HilfewerbinichGib mir dein Kind

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Er hatte sich für seine Atempause den idealen Platz im Park ausgesucht. Die Picknickdecke im Schatten des Baumes bot Schutz vor der Unebenheit und Feuchtigkeit des Bodens. Ben konnte es nicht lassen, sich hinzulegen. Tanzende Blätter, die harmonisch mit dem Frühlingsblau des Himmels verschmolzen. Früher hätte er keinen Blick für die Schönheit der Natur gehabt.

 

Er hörte Sarahs Lachen und Antonias helle Kinderstimme. Träge wendete er  den Blick zu den beiden Frauen in seinem Leben, die ausgelassen „Mutter und Kind“ spielten.

 

Mit Sarah an seiner Seite hatte er es endlich geschafft, seine Angst vor Entdeckung in den Griff zu bekommen. Er hatte alles, was er sich jemals erträumt hatte. Eine wundervolle Frau, eine quirlige Tochter, ein Haus mit Garten und einen Job, der seiner Familie den Lebensunterhalt sicherte.

 

Das Letzte, was Ben bemerkte, bevor er einschlief, war eine dicke, schwarze Wolke, die sich vor die Sonne schob. Als er erwachte, tat ihm sein Rücken weh. Die Geräuschkulisse im Park hatte sich verändert. Es war ruhig geworden.

 

Ben blinzelte, rappelte sich auf und drehte den Kopf von einer Seite zur nächsten, um die Verspannung zu lösen, die ihm zu schaffen machte. Er zog sein Handy aus der zusammengefalteten Jacke, gab 1,2,3,4 ein und erschrak, als er sah, wie spät es war. Halb sechs, fast Zeit fürs Abendessen.

 

Bens Blicke suchten die Umgebung nach Sarah und Antonia ab, aber er konnte sie nicht entdecken. Sie waren gemeinsam mit dem Bus in den Park gefahren und das letzte Stück gelaufen. Undenkbar, dass die beiden sich ohne ihn auf den Weg zurück gemacht hatten, zumal Sarah garantiert wieder ihre Tasche mit Handy, Schlüssel und ihrem Geldbeutel daheim gelassen hatte. „Ich habe doch dich dabei!“, sagte sie immer, wenn Ben ihr ihre Schusseligkeit vorhielt. Ihn fröstelte, deshalb schlüpfte er in seine Jacke. Als er den Reißverschluss zuzog, fiel sein Blick auf das Handy, das er achtlos auf die Decke gelegt hatte. Ben stutzte. Er kniff die Augen zusammen und griff dann nach dem Smartphone.

 

Vorsichtig drehte er es in seiner Hand. Wie hatte er nur so blind sein können? Dieses Handy gehörte ihm gar nicht. Er besaß nicht einmal das gleiche Modell. Und niemals, wirklich niemals, hätte er sich einen Gegenstand in diesem furchtbaren Goldton gekauft. Dennoch gab er seine Geheimzahl ein und zuckte zurück, als sich das Display erneut öffnete.

 

Nun erst nahm er das Hintergrundfoto wahr. Es zeigte eine Porträtaufnahme von Sarah und Antonia, Wange an Wange, mit breitem Lächeln.

 

Ben begann zu zittern. Er bemerkte, dass er anfing, zu hyperventilieren und zwang sich dazu, tief durchzuatmen. Die Vorahnung, die seine Ohren zum Sausen und seinen Körper zum Zittern brachte, war sicher grundlos und hatte nichts mit seiner Vergangenheit zu tun!

 

Wahrscheinlich hatte sich Sarah nur ein neues Smartphone gekauft und in seiner Jacke deponiert. Ben faltete seine Hände zu Trichtern. „Sarah, Antonia“ rief er und bemühte sich um einen fröhlichen, entspannten Ton. Eine Frau drehte sich in der Ferne zu ihm um. Sie war leicht übergewichtig und somit nicht seine Sarah. Er lief in einem größeren Kreis um den Baum herum und rief abermals nach seiner Familie, während seine Augen den fast schon menschenleeren Park scannten. Nichts. Ben rollte die Picknickdecke zusammen und klemmte sie sich unter den Arm.

 

Fast hätte er dabei den kleinen Zettel übersehen, den der Wind von ihm wegtrug. Er bückte sich und trat mit dem Fuß darauf, um ihm am Wegfliegen zu hindern. Das Papier war ordentlich gefaltet. Er öffnete es und las „warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden.“

 

Bens Gesicht verlor die Farbe eines wohlhabenden Mannes und wurde aschfahl. 

 

Er sank zu Boden und lehnte sich hilfesuchend an den dicken Stamm des Baumes    

 

 

 

2

 

Als Sarah wieder zu sich kam, war sie verwirrt. Wo war sie? Was war passiert? Mühsam versuchte sie die Augen zu öffnen. Sie schaffte es nicht. Ihr Instinkt signalisierte mit Nachdruck, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Sarah tastete neben sich und nahm erleichtert den schmalen Oberarm ihrer Tochter wahr. Ihr charakteristischer Kleinmädchengeruch nach Unschuld, gemischt mit Babycreme, täuschte eine trügerische Normalität vor.  

 

Sarah bemerkte ein Schaukeln und Rütteln, das sie nicht einordnen konnte. Vorsichtig bewegte sie die Beine, die ihr eigentümlich schlaff zu sein schienen. Immerhin gelang es ihr, mit den Zehen zu wackeln. Obwohl es ihr immer noch schwer fiel zu denken, wusste Sarah, dass sie die Augen öffnen und sich der Situation, die ihr Unterbewusstsein als bedrohlich eingestuft hatte, stellen musste.

 

Mühsam hob sie die Augendeckel. Übelkeit überflutete sie und sie befürchtete einen Moment lang, sich übergeben zu müssen. Ihre Tochter schien zu schlafen. Sie atmete ruhig und gleichmäßig, ihr Köpfchen an Sarahs Hals gelehnt. Wo zum Teufel sind wir? dachte Sarah.

 

Vorsichtig, um Antonia nicht zu wecken, drehte sie den Kopf. Goldener, in Falten gelegter Stoff. Wo hatte sie sowas vor kurzem gesehen? Sarahs Gedanken wurden schwammig, drohten abzugleiten, doch sie kämpfte dagegen an, während das Gefährt, in dem sie sich anscheinend befanden, stärker zu wackeln begann.

 

Die Rikscha! fiel es Sarah plötzlich wieder ein. Sie war mit Ben und Antonia im Park gewesen. Erst hatten sie gespielt, während Ben auf der Picknickdecke gelegen und einen Mittagschlaf gehalten hatte. Antonia war es langweilig geworden und sie war zu ihrem Vater gelaufen, um ihn zu bitten, mitzuspielen. Aber er hatte geschlafen und laut geschnarcht. Ben arbeitete hart, damit es ihnen finanziell gut ging. Oft war er vierzehn Stunden oder mehr unterwegs und fiel dann hundemüde ins Bett. Deshalb hatte sie den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, und Antonia so signalisiert, dass ihr Vater ein wenig Ruhe verdient hatte.

 

Sie hatten sich ein wenig entfernt ein paar Minuten lang auf die Wiese gesetzt, als diese Frau mit der Rikscha vorbeigekommen war und ihnen eine kleine Tour durch den Park vorgeschlagen hatte. Es sei ein neues, touristisches Angebot,  was den  günstigen Fahrpreis erklärte.

 

„Bitte Mama, lass uns das machen“, hatte Antonia gebettelt und die Wirkung ihrer großen, braunen Augen ausgenutzt. Sarah hatte in ihrer Hosentasche nachgesehen, ob der zusammengefaltete Zwanzigeuroschein, den sie als Notgroschen ständig dabei hatte, noch da war.

 

Ben glaubte ja immer, sie verließe sich völlig auf ihn, nur weil sie keine Handtaschen mochte. Aber das stimmte natürlich nicht. Sarah hatte die kleine Rundfahrt für Zwei gebucht, das kühle Erfrischungsgetränk, das im Preis enthalten gewesen war, entgegengenommen und wie Antonia auch, sofort getrunken. Die Hitze hatte sie durstig gemacht.

 

Gift! Der Gedanke drängte sich auf und schien Sarahs Atmung blitzartig zu lähmen. „Beruhige dich, atme“, befahl sie sich. Das Geräusch, das sie nun hörte, war vielleicht das Öffnen eines Garagentores, doch Sarah schaffte es nicht, die Kraft aufzubringen, mit ihrer Tochter zu fliehen. Sie war einigermaßen bei Bewusstsein, vielleicht würde sich das noch als Chance entpuppen.

 

Der Vorhang wurde aufgerissen. Sarah unterdrückte nur mühsam einen Schrei.

 

 

 

3

 

Ben verzichtete darauf, den Bus nach Hause zu nehmen. Er hatte das Gefühl, das Adrenalin, das seit dem Fund des Zettels seinen Körper überflutete, wieder auf ein vernünftiges Maß zurückfahren zu müssen, um klar denken zu können. Also joggte er den ganzen Weg, die Picknickdecke wie den Speer eines Indianers unter den Arm geklemmt. Er schloss die Tür auf und horchte in die Stille, während sein Herz laut pochte und sein Atem sich nur langsam beruhigte. Die Wohnung wirkte verlassen. „Sarah? Antonia?“ sein Rufen schien von den Wänden abzuprallen und rief keine Reaktion hervor.

 

Ben ließ sich auf seinen Lieblingssessel fallen. Was hatte das zu bedeuten? Hatte ihn seine Vergangenheit etwa wieder eingeholt? Oder war der Auszug des Zitats, das zu einem alten, längst vergessenen Leben gehörte, reiner Zufall gewesen? Wer kannte sein Geheimnis? Und was hatte das alles mit seiner Familie zu tun? Sollte er die Polizei einschalten? Aber was würden die Beamten zu ihm sagen, so kurz nach dem Verschwinden der beiden.

 

Ben schenkte sich einen Whiskey ein, stellte das Glas aber vor sich auf den Wohnzimmertisch. Sicher war es besser, nüchtern zu bleiben. Als eine Nachricht eintrudelte, erschrak er so heftig, dass ihm das Handy aus der Hand und über auf den Fliesenboden fiel. Er hob es auf und staunte über die Stabilität des Geräts.

 

„Wo ist Anton?“ las Ben. Er hielt den Atem an. Diese Person war tot. Seit fast sechs Jahren schon. Wer hatte ein Interesse daran, ihn jetzt mit dieser Frage zu konfrontieren? Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer des Absenders. „Hier ist Tom! Hey Leute, natürlich nicht in echt. Ruft später an!“ Die Stimme klang jung. Ben kramte in seinem Gedächtnis. Wer war Tom? Er kannte keinen Tom. Was wollte dieser Kerl von ihm?

 

Die nächste Stunde verbrachte Ben damit, in der Wohnung hin und her zu laufen, immer mal wieder aus dem Fenster zu sehen und dem Whiskey zu widerstehen, bis er es nicht mehr aushielt und sein Glas in einem Zug leerte. Doch der torfische Nachgeschmack des Alkohols bot keine Entlastung, sondern erinnerte ihn nur an Gräber, die auf einem Dorffriedhof ausgehoben wurden.           

 

 

 

4

 

„Wer sind Sie?“ mehr als ein Flüstern brachte Sarah nicht heraus. „Und was wollen Sie von uns?“

 

„Ich will meine Tochter zurück!“ sagte die Frau mit einem Lächeln, das Sarah eine Gänsehaut verursachte. Die ist ja völlig durchgeknallt, erkannte Sarah und versuchte, Zeit zu gewinnen. Immer noch war ihr übel und sie kämpfte gegen die Benommenheit, die ihr zuflüsterte, sich einfach wieder in den Sitz zurückfallen zu lassen und zu schlafen.

 

„Ich kenne Sie überhaupt nicht.“ erwiderte sie, bemüht um einen neutralen Ton, um die Verrückte nicht zu reizen.

 

„Du hast mir meinen Mann gestohlen. Und mein Kind umgebracht. Dafür wirst du bezahlen.“ Die Antwort kam in Zischlauten.

 

„Sie müssen uns verwechseln, ich habe Sie noch nie gesehen!“ versuchte Sarah zu der Frau durchzudringen. „Ich heiße Sarah, bin seit fünf Jahren verheiratet und mein Mann war vor unserer Beziehung Single“ stellte sie klar.

 

Die Frau schnaubte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du wirklich keine Ahnung von der Sache hast“, erwiderte sie.

 

Sarah war irritiert. Langsam erholte sie sich von der Narkose, aber sie beschloss, es sich nicht anmerken zu lassen und stattdessen die Augen zu schließen, als sei sie dabei, das Bewusstsein zu verlieren.

 

Als hätte sie dennoch bemerkt, dass ihre Gegnerin dabei war, wieder zu Kräften zu kommen, zückte die Frau eine kleine Pistole. Ist die echt? Sieht aus wie ein Spielzeug, dachte Sarah.

 

„Raus aus der Rikscha“, ordnete die Frau an. Sarah beschloss, kein Risiko einzugehen. Vorsichtig drehte sie sich zu Antonia und legte ihren rechten Arm um sie, um sie hochzuheben. Die Kleine schlang im Halbschlaf ihre Arme um Sarahs Hals und murmelte etwas Undeutliches, bevor sie wieder in den Schlaf sank.

 

„Hier entlang“ sagte die Entführerin und deutete auf eine Tür, die die Garage wohl mit einem Wohnraum verband. Vielleicht gab es hier eine Chance zur Flucht, hoffte Sarah, öffnete die Tür und blieb wie angewurzelt stehen.     

 

 

 

5

 

 

 

Als die nächste Nachricht aufploppte, starrte Ben überrascht auf den Absender. Die Nummer dieses mysteriösen Toms hatte er so oft erfolglos angewählt, dass er sie schon auswendig kannte. Diese hier war es eindeutig nicht.

 

„Du hast mir alle genommen, die ich liebte. Wie sich das anfühlt? Bald wirst du es wissen!“

 

Ben starrte auf das Handy, unfähig, diesen Satz zu verdauen. Es kann nicht sein, dass es jemand weiß. Das ist unmöglich! Nicht nach so vielen Jahren“ versuchte er sich einzureden. Kurz erwog er, die Polizei einzuschalten, verwarf den Gedanken aber. Besser kein Risiko eingehen. Er tippte die Nummer, von der die Nachricht gesendet worden war, ein. Es läutete mehrere Male, dann lauschte Ben dem Text der Mobilbox. „Sorry, Leute, wir sind unterwegs. Rund um die Welt. See you later, Alligator!“ Gelächter ertönte, dann war die Ansage beendet.

 

Ben warf das Handy vor sich auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Was konnte er anderes tun als zu warten? Komm schon Junge, denk nach. Jemand weiß Bescheid und will dich erpressen. Nur wer? zerbrach er sich den Kopf. Er hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, führte nun schon seit fast sechs Jahren unbehelligt sein Leben. Die vielen Briefe, die er anlässlich seines großen Verlustes erhalten hatte, hatte er freundlich beantwortet. Danach war er umgezogen und hatte sich hinter seinem Allerweltsnamen versteckt. Ben Miller, wie viele Menschen es wohl gab, die diesen Namen trugen?

 

Ben erschrak, als die nächste Nachricht ankam. „Eine der beiden wird sterben! Wen liebst du mehr?“ Seine Hände zitterten, als er die Nummer anrief, die diese Horrorbotschaft versendet hatte. „Melde dich so in drei Monaten nochmal. Ich bin dann mal weg“, erfuhr Ben. Er versuchte, sein Gedankenwirrwarr unter Kontrolle zu bekommen. Es musste einen Ausweg geben. Er musste ihn nur finden. 

 

 

 

6

 

Der Raum war dekoriert wie ein Märchenschloss. Ein riesiger Kronleuchter sorgte für Helligkeit. Gold war neben dem kitschigen Rosa des Teppichs  die dominante Farbe im Zimmer. Sarah erkannte unter dem ganzen Kitsch die typische Einrichtung eines Ferienhauses. Sie hatten eine Weile in einem solchen gelebt, bevor ihr Haus einzugsbereit gewesen war. Auf dem Bett lag ein goldfarbener Überwurf, den Tisch zierte eine goldene Tischdecke, auf einem Regal saßen Porzellanpuppen und ein goldenes Puppenschloss auf dem Boden wartete mit vielleicht dreißig Barbies auf Spielkameraden. Sogar der Schrank war mit goldener Tapete überzogen.

 

Sarahs Blick wanderte zum geschlossenen Fenster. Zugezogene Klappläden warfen Schatten an die Wände. Offensichtlich war es noch nicht dunkel. Vielleicht war nur wenig Zeit vergangen, seit sie in die Rikscha gestiegen waren. Ben! Er macht sich sicher große Sorgen! dachte Sarah. Ihr Herz pochte heftig gegen die dünne Bluse.

 

„Das ist ein sehr schönes Zimmer“, sagte sie und versuchte, die Verrückte freundlich anzusehen.

 

„Ja, meinem kleinen Schatz soll es doch gutgehen“, erwiderte diese und verzog den Mund mit den dicken, aufgespritzten Lippen zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte. Sie streckte die Arme nach Antonia aus. Unwillkürlich wich Sarah einen Schritt zurück, ihre Tochter an sich gedrückt.

 

„Du willst doch nicht, dass ihr was passiert, oder?“ der Singsang der Frau klang harmlos und verstärkte so den Inhalt ihrer Worte. Sarah spürte eine Gänsehaut auf den Armen, obwohl die Luft im Zimmer stickig war. Unfähig zu antworten, schüttelte sie den Kopf. „Leg sie aufs Bett, da hat sie es bequem.“ Sarah zögerte, doch ein Blick in das lächelnde Gesicht der Frau, deren Augen ihre Freundlichkeit Lügen straften, genügte, um der Aufforderung nachzukommen. Antonia schlief weiterhin tief und fest. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, drückte Sarah ihrer Tochter einen Kuss auf die warme, duftende Wange. Ob wir uns lebend wiedersehen? Sie spürte, wie Panik ihren Körper zu überwältigen drohte. Energisch kämpfte sie dagegen an. Sie konnte es sich nicht erlauben, jetzt zusammenzubrechen.

 

Die Frau ging zum Schrank, ohne Sarah aus den Augen zu lassen, holte einen zotteligen Teddybären heraus und legte ihn neben Antonia. „Schlaf gut, mein Schatz!“ murmelte sie und strich Antonia eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Sarah musste sich zusammennehmen. Wie gerne würde sie diese Verrückte an den Haaren von ihrer Tochter wegziehen.

 

 

 

7

 

Unruhig hielt Ben das fremde Handy in seiner Hand. Er scrollte durch die Bildergalerie und erschrak, als er ausschließlich verschwommene Bilder von sich und seiner Familie darin vorfand. Jemand musste sie über einen längeren Zeitpunkt aus der Ferne beobachtet haben. In der Vergangenheit hatte er Fehler gemacht. Große Fehler. Vor dem Gesetz hatte er nicht dafür büßen müssen, doch er hatte sich verändert. Sein bohrend schlechtes Gewissen quälte ihn und er musste mit seiner großen Schuld leben.

 

Jedes Mal, wenn Antonia auf ihn zu rannte und sich in seine Arme warf, ohne den geringsten Zweifel, dass er sie auffangen würde, fiel ihm seine kriminelle Phase ein. Wenn sich Sarah an ihn kuschelte und ihm zuflüsterte, er sei der beste Mann, den sich eine Frau nur wünschen könne, traf ihn dieses Kompliment wie eine Nierenkolik und er hatte mehr als einmal angesetzt, ihr alles zu gestehen. Die Gewissheit, dass sie ihn nach diesen Worten nicht mehr lieben und stattdessen verlassen würde, hatte ihn bisher davon abgehalten.

 

Ein Gedanke, eine Erinnerung aus einer lange vergangenen Zeit, machte sich auf den Weg und versuchte sich Zugang zu Bens Bewusstsein zu verschaffen, doch er kam nicht drauf, um was es ging.

 

Das Handy, welches er unablässig knetete, war schon ganz warm von seinen Händen, als es ihm auffiel. Die Farbe! Gold, das war Annas absolute Lieblingsfarbe gewesen. Konnte sie etwas mit dieser Entführung, denn darum handelte es sich wohl, zu tun haben?

 

Ben hatte erwartet, sie bei Antons Trauerfeier anzutreffen. Er hatte sich schon überlegt, wie er es anstellen sollte, ihren Fragen auszuweichen. Der große Kopfverband, den er aufgrund seiner schweren Verletzungen zu dieser Zeit noch hatte tragen müssen, hätte ihm einen gewissen Schutz geboten, doch entkommen wäre er ihr keinesfalls. Nächtelang hatte er darüber nachgegrübelt, welche Erklärungen am plausibelsten wären, doch Anna war gar nicht erst angereist.

 

Erst Monate später hatte sie ihm einen Brief geschrieben und ihm mitgeteilt, dass sie aufgrund von Antons Tod einen Zusammenbruch erlitten hatte und zuerst im Krankenhaus und danach in einer Rehaeinrichtung gewesen war. Sie hatte ihn besuchen wollen, um mit ihm über die Geschehnisse zu sprechen, aber er hatte eine Geschäftsreise vorgeschoben und war sofort in einen anderen Bundesstaat umgezogen.

 

Einige Monate später hatte er ihr von einer Reise eine Postkarte geschickt und sie gebeten, sich nicht mehr zu melden. Er sei zu verstört von dieser tragischen Geschichte und wolle ein neues Leben anfangen.

 

Und das hatte er auch getan. Er hatte ein einsames Dasein gefristet, immer bereit, zu fliehen, immer in Angst und Sorge, aufzufliegen. Doch das war nicht passiert und als er Sarah kennengelernt hatte, hatte er beschlossen, sich selbst noch eine Chance zu geben. Sei es auch nur, um einen Teil seiner Schuld durch seinen von nun ab tadellosen Lebenswandel zu tilgen.

 

Ob Anna Bescheid wusste? Bens Hände kribbelten. Sein Instinkt sagte ihm, dass seine Exfreundin hinter allem steckte. Wenn sie sich nicht verändert hatte, war ihr alles zuzutrauen. Ben vermutete, dass sie damals die Gefahr mehr geliebt hatte, als ihn. Sie war über all seine Geschäfte informiert gewesen und hatte ihn oft sogar angefeuert, Risiken einzugehen. Anna und er hatten eine leidenschaftliche Affäre gehabt. Dass er sie nicht liebte, war ihm spätestens klargeworden, als sie anfing, extrem zu klammern. Er war froh gewesen, sie loszuwerden, wenn auch die Art und Weise, wie er sich von ihr gelöst hatte, alles andere als gentlemanlike gewesen war.

 

Ich muss mit ihr Kontakt aufnehmen, dachte er. Doch wie? 

 

 

 

8

 

Sarah beschloss, herauszufinden, um was es hier eigentlich ging.

 

„Wir haben viel mehr gemeinsam, als du denkst! Weißt du Bescheid?“ Die Entführerin warf den Kopf herum und sah Sarah von der Seite aus an. Ihre Augen schienen sich in Sarahs Kopf bohren zu wollen, so intensiv war der Blick.

 

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden!“, Sarah spürte die Bedrohung, konnte sie aber nicht einordnen.

 

„Anton“, zischte die Entführerin. Sarah blickte sie irritiert an.

 

„Anton war mein Mann. Wir waren noch nicht verheiratet, hatten es aber vor“, erzählte die Frau und ihr Blick schien sich in der Vergangenheit zu verlieren. Sarah wartete einen Moment auf die Fortsetzung. Als die nicht kam, hakte sie nach.

 

„Was ist passiert?“

 

Die Frau ließ sich auf die Bettkante sinken. „Er ist ertrunken.“

 

Sarah schlug die Hand vor den Mund. „Das ist ja furchtbar. Das tut mir sehr leid!“

 

„Sein Bruder war gerade ausgewandert. Er war ein Dickkopf, ein Einzelgänger und wollte sein Glück in New York versuchen, nachdem er tatsächlich eine Green Card ergattert hatte.“

 

Sarah überlegte, ob sie sich neben die traurig wirkende Frau setzen sollte, entschied sich aber dagegen.

 

„Er schien in dieses Land zu passen, fühlte sich wohl und lud Anton ein, mit ihm zusammen eine Kreuzfahrt in die Karibik zu machen. Ein Kindheitstraum, den sie sich lange nicht erfüllen konnten, weil ihre Eltern früh starben und sie mittellos zurückließen.“

 

Sarah nickte der Entführerin ermutigend zu.

 

„Die beiden gingen an Bord und hatten wohl eine gute Zeit. Doch dann gab es Ärger.“

 

Ihr Atem ging flach,  sie erhob sich und lief im Zimmer hin und her.

 

„Anton war in ein paar üble Geschäfte verwickelt und der Typ hat ihn wohl aufgespürt und wollte ihm klarmachen, dass er seine Schulden zu bezahlen hat.“

 

Antonia begann leise zu schnarchen. Beide Frauen sahen gleichzeitig zu dem Kind und verzogen ihr Gesicht zu einem Lächeln.

 

 „Und dann?“ fragte Sarah leise.

 

„Dann kam es spätabends an Deck zu einem Kampf. Der Gangster und Anton sind wohl von Bord gestürzt. Zumindest wurden sie danach nie mehr gesehen. Ben hatte versucht, seinem Bruder zu helfen, war aber zusammengeschlagen worden.“

 

Sarah wusste nicht, was sie sagen sollte.

 

„Ben hat schwer verletzt überlebt und den Kontakt zu mir abgebrochen, bevor ich erfahren konnte, was genau passiert war.“ Die Entführerin verschränkte die Arme und sah Sarah an. Ihr Blick war wieder eiskalt.

 

„Das tut mir furchtbar leid“, murmelte Sarah und beobachtete die winzige Spinne, die auf dem Holzboden eine Ritze suchte, um sich aus dem Staub zu machen.

 

„Ben ist schuld daran, dass Anton sterben musste. Ohne ihn wäre das nie passiert. Er hat ihn schließlich eingeladen.“ sagte die Frau.

 

„Aber es war doch ein Unfall oder vielmehr sogar ein Mord“, protestierte Sarah.

 

„Ben hat mir alles genommen, was ich hatte“, beharrte die Entführerin auf ihrer Meinung und fügte hinzu „ich war schwanger und hatte kurz nach Antons Tod eine Fehlgeburt. Die Ärzte sagen, ich kann keine Kinder mehr bekommen.“

 

Diese Information schürte Sarahs Angst.

 

„Ben schuldet mir was. Anton kann er nicht zurückbringen, aber ich will sein Kind für meines.“ Die Lippen der Frau waren nur noch ein dünner Strich, sie wirkte wie die Darstellerin eines Horrorfilms.

 

Sarah beschloss, auf Angriff umzuschalten. „Wir haben mit dieser Sache nicht das Geringste zu tun, also lassen Sie uns gehen.“

 

Die Frau schüttelte den Kopf. „Dein Ben ist mein Ben, hat er dir wirklich seine Vergangenheit verschwiegen?“

 

Sarah verschränkte die Arme vor der Brust. Die Alte ist ja total durchgeknallt, dachte sie.

 

„Du glaubst mir nicht?“ Die Frau riss den Schrank erneut auf und griff nach einem abgegriffenen Fotoalbum. „Ich kann es dir beweisen“, schrie sie und blätterte brutal die Seiten um. „Hier ist er, dein Ben!“ Das Foto, auf das sie immer wieder mit dem Finger tippte, zeigte einen attraktiven, unsicher wirkenden Mann, der Ben zum Verwechseln ähnlich sah, den Sarah aber trotzdem nicht kannte.

 

Dennoch zitterten ihr kurz darauf die Beine so stark, dass sie sich setzen musste. Denn der Kerl auf der nächsten Seite, der die Entführerin mit seinen starken Armen umschlang und breit in die Kamera grinste, war ihr eigener Mann.        

 

 

 

9

 

 

 

Ben schrak zusammen, als das Handy plötzlich klingelte. „Hallo“, krächzte er.

 

„Ben?“ Das war eindeutig Sarahs Stimme. „Ben, eine Frau, sie heißt Anna, hat uns entführt.“ Sarah begann zu weinen.

 

„Sarah, Schatz, seid ihr o.k.?“

 

 „Ich glaube schon“, schluchzte Sarah. „Antonia schläft. Sie wurde betäubt. Aber sie hat rote Wangen und atmet ganz normal.“

 

„Wo ist Anna jetzt?“ Sarah schluckte. Ben benutzte den Namen der Entführerin so selbstverständlich, dass es wehtat.

 

„Neben mir. Sie hört mit und hat gesagt, ich soll dich unter dieser Nummer anrufen.“ Kurze Stille.   

 

„Hast du Antonias Medikamente dabei?“ wechselte Ben das Thema.

 

Sarah schwieg. Sogar das Schluchzen hatte aufgehört.

 

„Sarah, hast du ihre Medikamente dabei?“ Ben klang ruhig und beherrscht.

 

„Nein“, stammelte Sarah, „ich, ich dachte, wir sind nur kurz im Park.“

 

Ben zog die Luft zwischen den Zähnen durch und atmete dann tief aus.

 

„Sie braucht ihre Medikamente, das weißt du. Gib mir Anna an den Apparat und schalte vorher den Lautsprecher aus“, sagte Ben.

 

Er hörte einen Knopfdruck.

 

„Hallo Ben, mein Lieber!“ schnurrte Anna. „Wie geht es dir denn heute?“

 

„Nein, bitte nicht!“ das war Sarah, die Ben im Hintergrund hörte. „Antonia braucht mich. Sie ist doch meine Tochter!“ Sarah klang panisch.

 

„Nicht mehr.“ Annas klare, klirrende Stimme setzte den Winter mitten im Sommer in Gang. Ein lauter Knall, den Ben nicht einordnen konnte, dann war es still. Er lauschte, doch von Sarah war nichts mehr zu hören. Kein Weinen, kein Atem, nichts.

 

Ben ballte seine linke Hand zur Faust und drückte mit dem Daumen fest gegen den Zeigefinger, um sich zu beruhigen. Er musste nachdenken, sich etwas einfallen lassen und zwar schnell. Sein Atem flatterte. Nur mit äußerster Konzentration kam er gegen den Impuls an, seine Verzweiflung laut hinauszuschreien.

 

Er kannte Anna, zumindest hatte er sie früher einmal gut gekannt. Schon damals hatte ihn ihr Verhalten mehr als einmal erschreckt. Anna hatte eine gut getarnte, wilde Aggressivität besessen, die jederzeit plötzlich zum Ausbruch kommen konnte. Bevorzugt war dies passiert, wenn sie es mit Menschen zu tun gehabt hatte, die ihr unterlegen gewesen waren.

 

Wie ein Bluthund hatte sie auf Angst reagiert und war durch die Furcht der Leute nur noch angestachelt worden. Wie es aussah, waren ihre psychischen Auffälligkeiten mittlerweile noch stärker geworden.

 

„Was willst du, Anna?“ Er setzte all seine Kraft in diese Frage.

 

„Deine Tochter. Sie ist ein süßes Mädchen und wir werden viel Spaß gemeinsam haben.“

 

„Ich will dich sehen, Anna. Ich habe eine große Überraschung für dich.“

 

„Willst du denn nicht wissen, was aus deiner Liebsten geworden ist?“

 

Ben zögerte einen winzigen Augenblick. „Später! Du kennst mich, ich bin am liebsten alleine! Sag mir, wo ihr seid, dann komme ich zu euch und du erfährst die ganze Wahrheit über Antons Verschwinden.“

 

Das Besetztzeichen ertönte. Fassungslos ließ Ben das Handy sinken. Anna hatte einfach aufgelegt. Sarah war vermutlich bereits tot, Antonia in höchster Gefahr und er konnte nichts, absolut gar nichts für sie tun.

 

Seine Gedanken rasten auf der Suche nach einer Lösung. Eines war klar: er musste zu seiner Familie, musste Anna persönlich gegenüberstehen, um die Sache zu Ende zu bringen.

 

Sarah hatte mit unterdrückter Nummer angerufen. Wie lange würde die Polizei brauchen, um eingreifen zu können? Zu lange!

 

Das Handy klingelte. Er widerstand dem Drang, direkt an den Apparat zu gehen und wartete vier Töne lang ab. Als Annas Stimme ertönte, grub er die Fingernägel seiner  Hand vor Erleichterung fest in den Oberschenkel. Sie nannte ihm eine Adresse, eine Ferienhausanlage in der Nähe und gab ihm exakt zehn Minuten Zeit. Dass er alleine und unbewaffnet kommen müsse, ohne die Polizei einzuschalten, sei ja wohl klar.

 

Ben besaß keine Waffe, eine Tatsache, die er nun zutiefst bereute. Er schnappte sich sein Schweizer Taschenmesser und seine Autoschlüssel. Er musste Sarah und Antonia retten. Was mit ihm geschah, war nebensächlich. Es war Zeit, für seine Schuld zu bezahlen.                     

 

 

 

10

 

Unschlüssig stand Ben vor der Haustür der angegebenen Adresse. Mehrfach hatte er geklingelt, doch alles war ruhig geblieben. Er beschloss, um das Haus herumzugehen. Vielleicht gab es einen Hintereingang. Seine Stoppuhr hatte er, gleich nachdem er das Telefonat beendet hatte, auf zehn Minuten gestellt. Annas Anweisung hatte sehr bestimmt geklungen.

 

Überall waren die Fensterläden geschlossen. Das Anwesen wirkte unbewohnt. Er stand vor der Garage, als sein Wecker ertönte. Im gleichen Moment öffnete sich das Tor und gab den Blick in einen leeren, unbeleuchteten Raum mit Verbindungstür frei.

 

Ben ging hinein und auf die gegenüberliegende Tür zu. Das Garagentor schloss sich wieder und er tapste langsam mit ausgestreckten Armen weiter. Als er die Wand berührte, ging die nächste Tür auf und Ben wechselte die Richtung, hin zum Licht.

 

Vielleicht stand Anna mit einem Baseballschläger hinter der Tür. Zuzutrauen wäre es ihr. Vorsichtig trat er ein.

 

Sein erster Blick traf auf Antonia, die schlafend auf einem Bett lag. Sein nächster auf Sarah, leblos in der Ecke. Von Anna keine Spur. Bens Atem ging flach. Er wusste, er durfte sich keinen Fehler erlauben.

 

Mit zwei Schritten stand er vor dem Bett. Er warf einen genaueren Blick auf seine Tochter, die anscheinend wirklich schlief, aber kurz vor dem Aufwachen war. Ihre Augenlider flackerten, wie er es schon hunderte Male gesehen hatte, wenn er sie morgens vor dem Aufwecken minutenlang beobachtet hatte.

 

„Schön, dass du da bist, Ben!“ Anna hatte sich angeschlichen, etwas, was sie schon früher gerne getan hatte, um ihn zu erschrecken. Offensichtlich stand sie direkt hinter ihm.

 

„Hallo Anna“, er zögerte, ihr sein Gesicht zu zeigen.

 

„Du zeigst mir deine Kehrseite, nach all den Jahren?“ sie klang verärgert. Ben beschloss, auf den Überraschungsmoment zu setzen, drehte sich um und sah Anna in die Augen. Ihre Pistole zeigte direkt auf seinen Bauch und einen Moment lang war er sicher, dass sie gleich abdrücken würde.

 

Annas Gesichtsausdruck änderte sich blitzartig von wütend auf überrascht, dann freudig, bevor ihre Miene einzufrieren und alles Menschliche daraus zu verschwinden schien.

 

„Du lebst, du Scheißkerl“, zischte sie.

 

„Ja, Anna, es war Ben, der über Bord gegangen ist. Er ist tot.“ Ben flüsterte nur noch.

 

„Ich wollte ein völlig neues Leben beginnen. In einem anderen Land, wo mich niemand kannte und wo auch Ben noch ein Fremder ohne soziale Kontakte war.“ Er spürte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. Es kostete ihn viel Kraft, Anna in die Augen zu sehen.

 

„Ich war ein Feigling, Anna“ gab er zu, „ich hätte es dir sagen müssen. Aber unsere Beziehung stand doch sowieso vor dem Aus. Als du nicht zu meiner Beerdigung kamst, dachte ich, du hättest schon mit uns abgeschlossen. Und als dann dein Brief kam, habe ich mich so geschämt, dass ich abgehauen bin.“

 

„Ich habe dich über alles geliebt!“ Anna war aschfahl. „Ich habe vor lauter Kummer unser Kind verloren, war monatelang in der Klinik und muss heute noch Medikamente wegen meiner Depression nehmen. Und du lebst, baust dir einfach ein neues Leben auf.“

 

Ben sah zu Boden.

 

„Papa, mir ist schlecht!“ kam es vom Bett. Während die Entführerin reglos vor ihm stand, versuchte Ben ihr zu signalisieren, dass er nach Antonia sehen musste. „Zurück in die Garage“, wies sie ihn an und ein Blick in Annas Gesicht ließ Ben widerspruchslos gehorchen.

 

Sie schloss die Tür, und ließ ihn im Dunkeln zurück. Er presste seinen Kopf an den Eingang und lauschte.

 

„Pst, meine Kleine. Es ist alles gut. Mami ist bei dir!“ hörte er Annas Singsang.

 

„Du bist nicht meine Mami“, jammerte Antonia. Ben schlug das Herz bis zum Hals.

 

„Ich bin ihre beste Freundin“ säuselte Anna.

 

„Bist du nicht! Das ist Christine, dich kenne ich gar nicht.“ Schweigen.

 

„Wo ist mein Papi?“ Ben fühlte Schweiß auf seiner Stirn.

 

„Er kommt gleich!“ Ben horchte auf. Was hatte Anna vor? Und was war mit Sarah? Er hatte sie, so gut es ging, im Auge gehabt, aber kein Lebenszeichen entdecken können. Trotzdem konnte er nicht glauben, dass sie tot sein könnte. Seine quirlige, fröhliche und überaus lebendige Sarah!

 

„Ich will zu meinem Papi“, Antonia begann zu weinen.

 

Ben ahnte, was nun folgen würde. Antonia war ein vernünftiges, fröhliches Mädchen. Sie weinte selten. Doch wenn es passierte, dass konnte sie mit ihren Tränen ein ausgetrocknetes Flussbett in einen reißenden Strom verwandeln.

 

Und schon ging es los.

 

„Ich komme gleich, Schatz. Hör auf zu weinen, Papi kommt gleich!“ rief Ben in die Dunkelheit, unsicher, ob seine Tochter ihn überhaupt hören würde. Antonias Weinen schwoll an. Anna versuchte sie zum Schweigen zu bringen, aber Antonia steigerte sich immer mehr in ihre Verzweiflung hinein. Ob sie ihre Mutter entdeckt hatte?

 

Ben rüttelte an der Tür, versuchte, mit seinem Messer das Schloss zu knacken und als das nichts nutzte, warf er sich dagegen. Offensichtlich hatte Anna beschlossen, ihre Taktik zu ändern, denn sie öffnete in dem Moment die Tür, als Ben neuen Anlauf nahm.

 

„Verabschiede dich von ihr! Ihr sollt als Familie sterben“, In Annas Augen stand pure Entschlossenheit und Kälte. Die Pistole hielt in den Händen.

 

Er ging zum Bett und nahm Antonia in seine Arme. „Scht, Schatz, es ist alles gut.“

 

„Ich will zu meiner Mama“, Antonia hatte einen Schluckauf

 

„Wir spielen dein Lieblingsspiel, Antonia, weißt du noch?“, Ben setzte alles auf eine Karte. Sie waren so gut wie tot, aber noch wollte er nicht aufgeben.

 

Antonia nickte.

 

„Wie war dein Tag, meine Liebste?“ fragte er mit affektierter Stimme. Während Anna die Szene ungläubig beobachtete, setzte sich Antonia kerzengerade hin und säuselte „wunderbar, mein Bester“. Dann sah sie Anna an, begann zu lächeln und die Sonne ging im Kunstlicht des Raumes auf. Obwohl Antonias Augen vom vielen Weinen gerötet waren, sah sie bildschön aus. „Mama“, hauchte sie und streckte Anna die Arme entgegen. Anna war irritiert. „Mama, kriege ich heute denn keinen Kuss?“ Zögernd ging die Entführerin auf seine Tochter zu und setzte sich aufs Bett. Wie auf Kommando schlang Antonia ihre Arme um Anna und diese folgte einem uralten Instinkt und drückte das Mädchen an sich. Dabei achtete sie einen winzigen Moment nicht auf ihre Waffe.

 

Mit einer von jahrelangem Kampftraining geübten, geschmeidigen Bewegung warf sich Ben auf Annas Arm, um ihr die Waffe aus der Hand zu schlagen. Sie schoss sofort und traf sein Bein. Dabei fiel ihr die Waffe aus der Hand. Er hörte das Geräusch, und versuchte vergeblich, die Pistole zu erreichen. Sie war außerhalb seiner Reichweite. Sein Bein blutete stark. Anna hatte offensichtlich vorgesorgt. Denn nun hielt sie ein Messer in der Hand, und hielt es Antonia, von der sie ein Stück abgerückt war, an die Kehle.

 

„Anna, Antonia ist erst vier. Es war mein Fehler. Sie hat nur ihr absolutes Lieblingsspiel  „Vater, Mutter, Kind“ gespielt“ Ben versuchte, zu seiner früheren Geliebten vorzudringen.

 

„Unsere Tochter wäre jetzt fünf Jahre. Aber du hast sie sterben lassen!“  Anna wirkte abwesend.

 

Sie hob die entgeisterte Antonia hoch und trug sie zu Sarah, wo sie das Kind auf den Boden stellte. Antonia stand offensichtlich unter Schock. Sie war kreidebleich und sank wie in Zeitlupe ohnmächtig in sich zusammen.

 

„Na, zwei deiner Lieben liegen ja schon da“, spottete Anna und wedelte mit dem Messer herum, „stell dich dazu, dann sorge ich dafür, dass ihr für immer nebeneinander liegen könnt.“

 

Ben stellte sich vor die beiden Frauen, die er mehr als sein Leben liebte. Anna wich zurück, wohl, um sich die Waffe zu holen. Doch damit war er ihr zuvorgekommen. Er hatte den kurzen Moment, als Anna durch Antonias Ohnmacht abgelenkt gewesen war, gut genutzt.

 

Nun richtete er die Pistole auf die Frau, die er einmal zu lieben geglaubt hatte.

 

„Leg das Messer hin, Anna! Es ist vorbei!“ sagte er.

 

Anna lächelte, machte einen Schritt auf ihn zu und sah ihm tief in die Augen.

 

„Da hast du Recht!“ antwortete sie und stach sich die Klinge in die Brust.            

 

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5 thoughts on “Gib mir dein Kind

  1. Was? Schon zu Ende? Was ist mit Sarah?
    Eine packende Geschichte. Kleine, feine Details, nicht überladen, flüssig erzählt.
    Die Story selber macht Lust auf mehr. Was ist die Vorgeschichte von Anton und Ben? Was brachte Ben zum Auswandern?
    Gibt es mehr von dir zu lesen?

    Vielen Dank für deine Geschichte!

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    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      Ich habe mich riesig gefreut, dass dir die Geschichte gefallen hat und tatsächlich habe ich auch schon beschlossen, sie „fertig“ zu schreiben, denn eigentlich fehlen ja Anfang und Ende.
      Das Genre ist neu für mich, aber ich habe vor einigen Jahren ein Kinderbuch (Titel: Hilfe, wer bin ich)
      veröffentlicht und danach in Teamwork den Frauenroman „Eva“. Wenn du möchtest, melde ich mich gerne bei dir, wenn „Gib mir dein Kind“ fertig zur Veröffentlichung ist.
      Vielen lieben Dank nochmal für deine motivierenden Worte!

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  2. Deine Geschichte hat mir gut gefallen, am Anfang zieht sie sich etwas in die Länge aber gegen Ende nimmt sie an Fahrt auf, ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Sehr gelungen ist Dir die Figur der Tochter, die sehr authentisch auf mich wirkt. Die Idee mit dem Spiel hat mir gut gefallen, nur habe ich, wenn Vater-Mutter-Kind gespielt wird, den ersten Dialog zwischen Vater und Tochter nicht ganz verstanden und ich habe mich gefragt, ob das Kind nach allem was passiert ist, der Frau – auch wenn es im Spiel geschieht – um den Hals fällt. Vielleicht wäre hier ein Augenzwinkern oder ein Hinweis vom Vater, dass sie jetzt unbedingt „mitspielen“ soll ganz gut? Liebe Grüße

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    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      Du hast völlig Recht, die Spielszene ist noch nicht ganz realistisch, ich werde das auf jeden Fall ändern und auch schneller in die Geschichte einsteigen, damit sich der Leser nicht durch einen lahmen Anfang quälen muss. Deine Anmerkungen sind also echt wertvoll für mich, nochmals danke dafür!

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