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Frank Meininger

Bedachungen

Licht. Dunkel. Licht. Dunkel. Rasch, in schnellem Wechsel. Licht. Dunkel. Reflexe von den Wänden, Schatten, Menschen, Hektik. Wie man es aus Filmen kennt, wenn ein Schwerverletzter auf einer Bahre durch einen Krankenhausflur geschoben wird, die Kamera auf der Rollliege befestigt, Objektiv zur Decke gerichtet, um den Blick des Patienten darzustellen. Dies war kein Film. Dies war ein Krankenhausflur, und das Klinikpersonal bemühte sich, Frank am Leben zu erhalten, den Rest müssten die Chirurgen im OP erledigen. Merkwürdig nur, dass die Information ´Dunkel´ Franks Gehirn immer in dem Augenblick zu erreichen schien, wenn seine Augen schon wieder auf die Information ´Licht´ reagierten und sich seine Pupillen wieder verengten. Wurde er wirklich so schnell geschoben? War er wirklich in einem Krankenhaus? Lag da wirklich ein ganzer Baum quer auf der Straße? Bäume gehören in den Wald, nicht auf die Straße. Auch für diese Information hatte sein Gehirn zu lange gebraucht. Wie jedes andere Gehirn auch, jedenfalls bei dem Tempo, das er draufgehabt hatte. Und so war er mit seiner schönen BMW R 1150 RT mitten in die stattliche Buche gerauscht, die den Sturm letzte Nacht nicht überstanden hatte. Die BMW war Geschichte.

Frank nicht. Dass dies nicht sein Verdienst war, war er gerne bereit zuzugeben. Das linke Bein quasi komplett zertrümmert, die Hüfte hatte sich als etwas widerstandsfähiger erwiesen, nicht so die Rippen. Perforation der Lunge, der Niere, Riss der Milz … und der Verdacht des Bruchs der Halswirbelsäule. Schweres Schädel-Hirn-Trauma. Nimmt man einem verunfallten Motorradfahrer nun den Helm ab, oder nicht? Frank wusste nicht, wofür sich seine Retter entschieden hatten, aber sie hatten richtig entschieden. Trotzdem blieben genug Spätfolgen. Teilamnesie.

„Wir können Ihnen nicht garantieren, dass Ihr Gedächtnis vollständig zurückkehrt, Herr Meininger. Und wir können selbstverständlich auch nicht prognostizieren, welche Bereiche denn gegebenenfalls davon betroffen sein werden, aber wir tun unser Möglichstes.“ Sollte ihn das jetzt beruhigen? „Es geht hier nicht darum, Sie zu verunsichern, Ihnen Furcht zu bereiten. Aber wir sind der Meinung, enttäuschte Hoffnung würde Sie stärker treffen.“

Manchmal kam Ben zu Besuch. Ben, sein Mitarbeiter und einziger Angestellter seines kleinen Betriebs. Der machte sich große Sorgen, natürlich auch um sich selbst. Wie sollte es mit ihm weitergehen? Er war 58, ein netter Kerl, ja, aber ganz ehrlich, ob der noch einmal eine Stelle finden würde? Ben war auch biker. Und hinter ihm gefahren, mit genügend Sicherheitsabstand. Und vielleicht auch nicht so schnell. Ihm hatte er es zu verdanken, dass er es überhaupt bis ins Krankenhaus geschafft hatte.

„Gott zum Gruße, Herr Meininger, wie geht´s uns denn heute?“ Das morgendliche Ritual, Oberarzt Prof. Habenstuber samt Entourage bei der Morgenvisite, wie schnell man sich daran gewöhnen kann. Frank hatte keine Ahnung, wie er zu dieser bevorzugten Behandlung gekommen war, befürchtet aber, es könnte mit seinen Verletzungen zu tun haben. Eine echte Herausforderung, eine Aufgabe. Aber er war nicht undankbar, die Ärzte hatten ihr Bestes getan. Diesmal gab es eine kleine Variation. „Haben Sie jemanden, der sich zuhause um Sie sorgt, Herr Meininger?“

Eine gute Frage. Aber zur Unzeit, wie Frank empfand. Nein, da gab es niemanden, der ihm helfen würde. Er war allein, und eigentlich wollte er das Krankenhaus nicht verlassen. Ja, er wollte in sein altes Leben zurück. Aber das, war ihm klar, würde so nicht funktionieren.

„Nun, Herr Meininger, da gibt es verschiedene Hilfsangebote. Unseren Sozialen Dienst haben Sie ja schon kennen gelernt, der wird sich weiter um Sie kümmern. Medizinisch haben wir alles für Sie getan, was möglich war, aber jetzt heißt es für Sie Nach-vorne-schauen! Ich wünsche Ihnen alles Gute!“, sagte der Prof, der in sein gewohntes Leben zurückkehren durfte.

Das war ein ´Rauswurf. Gottseidank nicht sofort.

Frank brauchte Hilfe, er musste vieles neu lernen. Sprechen. Wie man einen Löffel zum Mund führt, beispielsweise. Wie man alleine aufsteht. Das mit dem Gehen … sowieso nur an Krücken, was schon für Menschen, die nicht den kompletten Verlust der körpereigenen Koordination verloren hatten, schwer genug sein konnte.

Was war mit seiner Vergangenheit?

Man entließ ihn in ein leeres Haus, ohne Erinnerungen, ohne Verbindungen zu seinem früheren Leben. Nichtssagende Gegenstände, Bilderahmen, die genausogut hätten leer sein können. Das sterile Schafzimmer im ausgebauten Dachboden, zu viele Stufen für jemanden, der auf Krücken angewiesen ist. Das musste geändert werden. Hinter dem Haus ein kleiner Garten, wegen der Hanglage terrassenförmig angelegt, hübsch, ja, aber war das seins? Im Garten die Doppelgarage. Franks Firmenwagen mit dem Logo ´Frank Meininger Bedachungen´, wenig originell in die Grafik eines Hausdaches eingefügt, parkte immer an der Straße, das war einfacher, und er konnte die Garage als Werkstatt nutzen. Sagte die Realität. Als er die Garage nach vier Monaten erstmals wieder betrat, war die viel unwirklicher als das Haus. Er betrachtete die Werkbank, die abgestellten Materialien, das Werkzeug. Er war Dachdecker. Gewesen. Mit diesem Bein noch einmal als Dachdecker arbeiten? Dann doch wahrscheinlicher die Puzzleteile seines Motorrades wieder zu einer funktionierenden Maschine zusammenbauen. Er nahm den Hammer in die Hand, der als vorderstes auf der Werkbank lag, und es fühlte sich … falsch an. Er hatte nicht die geringste Erinnerung, wie man ihn handhabte. Das konnte doch nicht sein, das war der Punkt, auf den die Psycholegen gesetzt hatten, dass er sich erinnert. Er sah sich um, und die Umgebung flimmerte. Sein Gehirn war durch den Unfall schwer in Mitleidenschaft gezogen, aber diesen Effekt kannte er noch nicht. Für einen kurzen Moment drängte sich das Bild eines in der Garage abgestellten Cabrios in seinen Kopf, daneben ein Motorrad, eine BMW? In diesem Raum? Es gelang ihm nicht, das Bild scharf zu stellen, dafür war es zu flüchtig. Es blieb der unförmige Hammer in seiner Hand, und es dauerte weitere drei Wochen, bis er die Garage wieder betrat. Kein Cabrio, kein Motorrad. Der Hammer lag immer noch auf der Werkbank. Und daneben ein handy.

Das hatte hier beim letzten mal noch nicht gelegen, war er sich sicher. Und seines konnte es nicht sein, das lag im Wohnzimmer. Aber welcher Einbrecher stiehlt nicht, sondern hinterlässt stattdessen sein handy am Tatort? Frank lehnte einer seiner Krücken an den Schraubstock und langte nach dem Telefon. Ein Druck, und ein Standard-Bildschirm erschien. Es hätte seines sein können, so, wie es eingerichtet war, und das jedes anderen Menschen auch. Aber wem gehörte es?

Er hatte die Koordination über seine Hände und Finger mittlerweile weitgehend wiedergewonnen, also probierte er es aus. Zwei Nachrichten angezeigt auf Whatsapp, warum nicht damit anfangen? Aber:

„Ich will mein Leben zurück!“

Was war das? Er schaute auf den Absender, kein Name, sondern nur eine endlos lange Reihe von Zahlen. Eine Telefonnummer, natürlich. Die zweite Nachricht hatte denselben Absender, enthielt aber nur Fotos. Nur? Ein Garten. Ein swimming-pool. Eine Sitzgarnitur, mit einer Bowle-Schale und ein paar Gläsern auf dem Tisch. Ein Sonnenschirm. Eine glückliche Familie, im Wasser plantschend. Auf dem sechsten oder siebten Foto dann eine offene Garage, mit einem Mercedes 190 SL Cabrio und einer BMW R 1150 RT daneben. Nicht sein Auto, nein, aber möglicherweise sein Motorrad? Die Maschine war rückwärts eingeparkt, so dass er das Nummernschild nicht sehen konnte. Aber es war seine, diese Garage!

Aber das war nicht so erschreckend wie das folgende Foto, das offensichtlich den Familienvater zeigte, der lachend aus dem pool auftauchte und seine Kinder mit Wasser bespritzte.

Frank.

Er selbst. Er hätte auch auf sein Passbild schauen können, es war unverwechselbar. Er vergaß sogar, das handy fallen zu lassen, wie es die Geschichten an dieser Stelle eigentlich vorschreiben. Aber dies war keine Geschichte. Es folgten weitere Fotos, aber die waren eigentlich belanglos. Zumindest nahm er sie nicht wirklich war. Es dauerte eine Weile, aber, ja, da gab es eine Telefonnummer. Er versuchte eine Verbindung herzustellen: „Dies ist der Anschluss von Frank Meininger. Ihr Gesprächspartner ist zur Zeit leider nicht erreichbar, Sie können jedoch nach dem Signalton …“ Frank drückte das Gespräch weg. Wollte sich da jemand einen schlechten Scherz mit ihm erlauben? Aber wer? Und warum? Er scrollte noch einmal durch die Fotos, fand aber keine neuen Informationen. Der Eingangsleiste nach waren die Fotos vor einer Woche angekommen, das half ihm aber auch nicht weiter. Er tippte eine Nachricht: „Wer sind Sie?“, und drückte auf ´Senden´. Ein Häkchen erschien. Und veränderte sich nicht. Fünf Minuten. Ungefähr. Zeit kam ihm in letzter Zeit sowieso immer unwichtiger vor, aber es veränderte sich nichts. Irgendetwas bewog ihn dazu, dass handy nicht mit ins Haus zu nehmen, vielleicht hatte er Angst vor dem Geräusch, das den Eingang einer Nachricht anzeigen würde, also ließ er es auf der Werkbank.

Alltag, Krankengymnastik, psychologische Sitzungen, in denen er das handy verschwieg. Er fürchtete sich davor, wieder die Garage zu betreten, und hatte auch keinen Grund dafür, also suchte er einen. Vielleicht befand sich ja unter der Werkbank oder in einem Schrank noch ein Karton mit Fotos oder anderen Hinweisen auf sein früheres Leben. Erwartungsgemäß war dort nichts. Halt, das stimmte vielleicht gar nicht, Frank suchte erst gar nicht danach. Das handy. Das handy war noch da. Er öffnete den Bildschirm, seine Nachricht war zugestellt und beantwortet.

Ein Foto. Ein Motorradfahrer auf einer BMW R 1150 RT. Im Overall, mit Helm, aber offenem Visier. Nicht ganz so offensichtlich wie bei den ersten Fotos, aber auch hier erkannte er sich wieder. Darunter die Worte:

„Du bist ich!“

Selbst wenn es eine Antwort auf seine Frage gewesen wäre, hätte ihn das nicht beruhigt.

Frank hatte diesen Weg der Kommunikation nie gemocht, aber akzeptiert, schon aus beruflichen Gründen, seine Kunden hielten das für praktisch. Nach dem Unfall war das Tippen schwieriger geworden, aber selbst bei vollständig regenerierter Koordination hätte er wohl eine Stunde gebraucht, um alle Fragen einzugeben, die ihn bewegten, also fasste er sie in dieser einen zusammen, die seiner Meinung nach sowieso alle anderen mit umfasste: „Was soll das?“

Ein Häkchen, minutenlang. Das Foto war vor drei Tagen gekommen, und nun wieder keine Antwort.

Alltag. Zu dem jetzt auch regelmäßige Besuche in der Garage gehörten. Diesmal wartete er nicht so lange. Kein Foto diesmal, nur eine Nachricht: „Ich bin Du. Aber solange Du da bist, kann ich nicht sein. Ich will mein Leben zurück! Und Du willst das doch auch, oder?“

Frank hatte gerade einen schweren Motorradunfall überstanden, mit reichlich Nachwirkungen, physischer und psychischer Art. Gehörte das jetzt dazu? Merkwürdigerweise fand er die Situation überhaupt nicht mehr bedrohlich. Skurril, ja, aber, hey, er lebte! Er begann, es als Spiel zu sehen, also formulierte er eine neue Frage: „Wer bin Ich?“ Ehe er das handy wieder zurücklegte, sah er noch einmal auf den Akkustand, immerhin hatte es schon lange in der Garage gelegen und lief immer noch. Der Balken zeigte ausreichende 27%.

Irgendwie hatte erwartet, keine Antwort mehr darauf zu bekommen, aber sie kam, am nächsten Tag.

„Prof. Dr. Dr. Frank Meininger, Psychiater und dazu Leiter der Gehirnchirurgischen Station in der Uniklinik an der Amsterdamer Allee“. Ein Foto der Klinik. Ein Weiteres, das einen Arzt zwischen zwei Schwestern zeigte, mit Mundschutz und Haarnetz, aber, ja, es hätte er sein können. Die Uniklinik an der Amsterdamer Allee? Das war das Krankenhaus, in dem sie ihn wieder zusammengeflickt hatten, und in dem er in zwei Tagen die nächsten Kontrolluntersuchung hatte. Ehe das handy wieder auf seine Platz legte, tat er noch zwei Dinge: Er kontrollierte den Akkustand, der bei unerklärlichen 91% lag, und er fotografierte sein Haus, von der Garagenzufahrt aus gesehen, mit dem geöffneten Garagentor am rechten Bildrand, und schickte es an … nun, an wen auch immer.

Er zwang sich, die Garage vor seinem Besuch in der Klinik nicht wieder zu betreten. Der Kontrolltermin verlief unspektakulär, die Ärzte waren zufrieden. Frank nicht. In letzter Zeit hatten sich Momente in seinem Leben gehäuft, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Er fand sich vor dem Kühlschrank, ohne zu wissen, wie er da hingekommen war. Er sah das Ende des Spätfilms, obwohl er den Fernseher doch pünktlich für die Nachrichten eingeschaltet hatte. Woher kam der Pizzakarton, der auf der Spüle lag? Teller und Besteck schienen darauf hinzuweisen, dass er sie gegessen hatte, aber wann? Aber das erzählte er den Ärzten nicht. Das war seine Sache. Und er hatte ja noch etwas anderes vor.

Das Klinikum an der Amsterdamer Allee war zwar wie ein kleines Dorf, aber hervorragend ausgeschildert. Er fand die Gehirnchirurgische Station im Gebäude K, Etage drei. Topfblumen im Foyer vor den Aufzugtüren, zwei kleine Besucherzimmer, und eine Tafel mit den verantwortlichen Ärzten der Abteilung. Kein Prof. Frank Meininger, allerdings auch kein anderer Name an dieser Position, der Platz war frei gehalten. Aber der lange Flur hinter der Glastür schien zu flimmern, als er ihn entlang sah, und er kam ihm … fast vertraut vor.

Wobei es sehr wahrscheinlich war, das er während seiner Behandlung hier auch diesen Flur entlanggeschoben worden war, aber das dürfte er dann wohl eigentlich nicht wissen, oder? Ihm wurde kalt. Kann man auf Krücken ein Krankenhaus fluchtartig verlassen? Frank konnte.

Sein Weg führte ihn nicht in sein Haus, sondern in die Garage. Sie schien die Lösung zu sein. Oder zumindest die Verbindung. Er betrat einen leereren Raum, als er erwartet hatte. Kein Auto, kein Motorrad, was das betraf. Aber auch: Keine Schränke, keine Materialien. Kein … Raum. Der Schatten einer Werkbank, aber … nicht greifbar. Es war, als hätte auch das Licht Probleme, die Grenze zwischen Garten und Garage zu überschreiten. Hell war draußen, hier war … grau. Real war das handy. Frank öffnete die Whattsapp Nachrichten.

Ein Foto, die selbe Perspektive, die er gewählt hatte: Am rechten Bildrand die offene Garagentür, mit Mercedes und der BMW. Im Hintergrund … eine Villa. Nicht sein Haus, sondern eine Villa. Mit swimming pool dahinter, war er sich sicher. Und die Frage: „Begreifst Du jetzt?“

Nein. Ja. Nein. 

Ja, aber er wollte es nicht akzeptieren. „Was soll ich tun? Wo bist Du?“

Die Momente … geistiger Abwesenheit hatten weiter zugenommen, sowohl was die Anzahl, als auch deren Dauer betraf. Dass er sich am Frühstückstisch fand, mit einem angebissenen toast vor sich, und sah, wie die Sonne unterging … geschenkt. Aber es konnten auch bedrohlichere Situationen entstehen, war er sich klar. Was, wenn ihn ein solcher blackout auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle widerfuhr und er mitten auf der Straße wach wurde. Wenn er dann noch wach wurde …

Zeit wurde unwichtiger. Wann hatte er nochmal den Termin mit dem Orthopäden? Morgen? Übermorgen? Gestern? Es drängte sich etwas in seinen Alltag, was er da nicht haben wollte. Was funktionierte, waren die Termine in der Garage. Und die schienen immer schneller zu erfolgen.

„Ich bin hier. Ich bin Du, und Du bist ich. Ich kann nur existieren, wenn Du nicht da bist. Deshalb können wir nicht miteinander sprechen. Es gibt zwei Leben, vielleicht auch mehr. Dein, mein, unser Gehirn hat verschiedene Vergangenheiten gespeichert. Es gab Situationen, in denen wir uns entscheiden mussten. Für oder gegen einen Kneipenbesuch. Für oder gegen einen Flirt mit einem Mädchen. Es gab eine Berufswahl. Aber es gab eben immer eine Alternative. Die bist Du. Oder ich, aber ich würde meine Interpretation bevorzugen. Aber mich gibt es nur, wenn es Dich nicht mehr gibt. Und ich bin doch Du. Wenn es den Dachdecker Frank Meininger nicht mehr gibt, wird es nur noch den Professor Frank Meininger geben.“

Das war … nicht in Ordnung. Er war doch der Dachdecker Frank Meininger, oder? Aber woher kam dann seine Unsicherheit mit seiner Vergangenheit? Seine blackouts? Die flimmernden Illusionen? Wie jetzt wieder, in diesem Moment. In dieser Stunde, an diesem Tag. Er war sich nicht sicher, die Garage überhaupt wieder verlassen zu haben zwischen den Meldungen.

„Wie kann das sein?“

Die Antwort erklärte vieles, beantwortete aber nichts.

„Ich hatte den Unfall mit dem Motorrad. Ich, Professor Meininger. Mein, unser Gehirn wurde dabei schwer geschädigt. Meine Identität war so gut wie ausgelöscht, also hat sich unser Gehirn einer anderen Identität, mit einer anderen Vergangenheit bedient, Deiner. Und weil sie funktioniert, lässt unser Gehirn nun meine nicht mehr zu. Oder nur selten. Aber sie ist da, und sie wird stärker. Ich weiß nicht, ob sie stark genug wird, aber ich will sie wiederhaben!“

Frank begann, den Eindringling als Gegner zu betrachten.

„Was passiert mit meinen Erinnerungen?“

 „Wir werde keine an Dein Leben mehr haben, weil es nur noch eines … unseres geben wird.“

Das hörte sich so an wie die Allgemeinplätze, die er im Krankenhaus und bei den Therapien zu oft gehört hatte, aber er sprach ja wohl auch gerade mit einem Arzt. Und er war der Dachdecker.

„Was wird mit mir?“

„Du wirst ich. Wir sind eine Person. Mit Villa, swimming pool, einer glückliche Familie. Erfolg.“

Das hörte sich nach einer perfekter Vergangenheit und einer perfekter Zukunft an, und wer hat schon die Möglichkeit, aktiv dazwischen zu wählen? Blieb die Gegenwart. Mit allen Konsequenzen, wie Frank befürchtete. Er tippte es ein:

„Du willst, dass ich mich umbringe.“

Die Antwort überraschte ihn ein wenig, aber nur kurz.

„Nein! Nein! Der physische Tod wäre das Ende aller Erinnerungen! Ich möchte ganz einfach die Dominanz meiner Erinnerungen. Deine werden noch da sein, irgendwo, wie viele andere auch, nehme ich an. Aber sie werden keine Bedeutung mehr haben.“

Franks Antwort war kurz: „Das ist für mich das Selbe!“

Schweigen.

Sofern man die Nicht-Beantwortung einer getippten Nachricht als Schweigen bezeichnen kann.

Irgendwann kam eine Antwort. „Ja. Nein. Ich weiß es auch nicht. Wir werden nur noch eine Erinnerung haben. Eine von mehreren Möglichkeiten. Und Du hast die Chance zu wählen. Zu bestimmen.“

Alltag. Ein etwas ungewöhnlicher Alltag, ja, aber was sollte er tun? Frank ging noch einmal zurück ins Haus. Aß, sah fern, hörte Musik. Suchte nach Erinnerungen, fand aber noch weniger als früher. Er schien immer mehr in einer Zwischenwelt zu leben. Twighlight zone. Wenn er sowieso den Bezug zur Realität verlor … wie wichtig war sie dann noch? Also, noch einmal:

„Was soll ich tun?“

Eine geschriebene Nachricht kann nicht vor Erleichterung seufzen, aber Frank hatte den deutlichen Eindruck.

„Du findest neben dem handy ein kleines Fläschchen. Ich habe das Medikament selbst entwickelt. Du wirst in ein Koma fallen, aber Du kannst mir vertrauen! Ich bin Gehirnspezialist. Ich bin Du, und ich will mich nicht selber schädigen. Es werden Teile des Gedächtnisses ausgelöscht sein, aber man wird uns wiederbeleben. Erfolgreich. Aber dazu ist es wichtig, dass Du dieses Mittel auf dem Gelände des Klinikums zu dir nimmst. Dort wird man uns rechtzeitig finden. Das ist die letzte Bitte, die ich an Dich … an uns habe.“

Eine Nachricht kam noch: „Danke! Mach´s gut, Frank!“

Es dauerte drei Tage, bis Frank das Fläschchen nahm und sich auf den Weg zum Klinikum machte. Vielleicht, vielleicht waren es auch weniger. Oder mehr. Er suchte sich eine Bank in der Sonne, nicht weit weg vom Gebäude K. Er war immer überrascht gewesen, wie leer dieser Park war, wie wenige Patienten die Möglichkeit nutzten, ein wenig Zeit an der Luft zu verbringen. Ja, der Park war klein, aber das waren die Cafeteria und der Platz davor auch, trotzdem tummelten sich dort die Menschen, Patienten und Besucher, die sich dann mit einer Tasse Kaffee und der Aussicht auf Beton zufrieden gaben. Der Park blieb leer, auch heute. Lediglich eine ältere Dame mit Rollator, begleitet von ihrer Tochter, drehte eine Runde über die sandigen Wege. Er nickte ihnen freundlich zu. Vögel zwitscherten. Der Verkehrslärm der Straße jenseits der Mauer schwappte nur gedämpft in den Park. Ein Hort des Friedens. Der richtige Tag, der richtige Ort? Es könnte schlimmere geben. Frank vertraute … auf den Gehirnspezialisten, der er ja wohl war. Wem sollte er sonst vertrauen? Die Flüssigkeit schmeckte unerwartet süß.

Es gelang den Ärzten, Frank Meininger ins Leben zurückzuholen.

„OK, der Kreislauf ist stabil, die Vitalwerte stimmen. Zur Beobachtung auf die Intensivstation. Mehr können wir im Moment nicht tun.“ Die anderen Ärzte nickten zustimmend. „Wen haben wir als Nächstes?“ Routine im OP. Die Übergabe des Patienten an die Schwestern. Marita schob die Liege aus dem Behandlungsraum und fragte ihre Kollegin Stefanie: „Wen haben wir hier?“ Die schaute auf den Behandlungsbogen. „Frank Meininger, toxische Indikation, das Mittel konnte noch nicht identifiziert werden. Hatte aber wohl veritable Auswirkungen auf das zentrale und vegetative Nervensystem und die cerebrale Hirnfunktion. Soll auf die Intensiv 1. Hey, warte mal!“ Stefanie stutzte. „Frank Meininger?“ Sie sah ihre Kollegin überrascht an. „Ich glaube, den kenne ich! Der war mal Gitarrist in so einer Blues Rock Band hier aus der Stadt. Ich hab die mal live gesehen, am Alten Graben. Der war eigentlich gar nicht schlecht, hat aber nie so richtig die Kurve gekriegt, um wirklich erfolgreich zu werden. Vielleicht zu high? Ich habe keine Ahnung, was die Jungs so nehmen, aber das hier muss echt heftig gewesen sein. Der wird jetzt wohl nie wieder Gitarre spielen.

Schade eigentlich“, fügte Stefanie noch hinzu und öffnete die nächste Tür, damit Marita das Bett Richtung Aufzug schieben konnte.

2 thoughts on “Frank Meininger Bedachungen

  1. Hallo lieber Stefan
    Wow deine Idee der Umsetzung ist ja spannend! Ich fand deinen Anfang sehr gut! Diese kurzen Schlagwörter haben in ihrer minimalistischen aber doch aussagestarken Art sofort für Atmosphäre gesorgt. Dein Ende war auch richtig gut und hat mich ein wenig fassungslos zurück gelassen. Macht auf jeden Fall Lust auf mehr!!! Ich hätte gerne gewusst wie es mit dem lieben Frank… oder einem anderen 😉… weiter geht! Für mich ist es immer wieder spannend zu lesen wie Mitschreiber die Vorgaben umsetzen und in welche Richtung ihre Phantasie wandert. Deine Idee sticht in jedem Fall heraus! Ich lass dir gerne ein Herz da. LG Lisa

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