kaute, roch, schlug ihr entgegen.
Von dem scharfen Geruch wurde ihr übel. Sie drehte den Kopf weg, aber er drehte ihr Kinn mit dem eiskalten Lauf der Pistole zu sich und zwang sie, ihn anzusehen.
„Die Nacht, in der deine Mutter starb…es war die Nacht der Entführung der kleinen Emily. Ein seltsamer Zufall, oder?
Sie hatte herausgefunden, was dein Vater getan hatte. Es gab einen Streit. Sie floh. Sie wollte dich mitnehmen, weißt du, aber sie hat es nicht geschafft. Während der Fahrt rief sie panisch ihre Schwester – deine Tante Sue – an und berichtete ihr von ihrem schrecklichen Verdacht. Dann kam sie von der regennassen Straße ab. Ihr Auto überschlug sich und stürzte dann in einen Graben. Sie war sofort tot.“ Er machte eine Pause. „So hat Sue es mir erzählt. Dann war die Frage…was hat er mit der kleinen Zoe getan? Wohin war Zoe verschwunden?“
Sie ahnte es. Sie wollte nicht, dass er es aussprach. Aber den Gefallen tat er ihr nicht.
„Sie ist tot. Tot, tot, tot.“ Seine Augen funkelten wahnhaft. „Er hat sie getötet, in einem seiner Anfälle. Und als er sah, dass seine geliebte Tochter tot war, was tat er da?“ Er kicherte. „Er stahl sich einfach ein anderes Kind!“
„Du bist widerlich“, flüsterte sie. „Es bereitet dir auch noch Freude, du…du bist genauso schlimm wie er.“
Er verstummte, und eine plötzliche Kälte kam in seinen Blick. Sie wusste, dass es vorbei war.
„Vielleicht. Aber die Zeit der Worte ist vorbei. Und jetzt…ist es Zeit zu sterben, Emily.

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17 thoughts on “Who?

  1. Wow! Komplexe Familiensaga, perfekt aufgelöst und mit so mancher Überraschung – sowas mag ich ja! Endlich habe ich die Story wiedergefunden, um nach meinem frühen nächtlichen Lesen diesen Kommentar nachzuschieben.

    Komm doch in die Instagramm Gruppe @wir_schrieben_zuhause – da kannst Du Deine Geschichte einem aktiven Publikum vorstellen – sie hat definitiv ein paar mehr Likes verdient.

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    1. Wow! Eine meiner Lieblingsgeschichten bisher. Ich hab sie förmlich in mich aufgezogen und ich liebe deinen Stil. Du hast eine wahnsinnig tolle Bildsprache, dass ich total in der Geschichte gefangen war.
      Mir ist auch bis auf 1-2 kleine Rechtschreibfehler (Men statt mein) gar nichts aufgefallen, wo ich drüber gestolpert bin… Zumindest nicht im negativen Sinne. Ich hab bei vielen Stellen Innegehalten, weil ich die Ausdrücke richtig gut und außergewöhnlich fand.
      Die Geschichte klingt nach viel Lebenserfahrung oder nach jemandem, der sehr viel liest und eine komplexe Geschichte zusammen halten kann. Mit 14 eine noch größere Leistung!
      Du hast wirklich viel erklärt und es dadurch sehr glaubwürdig gemacht.
      Ein sehr kleiner Kritikpunkt. Es gab, glaube ich, kein Kapitel 2 oder ich habe es überlesen. Bei Kapitel 3 empfand ich es als einen Sprung in der Erzählweise… Da hatte ich mal kurz den Faden verloren.
      Schade, dass du bisher so wenige Likes hast, aber da kommt sicher noch was. Meinen hast du und ich finde es schade, dass du es nicht ins Buch geschafft hast.
      Alles Liebe für dich, mach bitte weiter so. Ich würde wirklich mal gerne ein Buch von dir lesen.
      Liebe Grüße, Jenny / madame_papilio (Nur ein kleiner Schlüssel)

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      1. Hi, erstmal wow, vielen, vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und das positive und nette Feedback!:)
        Die Rechtschreib- bzw. Tippfehler muss ich dann auf jeden Fall nochmal korrigieren. Danke für den Hinweis! Mich stört so etwas beim Lesen nämlich auch.
        Der Sprung in der Erzählweise liegt daran, dass ich eine komplette Szene wegen der Länge löschen musste. Ich hatte Angst, dass die Geschichte sonst zu lang und automatisch aussortiert wird, und der provisorische Übergang ist leider nicht so elegant geworden.
        An einem Buch arbeite ich gerade, vielleicht nimmt es ja ein Verlag, wenn es fertig ist :p

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  2. Vielen lieben Dank für den netten Kommentar!
    Ich habe mich wirklich sehr über Dein Feedback gefreut und noch mehr freut es mich, dass die Geschichte jemandem gefallen hat:) Es war nämlich tatsächlich meine erste Kurzgeschichte.

    Ganz liebe Grüße

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  3. Moin Moin,

    wirklich gut durchdachter Plot. Und das WOW Erlebnis zum Schluss, so muß das sein! Gut geschrieben! Starke Bildsprache, ich hatte das Gefühl alles was du geschrieben hast, wirklich vor meinem Auge zu erkennen!
    Mein Like lass ich dir gerne da…

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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  4. Hallo liebe Patrizia,
    deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen! Ich finde es beeindruckend, wie du es geschafft hast die ganzen Puzzleteile innerhalb einer Kurzgeschichte schlüssig zusammenzusetzen. Das war ja ganz schön viel Stoff mit der Herkunftsfamilie plus Tante und dann noch die Pflegefamilie und die Entführung…Und trotz der Kürze der Geschichte, ergibt am Ende alles einen Sinn.
    Dein Schreibstil hat mir auch sehr gefallen. Ein wenig gestockt habe ich bei der Krankheit des Vaters. Gibt es die wirklich? Wenn ja, hätte ich vielleicht mal den Namen fallen lassen, weil die Symptome so gruselig klingen, dass man sich denkt „Das kann doch gar nicht sein“ 😀 Normalerweise stehen Krankenakten ja auch unter Verschluss, aber das hast du ja gut gelöst mit dem ausgefuchsten Journalisten. Eventuell würde ich die Suspendierung noch einmal überdenken, denn ich glaube es ist arbeitsrechtlich nicht möglich jemanden wegen einer nicht nachweisbaren Krankheit zu kündigen oder anderweitig zu benachteiligen. Aber das ist nur Kleinkram.

    Schreibe unbedingt weiter, du hast mächtig Talent!

    Liebe Grüße
    Merle (Geschichte: Sepia)

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    1. Hi, erstmal danke für das Feedback und das Lob. Ich freue mich wirklich sehr über jeden Kommentar:)
      Die Krankheit existiert, soweit ich weiß, zumindest in der von mir beschriebenen Form so nicht. Ob es etwas Vergleichbares gibt, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Und ich weiß auch nicht, ob man es überleben würde, wenn bestimmte Hirn-Areale langsam absterben. Aber egal. Ist ja zum Glück nur fiktiv 😀
      Zur Suspendierung – ich habe versucht, das Ganze aus der Sicht des Arbeitgebers zu sehen. Eine bewaffnete und möglicherweise psychisch gestörte Polizistin frei herumlaufen zu lassen, bevor keine näheren Fakten vorliegen wie bestimmte Testergebnisse oder psychologische Gutachten wäre, denke ich, grob fahrlässig, aber ich bin da jetzt auch kein Experte.
      Aber ja, das stimmt, das müsste ich etwas besser beschreiben bzw nochmal die Gesetzesgrundlage nachlesen.
      Danke auf jeden Fall für den Anstoß in diese Richtung und für die netten und motivierenden Worte:)

      Liebe Grüße

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  5. Liebe Patrizia,

    ich bin wirklich begeistert von deiner Geschichte. Mit 14 Jahren eine so komplexe und gut durchstrukturierte Geschichte zu schreiben, ist wirklich toll und in Dir steckt ein großes Talent!

    Die Art, wie die Protagonistin an das Handy kommt, ist so simple und so großartig gewählt! Klasse! Auch, dass es erst eine kleine Zwischensequenz gibt, bis dem Leser offenbart wird, dass sie sich selbst auf dem Handy gesehen hat.

    Du lässt der Geschichte Zeit zu den richtigen Zeitpunkten und gönnst dem Lesen kurz durchzuatmen (z.B. die Szene, als sie am Ende des ersten Kapitels nach Hause kommt.)

    Das langsame Herantasten an die Vergangenheit ist super. Damit baust du hervorragend Spannung auf und ich wollte unbedingt wissen, was damals passiert ist.

    Besonders muss ich hervorheben, wie du die Sätze formulierst und so viel Ausdruck in einen einzigen Satz stecken kannst.

    Zum Beispiel:
    „Kaltes Entsetzen durchströmte ihre Adern, als hätte sich ein eisiger Stachel in ihre Wirbelsäule gebohrt.“

    Deine bildliche Sprache ist wirklich großartig und lässt deinen Text vor meinen Augen lebendig werden.
    Zum Beispiel:

    „Sie ließ das Handy fallen, als hätte sie sich daran verbrannt.“
    oder
    „…und ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust, als wolle aus dem Käfig aus Rippen herausbrechen.“

    Mach‘ unbedingt weiter – ich drücke Dir die Daumen!!

    Like ist gegeben 🙂

    LG, Ani
    http://www.wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-schwur

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  6. Hi, deine Geschichte hat mir gut gefallen. Ich finde sie für eine Kurzgeschichte sehr komplex. Sehr Gut haben mir deine Beschreibungen gefallen. Ich habe dir dafür gerne ein Like da gelassen. Falls du Zeit und Lust hast, würde ich mich sehr freuen wenn du meine Geschichte https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-wahrheit-kommt-auf-raedern auch lesen und mir ein Feedback geben würdest. Liebe Grüße und alles gute

    1+
  7. Hallo Patrizia,

    eine tolle Sprache hast du, das muss ich schon sagen. Deine Formulierungen sind echt spitze.
    Und die Komplexität, die du in der vorgegebenen Kürze erschaffst, aber auch wieder vollständig entwirrst, zeugt davon, wie sehr du dich mit deiner Geschichte auseinandergesetzt hast. Der Plot scheint bis auf den letzten Satz durchdacht zu sein. Kompliment.

    Ich hoffe, es stellt sich der (verdiente) Erfolg bei dir ein und du bleibst dem Schreiben treu.

    Meine Stimme ist dir an dieser Stelle jedenfalls sicher!

    Wenn du Zeit und Lust hast, schau doch auch mal bei meiner Geschichte vorbei.

    Viele Grüße
    J. D.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-leben-eines-toten-mannes

    PS:
    Hier hab ich nen Schreibfehler entdeckt, falls du ihn ausbessern möchtest:
    – Sie schob die schmerzhaften Erinnerungen beiseite, wie sie es seit Jahren tag.
    Sie schob die schmerzhaften Erinnerungen beiseite, wie sie es seit Jahren TAT.

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  8. Liebe Patrizia,

    was für eine unfassbar gute und spannende Geschichte hast du da bloß geschrieben? Ich bin total begeistert und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich finde es ein bisschen schade, dass sie schon zu Ende ist, denn ich hätte immer weiter und weiter lesen können 🤩

    Du hast eine unglaublich bildgewaltige Sprache. Deine Figuren, Schauplätze und Emotionen sind so glaubwürdig und echt, dass ich sie deutlich spüren und vor meinen Augen sehen konnte 😊

    Es ist toll, wie du es schaffst, einen so komplexen Plot in einer Kurzgeschichte unterzubringen und alles nahtlos aufzuklären. Es bleibt bei mir keine Frage offen.

    Ich hoffe, du schreibst weiter, denn Talent dafür hast du auf jeden Fall 😊
    Mein ❤ hast du dir verdient und ich drücke dir die Daumen, dass in den verbleibenden Tagen noch viele dazukommen 🍀

    Alles Gute wünsche ich dir.

    Liebe Grüße
    Sarah

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/rache-ist-suess

    P.S. hab ich bei Instagram richtig gesehen, dass du auch aus Dortmund kommst? Dann zusätzliche Grüße aus Wambel 😉

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