Charline WiesnetDer Umschlag

„Scheiße“

Schon wieder ist alles so schnell vorbei. Gerade noch dem Opfer mit einer alten, rostigen Zange die Zähne gezogen, sinken meine Hände bereits hinab. Zuvor habe ich ihn mit Waterboarding und Stromschlägen gequält. Dann hat ihn schon seine Kraft verlassen, die Menschen heutzutage halten echt nichts mehr aus. Dabei wollte ich es doch genießen. Solche Waschlappen. Es ist einfach beschämend. Ich habe hier einen Mann, der fast 40 Jahre auf dem Buckel hat, und was nun? Drei Stunden hat er ausgehalten, dann hat sein Körper abgeschaltet. Tja, jetzt muss ich mich an die weniger schöne Arbeit machen und den Kerl entsorgen. Ich hole das Beil, das ich mit Vorliebe benutze um meine Opfer zu zerstückeln, da es durch seine Masse ein gutes Gegenstück zu den festen Knochen bildet, und hacke den Mann in Stücke. Um seine Familie habe ich mich bereits gekümmert. Durch einen Brief auf dem Küchentisch denkt seine Frau, dass er mit einer Arbeitskollegin durchgebrannt sei. Natürlich habe ich ihn gezwungen diesen Brief selbst zu verfassen, als er dazu noch in der Lage war. Ich reiße einen schwarzen Sack von der Rolle ab, stelle fest, dass ich schleunigst neue benötige und packe die einzelnen Teile hinein. Ich schleppe den Sack in den Kofferraum meines blauen Ladas, welcher schon vor der Tür wartet. Nach einer kleinen Autofahrt komme ich am Wald an, parke direkt am See und hieve den Sack zum Boot. Ein Stück hinausgefahren, abgeworfen und schon versinkt er. Adios. Dank meiner Arbeit beherbergt der See wahrscheinlich schon mehr Menschenfleisch als Fische. Als Belohnung dafür, dass alles so reibungslos verlaufen ist, besorge ich mir von meiner liebsten Bäckerei ein großes Stück Marzipantorte. Während ich mich auf den Heimweg mache, erinnere ich mich an das letzte Mal. Da musste ich die Einzelteile einer Frau die weite Strecke des Waldweges aufsammeln, da der billige Sack gerissen war. Das war ärgerlich, aber auch mal eine Erfahrung wert, denn seitdem benutze ich nur noch dickere Säcke für den Transport. Mein Telefon klingelt. Jamie, mein eineiiger Zwillingsbruder.
Nach dem nervtötenden dritten Klingeln nahm ich das Telefonat entgegen.
“Hey Jamie, was gibt’s?”
„Ich habe grade nichts zu tun, hast du Lust ein bisschen bei mir zu quatschen?”
Wir treffen uns meist einmal in der Woche. Sein Haus ist nicht weit vom Bäcker entfernt, sodass ich da sogar zu Fuß hingehen könnte. Er ist der einzige Mensch, dessen Gegenwart ich erträglich finde. Jeder andere ist entweder langweilig oder total aufgedreht, einfach nichts für mich. Ich bin mir vollkommen bewusst, dass es wahrscheinlich an mir und nicht an den anderen liegt. Aber das ist mir egal. Ich sage meinem Bruder also zu, gleich zu erscheinen. Jamies Haus hat Stil, mir ist so etwas zwar nicht wichtig, aber ich fühle mich in seiner Hipster Bude echt wohl. Ich will gerade die Tür mit meinem Ersatzschlüssel öffnen, als sie von innen geöffnet wird und Jamie mit einem breiten Grinsen in der Tür steht. Er umarmt mich, was ich sonst bei keinem auf der Welt aushalten würde, nicht mal unsere Mutter darf das.
„Ich komme gleich nach, muss nur noch kurz an den Briefkasten.” Erst nach einigen Minuten kommt er in die Küche zurück. Mit einem großen gelben Umschlag in der Hand und einem undefinierbaren Blick im Gesicht.
Es steht nur ein Wort darauf: “Jamie”
Die Buchstaben sind alle einzeln ausgeschnitten und aufgeklebt worden.
So richtig klischeehaft, wie man es aus schlechten Krimi-Serien kennt. Er sieht mich an und sehe ihn an.
„Willst du ihn nicht öffnen?“
Er holt eine Schere und schneidet vorsichtig den Rand auf, dann zieht er das Foto heraus. Auf dem Foto ist er zu sehen. Außerdem eine junge Blondine mit Haaren bis zum Hintern. Sie trägt eine Schuluniform, die so verrutscht ist, dass man einen guten Einblick auf ihre Brüste hat. Es ist deutlich zu sehen, wie beide gerade ein intimes Miteinander haben. Ihm friert das Gesicht ein bei dem Anblick des Fotos in seiner Hand. Was zum Geier denkt er sich dabei? Ist er denn völlig verrückt? Ich sehe ihm im Gesicht an, wie unangenehm ihm dieses Bild ist. Er versucht es zu verstecken, aber es ist zu spät. Ich habe alles gesehen.
„Ähm, ich weiß ja nicht, ob du darüber reden willst, aber… Ich denke mal, ich interpretiere dieses Bild richtig. Wer ist die Kleine? Und sag jetzt nicht, sie sei niemand.“
Er schaut mich an, ganz gequält, als ob er noch entscheiden muss, ob er mit mir darüber reden soll oder nicht. Letztendlich entscheidet er sich aber für die nahe liegende Variante und erzählt mir von Ihr.
“Sie ist eine meiner Schülerinnen an der Schule. Wie du schon richtig erkannt hast, habe ich so etwas wie eine Affäre mit ihr. Oder nein, so kann man es nicht nennen. Sie ist eine der Besten in unserem Leichtathletik Team. Ich habe sie vor ein paar Wochen erwischt, wie sie vor einem großen Wettkampf versucht hat, sich mit einem kleinen Hilfsmittel aufzuputschen, wenn du es so willst. Ich habe sie natürlich zur Rede gestellt. Ich wollte sie auch sofort zum Direktor bringen, aber sie meinte, wir könnten das auch anders klären. Anfangs wollte ich das nicht, aus den offensichtlichen Gründen, doch sie hat mich mit ihrem Charme und halt leider auch mit ihrem Körper dazu überreden können. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich nichts verrate, wenn sie mir ab und an ein paar solcher Gefälligkeiten erfüllt. Wahrscheinlich hat sie vorher schon gemerkt, dass ich irgendwie auf sie stehe. Es ist zum verrückt werden. Ich konnte ihr einfach nicht widerstehen.“
Mir bleibt die Luft weg! Mein Bruder, der vorbildliche Vorstadtstreber, der Vertrauenslehrer, der immer alles richtig macht, schon immer der Liebling von allen und jedem war, schläft mit einer seiner Schülerinnen, behält Lügen und Intrigen für sich um seinen Vorteil daraus zu ziehen?!
Ich glaube nicht was ich da höre. Das ist doch eigentlich mehr meine Art und nicht seine.
“Ich bin vielleicht nicht die richtige Person, um dir das vorzuhalten, weil ich selbst kein korrekter Mann in dieser Gesellschaft bin aber, wie kommst du dazu eine Schülerin zu decken, mit ihr in die Kiste zu steigen und dich dann auch noch erwischen zu lassen? Du musst doch nicht ganz dicht sein!“
Niemand würde so über Jamie denken, keiner würde es ihm zutrauen. Vielleicht ist er sich dessen bewusst und hat genau aus diesem Grund so gehandelt?
„Was hast du jetzt vor?“
„Ich habe keine Ahnung, wahrscheinlich erstmal herausfinden, wer das war und wie er es herausfinden konnte.“
Das klingt einleuchtend. Immer einen klaren Kopf bewahren. Ich frage mich vor allem, wer meinem Bruder etwas anhaben könnte. Ich kann mich nicht erinnern, dass er irgendwann mal irgendjemanden verärgert haben soll.
„Ich denke, Annabelle sollte als erstes davon erfahren. Sie muss sich darauf vorbereiten, dass eventuell auch sie einen Umschlag bekommt, oder jemand uns verrät.“
Das kann doch jetzt nicht sein Ernst sein. Das Erste was meinem Bruder nach so einem Vorfall einfällt, ist Barbie vorzuwarnen. Nur wegen der Göre steckt er doch jetzt in diesem Schlamassel. Aber das ist ja typisch für ihn. Er will immer das Richtige tun, auch wenn es bedeutet, dass er sich selbst noch mehr in die Misere schiebt. „Was interessiert dich denn diese Schlampe? Sie ist doch der Grund, warum dir das jetzt passiert und dann willst du die noch schützen? Komm schon, so dumm kannst nicht mal du sein!“
„James, darüber wird nicht diskutiert, Annabelle muss definitiv davon erfahren. Sonst stürzt dieser ganze Scheiß wie eine riesige Lawine über uns zusammen. Kannst du mir helfen, dieses Desaster wieder in Ordnung zu bringen?“
Wie hätte ich ihm denn absagen können. Schließlich ist er mein Bruder und ich will das bei ihm alles glatt geht. „Also gut, was willst du unternehmen?“ Er schaut zu mir rüber. Sein ratloser Blick genügt mir um das Ruder in die Hand zu nehmen. „Ich schlage vor, wir versuchen erst einmal von deiner kleinen Freundin etwas zu erfahren. Vielleicht will sie dir nur einen Streich spielen um dich daran zu erinnern, dass sie die Zügel in der Hand hat. Bei der Gelegenheit, falls sie nicht selbst dahintersteckt, kannst du ihr gleich davon berichten, wenn es unbedingt sein muss.“
Und genau aus diesem Grund gehe ich am nächsten Tag zusammen mit ihm in die Schule, in der er unterrichtet. Während er seinen Unterricht abhält, suche ich seine kleine Rotzgöre für ihn. Jamie sagte, dass sie um diese Zeit beim Training sein müsste. Also mache ich mich auf dem Weg zur Sporthalle. Es dauert ein bisschen, ehe sie mich sieht. Als sie mich dann doch bemerkt, sagt sie dem Trainer, dass sie auf die Toilette muss und folgt mir in den Gang.
„Hey Süßer, hast es wohl nicht mehr bis zur Pause aushalten können, hm?“
Sie packt mich, küsst mich lang und intensiv. Ihre Hände wandern nach unten zu meinem Gürtel. Sie versucht ihn zu öffnen doch ich erwache plötzlich aus dem Schock, den mir diese Aktion verpasst hat und schiebe energisch ihre Hände weg. „Was hast du denn, du wolltest es doch, sonst wärst du nicht hier.“ Sie sieht leicht verwirrt aus aber versucht wieder, mir die Hose auszuziehen. Dieses Mal schafft sie es sogar, meinen Gürtel zu öffnen und den Reißverschluss gleich mit. Ihre Hand landet in meiner Unterhose und prompt hat sie mein bestes Stück in der Hand. Auf einmal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Sie denkt ich bin Jamie. Oh Gott … sie glaubt, ich will sie vögeln.
„Lass die Finger von mir du Nutte!“
Erschrocken sieht sie mich an.
„Jamie was ist denn los? Sonst gefällt dir das doch auch!“
Ich habe Bilder im Kopf, so etwas wollte ich nun wirklich nicht über meinen Bruder wissen.
„Ich bin nicht dein Stecher! Ich bin Jamies Zwillingsbruder und habe nicht im geringsten Interesse an einem Kind wie dir. Also nimm deine Pfoten von meinem Gemächt und pack deine Hormone wieder ein. Wir müssen reden!”
„Warte was? Du verarschst mich doch. Wenn du nicht mehr willst, dann können wir das auch anders regeln, nur das du dann halt deinen Job verlieren wirst. Du glaubst doch nicht, dass du das so einfach beenden kannst, oder?“
Gott, was hat Jamie sich denn da für eine dumme Ziege geangelt. So wie sich das anhört, kommt der Brief vielleicht wirklich von ihr. Wie kommt mein hormongesteuerter Bruder nur an so eine Schnepfe? Ich hatte ihm eigentlich mehr zugetraut als sowas. Ich komme so nicht weiter, dafür ist sie zu hohl. „Pass auf, lass uns in meinem Büro weiterreden, okay? Ich sage nur kurz Bescheid, damit du nicht gesucht wirst und dann gehen wir.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, gehe ich in die Turnhalle. Wenn Sie mich für meinen Bruder gehalten hat, dann klappt das sicher auch mit dem Trainer. Ich hätte sie nach seinem Namen fragen sollen. Jetzt muss ich improvisieren.
„Entschuldigung, Herr Kollege … Annabelle geht es nicht gut. Ich habe sie gerade auf dem Weg zur Toilette gesehen und sie abgefangen. Ich werde sie mit in mein Büro nehmen, damit sie sich etwas hinsetzten kann und sie jemand im Auge behält, wenn das in Ordnung ist.”
Der bullige Mann mit dem Schnauzbart und dem altmodischen Trainingsanzug, sieht mich an, fängt an zu lächeln.
„Natürlich, Jamie mein Guter, auf dich ist eben immer Verlass. Sie soll sich die Stunde frei nehmen.“ Dieser Penner, wie kann man nur so leichtgläubig sein? Er ist so ein richtiges, schmieriges Ekel wie man es kennt und hasst.
Wir gehen in das Büro, welches Jamie mir zuvor gezeigt hat.
Dort warten wir, bis die Stunde vorbei ist. Eine gefühlte Ewigkeit warte ich schweigend mit der Göre im Büro, als Jamie das Büro betritt.
“Oh mein Gott! Ich dachte, du verarschst mich.“
Sie schaut mich geschockt an, dann Jamie und dann wieder mich. Anscheinend ist sie bei dem Anblick meines Zwillings, der die Tür öffnet, wirklich erschrocken.
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht er bin.“
Was hat sie denn gedacht, warum ich nicht mit ihr schlafen will? Hübsch ist sie, keine Frage. Aber das nützt ihr bei mir nicht wirklich was. Mein Bruder muss wirklich schauen, dass er die Kleine loswird.
„Anna, ich habe gestern in meinem Briefkasten einen Umschlag gefunden. Darin war ein Foto von uns beiden. Wir wurden bei etwas sehr eindeutigem erwischt.“, stammelt Jamie.
„Hast du vielleicht irgendeine Ahnung, wer das Foto gemacht haben könnte? Schließlich steht auch für dich einiges auf dem Spiel.“ Ich kann mich bei dem Gestammel meines Bruders einfach nicht zurückhalten.
„Nein”, antwortet sie kurz und knapp und verlässt dann das Büro. Ich laufe ihr misstrauisch hinterher und versuche sie zum Reden zu bringen.
„Warte noch, ich weiß du kennst mich nicht, aber wenn du irgendjemandem davon erzählst, dann werde ich dafür sorgen, dass du mich kennenlernst. Hast du verstanden? Ich hatte eine ganze Nacht Zeit, um mich über dich und deine Familie zu informieren und glaub mir, ich weiß viel mehr, als ich wissen sollte.”
„Was willst du denn bitte über meine Familie rausgefunden haben, wenn ich fragen darf?“, jetzt wird sie sauer. Wahrscheinlich habe ich einen wunden Punkt getroffen. Gut so.
“Unter anderem das kleine Geheimnis deiner Mutter…“
Mein Schuss ins Blaue hat besser funktioniert, als erwartet. Sie schluckt, wirkt auf einmal ganz klein. Annabelle verabschiedet sich kurz und schlüpft auch schon aus dem Zimmer.
„Was sollte das denn? Denkst du echt sie verrät uns? Oder eher mich?“
Wieder einmal merke ich, dass mein Bruder leider viel zu gutgläubig ist. Jetzt mit ihm zu streiten würde nichts bringen. „Denk noch einmal darüber nach, du musst ja schließlich auch an deine eigene Zukunft denken, wir reden die nächsten Tage nochmal darüber. Außerdem war sie gerade ungewöhnlich kurz angebunden, findest du nicht?“
„Lass uns erstmal weitersehen.“, ist seine Antwort. Wie man wieder einmal sieht, bin ich der gerissenere von uns beiden. Wir belassen es dabei und gehen beide wieder unseren Tätigkeiten nach. Jeder in seiner eigenen Welt, aber trotzdem mit dem Gedenken daran, was als nächstes passiert und was wir unternehmen können um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Als ich drei Tage später vom Einkaufen wiederkomme, steckt auch bei mir ein gelber Umschlag im Briefkasten. Mir kommt ein komisches Gefühl hoch und ich muss sofort an meinen Bruder denken mit dem ich seit drei Tagen nicht mehr geredet habe. Was seltsam ist, denn wir schreiben uns normalerweise jeden Tag. Ich muss ihn nachher auf jeden Fall anrufen. Diesmal steht mein eigener Name darauf. Logisch, ich bin ja nicht Jamie und er wohnt auch nicht hier. Dazu würde er sich nie herablassen. Er liebt den Luxus viel zu sehr. Ich öffne den Umschlag, nachdem ich oben angekommen bin und finde eine einzelne Scheibe Steak darin. Total verrottet und bis zum Himmel stinkend. So etwas ekliges habe ich noch nie in den Händen gehalten. Was zum Teufel sollte das denn? Welchem Idioten ist denn so langweilig im Leben, dass er sowas macht?
Ich entsorge es auf dem schnellsten Weg im Abfalleimer und denke erstmal nicht weiter darüber nach. Als ich den Umschlag selbst auch noch wegschmeißen will, fällt ein kleiner Zettel raus. Darauf steht in Großbuchstaben:
WENN DU DEINEN BRUDER NICHT AUCH IN EINZELTEILEN IM SEE LIEGEN HABEN WILLST, DANN KOMM UND SUCH MICH!!!
Was ist denn jetzt los? Ich zücke mein Handy und wähle die Nummer von Jamie. Beim ersten Versuch nimmt keiner ab und auch beim zweiten nicht. Der dritte ist erfolgreicher. Eine verzerrte Stimme sagt sehr langsam und deutlich:
DACHTEST DU ETWA ICH MACHE SCHERZE?… GLAUB MIR, DU WIRST SCHON SEHEN WAS DU DIR MIT DEINEM BLÖDEN HOBBY EINGEBROCKT HAST.
Dann legt die unbekannte Person ohne ein weiteres Wort auf. Mein Kopf ist leergefegt. Das kann doch echt nicht wahr sein. Was mache ich denn jetzt? Ich brauche einen Plan. Okay, mal überlegen… Ich werde zuerst alles absuchen was mir so einfällt. Vielleicht findet sich ja irgendwo ein Hinweis auf den Verbleib meines Bruders. Oder es ist nur ein schlechter Scherz, wir haben ja schließlich den ersten April. Ich überlege, was ich als nächstes tun kann denn, wenn ich ohne einen Plan an die Sache rangehe, wird das alles nichts. Als erstes mache ich mich auf den Weg zu Jamies Wohnung. Vielleicht finde ich dort etwas, was mich auf eine Spur bringen kann. Danach gehe ich in die Schule und spreche mit Annabell, und wenn ich immer noch nichts rausgefunden habe, sehen wir weiter. Das klingt vernünftig, so mache ich’s.
Ich mache mich also auf den Weg zu Jamie’s Wohnung. Ich öffne die Haustür und finde… nichts. Es sieht alles wie geleckt aus in seiner Wohnung. Als wäre er gerade mit dem Putzen fertig und einfach nicht Zuhause. Ich überlege weiter. Was könnte ich noch tun? Wo könnte es noch Hinweise geben? Vielleicht finde ich in der Schule einen Anhaltspunkt, oder kann sogar mit Annabell darüber sprechen. Wahrscheinlich wird sie mir eh keine Hilfe sein, aber ein Versuch ist es wert. Ich ziehe mir einige von den Sachen meines Bruders an, vielleicht kann ich es nochmal mit der Verwechslungsnummer versuchen und so etwas über den Verbleib meines Bruders rausfinden.
Der Weg dahin kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Die Flure sind wie ausgestorben, als ich auf dem Weg zum Sekretariat bin. Wieder dieser affige Trainer und eine kleine, unscheinbare, etwas pummelige Sekretärin. Na toll, wenn ich jetzt nach Annabell frage und wo sie Unterricht hat dann wird er Verdacht schöpfen, dass zwischen den beiden etwas läuft und prompt seinen Verdacht in einem blöden Witz äußern. Ich muss irgendwie Zeit schinden, bis er weg ist. Hoffentlich geht er bald, damit ich schnell vorankomme. Zu meinem Glück verabschiedet er sich gerade, als ich in das Zimmer komme. Es bleibt mir trotzdem nicht erspart, dass ich ein furchtbares Grinsen und ein ‚Howdy Sportsfreund‘ über mich ergehen lassen muss. Ich tue es mit einem Schulterzucken ab und wende mich gleich an die Dame mit dem Schild, auf dem Miss Regan steht. Als sie mich sieht fängt sie automatisch an zu lächeln und fragt mich, wie mein Tag bis jetzt war. Gut, es funktioniert. Sie denkt ich bin Jamie. Ich plaudere ein wenig mit ihr und versuche dann, unauffällig mich nach Annabell zu erkundigen. Miss Regan schöpft überhaupt keinen Verdacht und verrät mir, dass sie gerade eine Freistunde mit Aufgabenstellungen hat und sich im Raum 211 aufhält. Ich suche fast 40 Minuten in dieser riesigen Schule nach dem Gör, nur um sie am Ende nicht wie erwartet in dem Raum zu finden, der mir gesagt wurde. Nein, sie sitzt in der Mensa und quatscht mit ihren Freundinnen über Männer. Was auch sonst. Die hat vielleicht Nerven. Als sie mich entdeckt, diesmal schneller als beim letzten Mal, dreht sie sich rotzfrech einfach weg und tut so, als wäre ich nicht da.
Ich bin also dazu gezwungen zu ihr und ihren Freundinnen zu gehen und sie darum zu bitten, mit mir zu kommen. Als sie trotzig fragt wieso, platzt mir fast der Kragen. Das werde ich ihr doppelt und dreifach wieder zurückgeben, wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme. Nach dem dritten oder vielleicht sogar vierten Mal, dass ich sie bitten muss, drängt letztendlich eine ihrer scheinbar klügeren Freundinnen sie dazu, mit mir zu gehen. Ein Hoch auf die Menschheit, es gibt scheinbar doch noch Menschen mit einem Gehirn. Ich versuche mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen, denn wenn ich sie jetzt beleidige wie ich es am liebsten tun würde, dann wird sie mir niemals helfen.
„Jamie ist weg. Jemand hat ihn entführt. Hast du eine Ahnung, ob er hier jemanden verärgert haben könnte? Hast du etwas gesehen oder gehört, was mir helfen könnte?“ Annabelles Augen werden groß. Scheinbar ist er ihr doch nicht so egal wie sie tut. „Oh mein Gott. Was ist passiert? Was willst du unternehmen? Kann ich dir irgendwie helfen?“ Herr im Himmel!
„Antworte einfach auf meine Fragen du Nuss.“
„Nein ich habe nichts gesehen und es gibt hier niemanden, der ihn nicht leiden kann. Hast du deinen Bruder mal erlebt? Er ist nicht umsonst der Vertrauenslehrer dieser Schule. Jeder liebt ihn, weil er der liebste und zuvorkommendste Mensch des ganzen Universums ist.“ So komme ich auch nicht weiter.
„Okay“
Ich lasse sie einfach stehen, als sie noch etwas sagen will. Mehr von ihr kann ich momentan nicht aushalten. Ich bin ja schon begeistert, dass sie auf Anhieb verstanden hat, dass ich nicht Jamie bin aber ich denke, dass sie die kleinen Unterschiede bemerkt hat. Meine schiefe Nase zum Beispiel, die ich in der Oberstufe bei einer Schlägerei kassiert habe. Oder auch der Dreitagebart, den man bei Jamie niemals in seinem Gesicht finden würde. Ich steuere direkt auf das Büro zu, welches im selben Gang nur ein paar Türen weiter liegt und durchsuche alles auf irgendwelche Hinweise, die er mir eventuell hinterlassen haben könnte, doch es gibt nichts, was mir irgendwie helfen könnte. Ich gehe also wieder raus.
Annabell steht immer noch im Gang und unterhält sich in der Zwischenzeit mit einem anderen Mann. Er steht mit dem Rücken zu mir, aber trotzdem kommt mir irgendetwas an ihm bekannt vor. Sicher nur ein Lehrer, den ich hier irgendwo schonmal gesehen habe. Als sie mich entdeckt wird sie hektisch und redet schnell auf den Mann ein. Im nächsten Moment macht er sich in die andere Richtung zum Ausgang auf und ist dann auch schon verschwunden. Das allerdings kommt mir etwas komisch vor und ich beschließe sie zur Rede zu stellen. Annabell versucht vor mir zu flüchten, doch ich bin schneller und packe sie am Arm. „Wer war dieser Mann mit dem du da geredet hast? Etwa dein Dealer?“
„Woher weißt du davon? Hast du das etwa auch recherchiert?“ Jetzt wird sie mir gar nichts mehr sagen. Ich hätte die Klappe halten sollen.
„Nein, von Jamie.“ Wenn‘s jetzt eh schon zu spät ist, dann kann ich sie auch gleich richtig ausfragen. „Nochmal, wer war das und was wollte er von dir? Ist das etwa noch einer deiner Erpressungsopfer?“ Sie verneint beide meiner Fragen und versichert mir, dass es sich nur um einen Mann handelt, der sein Kind von der Schule abholen will und sich verlaufen hat. Ich bin nicht sicher, ob ich ihr das glauben soll, belasse es aber dabei. Ich drehe mich um und verlasse die Schule. Ich überlege was ich nun als nächstes tun kann und schmiede einen Plan für den nächsten Tag. Den Mann mit dem sie geredet hat hab ich schon längst wieder vergessen.
Am nächsten Tag setzte ich meine Pläne in die Tat um. Auf dem Zettel stand, ich möchte meinen Bruder sicherlich nicht in Einzelteilen im See liegen haben. Die naheliegenden Dinge habe ich bereits gemacht. Vielleicht muss ich etwas tiefer wühlen, um weiter zu kommen. Moment mal, tiefer wühlen? Vielleicht könnte das die Lösung sein. Der See, das ist es. Ich muss zum See. Ich glaube ich war in meinem ganzen Leben noch nie so schnell die Treppe unten und in meinem Auto.
Ich brauche nur die Hälfte der Zeit für den Weg zum See und springe wortwörtlich aus dem Auto in den Wald. Bevor ich losgefahren bin, habe ich noch schnell eine alte Schaufel aus dem Keller geholt und in den Kofferraum geworfen. Mit dieser Schaufel fange ich an den kompletten Bereich um den See umzugraben. Zwei Stunden später gebe ich die Suche auf und trotte niedergeschlagen zu meinem Auto zurück. Mir fällt die Schaufel aus der Hand, direkt in den Schlamm. Als ich sie aufheben will und dabei in der ekligen Brühe lande, fällt mir an meinem Auto eine kleine silberne Kiste auf, die mit Isolierband am Unterboden festgeklebt ist. Das kann doch echt nicht wahr sein. So lange habe ich mich abgebuckelt und das soll alles umsonst gewesen sein? Sie ist mit einem Schloss versehen. Verdammt, wo soll ich denn bitte den Schlüssel finden? Erst jetzt bemerke ich, dass auf der Kiste eine Notiz klebt:
DU HAST ES BIS HIERHIN GESCHAFFT. RESPEKT, DAS HÄTTE ICH NICHT ERWARTET. NUN, DANN SUCH MAL SCHÖN WEITER.
Oh Mann, das kann nur eins bedeuten. Irgendwo in diesem Wald muss der Schlüssel versteckt sein. Als letztes entdecke ich die kleine Ergänzung rechts unten am Rand. Es ist ein Bild von einem Haus. Ein Haus im Wald, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kenne ihn in- und auswendig und habe hier noch nie eins gefunden. Aber was bleibt mir denn anderes übrig, als mich durch den ganzen Wald zu kämpfen und nach einem Haus zu suchen? Ich habe nicht mehr viel Zeit denn es wird bald dunkel und dann kann ich ohne Taschenlampe nichts mehr sehen .Aber es hilft alles nichts, schon kurze Zeit später ist es soweit. Ich muss die Suche hier abbrechen und morgen an dieser Stelle weiter machen.
Um 7.00 Uhr früh halte ich es dann nicht mehr aus und stürme aus meiner Wohnung, um in den Wald zu fahren. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Zu viel ist mir im Kopf herumgeschwirrt. Leider bin ich trotzdem kein bisschen weiter als gestern, als ich mich ins Bett gelegt habe. Bevor ich allerdings weitersuchen kann muss ich feststellen, dass jemand sich die Arbeit gemacht hat und alle Löcher die ich gestern gegraben habe wieder zu gegraben hat. Wer ist dieser Bekloppte und was will er? Ich mache mich widerwillig daran, alle Löcher erneut auszubuddeln. Irgendwann kommt wieder eine kleine Kiste zum Vorschein. Darauf steht in einer unleserlichen Handschrift:
WIE KOMMST DU DENN DARAUF, DASS DAS HAUS IN DER ERDE VERGRABEN IST?
Fuck. Wie krank muss man sein? Wie soll ich bitte in diesem übergroßen Wald dieses blöde Haus finden? Ich weiß, dass es hier keine Hütte gibt. Vielleicht steht irgendwo ein Holzhaus oder etwas ähnliches. Ich gehe einfach wahllos in eine Richtung. Über eine Stunde laufe ich und halte die Augen in dieser Richtung offen so gut es geht. Als ich da nichts finde laufe ich zurück und dann in eine andere. Das mache ich, suche vier oder fünf Stunden, bis ich ein leises Plätschern eines Bachs höre. Ich glaube ich war noch nie so erleichtert in meinem Leben. Ich habe so einen Durst, dass ich sofort zu ihm renne, um mir etwas Wasser in den Mund und auf mein Gesicht zu träufeln. Das kalte Wasser tut unglaublich gut. Es ist mittlerweile schon nach 13:00 Uhr und ich bin immer noch nicht weiter. Nochmal landet das kalte Wasser in meinem Gesicht, bevor ich dem Fluss folge, um meine Suche fortzusetzen. Als ich an einer tieferen Stelle ankomme, erblicke ich einen weißen Fleck von weitem. Ich gehe direkt darauf zu, denn wie ich schon im ersten Moment erleichtert feststelle, ist es wirklich ein Haus. Ein Puppenhaus. Davor im Wasser treibt eine männliche Puppe an einem Strick. Aber wo ist der Schlüssel? Ich wate durch den Fluss um auf die andere Seite zu kommen.
In dem Puppenhaus stehen lauter kleine Miniatur Möbel und zwei weitere Puppen. Eine Frau und ihr kleiner Sohn. Die Frau hat eine kleine Kiste in der Hand und der Schlüssel, diesmal in der richtigen Größe, liegt vor ihren Füßen. Und nochmal denke ich nur… Gott sei Dank! Wieder einen Schritt weiter. Ich nehme mir den Schlüssel und renne ohne nachzudenken zurück zum Ufer des Flusses, dann durch ihn hindurch und zurück in Richtung der Kiste, die ich vorsorglich gestern Abend in meinem Auto verstaut habe. Auf dem Weg zum Lada fällt mit allerdings eins auf: Ich weiß nicht, wo ich bin.
Ich bin heute Morgen einfach ziellos durch die Gegend gelaufen ohne zu merken, dass ich gar nicht mehr weiß wo ich bin. Okay, ganz ruhig. Ich folge einfach dem Fluss zurück zu der Stelle, an der ich getrunken habe und von da aus zurück, bis ich eine Stelle erreicht habe, an die ich mich wieder erinnern kann. Tatsächlich, oder wohl eher wundersamerweise, komme ich nach einiger Zeit wieder an eine Stelle, an die ich mich erinnern kann. Ich bin viel zu weit gelaufen und muss nun die ganze Strecke, die ich zu weit bin, wieder zurück. Wenigstens bin ich wieder da wo ich mich auskenne.
Es wird schon fast dunkel als ich am See und damit wieder am Lada ankomme. Ich steige in mein Auto ein, lehne mich kurz schnaufend in meinen Sitz, und schnappe mir die Kiste, um sie mit dem Schlüssel zu öffnen. So langsam geht mir die Energie aus für diesem Scheiß.
Iiiiiiigitt. Darin liegt eine menschliche Zunge. Darauf tätowiert steht:
DENK NACH, WER BIN ICH?
So langsam bahnt sich eine furchtbare Ahnung in meinem Kopf an. Die Zunge, die Puppe im Bach mit den beiden anderen. Eine Frau und ein Sohn. Das kann nicht sein. Ich habe ihn doch zum Schweigen gebracht. Dieser Mann, ganz am Anfang als ich mit meinem „Hobby“ angefangen habe… Wie hieß er noch gleich? Bill? Nein… Phil, ja, Phil war sein Name. Er war eins meiner ersten Opfer. Ich hatte ihm die Zunge rausgeschnitten und noch einige andere Dinge die ich jetzt nicht weiter vertiefen wollte. Ich war unachtsam gewesen und da war er abgehauen. Ich habe ihn nie wiedergefunden, egal wie intensiv ich nach ihm gesucht hatte. Klar hätte er der Polizei einfach alles aufschreiben können um mich zu verraten, also bin ich als letzte Lösung zu seiner Familie gefahren und habe ihnen angedroht, dass wenn er mich verrät, sie beide, seine Frau und auch sein Sohn, dafür bezahlen würden. Ich bin mir sicher, dass er den Kontakt zu den beiden gesucht hat und sie es ihm ausgerichtet haben. Und noch viel sicherer bin ich, dass er das Leben seiner Familie nicht auf ’s Spiel setzen würde.
Das ist alles schon Jahre her und irgendwo im letzten Zentimeter meines Gehirns verschwunden. Es ist nur eine Ahnung, aber schonmal besser als nichts. Ich habe nie wieder an ihn gedacht und erst recht nicht daran, dass er sich an mir rächen wollte. Es gibt nur eine einzige Sache die nicht zu dieser Theorie passt; Wieso hatte auch Jamie einen Umschlag bekommen? Das passt doch nicht zusammen. Was sollte Phil von meinem Bruder wollen? Und noch ein Gedanke schleicht sich in mein Unterbewusstsein; Selbst, wenn es Phil ist der Jamie entführt hat, weiß ich immer noch nicht, wo er ist und was er vorhat. Ich muss handeln. Ich starte den Wagen und mache mich auf den Weg zurück nach Hause. Obwohl mir die Zeit davonläuft, muss ich mich ein wenig ausruhen, wenn ich bei Verstand bleiben will, denn nur mit Verstand komme ich in dieser Angelegenheit weiter.
Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen laufe ich in die Küche um mir einen Kaffee zu machen. Als ich mir eine Tasse aus dem Schrank nehmen will, stocke ich in der Bewegung. Da steht eine nagelneue Tasse mit einer USA Flagge in meinem Schrank. Darin befindet sich eines dieser Russisch- Brot Kekse, der Buchstabe ‚X‘. Ich habe die Tasse in meinem Leben noch nie gesehen was bedeuten muss, dass sie jemand anderes in meinen Küchenschrank gestellt haben muss. Ich schau mich Zuhause um und finde tatsächlich noch den Buchstaben ‚A‘ und ’T’ hinter dem Sofa und in meinem Kaktus. Es war jemand hier in meiner Wohnung, während ich geschlafen habe. Es gibt nur einen der einen Grund haben könnte in meine Wohnung einzubrechen und das ist der unbekannte Täter. Die Tasse muss ein Hinweis auf Jamies Aufenthaltsort sein.
Wahrscheinlich das Land indem er sich aufhält. Und die Buchstaben bilden vielleicht einen Teil des Namens des Bundesstaates in den USA? Mir bleibt sicher nichts anderes übrig, als auf den nächsten Hinweis zu warten. Es wird mich verrückt machen, aber ich kann nur warten. Oder halt, etwas kann ich tun, auch wenn ich nicht weiß ob mir das im Geringsten weiterhilft. Ich kann versuchen, mehr über Phil und vielleicht auch seine Familie rauszufinden. Mittlerweile bin ich relativ sicher, dass er es ist. Als erstes starte ich meinen steinalten Dinosaurier PC und öffne Google. Ich gebe Phils Namen in die Suchleiste ein und drücke auf ‚Suchen‘. Dadurch, dass ich ihn damals gezwungen habe mir sein Haus zu zeigen, um den Brief auf dem Küchentisch zu platzieren, weiß ich, dass er mit Nachnamen Smuler heißt.
Mist, es gibt keinen Phil Smuler in der Datenbank. So komme ich nicht weiter, ich muss mir etwas anderes überlegen um an Informationen zu kommen. Ich mache mich fertig und steige in mein Auto, um zum Einwohnermeldeamt seiner Heimatstadt zu fahren.
Die nette Dame am Empfang fragt, wie ich mit Phil in Verbindung stehe, weil sie keine Informationen an Fremde herausgeben darf. Fieberhaft suche in nach einer Ausrede. “Er ist mein Stiefbruder, den ich schon seit einigen Jahren nicht mehr gesehen habe und nun suche ich nach ihm.“
So wirklich überzeugt sieht sie noch nicht aus. „Wirklich, meiner Mutter geht es sehr schlecht und sie möchte, bevor sie diese Welt verlässt, gern noch ein letztes Mal mit ihm sprechen und ihm sagen, dass sie ihn liebt. Es ist wirklich wichtig.“ Ich kann mittlerweile nicht mehr deuten, ob sie mir glaubt oder nicht. Sie überlegt lange, bevor sie zu beschließen scheint, dass ich die Wahrheit sage. Oh Mann, das wäre sonst mächtig schwer geworden an die Infos zu kommen die ich brauche, um Phil zu finden. „Ich habe hier eine Adresse, sowie Familienstand und die augenscheinlichen Merkmale.“ Nun, das nützt mir wenig, aber um die Illusion aufrecht zu halten, lasse ich mir alle Infos ausdrucken und verabschiede mich gespielt dankbar von der Frau.
An seinem Haus angekommen gehe ich erst einmal leise in den Vorgarten um zu einem Fenster im Erdgeschoss zu gelangen. Drinnen ist nichts zu sehen, außer ein paar moderner Möbeln und einem kleinen Hund der unter dem Tisch auf einer Decke schläft. Ich bin, ohne mir recht zu überlegen was ich hier tun will, hier hingefahren. Ich laufe einmal um das Haus herum, um nach einem offenen Fenster Ausschau zu halten, finde aber leider keins. Ich probiere, ob eine der Türen, Vorder- oder Hintertür, offen ist, habe aber auch da kein Glück. Ich will schon fast die Flinte ins Korn werfen, als ich ein Leuchten auf dem Fußweg entdecke. Hastig eile ich zum nächsten Busch und werfe mich dahinter, um nicht entdeckt zu werden.
Auf dem Fahrrad, das gerade in Richtung des Hauses abbiegt, fährt niemand anderes als Annabell. Total unvorbereitet starre ich sie einfach nur an, bis sie im Haus verschwunden ist. Dahin ist meine Chance ins Haus zu kommen. Schöner Mist, das habe ich selbst verbockt. Aber ich bin wieder einen Schritt weiter denn, wenn sie hier in diesem Haus wohnt muss sie auch etwas mit Phil zutun haben. Vielleicht sogar mit der Entführung von meinem Bruder. Ich werde sie gleich morgen zur Rede stellen.
Das erste, was ich am nächsten Montag mache, ist wutentbrannt in die Schule zu stürmen und eine ahnungslose Annabell aus dem Unterricht zu scheuchen. In einer der Sporthallen, sorgsam darauf bedacht nicht erwischt zu werden, stelle ich sie zur Rede. „Was hast du mit Phil Smuler zutun? Wo ist er? Wieso wohnst du in seinem Haus? Steckst du mit Ihm unter einer Decke?“
Überrascht sieht sie mich an und zögert, mit ihrer Antwort: „Ich wohne nur vorübergehend da, solange bis meine Eltern den Sorgerechtsstreit überwunden haben und sich entscheidet, bei wem ich bis zu meinem 18. Geburtstag leben soll. Er ist mein Großonkel und hat angeboten mich in der Zwischenzeit aufzunehmen, damit mir die Trennungsphase meiner Eltern nicht so schwerfällt. Wieso willst du das wissen?“
„Wo ist er?“ Diese Frage hat sie mir nicht beantwortet. So langsam bekomme ich das Gefühl, dass sie sich absichtlich dumm stellt, um meinen Fragen auszuweichen. „Ich habe ihn schon länger nicht gesehen. Er ist beruflich viel unterwegs.“
„Erzähl keinen Scheiß. Wir wissen beide, dass er nicht arbeiten kann, weil er ja nicht mal reden kann. Er ist auch körperlich gar nicht dazu in der Lage, irgendeinen Beruf mit ordentlichem Gehalt auszuüben und deine Großtante sitzt auch den ganzen Tag Zuhause und macht den Haushalt.“ Jetzt habe ich mich vielleicht verraten, aber egal. So langsam wird sie unsicher. Irgendwas ist an Annabell mehr als faul und ich muss sofort wissen was. „Was verheimlichst du mir? Spuck es schon aus oder willst du so enden wie dein Großonkel? Was denkst du denn, von wem er diese Verletzungen hat, die er nun mit sich rumtragen muss?“
Jetzt habe ich mich definitiv verraten aber ich denke, dass sie es eh schon weiß. „Ich weiß sehr wohl woher er die hat, glaub mir. Was denkst du denn, warum ich ausgerechnet mit Jamie was angefangen habe? Er war meine beste Chance an dich heranzukommen und es hat hervorragend funktioniert. Wir wissen wahrscheinlich beide, dass er derjenige ist, der deinen Bruder bei sich hat: Jetzt ist die Frage, ob du wirklich die Absicht hast, es dir mit mir zu verscherzen, denn ich bin offensichtlich deine beste Chance deinen Bruder lebend wieder zu bekommen. Ich würde vorschlagen, dass du in Zukunft etwas freundlicher zu mir bist.“ Was für eine Bitch. Den Teufel werde ich tun.
„So Kleine… damit wir beide uns verstehen… Du wirst mir helfen meinen Bruder zu finden und im Gegenzug werde ich dich, anders als deinen Onkel, nicht umbringen, wenn das alles hier vorbei ist, dafür, dass du ihm augenscheinlich geholfen hast, Jamie zu entführen. Trotzdem will ich von dir wissen, wieso du das eigentlich gemacht hast. Also schieß los oder stirb, du hast die Wahl.“
Schon an ihrem Blick kann ich erkennen, dass sie nicht mitspielen wird und ich wohl oder übel zu härteren Maßnahmen greifen muss, um etwas zu erreichen. “Gut, dann fühl dich hiermit entführt.“ Ich packe sie am Oberarm und zerre sie durch die Tür der Turnhalle in den Gang, der zum Haupteingang führt, und nach draußen. Ich hätte eine Pistole aus meinem Waffenschrank im Wohnzimmer mitnehmen sollen, dann wäre das jetzt alles viel einfacher. Auf den Beifahrersitz meines Ladas geschnallt, fahre ich mit ihr nach Hause. Unten im Keller angekommen, keucht Annabell entsetzt auf, als sie mein ganzes Arsenal an Folterwerkzeugen sieht, das ich über die Jahre angesammelt habe. Ihr Blick ist schwer vor Entsetzen.
„Was dachtest du denn, wie ich deinen Großonkel so zugerichtet habe? Mit einer Küchenschere?“ Stolz über meinen aufkeimenden Humor, muss ich selbst ein wenig schmunzeln. Das vergeht allerdings, als ich Annabell auf den Stuhl geschnallt meckern höre: “Das wird dir auch nicht helfen. Du kannst mit mir machen was du willst, ich werde dir gar nichts verraten. Ich habe es geschworen und außerdem ist es eh sinnlos, weil du so oder so nicht gewinnen kannst. Wenn ich nicht mehr bin, bekommst du keine Hinweise mehr und wenn du mich am Leben lässt, hat mein Onkel nichts zu verlieren. Er weiß, dass du ihn töten wirst falls bei dem Plan irgendwas schiefläuft, also hat er Vorkehrungen getroffen. Es ist eine Schachmatt Situation für dich.“
„Freu dich nicht zu früh Kleine, wenn ich dich einfach so lange mit meinen Gerätschaften bearbeite, bis du singst wie ein Rotkehlchen, dann habe ich das Spiel gewonnen, meinst du nicht? Du könntest uns beiden natürlich die zusätzliche Arbeit ersparen und einfach reden, aber wenn du nicht willst, dann tue ich eben nebenbei noch etwas, um die Nerven zu beruhigen.“ Diese Göre nervt allmählich so extrem, dass ich mich total drauf freue, ihr gleich irgendwelche Körperteile mit der Kettensäge zu entfernen.
Ich blicke kurz zu dem Gerät hinüber und dann wieder auf sie. Offensichtlich hat sie den Blick bemerkt, denn ihre großen, dunkelbraunen Augen weiten sich und sie fängt an flach und schnell zu atmen. Sie muss eine wahnsinnige Loyalität haben, um sich so etwas freiwillig anzutun, nur um ihren Großonkel nicht zu verraten. Oder es ist Angst. Aber Angst wovor, das ist die Frage. Bis auf das Offensichtliche, nämlich mir, hat sie doch keine großen Geheimnisse die sie ins Grab bringen würden.
Das mit den Drogen ist doch nichts Wichtiges meiner Meinung nach. „Ich schlage vor, wir spielen ein kleines Spiel. Ich spiele das gern mit den Leuten, die den Tag mit mir hier unten in meinem Keller verbringen dürfen. Ich erkläre kurz die Regeln, damit es nicht unfair wird. Ich stelle dir eine Frage und du antwortest mir darauf. Wenn mir die Antwort gefällt, dann werde ich dir nichts tun. Doch wenn nicht, dann wird dir ein Finger, oder auch ein Zeh, oder auch irgendetwas anderes von mir und meinem kleinen Freund der Säge abgetrennt. Noch irgendwelche Fragen? Nein? Gut, dann fangen wir an. Was hat er gegen dich in der Hand damit du ihm hilfst?“
Sie schluckt. Mit zittriger Stimme antwortet sie kurz: „Nichts.“ Sie lügt. Mit einer raschen Bewegung starte ich die Kettensäge. „Bist du dir da ganz sicher Kleine? Ich würde an deiner Stelle ganz genau überlegen, was ich als nächstes sage.“ Ein Kopfschütteln ist ihre Antwort. Na gut, sie hat es nicht anders gewollt. Ich überlege, welches Körperteil ich ihr als erstes abschneiden werde und entscheide mich für eine Ihrer Hände, damit sie selbst, wenn sie gleich einknickt, was sie mit Sicherheit macht, noch einen beträchtlichen Schaden davonträgt.
Ich packe mir ihre linke Hand und halte sie in die Höhe. Nachdem ich sie ermahnt habe die Hand, egal was passiert, nicht zu bewegen, sonst verliere sie mehr als nur diese, schwinge ich genüsslich die Säge und durchtrenne sauber Ihr Fleisch. Ein heftiger Schrei, gepaart mit vielen Tränen, bricht aus ihr hervor. „Willst du mir immer noch nichts verraten, kleine Annabell?“
Ich bekomme wieder nur ein Kopfschütteln von ihr. Diese kleine Göre hat mehr Mumm, oder Angst, als es am Anfang den Anschein gemacht hat. „Gib mir die andere auch noch, dann wird’s schwierig mit der Farbe im Gesicht kleine Barbie.“
Und zack, die zweite Hand ab.
Sie wird sie eh nicht mehr brauchen, denn nach diesem Spektakel hier, kann ich sie am Ende sowieso nicht am Leben lassen, sonst passiert der ganze Spaß hier in drei Jahren nochmal. Noch ein Schrei, diesmal lauter. „Pass auf, es wird langweilig dich zehnmal das gleiche zu fragen, nur um dir dann nacheinander zehn Körperteile zu entfernen. Wenn du also nicht willst, dass ich mit den wirklich schlimmen Dingen anfange, dann spuck es um deinetwillen einfach aus und ich kann mich wieder wichtigeren Dingen zuwenden. Ich habe keine Zeit für deine Spielchen.“
Ein spöttisches Lachen erscheint auf ihren Lippen. Ich starte mit einem Ruck erneut die Säge und schneide ihr mit einer fließenden Bewegung, unterhalb des Knies, das Bein ab. Besonders lange wird sie das nicht mehr aushalten. Hoffentlich hat sie jetzt endlich verstanden, dass es mir wirklich ernst ist und sie, wenn sie mit dem Leben davonkommen will, langsam anfangen muss zu reden. Es scheint mir, als hätte sie das auch in diesem Augenblick verstanden, denn sie richtet sich nach einem markerschütternden Schrei benommen auf und flüstert leise, so leise, dass ich mich ihr bis auf wenige Zentimeter nähern muss:
„Er hat mir aufgetragen, dir jeden Tag einen Hinweis zukommen zu lassen. Einen Hinweis, auf den genauen Aufenthaltsort deines Bruders, damit du erst herausfindest wo er ist, wenn es schon zu spät ist. Die Zunge, draußen im Wald, war die von Jamie. Er macht mit ihm genau das gleiche, wie du damals mit ihm, wenn nicht sogar noch schlimmeres. Er wollte, dass du unter den Taten die du damals verbrochen hast genauso leidest, wie er selbst es bis heute tut.“
Ich habe keine Ahnung ob sie die Wahrheit sagt. „Wo zum Teufel steckt er? Wie kann ich ihn finden?“
„Er ist auf einer Ranch mitten in Texas versteckt, aber die genaue Adresse hat Phil mir noch nicht durchgeben wollen für den Fall, dass etwas schiefgeht und du mich drankriegst. Es wird für dich unmöglich deinen Bruder zu finden, wenn Phil mich nicht gesund und munter weiß und das ist ja wohl offensichtlich nicht mehr der Fall.“
Ihre letzten Worte waren nur noch ein Hauchen. Die Kraft scheint sie verlassen zu haben. Schnell mache ich sie von dem Stuhl los und hole ein paar Tücher, um ihr die Hände und den Stumpen am Knie zu verbinden, doch es hilft nichts mehr. Annabell verliert zu viel Blut und wird noch währenddessen ohnmächtig. Fieberhaft überlege ich, was ich nun tun kann, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Schließlich muss sie mir noch die Informationen beschaffen die ich brauche, um Jamie zu finden.
Ich schnappe mir meinen Bunsenbrenner und das Brecheisen von meinem Tisch der Qualen und erhitze das Metall solange, bis das Eisen glüht. Dann brenne ich das Fleisch, um die große Fleischwunde an ihrem Bein, systematisch aus, bis kein Blut mehr aus der Wunde läuft. Das gleiche wiederhole ich vorsichtig an den anderen Wunden. Ich schwinge sie mit Leichtigkeit über meine Schulter und trage sie die Treppe hoch in mein Schlafzimmer, sorgsam darauf bedacht, dass in meinem Bett angekommen, schläft.
Sie schläft ganze drei Tage durch in denen ich alles daran setzte, mit der Suche nach meinem Bruder voranzukommen, aber wie sie schon sagte, komme ich ohne sie nicht wirklich weiter. Das einzige Ergebnis was ich nach meiner Recherche einstreichen kann, ist ein kurzes Telefonat mit Phil über Jamies Handy, welches Phil sofort abgebrochen hat nachdem er erfahren hat, dass seine Großnichte nicht mehr hundertprozentig gesund ist und auch nicht in der Lage, mit ihm zu telefonieren. Nach drei Tagen endlich, nachdem ich fast stündlich eine Panikattacke hatte, weil sich ihr Puls von zu schnell auf viel zu schnell, auf viel zu langsam, auf nicht vorhanden verändert hat und ich sie sogar zweimal reanimieren musste, weil ihr Herz stehen geblieben ist, wacht sie endlich auf.
Zwar kreidebleich im Gesicht doch bei vollem Bewusstsein, reiche ich ihr eine Flasche Wasser um etwas zu trinken, die sie dankend annimmt. Erst als sie fertig getrunken hat merkt sie, wer da eigentlich so hilfsbereit ist und wird unruhig.“ Warum tut mein Bein so höllisch weh?“ Scheinbar hat ihr Gehirn als Vorsichtsmaßnahme sämtliche Erinnerungen ganz nach hinten geschoben.
„Ich habe die Wunde ausgebrannt damit du mir nicht verblutest, bevor ich weiß wo mein Bruder ist. Unter den richtigen Umständen wirst du es überleben, aber die bekommst du nur, wenn du mir endlich die fehlenden Informationen gibst.“ Natürlich kann ich die Kleine nicht am Leben lassen. Ich werde ganz bestimmt nicht die gleichen Fehler noch einmal begehen wie damals schon, aber das muss sie ja noch nicht wissen. „Wie ich schon sagte, weiß ich das noch nicht, da ich ja nicht mit Phil sprechen konnte. Apropos, wie lange habe ich eigentlich geschlafen?“
„Wenn du es so nennen willst hast du drei Tage ‚geschlafen‘“
Das ‚geschlafen‘ setze ich in Anführungszeichen in der Luft damit sie merkt, dass es weitaus schlimmer war als geschlafen zu haben. Ihr Augen werden groß und sie starrt mich mit unverhohlener Panik an.
„DREI TAGE? WILLST DU MICH VERARSCHEN?“
„Nein ich verarsche dich nicht, du warst drei Tage ohne Bewusstsein und ich musste dich sogar reanimieren, sonst wärst du mir unter meinen Augen weggestorben.“
„Ja und das ist deine Schuld, hättest du mir nicht das Bein amputiert dann wäre dein Bruder jetzt nicht tot. Denkst du wirklich, dass er ihn am Leben gelassen hat, nachdem er mich seit drei Tagen nicht kontaktieren konnte?“ Fuck, daran habe ich gar nicht gedacht.
„Na wenn es jetzt sowieso zu spät ist dann kannst du mir ja jetzt auch die Informationen beschaffen, die ich brauche um ihn zu finden“ Hoffentlich funktioniert mein Trick und sie hilft mir, Jamie zu finden. Vielleicht lügt sie auch und ihm fehlt nichts. „Gib mir dein Telefon. Ich werde Phil anrufen und schauen, was sich machen lässt. Versprechen kann ich allerdings nichts.“ Ich gebe ihr mein altes Tastenhandy und sie gibt in aller Seelenruhe die Telefonnummer ihres Großonkels ein und drückt auf den grünen Hörer. Es klingelt dreimal bis Phil den Anruf entgegen nimmt. Wieder diese verzerrte Computerstimme… „Was willst du?“
„Phil, ich bin‘s… Annabell.“
„Annabell geht’s dir gut? Was hat er mit dir gemacht?“
„Mir geht’s den Umständen entsprechend gut, läuft alles nach Plan? Wo bist du?“
„Naja dein Verschwinden und die drei Tage Funkstille haben mich in meinem Plan etwas zurück geworfen zurückgeworfen… außerdem gab es vor ein paar Tagen ein paar kleine Komplikationen, aber mit denen brauchst du dich nicht zu beschäftigen, ich regle das schon. Ich bin auf der Ranch wie ich dir sagte.“
„Wo ist diese Ranch? Ich komme zu dir und helfe dir.“
„Nein meine Kleine das geht leider nicht. Ich kann’s dir noch nicht sagen aber du erfährst schon noch früh genug warum. Außerdem wollen wir doch nicht, dass James alles mithört nicht wahr?“
Verdammt er weiß, dass ich mithöre. Klar, sie hat ja mein Telefon. Das war pure Absicht von ihr und ich Trottel hab’s nicht gemerkt. Schon an ihrem Grinsen nach dem Auflegen merke ich, dass alles nach ihrem Plan verläuft. Nur bei Phil gibt es Schwierigkeiten und das lässt mich hoffen, dass es Jamie besser geht, als die beiden es geplant hatten. Er klang auch am Telefon anders als sonst. Es scheint wirklich etwas gewaltig schief zu laufen. Nun da Annabell mir jetzt nichts mehr nützt, kann ich sie auch von ihrem Leiden erlösen und sie töten, damit sie mir nicht noch mehr Probleme macht. Ich setzte mich neben ihr auf einen alten Holzstuhl. Sie liegt wieder auf dem Bett und hat die Augen geschlossen. Wahrscheinlich ist sie so erschöpft, dass sie unvorsichtig wird. Das ist meine Chance. Ich packe ihren Kopf und lasse mit einer fließenden Bewegung die Knochen in ihrem Genick brechen. Sie sackt schlaff auf das Kissen zurück und ist sofort tot. Erleichtert über ein Problem das ich lösen konnte, sinke ich in den Stuhl zurück. Erneut regt sich mein Handy in meiner Hosentasche. Ich bekomme ein ganz mulmiges Gefühl in der Magengegend. Ich gehe dran und mich erreicht eine schrille weibliche Stimme vom anderen Ende der Leitung.
„Herr James Adams… sie sind bei mir in der Akte als Notfall Kontakt für ihren Bruder Jamie angegeben. Er wurde vor ca. 2 Stunden hier im Krankenhaus in München eingeliefert. Ich würde sie bitten gleich zu uns zu kommen.“ Jamie ist in im Krankenhaus. Gott sei Dank er lebt und ist frei. Ich mache mich also gleich auf den Weg und nach guten 2 Stunden Fahrt, inklusive Stau zwischen Eichstätt und München, und dann bin ich auch schon da. Am Schalter frage ich nach Jamie und werde rauf in den zweiten Stock zum Zimmer 20.42 geschickt.
Als ich die Tür öffne und eintrete, kann ich es nicht glauben. Jamie, zwar übel zugerichtet, liegt in einem der vier Betten und schläft. Soweit ich es beurteilen kann, geht es ihm aber gut. Ich schnappe mir einen Stuhl und setzte mich neben ihn. Ich kann gar nicht fassen, dass er hier ist und lebt. Wie hat er es bloß geschafft von da weg zu kommen? In dem Moment öffnet er seine Augen und schaut mich an. Ihm kommen die Tränen, genau wie mir. Total schnulzig ich weiß, aber so ist es nun mal. Noch nie im Leben war ich so glücklich ihn zu sehen. „Wie geht es dir? Und wie hast du dich befreit?“
„Naja wie soll’s mir schon gehen, wenn mich ein psychotischer Irrer entführt in dem Glauben, dass nicht ich das bin, sondern du? Was hast du dem Mann denn getan, dass er dich entführen und umbringen will? Sag bitte nicht, dass du ihm die Zunge rausgeschnitten hast …“ er hat seine Zunge noch, verdammt ich habe wirklich gedacht, dass dieser Penner ihm die Zunge entfernt hat, so wie ich ihm damals. Mit leichter Verlegenheit antworte ich ihm, dass es durchaus sein kann, dass er das von mir hat. Jamie verliert daraufhin völlig die Beherrschung. „Wie kommst du dazu einem anderen Menschen so etwas anzutun? Macht dir das etwa Spaß? Bist du so ein kranker Abnormaler wie es im Fernsehen manchmal gezeigt wird?“
„Das erkläre ich dir ein anderes Mal. Wie bist du entkommen?“
„Dieser Vollidiot war sich seiner Sache so sicher, dass er nicht gemerkt hat, dass die Seile mit denen er mich gefesselt hat schon so alt waren, dass sie nach zwei Tagen den Geist aufgegeben haben. Dann habe ich Phil den Rest gegeben. Hab ihm die Gartenschaufel über die Platte gezogen. Er war sofort tot und liegt jetzt irgendwo mitten im Wald auf seinem Grundstück rum und kann locker vor sich hinfaulen so wie er es verdient hat.“Nachdem ich mit Annabell telefoniert hatte und es, Dank diesem Gerät zur Stimmverzerrung, geschafft habe, dass sie denkt ich sei ihr Großonkel, bin ich mit letzter Kraft raus auf die Straße, die neben dem Wald liegt. Dort bin ich zwar zusammengebrochen und vielleicht auch ohnmächtig geworden, aber irgendjemand hat mich scheinbar gefunden. Aufgewacht bin ich hier im Krankenhaus mit deinem Gesicht vor der Nase.“ Deswegen klang das Telefonat mit Annabell vorhin so komisch. „Moment, soll das etwa heißen, dass du auch mit mir die ganze Zeit telefoniert hast?“ Mein Bruder schüttelt leicht den Kopf und fährt fort. „Er hat mich gezwungen die Sätze bei den Telefonaten vorher aufzunehmen und hat sie durch den Stimmverzerrer dann abgespielt, wenn es zu deinen Fragen gepasst hat. Ich habe Stunden damit verbracht, jede mögliche Antwort auf jede mögliche Frage einzusprechen.“ Gott sei Dank ist der Spuk jetzt vorbei. Gut, dass Jamie ihn erledigt hat.
„Das heißt, dass uns dieser Schwachkopf nie wieder belästigen wird?“
„Genau das heißt es, lieber Bruder.“
Jetzt müssen wir uns nur noch überlegen was wir mit Annabell machen. Ich muss mir nur eine gute Geschichte für die Nachrichten ausdenken, damit jeder denkt, sie wird einfach nur vermisst oder ist abgehauen. Vielleicht kann ich das mit der Scheidung ihrer Eltern in Verbindung bringen, damit keiner anfängt nach ihr zu suchen, denn das würde unweigerlich dazu führen, dass sich die Polizei einschaltet. Wahrscheinlich werfe ich sie in den See zu all den anderen Leichen die sich darin tummeln und am besten gleich alle Werkzeuge hinterher.
„Liebster Bruder wir müssen uns als erstes darum kümmern, dass mein Keller wieder einfach nur ein Keller ist und nichts weiter. Bist du dabei?“
„Wie könnte ich dich im Stich lassen James, wo du doch so dafür gekämpft hast, mich zu retten? Das nächste Mal schaffst du es ja vielleicht auch wirklich, was auszurichten… was meinst du?“ Er muss selbst, genau wie ich, über seinen unglaublich schlechten Witz lachen, aber das ist nicht schlimm, solange es ihm noch gut genug geht, um welche zu machen. Und nur das allein zählt jetzt…

Schreibe einen Kommentar