AnnikaDiederichBehütet

ER

Während Eric auf den Bildschirm des Handys starrte und nicht begreifen konnte, was dort zu sehen war, geschahen drei Dinge gleichzeitig:

Ein Autofahrer hupte und eine gestresste Mutter rettete sich und den Kinderwagen samt nörgelndem Baby im letzten Moment vor einem Zusammenstoß.

Im gegenüberliegenden Haus starb eine Katze an Altersschwäche und den Schmerzensschrei der alten Dame vernahm man bis zur nächsten Kreuzung.

Eine dunkle Gestalt auf der anderen Straßenseite freute sich über die Tatsache, dass Erics Leben sehr bald zerstört werden würde.

Eric jedoch bemerkte nichts davon, sodass er einfach das Bild weiter betrachtete. Er sah sich selbst. Sich selbst und seine Schwester Ella, lachend vor ihrer Haustür. Das war genau 4 Tage her. Er konnte sich genau daran erinnern, weil Ella und er gerade das Restaurant abgeschlossen hatten, um einfach mal einen Tag blau zu machen. Sie standen vor ihrer gemeinsamen Wohnung, hatten keine Ahnung, was sie mit dem Tag anfangen sollten und waren so aufgekratzt, dass sie nur kichern konnten. Das Bild war gestochen scharf. Beide waren gut getroffen, lachend, unbekümmert – ein toller Schnappschuss, würde man meinen. Nur, dass Eric nicht den leisesten Schimmer hatte, wer das verdammte Bild gemacht haben könnte. Und auch nicht, wem das verdammte Handy, das er soeben auf dem Gehweg gefunden hatte, gehören könnte.

In diesem Moment realisierte er, dass er immer noch auf dem Boden hockte und die Welt sich weiter drehte. Er nahm das Handy an sich, hielt es jedoch weit von sich weg, wie eine scharfe Bombe, die er nicht entzünden wollte. Dann schaute Eric sich um. Wem gehörte dieses Handy?

ICH

Die Verwirrung in seinem Gesicht war geradezu köstlich und machte mich glücklich, erregte mich auf eine bisher unbekannte Art und Weise. Es machte mich verrückt nicht direkt auf ihn zuzugehen und ihn meine Rache spüren zu lassen. Sie ihm ins Gesicht zu spucken. Aber eines hatte ich in den letzten Monaten gelernt: Psychischer Schmerz ist so viel schrecklicher als physischer. Dafür lohnte es sich im Hintergrund zu stehen, leise verharrend, um dann irgendwann zuzuschlagen, wenn er am verletzlichsten wäre. Und das würde nicht lange dauern, dafür würde ich schon sorgen. Also zog ich mich in den Schatten der Platanenreihe zurück und genoss einfach nur den Ausblick. Den Ausblick auf einen völlig verwirrten und leicht ängstlichen Eric.

ER

Eric tigerte in der Wohnung auf und ab. Ella stand neben ihm, kaute auf ihren Fingernägeln. Warf immer wieder einen Blick auf das Handy auf dem Tisch. Ungläubig, aufgeregt.

„Wie viele Fotos sind es nochmal?“, fragte sie.

„Zehn. Zehn Fotos. Zehn Fotos, auf denen wir zu sehen sind, mal du allein, mal ich allein. Exakt zehn Stück!“ Erics Panik nahm zu. Er öffnete ein Fenster in der Hoffnung etwas mehr Sauerstoff erhaschen zu können.

„Es muss doch eine Erklärung dafür geben!“ Ella warf die Arme in die Luft.

„Ja und welche?“ Eric sah sie abwartend an, seine Augen bettelten förmlich nach einer logischen Erklärung.

„Pff … eine heimliche Verehrerin!“

Eric lachte nervös: „So etwas wie eine Stalkerin?“

„Warum nicht? So etwas soll es doch geben, Frauen sind auch manchmal böse.“ Ella zwinkerte ihm zu. Eric verdrehte nur die Augen.

„Was ist … was ist, wenn er es ist?“, fragte er leise.

„Was meinst du?“

„Was ist, wenn er uns gefunden hat?“

SIE

Seit Ella denken konnte, hatte sie zu ihrem Bruder aufgeschaut. Der starke, große Bruder, der sie gerettet hatte, als er 18 und sie gerade erst 8 Jahre alt war. Aus einem Haus voller Gewalt. Ihre Mutter hatte sich umgebracht, sie hatte den Schmerz, den ihr Ehemann ihr und seinem Sohn Eric angetan hatte, nie verkraftet. Und sie war zu schwach gewesen, um ihre beiden Kinder zu retten. Aber Eric war ja da gewesen. Er hatte dafür gesorgt, dass Vater ihr nichts antat, er hatte Ella beschützt und behütet. Hatte sich immer vor sie gestellt und dafür doppelt einstecken müssen. Nachdem ihre Mutter von der Brücke gesprungen war, hatte ihr Vater im Alkohol ein neues Hobby gefunden. Und eines Abends, als er mal wieder nicht gerade gehen konnte, hatte Eric Ella geschnappt und war einfach mit ihr in einen kleinen Ort mitten im Nirgendwo geflohen.

Noch immer hatte sie die letzten Worte ihres Vaters im Kopf. Seine Stimme war vom Alkohol schwer, war aber nicht weniger bedrohlich: „Ich werde euch finden und euch nach Hause bringen. Ihr gehört hier hin. Ihr gehört mir!“

Das war nun zehn Jahre her. Sie hatten nur einander, so war es schon immer gewesen. Vor einem Jahr hatte Eric ein kleines Restaurant eröffnet und damit seinen Traum erfüllt. Was konnte Ella anderes tun, als ihn darin zu unterstützen? Als erstes stellten sie einen Koch ein – Malte. Malte kochte umwerfend gut, war witzig und lebensfroh und endlich hatte Ella jemanden gefunden, bei dem sie sich mindestens genauso sicher fühlte, wie bei Eric. Hals über Kopf verliebte sie sich in ihn und als Malte vor ein paar Monaten ein Jobangebot aus einer Kochschule in Madrid bekommen hatte, musste Ella keine Sekunde überlegen. Ganz egal, wie viele Zweifel und Bedenken Eric aussprach: Sie würde mit nach Madrid kommen und endlich ihr altes Leben hinter sich lassen. Doch dann kam Malte bei einem Autounfall ums Leben und Ella war am Boden zerstört. Sie hatte die Liebe gefunden und so schnell wieder verloren. Ihr Traum von Madrid und einem neuen Leben, verpufft. Und wieder war es Eric, der für sie da war.

Ihr Vater durfte sie nicht gefunden haben. Ella trat ganz dicht an Eric heran.

„Keine Sorge, er ist es nicht, er kann es nicht sein!“ Sie legte all ihre Zuversicht in jedes Wort und strich Eric über die Wange, lächelte ihn an. Er nahm sie fest in die Arme.

„Meine kleine Ella, so unerschrocken wie eh und je.“ Eric lachte leise.

„Und bevor wir weiter über diese Fotos reden, sag mir erst, wann du mir das Geschenk geben wolltest!“ Ella strahlte Eric an.

„Welches Geschenk?“

Ella lachte: „Na das hier.“ Sie hielt ein kleines Päckchen hoch in die Luft und schüttelte es leicht. „Was ist wohl drin?“ Es war in fliederfarbenem Papier mit weißen Punkten eingeschlagen und mit einer weißen Schleife dekoriert.

„Das ist nicht von mir …“, Eric runzelte die Stirn, aber bevor er noch etwas sagen oder fragen konnte, hatte Ella das Geschenk schon aufgerissen. Ein goldener Schlüssel kam zum Vorschein.

„Hä? Ein Schlüssel?“ Ella schaute Eric fragend an.

„Ella … woher hast du das Geschenk?“ Eric sprach ganz ruhig, aber in seiner Stimme lag etwas, das Ella schaudern ließ.

„Ich hab’s eben hier auf dem Tisch gefunden. Wieso?“

„Das ist nicht von mir! Irgendjemand muss es hier deponiert haben! Wie ist er in unsere Wohnung …?“, schockiert starrte Eric auf den Schlüssel. Dann riss er ihn Ella aus der Hand und lief durch den Flur zur Haustür. Mit zitternden Fingern versuchte er ihn ins Schloss zu stecken. Nach ein paar Anläufen rutschte er ins Schlüsselloch und ließ sich drehen.

Das war zu viel für Eric. Er drehte sich um, packte Ella und schrie los. „Er ist es! Er hat uns gefunden und war hier bei uns im Haus! Ich weiß es Ella, ich bin mir sicher!“

„Beruhige dich Eric! Lass uns einfach zur Polizei gehen, ja?“

„Was? Nein! Auf keinen Fall, die haben uns damals auch nicht weiter geholfen und dann hat Mama sich umgebracht. Nein, wir sind auf uns allein gestellt.“ Erics Blick huschte aufgeregt hin und her. „Wieso der Schlüssel? Wieso schickt er uns den Schlüssel?“

Ella überlegte. „Er will uns damit zeigen, dass wir nicht vor ihm fliehen können. Dass er die Macht hat, immer zu uns kommen zu können und er uns kontrolliert. Dass wir keine Rückzugsmöglichkeit haben. Dass wir gefangen sind im eigenen Haus.“

Eric blieb stehen, starrte Ella an. Dachte über ihre Worte nach.

„Ja …“, stammelte er, „ja, das ist es.“ Dann kam Leben in ihn.

„Geh in dein Zimmer! Ich schließe deine Tür ab und du versteckst dich! Falls er wieder hier auftaucht.“ Er lief panisch umher, ergriff dann Ellas Schultern und schüttelte sie. „Hast du nicht gehört?“

„Eric! Stopp!“, rief Ella. „Du tust mir weh. Außerdem bin ich keine 8 Jahre alt mehr. In meinem Zimmer bin ich auch nicht sicherer als hier.“

„Du hast Recht! Du hast vollkommen Recht. Wir müssen umziehen.“

„Wie bitte?“

„Wir sind hier nicht mehr sicher, ich kann dich hier nicht mehr beschützen.“

„Eric, ich kann schon auf mich allein aufpassen. Ich will auf mich allein aufpassen!“

„Nein! Nein, das kannst du nicht, nicht vor ihm!“ Entsetzen stand in Erics Blick und allein der Gedanke, dass Ella auf sich allein gestellt sein könnte, erschien ihm unerträglich. Dann wurde er plötzlich ganz ruhig.

„Ich werde ihn töten müssen …“, murmelte er.

ICH

Es war sehr einfach Eric in den Wahnsinn zu treiben. Viel einfacher noch, als ich zuerst vermutet hatte. Es war gar nicht viel Aufwand nötig und so konnte ich mir einfach nur alles in Ruhe anschauen und es genießen. Seine kleine Ella, die er niemals allein lassen, die er immer noch beschützen wollte, passte wunderbar in den Plan. Beide würden zerstört werden, so viel war sicher. Es machte mir sogar ein wenig Spaß, wobei das definitiv nicht mein Motiv bei der ganzen Sache war. Nein, ich wollte Rache. Bittersüße Rache. Die Glücksgefühle, die ich soeben noch empfunden hatte, lösten sich langsam auf und machten einem anderen, viel stärkerem Gefühl Platz: Hass.

SIE

Nachdem Eric komplett ausgerastet war, hatte Ella es nur mit Mühe und Not geschafft, ihn zu beruhigen. Er wollte sie gar nicht mehr aus dem Haus lassen und schlich die ganze Zeit um sie herum. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass sie etwas abwarten würden, um zu sehen wie sich die Lage entwickelte, um sich dann um einen Krisenplan zu kümmern. Wie auch immer dieser aussehen würde …

Nun waren drei Tage vergangen und Eric fuhr bei jedem kleinsten Geräusch an die Decke und rief Ella, wenn sie es denn überhaupt einmal aus dem Haus schaffte, jede Stunde an. Wo bist du? Wann kommst du wieder? Wurdest du verfolgt?

Ella war sich nur zu 68% sicher, dass Eric sich nicht das erstbeste Messer schnappen und Amok laufen würde. Plötzlich klingelte ihr Handy und sie fuhr erschrocken zusammen.

„Ella? Ella? ELLA!“ Erics Stimme schrie hysterisch durch den Hörer, sodass die alte Dame im Bus neben Ella vorwurfsvoll und kopfschüttelnd auf das Handy starrte. Ella lächelte entschuldigend, stand auf und bahnte sich ihren Weg zur hinteren Bustür.

„Eric, was ist denn los?“

„Ella! Oh Gott sei Dank. Geht es dir gut? Wo bist du? Du musst sofort nach Hause kommen!“

Ella hörte, wie am anderen Ende der Leitung etwas zu Boden fiel und zu Bruch ging.

„Er hat uns wieder etwas geschickt. Ein neues Paket. Eines deiner Kleider. Ein Kleid! Er war hier, hier in DEINEM Zimmer!“ Ella konnte sich genau vorstellen, wie Eric mal wieder im ganzen Haus herumtigerte und krampfhaft nach einer Lösung suchte, die ihm doch nicht einfiel. Sie spürte, dass er einem Zusammenbruch nahe war.

„Also so wie du jeden Tag, wenn du mal wieder in mein Zimmer platzt und kontrollierst, was ich so mache?“ Sie versuchte die Situation mit einem Witz zu entspannen. Tatsächlich brachte es ihn kurz aus dem Konzept.

„Wenn ich … wenn ich in dein Zimmer gehe und was …? Das tut doch gar nichts zur Sache. Siehst du nicht, wie er wieder mal seine Macht ausspielt? Wie kannst du nur darüber Scherze machen?“ Jetzt hatte Ella ihn auch noch wütend gemacht.

„Ich bin mir durchaus bewusst, was er da tut. Er dringt mal wieder in unsere Privatsphäre ein. In meine Privatsphäre um genau zu sein. Und ich weiß, das ist alles andere als witzig. Wir müssen etwas unternehmen, so kann es nicht weiter gehen.“ Ella hörte ihn durch das Telefon erleichtert ausatmen.

„Endlich hast du es begriffen!“

„Das bedeutet nicht, dass wir hingehen und ihn töten werden.“ Die letzten drei Wörter flüsterte sie in den Hörer und stieg dann schnell an der nächsten Haltestelle aus, als sie bemerkte, dass sie immer noch von der alten Dame misstrauisch beäugt wurde.

ER

Als Ella zu Hause ankam, wartete Eric schon in der offenen Tür. Er packte sie grob am Arm und zog sie in die Wohnung, schleifte sie in Richtung ihres Zimmers.

„Eric, halt. Was machst du?“ Ella befreite sich aus Erics Griff und trat ein paar Schritte zurück.

„Wir müssen etwas unternehmen. Ich muss etwas unternehmen.“ Sein Blick war wirr.

„Und was du vor? Willst du mich wieder in mein Zimmer einschließen? So wie immer, wenn du nicht weiter weißt?“ Erst jetzt, nach ihren Worten schaute Eric sie richtig an und blieb stehen.

„Was soll das?“, fragte er.

„Ich habe zuerst gefragt. Willst du mich wieder einschließen?“ Ella reckte ihr Kinn nach oben, um größer zu erscheinen. Sie versuchte nicht zu zittern, sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen.

„Ella …“, Erics Stimme veränderte sich und er trat einen Schritt auf sie zu. Gleichzeitig machte Ella einen Schritt rückwärts und stieß mit dem Rücken gegen die Küchenzeile.

„Eric, ich bin nicht mehr die kleine Ella, die mit sich machen lässt, was du willst. Du musst damit aufhören. Ich bin nicht dein Eigentum. Genauso wenig wie ich Vaters Eigentum war.“

Eric lachte auf. „Ella, hör auf damit! Das kannst du ja wohl nicht vergleichen. Ich beschütze dich doch nur! Das habe ich schon immer gemacht.“

„Ich will nicht, dass du mich beschützt. Das ist außerdem kein Beschützen. Du kontrollierst mich. Du sperrst mich ein. Du lässt mich nichts machen.“

„Ella! Woher hast du das denn auf einmal? Komm her und sei vernünftig.“ Erics Stimme schwoll an.

„Eric, ist dir eigentlich bewusst, was du mir antust?“

„Hör jetzt auf!“ Eric brüllte und hob seine Hand, merkte wie immer nicht, was er da tat.

Ella atmete tief durch und sprach endlich das aus, was sie schon seit Monaten mit sich herum schleppte und sie innerlich auffraß.

„Du hast ihn umgebracht! Malte. Ich weiß es. Die Polizei hat gesagt, es war ein Unfall, aber ich kann mich noch genau daran erinnern, dass du mit Malte zusammen an seinem Auto geschraubt hast. Du hast irgendetwas daran manipuliert und weißt du auch, wieso ich mir so sicher bin?“ Eric war in seiner Haltung eingefroren. Ella sprach einfach weiter. „Weil du auch sie umgebracht hast!“ Dieses Mal war es Ella, die brüllte. „Du hast Mama umgebracht. Ich kann mich wieder an alles erinnern. Seit Maltes Tod kann ich mich an jedes verdammte, einzelne, schmerzhafte Detail erinnern. Wie wir an der Brücke standen, wie du mit ihr geredet hast, sie in die Arme genommen hast und sie dann einfach … einfach gestoßen hast. Über das Geländer. Du hast gar nicht gezögert. Du hast sie einfach geschubst. Einfach so ….“ Ellas Stimme brach. Sie glaubte, ja hoffte geradezu, dass Eric sich verteidigen würde, etwas Gegenteiliges sagte. Aber nein. Er blieb stumm. Dann, irgendwann, sprach er doch.

„Ich konnte euch nicht beide beschützen. Ich musste Prioritäten setzen. Und du warst doch noch so klein. Mutter hätte sich selber schützen sollen. Aber das wollte sie ja nicht. Also musste ich auch das regeln. Wie ich immer alles regeln muss. So konnte er ihr nicht mehr wehtun.“ Er streckte die Arme nach Ella aus. „Ich habe es für dich getan!“

Hass baute sich in Ella auf. „Du bist krank! Merkst du das nicht?! Krank!“ Sie spuckte ihm die Worte entgegen und merkte kaum, wie ihr die Tränen heiß die Wange hinunter liefen. „Wieso Malte?“ Sie traute sich kaum die Frage zu stellen, aber sie musste es von ihm hören.

„Er wollte dich mir wegnehmen. Dich mit nach Madrid nehmen. In so eine große Stadt! Weißt du, was da alles passieren kann? Wie kann ich dich da noch beschützen? Nein, nein. Das konnte ich nicht zulassen ….“

Jetzt, wo er es ausgesprochen hatte, fühlte sich Ella keineswegs besser. Eigentlich ging es ihr nur noch beschissener. Und wieder streckte Eric seine Arme nach ihr aus.

„Bitte Ella, lass uns nicht mehr darüber reden. Wir müssen jetzt zusammenhalten und Vater aufhalten!“

Da fing Ella an zu lachen. Sie lachte lauthals los, konnte sich kaum mehr einkriegen. Sie hatte Vater in dieser ganzen Situation komplett vergessen.

„Vater aufhalten? Ha!“ Ella schaute Eric tief in die Augen, ihr Hass sprühte ihm förmlich entgegen. „Wenn, dann musst du mich aufhalten.“

ICH

„Dich? Was meinst du damit?“ Eric schaute mich fragend an.

„Hast du es immer noch nicht begriffen?“, fragte ich ihn. „Das Handy, die Fotos, die Geschenke, das war ich. Ich wollte dir zeigen, was es heißt überwacht zu sein. Gefangen zu sein. Nicht frei zu sein. In Angst zu leben. Wie fühlt sich das an?“ Eric kam wieder einen Schritt auf mich zu, ungläubig. Da griff ich mir ein Messer aus dem Messerblock auf der Küchentheke.

„Bleib wo du bist. Fass mich nicht an. Du wirst mich nicht mehr einsperren, nie wieder! Ich will nicht so enden wie Mutter oder Malte.“

„Aber Ella, das ist doch nur zu deinem Schutz. Lass mich dich beschützen!“

Ich wusste nicht, wieso ich all die Jahre meine Augen davor verschlossen hatte, was Eric für ein Mensch war. Was er mir angetan hatte, wie er mich behandelte. Ich wusste es einfach nicht. Vielleicht weil ich nie etwas anderes gekannt hatte? Erst durch Malte konnte ich die Welt so sehen, wie sie wirklich war. Wie Eric wirklich war. Das ganze Kartenhaus, das Eric um mich herum errichtet hatte … zusammengebrochen. Und endlich konnte ich klar denken und sehen.

Vielleicht hatte ich es ja auch verpasst, Eric zu schützen? Hätte ich etwas tun können? Dieser Gedanke kam kurz in mir auf, war jedoch zu flüchtig, als dass ich ihn hätte greifen können. Und so wurden nur die Hassgedanken größer und größer und sie nährten meinen Wunsch nach Rache. Nach blutiger Rache. Ich würde frei sein, das erste Mal in meinem Leben. Eric trat erneut nach vorne.

Auf diesen Moment hatte ich gewartet. Mein Griff um das Messer wurde fester, entschlossener. Dann trat ich einen Schritt auf Eric zu, schaute in seine Augen … und da wusste ich es. Ich konnte ihn nicht töten, denn er war doch trotz allem noch mein Bruder. Mein Bruder! Aber ich würde niemals frei sein, wenn er da wäre und dafür hasste ich ihn. Ich wollte sein Leben zerstören, so wie er meines zerstört hatte. Nichts auf der Welt, wollte ich in diesem Augenblick mehr, da war kein Platz für andere Gedanken. Ich wollte ihn ansehen und wissen, dass er den gleichen Schmerz fühlte wie ich ihn gefühlt hatte. Und endlich wusste ich auch, was ich zu tun hatte. Es war ganz einfach. Sein Leben würde in dem Moment zusammenfallen, in dem ich ihm das nahm, was ihm am allermeisten bedeutete – mich.

Als das Messer in meinen Bauch glitt, hatte ich mit mehr Schmerz gerechnet. Und mit mehr Widerstand. Doch die menschliche Haut ist wohl viel einfacher zu durchdringen, als man denkt. Und ebenso leicht ist es, ein Leben zu beenden. Oder in diesem Fall sogar zwei. Das sah ich in Erics Augen. In dem Moment, als er realisierte, was ich tat, sich seine Lippen zu einem Schrei verzogen, den ich nicht hörte und ich mein Blut zwischen seinen Händen hervorsickern sah, als er verzweifelt und vergeblich versuchte, meine Wunde zu stillen, wusste ich es: Ich hatte mein Ziel erreicht.

1 Jahr später

ER

Eric und Mara schlenderten im Park entlang. Es war ihr viertes Date und es lief richtig gut. Mara lächelte Eric an. Sie mochte ihn und seine schüchterne Art und den Blick, wie er sie ansah. So als gäbe es nur sie auf der Welt.

Und tatsächlich gab es seit dem ersten Moment, als Eric Mara vor ein paar Wochen kennen gelernt hatte, nur noch sie. Er würde sich um sie kümmern, für sie da sein. Er würde sie beschützen – komme was wolle!

5 thoughts on “Behütet

  1. Danke für deine Geschichte. Es hat Spaß gemacht, sie zu lesen. Ich hätte mir den Showdown vielleicht etwas ausführlicher vorstellen können, Das Ende mit der neuen Freundin fand ich echt gut. Kann man einiges daraus machen, aus der ganzen Story! Liebe Grüße

  2. Hallo Annika,

    Deine Geschichte ließ sich super in einem Rutsch durchlesen, die Länge war perfekt. Ich empfand nichts als unnötig und hätte auch keine nähere Ausführung gebraucht.
    Ich bin ein Fan von Metaphern, außergewöhnlichen Vergleichen, Beschreibungen von Emotionen… Da hat mir das gewisse Etwas gefehlt, aber das ist dein Schreibstil und gut so wie er ist 🙂

    Die Idee deiner Geschichte gefällt mir wirklich gut und auch der Titel passt dazu und macht neugierig. Das Ende finde ich super, damit hatte ich erst kurz vorher gerechnet, es hätte aber etwas dramatischer gestaltet sein können. Irgendwie war es so schnell vorbei.
    Das „1 Jahr später“ find ich super. Die Geschichte hätte auch ohne das funktioniert, aber so könnte es einen zweiten Teil geben.

    Meinen Like hast du. Danke dir für die Unterhaltung.

    Alles Liebe für dich,

    Jenny /madame_papilio

    (Falls du Lust hast auch meine Geschichte zu lesen, auch da spielt ein Schlüssel eine Rolle 😁, dann findest du sie unter „Nur ein kleiner Schlüssel“)

  3. Moin Annika,

    eine tolle Geschichte die du dir für den Wettbewerb ausgedacht hast.

    Die Trennung von Sie/Er/Ich sorgt in meinen Augen für Dramatik. Wer Sie und Er ist, weiß man, aber wer ist ICH? Um diese Frage zu beantworten muß man weiterlesen und genau diese Schlüsselfrage bringt deine Geschichte voran. Gut gemacht!

    Dein Plot ist klasse und der Twist zum Ende super! Damit hätte ich nicht gerechnet.

    1 Jahr später ist genial! Ebenso wie der Einstieg in deine Geschichte. Man ist sofort mittendrin.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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