Julia MarenFünf Worte

Lennard wachte von dem klingeln seines Weckers auf. Er hatte definitiv wirre Träume gehabt, aber er erinnerte sich kaum noch an den Inhalt. Er schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können und obwohl es erst 7:00 Uhr war und er keine festen Termine an diesem Sonntagmorgen hatte, schlug er die Decke zurück und stand auf. Er hatte sich die Kleidung für den heutigen Tag bereits zurechtgelegt. Eine dunkle Jeans und ein graues Hemd. Ihm gefiel dieser schlichte Kleidungsstil der die Aufmerksamkeit nicht zu sehr auf ihn zog. Er schaute sich in dem normalerweise tadellos aufgeräumten Zimmer um und runzelte die Stirn. Auf seinem Ledersessel lag sein Hemd von gestern und seine Schuhe standen neben der Zimmertür. Er war sehr müde gewesen doch, dass er es nicht geschafft haben sollte seine Schuhe ordentlich in dem Schuhregal im Flur zu verstauen und sein Hemd in den Wäschekorb zu legen kam ihm seltsam vor.

Als er das Hemd in der Hand hielt um es zu der Schmutzwäsche zu legen wurde ihm bewusst, dass er dieses Hemd auch in seinem Traum von letzter Nacht getragen hatte. Die Linien auf dem Hemd hatten angefangen sich zu bewegen, waren zu dicken Seilen geworden und hatten sich schließlich um seinen Hals gewickelt. Dann hatte er mehrere Menschen lachen gehört, hatte aber niemanden sehen können. Er schauderte bei diesen Erinnerungen, riss sich aber zusammen um die Sachen weg zu räumen.

Nachdem er alles wieder in Ordnung gebracht hatte, verließ er mit einem zufriedenen Nicken das Schlafzimmer und stellte sich in der Küche einen Kaffee an. Während der Kaffee durchlief sprang er unter die Dusche und frisierte seine Haare. Durch ein paar Jahre Übung hatte er es schon öfters geschafft, das ganze so zu timen, dass er genau dann aus dem Badezimmer trat, wenn in der Küche gerade der letzte Rest Flüssigkeit in die Kanne tropfte.

Als er um 7:20 Uhr in den Hausflur trat um die Zeitung zu holen, war dem Mann keineswegs mehr anzusehen, dass er sich vor wenigen Minuten noch unter Albträumen in seinem Bett hin und her gewälzt hatte. Kein einziges seiner dunkelblonden Haare war nicht da wo es sein sollte und sein Hemd sah aus, als würde er es zum ersten Mal tragen. Lennard versuchte zwar mit seinem schlichten Auftreten nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber ohne Frage würden ihm einige Frauen auf der Straße sehnsüchtig hinterher schauen. Er war groß, und unter seinem Hemd konnte man muskulöse Arme erahnen. Außerdem hatte er ein hübsches Gesicht mit stechend blauen Augen und einem gepflegtem Drei-Tage-Bart. Neben der Zeitung fand er noch einen zusammengefalteten Zettel in seinem Brieffach, dem er zunächst aber keine besondere Aufmerksamkeit schenkte und ihn erstmal neben ein paar Briefen auf eine Ablage im Flur legte. Darum würde er sich später kümmern, dachte er sich.

Seit ein paar Jahren arbeitete er jetzt bereits bei einer bekannten Firma in der Rechtsabteilung. Er hatte sein Jurastudium als einer der besten seines Jahrgangs abgeschlossen und bekam mit seinen jungen 29 Jahren bereits einen Gehalt von dem die meisten anderen nicht mal zu träumen wagten. So hatte er sich auch diese Altbauwohnung in der Holzhausenstraße in Frankfurt leisten können.

Nachdem er die interessantesten Artikel in der Zeitung überflogen und seinen Kaffee ausgetrunken hatte, entschied er sich einen kleinen Spaziergang zu machen um das gute Wetter zu nutzen. Außerdem hatte er wohl gestern bei der Geburtstagsfeier seines Freundes versehentlich ein Feuerzeug eingesteckt, was ihm nicht gehörte. Vielleicht konnte er den Spaziergang nutzen, um den Gegenstand zu seinem Besitzer zurück zu bringen.

Lennard zog sich einen Mantel über, griff nach seinem Regenschirm und verließ das Haus. Die Vögel zwitscherten fröhlich und der Himmel war nur von ein paar kleinen Wolken bedeckt, man könnte meinen der Regenschirm wäre überflüssig, aber der junge Mann ging nur ungern ein Risiko ein. Er nahm eine U-Bahn zum Willy-Brandt-Platz und vergnügte sich zunächst damit ein bisschen am Main entlang zu spazieren, vermutlich würde sein Freund noch gar nicht wach sein, wenn er um diese Zeit vorbeikommen würde. Lennard wusste nicht wie lange die Grillparty noch gegangen war, um 22 Uhr, als ein paar der Gäste langsam ziemlich betrunken wurden und das nette Zusammensitzen im Garten anfing sich in eine wilde Party zu verwandeln, hatte er beschlossen, dass ein guter Zeitpunkt gekommen war, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der es für ihn erst richtig angefangen hatte Spaß zu machen, wenn die Stühle zur Seite geschoben wurden und die Leute angefangen hatten zu tanzen und zu trinken. Doch diese Zeit war vorbei. Es gab andere Dinge die ihm wichtiger geworden waren und als Nicht-Trinker bevorzugte er es, nicht mitzuerleben, wenn seine betrunkenen Freunde sich die Seele aus dem Leib kotzten.

Nach dem er einige Zeit am Main entlang spaziert war, hatte er zur frühen Mittagszeit in einem kleinen Café am Ufer ein Sandwich gegessen. Da sein Freund ganz in der Nähe einer U-Bahn-Station wohnte, bot es sich an, auf dem Rückweg dort vorbeizuschauen. Und tatsächlich öffnete Daniel ihm die Tür, auch wenn er dabei nicht ganz glücklich aussah. Als Lennard ihm das Feuerzeug hinhielt murmelte er etwas Unverständliches was man aber mit etwas Konzentration als:

„Auf so eine Idee könntest aber auch nur du kommen, mich am frühen Morgen wegen einem Feuerzeug wachzuklingeln…“ erraten konnte.

In dem Moment, in dem sein Freund nach dem Feuerzeug griff, um es ihm aus der Hand zu nehmen, tauchte plötzlich ein Bild von gestern Abend in seinem Kopf auf. Daniels Hand steckte ihm ein Glas Cola entgegen und forderte ihn auf davon zu trinken damit er ein bisschen wacher wurde. Lennard runzelte die Stirn, weil er sich an diesen Moment gar nicht mehr erinnern konnte, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Wirklichkeit.

Er verkniff sich noch einen Kommentar, dass man 11:30 Uhr wohl kaum als frühen Morgen bezeichnen konnte und wandte seinem Freund den Rücken zu, bevor dieser sich noch gezwungen fühlen würde ihn herein zu bitten.

Zurück in der Wohnung beschäftigte er sich für einige Zeit damit das Küchenfenster zu putzen, auf dem er einen Fleck entdeckt hatte und weil er schon dabei war putzte er auch noch die anderen Fenster, obwohl sie bereits davor so sauber gewesen waren, dass es fast so aussah, als wäre gar kein Glas in den Rahmen. Lennard musste an seine Mutter denken. Sie war erfreut gewesen wie sauber und ordentlich es in seiner neuen Wohnung war, als seine Eltern ihn einmal besucht hatte. „Dass du einmal so ordentlich wirst hätte ich nie gedacht, nachdem ich deine ganze Kindheit deine Unordnung in unserer Wohnung ertragen musste“, hatte sie ihn gelobt. „Unglaublich wie sehr sich ein Mensch doch verändern kann, du solltest dir daran ein Beispiel nehmen, Anton“, hatte sie dann tadelnd an seinem Vater gerichtet hinzugefügt.

Als er sich schließlich mit seinem Lappen daran machte einige Ablageflächen zu putzen fiel ihm der zusammengefaltete Zettel von heute Morgen wieder in die Hand. Er legte den Lappen beiseite und faltete den Zettel vorsichtig auf. Als er den handgeschriebenen Satz auf der Innenseite des Papieres las wurde er blass. Er versuchte langsam ein und aus zu atmen um seine Fassung wieder zu gewinnen, doch es kostete ihn einige Minuten bis er zu seinen routinierten, emotionslosen Gesichtszügen zurückfand und es schaffte relativ aufrecht und gefasst zurück in die Küche zu gehen. Als ihm klar wurde, dass dieser Zettel die ganze Zeit hier in der Wohnung gelegen hatte, während er gemütlich am Fluss entlang spaziert war, kam ein Gefühl der Übelkeit in ihm auf. Er stützte sich mit einer Hand an der Küchenzeile ab. Noch einmal atmete er ein und wieder aus und sprach dabei beruhigend zu sich selbst… EIN… AUS…EIN…AUS… Er schaffte es das Sofa im angrenzenden Wohnbereich zu erreichen und ließ sich erleichtert darauf niedersinken.

Als er sich wieder im Stande fühlte einigermaßen objektiv darüber nachzudenken was er als nächstes tun könnte, hob er das Blatt erneut vor seine Augen und las die Worte laut vor.

ICH WEIß WAS PASSIERT IST

Jemand hatte diese Worte mit einem Bleistift in Großbuchstaben auf das Blatt geschrieben. An einigen Stellen hatte der Schreiber des Briefs so fest aufgedrückt, dass das Papier beinahe gerissen war. Die Schrift hatte etwas gehetztes an sich. Die einzelnen Buchstaben waren kantig und schienen unabhängig voneinander auf dem Blatt zu stehen. Hatte der Schreiber dieser Nachricht so versucht seine Handschrift unkenntlich zu machen?

Ohne, dass Lennard es verhindern konnte, stiegen Bilder in ihm auf, an die er eigentlich nie wieder denken wollte. Bilder aus einer anderen Zeit, die jetzt fast sechs Jahre zurück lag. Ein Schauder lief ihm über den Rücken und er versuchte krampfhaft an etwas Anderes zu denken. Er ließ den Zettel sinken. Fast hatte er erwartet, dass dieser Moment eines Tages kommen würde und trotzdem traf es ihn jetzt so unvorbereitet. Die Nachricht war eindeutig eine Drohung und er musste unbedingt herausfinden wer ihm diesen Zettel geschrieben hatte. Jeder konnte sein schlimmstes Geheimnis herausgefunden haben, doch im ersten Moment war ihm besonders eine Person in den Sinn gekommen. Er würde mit Tom Barazki reden müssen, um herauszufinden ob er mit seiner Vermutung richtig lag. Und dann? fragte er sich, was wäre, wenn er recht hatte und sein Freund aus der Uni der Schreiber dieser Nachricht wäre? Was würde er mit ihm machen? Er schüttelte die düsteren Gedanken ab die ihm kamen, er hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken.

Da Lennard nun wusste, wie er weiter vorgehen würde, ging es ihm etwas besser. Er setzte sich an seinen Schreibtisch im Arbeitszimmer und klappte seinen Laptop auf. Auch wenn er lange keinen Kontakt mehr zu Tom gehabt hatte, sollte es nicht allzu schwer sein, seine Adresse herauszufinden. Nachdem er erfolglos einige Social Media Plattformen gecheckt hatte, entschied er sich seine Suche anders fortzusetzen. Er holte ein altes Adressbuch raus und wählte zuerst die Nummer die er dort bei Tom eingetragen hatte. Kein Anschluss unter dieser Nummer, ertönte eine automatisierte Nachricht.

Als nächstes nahm er sich eine gemeinsame Freundin von damals vor. Ihre Nummer stimmte noch, und sie schien sich über den Anruf zu freuen. Als er sie auf Tom ansprach, sagte sie nur, sie hätte seit ein paar Jahren nichts mehr von ihm gehört. Allerdings hatte sie von Freunden erfahren, dass er aus Frankfurt weggezogen sei. Leider wusste sie nicht wohin. Zum Abschied sagte sie, dass sie sich freuen würde, wenn sie Lennard mal wiedersehen würde. Lennard stimmte ihr aus Höflichkeit zu, wusste aber bereits beim Auflegen, dass ein Treffen nicht zustande kommen würde. Er hatte sich bewusst von der alten Clique aus Studienzeiten distanziert und plante nicht, das rückgängig zu machen.

Weitere Anrufe liefen ähnlich ab, man sprach darüber, dass man sich lange nicht gesehen hatte und wenn er diejenigen dann auf Tom ansprach, wusste keiner so genau wo er gerade war und was er machte. Die meisten der Freunde hatten mitbekommen, dass er umgezogen war. Mehrere sagten, er sei irgendwo in den Norden gezogen, aber einen Stadtnamen wusste niemand.

Norden… War das vielleicht der Versuch so weit wie möglich von Frankfurt weg zu kommen und vor der Erinnerung an die alte Zeit zu fliehen? Er wusste, dass es Tom nicht besonders gut ergangen war, in seinem letzten Studienjahr. Er hatte nicht wie Lennard aufgehört zu trinken, sondern hatte es übertrieben, war feiern gegangen und war sogar durch das zweite Staatsexamen gefallen. Lennard war sich nicht sicher, ob Tom es durch einen weiteren Versuch geschafft hatte, sein Studium erfolgreich abzuschließen. Er selber hatte mit dem Abschluss des Studiums sein altes Leben hinter sich gelassen und sich etwas Neues aufgebaut. Er hatte sein Zimmer in einer Studenten WG gegen eine schöne Wohnung ganz für sich alleine ausgetauscht und war froh gewesen, endlich nicht mehr mit Anderen teilen zu müssen. Es gab Tage an denen für einen kurzen Moment ein Gefühl des Bedauerns in ihm aufkeimte, wenn er an Tom dachte, aber er sagte sich immer wieder, dass er sich das, was er jetzt hatte, hart erarbeitet hatte. Er hatte das alles hier selbst erreicht, und das konnte ihm keiner nehmen. Es war nicht seine Schuld, das Tom mit manchen Dingen nicht so gut klar kam wie er. Er würde nicht zulassen, dass jemand das Leben zerstörte, was er sich aufgebaut hatte.

Langsam wurde sein Mitleid zu Wut. Was bildete sich dieser Kerl ein nach so vielen Jahren einfach hier aufzutauchen und alles durcheinander zu bringen.

Im Kopf ging er noch einmal die Fakten durch. Heute Morgen hatte Lennard das gefaltete Papier bei seiner Post gefunden. Davor hatte er das letzte Mal am Freitagmittag seine Post gecheckt. Irgendwann zwischen Freitagmittag und Sonntagmorgen musste also jemand hier gewesen sein, um das Papier zu platzieren. Wenn sein alter Freund wirklich der Schreiber der Nachricht gewesen wäre, wäre er dann extra nach Frankfurt gekommen nur um ein Papier in einen Briefkasten zu werfen? Vielleicht war er auch gerade in Frankfurt und besuchte hier alte Bekannte. Allerdings hatte er die meisten die dafür in Frage kamen gerade angerufen und keiner von Ihnen hatte verdächtig reagiert.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, er musste Linda anrufen, wenn jemand wissen würde wo Tom war, dann sie. Er hatte versucht diesen einen Anruf zu vermeiden. Linda war Toms zwei Jahre jüngere Schwester und Lennard hatte ihr nach einer fast ein Jahr anhaltenden Beziehung das Herz gebrochen, als er das Ganze ohne eine vernünftige Erklärung beendet hatte. Tom hatte das natürlich mitbekommen und hatte daraufhin kein Wort mehr mit ihm geredet. Lennard hatte mehrmals versucht seinem Freund die Situation zu erklären, aber dieser hatte nicht mit sich reden lassen. Und nachdem er mehrmals mit seinen Erklärungsversuchen gescheitert war, hatte er sich nur noch auf das Lernen konzentriert. Gerade zu Besessen hatte er Tag und Nacht an seinem Schreibtisch gesessen und kaum noch etwas mit anderen Menschen unternommen. Umso mehr Zeit er damit verbrachte, umso besser gefiel es ihm und umso weniger vermisste er die Zeit, als er noch jeden Tag auf Partys gegangen war. Das viele Lernen war belohnt worden und er hatte eine beneidenswerte Abschlussnote erhalten. Seine damaligen Freunde hatten nicht verstanden, was Lennard antrieb, aber sie hatten es auf Druck von Zuhause, die Trennung von Linda und ähnliches geschoben. Niemand hatte den wahren Grund für seine Wandlung erfahren, und auch er selbst hatte es geschafft, sich die Spekulationen seiner Freunde einzureden.

Lindas Stimme war kühl und bedacht, als sie an ihr Handy ging. Sie hatten mehr als fünf Jahre nichts voneinander gehört und das Erste was sie jetzt sagte war:

„Was willst du? Ich hoffe für dich, dass es wichtig ist, sonst kannst du direkt wieder auflegen.“

Lennard stockte, er hatte die plötzlichen Emotionen, die ihre Stimme bei ihm auslösten nicht erwartet. Genauso wenig hatte er darüber nachgedacht, wie er ihr erklären sollte, dass er die Adresse von Tom brauchte um zu überprüfen, ob dieser ihn erpressen wollte.

Tut… tut… Anscheinend hatte Linda nicht die Geduld gehabt darauf zu warten, bis sich ihr ehemaliger Liebhaber eine vernünftige Erklärung für den Anruf zurecht gelegt hatte.

Verdammt, was machst du nur, fragte sich Lennard und wählte ihre Nummer erneut. Er musste sich jetzt zusammenreißen. Es konnte doch nicht sein, dass fünf harmlose Wörter ihn so aus dem Konzept brachten. Lennard sendete ein kurzes Stoßgebet zu Gott, das Linda erneut abnehmen würde. Und tatsächlich hatte er Erfolg. Er unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen und erzählte ihr, dass er dringend Toms Aufenthaltsort brauche, weil er mit ihm reden müsse. Natürlich fragte sie nach dem Grund und er tischte Linda ohne zu zögern eine Lügengeschichte auf. Er sagte, dass er sich unbedingt mit Tom versöhnen müsse, weil er seit Wochen so ein komisches Gefühl habe. Er müsse wissen ob es seinem ehemals besten Freund gut gehe. Er wisse auch nicht wo das auf einmal herkomme, aber er wünsche sich nichts mehr als mit Tom zu reden und ihn als Freund zurück zu haben.

Anscheinend nahm sie ihm diese rührselige Geschichte ab, denn sie erklärte sich bereit ihm zu helfen und ihre Stimme klang ein bisschen weniger feindselig. Allerdings betonte sie mehrmals, dass sie das nicht für Lennard tat. Ihr Bruder solle die Chance haben selber zu entscheiden, ob er Lennard vergeben könne oder nicht. Sie war ja schließlich schon der Grund gewesen, warum die beiden sich zerstritten hatten, jetzt wolle sie nicht auch noch der Grund sein, dass sie sich nicht wieder versöhnten. Lennard lächelte auf der anderen Seite der Leitung zufrieden, was ihm jedoch schnell verging als Linda ihm erzählte, dass Tom ungefähr vor einem Jahr versucht hatte sich das Leben zu nehmen und dass er gerade aus einem Therapiezentrum in Hamburg entlassen worden war. In der ersten Zeit würde er wieder bei seinen Eltern in Darmstadt leben, bis er sich bereit fühlen würde wieder alleine zu wohnen.

Lennard schluckte und nachdem er sich die Adresse notiert hatte, legte er ohne eine Verabschiedung auf. Er versuchte sich auf die relevanten Informationen aus diesem Gespräch zu konzentrieren und diese mit den Fakten, die er bereits hatte, in Einklang zu bringen. Mit dem Auto brauchte man nur eine halbe Stunde von Darmstadt nach Frankfurt. Es wäre also durchaus möglich, dass Tom einen kleinen Ausflug gemacht hatte, um den Zettel abzuliefern. Es war doch sicherlich kein Zufall, dass die Drohung gerade zu dem Zeitpunkt aufgetaucht war, zu dem Tom aus dem Therapiezentrum entlassen worden war.

Vielleicht hatte Tom schon vor einem Jahr herausgefunden was damals am 7. Mai passiert war. Vielleicht hatte er sich schuldig gefühlt, oder konnte nicht mit der Wahrheit leben und hatte deshalb versucht sich umzubringen. Als dies gescheitert war hatte er beschlossen, sich an Lennard zu rächen. Mit seiner Entlassung aus dem Therapiezentrum hatte er jetzt wahrscheinlich endlich die Möglichkeit dazu. Lennard musste so schnell es ging zu ihm. Er schnappte sich seine Autoschlüssel und holte eine Pistole aus einem Versteck unter einer losen Diele in seinem Zimmer hervor. Dann ging er mit schnellen Schritten zu seinem Auto. Während der Fahrt würde er immer noch genug Zeit haben, um sich einen genaueren Plan zurecht zu legen.

Er gab die notierte Adresse in das Navi ein und bemerkte, dass Toms Elternhaus etwas außerhalb von Darmstadt lag. Während er den Motor startete dachte er sich, dass er Tom aus dem Haus locken müsste. Vielleicht konnte Lennard ihm zunächst die gleiche Geschichte erzählen, wie seiner Schwester. Wenn er Glück hatte war Tom genauso gutgläubig und würde mit ihm einen Spaziergang machen. Sie würden einen Platz finden müssen, an dem sie ungestört reden konnten. Vielleicht konnte Lennard seinen Freund davon überzeugen niemandem etwas zu sagen. Dann würden sie beide ihr Leben weiterleben können. Die Pistole war nur eine Absicherung. Wenn es sein musste würde er seinem Freund damit Angst machen, aber er wollte sie nicht wirklich benutzen. Das redete er sich zumindest ein.

Als Teenager hatte er die Pistole von seinem Vater geklaut, um vor seinen Freunden damit anzugeben. Sein Vater war Polizist und hatte seine Dienstwaffe manchmal für ein paar Minuten achtlos rumliegen lassen, bevor er sie in den dafür vorgesehenen Waffenschrank getan hatte. Eines Tages hatte Lennard die Gelegenheit genutzt und die Waffe heimlich in seine Schultasche gesteckt. Sein Vater war so vergesslich, dass ihm erst ein paar Stunden später aufgefallen war, dass die Waffe fehlte. Als er auf der Arbeit dann einige Probleme wegen der nicht mehr auffindbaren Waffe bekommen hatte, hatte Lennard sich nicht mehr getraut sie seinem Vater zurückzugeben und hatte sie in einer Kiste in seinem Baumhaus versteckt. Als er in die WG umgezogen war, hatte er die Waffe mitgenommen und auch in seiner jetzigen Wohnung hatte er einen Platz gefunden um sie sicher aufzubewahren. Er hätte nie damit gerechnet, dass ihm dieser Diebstahl eines Tages weiterhelfen würde.

Er war so schnell gefahren, dass er das Ausfahrtsschild erst in letzter Sekunde bemerkte. Gerade noch rechtzeitig wechselte er die Spur und schaffte es mit diesem gewagten Manöver doch noch den richtigen Weg einzuschlagen. Er war heute wirklich nicht er selbst. Er musste jetzt besser aufpassen, ermahnte er sich und schaute wie gebannt auf die Straße. Es waren nur noch wenige Minuten bis zu seinem Ziel. Nervös rutschte er auf dem Fahrersitz hin und her und als er angekommen war, blieb er noch einige Minuten im Inneren des Autos sitzen, bevor er sich überwinden konnte auszusteigen. Er nahm die Waffe und steckte sie sich hinten in seinen Hosenbund, dann ließ er seinen weiten Mantel darüber fallen, um den Gegenstand zu verdecken. Erst jetzt schaute er sich um. Zum Glück war die Straße leer und er konnte auch keine unerwünschten Beobachter an den Fenstern erkennen. Noch einmal rief er sich die zurechtgelegte Rede in seinen Kopf und ging dann auf die Tür mit der Hausnummer 7 zu. Der Nachname an dem Klingelschild war Barazki und er drückte auf den dafür vorgesehen Knopf. Als er hörte wie sich die Schritte im Hausflur näherten, dachte er für einen kurzen Augenblick daran sich umzudrehen und zu seinem Auto zurück zu gehen, doch dafür war es jetzt zu spät. Und Probleme vor sich her zu schieben, ließ diese nicht verschwinden, erinnerte er sich.

„Hallo?“ Eine sympathisch aussehende ältere Dame streckte ihren Kopf aus der Tür und lächelte ihren Besucher freundlich an. Die Art wie sie lächelte und ihr schulterlanges, leicht gewelltes Haar erinnerte ihn so sehr an Linda, dass er einen Stich in seinem Herzen spürte. Die offensichtliche Ähnlichkeit zu ihrer Tochter half Lennard nicht gerade sich zu entspannen. Trotzdem überwand er sich in einem möglichst neutralen Ton nach Tom zu fragen. Sie nickte.

„Kommen sie doch rein“, bot sie Lennard an. Er erklärte ihr, dass er leider nicht so viel Zeit hätte und gerne kurz draußen mit Tom sprechen würde. Mit einem weiteren Nicken ließ die Frau Lennard an der Tür zurück und wenig später hörte er, wie sie im Inneren des Hauses nach ihrem Sohn rief. Er war erleichtert, dass er das Haus nicht hatte betreten müssen. Das war eine Grenze, die er nicht überschreiten wollte.

Einige Minuten später liefen die zwei Männer nebeneinander die Straße entlang, Tom hatte sich im ersten Moment ungläubig die Augen gerieben, hatte sich aber relativ schnell überreden lassen einen kleinen Spaziergang mit Lennard zu machen. Vielleicht wünschte sich dieser verzweifelte Mann einfach Jemanden mit dem er reden konnte, vielleicht war er aber auch einfach neugierig was ihm sein ehemaliger Freund Wichtiges zu sagen hatte, sodass er extra nach Darmstadt gekommen war. Lennard schlug vor auf einen Feldweg abzubiegen und sein Begleiter folgte ihm wortlos. Schließlich setzten sie sich auf eine Bank. Lennard drehte sich so, dass er Tom in die Augen sehen konnte während er sprach.

„Ich weiß was passiert ist“, sprach er die Worte aus, die seit heute Mittag in seinen Gedanken eingebrannt waren. Er beobachtete genau wie sein Gegenüber auf diese Wörter reagierte. Er hatte sich mehr erhofft, als das was er zu sehen bekam. Tom runzelte nur die Stirn und schien sich zu fragen was der andere Mann damit meinen könnte. „Ich weiß was passiert ist?“ fragte er schließlich, um Lennard dazu zu bringen weiter zu reden. Dieser verdrehte nur die Augen, wusste nicht ob er wütend oder genervt sein sollte. Wenn er diese Nachricht formuliert hatte, wieso sollte er es jetzt leugnen? Was brachte eine Drohung, wenn man keine Forderungen stellen würde.

„Tu nicht so unschuldig, du weißt genau wovon ich rede. Wenn du schon so feige bist und nicht persönlich zu mir kommst, gib es wenigstens jetzt zu.“ Die Falten auf Toms Stirn hatten sich vertieft. Er sah müde aus und Lennard hatte kurz Angst, dass sein Freund gleich in sich zusammenfallen würde. Er ist nicht dein Freund und du darfst kein Mitleid haben, rief er sich ins Gedächtnis. Doch wenn er Tom so betrachtete fiel es ihm schwer diesen Mann als Gegner zu sehen, gegen den er vorgehen musste. Er ist nur ein guter Schauspieler. Er will, dass du Panik bekommst, weil du nicht weißt wer der Verfasser der Nachricht ist, hörte er eine Stimme in seinem Inneren zu sich sagen.

„Ich weiß wirklich nicht wovon du da redest.“ meldete sich Tom nun zu Wort. Seine Stimme klang dünn und monoton. Das konnte Lennard sich nicht länger anhören, er griff nach der Waffe und hielt sie Tom an den Kopf. Seine Hand zitterte leicht und er biss seine Zähne zusammen um nicht komplett die Geduld zu verlieren. Der Mord an seinem Freund würde ihn nicht weiter bringen das war ihm durchaus bewusst. Trotzdem zuckte sein Finger nervös an dem Abzug. Tom hatte sich kaum bewegt, er hatte nur überrascht die Augen aufgerissen, als er die Waffe erblickt hatte, doch dann war ein seltsamer Ausdruck in seine Augen getreten und Lennard hatte realisiert, dass es nichts brachte einen selbstmordgefährdeten Mann mit einer Waffe zu bedrohen. Als er seinen Plan geschmiedet hatte, war er davon ausgegangen, dass Tom um sein Leben flehen würde und ihm alles sagen würde was er wusste. Natürlich hatte Lennard nicht daran gedacht, dass dieser Mann schon einmal mit seinem Leben abgeschlossen hatte und es nichts mehr gab was ihn hier halten konnte. Vielleicht freute er sich sogar über die erneute Möglichkeit, seinem Leben ein Ende zu setzen.

„Schieß ruhig.“ sagte Tom und bestätigte damit das was Lennard sich schon zusammengereimt hatte. Er meinte sogar ein schwaches Lächeln auf dem ihm so vertrauten Gesicht zu sehen. „Ich weiß nicht was ich dir getan habe, aber wenn es dir hilft, erschieß mich. Ich kann nicht mehr. Ich habe letztes Jahr versucht mich umzubringen, aber das habe ich auch nicht hinbekommen. Nichts klappt mehr seitdem diese Sache passiert ist. Ich mache mir ständig Vorwürfe. Wir hätten ihn nicht alleine lassen dürfen Lennard, es war so offensichtlich und wir haben es nicht gesehen. Bei diesen Worten ließ Lennard die Waffe sinken. Tom hatte die Nachricht auf dem Zettel nicht geschrieben, das war ihm nun klar geworden. Er wusste gar nichts über die besagte Nacht. Einen Moment saßen sie schweigend nebeneinander. „Du hast damit genauso stark zu kämpfen wie ich“, stellte Tom fest „du lässt es dir nur nicht so sehr anmerken. Führst dein perfektes Leben, aber im Inneren hat es dich zerbrochen, das spüre ich.“ Und obwohl er keine Ahnung hatte, wovon er da sprach, hatte er recht. Jahrelang hatte Lennard dagegen angekämpft, versucht alles zu vergessen und ein neues Leben aufzubauen, doch heute hatte er gemerkt, dass man der Vergangenheit nie ganz entfliehen konnte. Ohne eine weitere Erklärung ließ er Tom auf der Bank zurück und ging zu seinem Auto.

Irgendjemand wusste, was er getan hatte und er hatte keine Idee wer das sein könnte. Er setzte sich ins Auto und versuchte die Panik zu unterdrücken, die in ihm aufstieg. Die Geschehnisse des Tages hatten alle Emotionen, die er Jahre lang zurückgehalten hatte, wieder hochkommen lassen. Zu sehen, was aus seinem ehemals so lebensfrohen Freund geworden war, war kaum zu ertragen.

Lennard wusste nicht, was er noch tun konnte um zu verhindern, dass alles ans Licht kam. Jemand kannte sein Geheimnis und könnte jede Minute mit diesem Wissen zur Polizei gehen. Wie sollte er weiter Leben, wenn er nie wusste ob er im nächsten Moment vielleicht verhaftet werden würde? Er müsste wegziehen und sich zum zweiten Mal ein neues Leben aufbauen. Es würde wieder so sein, wie in den ersten Monaten nach der Tat. Diese Unsicherheit, klar sie war auch jetzt noch da, viele Jahre später, aber sie war schwächer geworden. An manchen Tagen hatte er sie sogar ganz vergessen können. Irgendwann denkt man die Menschen hätten vergessen was passiert ist, sie hätten es akzeptiert und würden keine Fragen mehr stellen. Dann fühlt man sich sicher. Und die einzige Angst die bleibt ist die, dass man es nicht schafft so etwas schreckliches für sich zu behalten. Man hat Angst, dass es einen von Innen zerfrisst und man nicht damit fertig wird. All das hatte Lennard überwunden, nur um jetzt in seinem Auto zu sitzen und alles noch einmal zu durchleben.

Er nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung war und wurde sich schlagartig wieder bewusst, wo er war. Er musste hier weg. Noch einmal atmete er ein, dann setzte er sich aufrecht hin und trat aufs Gas. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren und abzuwarten.

Die Strecke kam ihm ewig vor. Als er endlich Frankfurt erreichte bog ein Polizeiwagen hinter ihm auf die Straße. Es konnte Zufall sein, sein Herz fing aber trotzdem an, wie wild in seinem Brustkorb zu pochen. Er warf einen Blick auf die Waffe, die er achtlos auf den Beifahrersitz gelegt hatte, als er zum Auto zurückgekommen war. Offen und für jeden sichtbar. Ihm schwirrten tausend Möglichkeiten durch den Kopf, warum die Polizei auf ihn aufmerksam geworden sein könnte. Vielleicht hatte Tom nach seinem Besuch die Polizei benachrichtigt, vielleicht hatte er sich das Kennzeichen gemerkt und die Darmstädter Polizei hatte dieses an ihre Kollegen in Frankfurt weitergegeben. Vielleicht hatte auch jemand auf dem Weg die Waffe gesehen, oder der mysteriöse Schreiber der Nachricht hatte die Polizei verständigt.

Als der Wagen hinter ihm einmal die Sirene aufheulen ließ und ihm deutete an den Rand zu fahren, gab er sich seinem Schicksal hin, er war intelligent genug um zu wissen, dass eine Flucht alles nur noch schlimmer machen würde. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es, die Waffe im Handschuhfach zu verstauen, als ein Beamter neben seiner Tür auftauchte. „Einmal Fahrzeugpapiere und Führerschein bitte.“ Das stellte ihn vor ein Problem. Die Fahrzeugpapiere befanden sich im Handschuhfach unter der Waffe die er nicht besitzen dürfte. Er suchte seinen Führerschein heraus und erklärte, dass er seine Fahrzeugpapiere Zuhause in einem Regal liegen hatte. Der Beamte musterte Lennard skeptisch. „Aussteigen bitte.“ sagte er und trat zurück um ihm Platz zu machen. Lennard trat neben den Polizisten. Dieser leuchtete in seine Augen und ließ ihn in ein Röhrchen pusten. „Wir werden jetzt ihr Auto durchsuchen“, sagte ein anderer Beamter. Es klang wie eine Aussage, aber er öffnete die Beifahrertür erst als Lennard nickte. „Er hat eine Polizeiwaffe im Handschuhfach“, rief der eine Polizist dem Anderen zu, nachdem er ein paar Fächer durchwühlt hatte und schließlich beim Handschuhfach angelangt war. In diesem Moment passierte etwas mit Lennard, seine Fassade brach zusammen und er fiel kraftlos auf die Knie. Das waren wohl genug Indizien für die Polizei und der Mann hinter ihm griff nach seinem Arm und verdrehte diesen gekonnt hinter Lennard Rücken. „Ich habe ihn getötet.“ brach es aus Lennard heraus und nach dem er diese Worte ausgesprochen hatte erfüllte ihn ein solches Gefühl von Erleichterung, dass er die Worte nochmals wiederholte. „Ich habe ihn getötet“, sagte er nun immer und immer wieder, während Tränen über seine Wangen liefen.

Sie kommen jetzt erstmal mit aufs Präsidium und dann können sie uns ganz in Ruhe erklären, wen sie getötet haben, sagte der Beamte während er Lennard auf die Rückbank des Dienstwagens drückte.

Am Montagmorgen erschien ein Artikel in der Zeitung der von der Aufklärung eines sechs Jahre alten Falls berichtete.

Mann aus Frankfurt gesteht „Mord“ an Kommilitonen. Er wurde am Sonntagnachmittag von Polizisten angehalten, weil er bei einer massiven Geschwindigkeitsüberschreitung in der Innenstadt erwischt wurde. Völlig unerwartet habe er darauf hin die Tat gestanden.

Vor fast sechs Jahren war ein junger Student der kurz vor seinem Jura Abschluss an der Goethe Universität gestanden habe, vom Dach eines Hochhauses gestürzt. Man hatte den Fall als Selbstmord abgestempelt, doch jetzt kam heraus, dass Lennard K. für den Tod des Mannes verantwortlich sei. Beide waren angetrunken in einen Streit geraten, wobei K. den Kommilitonen geschubst habe und dieser vom Dach gestürzt sei. Lennard K. gibt an, dass er nicht beabsichtigt habe, den anderen Mann vom Dach zu schubsen. Man gehe von einer hohen Strafe aus, da Lennard K. die Tat jahrelang vertuscht habe und der Polizei nur durch einen glücklichen Zufall in die Hände gefallen sei. Bekannte und Freunde beschreiben den mutmaßlichen Täter als ruhigen, zuverlässigen Menschen.

Lennard saß in seiner Zelle im Gefängnis. Man hatte ihm bei seiner Festnahme erlaubt, den Zettel mit den fünf handgeschriebenen Wörtern bei sich zu behalten. Nun strich er gedankenverloren mit dem Finger über das Papier. In diesem Moment sah er plötzlich seine Hand vor sich, wie sie einen Bleistift umklammerte und mehrere Worte auf ein Papier schrieb. In den letzten Tagen hatte er immer wieder Momente gehabt, in denen er sich plötzlich an Einzelheiten von dem Abend vor seiner Festnahme erinnern konnte.

Mit dieser letzten Erinnerung konnte sich Lennard die Geschehnisse langsam zusammenreimen. Das Glas Cola was Daniel ihm gegeben hatte im Zusammenhang damit, dass er nach Hause gegangen war, weil er sich komisch gefühlt hatte. Und dann der Traum, von dem er nicht mehr glaubte, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war. Er ging davon aus, dass ihm jemand bei der Grillparty etwas in sein Getränk getan hatte und er daraufhin einen Rausch erlebte. Vermutlich wollte er die Worte ‚ICH WEIß WAS PASSIERT IST‘ aufschreiben, um sich am nächsten Tag an die Geschehnisse erinnern zu können und seine Freunde darauf anzusprechen. Stattdessen hatte er die Worte auf ein vergangenes Erlebnis bezogen, das ihn seit Jahren nicht mehr los lies und was er bis dahin zwanghaft versuchte zu verdrängen.

Lennard war erst vier Tage im Gefängnis und es kam ihm bereits viel länger vor. Wenn man sich nicht mit der Arbeit und dem alltäglichen Leben ablenken konnte und die harte Matratze des Bettes einen immer wieder daran erinnerte wo man war, könnte man nur schwer verhindern über das nachzudenken, was man getan hatte. Jeden Tag wurde Lennard mehr bewusst, was er anderen Menschen mit seinem Schweigen angetan hatte. Er konnte nicht viel tun, um das wieder gut zu machen, was er Tom angetan hatte, aber zumindest konnte er ihm erklären warum er es getan hatte.

Tom,

Wenn du diesen Brief liest, hast du ihn nicht direkt zerrissen und ich danke dir für die Chance mich zu erklären. Dass du erfährst, was wirklich geschehen ist, ist für mich gerade das einzige was zählt. Ich weiß, dass du dich genau an diesen milden Abend im Mai erinnerst, als wir uns alle zusammen auf dem Platz vor der Uni betrunken haben, bevor der Lernstress erneut losgehen würde.

Als die Party langweilig wurde hast du mir gesagt, dass du eine Idee hast und hast mich und deinen anderen Kumpel dazu gebracht, mit dir auf das Dach eines Gebäudes zu klettern. Du kanntest einen Eingang der nicht verschlossen war und wir sind über ein Dachfenster nach draußen geklettert. Ich habe mich noch gefragt, ob es eine gute Idee ist, betrunken auf ein neunstöckiges Gebäude zu klettern, aber dann habe ich die Aussicht gesehen und den angenehm frischen Wind in meinen Haaren gespürt und mir keine weiteren Gedanken gemacht. Wir haben ein Bier getrunken und uns dann entschieden nach Hause zu fahren. Dein Kumpel hat gesagt, dass er noch einen Moment für sich haben wolle und wir haben ihn auf dem Dach zurückgelassen. Unten angekommen musste ich noch einmal auf Toilette und du hast gesagt, dass du schon einmal nach Hause fährst, weil dir die Augen zufallen.

Jetzt kommt der Teil, von dem du bisher nichts weißt. Ich habe auf der Toilette gemerkt, dass ich mein Handy auf dem Dach liegen gelassen habe, also bin ich noch einmal hoch gegangen. Als ich mich aus dem Fenster gezwängt hatte, habe ich gesehen, dass dein Kumpel mein Handy in der Hand hatte und lustvoll grinste. „Ey Junge, du hast aber eine scharfe Freundin. Und sie sieht so jung aus, die würde ich auch mal gerne neben mir im Bett liegen haben.“ Ich war inzwischen auf den Typen zugegangen und hatte ihn gebeten mir mein Handy zurück zu geben. Auch er war aufgestanden und ließ das Handy provokativ vor meinem Gesicht hin und her wandern. Er hatte meinen Chat mit Linda geöffnet und ein Foto von ihr gefunden, auf dem sie in Dessous auf dem Bett lag.

Ich will dir das eigentlich gar nicht erzählen, ich weiß, er war dein Freund, aber wenn du miterlebt hättest wie er über deine Schwester geredet hat, als wäre sie ein Spielzeug, was er gerne ausprobieren würde, dann hätte es dich genauso provoziert wie mich damals.

„Ich hoffe du kannst teilen.“ hatte er zu mir gesagt und sich dabei mit der Zunge über die Lippen gefahren. Sein überlegenes Grinsen hatte das Fass dann schließlich zum Überlaufen gebracht. Ich habe ihm das Handy aus der Hand gerissen und als er erneut danach greifen wollte, habe ich ihn zurückgestoßen. Ich hatte ganz vergessen wo wir waren und erst als ich seinen Schrei gehört habe und gesehen habe wie er rückwärts über die Kante gestolpert ist, ist mir klar geworden, was ich getan hatte.

Ich war entsetzt, aber auch immer noch wütend. Ich bin nach unten gerannt und habe ihn auf der Straße liegen sehen. Ich brauchte nicht nah an ihn heran zu gehen um zu realisieren, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Sein Körper war seltsam verformt und es hatte sich bereits eine riesige Blutlache um seinen Kopf gebildet. Das war der Moment in dem ich über die Konsequenzen nachgedacht habe. Darüber, dass ich mein Studium nicht beenden können würde, wenn rauskam was passiert war. Darüber, dass ich vielleicht ins Gefängnis kommen würde und das nur wegen einem Idioten, der sich an meiner Freundin aufgegeilt hatte. Ich habe mich umgedreht und beschlossen niemandem jemals von der Sache zu erzählen.

Als wir am nächsten Tag von dem Unfall erfahren haben, hatte ich befürchtet, du würdest den Ermittlern erzählen, dass wir zu dritt auf dem Dach waren, aber du hast anscheinend kein Wort darüber verloren. Wahrscheinlich hattest du auch Angst verdächtigt zu werden und hast gar nicht darüber nachgedacht, dass ich es gewesen seien könnte. Linda hat natürlich auch gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Am Anfang hat sie wohl gedacht ich sei geschockt von dem was passiert war. Wir haben uns nach dieser Nacht noch ein paar Mal getroffen, aber immer wenn ich sie angesehen habe, musste ich an den schrecklichen Anblick des zermatschten Körpers auf dem Asphalt denken. Schließlich habe ich immer wieder Ausreden gefunden sie nicht zu treffen und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass unsere Beziehung nicht mehr zu retten war.

Ich weiß, dass vieles anders gelaufen wäre, wenn ich damals erzählt hätte, was passiert ist. Vielleicht wären wir dann heute noch gute Freunde und du hättest nicht versucht dich umzubringen. Es tut mir unendlich leid. Ich habe mir oft gewünscht die Zeit zurückdrehen zu können, dann hätte ich besser aufgepasst und hätte mein Handy nicht auf dem verfluchten Dach liegen lassen.

Ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen,

Lennard

 

 

2 thoughts on “Fünf Worte

  1. Liebe Julia

    Du hast eine schöne und interessante Geschichte geschrieben.

    Du fängst sehr langsam, bedächtig und besonnen an.
    Schließlich entwickelt sich deine Geschichte aber immer weiter, und es wird immer spannender, Lennard auf seiner Reise zu begleiten.

    Das Ende war dann natürlich überraschend. Vor allem, weil Lennard der Polizei ja nur durch einen dummen Zufall in die Hände fiel.

    Insgesamt fand ich deine Geschichten gut, obwohl das Handy mit dem Foto des Protagonisten nicht vorkam, oder habe ich etwas überlesen?

    Deine Schreibstil ist klar und routiniert.
    Da und dort haben sich kleine Rechtschreibfehler und Zeichensetzungsfehler eingeschlichen.

    Lass deine Geschichten in Zukunft immer noch einmal ordentlich gegenlesen.
    Das bewirkt Wunder.

    Die kleinen Mängel haben die Geschichte für mich deshalb aber nicht schlechter gemacht.

    Man spürt, dass du dir viel Arbeit gemacht hast.
    Und dass du gerne schreibst.

    Bitte schreib weiter und du wirst noch viele bezaubernde Geschichten schreiben.

    Natürlich lasse ich dir mein Like da.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Über einen Kommentar würde ich mich sehr.
    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Vielen Dank.
    Swen

    1. Hey, vielen Dank für den lieben und ausführlichen Kommentar zu meiner Geschichte. Es freut mich sehr auch mal die Meinung von einer außenstehende Person zu hören!
      Und ja, ich habe die Grundidee etwas abgeändert und das Handy durch die Notiz ersetzt, da ich die Kriterien etwas einengend fand 🙂
      Gerne lese ich auch deine Geschichte, wenn ich in nächster Zeit mal ein paar freie Minuten habe

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