Rolf LindauDer Andere

11+

Rolf Lindau

Der Andere

Kurzgeschichten-Sammlung

#wirschreibenzuhause

© 2020

01573/3855241 – Der Andere

Der Zeitzünder war aktiviert.

Hauptkommissar Lipczinsky von der Weseler Kriminalpolizei war kurz vorm Explodieren.

Bleib ruhig, befahl er sich.

Er saß in einem eher spärlich ausgestatteten Verhörraum der Weseler Kreispolizeibehörde.

Ein Tisch. Darauf zwei Tassen mit dampfendem Kaffee. Kein schwarzes Automatenwasser, sondern echter Filterkaffee.

Aber auch der konnte seine Laune nicht entscheidend verbessern.

Zwei Stühle. Beide besetzt. Auf einem er, der Polizeibeamte, der sich vor einem halben Jahr aus privaten Gründen von Berlin nach Wesel hatte versetzen lassen. Er hatte weg gewollt aus der Hauptstadt, weg von der Überdosis Moloch und Gewalt. Hinein in die Beschaulichkeit, Ruhe, ja, Spießigkeit des Niederrheins. Hatte er gedacht.

Beschaulichkeit? Von wegen! Ich könnte kotzen!

Ihm gegenüber dieser Mann. Einsfünfundsiebzig „groß“, kurzes braunes Haar mit Seitenscheitel. Blassblaue Augen, die von einer braunen Brille mit Kassengestell eingerahmt wurden. Augen, die immer wieder auf den Boden starrten, als gäbe es dort etwas überaus Wichtiges zu entdecken. Schmale Lippen, die ständig aufeinander gepresst wurden. Hätte Durchschnitt eine Gestalt, würde er so aussehen wie dieser Mann, der auf den Namen Berthold Drexler hörte.

Und dieser Drexler war der Grund für Lipczinksys explosive Gemütsstimmung.

Lipczinsky rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Sein Gegenüber blieb ruhig, beinahe pathologisch.

Wollen Sie immer noch keinen Anwalt?“, fragte der Hauptkommissar genervt.

Drexler schüttelte den Kopf.

Nein, ich habe ja nichts getan. Sie werden sehen, ich bin unschuldig.“

Wie Sie wollen, Herr Drexler“, drohte Lipczinsky. Er brauchte eine Pause. Er stand auf und ging ein paar Schritte in dem Verhörraum umher. Dann lief er zu seinem Stuhl, stützte sich darauf ab und beugte seinen Oberkörper vor.

Also nochmal“, sagte er lauter als gewollt.

Sie bestreiten“, er erhob sich wieder und nahm ein Mobiltelefon hoch, das auf dem Tisch lag, „dass das hier Ihr Handy ist?“

Ja“, flüsterte sein Gegenüber.

Lipczinsky fuhr auf: „Wie bitte?“, schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Lauter! Ich habe sie nicht verstanden.“

Drexler zuckte zusammen und sah dem Beamten direkt in die Augen. Er beugte sich vor und umklammerte die Tischplatte, bis seine Knöchel rot hervortraten.

Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen“, stieß er hervor und schnaubte. „Nein, das ist nicht mein Handy.“

Der Hauptkommissar fixierte Drexlers Blick und lehnte sich ganz langsam nach vorn, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten.

Dann frage ich Sie noch mal: Wie kommen Ihre Kontaktdaten dahin?“

Drexler wand den Blick ab und zuckte mit den Schultern.

Lipczinsky erhob die Stimme: „Und wie kommen diese Videos darauf? Und wer hat sie überhaupt aufgenommen?“

Mit einem Finger aktivierte er gekonnt die erste Videoaufzeichnung und hielt Drexler das Gerät vors Gesicht.

Dieser drehte sich weg. Zu oft schon hatte er dieses Video in den letzten beiden Tagen gesehen. Die Aufnahme begann damit, dass jemand mit der Handy-Kamera einen schummrigen Raum betrat.

Da ist ja mein Goldstück!“ war eine mit Computertechnik verzerrte Stimme zu hören, gefolgt von einem irren Kichern. In einer Ecke des Raumes – vermutlich ein Kellerraum – lag eine nackte junge Frau auf einem Bett. Sie war mit Handschellen ans Bettgestell gekettet, ihr Mund mit einem breiten Klebeband geknebelt. Die Kamera war nun ganz nah an ihrem Gesicht, ihre angsterfüllten Augen weit aufgerissen. Sie versuchte zu schreien und sich zu wehren, aber außer ihrem leisen Wimmern und dem Klappern der Handschellen am Bettgestell war nichts zu hören. Sie wand sich hin und her, aber vergeblich: Sie konnte ihrem Peiniger nicht entkommen.

Nun entfernte sich die Kamera von der Frau. Plötzlich verschwand das Bild, verdeckt von einer Hand. Das Handy wurde nun an etwas befestigt, vermutlich an einem Stativ. Das Bild war nun ganz ruhig; das Bild der sich immer noch windenden Frau. Es wurde heran gezoomt, bis nur noch ihr von Panik entstelltes Gesicht zu sehen war.

Das, was nun folgte, konnte man nur erahnen. Die junge Frau wehrte sich nach Kräften, sie schmiss sich hin und her, soweit es ihr trotz der Fesseln möglich war. Ihr panisches Gesicht verschwand mehrfach aus dem Bild.

Die verzerrte Stimme des Peinigers war zu hören.

Wenn du nicht still hältst, steche ich dich auf der Stelle ab!“

Wie vom Blitz getroffen erstarrte das Opfer. In seinen Augen waren Tränen der Resignation zu sehen. Die lustvollen Laute, die der Täter kurze Zeit später von sich gab, waren eindeutig. Die gedemütigte Frau rührte sich nicht, während er sich an ihr verging.

Als er von einem Grunzen begleitet fertig wurde, ließ er von ihr ab. Die Frau weinte, ein Beben ging durch ihren Körper.

Wieder die metallen klingende Stimme außerhalb des Bildes: „Schau mal, was ich noch für dich habe, du Schlampe!“

Ein mit einem Schweinskopf maskiertes Gesicht grinste in die Kamera. Dann war plötzlich ein Skalpell zu sehen, das bedrohlich hin und her pendelte.

Das Opfer bäumte sich erneut auf, riss an seinen Handschellen und gab ein Geräusch von sich, das ein Schrei hätte werden sollen, aber zu einem jämmerlichen Wimmern erstarb.

Der Täter kannte kein Erbarmen. Wenige Sekunden später war seine Hand zu sehen, bewaffnet mit dem Skalpell. Es kam ihrer Kehle nah, immer näher, gefährlich nah. Mit einem genussvollen Stöhnen zog der maskierte Sadist das Skalpell mit einem gezielten Schnitt über die Kehle seines vor Todesangst zitternden Opfers, das sich jedoch bereits in sein Schicksal ergeben hatte.

Dann Schweigen, immer noch die erbarmungslose Aufnahme der sterbenden Frau, deren Blut die Matratze rot färbte. Und dann, kurze Zeit später das Ende der Videoaufnahme.

3 Minuten 57 Sekunden.

Lipczinsky legte das Handy langsam wieder auf den Tisch.

Ihre Kontaktdaten auf dem Handy – und Sie wissen nicht, wie die Aufnahmen dahin kommen?“ Lipczinsky beugte sich erneut zu Drexler und schrie ihm ins Gesicht: „Da passt doch ganz gewaltig was nicht, Drexler! Wollen Sie mich verarschen?“

Der Angesprochene zuckte zusammen und jammerte: „Wie oft soll ich es noch sagen: Ich weiß es wirklich nicht. Da will mir jemand was anhängen.“ Er stockte kurz und fuhr fort:

Wahrscheinlich prepaid. Mit dem Internet ist es ja wohl kein Problem, ein Handy so zu manipulieren, als wäre es meins, oder?“

Der Hauptkommissar sah ihn herablassend an: „Und wer sollte es Ihrer Meinung nach auf Sie abgesehen haben?“

Drexler zuckte mit dem Schultern. „Was weiß denn ich? Das ist doch Ihr Job, das herauszufinden.“

Lipczinsky fuhr hoch und stieß dabei den Stuhl um.

Was weiß denn ich, was weiß denn ich…Mensch, Drexler, so kommen wir doch nicht weiter. Geben Sie es doch endlich zu! Wo haben Sie sie verscharrt? Wir wissen doch beide, dass Sie die junge Frau auf dem Gewissen haben.“

Er nahm das Handy vom Tisch und hielt es in die Höhe: „Und die anderen beiden auch!“

In diesem Moment ging die Türe des Verhörraums auf und Kommissar Obasi, Lipczinskys Kollege, steckte den Kopf herein: „Chef, komm mal. Es ist wichtig.“

Lipczinsky nickte und erhob den Zeigefinger gegen Drexler, als ob er sagen wollte: Laufen Sie nicht weg!

Was gibt‘s denn?“, fragte er genervt.

Sieh mal, das ist gerade rein gekommen. Eine Vermisstenmeldung.“

Obasi reichte ihm ein Papier. Lipczinsky las Auszüge daraus laut vor: „Jennifer Biermann, 26 Jahre alt, vermisst seit vier Tagen, kam von einem Discobesuch nicht nach Hause.“

Oben mittig auf dem Papier war ein Passfoto abgebildet. Lipczinsky kniff die Augen zusammen. Dieses Gesicht würde ihn in den nächsten Wochen verfolgen. Auf Anhieb erkannte er, dass das die junge Frau aus dem Video war.

Lipczinsky blickte durch den Einwegspiegel in den Verhörraum. Wie eine Wachsfigur saß Drexler auf seinem Stuhl und starrte an die Wand.

Der Hauptkommissar biss auf die Zähne und dachte wütend: Na warte, du Stück Scheiße, ich werde dich noch zum Reden bringen!

In diesem Moment öffnete sich die Türe auf der anderen Seite des Raumes und ein Mann mit Anzug und Krawatte trat ein. Sein schwarzes Haar mit grauen Schläfen war akkurat frisiert.

Ah, Dr. Feikert!“, begrüßte Obasi ihn.

Dr. Feikert, der Kriminalpsychologe aus Duisburg, nickte.

Haben Sie schon was Neues?“, fragte er in Lipczinskys Richtung.

Drexler mauert“, war dessen knappe Antwort.

Darf ich?“, fragte Dr. Feikert, nahm die Vermisstenmeldung in eine Hand und deutete mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf Drexler.

Lipczinsky nickte wortlos.

Der Kriminalpsychologe betrat den Verhörraum und ging langsam auf Drexler zu, während Lipczinsky und Obasi sich die Vernehmung durch den Spiegel verfolgten.

Herr Drexler“, begann Dr. Feikert und streckte dem Verdächtigen seine Hand zur Begrüßung hin, der sie wortlos nahm. „Dann auf ein Neues!“

Was wollen Sie?“, fragte Drexler tonlos.

Der Psychologe hielt ihm das Blatt mit der Vermisstenmeldung vor das Gesicht.

Ihr Opfer hat jetzt einen Namen“, sagte er laut und mit kräftiger Stimme. „Jennifer Biermann, 26 Jahre alt.“

Er wedelte mit dem Blatt hin und her. „Sagen Sie hallo zu Ihrer Freundin!“

Drexler sah an die Decke.

Ich habe nichts mit Ihnen zu besprechen“, sagte er trotzig.

Ich will wieder zurück in meine Zelle.“

Dr. Feikert lehnte sich genüsslich zurück.

Nun“, begann er, „Herr Drexler, bedenken Sie: Wir haben jetzt den Namen Ihres Opfers. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir einen Zeugen finden, der sie mit Ihnen zusammen gesehen hat.“

Er formte wie beiläufig eine Rolle aus der Vermisstenmeldung und erhob sich.

Sie sind jetzt seit zwei Tagen in U-Haft. Glauben Sie mir, unsere Techniker arbeiten Tag und Nacht daran, die verzerrte Stimme zu entschlüsseln und sie Ihnen zuzuordnen. Wir stellen gerade Ihr komplettes Umfeld auf den Kopf, um den Tatort zu finden. Und wir werden auf dem Handy etwas entdecken, das Sie verrät – unter Garantie. Es wäre besser für Sie, wenn Sie gestehen.“ Er drehte sich langsam um und verließ den Verhörraum.

Gehen Sie nur, gehen Sie!“, schrie ihm Drexler hinterher. Seine Stimme überschlug sich. „Ich war das nicht. Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen!“

Er wirkt äußerlich hart, als ob er mit den Morden wirklich nichts zu tun hätte“, stellte Lipczinsky fest, als der Psychologe den Raum betrat.

Mag sein“, erwiderte Dr. Feikert, „aber lassen Sie ihn erst noch mal eine Nacht in der Zelle schmoren. Vielleicht bringt ihn das zur Vernunft.“

Obasi ergänzte: „Und wir hoffen, dass die Kriminaltechniker einen handfesten Beweis finden, der das Handy mit Drexler in Verbindung bringt.“

Dann haben wir ihn“, stellte Lipczinsky fest und ballte siegessicher seine rechte Hand zur Faust.

Die Vernehmung war beendet. Also ordnete er an:

Meyer, Baumann, kümmern Sie sich bitte um Herrn Drexler und bringen ihn wieder zurück in seine Zelle.“

Wenig später führten die zwei jungen Polizisten den Verdächtigen in seinen Haftraum.

Die schwere Zellentüre fiel krachend zu. Der Schlüssel drehte sich mehrfach im Schloss.

Drexler legte sich auf die Pritsche und sah zum vergitterten Fenster seiner Zelle hoch.

Er war sehr mit sich zufrieden. Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht.

Das hast du sehr gut gemacht, meldete sich eine Stimme in seinem Kopf. So kriegen die dich niemals klein. Sie haben keinen Beweis gegen dich in der Hand.

Er ließ die letzten Tage Revue passieren.

Drei Frauen.

Alle jung, blond und die Sünde in Person.

Ja, ja, das seid ihr alles selbst Schuld!

Normalerweise würden die so einen wie dich nicht mal aus Versehen anschauen. Sie würden dich mit Missachtung strafen. sagte die Stimme.

Um solchen Weibern Respekt einzuflößen musstest du schon, sagen wir mal, ein wenig mehr …Überzeugungsarbeit…leisten.

Die Premiere. Sein erstes Opfer, die laszive Katharina. Mein Gott, war er nervös gewesen, als er sie nachts auf dem Nachhauseweg vom Weseler Kornmarkt mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und in sein „Labor“ geschafft hatte. Aber augenscheinlich war alles glatt gegangen. Katharina wurde noch nicht einmal vermisst, diese arrogante Schlampe!

Ihm lief es noch immer heiß den Rücken herunter, wenn er an diesen seinen ersten Mord dachte. Der Moment, in dem das Leben aus der unheiligen Katharina gewichen war. Genau 3 Minuten 57 Sekunden, nachdem er die Videoaufnahme gestartet hatte – und genau so lang, wie sein Lieblings-Song „Where the wild roses grow“ von Nick Cave and the Bad Seeds dauerte.

Er lächelte erneut – mit sich und der Welt im Reinen.

Und du bist besser geworden, sagte die Stimme. Effizienter, ruhiger, kaltblütiger.

Mädchen Nummer zwei, Maggie. Grell geschminkt, kurzer Rock, hautenges Oberteil.

Mein Gott, wie kann man sich nur so obszön präsentieren!

Diese Tat war schon runder gelaufen. Er hatte sie angesprochen, als sie wie er aus dem Bus nach Bocholt ausgestiegen war.

Die jungen Dinger von heute! So spät am Abend allein unterwegs. Glauben einfach, sie wären unverwundbar. Zeit, dass ich sie eines Besseren belehre.

Er hatte sie ebenfalls mit seinem Schocker außer Gefecht gesetzt und hinter eine große Hecke auf den Parkplatz einer benachbarten Firma versteckt. Dann hatte er seinen in der Nähe geparkten Wagen geholt, um sie einzuladen.

Ha, ha, ha, einladen, das war gut!

Er liebte Doppeldeutigkeit.

Der Rest war Formsache. Ab in den Kofferraum und in sein „Labor“.

Das Video hatte die gleiche Dramaturgie wie das von Katharinas „Züchtigung“.

Exitus nach exakt 3 Minuten 57 Sekunden.

Und jetzt noch Jennifer. Das war eine Tat nahe an der Vollkommenheit gewesen. Denn er hatte fast alle Gefühle ausschalten und sich ganz auf seine Tat konzentrieren können.

Where the wild roses grow – Nick Cave and the Bad Seeds – 3 Minuten 57 Sekunden. Und tschüss!

Ja, noch besser, noch effizienter, noch schneller, noch kaltblütiger, gratulierte ihm die Stimme. Nahezu perfekt.

Drexler fühlte sich geschmeichelt. Sein Lächeln wuchs zu einem stattlichen Grinsen heran.

Du warst auf so einem guten Weg. Und jetzt das, vernahm er die Stimme.

Hörte sie sich etwa enttäuscht an?

Ich verstehe dich nicht. Warum hast du uns das angetan? Du warst mir doch etwas schuldig. Weißt du noch?

Drexlers Gesichtszüge entglitten und er nickte stumm in die Leere seiner Zelle.

Ist das dein Dank? Du hattest mir versprochen, dass du dich nicht mehr unterbuttern lässt.

Drexler kniff die Lippen fest zusammen. Ihm war klar, dass das jetzt kommen musste.

All die Jahre habe ich auf dich acht gegeben. Weisst du noch, du, immer wieder gehänselt von deinem Klassenkameraden. Ich, in der Hand einen Baseballschläger, blutig von seinem zermatschten Gesicht.

Drexler nickte erneut.

Oder du und dein tyrannischer Chef, der dich zum Gespött deiner Kollegen gemacht hat. Und ich mit dem geklauten Auto, das ihn eines Nachts zu Brei gefahren hat.

Drexler schüttelte den Kopf.

Beide Male nicht erwischt. Der Beleg unserer wunderbaren Freundschaft!

Nein, hör endlich auf!

Doch die Stimme gab nicht nach.

Versteh es endlich: Ich gehöre zu dir. Aber du hast mich all die Jahre deines Lebens unterdrückt.

Drexler begrub sein Gesicht in den Händen.

Hast du nie gemerkt, wie ich leide? Und jetzt, wo du mir endlich etwas zurück geben kannst…sitzen wir beide hier in dieser schäbigen Zelle!

Doch. Ja, ich weiß“, flüsterte Drexler. „Ich bin dir ja total dankbar für alles, was du für mich getan hast. Aber ich fürchte, ich bin doch noch nicht so weit“

Ich fürchte, ich bin doch noch nicht so weit, spottete die Stimme in seinem Kopf. Ha, dass ich nicht lache! Sieh mal, in was für eine Lage du uns dadurch gebracht hast! Ich habe dir das Handy besorgt, damit du deine Taten für uns festhältst und dir damit beweisen kannst, dass du kein Fußabtreter bist. Und was machst du? Gibst es den Bullen in der Hamminkelner Wache

Das war ich nicht“, rief Drexler abwehrend in den leeren Raum.

Konnte das sein? Dass er sie in eine solche Lage gebracht hatte? Nein, das konnte einfach nicht er gewesen sein.

Oder zumindest kann ich mich nicht mehr daran erinnern, fügte er gedanklich hinzu.

Die Stille in dem kleinen Raum tat ihm beinahe körperlich weh. Und das permanente Gemurmel der Stimme in seinem Hinterkopf.

Er hielt sich seine Ohren zu und kreischte: „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, verstehe das doch!“

Aber die Stimme ging nicht darauf ein, sondern meldete sich mit: Wie dem auch sei: Hier kann ich nicht bleiben. Du weißt genau, was die im Knast mit Frauenmördern machen. Das halte ich nicht aus.

Drexler versuchte sich zu wehren, doch schließlich gab er kleinbei.

Es gibt nur einen Ausweg…du musst…

Drexler nickte.

Ja, ich weiß.“

Schau mal, was ich dir mitgebracht habe.

Drexler griff in seine Hosentasche und holte einen Kugelschreiber hervor. Ein harmloses Werbegeschenk. Von einer Bank.

Den habe ich eben dem jungen Polizisten geklaut. Du brauchst nur…

Drexlers Gesichtsfarbe wurde kalkweiß.

Hab endlich mal die Eier und tu es – für mich. Und damit auch für dich!

Er riss den Metallclip des Kulis mit einer schnellen Bewegung ab und starrte auf das abgebrochene Ende.

Er hielt kurz inne. Noch zögerte er. Doch dann ließ er sich angesichts der ausweglosen Situation langsam auf die Pritsche sinken. So, als könne er damit das, was nun unausweichlich kommen würde, ja, kommen musste, um einige kostbare Sekunden hinauszögern.

Doch die nervige Stimme bedrängte ihn mehr und mehr: Tu‘ es, tu‘ es endlich, du Weichei!

Er sehnte sich unglaublich nach Ruhe, einfach nur nach Ruhe.

Er musste raus aus dieser unhaltbaren Situation. Weg von der Bedrohung, der Bedrängnis, die ihm sein eigenes Versagen immer und immer wieder bewusst vor Augen führte.

Es konnte nur diese eine unausweichliche Konsequenz für ihn geben.

Also fuhr er sich mit zitternden Händen mit dem rauen Ende des Clips wie mit einem Skalpell über seine Halsschlagader.

Nach einigen vergeblichen Versuchen riss sie endlich auf und das Blut entwich pulsierend aus seinem sterbenden Körper. Über die sich nun anbahnende Stille lächelte er erleichtert.

Er spürte, dass er alleine war.

Endlich, endlich wieder!

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4 thoughts on “Der Andere

  1. Lieber Rolf,
    nach deinem netten Kommentar wollte ich auch mal in deiner Geschichte vorbei schauen und ich habe es nicht bereut! Ich finde es ganz toll, wie du die Charaktere entworfen hast, sie fühlen sich lebensecht an und man hat das Gefühl, man würde sie schon ewig kennen. Es macht total Spaß deinen Schreibstil zu lesen und ich lasse dir auf jeden Fall ein Like da 🙂

    Liebe Grüße

    Elina

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  2. Hej Rolf,
    nun habe ich es auch geschafft, eine deiner Geschichten zu lesen.
    Du hast es meiner Meinung nach geschafft die Spannung bis zum Schluss zu halten. Als die Perspektive zum Täter wechselt, gibt es keine Dialoge mehr. Durch den Wechsel der beiden Identitäten im Täter und der kursiven Schreibweise wirkt es trotzdem wie eine Unterhaltung. Das hält die Spannung.
    Ich denke, du hättest noch mehr heraus holen können aus dem Plot. Vielleicht durch eine nicht zu komplexe Verschachtelung der beiden Perspektiven (Kommissar und Täter)? So ist die Geschichte relativ geradlinig und hält wenig Überraschungen breit.
    Die Erklärung für die 3 Minuten 57 Sekunden fand ich gut gelungen.
    Zwei Kleinigkeiten noch: Der Name des Kommissars ist nicht so flüssig lesbar. Manches beschreibst du sehr plakativ und auch die Beschreibung der Wut des Kommissars fand ich teilweise etwas „drüber“ – weniger ist manchmal mehr.
    Ansonsten – weiter so!
    Viele Grüße,
    calathea1787

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