S.BloesEin fast vergessenes Verbrechen

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Geschrieben von: Deborah Marinkovic und Sven Bloes

Ein fast vergessenes Verbrechen

 

 

 

Cecilia

 

Ein ganz normaler Sommertag. Es ist ein ganz normaler Sommertag, Cecilia. Jetzt machst du dich fertig, reißt dich zusammen und gehst dorthin. Doch ob ich das schaffen werde? Jedes Jahr ist es das Gleiche, immer und immer wieder. Hört denn das nie auf? OK, genug davon! Du schaffst das Cecilia, du bist stark genug!

Es ist 10 Uhr. Wenn du jetzt losgehst, hast du’s hinter dir, vielleicht vergeht der Tag dann etwas schneller. Gut, dann mache ich mich auf den Weg, etwas anderes bleibt mir sowieso nicht übrig. Ob ihr die Blumen gefallen, die ich für sie gekauft habe? Das kannst du nicht wissen. Das wirst du nicht wissen können. Egal.

Es ist ein schöner Weg, der unauffällig zu dir führt. Ja ich hab‘ ihn gern, weil er so hell und freundlich wirkt. Endlich angekommen. Es ist so ruhig und friedlich hier. Ich lege die Blumen nieder und rede mit ihr, wie immer, so wie früher. Doch du antwortest nicht. Du weißt, dass sie dir nicht mehr antworten wird, auf was wartest du nur? Ich erzähle ihr alles Mögliche, alles, was in der letzten Zeit passiert ist, bis ins kleinste Detail, damit sie weiß, dass sie an meinem Leben teilnimmt. Du fehlst mir. 5 Jahre. 5 Jahre sind vergangen, doch du fehlst mir immer noch. Hör auf! Immer diese Krokodilstränen, was, wenn dich jemand sieht? Die Tränen helfen dir sowieso nicht! 2 Stunden vergehen hier wie im Flug. Doch irgendwann weiß ich nicht mehr, was ich dir noch erzählen soll. Es tut mir so leid, ich muss jetzt leider gehen. Aber ich komme wieder, das weißt du doch! Es fällt dir schwer, das ist normal, doch dreh dich einfach um und geh. Ein bisschen spazieren, den Kopf frei kriegen, das ist genau das Richtige. Doch wohin? Hier ist es ruhig, hier ist es friedlich, ich sollte einfach den längeren Weg nach Hause nehmen.

Etwas klingelt. Ist nicht mein Handy, das steht auf leise. Das Klingeln wird lauter. Was ist das nur? Stell doch einer das Klingeln ab! Es klingelt unmittelbar neben mir. Ein Handy, mitten auf dem Gehweg? Hat wohl jemand verloren. Heb doch ab Cecilia, jemand sucht das Handy, sonst würde es nicht dauernd klingeln.

Was? Das Atmen fällt mir schwer. Ich. Ich weiß nicht was ich machen soll. Sch-Sch-Schreien? S-Soll ich schreien? Weinen? Ich. Ich. Nein. Ich kann’s nicht. Wie? Wie kann das sein? Wer? Wem gehört dieses Handy? Ich ersticke.

Zuhause angekommen. Der Weg, das Handy, das Foto. So viele Fragen. Die Panik breitet sich in dir aus, Cecilia. Beruhige dich. Ich muss mich beruhigen. Soll ich mir das Foto noch einmal ansehen? Nein, lieber nicht. Nein hast du gesagt, und doch nimmst du jetzt wieder dieses Handy in deine Hand!

Ein Foto. Eine Frau. Ein Mann. Man kann es nicht richtig erkennen, man erkennt fast nichts. Doch ich erkenne es. Ich erkenne alles. Ja, ich sehe es klar und deutlich vor meinen Augen. – Ein Mann. Eine Frau. Ein dunkler Raum. – Doch wer hat das Foto aufgenommen? Wer war in diesem Raum und konnte ein Foto schießen? So viele Fragen. Ich habe Angst. Schreckliche Angst und Wut und Hass steigen in mir auf. – Eine blonde Frau. Auf ihrem linken Schulterblatt ein Muttermal. Ein rothaariger Mann. An seiner linken Hand fehlt ein Stück des Mittelfingers. Sex.

– Warum jetzt? Warum? Ist das die Wirklichkeit? Kann es real sein? Dreh dich um und schau in den Spiegel, dann wirst du klarer sehen. Da ist es. Unter deinem orangefarbenen Spitzentop auf dem linken Schulterblatt. Du siehst es genau. – Ein Mann. Dringt gewaltsam in die Frau ein. Dringt gewaltsam in mich ein. –

Wem gehört dieses Handy? Wie finde ich das nur heraus? Ist es seins? Wie kann das sein? Wie hat er mich gefunden? Ist er mir gefolgt? Ist er hier, ganz in der Nähe? Tausende Fragen schwirren durch meinen Kopf. Doch keiner wird dir antworten, Cecilia.

Da-Das kann doch nicht sein! Ist das meine Wohnung? Meine Eingangstür? Was sind das für weitere Fotos? Hier steht doch mein Name! Ich muss zur Polizei. Du musst ihnen erzählen, was da passiert ist. Du musst herausfinden, wer dir das angetan hat, Cecilia!

Ich versuche meine Gedanken zu sammeln, mich zu beruhigen, doch, irgendwie beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Ich fühle mich als wäre ich wieder dort, in diesem finsteren Raum. Als wäre alles wieder real. Schmerz. Ich verspüre die gleichen Schmerzen. Sie sind da. Er ist wieder da. Doch warum? Was will er von mir? Warum macht er das mit mir? Du musst herausfinden wer es war. Du musst herausfinden wer dir das angetan hat, Cecilia!

Eine Nacht darüber schlafen, nicht einmal das hilft, das Ganze irgendwie zu verarbeiten. Heute gehst du zur Polizei. Nimmst das Handy mit, da sind die ganzen Beweisfotos drauf. Doch du willst nicht, dass man sieht, was in dieser Nacht passiert ist. Ich schäme mich, die Fotos der Polizei preiszugeben. Doch es muss sein.

Ich fühle mich unwohl, mir ist schlecht. Die Eingangshalle der Polizei riecht vermodert. Kaffeegestank kommt aus dem Aufenthaltsraum der Polizisten. Ein Glas Wasser genügt, danke. Schon fast zu freundlich, dieser Polizist. Komm, erzähl deine Geschichte, erzähl was passiert ist. Ich spüre wie das Blut in meinen Adern pulsiert, wie mein Herzschlag schneller wird. Das Handy. Ich habe ein Handy, darauf befinden sich die Beweisfotos. Fotos. Auch ein Foto von meiner Schulter haben sie gemacht. Ein Beweis dafür, dass dies das gleiche Muttermal ist. Dass ich diese Frau auf dem Foto bin. Doch wer könnte als Täter in Frage kommen? Der nette Nachbar? Nein. Ich kenne niemanden, dem ein Finger fehlt. Alles wurde ausführlich protokolliert. Jedes einzelne Detail. Jetzt muss die Polizei ihre Arbeit machen, du hast alles getan Cecilia. Du bist stark, du bist mutig!

Ein Spaziergang. Den Kopf frei kriegen. Das brauchst du jetzt. Die Nachbarschaft ist ein schöner Ort. Viele Blumen, viele Bäume. Idyllisch. Ich gehe gerne hier spazieren, nehme immer den gleichen Weg. Kenne die Nachbarn jedoch nicht. Es gibt einige, aber nicht zu viele. Ganz überschaubar. Die einen grüßen, die anderen ignorieren dich einfach. Namen? Kennt man hier nur selten. Es ist eine ruhige Nachbarschaft und jeder mag dieses Für-sich-alleine-sein. Passt zu mir.

Zwei Wochen sind bereits vergangen, doch die Polizei hat immer noch keine Neuigkeiten. Was die bloß treiben? Vielleicht ist dein Fall nicht wichtig genug. Kann ja sein. Vielleicht habe ich das Handy auch nur durch einen blöden Zufall entdeckt? Zufall? Schicksal? Was soll’s. Niemand wird diesen Mann finden.

Das Leben muss weiter gehen. Noch schnell ein paar Einkäufe erledigen, bevor ich zu meinem Arzttermin muss. Das Handy klingelt. Die Polizei. Fragt, ob ich keine weiteren Indizien habe, ob mir in der Zwischenzeit nichts eingefallen sei. Natürlich nicht, was für eine Frage. Normalität. Bei Arztbesuchen fühle ich mich immer unwohl. Dieser typische Geruch von Desinfektionsmittel dringt in jede Pore. Weckt Erinnerungen an vorherige Arztbesuche. Viele Leute hier. Das Telefon klingelt. Handyvideos werden laut von den Patienten im Wartezimmer angeschaut. Husten. Nase putzen. Viele Geräusche, Gerüche. Es stört. Der Arzt ruft jeden einzeln auf. Leute kommen, Leute gehen.

Hinten rechts sitzt eine Familie. Eine Frau, zwei Kinder. Rote Haare. Wenn ich das nur sehe, kriege ich Gänsehaut. Kann noch eine Weile dauern. Beschäftige mich lieber mit meinem Handy. Ein Spiel. Da kann man seine Zeit vertreiben. Der Atem bleibt mir weg – kann das sein? Wer ist das? Der Mann gehört zu den zwei Kindern. Hat angeblich das Auto geparkt. Rothaarig. – Hör auf ihn so anzustarren, sonst merkt er noch was! Hör auf! – Aber ich muss, ich muss seine Hand sehen. Ist er das? Kann es der Mann auf dem Foto sein? Ich bin dran. Verdammt!

Noch schnell zur Toilette. Hier kann ich mir überlegen, wie ich ihm näherkommen kann. Tut so, als würde er mich nicht kennen. Meine Tasche fallen lassen, das könnte klappen. Er ist es, ich bin mir sicher!Angst. Anspannung. Hass. – Du musst aufhören, dich verrückt zu machen. Nicht jeder rothaarige Mann ist der Mann auf dem Foto. – Nett. Hat noch alle Finger. Ich muss mich beherrschen. Ich muss aufhören, die Angst überwiegen zu lassen. Pharmavertreter am Empfang. Ich möchte schnell einen neuen Termin festlegen und dann weg hier. Die Empfangsdame scheint wohl auch nicht sehr froh über die Präsenz des Pharmavertreters zu sein. Versucht ihn abzuwimmeln. Gefällt mir, diese Frau.

 

Du musst jetzt stark und ruhig bleiben – sieh ganz genau hin, Cecilia! Linke Hand. Rote Haare. Mittelfinger. Fehlt. Was tun? Ihn festhalten? Er geht. Ich kann mich nicht bewegen! Möchte weglaufen, schreien, weinen. „Bitte, rufen sie die Polizei. Dieser Mann ist ein Vergewaltiger!“ Meine einzigen Worte. Du bist schwach, Cecilia. Fällst zu Boden. Weinst und weißt nicht mehr, ob dies nur in deiner Einbildung passiert oder die Realität ist.

Die Polizei kommt.

Jakob, 44, verheiratet, Pharmavertreter, Familienvater. Endlich hat der Mann auf dem Foto ein Gesicht. Endlich hat er einen Namen.

 

 

 

 

 

Fernhagener Blatt

Montag, den 17. Juni 2019

 

Niemand findet uns so schön wie der Tod. Du hast ihn als Begleiter gewählt, der dich in eine schönere Welt führen sollte.

In liebevoller Erinnerung nehmen wir Abschied von meinem lieben Mann und Vater,

Herrn Jakob Meier

13.01.1974 – 14.06.2019

Es trauern:
Anne Meier, Ehefrau
Helene Meier, Tochter
Malte Meier, Sohn

 

 

 

Anne

 

Acht Tage sind es nun schon. Acht einsame Tage sind vergangen, seitdem er uns verlassen hat. Ich kam an diesem Abend von der Arbeit nach Hause. Die Kinder waren noch bei meinen Eltern, ich sollte sie gleich nach dem Essen abholen. Eine erdrückende Stille schwebte durch die Luft. Ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmen konnte. „Jakob?“ – drang es aus meinem Rachen, der trocken zusammenzuckte, als mein Mann keine Antwort von sich gab. Doch mein Herz glaubte dem Hirngespinst, das meine Nervosität produzierte, anfänglich nicht. Ich stellte die Tasche auf dem Boden hinter der geschlossenen Eingangstür ab. „Ich habe uns Nudeln mitgebracht. Die mit der Soße, die du so gerne magst… lass dich auf andere Gedanken bringen!“ Seit Wochen verschanzte er sich in der Wohnung, er konnte nicht anders. Die Welt dort draußen verlangte nach ihm. „Jakob! Wo bist du?“ Niemand antwortete. Dieser Niemand war mir schon immer unsympathisch. Doch in diesem Moment noch unsympathischer als sonst. Die Welt von draußen hatte ihn hierher vertrieben. Langsamen Schrittes bewegte sich mein Körper in die Küche, dort vermutete ich ihn. Absolute Stille gähnte mir entgegen, nur das grelle Licht brannte gegen die glatte Oberfläche des Tisches, es vertrieb mich. Nicht einmal die Schuhe zog ich aus, als ich die Treppe hinaufschlich, ich wusste noch nicht, dass ich sie anbehalten würde, an diesem langen Abend. Nochmals rief ich nach meinem Mann, lauter als davor. Wieder nur die antwortende Stimme der kühlen Einsamkeit. Das Obergeschoss war stockdunkel. Nur ein einziger, schmaler, kühler Lichtstrahl kroch aus dem Rahmen der leicht geöffneten Badezimmertür hervor. Mein Puls raste, mein Gehör vernahm sein eigenes, pochendes Herz, meine zitternde Geisterhand übte leichten Druck auf die Tür aus. Sie öffnete sich langsam… Vor mir lag er, bleich belichtet, mit ausgestreckten Armen und nach hinten geworfenem Kopf. Die Wanne war bis zum Rand gefüllt. Ich blickte in die aufgerissenen Augen meines Mannes. Sie waren leer. Dann wurde alles dunkel um mich herum.

Als ich wieder aufwachte, blendete mich das weiße Licht, dann vernahmen meine Augen das immer klarer werdende Bild einer am Porzellanrand leblos herunterhängenden Hand. Es war kein Albtraum. Jedenfalls keiner, aus dem man einfach aufwachen konnte. Ich stolperte die Treppe hinunter und griff nach dem Telefon. Es dauerte ein paar Minuten, dann kamen die Polizeiwagen und der Krankenwagen. Blaue und rote Lichter, abwechselnd tanzend. Verschwommen. Auf einmal so viele Menschen in unserer, in meiner Wohnung. Die Herren grüßten mich. Auf der Türschwelle sitzend schluchzte ich vor mich hin, das Gesicht in meine Arme versunken. Wie sollte ich es unseren beiden Kindern beibringen? Aus meinen Augen regnete es heiße Tropfen auf die trockene Sommererde hinab. Ich hob den Kopf nicht, ich konnte es nicht ertragen, zuzusehen, wie sie ihn forttrugen.


Späterhin erklärte man mir, Jakob sei an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben. Ein Zettel wurde mir gegeben, man fand ihn auf dem Fliesenboden im Bad. „Ich halte es nicht mehr aus. Die Welt ist kein Ort mehr für mich. Ich gehe an einen friedlicheren Platz. Ich werde dort auf dich warten. Wirst du mir verzeihen können? Sorge dich um unsere wundervollen Kinder. Ich werde dich auf ewig lieben, Anne. Dein Jakob.“

Er ist schon immer ein emotionaler Mann gewesen. Deshalb liebte ich ihn so sehr, seine gefühlvolle Art und sein offenes Gemüt. Er war ein guter Mensch, vielleicht zu gut für diese ungerechte Welt. Schließlich trieb sie ihn in den Tod… Ich glaube an seine Unschuld und werde dies auch immer tun! So etwas Grausames, wie das, was man ihm angehängt hatte, er könnte diese Tat nicht vollbringen, niemals! Nicht mein Mann, nicht Jakob! Eine Frau vergewaltigt sollte er haben, vor fünf Jahren. Ein Mensch, der ein so großes Herz besitzt, wie Jakob, es ist unmöglich! Er war ein rechtschaffener Mann, er liebte seine Kinder… und mich. Während unserer 17-jährigen Ehe stritten wir uns zwei, höchstens dreimal, er war ein unglaublich ruhevoller Mann. Auf keinen Fall aggressiv! Er konnte es nicht einmal übers Herz bringen, ein geringes Insekt zu töten, er pflegte es, sie vor die Haustür zu setzen, nicht einmal aus einem offenen Fenster konnte er die Krabbelviecher werfen, er hatte zu viel Behagen, sie würden sich durch den Sturz verletzen. Nach der Arbeit, die er anmutig liebte, denn er war als Pharmavertreter im Nachbardorf tätig, kam er jeden Nachmittag auf direktem Wege nach Hause. Dies kann ich bezeugen, denn er verspätete sich niemals, Punkt halb Sechs stand er dann im Eingang unserer Wohnung und gab mir einen Kuss zum Gruß. Mir kommen die Tränen, wenn ich daran denke… Unser harmonisches Leben, es endete mit dieser zerstörerischen Anklage.


Vor fünf Wochen stand die Polizei vor unserer Haustür. Das war uns noch nie passiert. Der Schrecken stand uns ins Gesicht geschrieben, als die Herren uns erklärten, sie müssten Jakob mit auf das Präsidium nehmen, zur Befragung. Weitere Informationen gab es damals keine. Ich wartete bis spät abends. Plötzlich war er wieder da, ein kreidebleiches Antlitz mit verrutschter Brille starrte mich an, es suchte nach Antworten auf unverständliche Fragen und nach beruhigenden Worten. Doch die Beruhigung blieb aus, sein Gemüt wirkte gänzlich zermartert, unaufheiterbar.

Ich nahm Jakobs Arm und wir setzten uns in die Küche, wo er mir die Hiobsbotschaft zu schildern versuchte. „Die Polizisten zeigten mir Fotos. Dort war ein Mädchen zu sehen… und ein Mann…“ Er schluchzte. „Es war schrecklich, die junge Frau war bewusstlos! Und der Mann auf den Fotos, als ich ihn sah, da wurde mir schwindlig. Die Herren sagten mir mit steinernen Mienen, es sei eine Vergewaltigung, die man mir dort zeige. Dann stellten sie mir Fragen. Wo ich am Abend des 4. Mai 2014 gewesen war. Ich war doch hier, Anne, bei dir? Das erzählte ich ihnen. Sie schienen nicht beeindruckt zu sein. Dann nahm ein großer, rauer Beamte meine Hand und inspizierte sie. Meine Linke, an der ich im Herbst vor ein paar Jahren doch den Mittelfinger bei dem Sägeunfall im Garten verlor, du erinnerst dich? Sie schossen Fotos von meiner Hand, dann musste ich aufstehen und wiederum blitzte mir die Kamera ins Gesicht. Alles ging so schnell, ich war wie gelähmt. Dann erklärte mir ein schmaler Polizist mit silbrigem Blick, ich dürfte in den nächsten Wochen nicht verreisen, ansonsten würde man mich strafrechtlich verfolgen. Man würde sich noch bei mir melden. Dann brachte der Raue mich mit dem Wagen wieder hierher… Sie glauben, ich sei ein Vergewaltiger! Ein Krimineller! Anne, was soll ich nur tun?“

Ich versuchte, ihn zu beruhigen. Es sei ein Irrtum, das passiere ständig, er bräuchte sich keine Sorgen zu machen. Während unserem Gespräch hielt ich seine Hände in den meinigen. Abgebissene Fingernägel. Ich legte die Kinder schlafen, dann begaben wir uns auch zur Nachtruhe. Der Schlaf würde alle Wunden heilen, die nervösen Gedanken vergessen lassen. Diese Worte flüsterte ich ihm noch ins Ohr, bevor ich einnickte. Doch er konnte nicht schlafen. Auch an den folgenden Tagen litt er an schweren Schlafstörungen. Die Arbeit machte ihm zu schaffen, er fühlte sich schwach und unkonzentriert. Jakob sagte es mir nicht direkt, aber ich wusste, dass er furchtbare Angst vor einem weiteren Polizeibesuch hatte. Und dieser schien ihm unvermeidbar zu sein. Aus welchem Grund auch immer er sich so viele Gedanken machte, er hatte doch überhaupt nichts mit der ganzen Sache zu tun! Es musste an seinem zarten Gemüt liegen. So war er immer schon gewesen, mein Jakob.


Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, die letzten fünf Wochen seien die schlimmsten gewesen, die unsere Familie je durchleiden musste. Wann immer ich einkaufen ging, so mieden mich die anderen Leute. Sie gingen mir ständig aus dem Weg. Als ich unsere zu sonstigen Zeiten so nette Nachbarin freundlich grüßte, starrte sie mich nur wortlos an, stürmte zurück in ihr Haus und schlug die Tür fest zu. In der Öffentlichkeit spürte ich misstrauische Blicke meinen Nacken durchbohren, langanhaltendes, skeptisches Starren. Das Gerücht, dass Jakob eine Frau vergewaltigt hätte, breitete sich im Dorf aus, wie ein loderndes Lauffeuer. Wo auch immer wir uns aufhielten, ein ständiges, störendes Tuscheln verfolgte uns, wie ein verirrter Schatten. Jakobs Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Wegen der Schlaflosigkeit und dem Druck von au
ßen wurde er stets schwächer. Sein sonst so gut gepflegtes Erscheinen verfiel zu einer gekrümmten Schleiergestalt. Seine Haut verblasste, einzelne graue Haare sprossen aus seinem roten Haupthaar und seine Hände und Finger zitterten unkontrolliert. Schließlich überfielen ihn sogar paranoide Anfälle. Doch Medikamente wollte er keine zu sich nehmen. Wegen seinem Zustand konnte er nicht mehr arbeiten. Er verließ das Haus kaum. Tagelang verblieb er in unserem Schlafzimmer, gelegentlich kam er hinunter in die Küche. Ich nahm eine Stelle als Putzfrau bei einer Gesellschaft an, um uns ein Einkommen zu sichern. Die Kinder gab ich des Öfteren zu meinen Eltern, Jakob war nicht mehr in der Lage, sich wirkend um sie zu kümmern, wenn ich nicht zuhause war. Die Situation wurde immer bedrückender. Auf der Straße schrie man mir Beschimpfungen an den Kopf. „Satansbraut!“, „Du Schändliche, du steckst doch mit ihm unter einer Decke!“, „Dein Mann gehört hinter Gitter!“. Die Kinder kamen tränenüberströmt aus der Schule, sie wurden gehänselt. Dann fingen die Briefe an. Drohungen, es war entsetzlich. Wir sollten unsere Kinder freilassen, in der Hölle eines Vergewaltigers hätten sie nichts verloren. Wenn Jakob sich nicht freiwillig stellen würde, dann würde man die Polizei rufen. Eines Morgens entdeckte ich eine riesenhafte Zeichnung an der Fassade unseres Hauses. „Hier wohnt der Vergewaltiger“, stand es in tropfend roten Buchstaben dort auf dem weißen Hintergrund. Eines nachts wurde ich von einem lauten Klirren aus dem Schlaf gerissen. Es kam von unten. Ich lief die Treppe hinunter, schaltete das Licht an und dann sah ich den Stein. Jemand hatte ihn von außen durch das Fenster, das nun in Scherben auf dem Teppichboden lag, ins Wohnzimmer geworfen. Pure Zerstörungswut.

Am Tag danach kam der Anruf. Ich hob den Hörer ab. Es war die Polizei. Sie wollten Herrn Meier am Apparat sprechen. Ich rief Jakob und gab ihm den Hörer. Ich stand neben ihm, als ich in seinen Augen erkennen konnte, wie sich die Verzweiflung noch tiefer in seinem Innern einnistete. „Ja. In Ordnung.“ Es waren die einzigen Worte neben dem Nennen seines Namens, die er von sich gab. Dann legte er auf. „Ich wurde zitiert. Vors Gericht. Übermorgen. Eine Frau Cecilia Ponti wird gegen mich aussagen… ich kenne diese Frau nicht.“ Meine Umarmung nahm er schweigend entgegen, dann schlürfte er zurück ins Schlafzimmer, wie ein vollkommen Verlassener.

 

Den folgenden Tag verbrachte ich gänzlich auf der Arbeit. Am Abend fand ich ihn dann… Ich fiel in tiefe Trauer. Das Gefühl, sich unter Wasser zu befinden und keine Luft zu bekommen, doch nicht ertrinken zu können. Ich vermisse meinen Mann sehr. Die Beerdigung war still und fand im kleinsten Familienkreis statt. Meine Kinder und ich werden vom Dorf größtenteils wieder in Ruhe gelassen. Mich ignoriert man, die Witwe des „Vergewaltigers“. Durch diese Menschen wurde er zum Mörder. An sich selbst. Alle haben sie Blut an ihren Fingern kleben, es ist noch feucht. Vor allem diese Cecilia! Durch sie kam die ganze Schmach ja erst zu Stande! Sie war es, die die Meute auf Jakob hetzte! Sie ist es, die ihn auf dem Gewissen hat! Unglaublicher Hass wuchs in mir gegen diese Frau herauf. Ich konnte den Wohnort dieser Person ausfindig machen. Ich wollte, nein, ich musste! …mit ihr reden. Ich wollte diesem Unmenschen in die Augen sehen, ich musste verstehen, wie man nur so skrupellos sein konnte und wie ein Mensch ein solch zerstörerisches Gerücht in die Welt setzen konnte. Unsere Familie ist zerstört.

Ich klingelte. Niemand öffnete. Im Haus brannte Licht. Am folgenden Tag kam ich wieder. Wiederum öffnete niemand. Dies wiederholte sich noch fünf weitere Male. Ich musste in dieses Haus! Was ist diese Cecilia für ein Mensch? Ich konnte nicht anders, das Zerwürfnis und der Groll saßen noch immer viel zu tief in meinem Herzen. In unserem Schuppen fand ich die schwere, gegossene Eisenstange. Ich traf aus Verzweiflung den Entschluss, in die Wohnung einzubrechen. Es war am späten Abend, alle Lichter waren bereits erloschen. Ich knipste eine Taschenlampe an und ging um das Haus herum. An der Wand, die sich dem Garten entgegenstreckte, befand sich ein niedriges Fenster mit hölzernem Rahmen. Es wirkte nicht sonderlich stabil und Recht hatte ich mit dieser Annahme, als die Eisenstange genau in die Fuge des Rahmens passte und es mir gelang, mit einem einfachen Hebelgriff das Fenster aufzubrechen. Es knarzte leicht, aber nicht laut genug, um die Aufmerksamkeit eines Nachbarn zu beanspruchen. Ich stieg aus der trüben, feuchten Nachtluft durch das Fenster in einen vollkommen dunklen, trocknen Raum hinein. Das Licht der Taschenlampe schwirrt durch die Dunkelheit, es konnte die Silhouetten eines Schrankes und eines länglichen Tisches, vor dem ein Drehstuhl steht, einfangen. Es muss ein Arbeitszimmer sein. Auf dem Tisch stehen ein alter Computer und ein Drucker, ansonsten ist die Oberfläche komplett leergeräumt. Ich schlich auf Zehenspitzen in die Richtung des Schrankes.


Nun stehe ich hier, in diesem Moment, vor genau diesem Schrank und lege meine zitternde Hand an seine Schiebetür. Hoffentlich hat mich niemand gehört. In meinem Rücken befindet sich die einzige Tür, die in ein Nebenzimmer führen könnte. Sie ist geschlossen. Ich werde den Schrank jetzt öffnen… ganz langsam. Vor mir stehen jede Menge Mappen, die alle datiert sind. Es sieht aus, als seien sie chronologisch geordnet worden. Ich habe nicht viel Zeit. Ich muss herausfinden, was damals passierte… Mai 2014… hier! Nur ein schmales Heft, zum Glück. Rechnungen. Ich blättere um. „Entlassungsbescheinigung“. Dieses Dokument sieht interessant aus. „Hiermit bestätige ich, unterzeichnet, Dr. Med. K.Leber, die Entlassung der Patientin Cecilia Ponti aus der Anstalt für Psychotraumatische Sonderfälle Fernhagen. Die Patientin verfügt nach dreiwöchiger Intensivtherapie wieder über die nötigen Kompetenzen, um sich im Alltag zurechtzufinden. Dieses Dokument bürgt für die gesundheitliche Genesung der Patientin. Eine Kopie sollte in folgenden Fällen mitzuführen sein…“, usw.

Meine Augen sind trocken. Sie haben scheinbar das Blinzeln verlernt. Ich bin schockiert. Diese Frau litt an einer starken psychischen Erkrankung? Umblättern. Ein weiteres Dokument, die handschriftlichen Ergänzungen tragen dieselbe Signatur. „Aufnahmebestätigung. Anstalt für Psychotraumatische Sonderfälle Fernhagen. Patientin: Cecilia Ponti. Zugestellter Arzt: Dr. Med. K.Leber. Art der Erkrankung: Posttraumatische Identitätsstörung. Beschreibung: Die Patientin weist einen, allem Anschein nach, temporären Verlust der eigenen Identität auf. Zeitgleiche Behauptung der Patientin, sie sei Frau Katharina Ponti, ihre leibliche Schwester. Amnesie, Orientierungslosigkeit, Angstzustände, Panikattacken. Mögliche Ursache des Traumas: die Patientin war Zeugin der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Schwester, Frau Katharina Ponti. Sie versteckte sich während der kriminellen Tat in einem Schrank und sah das ganze Geschehen durch einen Türspalt mit an. Diagnose: Identitätsverlust durch psychosomatische Fluchtergreifung, Beschädigung des Frontalcortex. Behandlung: Intensivtherapie. Unterzeichnet: Dr. Med. K.Leber.“  Ein weiteres Papier hängt an diesem Dokument, beide wurden mit einer Büroklammer zusammengeheftet. Es ist eine Kopie eines handschriftlich verfassten Briefs. „Bezug: Fall Ponti. Werte Kollegen von der Kriminalpolizei Oberhof, Fernhagen und Umgebung. Meine Patientin befindet sich in einer kritischen Lage. Durch die posttraumatische Störung, die ihr durch den Beisitz der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Schwester zugefügt wurde, leidet Frau Ponti an einem schwerwiegenden Identitätsverlust. Sie ist der festen Überzeugung, sie sei ihre ältere Schwester und sie wolle sich an ihrem Vergewaltiger rächen. Die Heilung ist möglich, sie unterliegt jedoch einer komplexen Prozedur. Meine Patientin darf nach ihrer voraussichtlichen Entlassung unter keinen Umständen mit den Ursachen des Todes ihrer Schwester und mit den einhergehenden Faktoren konfrontiert werden. Deshalb bitte ich Sie aufrichtig, den Fall Ponti nicht an die Medien weiterzugeben! Er darf keinesfalls an die Öffentlichkeit geraten, andernfalls würden sich gefährliche Konsequenzen für die mentale Gesundheit meiner Patientin ergeben, wenn nicht sogar eine Gefahr für die Sicherheit anderer Bürger durch Frau Ponti bestünde. Ich bin mir bewusst, dass der Mörder spurlos verschwunden und noch auf freiem Fuß ist. Ich bin mir bewusst, dass Sie, verehrte Kollegen der Polizei, aktiv nach ihm suchen und alles daransetzen, um ihn dingfest zu machen. Dennoch bitte ich um absolute Diskretion! Unterzeichnet: Dr. Med. K.Leber. Datiert: 5. Mai 2014.“

 

Ich schließe meinen trocknen Mund, der vor Erstaunen offen nach unten hing. Jetzt ergibt alles einen Sinn. Ich schwitze. Ein ungeheurer Kälteschauer streift meinen Rücken. Ich muss dieses Haus verlassen, so schnell es geht. Ich muss sofort zur Polizei. Die Unterlagen nehme ich mit. Ich springe einfach wieder aus dem Fenster. Und jetzt schnell weg von hier… Ich kann mich nicht bewegen, ich bin versteinert! Ich spüre das Gewicht eines festen Klumpens auf meiner linken Schulter. Vier einzelne Würmer drücken sich unglaublich schmerzvoll in das Fleisch meiner Schulter, sie zwingen mich zu Boden. Durch das schwache Licht meiner Taschenlampe kann ich das Untier erkennen. Eine Hand. Cecilia? In meiner Rechten halte ich noch die Eisenstange. Blitzartig schleudere ich sie mit voller Kraft nach hinten. Sie trifft…


 

 

 

Fernhagener Blatt

Montag, den 24. Juni 2019

 

Mord in Fernhagen!

Frau in Wohnung tot aufgefunden – Keine Spur des Täters

 

 

 

 

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