Lena ZanderDie Andere

7+

1. Ella. 10 Stunden davor. 

„Sieht nach wie vor stabil aus. Die Herztöne sind regelmäßig –  der Kleine entwickelt sich prächtig. Sie können also ganz beruhigt sein.“

Aufatmen. Auch, wenn in ihrer Schwangerschaft bislang alles reibungslos verlaufen ist, fällt Ella jedes Mal ein tonnenschwerer Stein vom Herzen, wenn Frau Doktor Breuer – die Gynäkologin ihres Vertrauens – die magischen vier Worte spricht: Sie können beruhigt sein.

Es ist Ellas erste Schwangerschaft. Nie zuvor war sie glücklicher in ihrem bisherigen Leben. Trotz ihrer traumhaften Kindheit, die sie bei einer großartigen, liebevollen Pflegefamilie verbringen durfte, hatte sie oftmals das Gefühl, dass ihr irgendetwas fehlt. Was das sein sollte, hätte sie nicht genauer erläutern können. Im Grunde hatte sie alles, was das Herz eines jungen Mädchens begehrt: Ein wundervolles, großes Zuhause mit einer weitläufigen Grünfläche vor der Tür, ein eigenes Zimmer voller Dinge, die sie erfüllten, und eine beste Freundin, mit der sie über ihren ersten Liebeskummer weinen, ebenso aber über die albernsten Situationen lachen konnte.

Jetzt, einige Jahre später, als ihr erster Sohn nur noch wenige Monate davon entfernt war, das Licht der Welt zu erblicken und in die strahlenden Augen seiner Mutter zu schauen, legt sich dieses Gefühl. Endlich – zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt Ella sich annähernd vollständig. Aber eben auch nur annähernd..

„Frau Rotbaum?“

Ella schreckt überrascht aus ihren Gedanken auf, als Frau Doktor Breuer sie schließlich unsanft mit ihrer rauchigen Stimme aus eben diesen herausreißt. „Frau Rotbaum, die nächste Patientin wartet draußen. Wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben sollten, dann stellen Sie sie bitte jetzt.“ Die tiefhängenden Augen und die Falten um den Mund der Ärztin lassen sie etwas grimmig aussehen.

„Nein nein, alles in Ordnung. Danke Ihnen, Frau Doktor Breuer. In 4 Wochen haben wir den vorerst letzten Ultraschalltermin, richtig?“ Ellas Puls erhöht sich jedes Mal bedeutend, wenn sie das Herz ihres kleinen Sonnenscheins auf dem Monitor schlagen sieht. Ein atemberaubendes Gefühl.

Mit einem hastigen Nicken verabschiedet sich Frau Doktor Breuer von Ella und begleitet sie mehr oder weniger herzlich zur Tür hinaus.

 

2.  Ella. 9 Stunden davor.

Gedankenverloren schlendert sie  durch den viel zu modernen Eingangsbereich der Praxis, in der man keinen Angestellten beobachten kann, der kein aufgesetztes Fernseh-Lächeln mimt. Hier, in dem erst vor wenigen Jahren erbauten Praxiskomplex steht Freundlichkeit an oberster Stelle. “Wovon Frau Doktor Breuer offenbar noch nichts mitbekommen hat”, beendet Ella in Gedanken scherzend ihre Beobachtungen. Doch die Tatsache, dass ihre Frauenärztin nur selten ihre Gesichtsmuskeln anstrengte, um ihre Mundwinkel zu einem Lächeln zu formen, stört Ella wenig. Sie macht einen guten Job und vermittelt ihr ein Gefühl von Sicherheit, und das steht für die Schwangere an erster Stelle.

„Wo habe ich den verdammten Wagen abgestellt…“ Seit dem Einbruch in ihre Wohnung ist Ella etwas neben der Spur, hat sie so etwas doch noch nie zuvor erleben müssen. Sie kann von Glück reden, dass sie nicht mitbekommen hat, wie dieser hirnlose Vollidiot vergangene Nacht in ihr Schlafzimmer eingestiegen ist, als wäre es sein eigenes. Der hätte was erleben können. Dass Timo, der erst kürzlich zu ihr gezogen ist, kurz nachdem sie sich endlich das Ja-Wort gegeben hatten, ebenso nichts von dem nächtlichen Aufruhr mitbekommen hat, wundert sie wenig. Er konnte schon immer schlummern wie ein Igel im Winterschlaf.

Schon in kurzer Zeit wird die Polizei bei ihr eintreffen, um das Schlafzimmer nach Fingerabdrücken zu untersuchen. Umso fieberhafter versucht Ella nun, ihren heruntergekommenen Fiat zu finden, mit dem sie vorhin hierhergekommen war. Immerhin war sie es, die sich nicht davon hatte abbringen lassen, ihren für diesen Morgen angesetzten Ultraschalltermin wahrzunehmen. Da will sie die Beamten nicht auch noch vor der Tür warten lassen.

„Oh man…“, beinahe wütend auf sich selbst schlägt Ella ihre flache Hand gegen die Stirn, als ihr einfällt, dass sie an diesem Morgen ihr Auto hatte stehen lassen, hatte sie sich doch vorgenommen, der Umwelt etwas Gutes zu tun, wenn sie es irgendwie konnte. Sie war mit dem Fahrrad hergekommen, welches sich naheliegenderweise an den Fahrradständern neben dem Praxiseingang befinden sollte.

Schon wenige Momente später steht Ella bei ihrem Fahrrad, das nicht viel weniger heruntergekommen ist, als ihr verbeulter Wagen. Leicht verärgert über ihre Kopflosigkeit steigt sie auf, und bemerkt aus dem Augenwinkel etwas an ihrem Rad, das dort ganz offensichtlich nicht hingehört.

 

3. Ella. 9 Stunden davor.

Ein Handy. Es liegt direkt an ihrem Vorderrad, nahezu unübersehbar. Fast so, als wäre es absichtlich dort platziert worden. Es ist nicht ihres, soviel steht fest. Das neuartige Modell wäre viel zu modern für Ella, die sich vollkommen damit zufrieden gibt, mit ihrem Mobiltelefon im Notfall jemanden erreichen zu können. Gegenwärtigen Schnickschnack wie verschiedene Objektive, um das bestmögliche Foto zu schießen oder ein Meer an Apps, die kein Mensch braucht, hält sie für überflüssig.

Ella, die schon jetzt gar nicht bemerkt, wie ihr der Mund vor Erstaunen offen steht, weiß noch nicht, dass ihr Stutzen schon im nächsten Moment in ein Gefühl größter Unbehaglichkeit übergehen wird.

Nicht nur, dass sich das fremde Gerät plötzlich per Gesichtserkennung entsperrt – vor ihren Augen präsentiert sich nun ein Foto auf dem Display, das sie zu tiefster Panik erregt.

Schweiß läuft Ella den Rücken hinunter. Einige Male muss sie blinzeln, bis sie sich erneut wagt, den grauenhaften Anblick zuzulassen. Nicht bloß, dass sie selbst es ist, die höhnisch lächelnd auf dem Bild zu sehen ist, wie sie für ihr Selfie posiert. In der rechten Hand hält sie ein Fleischermesser, welches sie direkt vor die Brust ihres schlafenden Ehemannes hält.

Das kann nicht sein. Das ist völlig unmöglich. Wie erstarrt steht Ella noch immer neben ihrem Fahrrad, das fremde Mobiltelefon in der Hand. Es dauert einige Momente, bis sie aus ihrer der Angst geschuldeten Unbeweglichkeit erwacht. Ohne weiter zu überlegen, springt sie auf ihr Fahrrad, um so schnell es eben geht nach Hause zu gelangen. Sie hat eine Entscheidung getroffen.

 

4. Ella. 8 Stunden davor.

„Du musst hier raus, sofort!“. Ella tut es nicht einmal leid, wie sie den völlig überrumpelten Timo ohne jegliche Form einer Begrüßung anschreit. Nun ist es Timo, dem der Mund offen stehen bleibt. „Aber Liebes, ich…“

„SOFORT!“.

Tränen schießen Ella in die Augen. Das Letzte, was sie will, ist ihren größten Schatz zu gefährden. Die Person, der sie am meisten auf dieser Welt vertraut. So Vieles hat sie Timo zu verdanken. Ihre dunkelsten Geschichten konnte sie ihm anvertrauen, problemlos, ohne, dass er auch nur mit der Wimper gezuckt hat. Damals, als sie in ihrem Job als leidenschaftliche Tänzerin ihren großen Durchburch erlangte, war es Timo, der in vorderster Reihe für sie jubelte. So stolz war er auf seine wunderschöne Ella gewesen. Er ist es, der all ihre Erfolge mit ihr feierte. Der sie niemals verurteilen könnte. Nicht für einen ihrer sporadisch auftretenden Wutausbrüche, nicht für ihre Komplexe, die vermutlich jeden anderen Mann schon lange in die Flucht getrieben hätten, nicht für ihre mangelnden Kochkünste, und auch nicht für ihre Vergangenheit.

„Es geht wieder los, Timo“, flüstert sie nun, „bitte geh.“

Es ist noch keine allzu lange Zeit her, zwei oder drei Jahre vielleicht, als Ella von ihrem Psychiater als geheilt eingestuft worden war. Kurz, nachdem sie von ihren Pflegeeltern auszog, um endlich auf eigenen Beinen zu stehen und ihr Leben so perfekt fortzusetzen, wie es bis zu diesem Zeitpunkt gewesen zu sein schien, folgte ihr Absturz. Sie begann Dinge zu tun, an die sie sich Stunden später nicht mehr erinnerte. Schlafwandeln zählte schon bald zu Ellas nächtlicher Routine und wurde stärker, von Nacht zu Nacht. Bis sie eines Tages auch tagsüber begann, sich merkwürdig zu benehmen. In manchen Momenten schrie sie wie ein 2-jähriges Kleinkind, es wirkte nahezu so, als sei sie der Sprache eines erwachsenen Menschen nicht mehr mächtig. Sie druckste herum und sprach kaum einen zusammenhängenden Satz. Im nächsten Moment schien sie wieder völlig normal. Als sei nichts geschehen. Erinnern konnte Ella sich an ihre wechselnden Persönlichkeiten nie, was sich schnell zu der Tatsache entwickelte, die ihr am meisten Angst einjagte. Ella bezeichnete die Person, zu der sie während ihrer Schübe wurde, schon bald als „Die Andere“. So verlieh sie dem Ganzen etwas mehr Abstand zu sich selbst, sie konnte somit besser akzeptieren, was in diesen Momenten mit ihr geschah. Doktor Rehbert, ein alt eingesessener, entspannt wirkender alter Mann, hatte sich ihrer sofort angenommen. Waren sämtliche Therapieplätze in der Gegend belegt, so hatte er keinen Moment gezögert, Ella umgehend bei sich aufzunehmen, um sie in seine Behandlung zu begeben.

„Eine Persönlichkeitsstörung hat meist tiefgreifende Ursachen“, hatte er ihr bereits in einer der ersten Sitzungen nahegelegt. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass sie erst Jahre nach dem traumatischen Ereignis, was die Störung ausgelöst hat, auftritt.“ Doch Ella konnte sich nie an ein derartiges Ereignis erinnern. Das einzig Außergewöhnliche in ihrer frühen Kindheit war die Tatsache, dass sie im Alter von zweieinhalb Jahren von ihren leiblichen Eltern getrennt wurde und zu ihrer Pflegefamilie zog. Den Grund dafür hat sie bis heute nicht erfahren. Es interessiert sie jedoch auch nicht, da sie sich keine besseren Eltern als Josy und Peter Gärtner hätte vorstellen können, die sie aufgezogen und geliebt hatten wie eine eigene Tochter.

Mit der Zeit besserten sich Ellas Symptome. Sie schlafwandelte weniger und benahm sich ihres Alters entsprechend. Irgendwann gab es so gut wie keine derartigen Wechsel mehr in ihrer Persönlichkeit, sodass Doktor Rehbert sie guten Gewissens aus seiner Behandlung entließ.

 

5. Ella. 8 Stunden davor.

“Schatz, du weißt doch, ich bin für dich da und…”

“Timo, ich habe Angst, dass ich gefährlich für dich werden könnte. Ich weiß nicht, wozu ich fähig bin, wenn ich tatsächlich wieder einen Schub bekomme.” Ella lässt Timo nicht einmal mehr aussprechen, als sie sich entscheidet, nun Klartext zu sprechen. Nachdem dieser den Fehler begangen hat, sich über Ellas Aussage, die er nun doch für ein wenig überzogen hält, ein Schmunzeln nicht verkneifen zu können, wird sie wütend. Es folgen heftige Diskussionen, bis Ella ihren Mann schlussendlich davon überzeugen kann, vorerst die gemeinsame Wohnung zu verlassen und ein, oder zwei Nächte bei einem gemeinsamen Kumpel zu übernachten. Vorsichtig hat Ella es nun zustande gebracht, ihrem stutzigen Partner von ihrer Vermutung zu berichten, dass sie selbst, oder, wie sie es formuliert, „die Andere“, es  ist, die hinter der Geschichte mit dem Handy steckt, wovon sie ihm zuletzt erzählt hat. Sie konnte es jedoch nicht übers Herz bringen, ihrem Partner das Foto zu zeigen. Grimmig verlässt Timo nun die gemeinsame Wohnung und somit seine aufgebrachte Frau. Er kann nicht gut damit umgehen, Ella so aufgelöst zu sehen. Viel lieber würde er ihr zur Seite stehen, ihre Hand halten und sie fest an sich drücken, bis sich ihr aufgewühltes Gemüt etwas beruhigt und sie zur Ruhe kommt. Doch Timo kennt Ella nun gut genug, um genau abzuschätzen, wann sie sich von etwas abbringen lässt, und wann jeglicher Versuch, sie zu beruhigen, zum Scheitern verurteilt ist. In diesem Moment entscheidet er sich für Zweiteres. “Schatz, wenn irgendetwas ist, du weißt, wo du mich findest. Melde dich bitte heute Abend, wenn die Polizei hier war. Ich komme auch sofort zurück, wenn du das möchtest.” Ein gutes Gefühl hat Timo bei der Sache nicht, doch Ella scheint sich ihrer Entscheidung sicher. Niemals könnte sie es sich verzeihen, wenn das, was sie auf dem erschreckenden Foto zu Gesicht bekommen hat, erneut passieren würde. Und sie eventuell beim nächsten Mal den entscheidenden Schritt weiter ginge. Ein kalter Schauer läuft Ella über den Rücken, als sie sich erschöpft am Türrahmen abstützt, um schließlich dieses Horrorszenario aus ihrem Kopf zu verbannen. “Ist okay Schatz, ich melde mich. Ich liebe dich.” Der Versuch, diese Worte ruhiger herauszubringen, als es in ihrem Innern aussieht, scheitert kläglich. Ihre Stimme überschlägt sich fast. Es folgt eine feste Umarmung, gefolgt von einem langen Kuss auf die Stirn, bevor Timo zu seinem Auto trottet, um im nächsten Moment hinter der Kurve zu verschwinden. Ella bleibt noch einige Minuten im Türrahmen stehen. Oder sind es Stunden? Mit leerem Blick starrt sie auf den Boden, wartet, bis sich ihr Puls allmählich etwas beruhigt. Gedanken schwirren ihr durch den Kopf. Es ist ein Gefühl, das sich nicht mit tausend Worten beschreiben lässt. Wo sie doch auf der einen Seite eine tiefe Traurigkeit verspürt, dass ihre Erkrankung zurück gekommen zu sein scheint, so ist sie gleichzeitig unendlich wütend auf sich selbst. Wie kann sie zu so etwas fähig sein? Ein solches Foto von sich zu schießen, und -um Himmels Willen – was war bloß ihre Absicht dahinter? Ella spürt ein Misstrauen in sich, wie sie es noch nie in ihrem Leben empfunden hat. Niemandem gegenüber. Dass es nun sie selbst ist, der sie plötzlich nicht mehr vertrauen zu können scheint, jagt ihr eine große Angst ein. Sie fährt sich mit ihren feuchten Fingern durch die Haare, die mittlerweile nicht mehr  ihren schönen, für Ella typischen Dutt formen, sondern wahllos in ihrem Gesicht hängen. Eine Strähne streicht sie sich hinter ihr Ohr, langsam sammeln sich ihre Gedanken wieder. Das Handy hat sie seit ihrem Fund nicht mehr angerührt, und das hat sie vorerst auch nicht vor. Es liegt tief unten in ihrer Handtasche, und Ella hofft, dass sie derartige Bilder nie wieder mit diesem Gerät schießen wird.

 

6. Ella. 4 Stunden davor.

Es ist bereits einige Stunden später, als Ella auf dem Sofa aus ihrem Dämmerschlaf aufschreckt. Sie glaubt, von einem Geräusch erwacht zu sein, doch momentan würde sie nicht ihre Hand dafür ins Feuer legen, was sie selber meint, wahrgenommen zu haben. Müde streichelt sie über ihren Bauch, der schon seit Längerem nicht mehr so flach ist, wie normalerweise. Doch der Grund, der sich wortwörtlich dahinter verbirgt, bewegt Ella trotz all ihrer Verzweiflung zu einem breiten Lächeln. “Bald bist du da, mein Kleiner. Ich kann es kaum mehr erwarten, dich bei uns willkommen zu heißen..”. Der Gedanke an die baldige Geburt ihres kleinen Sohnes lässt Ellas Gemüt für einen Moment erhellen. Nur schwermütig erhebt sie sich schließlich von ihrem Sofa, noch müde von ihrem Nickerchen, als es an der Tür klingelt. Pünktlich, wie eine Kirchenuhr. Ella hat seit ihrem Fund keinen Gedanken mehr an den bevorstehenden Polizeibesuch verschwendet, und auch jetzt beeindrucken sie die Beamten vor ihrer Haustür nur wenig. „Hier entlang, meine Herren“, fordert sie die beiden jungen Polizisten, die nun ihren Flur betreten, zum Weitergehen ins Schlafzimmer auf. Es fällt ihr schwer, die Story von dem Einbruch vergangene Nacht noch einmal zu schildern, wo ihre Gedanken eigentlich völlig woanders sind.

„So, hier durch dieses Fenster ist die Zielperson also eingestiegen?“, wiederholt einer der beiden offensichtlich motivierten Polizisten Ellas Aussage. Vermutlich sind sie beide erst kürzlich mit ihrer Ausbildung fertig geworden und dürfen sich nun zum ersten Mal eigenständig um einen Einbruch kümmern. „Jaja, genau, hier durch das Fenster.“ unterbricht Ella ihre Mutmaßungen. Dies ist wohl der größte Nachteil an ihrer Erdgeschosswohnung hier in einem der edelsten Viertel Kölns. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn Einbrecher hier gute Chancen für eine lohnende Ausbeute wittern. Glücklicherweise wurde nichts aus ihrer Wohnung entwendet. Vermutlich hatte der Eindringling deutlich mehr erwartet in einer Unterkunft dieser Preisklasse. Auch diesen Umstand schildert Ella den Beamten, so ausführlich sie es in ihrem Zustand schafft. Bis sie nun gedankenverloren dabei zuschaut, wie der Kleinere der beiden höchst vorsichtig die Fingerabdrücke von der schmalen Fensterbank vor dem geöffneten Fenster nimmt. Sie ist sehr dankbar, dass sich überhaupt so eindringlich um ihren Fall gekümmert wird. Es hatte Ella nicht wenig Zeit gekostet, die Polizei davon zu überzeugen, einen Blick darauf zu werfen, wer in ihre Wohnung eingestiegen sein könnte. Doch ihre Sorge, es könnte erneut passieren und absurderweise ihrem ungeborenen Kind etwas dabei zustoßen, hatte sie dazu getrieben, die Polizei, die ihrem Ruf als Freund und Helfer somit alle Ehre machte, zu überzeugen.

„Wir melden uns bei Ihnen, Frau Rotbaum. Keine Sorge, wir kümmern uns darum, dass sich nicht nochmal jemand unerlaubten Zutritt verschafft, versprochen. Rufen Sie an, wenn noch etwas sein sollte!“

Mit dieser freundlichen Verabschiedung verlassen die beiden zufrieden wirkenden Beamten nun Ellas Wohung, nicht ahnend, dass ihr Wort schon in Bälde gebrochen werden wird.

 

7. Ella. Kurz davor.

Kaum sind die Polizisten aus der Tür verschwunden, glaubt Ella ihren Augen nicht zu trauen. Sie muss ein zweites Mal hinschauen, um sicherzugehen, dass sie sich nicht irrt. Bestürzt eilt sie zur eben untersuchten Fensterbank, auf der sich nun das am Morgen gefundene Handy befindet. Ella ist sich sicher, es dort nicht platziert zu haben, wollte sie es doch unbedingt aus ihrem Blickfeld wissen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Oder, was vielleicht etwas treffender benannt sein mag: Aus den Augen, Grauen im Sinn… Das schreckliche Foto ist auch ohne den direkten Anblick ununterbrochen präsent in Ellas Kopf. Bloß, dass ohne die unmittelbare Betrachtung des Telefons die Gefahr eines erneuten Entsetzen etwas gemildert scheint. Ellas Erschütterung über die Tatsache, wie plötzlich und intensiv ihre als überstanden geglaubte Erkrankung nun zurückgekehrt scheint, lässt ihr Tränen über die Wangen laufen. Eine einzige dieser Tränen beinhaltet all ihre Furcht, Wut und Sorge um ihr ungeborenes Kind. Wann ist ihr letzter Schub gewesen? Wann hatte sie ihr Handy dort auf die Fensterbank gelegt? Und wann überhaupt hatte sie dieses abscheuliche Foto geschossen, auf dem sie ihren Ehemann bedroht? Tausende Fragen in Ellas Kopf, kaum eine Antwort. Erschöpft sinkt sie auf den Sessel vor ihrem Schlafzimmer, das Gesicht tief in den Händen vergraben. Sofort morgen früh wird sie Doktor Rehbert anrufen, um mit ihm die Lage zu besprechen. Alles würde sie dafür tun, ihren plötzlichen Krankheitsschub bis zur Geburt ihres Kindes überstanden zu haben. Minuten, oder Stunden später – wer weiß schon, wie lange sie tatsächlich taten- und nahezu gedankenlos in ihrem Korbsessel verbracht hat – kann Ella sich nun endlich aufraffen, um knappe vier Meter weiter in Richtung ihres Ehebettes zu schlurfen. „Wo ist diese verdammte Fernbedienung, habe ich auch die wo hingelegt oder ist…“ noch bevor Ella ihr aufgebrachtes Selbstgespräch beendet, schiebt sie ihre schmale Hand in den Spalt zwischen den beiden Matratzen, um die als verlegt geglaubte Fernbedienung herauszuziehen. „Na wenigstens die habe ich verschont…“

Ohne einen eindeutigen Sinn darin zu sehen, schaltet Ella jetzt den Flachbildfernseher ein, den Timo erst vor Kurzem installiert hatte. So ganz weiß sie noch immer nicht damit umzugehen, mit moderner Technik hat sie es noch nie gehabt. Schließlich aber findet sie ein Programm, auf dem eine dieser einschläfernden Naturdokus läuft. Genau das Richtige für Ellas derzeitige Verfassung. Mit schweren Augen beobachtet sie den Löwen, der sich anmutig, gleichzeitig jedoch höchst bedrohlich wirkend, an seine Beute heranschleicht. Die Gazellen scheinen ihren Angreifer noch nicht bemerkt zu haben. Es dauert keine zwei Sekunden, bis das große Tier auf sein Abendessen zu sprintet und sich eine der Gazellen, die nicht schnell genug ist, um zu entkommen, hungrig packt.

Wenn es doch nur mit Erkrankungen wie ihrer genau so funktionieren würde. Langsam anpirschen, um sich schließlich darauf zu stürzen und sie in tausende Kleinteile zerreißen, bis nichts mehr von ihr übrig bliebe. Mit diesem Gedanken, gemeinsam mit ihrer Sorge, Verzweiflung und Anspannung vor dem, was die kommende Zeit nun bringen mag, sinkt sie allmählich in einen leichten Schlaf – schwer, aber gleichmäßig atmend – bis ihr jemand mit energischer Kraft ein Kissen ins Gesicht drückt.

 

8. Tara. Jetzt. 

Sieg. Überlegenheit. Triumph. Endlich. Pures Adrenalin schießt Tara durch die Blutbahn, als sie Ella das schuhkartongroße Kissen gegen Mund und Nase presst. Der spitze Schrei, den sie bei der Überwältigung losgelassen hat, hat Tara zu noch stärkeren Glücksgefühlen erregt, als sie es sich hätte träumen lassen. So lange plant sie diesen Moment nun schon, und jetzt ist er endlich gekommen. Tara kann es kaum erwarten, das Leben aus den Augen ihres Opfers gleiten zu sehen. Ella mit ihrem scheinbar perfekten Barbie-Leben hat es nicht verdient, ihr Dasein auf solch luxuriöse Art und Weise zu verbringen. Erfolgreich im Job – eine begnadete Tänzerin mit dem Körper einer jungen Göttin – wie oft hatte Tara, neiderfüllt, in der letzten Reihe eines Auftritts gestanden, um dabei zuzusehen, wie Ella am Ende ihrer Performance schallenden Applaus erntet. Den Applaus, der ihr zugestanden hätte. Sie war es, die seit Kindertagen den Wunsch in sich trug, einmal auf den großen Bühnen zu stehen, um nach perfekten Pirouetten und anmutigen Sprüngen von dem Publikum, das ihretwegen anwesend war, beklatscht zu werden. Lediglich der Unfall war es, der ihren Traum mit einem  Mal zerplatzen ließ. Seit sie ihre Beine nur noch kurzzeitig belasten kann, hat sie sich wieder und wieder in die Hallen ihrer Träume begeben, um wehmütig denjenigen zusehen zu können, die ihre Sehnsucht lebten. Bis sie eines Tages SIE erblickte. Ella, wie sie perfekt über die Bühne schwebt. Wunderschön, mit einer Leichtigkeit, die beinahe greifbar war. Der erste Moment, in dem sie Ella sah, war bereits derjenige, in dem Tara hasserfüllt beschloss, diese Person ein für alle Mal zu vernichten.

Es war keine große Mühe nötig, um herauszufinden, wo sich Ellas Bleibe befindet. In dieser nahezu perfekten, an Harmonie kaum zu übertreffenden kleinen Wohnung. Mehrmals die Woche begibt Tara sich nun schon seit einiger Zeit in die unmittelbare Nähe des Wohnkomplexes, um zu beobachten, wie Ella ihr traumhaftes Leben führt. Nicht genug damit, dass sie den Beruf auslebt, für den Tara ihre kümmerliche Existenz gegeben hätte. Nein, auch ihr Mann, Timo, mit dem sie erst seit Kurzem verheiratet ist, scheint liebevoll und aufrichtig zu sein, wie es sich eine jede Frau wünscht. Ein gutaussehender, stattlicher junger Mann, der nicht ein einziges Mal aus der Tür tritt, ohne seiner Liebsten einen Abschiedskuss zu geben. Taras Wut wächst und wächst mit jedem perfekten Anblick, den sie ertragen muss. Als sie jedoch vor Kurzem erfährt, dass Ella nun auch noch ein Kind erwartet, um ihrem Leben die entscheidende Krone aufzusetzen, brennt in Taras Kopf die letzte Sicherung durch. Diejenige, die sie bislang davon abgehalten hatte, diesen Menschen, der das Leben lebt, das ihr zugeschrieben war, endlich aus dem Wege zu schaffen.

Es war ein Leichtes gewesen, Ellas Gynäkologin ausfindig zu machen. Das Handy dort direkt neben ihrem Fahrrad zu platzieren, mit dem sie einige Nächte zuvor das Foto in Timos und Ellas Schlafzimmer geschossen hatte. Es war ihr die pure Freude gewesen, Ellas angsterfülltes Gesicht zu beobachten, als sie das Telefon an den Fahrradständern fand. Es war mehr als nur eine Genugtuung für Tara, diese Verzweiflung und die pure Angst in dem Gesicht zu sehen, das sie am meisten verachtet. Sie hat Freude daran, Ellas Leben die letzten Stunden, bevor sie sie endgültig vernichten wird, zur Hölle zu machen. Was genau Ellas Gedanken gewesen waren, als sie das Foto entdeckt hatte, weiß Tara nicht, doch dem Schrecken in Ellas Gesicht nach zu urteilen, muss es furchtbar gewesen sein. Perfekt. Genau so hat Tara es sich erhofft.

Das Blut in Taras Adern scheint in einem Tempo zu fließen wie nie zuvor, jetzt, als sie ihren Plan endlich in die Tat umsetzt. Bereits vergangene Nacht hatte sie versucht, ihr Vorhaben durchzuführen. Sie hätte sich selbst die Haare herausreißen können, einen solch dummen Fehler begangen zu haben. Natürlich hätte sie zunächst dafür sorgen müssen, dass Timo sich nicht mehr in Ellas Nähe aufhält, auch, wenn dieser Tiefschläfer vermutlich sowieso nichts von ihren Taten mitbekommen hätte. Aber sicher ist sicher. Somit musste Tara die Erfüllung ihres Projekts um einen Abend verschieben. Dass es so einfach sein würde, Timo aus der Wohnung zu bekommen, hätte sie nicht gedacht. Sie hatte nicht einmal mehr überlegen müssen, wie sie dies bewältigen konnte, durch das Foto auf dem Handy hatte sich die Sache von ganz allein geregelt. Wunderbar. Es kann nicht besser laufen. Wie wohltuend der Anblick dieser perfekten Bitch war, wie ihr leidend allmählich das Leben aus dem Körper gleitet. Genüsslich drückt Tara noch ein bisschen fester zu. Lustvoll ergötzt Tara sich am Anblick ihres langsam ohnmächtig werdenden Opfers, als sie schließlich ein wildes Klopfen an Ellas Haustür hört.

„Shit, was soll das jetzt. Komm schon…“ Tara versucht ihren Schreck zu unterdrücken, um ihren Plan nicht scheitern zu lassen. Doch als das Klopfen nun nachlässt und sie das kratzende Geräusch eines Drahtes hört, mit dem gerade offenbar versucht wird, das Haustürschloss zu öffnen, entscheidet sie sich für das Unvermeidliche. Klack. Das Schloss scheint nachgegeben zu haben. „Fuck!“. Ihr wuterfüllter Ausruf war kaum mehr als ein Flüstern, bevor sie schließlich das Kissen zur Seite schleudert und durch das Fenster, durch das sie zuvor eingestiegen war, als ihren Fluchtweg zu nutzen. Sie betet, dass Ellas Körper bereits zu wenig Sauerstoff bekommen hat, um noch am Leben sein zu können.

 

9. Ella. 12 Stunden danach.

Alles ist verschwommen. Nur weiße Silhouetten kann sie erkennen. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und Plastikhandschuhen, ebenso scheinen sich der Geräuschkulisse nach zu urteilen mehrere Personen in der Räumlichkeit, in der Ella gerade erwacht, zu befinden. Es dauert einige Minuten, bis sie zu sich kommt und erkennt, dass sie sich in einem Krankenhauszimmer befindet. Zwei Ärzte notieren sich irgendetwas in ihre Unterlagen, und eine schlecht gelaunt wirkende Schwester scheint nicht so richtig zu wissen, wie sie in diesem Zimmer gerade helfen kann. Als würde sie Ellas Vermutung bestätigen, verlässt sie kurzerhand den Raum. Mit einem Blick nach rechts, der Ella einiges an Kraft abverlangt, erkennt sie den Monitor, auf dem aktuell ihre Atmung überwacht wird. Zuletzt hatte sie auf einem solchen Bildschirm den Herzschlag ihres Babys beobachten können. Nun ist sie selbst es, deren Puls auf dem kleinen Gerät ununterbrochen kontrolliert wird.

„Ah, Frau Rotbaum, sie sind wach geworden.“ Der junge Arzt mit dem freundlichen Lächeln streckt Ella seine Hand entgegen, die sie mit kurzer Verzögerung zur Begrüßung schüttelt. Sie hat noch nicht begriffen, was hier eigentlich los ist.

„Können Sie sich an irgendetwas erinnern? Ihre Nachbarin hat uns alarmiert, sie hat einen Schrei in ihrer Wohnung gehört und sich Zutritt verschafft, nachdem auf ihr Klopfen keine Reaktion kam. Ob das nun so richtig war, lässt sich drüber streiten, aber sie hat Ihnen dadurch Ihr Leben gerettet Frau Rotbaum.“ erklärt der Doktor sanft lächelnd, der seinem Namensschild nach zu urteilen Thomas heißt. Plötzlich reißt Ella wie von der Tarantel gestochen die Augen auf. „Was ist mit meinem Baby? Geht es meinem Kind gut?“. Instinktiv umschlingt sie während ihrer panischen Frage ihren runden Bauch, worauf sie gleich im nächsten Moment beruhigt in ihr Bett zurück sackt, als der Doktor ihr versichert, dass ihrem Ungeborenen kein Schaden zugekommen sei. „Keine Sorge, dem Kleinen geht es gut. Aber Sie haben Glück gehabt, das hätte auch ganz anders ausgehen können. Nun aber zurück zu dem, was eigentlich vorgefallen ist, Frau Rotbaum, es ist wichtig, dass Sie ehrlich zu uns sind, da…“. Der Doktor wird von einem Kollegen, so vermutet Ella, in seinem Monolog unterbrochen, als er schließlich mit entschuldigendem Blick von seinem Hocker aufsteht, um den Raum zu verlassen.

„Verzeihen Sie bitte, Frau Rotbaum, ein Patient verlangt dringend nach mir. Ruhen Sie sich aus, ich bin in wenigen Minuten wieder bei Ihnen.“

Das hätte der junge Arzt nun wirklich nicht erwähnen müssen, wo Ella kaum ihre Augen offen halten kann, so erschöpft fühlt sie sich. Doch langsam nehmen ihre Gedanken wieder Form an, sie scheint sich an den gestrigen Abend erinnern zu können. Bestürzt über das scheinbar doch höher als angenommene Ausmaß ihrer Erkrankung versucht Ella ihr Gedächtnis zu ordnen. Die Doku. Das Letzte, woran sie sich erinnert, sind die anmutigen Löwen, denen sie staunend bei ihrer Jagd zugesehen hatte. Ein Schrei will jedoch auf Biegen und Brechen nicht in ihre Erinnerung zurückkehren. Sobald Thomas, der Arzt, zurückgekehrt sein wird, will Ella ihn nach der bestmöglichen therapeutischen Behandlung fragen, die er ihr empfehlen kann. Doktor Rehbert war zwar in dieser Hinsicht stets ihr Fels in der Brandung gewesen, der Psychiater, auf den sie sämtliches Vertrauen legte. Nach einem solchen Vorfall jedoch, einem Schub, der sie nun sogar ins Krankenhaus brachte, fühlt sie sich gezwungen, härtere Maßnahmen einzuleiten. Wer weiß, was sie vergangene Nacht alles getan hat, scheint sie doch wieder ihrem unkontrollierten Persönlichkeitswechsel ausgesetzt gewesen zu sein. Vielleicht wäre tatsächlich eine geschlossene Anstalt die bestmögliche Option, ihre Probleme schnellstmöglich wieder loswerden zu können…

„So Frau Rotbaum, entschuldigen Sie bitte noch einmal. Wo waren wir stehen geblieben? Genau genau, Sie konnten sich also an nichts erinnern, richtig? Schauen Sie, ich möchte Ihnen keinen Schrecken einjagen.“

Ella kann sich schon denken, was nun kommen würde. Seitdem der Arzt wieder zurück in ihr Zimmer gekehrt ist, hat sie sich bereits geistig darauf vorbereitet, nun zu erfahren, was sie in der letzten Nacht getan haben mag. Sie ist auf alles gefasst, was der Doktor ihr nun erklären könnte. Nicht aber auf das, was er ihr nun tatsächlich mitteilt.

„Frau Rotbaum, wurden Sie schon einmal überfallen? Können Sie sich ansatzweise vorstellen, wer Ihnen so etwas antun wollen könnte?“

Ella weiß nicht, wie lange sie dem Arzt schon keine Antwort gegeben hat. Wie angewurzelt liegt sie in ihrem Krankenbett. „Wollen Sie damit sagen, dass ich…“

„Ja Frau Rotbaum, man hat tragischerweise versucht, Sie zu ersticken. Es wurden Spuren in ihrem Körper und Fasern in ihrem Rachen gefunden, die darauf hindeuten und zudem ein dazu passendes Kissen, das neben Ihrem Bett lag. Es tut mir leid, ich bin nicht geübt darin, solche Nachrichten zu überbringen. Die Polizei ist schon auf dem Weg hierher, die haben einige Fragen an Sie. Es tut mir leid, dass wir Sie damit derart überfallen müssen, es ist aber wichtig, dass die Sache schnell geht, um den Angreifer zu fassen. Ich lasse Sie jetzt ein paar Minuten alleine, wenn etwas ist, betätigen Sie einfach den roten Knopf links unter Ihrem Bett. Die Polizei wird in Kürze bei Ihnen eintreffen.“

Mit diesen Worten verlässt der Doktor nun erneut Ellas Zimmer, die jetzt völlig allein und neben sich stehend an die Decke starrt.

Was soll das zu bedeuten haben? Es war also keiner ihrer unberechenbaren Schübe, der die letzte Nacht verursacht hat? Es ist nicht ihrem vermeintlich erkrankten Hirn zuzuschreiben, dass sie sich wie damals schon an nichts erinnern kann? Aber wer zur Hölle sollte einen derartigen Hass auf sie hegen, dass man sie ersticken will? Ihr das Leben nehmen? Der Gedanke daran, dass Timo hinter all dem stecken könnte, kommt Ella gar nicht erst in den Sinn, so absurd scheint diese Idee. Wer jedoch in Wirklichkeit verantwortlich für Ellas Martyrium ist, wird ihr in wenigen Momenten den letzten Rest Farbe aus ihrem bleichen Gesicht rauben.

 

10. Ella. 13 Stunden danach.

Wie der Doktor schon angekündigt hat, dauert es nur wenige Augenblicke, bis nun die Polizei nach zweimaligem Klopfen ihr Krankenzimmer betritt.

„Guten Tag, Frau Rotbaum. Wir sind von der Polizei Köln und für Ihren Fall eingeteilt.“

Für Ihren Fall. Ella war noch nie zuvor in irgendeine Form krimineller Delikte geraten. Obwohl sie sich so ausgelaugt fühlt, wie ein Kettenraucher es nach einem Marathon müsste, will sie die Befragung umgehend beginnen, möchte sie doch selbst schnellstmöglich wissen, wer ihr dieses Verbrechen letzte Nacht angetan hat. Dass sie darauf gar nicht so lange warten muss, wie befürchtet, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Hören Sie, wir wissen, dass es für Sie nicht einfach sein muss, so kurz nach der Tat sofort Rede und Antwort stehen zu müssen. Wir werden zusehen, dass wir Sie nicht allzu lange belasten. Unsere Kollegen waren gestern bei Ihnen, um die Fingerabdrücke von Ihrer Fensterbank zu nehmen, Sie erinnern sich?“

Ella nickt kaum merklich. Sie strengt sich an, den Ausführungen der Beamten konzentriert folgen zu können.

„Nun, wir hatten Glück im Unglück. Es handelt sich bei beiden Einbrüchen um ein und dieselbe Person, wie der Abgleich der Fingerabdrücke ergeben hat. Wir haben ihren Peiniger bereits gefunden und soeben identifiziert Frau Rotbaum, die Person ist bei ihrer Flucht dummerweise in Ihrem Garten gestürzt, sodass wir nach dem Hilferuf Ihrer Nachbarin den Angreifer schnell auffinden konnten. Oder besser gesagt, die Angreiferin. Sie hätten den Kollegen aber ruhig gestern mitteilen können, dass sie eine Zwillingsschwester haben, die einen solchen Groll auf Sie hegt. Das hätte unsere Arbeit vereinfacht.“

Der Polizist lächelt schief, und Ella fühlt sich, als würde ihr Leben gerade im Schnelldurchlauf an ihr vorbeiziehen. Wie im Rausch versucht sie die Worte, die der Beamte gerade ausgesprochen hat, erneut in ihrem Kopf erklingen zu lassen. Tausende Gedanken schießen durch ihren vom Chaos beherrschten Kopf, kein einziger will zu dem anderen passen.

„Was.. aber.. wie kann..?“

Es gelingt Ella nicht, einen klaren Satz zu formulieren. Der Polizist scheint Ellas Zustand zu bemerken und versucht sie ein wenig zu beruhigen. Obwohl das nicht zu funktionieren scheint, führt er seine Ausführungen schließlich fort.

„Ihre Schwester Tara wird gerade auf dem Revier verhört. Sie ist geständig.“, erklärt er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Sie hat uns bereits erzählt, welche Motive sie zu der Tat verleitet haben. Ihr Neid, ihr mangelndes Selbstwertgefühl… es muss schlimm sein zu beobachten, wie die eigene Schwester das Leben lebt, was man selber gerne hätte, während man selbst nichts hat. Was selbstverständlich keine Rechtfertigung für eine solche Tat ist Frau Rotbaum, verstehen Sie mich nicht falsch. “ Der Polizist räuspert sich kaum merklich. „Und dass Sie beide schon im Alter von knapp zwei Jahren getrennt wurden, das tut mir sehr leid Frau Rotbaum. Es ist immer schlimm, wenn Eltern das Sorgerecht entzogen wird. Aber in Ihrem Fall.. wenn ein Zwilling derart bevorzugt wird, während der andere völlig vernachlässigt in der Ecke sitzen muss, kann man das ja schon verstehen, so kann man ja keine Kinder großziehen…“

Allmählich versteht Ella, was ihr da gerade erklärt wird. Dass sie eine Zwillingsschwester hat, hat sie vollkommen verdrängt. Rückblickend könnte sie versichern, stets alleine gewesen zu sein. Auch in ihrer frühesten Erinnerung, in der sie mit ihren leiblichen Eltern am Abendbrottisch sitzt und zum ersten Mal in ihrem jungen Leben eine Scheibe Gurke isst, kann sie sich nicht daran erinnern, dass sich eine vierte Person im Raum befunden haben soll. Die Tatsache, dass sie bereits im zarten Alter von nicht einmal drei Jahren von ihrer vernachlässigten Schwester getrennt wurde, erklärt nun auch den Umstand ihres Gefühls der Unvollständigkeit. Ihr Zwilling Tara mag es gewesen sein, der an ihrer Seite gefehlt hatte. Sie hatte schon oft davon gehört, dass Zwillinge eine Art ständige Verbindung zueinander spüren. Dass ihre eigene Schwester jedoch zu einer derartigen Tat fähig sein soll, erschüttert Ella zutiefst.

Natürlich, ihr Leben ist augenscheinlich großartig, ihr fehlt es an nichts. Dass ihre Schwester diesen Umstand, ständig in ihrem Schatten zu stehen, irgendwann nicht mehr ertragen hat, kann Ella auf eine abstruse Art und Weise schon verstehen. Aber wie konnte Tara überhaupt von ihr wissen?

Diese und noch einige andere ihrer vielen Fragen beantwortet der geduldige Polizist ihr nacheinander, als ihr mit der Zeit immer klarer wird, was seit gestern Morgen eigentlich alles passiert war. Klar, ihre Schwester muss es gewesen sein, die das Handy an Ellas Fahrrad platziert hatte. Kein Wunder, dass sich das Gerät per Gesichtserkennung entsperrt hat, wo Ella und Tara sich doch vermutlich stark ähneln müssen. Auch das grauenvolle Selfie auf dem Handy scheint somit Tara, und nicht Ella gezeigt zu haben.

Ellas Herz scheint einen Moment lang stehen zu bleiben, als sie sich langsam einer weiteren Tatsache bewusst zu werden scheint: Ihre Erkrankung ist nicht zurückgekehrt. Sie ist von ihrer damaligen Störung geheilt, genauso, wie sie es noch vor wenigen Tagen war. Sie hat ihren Timo nicht bedroht, es gibt keine nächtlichen Persönlichkeitswechsel mehr. Und auch das Handy, das sich plötzlich nicht mehr in ihrer Tasche befand. All das muss Tara gewesen sein, ihre Schwester, von der sie ihr Leben lang nichts wusste. Es klopft an der Tür, und Timo kommt mit einem roten Rosenstrauß herein, um seine innerlich geschundene Ehefrau zu begrüßen.

„Die Beamten haben mir draußen bereits alles erzählt Schatz, ich bin da. Es tut mir so leid…“

Die beiden liegen sich lange in den Armen, froh, dass nun alles seine Aufklärung gefunden hat. Ella beschließt, dennoch ihren ehemaligen Psychiater anzurufen, um mit ihm über die jüngsten Ereignisse zu sprechen. Es wird seine Zeit dauern, bis Ella das Geschehene verarbeitet hat. Sie könnte sich jedoch keine bessere Unterstützung vorstellen, als Doktor Rehbert und Timo, über dessen Anwesenheit sie nie so glücklich war, wie in diesem Moment.

 

11. Nachwort  

Tara. 13 Stunden danach.

Seit geschlagenen drei Stunden sitzt Tara nun unbewegt auf ihrem harten Holzstuhl bei den Bullen. Wie hatte sie so dermaßen blöd sein können, über die Wurzel zu stürzen, die sich fast unmittelbar hinter Ellas Schlafzimmerfenster befand. Es hätte alles so gut ausgehen können. Wäre diese idiotische Nachbarin nicht gewesen. Es hätte keine zehn Sekunden mehr gedauert, dann wäre Ella draufgegangen. Dessen ist Tara sich sicher. Sie sieht keinen Sinn darin, die Bullen nun zu belügen. So schnell ist ihr in der Eile auch gar keine Story eingefallen, die sie denen hätte auftischen können. Aber das ist schon in Ordnung so. Geständige Menschen bekommen meist eine mildere Strafe, das hat Tara schon oft gehört. Wer weiß, vielleicht hat sie Glück und bekommt bloß ein paar Jahre im Knast, wenn sie jetzt ordentlich auf die Tränendrüse drückt und ein bisschen die Mitleidsschiene fährt. Bei dem alten Bullen eben hat es schon recht gut funktioniert, den hatte sie fast soweit, selber gleich mit zu flennen. Idiot.

„Das hier ist noch nicht vorbei, du Bitch.“ sagt Tara nun leise zu sich selbst, als sie schließlich von zwei Beamten abgeholt und mit einem an jeder Seite aus dem Raum geführt wird. Insgeheim beginnt Tara bereits neue Pläne für Ellas Untergang zu schmieden, sobald sie hier rausgekommen sein wird. Sie will nicht mehr im Schatten ihrer schönen Schwester stehen. Sie will Ellas perfektes Traumleben ein für alle Mal beenden. Sich selbst dorthin bringen, wo sie es verdient hat, zu stehen. Sie hat es satt, „Die Andere“ zu sein.

 

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