Alina-Josephine MahnertDer Freier

Schon halb schlafend schlafend schließe ich meine Wohnungstür auf. Es braucht mehrere Anläufe, bevor ich mit meinem Schlüssel das Schloss treffe und ihn drehe. Gähnend schmeiße ich den Schlüsselbund auf die Kommode neben der Tür und ziehe meine verdammten Pumps von meinen Füßen. Schon den ganzen Tag laufe ich in diesen Dingern herum. Man sollte dies als neue Foltermethode eintragen lassen! Du willst mir nichts sagen? Tja, dann musst du solange in Pumps herumlaufen, bis du gestehst! Ich schmunzel über meine eigenen obskuren Gedanken. Langsam gehe ich in die Küche, um mir ein schnelles Abendessen zu machen. Was heißen soll, dass ich nur ein Ferti-Nudelgericht in die Mikrowelle stelle. Während das Essen fröhlich am Aufwärmen ist, ziehe ich mir schnell etwas bequemes an und schminke mich ab. Auch den Pferdeschwanz werde ich endlich los. Mit dem Piepen gehe ich in die Küche zurück und Fülle endlich meinen Magen. Gleichzeitig checke meine Nachrichten. Nichts besonderes, nur Glückwünsche zu meinem letzten Artikel. Als ich geantwortet habe, Räume ich meinen Teller in die Spülmaschine und mache sie an. Mittlerweile ist sie überfüllt, da ich in den letzten Tagen zu faul war, meine ganzen Tassen und Teller zu spülen. Wenn ich aber morgen meine Tasse Kaffee haben möchte, um keine Unschuldigen zu ermorden, dann muss ich meine Faulheit endlich überwinden. Ich richte mich wieder auf, streiche mein Haar aus dem Gesicht und schlendern zurück zum Tisch, als mein Blick an meinem Handy hängen bleibt. Nein, ich korrigiere mich, an beiden Handys. Mitten auf dem Esstisch -und eigentlich wunderbar sichtbar, so dass ich mich frage, wie ich es übersehen habe- liegt ein schwarzes Smartphone. Das neueste Modell. Und darunter liegt ein pinker Zettel. Noch kann ich das Geschriebene nicht lesen. Ich bin wie erstarrt. Wie kommt es hierhin? Ich habe mir seit zwei Jahren kein neues Handy gekauft. Und ganz sicher hat mir niemand sein Handy geliehen. Und ich wohne alleine. Wie also kommt es hier in meine Wohnung? Auf meinen Esstisch? Ich schlucke die Angst herunter. Wenn ich eine Antwort möchte, darf ich keine Angst haben. Es ist ja nur ein Handy, oder? Vorsichtig nehme ich das Handy und den Zettel in die Hand. Ich schließe kurz meine Augen, bevor ich lese, was auf dem Zettel steht. Endlich traue ich mich und öffne ein Auge. Und keuche. Fast wäre mir das Smartphone aus der Hand gefallen. Ich muss mich an der Tischkante festhalten. Das darf doch nicht wahr sein! Wie hat er mich gefunden? Es war eigentlich alles perfekt…anderes Bundesland, andere Stadt, anderen Namen. Sogar mein Aussehen habe ich verändert, nur damit er mich nicht findet. Und jetzt das! Wie kam er in meine Wohnung? Ist er noch immer hier? Taumelnd eile ich durch meine Wohnung, überprüfe sämtliche Fenster, Türen, alle Schränke und dunkle Ecken, alle Versteckmöglichkeiten, sogar unter dem Bett und unter der Couch schaue ich nach. Nirgendwo sind Einbruchsspuren und versteckt hat er sich auch nirgendwo. Wir kam er hier herein. Nur ich habe den Schlüssel! Angstschweiß läuft mir den Rücken herunter. Ich bekomme Schnappatmung und muss mich hinsetzen, damit ich nicht umkippe. Beruhige dich, Sarah, denke ich mir. Es hilft dir nicht, wenn du jetzt in Panik verfällst. Er ist nicht mehr hier. Er ist nicht mehr hier. Immer und immer wieder wiederhole ich diese Worte und tatsächlich, ich beruhige mich wieder. Aber was ist, wenn…? Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf. Was wenn, er dich von außen beobachtet? Wieder rennen ich durch alle Zimmer, mache das Licht überall an und schließe die Rollläden. Keuchend lasse ich mich auf mein Bett sinken. Das Handy und den Zettel halte ich immer noch in der Hand. Mittlerweile ist der Zettel ganz zerknittert. Ungläubig lese ich die Worte noch mal: „Komm zurück in meine Arme, Baby!“ Und darunter eine Pin: 0704. Zögerlich lege ich das Papier neben mir und gebe die Pin in das Handy. Sofort entsperrt es sich und nur eine App wird sichtbar. Nervös klicke ich auf die Galerie und mehrere Bilder bauen sich auf. Ich öffne das Erste und das, was ich sehe, zieht mir wortwörtlich den Boden unter den Füßen weg. Meine Haut wird immer blasser, als ich durch die Fotos wische. Und alle zeigen dasselbe, nur zu verschiedenen Zeiten: Mich und….ihn. In eindeutiger Pose. Erinnerungen an verdrängte Zeiten steigen in mir hoch. 

 

„Nein“, schreie ich meine Eltern an. ,,Ich werde kein Jurastudium machen! Ich möchte Journalistin werden! Ist das so schwer zu verstehen?“ 

„Wir finanzieren dir das aber nicht! Du willst Journalistin werden? Ohne uns!“ Die Stimme meines Vaters war nie kälter. Meine Mutter nickt bekräftigend. Geschockt schaue ich sie an.

,,Das…das ist doch nicht euer Ernst?“ Ich weiche zurück.

,,Lebewohl, Sarah, und wehe du kommst wieder angekrochen.“ Ungläubig weiche ihr zurück und flüchten aus meinem Familienhaus. Das Zuschlagen der Tür klingt endgültig.

 

,,Hey, hübsches Mädchen. Was machst du hier so ganz alleine auf der dunklen Straße?“ Ein dunkler Audi hält neben mir und das Beifahrerfenster öffnet sich. 

Lasziv lehne ich mich herüber und antworte: „Darauf warten, dass mich ein großer, starker, gut aussehender Mann mich beschützt.“ Ich lächel und klimpere mit den Wimpern.

,,Ich könnte dich beschützen. Komm, steig ein!“ Ich öffne die Tür und setze mich elegant auf den Beifahrersitz. Als ich mich an den jungen Mann neben mir wende, bemerke ich, wie sein hungriger Blick über mein Körper wandert. Er hat eine ebenmäßige blasse Haut, die im Kontrast zu seinen ungezähmten dunklen Haaren steht. Auch seine Kleidung ist dunkel gehalten. Insgesamt vermittelten einen attraktiven und gepflegten Eindruck.

„Wie viel kostets?“

„150 die Stunde.“

„Dann musst du aber besonders gut sein, Baby.“ Langsam beugt er sich zu mir herüber fängt an, mich zu küssen. So ganz nebenbei legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel und wandert immer höher.

 

Ich musste eine Zeit lang als Prostituierte arbeiten, um mir eine eigene Wohnung leisten und mein Studium finanzieren zu können. Dabei habe ich ihn kennengelernt. Er wurde mein Stammkunde und hat immer mehr gezahlt, als notwendig war. Ich hatte immer das Gefühl, dass er mehr wollte und war schließlich froh, als ich mit der ganzen Sache aufhören konnte. Doch er konnte es nicht sein lassen. Irgendwann hat er angefangen mich zu verfolgen, mich zu stalken und irgendwann hat er mir aufgelauert und mich -es fällt mir immer noch schwer das Wort auch nur zu denken- vergewaltigt. Ich fange an zu zittern, wenn ich auch nur daran denke. Wegen seiner Besessenheit von mir, musste ich in eine andere Stadt am anderen Ende des Landes ziehen und meinen Namen ändern, um unbehelligt meine Karriere als Journalistin beginnen zu können. Angst bricht wieder in mir aus und versetzt mich in die Zeit vor meinem Umzug zurück. Ich habe mir solche Mühe gegeben, dass er mich nicht findet und dann…Was war das? Das Handy in meiner Hand vibriert und spielt dabei die Melodie von „Genie in a Bottle“ ab. Ich zucke zusammen und schreie kurz auf. Was…? Sein Name erscheint auf dem Display. Das Handy fällt mir aus der Hand. Mein Kopf ist wie leer gefegt. Was soll ich machen? Bevor ich auch nur richtig nachdenken konnte, verstummt das Teil. Meine Augen fixieren weiterhin den schwarzen Bildschirm. Vorsichtig nehme ich es wieder mit zwei Fingern und halte es wie eine widerliche Kakerlake in der Luft. Als es wieder zu klingeln beginnt zucke ich wieder zusammen, lasse das Handy aber nicht fallen. Nach einer gefühlten Ewigkeit nehme ich den Anruf entgegen und halte das Ding an mein Ohr. 

,,Na geht doch. Ich dachte schon, dass du mich ignorierst, Süße.“ Seine schmierige Stimme erklingt und lässt mein Blut gefrieren, Bis dahin war mir gar nicht bewusst,dass ein kleiner Teil von mir hoffte, dass er es doch nicht ist. Dass es sich nur um eine Verwechslung handelt. Ich öffne meinen Mund, um was zu sagen, doch kein Wort kommt über meine Lippen.

,,Bist du etwa sprachlos, Babe? Hast du mich so sehr vermisst?“ Mir wird übel. 

,,Was willst du, Adrian?“, gelingt es mir zu krächzen. 

,,Was ich will? Das weißt du gar nicht? Na gut, dann helfe ich mal deinem Gedächtnis auf die Sprünge. Weißt du noch? Wir zusammen? In Berlin? Ich will dich, Baby!“ Ich schließe meine Augen. Meine Hand krallt sich in meine Bettdecke, dass meine Knöchel weiß hervor stechen. 

,,Und wenn ich nicht bekomme, was ich will, werden die hübschen Fotos und Videos, die du gerade gefunden hast, veröffentlicht. Und das möchtest du doch nicht, oder? Deswegen schlage ich dir einen Deal vor, Liebling. Du befolgst meine Anweisungen und deinem Ruf wird nicht geschadet, haben wir uns verstanden?“ Ich schlucke. Ich sehe es vor mir. Wie sich die Zeitungen darauf stürzen werden, dass eine seriöse Journalistin sich zu so etwas hinreißen ließ. Das wird gefundenes Fressen sein. Ich werde nie wieder arbeiten können.

,,Ich frage dich das noch ein letztes Mal: Haben wir uns verstanden?“

,,Ja…“ Ich flüstere nur noch.

,,Super. Das freut mich, Süße.“ Er lacht. ,,Dann gehe mal vor die Haustür. Da wirst du nämlich ein Paket finden. Darin befindet sich eine Adresse. Und zu der wirst fahren und mir etwas besorgen. Ach ja, und vergiss nicht etwas hübsches anzuziehen. Hast du noch das sexy rote Kleid, was du bei unserem letzten Mal anhattest?“ Mit diesen Worten legt er auf. Ich spüre, wie Galle meine Speiseröhre hinauf kriecht und ich renne ins Badezimmer. Ich schaffe es gerade rechtzeitig zur Toilette, als sich ein ekelerregender Geschmack in meinem Mund breit macht und ich mir meinen Mageninhalt aus dem Leib kotze. 

 

Langsam mache ich meine Haustür auf. Das Kleid habe ich auch schon angezogen. Früher habe ich das Kleid geliebt. Ich habe mich darin wohl gefühlt. Und jetzt würde ich mir am liebsten vom Körper reißen und irgendwo verbrennen. 

Vor mir liegt auf der Fußmatte ein kleines braunes Päckchen. Seufzend nehme ich es und gehe wieder hinein. Ich stelle es in der Küche auf den Tisch und suche in den Schubladen nach einer Schere. Als ich schließlich eine gefunden habe, öffne ich mit zitternden Händen das Paket. Bevor ich einen Blick hinein werfe, hole ich noch einmal tief Luft. Was ein Fehler war, die Luft ist erfüllt von einem metallischen Geruch. Schlussendlich komme ich nicht drum herum und wage es schließlich, mir den Inhalt des Päckchens anzusehen. Und was ich sehe, dreht mir den Magen erneut um. Mein Schrei hallt in der ganzen Wohnung wider. Alles ist rot. Rot vor Blut. Die Innenwände des Päckchens, der Boden und inmitten von all dem Blut liegt eine winzige Puppe mit einer Fratze als Gesicht. Was mich zusätzlich schockt, ist das Aussehen der Puppe. Sie sieht aus wie ich! Ich atme einmal durch, damit mir nichts wieder hochkommt. Als ich noch einmal in das Päckchen schaue, entdecke ich in der Hand von der Puppe einen kleinen rot gefleckten Zettel. Vorsichtig nehme ich ihn mit spitzen Fingern heraus und betrachte ihn mit einem angeekeltem Gesicht. Mit fein säuberlicher Schrift steht eine Adresse. Wie Adrian es gesagt hatte. Wieder steigt Panik in mir auf. Was passiert jetzt? Was macht er mit mir? Ich bekomme Schnappatmung und halte mich am Tisch fest, damit ich nicht umkippe. Ich versuche meine Angst zu unterdrücken. Ich darf mich jetzt nicht von meinen Emotionen kontrollieren lassen. Wenn ich zusammenbreche, hat er gewonnen. Wie von allein strafft sich mein Körper und geht aus der Wohnung zu meinem Auto. Die Adresse gebe ich in mein Navi ein und fahre los. Wie ferngesteuert folge ich den Anweisungen, die mir die monotone Frauenstimme gibt. Ich bekomme nicht viel von der Fahrt mit. Mein Hirn setzt erst ein, als ich mein Ziel erreicht habe. Was mache ich hier? Was wird er von mir wollen? Was soll ich ihm besorgen? In dem Moment klingelt wieder das Handy. Unsicher lange ich danach und nehme den Anruf entgegen.

,,Du bist schneller da, als ich dachte, Liebling.“ Sein raues Lachen erklingt.

,,So nun weiter. Du wirst nun in das Haus gehen. Dafür klingelst du bei Langmann. Wenn er fragt, wer du bist, sagst du, dass du in meinem Auftrag hier bist.“ Damit hat er schon aufgelegt. Für eine Zeit starre ich aus der Windschutzscheibe und kann mich nicht bewegen. Irgendwann jedoch öffne ich meine Autotür und gehe mit langsamen Schritten aus das Mehrfamilienhaus zu. Neben der Tür sind mehrere Namen aufgelistet. Ich klingel bei F. Langmann. Ich schließe die Augen und hoffe, dass er nicht hier ist.

,,Hallo?“, kommt es aus der Gegensprechanlage. Sofort lasse ich die Schultern hängen.

,,Ich bin im Auftrag von Adrian hier.“ Meine Stimmer zittert. Es summt und die Tür lässt sich öffnen. Ängstlich trete ich in den Flur und bleibe kurz stehen. Das Schließen der Tür hallt durch den ganzen Hausflur und lässt mich zusammenzucken. Nachdem ich meine Panik ein wenig nieder gekämpft habe, gehe ich weiter und steige ein paar Treppen hoch bis ich an einer offenen Wohnungstür gelange. Im Rahmen steht ein breiter Muskelberg, der mich sicherlich um zwei Köpfe überragt. Sein gieriger Blick wandert über meinen Körper. Am liebsten würde ich jetzt stundenlang duschen, damit ich das Gefühl von seinen Blicken loswerde.

,,Adrian hat dich also geschickt?“ Seine Stimme hört sich an wie verwelkte Blätter im Herbst. Zögerlich nicke ich.

,,Ah, du bist wahrscheinlich seine kleine Nutte, habe ich recht?“ Bei diesen Worten erstarre ich. Entsetzt schaue ich ihn an. Was ist, wenn er mich jetzt…? Ich kann es nicht denken. Unwillkürlich fange ich an zu zittern.

,,Dafür brauchst du dich doch nicht zu schämen.“ Er lacht leise und zwinkert mir zu. ,,Ich würde dich auch nicht von der Bettkante schubsen.“ Er geht zur Seite und bedeutet mir hinein zu kommen. Ich bleibe stehen.

,,Komm, ich beiße nicht.“ Er lacht widerwärtig. ,,Na ja, es sei denn du willst es.“ Ich zucke zusammen und beeile mich, durch die Tür zu gehen. Im Vorbeigehen streicht er wie versehentlich über meinen Hintern. Erschrocken springe ich nach vorne und drehe mich zu ihm um. 

,,So, so schreckhaft. Am liebsten würde ich…“ Sein Blick verdunkelt sich. ,,Aber nein, ich habe es Adrian versprochen.“ Er seufzt. Langsam kommt er ein paar Schritte auf mich zu. Ich bleibe mit vor Angst geweiteten Augen stehen, da mir meine Füße nicht gehorchen wollen. Er beugt sich vor und ich halte die Luft an. Doch er greift nur an mir vorbei und hält mir dann zwei Pakete hin. 

,,Hier, das wollte Adrian. Bezahlt hat er schon.“ Unsicher nehme ich die Pakete und bleibe unschlüssig stehen.

,,Ich würde jetzt gehen, bevor ich es mir anders überlege und mein Versprechen an Adrian in die Luft schieße.“  Ich quieke auf, als mir die Bedeutung seine Worte klar wurde und renne wie von der Tarantel gestochen aus der Wohnung die Treppen hinunter. Erst bei meinem Auto bleibe ich stehen und hole keuchend Luft. Rennen in High Heels ist verdammt anstrengend. Ich blicke mich zum Haus um und steige schnell in meinen Audi. Kaum habe ich die Tür zugeschlagen, klingelt das Handy wieder. Wie passt er immer den Zeitpunkt ab. Beobachtet er mich? Während ich mal wieder seinen Anruf annehme schaue ich mich um.

,,Schätzchen, schön, dass du es versuchst, aber du wirst mich nicht finden, in dem du dich umsiehst.“ Ich erstarre. Was…? Wie…?

,,Danke, dass du mir das Zeug besorgt hast. Jetzt darfst du gleich zu der Adresse fahren, die ich dir gleich schicke. Und wehe, du schaust in die Pakete!“

Wieso verbietet er mir ausdrücklich, hinein zu schauen? Ich würde gerne, aber was passiert dann? Ein Ping kündigt eine neue Nachricht an. Die Adresse. Da weiß ich ganz genau, wo ich hin muss. Zitternd atme ich ein. Ich darf nicht versagen!

 

Langsam biege ich in die Auffahrt ein und nach kurzer Zeit taucht vor mir die alter Lagerhalle auf. Hier war schon seit Jahren niemand mehr. Das sieht man deutlich am Zustand des Gebäudes. In der näheren Umgebung findet man auch nichts. Das nächste Haus ist etwa anderthalb Kilometer entfernt. Vielleicht sogar mehr. Gleich werde ich ihn sehen. Wie ferngesteuert steige ich aus und gehe in das Gebäude hinein. Nach ein paar Schritten stehe ich an einem Geländer und blicke auf die Etage unter mir hinab. Da steht ein kleiner gedeckter Tisch mit Kerzen und zwei Stühlen. Der Boden ist mit Rosenblättern bestreut. Was für ein Humor Adrian hat. Rechts neben mir führt eine Treppe hinunter, die auch voller Rosenblüten ist. Mit zögerlichen Schritten steige ich die Treppenstufen hinunter und gehe auf der Tisch zu. Plötzlich erklingt Adrians Stimme.

,,Schön, dass du hierher gefunden hast, meine Liebe. Setz dich doch.“ Ich höre Schritte, die auf mich zu kommen. Alles in mir schreit danach, so weit wie möglich wegzulaufen, doch ich bleibe stehen.

,,Ich bleibe lieber stehen.“ Mir hört man meine Angst an.

,,Ach, wie schade. Aber das ist deine Sache.“ Ich höre ihn seufzen. Und dann sehe ich ihn. Langsam tritt er in den Schein der Kerzen. Er sieht genauso aus wie damals. Mein Herz rast bei seinem Anblick. 

,,Leg die Pakete bitte auf den Tisch, Liebes. Du musst sie nicht die ganze Zeit festhalten.“

Verwirrt schaue ich auf die Pakete an, die ich gegen meine Brust drücke und lege sich schnell auf den Tisch. Adrian kommt näher und öffnet die Pakete mit einem Taschenmesser und schaut hinein. Er macht einen zufriedenen Eindruck.

,,Ich danke dir, dass du so nett warst, mir die Sachen zu holen.“ Trotz meiner Angst muss ich Schnauben. Er ignoriert mich und greift in eines der beiden Pakete. Eine Pistole zum Vorschein. Ich keuche und weiche zurück.

,,Nana, du bleibst schön hier.“ Als er die Waffe auf mich hält, erstarre ich mitten in der Bewegung. 

,,Wunderbar!“ Er steckt sie sich in den Hosenbund und greift in das nächste Paket. Eine kleine Spritze holt er diesmal heraus, mit der er auf mich zukommt. 

,,Adrian…was wird das?“ Wieder weiche ich zurück.

,,Ach nichts. Du brauchst keine Angst haben. Du wirst nur eine kleine Weile schlafen.“ Ich schreie auf und drehe mich um, um wegzulaufen, doch er ist schneller. Er packt mich am Arm und bohrt mir die Spritze rein. Sofort drückt er den Kolben runter. Mein Kreischen erstirbt, als mich ein Schwindelgefühl erfasst und mein Blickfeld langsam schwarz wird. Ich merke, wie meine Beine nachgeben und zwei Arme mich auffangen.

 

Langsam wache ich wieder auf. Wo bin ich? Mir ist ganz schummrig. Irgendwie werde ich nicht richtig wach. Ich kann meine Umgebung einigermaßen wahrnehmen, aber ich kann mich nicht bewegen oder sprechen. Panik macht sich in mir breit. Was ist passiert? Über mir erkenne ich eine weiße Decke, die an ebenso weiße Wände anschließt. Neben mir scheint ein Beutel an einem Gestell wie im Krankenhaus zu stehen, an dem ein Schlauch angeschlossen ist. Wahrscheinlich führt der direkt zu einer Vene in meinem Arm. Auf einmal höre ich wie sich eine Tür öffnet und sich dann wieder schließt. Dann kommen Schritte auf mich zu bis jemand in mein Blickfeld auftaucht. Adrian. 

,,Na, wie geht es dir, Baby?“ Sorgsam prüft er den Beutel und wendet sich mir zu.

,,Ich weiß, du wirst mir nicht antworten können, aber das ist nur zu deinem Besten. Und zu meinem. Wir wollen ja nicht, dass du mich versehentlich verletzt, oder?“ Er kommt näher und mein Herzschlag beschleunigt sich. Genau wie das Piepen irgendwo neben mir, das meinen Herzschlag aufzeichnet. Er lächelt.

,,Du hast Angst, meine Teure? Die brauchst du nicht. Du weißt doch, wie wichtig du mir bist. Ich wär sehr enttäuscht, als du auf einmal verschwunden bist. Wir hatten doch so eine tolle Zeit zusammen! Und warum hast du deinen Namen geändert? Ich meine, Josie Schmidt? Dir wäre doch bestimmt etwas bessere eingefallen. Aber Sarah ist viel schöner. Es war gar nicht so einfach dich zu finden. Aber jetzt sind wir wieder vereint. Jetzt gehörst du wieder mir. Dieses Mal wirst du aber nicht abhauen können. Du bleibst bei mir, für immer! Klingt das nicht traumhaft schön?“ Ich wollte meinen Kopf schütteln, doch ich kann mich immer noch nicht bewegen. Nein! Nein! Nein! Das darf er nicht! Er wird nicht… Langsam streicht er mir über den Körper, bevor er zu mir ins Bett krabbelt und sich über mir positioniert. Er verteilt kleine Küsse auf mein Gesicht und mein Hals, greift mit seinen Händen in meine Haare. Ich kann nicht mehr atmen. Immer wieder schnappe ich nach Luft. Ein Schmerz macht sich in meiner Brust breit und ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen, die dann warm über meine Wangen laufen. Ich kann mich nicht wehren. Ich kann nicht schreien. Ich kann gar nichts machen, außer ihn machen zu lassen. Ich nehme alles wahr. Jede Berührung, jede Bewegung. Alles in mir sträubt sich dagegen. Nicht schon wieder. Nicht er. Am liebsten möchte ich schreien, um mich trete, schlagen, ihn von mir wegschubsen. Ich möchte einfach nur weg. 

Als er fertig ist und sich wieder die Hose anzieht, beugt er sich zu mir hinüber und flüstert mir ins Ohr: ,,Ich verspreche dir, ich komme wieder, Liebling.“ Ich schließe die Augen und weine stumm. Anhand seiner Schritte höre ich, wie er weggeht. Er öffnet die Tür und kurz bevor er sie wieder schließt und mich alleine lässt, erhebt er noch einmal seine Stimme.

,,Ich sollte dir vielleicht noch sagen, dass dein Verschwinden schon öffentlich ist.“ Mit einem Lachen verschwindet er. 

 

 

7 thoughts on “Der Freier

  1. Hey, Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Sie war sehr kurzweilig und ich habe sie gerne zu Ende gelesen. Am Anfang dachte ich, es wäre wieder so eine typische Stalker-Geschichte, aber sie hat sich zum Glück dann anders entwickelt. Die Geschichte ist ansprechend formuliert, jedoch sind einige Rechtschreib- bzw. Tippfehler enthalten.

    Falls Du meine Geschichte auch lesen möchtest: „Stumme Wunden“.
    Über Feedback würde ich mich freuen! 😊

    Liebe Grüße Sarah! 👋 (insta: liondoll)

  2. Moin Alina,

    wenn ich dir jetzt schreibe „ ich hasse Adrian „ dann weißt Du, daß du alles richtig gemacht hast und wenn ich dann zusätzlich noch schreibe „ Arme Sarah/Josie „ bestätigt das meine obere Aussage.

    Alina, deine Geschichte ist klasse! Super erzählt und mit einer Leichtigkeit kann man deinen Gedanken folgen. Was du uns hier präsentierst ist nicht leicht zu verdauen, aber das ist bestimmt auch nicht beabsichtigt. Du liebst es bestimmt deine Leser zu schockieren, oder?

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

  3. Liebe Alina, eher zufällig stieß ich auf Deine Story und dachte mir so: „Warum nicht?“ . Und ich wurde belohnt! Das ist ziemlich harter Stoff und das Ende ist nicht wirklich das, was man sich für die Protagonistin gewünscht hätte. Eigentlich hätte die Story mehr Likes verdient, seltsam, dass sie nicht mehr davon hat. Ein paar Flüchtigkeiten sind drin (zum Beispiel gegen Ende zwei vernachlässigte Akkusative: „Er verteilt kleine Küsse auf mein Gesicht und mein Hals.“ Korrekt muss er die Küsse auf meinEM Gesicht und meinEM Hals verteilen. Ich hoffe mal, dass das im Eifer des Gefechts geschah.

    Sonst habe ich nichts, was nicht schon moniert worden wäre.
    Meine Geschichte heißt „Die Nacht, in der das Fürchten wohnt“ und Du findest sie hier: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/die-nacht-in-der-das-fuerchten-wohnt Ich freue mich sehr, wenn Du mal vorbeischaust 🙂

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