Verena ReissDas Rätsel

David erwachte mit dröhnenden Kopfschmerzen aus einem traumlosen Schlaf. Stöhnend richtete er sich auf und fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht. Automatisch griff er mit der anderen Hand nach der Pillendose auf seinem Nachttisch. Er wusste, er sollte die Tabletten eigentlich nicht auf leeren Magen schlucken, aber die Kopfschmerzen waren inzwischen so unerträglich, dass er es kaum noch ohne Tablette aushielt. Schnell und ohne Wasser würgte er die kleine Pille hinunter. Dann riskierte er einen vorsichtigen Blick auf seinen Wecker. „Scheiße!“ David fluchte. Es war bereits nach zwölf Uhr mittags. Nicht das erste Mal, dass er so lange gepennt hatte. „Und sicher auch nicht das letzte Mal“, murmelte er leise. Wie spät war es gestern wieder geworden? Er musste sein Leben endlich in den Griff bekommen! Aber so einfach war das nicht, wenn der Schädel ständig zu explodieren drohte, einen tagsüber keinen klaren Gedanken fassen und nachts nicht schlafen ließ.

David gab sich einen Ruck und stieg aus dem Bett. Mit langsamen Schritten schlurfte er ins Wohnzimmer, wo Tom bereits auf ihn wartete. Sein Zwillingsbruder grinste ihn frisch geduscht und bereits angezogen an. „Na, du Penner? Stehst du doch noch auf?“ David ließ sich neben seinem Bruder auf die Couch fallen. Dabei stieß er versehentlich an die Kante des Wohnzimmertisches und brachte die darauf stehenden Bierflaschen zum Klirren. „Ach, sei bloß still.“, murmelte er immer noch schlaftrunken. „Habe wieder einen mords Schädel… Das kannst du dir nicht vorstellen. Ich vertrag das Bier einfach nicht mehr.“ David warf seinem Bruder einen skeptischen Blick zu. „Wie kommts eigentlich, dass du so fit bist? Du hast doch gestern auch ordentlich mitgebechert!“ Tom zuckte grinsend die Achseln „Du wirst eben alt, Bruderherz! Vergiss nicht, dass ich ganze zehn Minuten jünger bin als du! Und wahrscheinlich habe ich dazu noch die besten Eigenschaften unserer Eltern geerbt, während für dich nur noch die Reste übrig waren!“ „Ja, so wird’s sein.“, erwiderte David „Aber dafür hab ich wenigstens das gute Aussehen abgegriffen. Und übrigens,“ mit einer ausladenden Handbewegung deutete David auf das Chaos vor sich. Neben den Bierflaschen auf dem Tisch, zu denen sich noch ein halbvoller Pizzakarton gesellte, lag ein reiches Sammelsurium weiterer Flaschen, Klamotten und Papierkram auf dem Boden. „Wenn du schon so früh wach warst, hättest du dich ja wenigstens dem Chaos hier annehmen können.“ Tom zog eine Augenbraue hoch „Sorry, Bruderherz, aber das ist dein Part! Du bist diese Woche mit aufräumen dran!“ Die Erinnerung an den gemeinsam aufgestellten Haushaltsplan ließ David erneut fluchen. „Warum feiern wir eigentlich immer, wenn ich mit aufräumen dran bin?“ „Das bildest du dir nur ein! Jetzt iss erstmal was, dann geht’s dir besser! Schau, von der XXL-Party-Pizza ist noch die Hälfte übrig!“

David schnappte sich ein Stück und ließ sich die kalte Pizza schmecken. „Weißt du, ich glaube, wir werden wirklich alt“, schmatzte er zwischen zwei Bissen. „Früher haben wir die immer bis auf den letzten Rest aufgefuttert. Haben uns sogar regelmäßig ums letzte Stück gekloppt.“ „Ja, ja, der Zahn der Zeit nagt an uns allen! So!“, Tom sprang auf „Ich muss los! Will draußen ne Runde joggen und du hast hier ja erstmal genug zu tun!“ David seufzte „Ernsthaft? Erst verhöhnst du mich hier, fit wie der junge Morgen und auch noch frisch geduscht und jetzt gehst du auch noch joggen? Willst du mich verarschen? Und übrigens… Müsstest du nicht eigentlich auf der Arbeit sein?“ Tom warf David einen Blick zu, der halb amüsiert, halb mitleidig war. „Ach Bruderherz, heute ist Sonntag!“ Für einen Moment schaute David seinen Bruder ungläubig an. Konnte das sein? Konnte wirklich schon wieder Sonntag sein? Gestern war doch erst Mittwoch gewesen, allerhöchstens Donnerstag… Oder nicht? Ein leises Pochen in seinem Schädel bedeutete ihm, dass seine Kopfschmerzen bald zurückkehren würden. David vergrub seinen Kopf in den Händen. „Ernsthaft?! Das kann doch alles nicht wahr sein! Was ist nur aus mir geworden? Ich weiß nichtmal, welcher Wochentag heute ist?! Ich bin einfach nur erbärmlich! Du musst dich echt schämen, so jemanden wie mich als Bruder zu haben!“

Tom ließ sich wieder neben David auf die Couch fallen und legte seinem Bruder einen Arm um die Schulter. „Jetzt mach mal halblang! Wenn man nicht arbeiten geht, kann man schonmal den Überblick verlieren. Ging uns in den Semesterferien doch ständig so! Das ist momentan nur eine Phase! Du musst mit den Bewerbungen einfach weiter dran bleiben! Ich glaube an dich, Mann!“ Erneut stand Tom auf und ging in Richtung Flur. „Und übrigens. Ich würde mich niemals für meinen Bruder schämen! Ich wüsste ohne dich gar nicht, was ich machen sollte. Und das ist mein voller Ernst!“ David warf seinem Bruder durch seine Finger hindurch einen Blick zu. „Danke, Tom. Mir geht’s ganz genauso. Das weißt du, oder?“ „Na klar, Mann!“ Tom lachte „Gott, sind wir sentimental! Bevor das hier noch schlimmer wird, verdrück ich mich lieber! Bis später!“

David ließ sich mit einem weiteren Stück Pizza tief in die Couch sinken. Sein Bruder hatte Recht. Das war nur eine Phase. Er war so froh, dass er und Tom damals im Studium zusammengezogen waren. Kurzzeitig hatten sie es jeder in einer eigenen Bude versucht, aber dann doch nicht ausgehalten. Schließlich gingen sie seit ihrer Geburt zusammen durch dick und dünn – nun, eigentlich schon davor, wenn man es genau nahm.

David schlang die restliche Pizza herunter und machte sich dann ans Aufräumen. Er war so motiviert, wie schon lange nicht mehr. Er würde allen beweisen, dass mehr in ihm steckte. Wenn Tom zurückkam, würde ihn eine blitzsaubere Wohnung erwarten – oder zumindest eine begehbare. Und er würde weitere Bewerbungen schreiben. Vor ein paar Tagen erst hatte er eine ganz interessante Stelle entdeckt. Es war sicher noch nicht zu spät, dort mal durchzuklingeln.

Mit einem Müllbeutel und Putzhandschuhen bewaffnet, die er tatsächlich in den Tiefen einer Schublade gefunden hatte – sicher ein Geschenk von Mama – machte sich David ans Werk. Schneller als erwartet waren alle Flaschen verräumt und die Klamotten in der Waschmaschine. David, dessen Motivation sich dadurch noch gesteigert hatte, war gerade dabei, einen Haufen alter, teils noch ungeöffneter Briefe zu sortieren. „Wow, noch eine Mahnung vom Stromanbieter… Das müssen wir wirklich besser im Blick haben. Moment, was ist das?“ Unter einer Zeitung lugte etwas Schwarzes hervor. David schob die Zeitung beiseite und vor seinen Augen tauchte ein Handy auf. Es handelte sich um ein iPhone XR und war augenscheinlich in einem guten Zustand. Was David aber vor allem stutzig machte war die Tatsache, dass an dem iPhone ein Notizzettel befestigt war, auf den jemand mit eiliger Schrift „Für David“ gekritzelt hatte.

David zog das iPhone zu sich heran. So eins hätte er sich momentan unter keinen Umständen leisten können. Er hatte immer noch sein altes Samsung. War es vielleicht von Tom? Tom verdiente gutes Geld und konnte sich immer die neuesten Spielereien leisten. Zudem schwor er auf Apple, was David immer eher belächelt hatte. Aber warum dann diese Notiz? Vielleicht ein Geschenk von Tom!, schoss es ihm durch den Kopf. Das würde den Zettel erklären, aber… Warum lag das Gerät dann hier unter all dem Chaos? Einen wirklichen Reim konnte er sich nicht darauf machen. Mit einem Achselzucken nahm er das Gerät mit zur Couch und setzte sich. Tom würde bald zurückkommen, dann könnte er ihn fragen. Aber erstmal konnte er sich das Handy auch genauer anschauen. Er schaltete es ein und die PIN Eingabe ploppte auf. Mit schnellen Fingern tippte er seinen Geburtstag ein, den 19. August. Das Handy offenbarte nun eine Reihe von Apps vor einem blauen Hintergrund. Zufrieden klickte David sich durch die verschiedenen Apps. Dass sein Geburtsdatum gepasst hatte, wunderte ihn nicht. Schließlich war sein Geburtsdatum auch das Geburtsdatum von Tom und am wahrscheinlichsten war es immer noch, dass es sein Handy war.

Ein schlechtes Gewissen, in Toms Handy herumzustöbern, hatte David hingegen auch nicht. Er und sein Bruder hatten keine Geheimnisse voreinander und außerdem war da ja auch noch die Notiz. Vielleicht wollte Tom ja, dass David etwas auf dem Handy fand? Na klar! Sicher hatte er das Handy absichtlich hierhin gelegt und ihn dann an seine Haushaltspflichten erinnert! Und deshalb war er jetzt auch joggen, anstatt ihm zu helfen. Sicher sollte er sich irgendwas auf diesem Handy anschauen. „Bestimmt irgendeine Verarsche.“, lachte David leise. Sein Bruder und er spielten sich dauernd irgendwelche Streiche oder überredeten sich zu Mutproben. „Dann wollen wir doch mal sehen… Vielleicht finde ich ja sogar ein paar sexy Fotos von Lynn!“ David hatte Toms Freundin schon immer heiß gefunden.

Mit den Gedanken an Bikinifotos von Lynn klickte David auf die Galerie. Doch tatsächlich fand er hier nur ein Foto. Ein Foto von sich. Verwirrt klickte David auf das Bild. Es war irgendein Alltagsschnappschuss von ihm. Er konnte sich nichtmal erinnern, wann genau es aufgenommen worden war. Wahrscheinlich im letzten Jahr, vielleicht im Wanderurlaub., schoss es ihm durch den Kopf. Viel beunruhigender war, dass jemand das Bild bearbeitet hatte. Quer über Davids Brust stand nun in einer Schrift, die aussah, wie mit Blut geschrieben, das Wort „SCHULD“.

David runzelte die Stirn. Was sollte die Scheiße? Sehr kreativ war es jedenfalls nicht. Ist das alles, was du zu bieten hast, Tom? David schüttelte den Kopf und klickte sich weiter durch die Apps. Er blieb bei WhatsApp hängen. Auch hier gab es nur eine Konversation. Mit einer Person namens „Wahrheit“. David verdrehte die Augen. Hatte Tom die Idee aus einem schlechten Horrorfilm geklaut? Würde er ihn gleich als Horrorclown verkleidet von hinten anspringen? Er klickte auf die Unterhaltung und wie er erwartet hatte, ploppte erneut das Foto vor ihm auf. Neben dem Bild gab es nur eine weitere Nachricht. „David, du bist schuld!“

„Ja, ja… So ein Bullshit.“ David stand auf und warf das Handy auf die Couch, ohne es noch eines Blickes zu würdigen. Egal, was Tom sich dabei gedacht haben mochte, bis jetzt fand er es nicht besonders spannend. Er ärgerte sich, dass er sich nun doch von seiner Motivation hatte abbringen lassen. War das Toms Ziel gewesen? Schwer vorstellbar. Gerade er ermahnte ihn doch regelmäßig, sich an seine Bewerbungen zu setzen. Ein Stechen in seinem Kopf ließ David den Gedanken beiseiteschieben. Bald würde er die nächste Pille brauchen und vorher wollte er unbedingt noch was geschafft bekommen.

Gerade, als David den letzten Brief abgeheftet hatte, hörte er, wie die Tür aufgeschlossen wurde. „Bin wieder da!“, rief Tom aus dem Flur „Sorry, dass ich so lange weg war. Aber das Wetter war einfach herrlich! Außerdem habe ich unterwegs noch kurz mit Lynn telefoniert. Die ist mit ihren Kolleginnen auf einer Party.“ Tom seufzte „Ich bin echt froh, wenn sie aus Amerika zurück ist! Sie fehlt mir!“ Mit diesen Worten betrat er das Wohnzimmer. „Wow! Cool! Du hast ja echt viel geschafft! Super! Sieht wieder richtig wohnlich aus hier!“, „Tja,“ David erhob sich vom Fußboden. „Deine kleine Rede heute Morgen hat mich echt motiviert! Und erinnerst du dich an das Startup, von dem ich dir erzählt habe? Da hab ich heute auch schon angerufen und die Stelle ist tatsächlich noch nicht vergeben. Vielleicht kannst du nachher mal über meine Bewerbung drüber lesen?“, „Mann, Bruder! Ich bin echt begeistert!“ Tom ließ sich auf die Couch fallen. „Klar, mache ich gerne! Du wirst sehen, diesmal wird es klappen! Ich spüre es!“ David war kurz davor, seinen Bruder daran zu erinnern, dass er das bei den unzähligen anderen Bewerbungen auch schon gesagt hatte. Aber diesmal hatte er auch ein gutes Gefühl und er wollte die Stimmung nicht verderben.

„He, was ist das?“ David schreckte aus seinen Gedanken und blickte zu Tom, der das iPhone in der Hand hielt. „Wie meinst du das, was ist das? Das ist dein Handy“, Tom runzelte die Stirn. „Na, dass das ein Handy ist, seh ich wohl. Aber wem gehört das?“ David seufzte. Meinte sein Bruder wirklich, er könne ihn so einfach verarschen. „Ich sagte nicht ein Handy, sondern dein Handy. Erkennst du jetzt deine eigenen Sachen nicht mehr?“ Tom drehte das Handy in den Händen. „Sorry, aber nein. Das ist nicht mein Handy.“ „Tom“, David ließ sich neben seinem Bruder fallen „Klar ist das dein Handy. Du hast doch immer die neuesten iPhones und ich kann mir so ein Ding mit Sicherheit nicht leisten.“ Aber Tom schüttelte nur den Kopf. „Nein. Es stimmt, ich hab auch ein iPhone XR. Aber ich hab meins doch verloren. Erinnerst du dich nicht? Ich habs dir sicher erzählt. Und bisher bin ich noch nicht dazu gekommen, mir ein neues zu kaufen.“ David blickte entnervt zu seinem Bruder „Ist das dein scheiß Ernst? Wenn das ein Scherz sein soll, finde ich ihn nicht gerade witzig! Das nervt, Tom! Ich will heute Bewerbungen schreiben und mich nicht von dir verarschen lassen!“ Tom zuckte zurück „Sag mal, geht’s noch?! Warum pampst du mich denn jetzt so an? Ich will dich nicht verarschen! Und wenn, ist das noch lange kein Grund, mich so anzumachen!“ „Ach nein?“, David schrie jetzt „Und dieses scheiß Foto auf dem Handy zusammen mit dieser Nachricht, Tom? Ist das auch kein Grund für dich? Was soll ich deiner Meinung nach schuld sein? Bist du es am Ende doch Leid, mit mir zusammenzuwohnen?“ David stockte. Das letzte hatte er eigentlich gar nicht sagen wollen. Aber seit er arbeitslos war und in Toms Leben alles so glatt lief, hing dieser Gedanke wie ein Damoklesschwert über David. Was, wenn Tom irgendwann genug von ihm hatte? Wenn er ausziehen und mit Lynn zusammenziehen würde? Lange würden die zwei sich sicher nicht mehr Zeit lassen. Und er? Er hätte dann gar nichts.

David sah in Toms erschrockenes und enttäuschtes Gesicht. „Tut mir leid, Alter.“, murmelte er verlegen. „Ich – so habe ich das nicht gemeint. Es ist nur, auf dem Handy ist so ein komisches Foto.“ David nahm Tom das Handy aus der Hand, rief WhatsApp auf und gab es ihm zurück. Tom schwieg für einen Moment. „Das ist ja echt gestört.“, murmelte er schließlich. „Was soll das? Und dann noch diese Fotos.“ „Fotos?“ David sah Tom verdutzt an und schaute nun mit auf den Bildschirm. Und tatsächlich! Inzwischen waren eine weitere Nachricht und ein weiteres Bild eingegangen. „David, steh endlich zu deiner Schuld!“ stand dort und darunter wieder ein Foto von ihm. Diesmal war David sich ziemlich sicher, dass es tatsächlich im letzten Wanderurlaub entstanden war. Zum 60. Geburtstag seiner Mutter waren sie alle zusammen, seine Eltern, Tom, er und sogar Lynn, für eine Woche nach Österreich gefahren. Im Hintergrund des Fotos waren eindeutig die Berge zu sehen und das, obwohl auch dieses Foto wieder beschmiert worden war. Mit der gleichen blutroten Schrift hatte jemand eine große Fünf über David gemalt. „Fünf?“ David war ratlos. „Was soll das nun wieder?“ „Keine Ahnung.“ Tom warf David einen Seitenblick zu „Vielleicht sind die Nachrichten von Mama und du warst ein ganz böser Junge, als du fünf warst?“

Obwohl Die Situation beunruhigend war, lachten beide. „Du bist so ein Arsch, weißt du das?“ David gab seinem Bruder einen Stoß. „Aber jetzt mal im Ernst! Wer schickt mir so eine Scheiße?“ Auch Tom war wieder ernst geworden „Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Und dann auch noch diese Fotos. Die sind doch aus Tirol, oder?“ „Ja, genau das war auch mein Gedanke. Glaubst du, da hat sich jemand einfach irgendwelche Fotos von mir gegriffen?“ „Keine Ahnung, vielleicht soll das ja auch heißen, dass du dort etwas angestellt hast.“, überlegte Tom. Der Gedanke war David auch schon gekommen, er hatte ihn nur nicht laut aussprechen wollen. Hatte er irgendwas in Tirol gemacht, an das er sich nicht erinnern konnte? Er überlegte fieberhaft.

Neben seinen Eltern und Tom war nur Lynn mit im Urlaub gewesen. Aber ihr hatte er sicher nichts getan. Schließlich war sie die große Liebe seines Bruders. Und noch dazu, schoss es ihm durch den Kopf, ist sie in Amerika. Und irgendjemand muss das Handy ja hier platziert haben. Diese Erkenntnis jagte ihm einen Schauer über den Rücken. „Tom? Das – das hier ist wirklich kein blöder Streich von dir, ja?“ Tom blickte ihn ungläubig an. „Ernsthaft? Hab ich doch schon gesagt! Und außerdem, mir würde was Besseres einfallen, um dich zu pranken!“ David wusste, dass das stimmte. So etwas war nicht Toms Stil. „Gut, nun… Dann heißt das…“ „Das jemand hier drin war. Ja.“, beendete Tom seinen Gedanken „Das habe ich mir auch schon gedacht. Echt gruselig! Aber – nun – durchaus möglich. Immerhin waren wir gestern beide ziemlich gut dabei.“ David fand diese Erklärung nicht wirklich befriedigend „Ganz ohne Schlüssel? Oder glaubst du, es war jemand mit Schlüssel?“ Aber auch das machte keinen Sinn. Neben ihren Eltern hatte nur Lynn einen Zweitschlüssel. Und Lynn ist in Amerika… Oder? „Sag mal… Du hast doch heute mit Lynn telefoniert und…“ „Echt jetzt?“ Tom machte ein amüsiertes Gesicht. „David, ich weiß, was du denkst. Als dein Zwillingsbruder ist das schließlich mein Job! Aber erstens ist Lynn definitiv in Amiland und zweitens würde sie doch nicht so ne Scheiße abziehen!“ „Ja… Das glaube ich ja eigentlich auch nicht… Aber… Wer dann? Bist du sicher, dass ich sie nicht im Urlaub vielleicht mit irgendwas vor den Kopf gestoßen habe? Danach ging ja ziemlich schnell ihr Auslandsjahr los. Ach scheiße, wenn ich mich doch nur erinnern könnte!“ David rieb sich den Kopf. „Schon wieder Kopfschmerzen?“, fragte Tom besorgt. „Inzwischen ständig.“, seufzte David. „Du musst unbedingt nochmal zum Arzt! Am besten schmeißt du jetzt erstmal eine Tablette ein und haust dich was aufs Ohr! Ich schaue mir so lange mal deine Bewerbung an und um diesen Spinner…“, Tom warf das Handy erneut auf die Couch „kümmern wir uns später!“

David war einverstanden. Sein Kopf hätte eine weitere Diskussion momentan sowieso nicht zugelassen. Dankbar, dass Tom ihn zur Tablette aufgefordert hatte, ging er zurück in sein Zimmer. Schneller als üblich versank er in einem tiefen Schlaf.

David schreckte schweißgebadet hoch. Er war sich sicher, einen Schrei gehört zu haben und erst allmählich dämmerte ihm, dass er diesen wohl geträumt hatte. Merkwürdig. Er hatte lange nichts mehr geträumt. Andererseits… Ein richtiger Traum war das auch nicht gewesen. Nur ein Schrei. David konnte nicht sagen, dass er sich über diese Neuerung freute. So ließ sie ihn doch mit einem beklemmenden Gefühl der Angst zurück. Hatte das etwas mit diesem Handy zu tun? War in diesem Urlaub wirklich etwas passiert und er hatte es verdrängt?

Noch immer etwas verwirrt griff David zu seinem Handy. Er wollte sich die Urlaubsbilder ansehen. Vielleicht entdeckte er auf diesen einen Hinweis darauf, was dort passiert war und wer das Handy in seiner Wohnung platziert hatte. Leider musste David schnell feststellen, dass dieser Plan nicht erfolgreich sein würde. Auf seinem Handy befand sich kein einziges Foto aus dem Österreichurlaub. Anscheinend hatte er diese schon alle gelöscht. Weil ich etwas verdrängen wollte? David spürte ein heißes Kribbeln im Nacken. „So ein Schwachsinn!“, murmelte er „Ich lösche die Fotos doch immer regelmäßig.“ Er schüttelte über sich selbst den Kopf und suchte zum ersten Mal an diesem Tag das Bad auf. Eine kalte Dusche würde ihm gut tun und vielleicht auch seine Gedanken ordnen.

Tatsächlich fühlte sich David wesentlich besser, als er schließlich das Badezimmer verließ. Sein Bruder trat zeitgleich aus seinem Zimmer und warf ihm einen besorgten Blick zu. „Na, hast du gut geschlafen?“ „Ja, danke! War eine gute Idee von dir! Zusammen mit der Dusche fühle ich mich endlich wieder wie ein normaler Mensch!“ „Das freut mich!“ David bemerkte, dass sein Bruder immer noch bedrückt aussah. „Was ist denn los? Stimmt was nicht?“ „Nun.“ Toms Blick wanderte zur Couch. „Als du geschlafen hast, sind neue Nachrichten eingegangen. Ich habe sie mir noch nicht angeschaut, aber das Handy hat einige Male gebrummt.“ David starrte einen Moment lang von Tom zur Couch. Dann zuckte er die Achseln und schnappte sich das Handy. „Es bringt nichts, es länger aufzuschieben.“ Sagte er entschieden und öffnete WhatsApp.

Tom hatte nicht gelogen. In der Zwischenzeit waren ganze fünf neue Nachrichten eingegangen. „Es bringt dir nichts, länger vor der Wahrheit wegzulaufen“, las David die erste Nachricht laut vor. „Suche die Wahrheit und stell dich ihr!“ Danach folgte ein weiteres Urlaubsfoto. Diesmal stand dort das Wort „Sünder“. Die vierte Nachricht war wieder eine Aufforderung, die Wahrheit zu suchen. Am merkwürdigsten fand David jedoch die letzte Nachricht. Sie zeigte das Blatt eines Notizblocks. Darauf hatte jemand wild durcheinander eine Reihe an Zahlen gekritzelt und unter den Zahlen stand „Löse das Rätsel und finde die Wahrheit!“

David reichte das Handy seinem Bruder, damit er die zwei Fotos genauer betrachten konnte. „Was hältst du davon?“ fragte er schließlich, nachdem Tom lange still geblieben war. „Hm. Ich finde, jetzt passt es doch besser zu dir.“ „Wie meinst du das? Ist dir eingefallen, was ich angestellt habe?“ Tom schüttelte den Kopf. „Nein. Und das meinte ich auch nicht. Es geht mir mehr um die Art der Nachricht. Der Letzten, meine ich. Du stehst doch so auf Rätsel. Wie viele Escape-Rooms hast du inzwischen durchgespielt? Und das letzte hier, das mit den Zahlen, das könnte glatt aus so einem Raum stammen.“ David musste zugeben, dass das stimmte. Er war eine Zeit lang wie besessen von Escape-Rooms gewesen und hatte diese regelmäßig mit Freunden besucht, als er es sich noch hatte leisten können. „Und die anderen Nachrichten? Was meinst du dazu?“ „Naja, passt auch irgendwie ins Bild, oder? Alles läuft darauf hinaus, dass du ein Rätsel lösen sollst. Wenn du es gelöst hast, findest du die Wahrheit. Und davon ist der Typ anscheinend ja besessen…“

David nahm Tom das Handy aus der Hand und starrte auf die Zahlen. Normalerweise liebte er Rätsel, aber gerade fühlte sich sein Kopf absolut leer an. Kein Wunder, schließlich schien es hier um was Ernstes zu gehen. Die Frage war doch, wollte er dieses Rätsel überhaupt lösen? Wollte er die Wahrheit kennen? Immerhin warf der Typ ihm irgendwas vor. Irgendwas Schlimmes. Das machten die Worte „Schuld“ und „Sünder“ mehr als deutlich.

„Momentmal. Sünder!“ David stieß sich mit der Hand gegen die Stirn. „Das ist es!“ Er rief das Bild mit der Zahl auf. Fünf. „Was ist? Hast du schon was rausgefunden?“, fragte Tom aufgeregt. „Vielleicht“, murmelte David, während er die Google-Suche aufrief. „Was fällt dir ein, wenn du das Wort Sünder hörst?“ „Hm“, Tom überlegte „Geile Partys vielleicht? Kleiner Scherz, am ehesten wohl die Kirche, denke ich.“ „Also, mir fallen die sieben Todsünden ein…“ „Ah, ja klar!“ jetzt war es Tom, der sich die Hand vors Gesicht stieß. „Logo! Und du meinst, dass die Zahl darauf hinweist, was du angestellt hast? Gute Idee!“ „Warten wirs ab…“

David hatte einen Artikel über die sieben Todsünden geöffnet und begann zu lesen. Bei der Aufzählung der einzelnen Laster stockte er schließlich. „Und?“ drängelte Tom „Was steht da? Welches ist die fünfte?“ „Nun… Es ist… Es ist Wollust.“ Damit hatte David nicht gerechnet. Wollust? Was hatte das zu bedeuten? Er spürte, wie ihm unangenehm warm wurde. Hatte er im Urlaub was mit einem Mädchen gehabt und es verdrängt? Oder – und dieser Gedanke war wesentlich schlimmer – hatte es doch etwas mit Lynn zu tun? Hatte er sich doch an die Freundin seines Bruders rangemacht? Tom riss ihn abermals aus seinen Gedanken. „Echt? Wollust? Ausgerechnet. Das ist doch eigentlich ne sehr angenehme Sünde… Wann war der Urlaub nochmal? Im Juni, richtig? Zu der Zeit warst du doch schon von Steffi getrennt, stimmts?“ David nickte. „Schon lange. Wir haben im März Schluss gemacht.“ Sie hat im März Schluss gemacht, dachte er und spürte einen Stich in der Brust.

Mit Steffi hätte er sich seine Zukunft vorstellen können. Aber nachdem er nach dem Studium keinen Job gefunden hatte, war sie schnell genervt und schließlich weg gewesen. Tom schien seine Gedanken erraten zu haben. „Also“, sagte er fröhlicher als nötig „Dann warst du ein freier Mann! Als Single darf man wohl seinen Spaß haben! Wer glaubst du, könnte ein Problem damit haben?“ „Ich weiß nicht.“, murmelte David, mit den Gedanken noch halb bei Steffi. „Ich kann mich nichtmal erinnern, ob ich im Urlaub überhaupt eine kennengelernt habe. Ah.“ David griff sich an die Stirn. „Alles klar bei dir? Schon wieder Kopfschmerzen?“ „Leider schon. Die lassen mich nicht lange in Ruhe.“ „Soll ich dir deine Tabletten holen?“ Tom drehte sich zu Davids Zimmer. „Ne, lass mal! Ich kann mich nicht immer mit diesen scheiß Tabletten zuballern. Ich brauche jetzt einen klaren Kopf, die Tabletten machen mich nur schläfrig.“ „Gut, wie du meinst.“ Tom seufzte. „Weißt du, vielleicht sind wir mit den Todsünden doch auf dem Holzweg?“ „Wie meinst du das?“ „Nun, du kannst dich an nichts Wollüstiges erinnern, das im Urlaub passiert ist und selbst wenn. Was könnte daran so schlimm sein, dass du Monate später solche Nachrichten bekommst?“ „Vielleicht hab ich eine geschwängert.“, rutschte es David raus, bevor er den Gedanken klar fassen konnte. „Hm, möglich.“ Tom klang nicht überzeugt. „Aber mal ehrlich. Selbst wenn du ein Mädel geschwängert hättest. Die würde sich gegebenenfalls bei dir melden – klar. Aber in unsere Wohnung einbrechen, ein Handy hinterlassen und dir kryptische Botschaften schreiben? Das macht doch keinen Sinn! Und da ist nochwas…“ „Ach ja?“ David blickte seinen Bruder gespannt an. „Diese Todsünden. Ich hab noch nie gehört, dass die eine feste Reihenfolge haben… Können wir da sicher sein? Ehrlich gesagt, das einzige, was eine klare Nummerierung hat und zum Thema Sünde passt, sind meiner Meinung nach die zehn Gebote und der Verstoß gegen diese.“ „Du hast Recht!“ David konnte nicht fassen, wie offensichtlich das war. Erneut bemühte er die Google-Suche. Er rief Wkipedia auf und scrollte zur Nummerierung der einzelnen Gebote. „Nein!“ David merkte gar nicht, wie ihm das Handy aus der Hand fiel. „Nein!“ Tom kam zu seinem Bruder und packte ihn an den Schultern. „David?! David, ist alles klar bei dir?“ „Das fünfte Gebot“, David schluckte schwer „Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten.“

David ließ sich auf die Couch sinken. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Du sollst nicht töten! Hatte er jemanden getötet? Ihm wurde schlecht und in seinem Kopf hämmerte es so stark, dass er ihn am liebsten gegen die Tischplatte geknallt hätte. Er wünschte sich, er hätte das nicht gegoogelt. Er wünschte, er könnte zurück zur Wollust, die ihm nun mehr als harmlos vorkam. Selbst wenn er eine geschwängert hätte. Es gab sicherlich schlimmeres als Vater zu werden. Und sogar ein verpatztes Techtelmechtel mit Lynn wäre ihm lieber als das. Aber am meisten wünschte er sich, er hätte dieses beschissene Handy nie gefunden.

Tom setzte sich neben ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich hab nachgedacht.“, sagte er leise. „Da macht sich einer einen üblen Scherz mit dir! Egal, wer es ist. Gönn ihm diese Genugtuung nicht. Wir werfen das Handy einfach weg und gut ists.“ David lächelte leicht. Egal, wie beschissen es ihm ging, sein Bruder war immer für ihn da. Und das allein war doch alles wert. „Das ist lieb von dir Tom, aber das kann ich nicht. Irgendwer wirft mir was vor. Ich muss rausfinden, worum es geht. Sonst werde ich wahnsinnig.“ Tom seufzte schwer „Bitte. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“ Er schnappte David das Handy aus der Hand. „Dann sollten wir uns jetzt diesem Zahlenrätsel zuwenden, oder?“ Er kniff die Augen zusammen. „Alles schwer zu erkennen, so übers Handy. Ich drucke uns das Mal aus.“

Wenige Minuten später saßen die beiden erneut am Wohnzimmertisch und hielten das nun auf DINA4 ausgedruckte Foto in den Händen. „Puh, also ich seh immer noch nur einen Haufen Zahlen.“, murmelte Tom. „Ich auch. Obwohl… Warte mal.“ David beugte sich tief über das Blatt. „Ich glaube, die Zahlen haben unterschiedliche Farben! Siehst du das?“ „Hm, ne. Für mich sehen die alle blau aus.“ Auch Tom rückte nun näher an das Blatt. „Moment! Du hast Recht! Die hier sind etwas heller, als die anderen! Kann das ein Druckfehler sein?“ „Nein, ich denke nicht. Wenn man darauf achtet, ist der Unterschied doch recht gut zu erkennen.“

David schnappte sich einen Stift und umkreiste die hellblauen Zahlen. „Vier Zahlen.“ Murmelte Tom „6,3,2,0. Was haben diese Zahlen zu bedeuten?“ „Könnte ein Datum sein.“, warf David ein „Vielleicht 6.3.2020?“ „Hm. Könnte dann aber auch 3.6.2020 sein, oder?“ David seufzte. „Du hast Recht. Hm. Wir müssen sie also ordnen. He, na klar!“ Tom lachte „Na los, du Rätsel-Ass. Lass hören!“ „Na, ist doch eigentlich offensichtlich! Das wir da nicht direkt draufgekommen sind! Sieh dir die Zahlen nochmal an! Die sind alle unterschiedlich groß geschrieben. Was ist, wenn wir sie der Größe nach ordnen?“ Tom warf ihm einen anerkennenden Blick zu. „Du hast das echt drauf! Ok, wenn wir sie der Größe nach ordnen, steht dort 2, 3, 0, 6. Hm. 2.3.2006?“ David schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke eher, der 23.06., also der 23. Juni ist gemeint.“ „Verstehe… Klar! Zu der Zeit waren wir doch in Österreich! Das würde passen!“ „Ja, und außerdem…“, sagte David mit einem Blick auf den Kalender „ist Morgen der 23.06. Unfassbar, dass das schon ein ganzes Jahr her ist!“

Tom sah wieder besorgt drein. „Das gefällt mir nicht! Die Person, die das Handy hier deponiert hat, hat damit ein Jahr gewartet?! Hat sozusagen auf den Jahrestag gewartet… Das macht man doch nur, wenn man es wirklich ernst meint. Was will der Spinner bloß?“ David griff erneut nach dem Blatt. „Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Wir sollen die Wahrheit finden. Die Wahrheit, über den 23.06. Und ich glaube, ich weiß auch schon wie!“ Tom war nun endgültig verblüfft. „Was? Klär mich auf! Was ist jetzt wieder an mir vorbeigegangen?“ David deutete auf die dunkelblauen Zahlen. „Ich glaube, diese Zahlen könnten der Größe nach geordnet Koordinaten sein. Nein, eigentlich bin ich mir da ziemlich sicher. Und es würde ja auch passen! Wir sollen die Wahrheit finden. Und um etwas zu finden, muss man den Ort kennen, an dem es versteckt ist.“ Tom verzog das Gesicht. „David. Vielleicht ist es nun doch Zeit, damit aufzuhören. Hier in unserer Wohnung Detektiv zu spielen ist das eine… Aber Koordinaten? Was, wenn da wirklich ein Ort bei rauskommt? Dann willst du doch nicht wirklich da hin? Vielleicht sollten wir…“ „Ich muss da hin!“ unterbrach ihn David. „Hör mal, ich hab auch kein gutes Gefühl bei der Sache! Aber ich spüre, dass wir auf der richtigen Spur sind! Bitte Tom, ohne dich schaffe ich das nicht!“ Tom fluchte leise, dann stand er auf. „Gut, ich hole meinen Laptop. Da können wir uns das alles in Ruhe über Google Maps angucken.“

David wusste nicht, wie er sich fühlen sollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann es ihm je so elend gegangen war. Auf der anderen Seite schärfte sein ansteigender Adrenalinpegel sein Bewusstsein und sein Kopf fühlte sich so klar an, wie lange nicht mehr. Tom war gerade dabei, die Koordinaten einzugeben. Schließlich klickte er auf „suchen“ und beide starrten gespannt auf den Bildschirm. „Mein Gott.“, flüsterte Tom. „Du hattest Recht. Es sind Koordinaten. Sieh dir das an! Das ist Tirol!“ „Scroll mal etwas näher ran. Ich will wissen, welcher Ort das genau ist!“ David starrte wie gebannt auf den Bildschirm, als sich ihm das offenbarte, was er befürchtet hatte. Die Koordinaten wiesen zu einem Friedhof.

Ein lauter Knall löste David aus seiner Starre. Tom hatte den Bildschirm zugeknallt. „Das ist doch krank!“ stammelte er. „Egal, wer diese Scheiße mit dir abzieht, der bekommt es mit mir zu tun!“ David lächelte „Danke Tom“, flüsterte er leise. „Wie kannst du so ruhig bleiben?“ Tom schrie nun „Das ist doch krank und pervers!“ David zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, habe ich nichts anderes erwartet. Schließlich geht es um einen Mord. Was ist da naheliegender als ein Friedhof?“

Er erhob sich von der Couch. „Wo gehst du hin?“ Tom war ebenfalls aufgestanden. „Ich werde jetzt schlafen gehen, Tom. Ich habe Morgen eine lange Fahrt vor mir.“ „Was?“ Tom hielt David am Arm fest. „Das kann nicht dein Ernst sein?! Du willst nach Tirol fahren?!“ „Ja, ich muss. Und zwar Morgen. Du hast es richtig erkannt. Wer immer mir das geschickt hat, hat den Jahrestag abgewartet. Die Botschaft ist eindeutig. Ich muss genau Morgen dort sein.“ „Und- und wenn das eine Falle ist?“, stammelte Tom. „Ehrlich gesagt, gehe ich sogar davon aus. Aber ich muss es wissen, Tom. Ich muss wissen, wer in diesem Grab liegt.“ „Gut.“ Tom nickte. „Dann gehe ich jetzt auch ins Bett. Ich komme mit dir. Wir stehen das zusammen durch!“ „Danke, Tom!“ David war für einen Augenblick so erleichtert, dass er alles andere vergaß. Er wusste, dass Tom mitgekommen wäre, wenn er ihn darum gebeten hätte. Aber dass er ihn nicht bitten musste, zeigte ihm wieder einmal, wie stark das Band zwischen ihnen war.

Am nächsten Morgen standen beide Brüder früh auf. David hatte wieder furchtbar schlecht geschlafen und wieder war er sicher gewesen, diesen schrecklichen Schrei zu hören. Sie genehmigten sich ein schnelles, schweigsames Frühstück und David sehnte sich nach einer Tablette. Doch diese hatte er gestern in einem Anflug des Übermuts in die Toilette gekippt. Nun musste er so versuchen, den Tag – und vor allem die Fahrt – zu überstehen. Tom hatte sich aufgrund seiner ständigen Raserei drei Monate Fahrverbot eingehandelt, er würde somit die gesamte Strecke alleine bewältigen müssen. Nein, nicht alleine, dachte David. Auch wenn er fuhr, sein Bruder würde bei ihm sein. Wieder durchfloss ihn ein ungemeines Gefühl der Dankbarkeit. Wie das Leben wohl ohne Zwilling aussah? „Bereit, großer Bruder?“ David nickte Tom zu. „Lass uns starten!“

Auch die stundenlange Autofahrt verbrachten die Brüder angespannt und meist schweigend. Beiden war klar, dass sie sich mit nichts ablenken konnten und über das, was vor ihnen lag, wollten sie schon gar nicht sprechen.

Schließlich verkündete das Navi, dass sie am Ziel waren. David fuhr auf den kleinen Friedhofsparkplatz und sprang aus dem Auto. Mit zitternden Fingern umklammerte er das Handy. Es würde ihn zur genauen Stelle lotsen und zeitgleich brauchte er es, falls sich die mysteriöse Person melden würde. Seit gestern waren keine neuen Nachrichten mehr gekommen. Der Absender schien zuversichtlich zu sein, dass David das Rätsel hatte lösen können. Das sprach für jemanden, der ihn gut kannte. Nur wer…? Jedenfalls war sich David sicher, dass die Person sich melden würde, sobald er das richtige Grab gefunden hatte. Entweder über das Handy oder in persönlicher Form… Gerade mit dem Gedanken an Letzteres war er froh, Tom dabei zu haben. So waren sie immerhin zu zweit. Außerdem hatte er seinen Schlagstock eingesteckt. Nur für alle Fälle.

Wieder schien Tom seine Unruhe gespürt zu haben. David spürte den sanften Druck seiner Hand auf der Schulter, so wie Tom es immer bei ihm tat, um ihm die Angst zu nehmen. „Noch können wir umkehren, David. Wir können einfach wieder nach Hause fahren.“ David drückte Toms Hand „Lass es uns einfach hinter uns bringen!“ Und bevor er es sich selbst ausreden konnte, kratzte David all seinen Mut zusammen und betrat den Friedhof.

Schweigend schritten die Brüder die Reihen der Gräber ab. David sah immer wieder zu allen Seiten, versuchte eine Person auszumachen. Doch sie schienen an diesem verregneten Sommernachmittag die einzigen Besucher zu sein. Das musste nichts heißen. Das wusste er. Die Person konnte sich immer noch über das Handy offenbaren. Oder er versteckt sich hinter einem der Grabsteine und springt raus, wenn wir nicht damit rechnen. David lief ein Schauer über den Rücken. Er wand seinen Blick wieder dem Handy zu. Gleich hatten sie die Stelle erreicht. Nur noch vorne links und dann…

David stand vor einem weißen Grabstein. Der Stein machte einen gepflegten, recht neuen Eindruck. Er war insgesamt schlicht gehalten, nur am linken, unteren Rand befand sich ein geschwungenes Kreuz. David fand ihn fast hübsch, soweit man einen Grabstein hübsch finden konnte. Aber er versetzte ihm auch einen unangenehmen Stich in der Brust. Jetzt würde er die Wahrheit finden, das wusste er.

Davids Blick wanderte zu der Inschrift. Für einen Moment starrte er auf die einzelnen Buchstaben, unfähig, ihre Bedeutung zu verstehen. Das, was dort stand, ergab keinen Sinn. David schüttelte den Kopf und versuchte es nochmal. Doch die Inschrift änderte sich nicht. In großer, geschwungener Schrift stand dort: Tom Neumüller. Geboren am 19.08.1992, gestorben am 23.06.2019. Geliebter Sohn, geliebter Bruder. Nur ein Teil von dir ist uns vorausgegangen. Der andere ist noch hier bei uns.

„Ha!“, David hatte laut aufgelacht. „Hahaha! Siehst du das, Tom? Sieh dir das an!“ David blickte sich zu seinem Bruder um, doch. „Tom?!“ David schrie jetzt. „Tom, wo bist du? Tom?!“ Panik stieg in David auf. Wild drehte er sich in alle Richtungen, doch Tom war verschwunden. „Tom?! Nein! Tom!“ David fing an zu weinen. Er ließ sich auf den Boden vor das Grab fallen. „Tom! Bitte, Tom! Nein! Nein!“ David schrie Toms Namen, bis er nicht mehr konnte. Das alles musste ein Albtraum sein. Er wünschte es sich so sehr. Doch er wusste, dass es kein Traum war. Er hatte die Wahrheit gesucht und er hatte sie gefunden. Sein Bruder war tot.

Nach langer Zeit – David wusste nicht, ob es sich um Stunden oder Jahre gehandelt hatte – erhob er sich. Wie in Trance zog er das Handy aus seiner Hosentasche und stellte resigniert fest, dass neue Nachrichten eingegangen waren. „Nun kennst du die Wahrheit.“, stand dort. „Zumindest einen Teil.“ Und wieder eine Abfolge von Koordinaten. David raffte sich auf. Er hatte schon das schlimmste erfahren. Sein Bruder war tot und er alleine. Nichts konnte schlimmer sein, als diese Erkenntnis.

Er ließ sich in sein Auto fallen und gab die neuen Koordinaten ein. Das Ziel lag eine gute halbe Stunde entfernt. Als David angekommen war, war ihm als ob nur Sekunden und auch Jahre vergangen waren. Er kannte diesen Ort. Eine Anhöhe, mit einer fantastischen Aussicht ins Tal, aber an der Klippe ging es steil nach unten. David stieg aus dem Auto. Er fühlte sich, als ob ihn jemand anderes steuern würde, als er auf den Abgrund zuging. Und endlich. Endlich kamen seine Erinnerungen zurück.

***

„Schön, dass wir endlich mal Zeit zu zweit verbringen!“ David grinste Tom an. „Schau her, was ich für einen coolen Ort entdeckt habe! Hier können wir endlich in Ruhe unser Bierchen trinken!“ Tom lächelte ebenfalls, doch es wirkte gezwungen. „Ja, echt cool hier.“ „Alles gut, Mann?“ David sah seinen Bruder besorgt an. „Du hast doch was? Jetzt sag schon, worüber wolltest du mit mir sprechen?“ „Nun, es ist so…“, Tom seufzte. „Ach David, scheiße, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ David kniff seinen Bruder in den Arm „Muss ja ganz schön ernst sein!“, lachte er „Jetzt spucks schon aus!“ „Nun, es geht um Lynn… Du weißt, ich liebe sie. Sie ist die Frau meiner Träume.“ „Jaaa“ David verdrehte die Augen. „Das weiß ich doch! Lynn ist echt ne klasse Frau! Aber müssen wir jetzt ernsthaft hier über Lynn reden? Ich hab mich so gefreut, dass wir mal wieder unter uns sind und…“ „Ja“, unterbrach ihn Tom „Wir müssen über Lynn reden, David. Ich… Lynn und ich werden heiraten. Ich habe ihr gestern einen Antrag gemacht und sie hat ja gesagt.“ „Was? Das- das ist ja… fantastisch! Wow, gratuliere!“ Nun war es David, der gezwungen lächelte. „Wow, du und Lynn… Heiraten… Das heißt wohl, du wirst ausziehen?“ „Ja“, Tom nickte. „Wir haben uns schon nach Wohnungen umgesehen, aber fürs erste werde ich wohl zu Lynn ziehen. Warte mal, ich hab ein Foto von gestern Abend. Willst du es sehen?“ Tom fischte sein brandneues iPhone XR aus der Tasche.

Bevor David wusste, was er tat, hatte er Tom das Handy aus der Hand gerissen. „He! Was zum…?“ Tom starrte ihn perplex an. „Jetzt komm schon, Mann!“ David hielt das Handy in die Höhe. „Du wirst doch noch einen kleinen Spaß verstehen?“ Mit schnellen Schritten sprang er auf den Abgrund zu und stellte sich dicht an die Kante. Das Handy hielt er hoch in die Luft. „Du wirst doch nicht vor der Ehe schon zum Spießer mutieren? Na komm! Ich geb dir das Handy wieder, wenn du dich traust, zu mir zu kommen!“ David fing an, an der Kante zu balancieren. „David!“ Tom fluchte. „Jetzt lass den Scheiß! Gib mir das Handy! Und komm da weg! Das ist echt ge-“ Noch bevor Tom den Satz beendete, sah er, wie sein Bruder ins Schwanken geriet. Mit einem schnellen Sprung war er bei David, packte ihn am Kragen, schubste ihn von der Kante weg und. Fiel. David sah für einen Augenblick das überraschte Gesicht seines Bruders, den Mund zu einem ungläubigen Schrei geöffnet und dann war Tom verschwunden. Und David blieb zurück. Mit nichts weiter, als Toms Handy in der Hand.

***

David kniete an der Kante. Er wollte weinen, er wollte schreien. Doch da war nichts mehr. Nichts mehr, was er fühlen konnte. Er hatte vor einem Jahr an genau dieser Stelle geweint und geschrien. Und es hatte nichts gebracht. Er hatte am Grab seines Bruders, von dem seine Eltern meinten, es wäre das Beste, wenn es nicht in Davids Nähe wäre, geweint und geschrien. Es hatte nichts gebracht. Er hatte seinen Kummer mit Alkohol betäubt. Hatte auf Drängen seiner Eltern Tabletten geschluckt, weil Ärzte behaupteten, er würde sich Toms Tod nicht eingestehen, würde ihn sich einbilden. Tabletten, die schreckliche Kopfschmerzen verursachten und seinen Geist vernebelten, ihn Tom aber nie vergessen ließen. Wie stellten diese Ärzte sich das auch vor? Wie sollte er seinen Zwillingsbruder, mit dem er schon im Mutterleib verbunden gewesen war, aufgeben? Wenigstens seine Schuldgefühle hatten die Tabletten meist in Schach halten können. Doch am Ende hatte sein Unterbewusstsein die Wahrheit immer gekannt und sich schließlich auf grausamste Weise bei ihm gemeldet.

„Ist schon gut. Ich bin hier.“ David drehte sich um und da war Tom. „Tom!“ Nun kamen die Tränen doch „Tom, es tut mir alles so Leid.“ „Ist schon gut, David. Es war ein Unfall. Du musst aufhören, dir die Schuld zu geben!“ David sah in die Tiefe. „Das kann ich nicht. Ich sollte dort unten liegen. Nicht du. Du solltest mit Lynn verheiratet sein.“ Tom schüttelte den Kopf. „Ich hätte nicht ohne dich leben können, David.“ David nickte. Wie gut er das verstehen konnte. „Tut es sehr weh?“ „Was? Das Sterben?“ Tom zuckte mit den Achseln. „Nein. Nicht besonders. Du spürst den Aufprall vielleicht eine Sekunde. Dann ist es vorbei.“ David nickte. Er legte das Handy neben sich auf den Boden. Das brauchte er nun nicht mehr. Dann breitete er die Arme aus und fiel.

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