SimonDer Geschichtenerzähler

 

>> Traue keinem Ort, an dem kein Unkraut wächst. <<

(Volksweisheit)

 

Die Herbstsonne brannte noch immer auf den Asphalt Berlins und auf Maria. Nachdem sie es geschafft hatte ihren SUV dort zu parken, wo üblicherweise nie Parkplätze zu finden waren, lief die gutaussehende, attraktive Frau am Anfang ihrer Dreißiger, mit ihrem neuen Kinderwagen die Hermannstraße in Richtung Kollwitzpark hinunter. Ihr langes, blondes und lockiges Haar wippte mit jedem Schritt zum Takt ihres Laufstils und auch ihr betörend riechendes Parfum, das sie vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Florian bei einer Shoppingtour am Kudamm gekauft hatte, machte auf sie aufmerksam. Sie hatte Anne, ihre dreieinhalbjährige Tochter soeben aus dem Kindergarten Firlefanz abgeholt, nachdem sie ihre Kanzlei verlassen und ihr Handy auf stumm geschaltet hatte. Den Vormittag hatte sie neben den zahlreichen Gesprächen vor allem mit Justin, einem ihrer Mandanten verbracht, den sie wiederum vor dem Jugendgericht Berlin verteidigte. Er war ein Jugendlicher aus Moabit, der wahrscheinlich gemäß dem Jargon der deutschen Allgemeinheit aus einer bildungsferneren Familie stammte und wegen eines Überfalls auf einen Späti angeklagt wurde. Justin war den Ereignissen nach auf der Suche nach Zigaretten und billigem Alkohol. Maria nahm an, dass er in seiner kleinen Lebenswelt, in welcher er nie geliebt worden war, schlichtweg nach Anerkennung suchte. 

Anne, perfekt in rosa und wie eine Prinzessin gekleidet, hielt ihren Kuschelhasen Bruno in den Händen, welchen ihr vor einem halben Jahr ihre Großmutter zu Ostern geschenkt hatte. Er würde als ihr letztes Geschenk in Erinnerung bleiben, da sie schon bald das Atmen verlernte. Der Kinderwagen schob sich hierbei, wie ein Frachter auf seiner Reise über den weiten Ozean, vorbei an zahlreichen hippen Büchercafés, Blumen- und Vintageläden, die einen Kontrast zu den zahlreichen asiatischen Restaurants bildeten. Maria steuerte zielstrebig auf das gelbe Haus in der Knaakstraße zu, in welchem Tina und Nils mit der kleinen Emma wohnten. Maria und Tina waren gute Freundinnen, seitdem sie mit ihren Töchtern vor knapp drei Jahren den Babyyogakurs besuchten. Heute würden sie gemeinsam vegane Einhornmuffins backen und noch ein letztes Mal bei einer guten Kanne japanischem Grüntee über die Dächer Berlins und in die Sonne blicken. Es war einer der letzten warmen Herbsttage, bevor der ungemütliche Winter sich wie ein grauer Schleier über die Hauptstadt legte und ihr dann beinahe den Atem nehmen würde. So wie es auch der geregelte Alltag mit ihrem Innerem machte. 

Maria dachte nach. Sie hatte alles. Sie hatte alles, was man brauchte, um glücklich zu sein. Ihren Mann, den SUV, ihre Tochter und den mit weißem Kies aufgeschütteten Vorgarten ihres neu erworbenen Hauses auf dem Prenzlauer Berg, der sie noch immer von ihrem Traum eines wildblühenden Gartens träumen ließ. In der Realität war das Unkraut jedoch verdrängt und die verwelkten Blumen schon längst entfernt worden. Die neu erworbene Immobilie sollte das junge Familienglück endlich ihr Leben genießen lassen. Endlich, nachdem sie mit ihrem Mann und Anne in paradiesische Umstände gezogen war. Ebenfalls nicht zuletzt ihre Karriere als Anwältin für Jugendrecht sollte sie dem Anschein nach zufriedenstellen. Sie dachte nach und bemerkte ziemlich schnell und angewidert, welch immense Wirkung doch die Modalverben des deutschen Sprachgebrauchs hatten und wie sich mit ihnen die gesellschaftlichen Erwartungen in eine junge Frau mit 32 Jahren von Seiten der Gesellschaft einbrannten. Als wäre sie die Sonne selbst, die hilflose Regenwürmer rösten ließ, während ihrer letzten Unternehmung, sich dem saftig nassen Grün entgegenzuräkeln.  

Während Anne und Emma gespannt in ihrem Kinderzimmer dem Hörspiel lauschten, bissen Maria und Tina genüsslich in die noch leicht warmen Muffins, die mit ihrer pinken Lasur so köstlich künstlich schmeckten. Tina lobte mal wieder Annes perfektes Leben. Das Leben, das dem äußeren Anschein nach mehr als perfekt war. Wenn Tina doch wüsste, dachte sie und hätte zeitgleich am liebsten die noch unverdauten, aber zerkauten Teile des Muffins auf ihr Vintagegeschirr gekotzt, welches sie gemeinsam vor einiger Zeit im Mauerpark ausgesucht hatten. Sie dachte an den gestrigen Tag zurück, der sie in morgendlicher Frühe ein Handy finden ließ, wessen Inhalt sie und ihr Leben ein für alle Mal in Frage stellen würde. 

Am Tag zuvor war sie, wie gewöhnlich an jedem Dienstagmorgen, auf dem Weg zu ihrer Kanzlei, nachdem sie Anne in der Kita abgeladen hatte und zuvor ihre Abendessenspläne mit Florian besprach. Noch circa fünf Meter trennten sie von dem Eingang ihrer Kanzlei und ihr schneller Atem zeigte sich anhand der kleinen Wolken, die sie regelmäßig ausstieß. Hatte sie ihre Blutdrucktablette genommen? Sie inhalierte die kalte, aber wohltuende Luft tief in ihre Lungenflügel, bevor sie für die restlichen Stunden hinter ihren aktuellen Fällen verschwinden würde. Nachdem das Schloss schon bald mit einem Knacken aufgesprungen war, hetzte sie die Treppe hoch in den dritten Stock, wo sich ihre Kanzlei befand. Sie legte die rote Aktentasche auf ihren Stammplatz. Danach ließ sie sich einen Kaffee aus der Maschine, während sie ihrer Sekretärin Susi über die anstehenden Tagesaufgaben berichtete. Während den beiden Frauen der genüssliche Duft des Arabica in die Nase stieg, fing ein Handy an zu klingeln. Es war ausgerechnet das, welches Anne am Sonntag auf dem Abenteuerspielplatz gefunden hatte und Maria noch immer im nahegelegenen Fundbüro abgeben wollte. Sie hatte es nach dem Fund ihrer Tochter direkt ausgeschaltet und in ihre rote Tasche gesteckt, weswegen sie das plötzliche Klingeln erstaunen ließ. Nach kurzem Überlegen nahm sie ab und merkte, dass das Unmögliche möglich wurde. Es bestand kein Zweifel mehr, der Anruf richtete sich an sie: „Hallo Maria“, meldete sich eine weibliche Stimme, „es wird Zeit einzusehen, was du mir angetan hast. Sieh ein, dass du dich verändert hast und keinesfalls mehr das bist, für was dich alle halten. Mach Schluss mit deinem Scheinleben und bringe es in die richtige Ordnung, alright? Hör zu, Püppchen, deine Freiheitssuche wird bald beendet sein und dein scheinbar so perfektes Leben auf einfachste Art und Weise langsam, aber sicher zusammenfallen, wie ein Kartenhaus. So wie auch ich unter dir zusammenfiel. Noch heute leide ich darunter, was du mir angetan hast. Du bist jetzt wahrscheinlich verwirrt. Das ist gut so. Das gefällt mir und gibt mir gleichzeitig die Macht, die du über mich genossen hast. Doch willst du das Beste wissen? Dies ist erst der Anfang.“ Das Letzte, was sie hörte, war ein höhnisches Lachen und bevor sie der Stimme erwidern konnte, war die Leitung tot, so wie auch erneut das gefundene Handy, von dem sie sich wünschte, dass es ihre Tochter nie in den Gräben ihrer Sandburg gefunden hätte.

Nachdem sie von Tina heimgekommen war und sie und Anne bereits von Florian erwartet wurden, machte sie für sich und ihre Familie leckeres Ciabatta mit saftigen Kirschtomaten und Olivenöl, das sie aus ihrem letzten Sizilienurlaub mitgebracht hatten. Sie selbst zwang sich zu essen, auch wenn sie seit dem Anruf nahezu appetitlos war. Es war ihr, als hätte sie nicht nur den Grüntee und die Muffins verspeist, sondern auch das Porzellangeschirr, das ihr jetzt kiloschwer im Magen lag. Sie fühlte sich leer und schwer zugleich und wusste nicht, dass sich ihre Reise, der unbekannten Freiheit entgegen, so plötzlich auflösen könnte – wie die Seifenblasen ihrer Tochter, im letzten hoffnungsvollen Abendlicht schimmernd und dann schon zerborsten in der tiefschwarzen Nacht. Sie wusste nichts und zugleich, dass sie nachdenken musste, nachdenken über sich selbst, über den Anruf und was nun kommen würde. Dabei hätte sie sich gerne einfach mal wieder auf Literatur eingelassen, einen guten Thriller gelesen, oder sich eine von Florian geschriebene Geschichte vorlesen lassen, so wie er es einst tat, als sie sich kennenlernten. 

Nach einem feuchten Gutenachtkuss machte Anne sich auf den Weg ins Bett, Florian half ihr dabei auf den Weg ins Land der Träume wie immer, mit einer Geschichte der Gebrüder Grimm und seiner beruhigenden Stimme, die tagsüber auch jeden noch so halbstarken Jugendlichen zähmte, der in der Schule doch nur halbinteressiert dem Stoff seiner Deutschstunden lauschte. Maria währenddessen machte es sich auf dem Sofa bequem und dachte daran zurück, wie es angefangen hatte. Wie sie das erste Mal das Caelum betrat. 

Sie kam allein, sie hatte das Wochenende desselben Frühjahrs, an dem Florian mit Anne zu seiner Mutter gefahren war genutzt, sie hatte ihren Alltag satt, sie wollte Spaß. Sie wollte etwas verändern, wollte nach langer Zeit mal wieder etwas Neues probieren. Sie kramte ihre alten Lieblingslederstiefel aus dem Schrank und trug ihren goldglitzernden Lippenstift auf ihre prallen Lippen, bevor sie sich langsam, aber sicher ihre Netzstrumpfhose über ihre Knie schob, die sie ohne Zweifel von ihrer Großmutter Hildegard geerbt hatte. Wüsste diese wiederum über ihre heutigen Pläne, würde sie vermutlich von ihrem Glauben abfallen, an dem sie doch ihr ganzes Leben so fromm hing. Maria fühlte sich stark, fühlte sich frei, so ganz von ihrem braven Leben befreit. In ihrem schwarzen Dress, das sie einfach so verwegen machte. Sie war seit Jahren schon nicht mehr hier gewesen, hatte diesmal aber ohne Weiteres die Türsteherin passiert, von welcher sie sich vor einigen Jahren doch immer so gefürchtet hatte. Sie lief den langen, betongrauen Gang nach der Pforte des Caelums entlang, vorbei an den Toiletten, die hier nicht nur dem ursprünglichen Toilettengang dienten und spürte schon von Weitem den wuchtigen Bass, der ihr aus dem Hauptraum entgegendrückte.  

Hart, lasziv, exzessiv. Auch wenn sie noch nicht viel sah, konnte sie es kaum erwarten, sich gleich in der Menge treiben zu lassen. Treiben zu lassen, während das anschmiegsame Kunstleder sich im Takt an ihrer Haut rieb und mit ihrem Schweiß fusionierte, als wäre es ihre zweite Haut. Zugegebenermaßen wurde sie zeitgleich ein bisschen geil. Sie war angekommen. Sie ließ sich treiben, vergaß ihren Alltag, ihre Realität und fühlte nichts außer die unendliche Freiheit, die jegliches ihrer Millionen Härchen ihres Körpers aufstellen ließ. Sie atmete tief ein und aus. Den Duft ihrer wiedergewonnen Freiheit, der zugleich einer Mischung aus Gras, Räucherstäbchen und viel zu viel Schweiß glich. Nach Endlosigkeit schien es, als würden sich Raum und Zeit neu ordnen. Neu ordnen im Schimmer der aufgehenden Sonne, von welcher die Strahlen behutsam in den verspiegelten Hauptsaal, der einst als Güterbahnhofshalle diente, einfielen und als Symbiose mit Nebel, den halbnackt oder nackt tanzenden und oftmals kunstvoll tätowierten Menschen und dem noch immer energiegeladenen Set eine neue Welt kreierten. Eine Welt, von welcher sich Maria jedoch schon bald wieder verabschieden musste – bis sie wiederkommen würde, soviel wusste sie.

Noch halb in Gedanken versunken brachte Florian sie zurück auf die Couch. Er setzte sich neben sie und schenkte in die bauchigen Gläser einen Rotwein ein, der sie gemeinsam vor dem Kamin entspannen lassen sollte. Er streichelte ihre Schenkel, so wie er es immer tat und sie kniff ihm liebevoll, aber ziemlich fest in die Wangen. Sie fragte sich, wie viele Jahre sie noch so hinvegetieren sollte und ob sie sich mit ihrer frühen Hochzeit nicht die Entzückung des freien Lebens genommen hätte. Denn gemeinsam wurden sie über die letzten Jahre von den wildrankenden Pflanzen zu den Steinen selbst, welche sie überwuchert hatten. Nach dreiundzwanzigeinhalb Minuten Smalltalk und einem sekundenschnellen Gedanken daran, dass sie ihm die Wahrheit sagen musste, entschied sie sich dann doch dagegen. So schwierig es war es auszusprechen, so einfach war es doch zu verstehen, dass sie es nicht konnte. Sie konnte nicht Auslöser für das Zerbrechen ihrer Familie sein, auch wenn sie so oder so zerbrechen sollte, sobald die Anruferin ihre bereits ausgesprochene Drohung spezifizierte. Mit einem „Gute Nacht, Schatz“ schlief Florian schon bald auf ihrem Boxspringbett ein und es verging ein weiterer Tag, der sie in Verwirrung zurückließ. Schon lange hatte sie nicht mehr mit Florian geschlafen und vielleicht wäre es an diesem Abend das gewesen, dass sie bitter benötigt hätte, um besser einschlafen zu können. Doch alles, was sie hörte, war nur sein hämmerndes Schnarchen. Florian hatte keine Ahnung. Er ahnte nichts von dem, was ihr Inneres quälte und hätten sie nicht gemeinsam Anne, wäre sie schon lange aus ihrem selbst errichteten Käfig ausgebrochen.

Als Maria sich an folgendem Donnerstag gegen halb 11 mit dem Fall ihres Mandanten Justin beschäftigte, war der Anruf bereits so gut wie vergessen. Nachdem sie sich immer wieder den Kopf zerbrochen hatte, kam sie zu dem Entschluss, dass er keine ernste Bedrohung gewesen war. Doch dann passierte es wieder. Das Handy klingelte, wenn auch diesmal mit anderem Ton. Sie hatte eine Nachricht erhalten. Noch bevor sie es selbst in der Hand hatte konnte sie sehen, wie der Bildschirm zu leuchten begann, wie sich auf ihm ein Foto öffnete. Sie traute ihren Augen nicht. Sie blickte auf eine Masse an entstellten, verschwitzen Körpern. In schwarz gekleidet und ihrer Libido ergeben. Im Zentrum eine sich kniende Frau mit verwischtem Makeup, feuerroten Haaren und Septum, ihr Kleid bis zum Bauchnabel hochgezogen, jedoch nur schwer erkennbar und wie die anderen auch, hatte auch sie ihre Augen verbunden. Doch ein weiteres Accessoire zeigte sich mehr als eindeutig: Ihr Halsband, an welchem ein kleiner Plüschhase baumelte. Es war Bruno, der Hase ihrer Tochter. 

Wäre das alles nicht schon genug gewesen, ertappte sie sich zuletzt daran, wie sie der zweiten Frau dahinter, welche stolz im Hintergrund thronte und mit der Rothaarigen unaussprechliche Dinge tat, ins Gesicht blickte. Maria zog es den Boden weg. Sie blickte in das Gesicht einer hübschen Frau mit lockigen Haaren, von welcher wiederum ihre hungrigen Augen hervorstachen. Im Gegensatz zu den Anderen hatte sie keine Augenbinde an – es war sie selbst.    

Sie war offensichtlich zu weit gegangen auf ihrer Suche nach Freiheit. Die Vergangenheit drängte sich in ihre Gegenwart und damit das Gefühl, dass sie sich bei ihrem letzten Besuch im Caelum verloren hatte. „Was zur Hölle?“ dachte sie laut und stürzte auf die Toilette. Innerhalb von Sekunden war sie vom Opfer zur Täterin geworden und das Foto würde sie ruinieren, weshalb sie alles tun musste, damit es nicht an die Öffentlichkeit gelang. Galle stieg ihr den Hals hinauf und schnell musste sie sich übergeben, damit es ihr wieder gut ging und verstand die Welt nicht mehr. Sie wusste nicht, wie das alles passieren konnte, von dem sie nichts in Erinnerung hatte. Nur zwei Dinge standen nun für sie endgültig fest, dass es die Anruferin am vergangenen Dienstag definitiv ernst meinte und dass sie deren Rache, aus welchen Gründen auch immer, ausgesetzt war. Sie musste mit Florian sprechen und wer auch immer es auf sie abgesehen hatte, hatte sie in der Hand. 

Auf ihrem Nachhauseweg dachte sie noch einmal über das ihr zugesandte Foto nach. Beinahe wäre sie deshalb in völliger Verwirrung über eine rote Ampel gefahren und als wäre dies noch nicht genug, fuhr sie ebenso fast einen der Post-Millenials um, der von sich selbst vor einem neuen Graffiti ein instagramtaugliches Foto aufnehmen ließ. Sie hielt es nicht mehr länger aus und wollte heute endlich Florian von allem erzählen, von allem, was sie beschäftigte. 

Sie dachte an ihren letzten Besuch im Caelum zurück und wie sie sich eine dieser neuartigen Pillen auf dem Klo gekauft hatte, was sie sich noch vor einigen Jahren nie traute. Heute wollte sie mit ihrer ungebändigten Lust Grenzen überschreiten und sich mit vollem Tatendrang auf die Spielewiese wagen. Es war der mit seinen schrillen Farben angelegte und sagenumwobene Hinterraum, für all diejenigen, die sich auf neue Abenteuer einließen, oder sich im sogenannten Nest, einer überdimensionalen Kunstinstallation inmitten des Raumes, die der eines gigantischen Vogelnests glich, maskiert neu erfahren wollten. Nicht umsonst genoss Berlin den weltweiten Ruf der freisten Stadt des Planeten, weshalb nicht nur die zahlreichen Feierwütigen, sondern vor allem auch Menschen der ganzen Welt sich eine Auszeit in Berlin von ihrem armseligen Leben nahmen, auf der Suche nach der unendlichen Freiheit und nach sich selbst, sei es auch nur für ein verdammtes Wochenende. Das Ganze nur einige Armlängen von dort entfernt, wo täglich Politik betrieben wurde. Das Leben, geprägt von Paradoxien, dachte sie und musste selbst in ihrer gegenwärtigen Situation schmunzeln.

Maria erinnerte sich, dass es bei ihrem letzten Besuch nicht nur die Musik war, weshalb sie kam. Sie wollte endlich mal wieder körperlich geliebt werden und sah infolgedessen das Caelum als idealen Ort. Die beinahe erstickte Leidenschaft sollte von einer Person befriedigt werden, damit sie als das weiterhin überleben konnte, für was sie gehalten wurde. Sie fühlte noch immer, wie ihr Herz pochte, als hätte sie gerade ihr persönliches Workout mit Arthur, ihrem Personal Trainer absolviert, den sie wiederum von Tina und Nils kannte. Das Tanzen wurde mit jedem Jahr anstrengender, auch wenn es ihr noch immer so viel Kraft gab. Doch nun wollte sie darüber hinaus. Noch immer geblendet von den makellos in Gold verkleideten Wänden zog sie den Reißverschluss ihres Kleides langsam auf und hängte Letzteres an einen der Garderobenhaken, die wie kleine Hirschgeweihe an den Wänden angebracht waren, wie man sie gerne im Schwarzwald sah. Sie war nackt, so wie es alle spätestens hier waren. 

Sie ließ sich fallen, verfing sich in Trance, verschmolz mit dem Beat, verspürte die reinste Liebe, doch wurde noch immer von der Musik gehalten. Der letzte Gedanke an diese Nacht war, wie sie in das Nest geführt wurde. Wie sie in diesem goldenen Raum mit voller Vorfreude von der unbekannten Person in dieses Nest geführt wurde, das sich vor ihren inzwischen verbundenen Augen versteckte. Zeitgleich spürte sie, wie sich an ihr linkes Bein eine halbwarme, undefinierbare Flüssigkeit ergoss, die ihre Neugierde zusätzlich beflügelte. Sie fühlte sich mächtig und wollte dem Abenteuer folgen. Dahin, wo sie sich zuvor nicht einmal in ihrer dunkelsten Fantasie hingewagt hatte. Auch wenn ihr das alles im Nachhinein ziemlich peinlich war. 

Nachdem sie es unfallfrei bis auf den Prenzlauer Berg geschafft hatte, wurde sie von ihrem Mann, Anne und einer Fertigpizza schon sehnlichst erwartet. Als sie die Küche betrat war der Tisch schon gedeckt und auch Carla, die Babysitterin, klingelte nahezu synchron, da Maria und Florian zu einem Elternabend im Firlefanz eingeladen waren. Heute sollte es um ein neues Integrationsprojekt mit geflüchteten Kindern gehen. Auch wenn Maria die gemeinsame Autofahrt bis zu dem Kindergarten als äußerst unpassend erschien, nahm sie all ihren Mut zusammen, um mit Florian über die Ereignisse zu sprechen. Sie hatte Schwierigkeiten, ihre Gedanken zu sortieren. Was er wohl sagen würde? War dies das Ende ihrer Ehe? Ob er Verständnis hatte? Was wohl mit ihrem eigenen Leben fortan passieren würde? Fragen über Fragen, auf welche Maria selbst noch keine Antwort wusste. Nach zahlreichen Veräußerungen verfing sie sich in Tränen. Sie schluchzte und schmeckte die salzigen Tränen, die sie daran erinnerten, sich schon bald um den nächsten Urlaub am Meer zu kümmern. Florians Reaktion hingegen bestand ebenfalls in Tränen. Zahlreichen Tränen, die ihm wegen des Lachens kamen. Schon lange hatte sie ihn nicht mehr so lachen sehen.

„Schatz“, sagte er „ich bin so stolz auf dich – vertrau mir.“ Und darauf, dass sie es geschafft hatte und endlich aussteigen sollte, da sie schon, wieder einmal wegen ihrer Arbeit und nun wegen des Gesprächs, als Letzte eintrafen. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in den Kindergarten. Sie riss sich zusammen, so wie sie es auch während ihres Alltags oft bei der Verteidigung ihrer Mandanten musste, wenn sie deren Fälle so ergriffen. Der Vortrag hatte währenddessen schon begonnen, der von Tamara, einer der neuen Erzieherinnen, gehalten wurde. Maria erkannte sie sofort, mit ihren feuerroten Haaren und Septum war sie schließlich unverwechselbar. Mit Schwindel zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. Dies war zu viel.  

Wie sich schon bald herausstellte hatte Maria ihren Mann falsch eingeschätzt, auch wenn sie die vergangen Jahre immer davon ausgegangen war, dass sie ihn in und auswendig kannte. Wie man sich doch nach Jahren noch in Menschen täuschen konnte, dachte sie. Auch er kannte Tamara schon gut und hatte sie im Caelum getroffen, wo sie ihm ein offenes Ohr schenkte. Nach einigen Beschreibungen stellte sich heraus, dass auch diese wiederum Maria nicht nur kennengelernt, sondern auch geliebt hatte. Florian hatte sie also beauftragt, ein wenig Spannung in ihr routiniertes Leben zu bringen. Maria sollte endlich wieder ihr Leben genießen. Sollte das Leben endlich wieder gemeinsam mit ihm genießen, da sie sich allem Augenschein ebenso gelangweilt hatte, wie er selbst. Nicht umsonst nannte sie ihn liebevoll den Geschichtenerzähler.

Maria war geschockt und erleichtert zugleich. Sie war in Unkenntnis zu der Protagonistin einer Geschichte geworden. Einer Geschichte, die für sie fiktiv von ihrem Geschichtenerzähler Florian inszeniert worden war, aber zugleich ihrem wirklichen Leben diente. „Scheiße, wie poetisch er doch sein konnte“, dachte sie mit einem leichten Seufzen. Florian war ein Unikat, auch wenn er mit seiner Methode diesmal ziemlich weit gegangen war. Doch auch sie war sehr weit gegangen. Letztendlich hatten sie in den vergangenen Tagen gemeinsam ihr gegenseitiges Vertrauen zurückgewonnen. Er war ein unverwechselbarer Mensch, weshalb er ihr schon vor vielen Jahren sofort mit seiner Kreativität und seinem skurrilen Charme aufgefallen war. 

Sie beauftragte noch in derselben Woche die Firma, die ihren Vorgarten endlich von dem weißen Kies befreien sollte. Auch wenn nun erst einmal der Winter kam, hatte sie schon jetzt einen Entschluss gefasst. Die Pflanzen sollten hier im kommenden Jahr wieder blühen und auch das Unkraut ranken, gemeinsam mit den Geschichten, die fortan ihre erneut belebte Liebe schrieb. Mit halbfeuchten Augen vor Freude notierte sie außerdem zwei Dosen Nassfutter für Hunde und ein weiteres Halsband inklusive Leine auf ihrer Einkaufsliste. Auch wenn sie sich noch immer keinen Hund anschaffen wollte, so wollte sie doch bei ihrem nächsten Besuch im Caelum vorbereitet sein. Im Nachhinein schätze sie die Macht der Modalverben dann irgendwie doch.

3 thoughts on “Der Geschichtenerzähler

  1. Hey Simon, ich finde die Idee deiner Geschichte gut, allerdings hast du offenbar einige Male die Namen vertauscht, denn plötzlich hat das Kind Anne einen Mann, im nächsten Satz ist es wieder Maria… Das verwirrt etwas. Dein Stil ist schön bildhaft, das hilft gut, sich in die Geschichte einzufühlen, würde ich an deiner Stelle aber manchmal etwas weniger dosieren, da es (zumindest bei mir) manchmal den Lesefluss etwas stört. Du solltest auf jeden Fall dran bleiben und hier und da noch etwas daran feilen ☺

    1. Halo Ela, vielen Dank für dein konstruktives Feedback – es freut mich sehr, dass du dir für meine Geschichte Zeit genommen hast. 🙂 Das Detail mit dem Namen werde ich natürlich gleich abändern, vielen Dank für den Hinweis!

  2. Hallo Simon

    Was für eine großartige Geschichte.

    Voller Emotionen, voller Überraschungen, voller Erotik, voller Kraft und voller Liebe.

    Man spürt deine Schreiblust, deine Leidenschaft in jedem Wort.
    Es scheint, als würdest du beim Schreiben experimentieren, sodass du selbst anschließend vom Ergebnis überrascht wirst.

    Cool.
    So muss Schreiben, so muss eine Kurzgeschichten sein.

    Die ist komplett anders als alle anderen Geschichten, die ich bisher hier gelesen habe.

    Respekt.

    Dir ist etwas Großes gelungen.
    Keine übliche Crimestory, sondern eine Geschichte über Lust, Leidenschaft, Schuld, innere Zwänge und Normen.

    Und letztlich ist es ja auch eine ganz besondere Liebesgeschichte.

    Genial.

    Die Geschichte hat mich gefesselt und berührt.
    Und dein Schreibstil ist einfach nur toll.

    Ich frage mich nur, warum du bisher so wenige Herzen hast.
    Das MUSS sich ändern.

    Ich gehe mal mit gutem Beispiel voran und lass dir ein ernst gemeintes Herzchen da.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte viel Glück und Erfolg.
    Und noch viele begeisterte Leserinnen und Leser.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Ich danke dir.
    Swen

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