CarolynCapellaWie der Vater so die Tochter

 

Tränen strömten über ihre Wangen und ihre Hände zitterten. Das Handy lag schwer in ihrer Hand, viel schwerer als es eigentlich war. Ein plötzlicher Gedanke kam ihr in den Sinn. Es war so absurd und paranoid und doch fragte sie sich, ob es möglich sein würde. Sie hoffte, es wäre nicht so. Ekel überkam sie ohne Vorwarnung als sie weiter über diese abnormale Vorstellung nachdachte und sie schleuderte das Telefon gegen die Wand. Danach brach sie zusammen und weinte in das flauschige Sofakissen, von dem sie sich einfach nicht trennen konnte und, dass ihr Schluchzten und Schreien wie jedes Mal dämpfte, sodass es die Nachbarn durch die schallundichten Wände nicht hören würden.
Nach einer Weile setzte sie sich auf und vergrub ihren Kopf in den Händen. Sie zuckte zusammen, als ihr eigenes Handy zu Klingeln begann und warf einen Blick auf das Display. Es war Damian, ihr bester Freund. Sie ignorierte ihn seit Wochen und würde auch jetzt nicht damit aufhören. Während ihr noch immer ihr eigener nerviger Klingelton in den Ohren dröhnte, heftete sie ihren Blick auf die gelbe Wand gegenüber dem Sofa. Es gab keinen Fernseher. Eigentlich gab es überhaupt nichts in dieser Wohnung. Sie war gerade erst von Zuhause ausgezogen und das obwohl sie schon Mitte zwanzig war. Sie wäre auch noch länger bei ihrer Mutter geblieben, aber irgendwann kam man an den Punkt, an dem man es einfach nicht mehr aushalten konnte und nur noch weg wollte.
>Scheiße.<, murmelte sie als sie bemerkte, dass das fremde Handy bei ihrem Versuch es aus ihren Gedanken zu verbannen, in seine Einzelteile zersprungen war. Damian hatte mittlerweile den Versuch aufgegeben, sie zu erreichen. Sie hastete hinüber und versuchte nervös das Handy wieder zusammenzubauen. Es gelang ihr nicht besonders gut, weil ihre Hände noch immer zu stark zitterten. Erneut schreckte sie heftig zusammen, als ihr Smartphone zum zweiten Mal klingelte, dabei rutschte ihr die Sim-Karte wieder aus den Fingern und landete auf dem alten Holzboden.
>Halt doch die Klappe, Damian!<, fluchte sie laut, genau in dem Moment, als er wieder auflegte um gleich darauf erneut zu versuchen sie anzurufen. Sie stand auf, kochend vor Wut und nahm ab.
>Lass mich einfach in Ruhe!<, fauchte sie ihn zur Begrüßung an.
>Alba?<, er ignorierte ihre rücksichtslose Art der Begrüßung, so wie er es immer tat, wenn er merkte, dass sie aus irgendeinem Grund sauer auf ihn war. Doch Alba erkannte, dass so etwas wie ernsthafte Sorge in seiner Stimme mitschwang, die sie zunehmend verunsicherte.
>Ich habe gesagt, dass ich dich nie wiedersehen will.<
>Du hast es mir versprochen, weißt du noch?<
>Wie alt bist du, Damian? Zwölf?<, entgegnete sie spöttisch, obwohl sie genau wusste über welches Versprechen er sprach.
>Wo bist du?<
>Du sollst dich aus meinem Leben fernhalten. Ich brauche dich nicht mehr.<
Alba spürte die Eifersucht in jedem Teil ihres Körpers, obwohl sie sich selbst immer wieder eingeredet hatte, sie würde ihn nicht brauchen, konnte sie dieses Gefühl noch nicht abschütteln.
>Ich glaube, dass du in Gefahr bist.<, seine Stimme klang eindringlich. Seine Worte versetzten ihr einen Stich in der Brust und sie legte auf, um weiteren Fragen zu entgehen. Was wusste er?
Ihr Blick fiel wieder auf das fremde Handy und seine Einzelteile am Boden.
Es gab kein Zurück mehr. Also, gelang es ihr nach weiteren zahllosen Versuchen endlich, das Handy zusammenzusetzen. Damian hatte weiterhin ununterbrochen angerufen und Alba wusste, dass er immer noch versuchte sie zu erreichen, aber sie hatte ihr Handy ausgeschaltet und im Kühlschrank platziert, eine merkwürdige Angewohnheit von ihr, über dessen Notwendigkeit oder Ursprung sie keinerlei Kenntnis hatte.
Nun lag das schwarze Smartphone vor ihr auf dem Boden. Vom Aufprall war das Display gesprungen. Sie war ziemlich dumm gewesen, es mit aller Macht gegen die Wand zu werfen, wenn sie doch bereits gewusst hatte, dass es keine Hülle hatte. Jetzt starrte sie es einfach nur an und rang mit sich es endlich einzuschalten. Sie musste es tun. Wer weiß, wie viel Zeit ihr noch blieb, wenn Damian von ihrem Geheimnis wusste. Sie hatte ihn nie mit reinziehen wollen, aber nun schien es zu spät zu sein. Er schien es zu wissen und damit hatte sie einen weiteren großen Fehler in ihrem Leben begangen. Jeder Versuch andere Menschen, die sie liebte, vor ihr selbst zu schützen, endete schließlich in einer einzigen Katastrophe.
Sie fasste all ihren Mut zusammen und schaltete das Handy mit zitternden Fingern ein. Halb hoffte sie, dass es während des Aufpralls soweit beschädigt worden war, dass es nicht mehr funktionierte. Doch dem war nicht so.
Beinahe wäre das Smartphone in einer anderen Ecke des Raumes gelandet, als Alba den Hintergrundbildschirm betrachtete.
Es war ein Bild von ihr selbst.
Sie erinnerte sich genau an den Tag, als es aufgenommen wurde. Sie und Damian hatten beschlossen im Park ein Fotoshooting zu machen. Einfach zum Spaß. Es war noch nicht einmal so lange her. Fünf Monate. Damals war die Welt noch in Ordnung gewesen, jedenfalls konnte Alba so tun, als wäre sie das.
Sie vermisste Damian so sehr.
Dieses Mädchen, das Alba jetzt vom Handydisplay aus anstrahlte, hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit ihr. Außer vielleicht eine einzige. Ihre Augen sahen auch damals schon viel zu leer aus, doch das wurde durch ihr breites Grinsen kaschiert, wodurch das Bild wirkte, als wäre sie der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt.
Albas aschblonde Haare fielen in perfekten Wellen über ihre Schultern. Sie hatte ein rundes Kinn und eine kleine Stupsnase, was dazu führte, dass sie von allen Menschen als süß bezeichnet wurde. Ein Ausdruck, der alles andere als zu ihr passte. Den Abschluss ihres beinahe perfekten Aussehens bildeten ihre blauen Augen, die viel zu blass waren.
Es stimmte, dass man einem Menschen an seinen Augen alles ansah. Man sah ihm an wie zerbrochen er tatsächlich war. Doch die Menschen sahen einander heutzutage nie mehr wirklich in die Augen. Und selbst, wenn sie es taten, sahen sie den Schmerz in den Augen ihres Gegenübers nicht. Und, wenn doch, schwiegen sie meistens darüber und ließen ihn allein.
Aber Damian hatte den Schmerz gesehen und deshalb hatte ihn Alba so sehr geliebt. Er hatte ihr den Trost und die Wärme gespendet, nach der sie sich so sehr gesehnt hatte und im Gegenzug hatte sie ihm so viel über sich preisgegeben, wie keinem anderen Menschen zuvor. Und trotzdem hatte er sie im Stich gelassen. So wie jeder andere vor ihm.
Ihr Blick fokussierte sich wieder auf den Bildschirm, der mittlerweile schwarz geworden war, während Alba in Erinnerungen geschwelgt war. Sie schaltete ihn wieder ein und als sie sich erneut selbst in ihre traurigen Augen blickte, kehrte die Angst, Aufregung und Nervosität zurück. Sie wollte das Handy entsperren und endlich hinter sich bringen, was sie angefangen hatte.
Doch zunächst musste sie einen Code eingeben. Sie verzweifelte einige Minuten, bevor sie wieder zur Ruhe kam und in Gedanken versank. Alba fragte sich, woher die verstärkten Stimmungsschwankungen und Emotionen kamen. Wann hatte sie zum letzten Mal ihre Medikamente genommen? Es war eigentlich noch nicht so lange her, deshalb dachte sie, es würde mit der skurrilen Situation zusammenhängen, in der sie sich gerade befand und aus der sie um alles in der Welt ausbrechen wollte. Aber sie wusste, dass sie keine Wahl hatte.
Ihre Hände begannen wieder zu zittern, als sie zögerlich ihr Geburtsdatum ins Handy eintippte: 0408. Einen Versuch war es wert, immerhin hatte sie drei und außerdem dachte sie, dass derjenige, der ihr das Handy hatte zukommen lassen, auch wollte, dass sie erfuhr, was darauf war, weshalb es sich um ein sehr einfallsloses Passwort handeln würde. Eigentlich war es aber auch ziemlich schlau. Für sie schien es einfallslos zu sein, aber wenn es jemand anders gefunden hätte, hätte er es nicht entsperren können. Genial. Wer auch immer all das inszeniert hatte, musste sich wirklich einen Plan gemacht haben. Alba überlegte, ob sie gerade genau diesem Plan folgte. Sollte sie versuchen, etwas zu tun, womit er nicht rechnete oder sollte sie einfach mitspielen? Vielleicht dachte er auch, sie würde versuchen, ihn auszutricksen und somit wäre er wohl überrascht oder enttäuscht, wenn sie genau tat, womit er rechnete. Sie wusste nicht einmal ob er, wirklich ein er war. Es könnte sich genauso gut um eine Frau handeln.
Sie dachte eindeutig zu viel nach.
Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass ihr Geburtsdatum tatsächlich das richtige Passwort gewesen war, so sehr war sie in ihren eigenen Gedanken versunken. Ihr Herz begann wieder zu rasen und ihre Hände zu zittern, als sie überlegte, wie sie als nächstes vorgehen sollte. Doch vorerst wurde sie von dem Vibrieren, um ihr Handgelenk aufgehalten. Sie musste ihr Handy aus dem Kühlschrank holen, länger als zehn Minuten, sollte sie es wirklich nicht darin liegen lassen. Es war eine so blöde Angewohnheit von ihr und ohne irgendeinen Nutzen. Um ehrlich zu sein, war es sogar schädlich für ihr Handy es für eine längere Zeit im Kühlschrank aufzubewahren. Sie wusste nicht, ob sie an einer Zwangsstörung litt und wollte es auch nicht herausfinden. Sie hatte genug Störungen, von denen man von ihr verlangte, damit klarzukommen.
Sie legte ihr Handy auf den kahlen Küchentresen und kehrte zum Sofa zurück. Sie nahm das fremde Telefon in die Hand und bemerkte, dass sie eine Nachricht erhalten hatte.
Adrenalin strömte durch ihre Adern und breitete sich in Albas ganzem Körper aus. Zögernd öffnete sie die Nachricht, die sie gerade erhalten hatte. Alba konnte die Nummer, von der die Nachricht abgeschickt worden war, nicht identifizieren. Natürlich nicht.
Ich weiß, was du getan hast.
Die Worte sorgten dafür, dass Albas Herz einige Schläge aussetzte. Sollte sie zurückschreiben? Es gab viel, was in ihrem Leben passiert war und sie wusste nicht eindeutig, worüber der Fremde sprach. Sie wollte ihm jedoch keinesfalls aus Versehen, ein Geheimnis von sich verraten, von dem er womöglich noch nichts wusste. Ihre Hände schwitzten, als sie dem Unbekannten eine Antwort zurückschickte.
Worüber reden Sie?
Die nächste Nachricht kam binnen von Sekunden.
Deinen Bruder.
Alba schnappte nach Luft. Tränen stiegen urplötzlich wieder in ihren Augen auf. Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht. Sie hastete auf das Waschbecken in der Küche zu, drehte den Wasserhahn bis zum Anschlag auf und trank so viel Wasser, wie sie konnte. Es war egal, dass das Wasser warm war. Trotzdem fühlte sich ihr Hals noch viel zu trocken an und sie wusste, dass es nichts ändern würde, wenn sie noch mehr Wasser trank.
Sie brach zusammen und begann zu weinen, während das Wasser weiterhin, bis zum Anschlag aufgedreht, lief. Sie schluchzte laut und kümmerte sich nicht darum, was die Nachbarn denken würden. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Es gab niemandem, dem sie vertraute. Der einzige Mensch, dem sie jemals vertraut hatte, war Damian. Aber sie konnte ihn nicht mit in die Sache reinziehen. Und außerdem hatte sie beschlossen ihn zu hassen.
Sie hatte aufgehört zu weinen. So war es üblich. Die Tränen und Verzweiflung brachen so urplötzlich über sie herein, wie sie verschwanden. Jetzt war sie wütend.
Sie schlug mit ihren Fäusten auf den Boden ein, auf dem sie immer noch saß. Eine schlechte Entscheidung, wie sich wenig später herausstellte.
>Scheiße.<, fluchte sie.
Sie wiederholte die Worte immer wieder, schloss die Augen. Aber es half alles nichts. Es gab keinen anderen Ausweg. Sie brauchte unbedingt Hilfe. Und der einzige Mensch, von dem Alba erwarten könnte, dass er sie unterstützte, war Damian.
Sie griff nach ihrem Handy auf dem Küchentresen, nachdem sie sich an einem der weinroten Stühle hochgezogen hatte, die danebenstanden. Viele Menschen dachten, Alba hätte keinen Geschmack und sie musste zugeben, dass ihr Einrichtungsstil durchaus gewöhnungsbedürftig war, aber sie mochte es, wie die wenigen Möbel, die bisher Einzug in ihre Wohnung gefunden hatten, so bunt zusammengewürfelt aussahen wie der Times Square in New York. Die Einzigartigkeit gefiel ihr.
Damian nahm gleich nach dem ersten Klingeln ab, als hätte er auf ihren Rückruf gewartet.
>Ich brauche deine Hilfe.<, war der Satz mit dem sie ihren besten Freund zum zweiten Mal an diesem Tag begrüßte.
>Alba, ich glaube,  du bist in Gefahr.<, seine Stimme klang gedämpft.
>Warum sprichst du so leise? Wo bist du?<
>Es ist kompliziert.<
Alba war es gewöhnt solche uneindeutigen Antworten von Damian zu erhalten, weshalb sie nicht weiter nachhakte, was eine sehr schlechte Idee gewesen war.
>Kannst du bitte herkommen.<
>Wo bist du?<
>In meiner Wohnung. Ich schicke dir meine Adresse.<
>Alba, ich kann nicht.<
>Jetzt, Damian. Es ist mir egal, was zwischen uns passiert ist. Verstehst du nicht, dass ich jetzt deine Hilfe brauche!<, ihre Stimme schlug in einen hysterischen Tonfall um.
Damian legte auf.
>Damian?<
Keine Antwort. Alba starrte vollkommen entsetzt auf ihr Handy. Das war ganz und gar nicht üblich für ihn. Er würde sie niemals einfach sitzen lassen. Der einzigen Person, von der sie dachte, dass sie ihr wirklich wichtig war, hatte sie im Stich gelassen. Wieder.
Erneut spürte sie die heiße Wut in ihrem ganzen Körper und zog das fremde Handy aus der Hosentasche, um der unbekannten Nummer zu antworten. Sie würde das durchziehen. Allein. Sie war allein ohnehin besser dran und Damian war ein verdammtes Arschloch.
Wer sind Sie?
Eine ziemlich bescheuerte Frage, aber vielleicht würde ihr die Antwort weiterhelfen.
Dein Vater.
Tausend Gedanken brachen über sie herein, als sie die Nachricht las, und mit den Gedanken auch wieder die Angst. Es waren zu viele Gedanken, als dass sie auch nur einen einzigen durchdachte. Sie wusste nicht viel über ihren Vater. Alles, was sie über ihn wusste beschränkte sich auf eine einzige Aussage, die ihre Mutter ihr als einzige Auskunft gab, wenn sie nach ihm fragte.
Er ist ein Monster.
Alba hatte schnell aufgegeben nach ihrem Vater zu fragen, weil ihre Mutter nur den einzigen Satz über ihn sagte. Aber was hatte die ganze Sache mit ihrem Bruder zu tun? Alba fühlte sich so unschlüssig. Sie wusste nicht, worauf sie sich überhaupt eingelassen hatte.
Sie konnte nicht anders, als auch eine unerträgliche Neugier in ihrem Körper aufsteigen zu spüren, als sie darüber nachdachte ihren biologischen Vater zu treffen. Sie wollte nicht glauben, was ihre Mutter über ihn sagte.
Was wollen Sie von mir?
Sie kam sich so blöd damit vor, die einfallslosesten Fragen zu stellen, aber sie fühlte sich einfach vollkommen überfordert mit der Situation und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Die Wahrheit.
Irgendwie machte er ihr Angst. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
Es war auch nicht nötig, denn gleich darauf schickte ihr Vater eine weitere Nachricht.
Ich habe deinen Freund. Wenn du nicht willst, dass er stirbt, solltest du besser so schnell wie möglich deinen Arsch hierher bewegen.
Alba erstarrte. Damit hatte sie nicht gerechnet.
Du hast 30 Minuten.
Sprach er von Damian? Warum tat ihr Vater so etwas? Es konnte nicht ihr Vater sein, aber er wusste von ihrem Bruder und dem Vorfall im August vor neunzehn Jahren. Sie hatte keine Wahl. Er hatte Damian. Das rechtfertigte sein merkwürdiges Verhalten vor wenigen Minuten.
Als nächstes erhielt Alba den Standpunkt des Fremden. Ihr Verstand weigerte sich schlichtweg ihn jetzt noch als ihren Vater zu bezeichnen.
Sie sprang auf und stopfte das fremde Handy in die Tasche ihrer fliederfarbenen Strickjacke und rannte aus der Wohnung hinunter zu ihrem Auto, wobei sie immer zwei Stufen im Treppenhaus auf einmal nahm. Den Autoschlüssel trug sie immer in der linken Hosentasche, weil es schon oft vorgekommen war, dass sie ihn verloren hatte und stundenlang nicht wiederfand, weshalb sie schon oft zu spät zur Arbeit gekommen war.
Sie öffnete das Auto, schlug die Tür zu und raste los. Sie war nicht in der Lage auf irgendwelche Verkehrsregeln zu achten. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass ihr noch 24 Minuten und 54 Sekunden blieben, bevor Damians Leben zu Ende sein würde.

Mit quietschenden Reifen kam ihr blauer sechsjähriger VW Golf zum Stehen. Alba sprang aus dem Auto. Ihr Atem ging in unregelmäßigen Zügen. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Nie im Leben, hatte sie sich so sehr gefürchtet wie in diesem Moment.
Es war kalt und der Himmel bewölkt. Sie fror und begann zu zittern, weil sie nur die dünne Strickjacke trug. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es 16.56 war. Noch drei Minuten und 36 Sekunden.
Sie wusste, dass jetzt keine Zeit mehr zum Nachdenken blieb und hastete geradeaus auf das verlassene Gebäude zu, an dessen Wänden sich grüne Efeuranken entlangschlängelten, die zum Teil vertrocknet waren und zum Teil hellgrün leuchteten. Die rote Backsteinmauer blätterte bereits ab und in dem Haus befanden sich keine Fensterscheiben mehr.
>Damian!<, kreischte sie vollkommen panisch und wäre beinahe über einen heruntergestürzten verkohlten Deckenbalken gestolpert. Sie rannte einfach weiter und suchte mit ihrem Blick flüchtig die Räume nach einem Lebenszeichen ihres besten Freundes ab, ohne dabei für eine einzige Minute stehen zu bleiben. Mittlerweile strömten Tränen ihre Wangen hinunter und ihr war kotzübel.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Es klang wie ein unterdrücktes Schreien. Sie hörte es trotz all dem Lärm um sie herum. Zwitschernde Vögel, das Rascheln der Bäume, das Quietschen der Reifen auf der Hauptstraße, das Rauschen des Blutes in ihren Ohren, ihr klopfendes Herz und rasselnder Atem. Zitternd blieb sie auf der Stelle stehen und drehte ihren Kopf in alle Richtungen, bis sie ihn an einem Stuhl gefesselt sah. Ihr Herz machte einen Sprung. Er lebte.
Sie nahm zwei große Schritte und stand vor ihm.
>Damian.<, ihre Stimme war kaum lauter als ein Flüstern. Sie umarmte ihn so fest sie konnte und flüsterte ihm ins Ohr wie froh, sie sei, dass es ihm gut ginge und wie leid ihr tat, was sie getan hatte. Sie sagte ihm, wie leid es ihr tat, dass sie ihn in die Sache mit reingezogen hatte und sie versprach, dass sie es wiedergutmachen würde. Ihre Umarmung ging in einen erneuten Schub erleichterten Schluchzens über, der unterbrochen wurde, als sie spürte wie ihr jemand auf die Schulter tippte.
Sie zuckte zusammen und sprang auf.
Vor ihr stand ein Mann, dessen Präsenz sie so sehr verängstigte, dass sie reflexartig nach Damians Hand griff, der seit ihrem Wiedersehen noch kein einziges Wort verloren hatte. Alba schätzte, dass er einfach unter Schock stand. Sie konnte es ihm nicht übelnehmen.
Alba fühlte sich, als würde sie ihr eigenes Spiegelbild betrachten. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, dass der Mann vor ihr, ihr Vater war. Aschblondes Haar klebte platt auf seinem runden Kopf. Er hatte sogar die gleichen Gesichtszüge wie sie. Seine Augen sahen genau aus, wie ihre Augen. Der einzige Unterschied bestand in seiner Mimik, die sich erheblich von Albas unterschied. Er hatte die Lippen zufrieden gekräuselt und betrachtete seine Tochter ausgiebig, ganz so als wäre er mit ihrem Auftreten zufrieden.
>Du bist wunderschön.<, murmelte er und trat näher um ihre Wange zu streicheln.
>Lass mich in Ruhe!<, fauchte Alba und wich vor ihm zurück, ohne jedoch dabei Damians Hand loszulassen. Sie meinte einen Ausdruck von Enttäuschung auf seinem Gesicht zu erkennen, der sich jedoch schnell in eine gleichgültige Maske verwandelte, sodass es ihr unmöglich war zu sagen, woran er gerade dachte.
>Freust du dich denn nicht, deinen Vater endlich kennenzulernen?<
Alba schüttelte kaum merklich den Kopf.
>Nun. Das ist traurig, wirklich traurig. Weißt du, ich hatte darüber nachgedacht, dich leben zu lassen. Wir könnten zusammenarbeiten, aber du hast leider die falsche Entscheidung getroffen.<, er sprach ruhig. Seine Stimme war kalt wie Eis und ließ das Blut in Albas Adern gefrieren. Alba wusste nicht, ob er erwartete, dass sie etwas erwidern würde.
>Was wollen Sie von ihr?<, fragte Damian plötzlich mit fester Stimme. Er klang wie ein Roboter. Unter anderen Umständen, wäre Alba in unglaubliches Gelächter verfallen.
>Rache.<
>Rache?<, die Worte sprudelten aus Alba heraus und sie konnte es nicht verhindern. Sie war so verwirrt über die Aussage ihres Vaters, weil sie keine Ahnung hatte, worauf er hinauswollte.
>Ich werde mich an deiner Mutter rächen, Kleines.<, seine emotionslose Stimme und die Tatsache, wie er sie nannte, machten Alba nur noch wütender. Und sie verstand immer noch nicht, was all das mit ihrem Bruder zu tun haben sollte.
>Meine Mutter?<
Er inszenierte eine dramatische Pause, bevor er weitersprach. Die plötzliche Stille jagte Alba einen kalten Schauer über den Rücken.
>Sie hat einen schrecklichen Fehler gemacht.<
Alba starrte ihren Vater an, weil sie keine Ahnung hatte, was sie erwidern sollte. Außerdem fühlte sie sich absolut elendig. Ihre Hand schwitzte und klebte in Damians, trotzdem drückte sie seine Hand so fest sie konnte. Sie wusste, dass sie ihn eigentlich für das, was er getan hatte, hassen sollte, aber sie konnte es einfach nicht.
>Deine Mutter hat mir meine Tochter genommen und deswegen werde ich ihr jetzt das gleiche antun.<, Albas Vater sprach so ruhig, dass sie sich nur noch mehr vor ihm fürchtete. Ihr Herz würde jeden Moment aus ihrer Brust springen.
>Was meinen Sie damit?<, flüsterte Damian.
>Ich meine damit, dass deine kleine Freundin heute sterben wird.<
Alba schluckte und begann zu schluchzen, als sie sah, dass ihr Vater ein Messer aus seiner Jackeninnentasche hervorzog.
>Nein.<, flüsterte Alba leise. Sie suchte hilfesuchend Damians Blick, doch der starrte sie wütend an. Er schüttelte angewidert ihre Hand ab und stand vom Stuhl auf, an dem er gefesselt worden war, wobei er lässig die Fesseln um seine Hände auf den Boden gleiten ließ und eine Waffe aus seiner Hosentasche zog, die er jetzt direkt auf Alba gerichtet hielt.
Alba starrte ihn durch ihre tränennassen Augen an. Sie konnte nicht glauben, was gerade passierte und zitterte am ganzen Körper. Die Erkenntnis, dass ihr bester Freund bereit war sie zu töten, obwohl er vor wenigen Minuten noch ihre Hand hielt, und die Tatsache, dass sie ihm bis eben vertraut hatte und gekommen war, um ihn zu retten, ließen heiße Wut in ihrem Körper aufsteigen. Sie würde sowieso sterben, also konnte sie ihm vorher auch nochmal ihre Meinung sagen. Dann würde es Damian vielleicht für den Rest seines Lebens bereuen, sie umgebracht zu haben. Also öffnete sie ihren Mund um ihm alle Schimpfwörter an den Kopf zu schmeißen, die ihr einfallen würde. Aber sie brachte keinen Ton hervor.
Es war still, zu still. Es schien als wäre die Zeit stehengeblieben. Die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern, die Bäume aufgehört zu rascheln. Alles, was sie hörte waren ihre keuchenden Atemzüge.
>Du hast mich verraten, Alba. Du hast ihn UMGEBRACHT!<, sagte Damian, wobei er das letzte Wort brüllte, sodass Alba ängstlich von ihm abrückte. Damian verlor niemals die Fassung. Niemals.
>Wen?<, fragte Alba mit zitternder Stimme, obwohl sie genau wusste, von wem er sprach.
>Meinen Bruder.<
>Deinen Bruder?<, Albas Kopf dröhnte und sie befürchtete, dass sie diesem wirren Familiendrama bald nicht mehr folgen könnte.
Jetzt erhob ihr Vater wieder die Stimme.
>Ja, Süße. Agnus ist nicht nur dein Bruder gewesen.<
>Aber… wie kann das sein?<, sie kam sich total blöd vor, eine so bescheuerte Frage zu stellen, aber sie konnte es einfach nicht glauben.
>Damian ist mein Sohn.<
>Du hast Agnus im Feuer umgebracht, du verdammtes Miststück! Er ist auch mein Bruder gewesen!!<
Alba schwieg, Tränen glänzten immer noch in ihren blassblauen Augen. Das Feuer vor neunzehn Jahren, hatte sie nie beabsichtigt.
>Weißt du, wo wir hier sind?<, säuselte ihr Vater, sodass sie am liebsten aufgesprungen wäre, um ihn zu erwürgen. Doch die Erkenntnis, wo genau sie sich befand, überkam sie plötzlich und brachte sie erneut zum Schluchzen. All die Erinnerungen, die sie versucht hatte zu verbannen, kehrten mit einem gewaltigen Schlag zurück und sie wusste, dass sie diese nun niemals wieder loswerden würde.
Es war ihr altes Elternhaus. Ihr verbranntes Elternhaus.
Sie hatte die Erinnerungen daran soweit verbannt, dass sie es nicht einmal erkannt hatte, als sie aus dem Auto gestiegen war. Plötzlich machte es Sinn, dass sie genau in diesen Stadtteil gezogen war. Man kann nicht vor der Vergangenheit fliehen, sie verfolgt einen das ganze Leben lang.
Der Tag, an dem Agnus starb, war eine friedliche sternenklare Sommernacht im späten August. Ihre Mutter hatte Alba die Verantwortung übertragen, gut für ihren kleinen Bruder zu sorgen, während sie einen Termin wahrnehmen musste und Alba war so stolz gewesen. Also hatte sie das Essen für den vierjährigen Agnus aus dem Kühlschrank genommen und in der Mikrowelle aufgewärmt. Danach hatten sie sich beide in ihrer selbstgebauten Höhle aus Sofakissen und Decken versteckt, weil sie Angst hatten, allein in ihren Betten zu schlafen und viel zu aufgeregt waren, weil sie zum ersten Mal ganz allein in diesem großen Haus waren. Plötzlich war der Strom ausgefallen und Agnus hatte angefangen zu weinen und zu schreien. Aber als Siebenjährige kann man die Konsequenzen einer Handlung noch nicht wirklich abschätzen und deswegen hatte Alba sich eines der langen Kaminstreichhölzer genommen und angezündet, um ein bisschen Licht zu machen. Aber es brannte viel zu schnell ab und sie ließ es erschrocken fallen, woraufhin sich die ganze Höhle, in der beide Kinder gesessen hatten, in Sekundenschnelle in Brand setzte. Das Feuer machte Alba schreckliche Angst und sie stürzte aus dem brennenden Haus. Erst als sie draußen ankam und die warme und frische Nachtluft auf den Wangen spürte, merkte sie, dass sie Agnus zurückgelassen hatte. Sie erinnerte sich, wie sie wieder ins Haus zurückgerannt war. An das, was danach geschehen war, erinnerte sie sich nicht mehr. Aber ihr perfektes Leben war von diesem Tag an zu Ende gewesen. Ihre Mutter begann zu trinken und verfiel in tiefe Depressionen. Dass ihre Mutter sich auch selbst verletzte, realisierte Alba erst Jahre später.
Alba schluchzte und keuchte. Sie wünschte sich plötzlich, dass sie tot wäre. All der Schmerz und die Erinnerungen an das, was sie getan hatte, rissen das tiefe Loch in ihrem Herzen wieder auf und brachten all die Schuldgefühle und den Selbsthass zurück. Sie begann so laut zu schreien wie sie konnte, bis sie schließlich erschöpft zusammenbrach und sich auf dem kalten Steinboden zusammenkauerte und hoffte, dass der Schmerz aufhören würde, obwohl sie eigentlich wusste, dass sie die Vergangenheit nicht ein zweites Mal verdrängen konnte.
>Ich will sterben.<, murmelte sie leise vor sich hin.
Ihr Vater und Damian schwiegen. Sie hatten nicht mit einer derartig heftigen Reaktion gerechnet. Alba hörte wie etwas zu Boden fiel, aber sie öffnete ihre Augen nicht. Sie wollte, dass es vorbei war. Sie wollte einfach, dass alle aufhörte. Ihr Leben und damit der Schmerz.
>Alba.<, sie spürte Damians warmen Atem an ihrem Ohr. Er streichelte ihr behutsam über den Rücken und als sie ihre Augen vorsichtig öffnete, sah sie, dass er vor ihr kniete. In seinen Augen lag ein Ausdruck von ehrlicher Besorgnis und Fürsorge. Die Kälte aus seinem Gesicht war verschwunden.
>Wer bist du?<, flüsterte sie.
Damian antwortete nicht.
>Warum tust du mir das an?<, ihre Stimme klang verzweifelt und sie sah Tränen in Damians grünen Augen glänzen.
>Damian!<, die herrische Stimme ihres Vaters zerstörte den beinahe vertrauten Moment zwischen den beiden.
>Giraffenpizza.<, flüsterte Damian Alba ins Ohr, bevor er aufstand und sie hörte wie sich seine Schritte langsam auf ihren Vater zu bewegten. Alba hörte die beiden flüstern und beraten, was sie jetzt tun sollten. Aber sie hörte nicht hin. In ihrem Kopf wirbelten tausend Gedanken.
Giraffenpizza. Sie spürte wie ihr das Herz aufging und Wärme ihren ganzen Körper durchströmte. Damian war die ganze Zeit über auf ihrer Seite gewesen. Er hatte ihr geheimes Passwort benutzt, um ihr zu sagen, auf wessen Seite er stand. Die plötzliche Erleichterung ließ neue Hoffnung in Albas Körper aufsteigen. Zögernd setzte sie sich auf und starrte ihrem Vater wütend in die müden Augen. Ihr Blick war kalt und sie war bereit zu kämpfen.
>Ich bringe dich um.<, erklärte sie ihm mit fester Stimme.
Die Miene ihres Vaters blieb komplett ausdruckslos und Alba fragte sich, ob er überhaupt Gefühle hatte. Außerdem machte es sie fertig, dass sie so schwer damit zu kämpfen hatte, ihre Wut zu unterdrücken, während ihr Vater sie, scheinbar ohne jegliche Emotionen zu verspüren, anstarrte.
Alba blickte unauffällig zu Damian herüber, der kaum merklich seinen Kopf schüttelte und sein Blick sagte klar und deutlich, dass sie besser ihre Klappe halten sollte.
>Andere Menschen umzubringen liegt dir wohl im Blut. Vielleicht kommst du doch nach deinem Vater, Süße.<, die Worte ihres Vaters brachten das Fass zum überlaufen und bestätigten Alba in ihrer Entscheidung ihn zu töten.
Dann geschah alles ganz schnell. Alba brüllte ihrem Vater die abscheulichsten Schimpfwörter entgegen, die ihr in den Sinn kamen. Ihr Vater unterbrach sie nicht, auf seinem Gesicht lag ein kaltes Grinsen, dass sie nur noch wütender machte.
Damian erkannte den hungrigen Ausdruck in Albas Augen und ihr Verlangen, ihren Vater tatsächlich umzubringen. Er wusste, dass sie es jetzt todernst meinte. Also zog er seine Waffe, die er wieder vom Boden aufgehoben hatte, und drückte ab. Die Kugel traf ihren Vater direkt in die Stirn. Urplötzlich sank er zu Boden. Alba keuchte erschrocken auf.
Blut rann aus der Wunde, die eigentlich so klein war. Das Blut stoppte nicht und verteilte sich auf dem Steinboden, auf dem es schwarz aussah. Alba konnte nicht anders als direkt auf den toten Körper zu starren. Tränen stiegen ihr wieder in die Augen.
>Scheiße, Damian.<, flüsterte sie. Auch er starrte auf die Leiche, dann sah er Alba eindringlich an.
Sie betrachtete den leblosen Körper und dachte über viel zu viele Dinge gleichzeitig nach. Plötzlich drehte sich ihr der Magen um und sie erbrach vor ihre Füße. Dann sank sie zusammen und begann wieder zu weinen. Doch nicht aus Trauer um den Tod ihres Vaters.
Damian kam zu hinüber und setzte sich neben sie. Er legte seinen Arm um sie und zog Alba fest an sich. Sie weinte lange in seinen Armen und er ließ sie weinen. Er sagte nichts, sondern schwieg einfach. Es war egal, dass sie nach Erbrochenem und Schweiß roch.
Dieser Moment gehörte Alba und er wollte ihn nicht zerstören.
Nach einer Weile löste sie sich aus seiner Umarmung und sah ihn an.
>Was machen wir jetzt?<, fragte sie mit rauer und schwacher Stimme.
Damian zuckte die Schultern.
>Ich liebe dich, Alba.<, flüsterte er leise, aber sie hörte es trotzdem und sah ihn an.
>Ist es wahr, was er gesagt hat?<, fragte sie leise als Antwort.
Damian nickte und sie sah wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Es brach ihr das Herz.
>Hör zu, Alba.<
Sie sah ihn erwartungsvoll an.
>Ich möchte, dass du genau das tust, was ich dir jetzt sage, okay? Egal, was passiert.<
>Damian?<, fragte Alba irritiert.
>Versprich es mir.<
>Wovon sprichst du?<
>Alba.<, seine Worte klangen sehr eindringlich.
>Versprochen.<, erwiderte sie zögernd.
Danach schwieg Damian eine ganze Weile. Alba sah, wie sehr er sich überwinden musste, mit ihr darüber zu reden. Es fiel ihm schwer ihrem Blick standzuhalten, weshalb er sich von ihr abwandte und auf die Leiche starrte.
>Wenn all das hier vorbei ist, dann gehst du zur Polizei und sagst, dass ich ihn getötet habe. Fass die Waffe nicht an, Alba. Du hast nichts getan. Du bist ein guter Mensch, der beste Mensch, dem ich je begegnet bin.<, erklärte er mit gebrochener Stimme.
>Damian, was ist los?<
>Darf ich dich küssen?<, seine Stimme klang so verzweifelt, so sehnsüchtig.
Alba nickte einfach, ohne darüber nachzudenken, was sie tat. Sie wusste, dass ihr Halbbruder vor ihr saß und sie küsste ihn, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie auch Gefühle für ihn hatte.
Es war kein schöner Kuss. Als sich ihre Lippen berührten, wirbelten ihr tausend Gedanken durch den Kopf, weil sie genau wusste, dass sie etwas Verbotenes tat. Mit der Wärme erfüllte auch kalter Ekel ihren Körper. Und sie war froh, als es vorbei war.
Sie sah Damian in die grünen Augen, die von seinen Tränen gerötet und feucht waren.
>Danke.<, murmelte er.
Alba versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht. Sie spürte wie Damian nach ihrer Hand griff. Seine Hand war kalt und schwitzig, aber sie wehrte sich nicht. Sie sah ihn an.
Seine dunklen Locken bildeten einen schönen Kontrast zu seiner hellen Haut und den grünen Augen. Sie suchte nach Ähnlichkeiten zwischen ihnen, die sie nicht finden konnte. Seine Ohren waren groß, ihre klein. Sein Kinn kantig und ihres rund.
Sie sah, dass seine Unterlippe zitterte.
>Es wird alles gut.<, flüsterte Alba und drückte seine raue Hand fester. Sie wusste genau, dass weder sie noch Damian an ihre Worte glaubten.
>Es tut mir leid, Alba.<
>Ist schon gut.<
>Ich wollte dich nie im Stich lassen, aber ich…<, er brach ab und ließ ihre Hand los. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Es kostete ihn so viel Überwindung.
>Ich liebe dich, Alba. Das tue ich wirklich. Aber wir können nicht zusammen sein. Du bist meine Schwester.<
>Seit wann weißt du davon?<, fragte Alba.
>Nicht lange. Seit ich unseren Vater kennengelernt habe.<
>Warum hast du das getan?<
>Ich wollte dich vor ihm beschützen, weil ich vom ersten Moment an gewusst habe, wie gefährlich er war. Ich musste sicherstellen, dass er dir nichts antun kann. Und ich wollte meinen Fehler wiedergutmachen, Alba. Ich wollte… Ich musste dich im Stich lassen, damit du aufhörst mich als das wichtigste in deinem Leben zu betrachten. Wir sind die besten Freunde. Ich brachte es nicht übers Herz, dich zu verlassen, wenn du mich immer noch liebst. Es tut mir so leid, was ich getan habe. Und… Ich werde mich umbringen.<
>Du wirst dich umbringen?<
Er nickte. Alba wollte etwas erwidern, aber sie konnte nicht. Sie wusste, dass es nutzlos wäre. Sie wusste, dass Damian seine Entscheidung getroffen hatte.
Damian stand auf und hob die Waffe auf, die neben ihrem toten Vater lag. Sie war kalt und schwerer als zuvor. Er hielt sie sich gegen die Schläfe und sah Alba an. Er begann zu weinen. Alba realisierte zu spät, was passierte.
>Ich liebe dich, Alba.<
>Damian! Stop!<, rief sie und sprang auf. Aber es war bereits zu spät. Er drückte ab und sank neben ihrem Vater auf den Boden, während sich sein Blut, mit dem ihres Vaters vermischte. Alba sprang zu ihm hinüber und griff nach seinem warmen Oberkörper. Sie wiegte ihn weinend hin und her. Lange Zeit saß sie einfach da und schwieg.
>Ich liebe dich auch.<, flüsterte sie schließlich und küsste ihn zum Abschied auf die Stirn, bevor sie aufstand und ging. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber bewusst war, dass sie Damian nie mehr wiedersehen würde.
Sie fühlte sich leer. Sie wusste nicht, wer sie war. Sie spürte für eine Sekunde den starken Schmerz in ihrer Brust, darüber, dass er tot war. Es war der gleiche Schmerz wie vor neunzehn Jahren. Sie würde ihn schrecklich vermissen, aber für heute fühlte sie einfach nichts mehr. Es war viel zu viel passiert. Ihr war wieder übel und sie fragte sich, was sie tun sollte, ob es sich lohnen würde am Leben zu bleiben. Wofür sollte sie überhaupt kämpfen? Sie fühlte sich so leer und leblos. Sie hatte niemanden mehr. Sie war wieder ganz allein.
Sie fragte sich, wer sie eigentlich war und dachte über Damians Worte nach, sie sei der beste Mensch, dem er je begegnet war, während sie ihren blauen Golf zur nächsten Polizeiwache fuhr. Dort erzählte sie die Geschichte, so wie sie es Damian versprochen hatte. Sie weinte nicht mehr, während sie sprach. Sie zeigte keinerlei Emotionen und fragte sich, ob das der Grund war, weshalb ihr Vater so versteinert und kalt gewirkt hatte. Sie fragte sich, ob er etwas ähnliches durchmachen musste. Und sie hoffte so inständig, dass sie es besser machen würde als er. Dass sie nicht so werden würde wie er. Denn sie wusste ganz genau, wer sie nicht sein wollte. Sie wollte nicht ihr Vater sein. Und der Ehrgeiz, sich selbst beweisen zu wollen, dass sie ein guter Mensch war, hielt sie am Leben.

3 thoughts on “Wie der Vater so die Tochter

  1. Hey, Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen! 👏 Ich mag Deinen Schreibstil sehr gerne. Du schreibst spannend und kannst die Emotionen gut vermitteln. Die Idee finde ich kreativ und die Wendung kam überraschend. 👍 Die Geschichte wirkt lebendig und spannend. Ich habe Dir ein 🖤 da gelassen.

    Vielleicht möchtest Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, darüber würde ich mich sehr freuen! 🖤
    Liebe Grüße, Sarah! 👋 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

  2. Moin Carolyn,

    was für ein Familiendrama! 😱☺️

    Deine Geschichte startet gleich durch, ohne großes Vorgeplänkel. ZACK und man ist drin! Was als Lovestory begann endet als Tragödie.

    Dein Schreibstil ist locker ohne viele Schnörkel, du machst es den Lesern einfach deinen Gedanken zu folgen.

    Womit ich ein wenig Probleme hatte, war die Trennung der Dialoge..wer hat, wann, was gesagt. Ich glaube das kann man besser lösen, ich bin allerdings auch nicht der Dialog Fachmann.
    Ich habe aber schon ein paar Geschichten hier gelesen und bei deiner Geschichte ist mir das verstärkt aufgefallen.

    Versuch doch auch mal ein paar Geschichten zu lesen, vllt siehst du dann den Unterschied und dir wird klar was ich meine. Vllt ist das aber ja nur subjektiv.

    Das schmälerte das Leseerlebnis aber nur gering. Deine Storie hat mich dennoch gut unterhalten.

    In deiner Kurzgeschichte steckt viel Herz, dass merkt man beim lesen.

    Danke das du sie mit uns geteilt hast.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

  3. Hallo Carolyn,

    Da hast du dir aber ein Familiendrama ausgedacht. So kreativ und so viele Emotionen, die du beschreibst.
    An manchen Stellen konnte ich nicht hundert Prozent folgen – da könnte man bestimmt noch etwas optimieren.
    Aber: In deiner Geschichte geht’s direkt los, ohne viel bla bla. Das finde ich gut.

    Alles Liebe für dich und viel Erfolg,
    Jenny /madame_papilio

    Meine Geschichte heißt „Nur ein kleiner Schlüssel“. Falls du sie gerne lesen magst, dann freue ich mich über dein Feedback.

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