NiklasIch sehe was, was du nicht siehst

Ich sehe was, was du nicht siehst

Ein Gerichtssaal ist ein Ort, an dem für Gerechtigkeit gesorgt wird – normalerweise. Tatsächlich ist, verschiedenen Studien zufolge, allerdings jeder vierte Schuldspruch ein Fehlurteil. In diesem Fall sollte diesbezüglich jedoch kein Zweifel bestehen, denn wenn die Tat von einer Überwachungskamera gefilmt wurde und es von keiner Seite aus Einwände gab, spricht Vieles dafür, dass heute der richtige Mann verurteilt wurde.

Trauer. Schmerz. Angst. Freude. Es gibt viele Gründe, warum ein Mensch anfängt, zu weinen. Doch eines ist sicher: Wenn der Mensch weint, befindet er sich in einer Situation, die ihn überfordert. Manchmal kommen die Tränen nur lautlos und kullern in dicken Tropfen über die Wangen. Genauso wie bei dem fünfjährigen Jungen, dessen Augen schon tief gerötet waren. Schock und Trauer saßen so sehr in seinen Gliedern, dass selbst das Taschentuch, das er von der jungen Frau neben ihm gefühllos gereicht bekam, zu schwer wurde und es aus seiner Hand auf den Boden fiel. Die Urteilsverkündung des Richters wurde vom Kinderweinen überschattet. Für den kleinen Jungen spielte es auch keine Rolle mehr, dass das Urteil lebenslänglich hieß. Die Verurteilung alleine war Grund genug für seine Tränen. Der Angeklagte wurde abgeführt, blieb allerdings noch einmal vor der Reihe, in der der Junge saß, stehen.

»Ich werde dich nie vergessen. Ich werde dich suchen und finden, egal wo du bistDaraufhin fand der Junge erstmals seine Stimme wieder.

»Papa!«, schrie er mit piepsiger Stimme, wobei er beide a lang zog.

Wie schön das Leben wär,

wäre es doch nicht so schwer,

»Martin? Martin!«

ginge Vieles von allein.

»Hmm.«
So langsam wurde ich wach und kam wieder zu mir.

Wie könnte es nur sein?

»Dein Handy!«

»Oh ja, war bestimmt nicht so wichtig.«

Sarah schaute an ihrem Monitor vorbei und sah, wie mein Kopf immer noch in den verschränkten Armen lag und ich weiterhin keine Anstalten machte, weiter zu arbeiten.

»Hey, du kannst auch nach Hause gehen, den Rest bekomme ich hier schon alleine hin.«

Es wäre nicht das erste Mal, dass sie mich nach Hause schickt. Seit zwei Wochen hatte ich mit Schlafstörungen zu kämpfen und war deshalb oft auf der Arbeit nicht mehr zu gebrauchen.

»Du siehst fertig aus. Alles in Ordnung bei dir?«

»Na, ja. Mein Sohn hat uns heute nicht schlafen lassen, weil er so aufgeregt war. Er fährt mit meiner Frau Eva über das Wochenende in einen Freizeitpark

Ich schaltete meinen Computer aus, sortierte die zwei Ordner, die auf meinem Schreibtisch lagen, wieder ins Regal ein und nahm meine Tasche.

»Dann ruhe dich am Wochenende wirklich mal aus und wenn dir was fehlt, ruf mich an.«

Ich stand schon in der Tür und war mit meinen Gedanken schon ganz woanders. Ans Ausruhen war nicht zu denken.

»Ich weiß das zu schätzen, danke. Dir dann jetzt noch viel Erfolg und mach heute nicht mehr zu lange.«

»Du weißt doch, auf mich wartet keiner zu Hause. Und mein Sofa und Fernseher laufen bestimmt nicht weg.«

»Da hast du wohl Recht, tschü … «

Weiter konnte ich nicht sprechen, denn plötzlich flog mein Handy auf mich zu, das ich auf dem Schreibtisch vergessen hatte. Mit Mühe gelang es mir, das Gerät zu fangen. Sarah hat aus irgendeinem Grund ihren Spaß daran gefunden, mir Dinge zuzuwerfen.

»Ich weiß nicht, wo du deinen Kopf heute gelassen hast«, entgegnete sie mir nur lachend.

»Ich auch nicht«, meinte ich dabei ausnahmsweise auch einmal Ernst. Ich wusste es wirklich nicht.

Als ich zu Hause ankam, entschloss ich mich dazu meine Tasche nach oben ins Arbeitszimmer zu bringen, bevor ich mich auf die Couch setzten wollte. Das Chaos musste sich nicht noch verschlimmern, schließlich stand mir die große Aufräumaktion morgen bevor.

Ich stand gerade auf der letzten Treppenstufe, in Gedanken schon auf dem Weg zum Kühlschrank, um mir eine Cola zu holen und es mir danach gemütlich zu machen. Aber irgendwas sagte mir, dass daraus nichts werden sollte. Und dieses irgendwas war nichts geringeres als mein Handy, das gerade angefangen hatte zu klingeln. Doch nicht von oben aus dem Arbeitszimmer, wo es eigentlich noch in der Tasche liegen müsste, sondern vom Esstisch. Ich konnte mir nicht erklären, wie es dahin gekommen ist, aber heute sollte sowieso alles anders sein. Ich konnte gerade noch den Gedanken verwerfen und zu meinem Handy eilen, bevor der Anrufer auflegte. Noch immer leicht verwirrt und daher etwas verunsichert ging ich ran.

»Hallo?«

»Hi, Papa.« Erleichterung. Glücksgefühle. Freude. Alles kam in mir hoch und ich konnte wenigstens für einen Moment abschalten und vergessen.

»Na mein Großer, seid ihr gut angekommen und habt euch schon amüsiert?«

Eigentlich müsste ich »mein Kleiner« sagen, denn er ist für sein Alter wirklich noch etwas klein, aber ich bin kein Freund dieses Wortes.

»Ja!«, schrie er so laut vor Freude, dass ich das Handy reflexartig von meinem Ohr weghalten musste. »Es ist wunderbar, aber ich wünschte du wärst auch hier!«

Ich hätte nicht gedacht, dass innerhalb eines Satzes sich seine Gefühlslage so sehr ändern kann, aber da belehrte er mich wohl mal wieder eines Besseren.

»Ich weiß, aber ich habe dir doch erklärt, dass Oma Monica morgen Geburtstag hat und mich besuchen wollte, schließlich bin ich der Einzige den sie noch hat. Und du weißt doch, keiner … «

» … soll alleine sein. Ja!«

Als er meinen Satz beendete, ging mir mein Herz auf, auch wenn er nicht die nötige Überzeugungskraft an den Tag legte.

»Und außerdem teilt Mama deine Leidenschaft fürs Achterbahnfahren doch viel mehr als ich.«

Ich hoffte ihn so davon zu überzeugen, dass es richtig war zu Hause zu bleiben, doch da hatte sich Lukas schon längst für die nächste Achterbahn interessiert, die hinter der Ecke auftauchte und das Handy Eva in die Hand gedrückt.

»Wow! Mama, da müssen wir als nächstes hin!«, hörte ich ihn nur noch im Hintergrund staunen und konnte mir vorstellen, wie seine Augen dabei zu strahlen begannen.

»Hi, Liebling. Du hörst ja, Lukas ist ganz außer sich vor Freude«, sprach sie mit einer Stimme, die gerade nicht nach Freude klang und ich fragte mich, ob sie sauer auf mich war, da ich sie mit Lukas alleine gelassen habe.

»Ja, das habe ich. Ich hoffe du amüsierst dich auch und musst ihm nicht nur ständig hinterher rennen.«

»Ich gebe mein Bestes, aber gutes Stichwort. Ich glaube ich sollte jetzt lieber auflegen, sonst finde ich ihn hier gleich nie wieder.«

»Mach das mal, viel Spaß. Ich liebe dich.«

Ich habe gehofft wenigstens jetzt etwas Glückliches in ihrer Stimme zu hören, doch ich bekam keine Antwort. Ein kurzer Blick aufs Handy verriet mir aber, dass die Verbindung noch da war.

»Eva?«, hakte ich nach, um festzustellen, ob sie mich noch hörte.

»Äh. Ja, ich dich auch«, stotterte sie.

Dann legte sie auf, womit ich wieder alleine in unserem großen, leeren Haus war. Gleichzeitig kamen mir auch wieder die Probleme in den Kopf, die ich vor dem Telefonat hatte. Nach kurzem Überlegen entschied ich mich erst die Cola zu holen, bevor ich in meiner Tasche nach dem Handy schauen wollte. Ich nahm den ersten Schluck und stellte die Flasche auf den Tisch vor dem Fernseher, bevor ich nach oben ging.

Ich wollte zwar das Chaos nicht vergrößern, doch von Ordnung halten konnte auch nicht die Rede sein, denn meine Tasche hatte ich dann doch nur schnell in mein Arbeitszimmer geworfen und so lag sie offen neben dem Schreibtisch. Ich traute meinen Augen kaum, aber mich lächelte tatsächlich ein Handy daraus an. Ich kam schnell zu der Erkenntnis, dass ich meins, mit dem ich gerade telefoniert habe, noch in der Hand hielt. Das warf bloß die Frage auf, wem das andere Handy gehörte. Mir fiel ein, dass mein Arbeitskollege Franz heute in mein Büro kam, um zu fragen, ob er sich meinen Papierlocher ausleihen kann. Ich entschied mich dazu ihn anzurufen und zu fragen, ob er sein Handy vermisst, um das merkwürdige Gefühl im Bauch loszuwerden. Und wenn ich jetzt nichts dagegen tue, wusste ich, dass es mich das ganze Wochenende quälen würde.

Noch während ich abwesend in meinem Handy nach der Nummer von Franz suchte, sah ich, wie das Handy auf dem Boden einmal kurz aufleuchtete. In dem Augenblick wurde mir auch bewusst, dass ich mit einem Anruf, wenn es denn Franz‘ Handy war, ihn gar nicht erreicht hätte, schließlich liegt es in meinem Arbeitszimmer. Also entschied ich mich dazu, mir das Handy genauer anzuschauen, außerdem war gerade eine SMS eingegangen, die den Besitzer des Handys vielleicht identifizieren könnte. Wenn ich dabei ein paar private Informationen über Franz erfahre, mit denen ich ihn aufziehen kann, könnte das nicht schaden und morgen würde er sein Handy auch ganz sicher wieder zurück bekommen.

Ich holte mir meine Cola von unten, setzte mich mit dem mir unbekannten, mysteriösen Handy in mein Arbeitszimmer, legte es direkt vor mir auf den Schreibtisch und starrte fünf Minuten darauf. Anschließend wartete ich noch bis die Cola, die links daneben stand, schon längst warm geworden war. Doch auch das brachte nicht das erwünschte Ergebnis, die nächste SMS blieb aus. So hatte ich keine andere Wahl mehr, als das Handy in die Hand zu nehmen und mir wenigstens den Sperrbildschirm anzugucken. In meiner Illusion hoffte ich, dass mir der schon Antwort genug gab und ich es sorglos danach zur Seite legen könnte. Doch als ich das Bild darauf sah, wurde mir klar, dass daraus nichts wird. Es war zwar sehr unscharf und nur schwer etwas auszumachen, dennoch glaubte ich mich wieder zu erkennen. Das ließ mich selbstverständlich nicht kalt zurück, aber in erster Linie war mein Interesse geweckt. Ich schob das Schloss auf dem Bildschirm zur Seite und das Handy entsperrte sich. Schon das alleine führte bei mir zu den ersten Zweifeln, dass das Handy Franz gehören könnte, denn er legte auf Sicherheit großen Wert. Bei ihm wäre wahrscheinlich sogar sein Papierlocher am Schreibtisch im Büro angekettet, wenn er denn einen hätte.

Doch auch der Startbildschirm des Handys gab nicht mehr Preis. Ein schwarzer Hintergrund, keine Apps, nur ein einsamer Ordner mittig auf dem Startbildschirm. Ich wischte einmal nach links und dann zweimal nach rechts. Nichts weiter. Ich öffnete das Telefonbuch, doch bei Null Kontakten, würde mir das wohl auch nicht weiter helfen. Ich schloss es wieder und schaute mir die Bezeichnung des Ordners an.

AHPH1306.

Noch während mich die Bezeichnung zum Nachdenken brachte, klickte ich auf den Ordner und es tauchte ein Bild auf, das mich innerlich zerriss. Mit offenem Mund betrachtete ich das Bild. Dieses Mal war ich mir ganz sicher. Das war zweifellos ich und neben mir am Boden zwei Leichen, die von Blut nur so überströmt waren, dass mir schlecht wurde und ich mich beherrschen musste, mich nicht zu übergeben. Ich wusste, dass es kompletter Unsinn war, aber trotzdem stellte ich mir die Frage, was wäre, wenn ich wirklich Schuld am Tod dieser beiden Menschen bin. Erinnerungen kamen hoch. An den Tag und wie er begonnen hat. Doch an die Situation, aus der das Bild stammt, fehlte mir jede Erinnerung. Irgendwie schien mich mein Gedächtnis vor der Wahrheit beschützen zu wollen. Als ob irgendwas einen Schalter in meinem Kopf umgelegt hatte. Aber genauso schnell wie die Gedanken kamen, verschwand die Erinnerung auch wieder.

Am unteren Bildschirmrand leuchtete immer noch eine rote Eins neben dem Briefumschlag und mir kam die SMS wieder in den Kopf. Ich hatte dabei bloß die böse Vorahnung, dass mir diese keine guten Nachrichten bringen würde. Dennoch konnte ich nichts dagegen tun, dass ich sie ganz automatisch öffnete und den Text las, ohne ihn jedoch zu verstehen.

Du weißt, was zu tun ist, Kleiner!

Nein, ich wusste gar nichts mehr! Mein Blick wanderte nachdenklich über den Schreibtisch, während ich versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch es gelang mir nicht. Meine Angst vor dem nächsten Tag war zu übermächtig. Am liebsten wäre ich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.

Ein Klingeln lies mich hochschrecken und als ob heute noch nicht genug schief gelaufen wäre, stieß ich mit meinem linken Arm auch noch die Cola-Flasche um. Der Inhalt verteilt sich leider nicht nur auf dem Tisch, sondern ergoss sich auch über das Handy.

»So ein Mist!«, fluchte ich.

Ich riss das Handy vom Tisch, wischte es an meinem T-Shirt trocken und wollte es entsperren. Nichts. Es blieb schwarz.

Nicht das auch noch. Ich fing langsam an zu verzweifeln, bis es noch einmal klingelte. Ich schaute misstrauisch auf das Handy, welches immer noch schwarz war. Da realisierte ich, dass nicht das Handy geklingelt hat, sondern die Haustür. Immer noch in Gedanken stand ich auf und während ich mein Arbeitszimmer verließ, fiel mein Blick auf die geöffneten Briefe auf dem Sofa in der Ecke. Ich war froh, dass ich mir das Handy wenigstens noch angeschaut habe, bevor ich es funktionsuntauglich gemacht habe – wenn man denn froh sein kann, an sein dunkelstes Geheimnis erinnert zu werden. Als ich die Hälfte der Treppe hinabgestiegen war, hatte ich wieder einen halbwegs klaren Kopf und wusste, wer jetzt noch vor der Tür stand und mich zu sprechen wünschte. Also machte ich mich wieder auf den Weg nach oben, um das Paket für den Nachbarn, das gestern bei uns abgegeben worden war, aus dem Arbeitszimmer zu holen.

»Bin gleich da!«, rief ich im Hochgehen noch nach unten.

Ich wusste nicht, ob man das an der Tür hören konnte, es war mir aber auch egal. Als ich oben im Zimmer stand und die Cola schon vom Schreibtisch tropfen sah, nahm ich mir vor, gleich nachdem ich das Paket abgegeben habe, von unten einen Lappen mitzunehmen und dann schlafen zu gehen.

Nach einer viel zu kurzen Nacht, die alles andere als erholsam war, stand ich für meine Verhältnisse viel zu früh auf und machte mir Frühstück. Wie hätte ich auch ruhig schlafen sollen? Ich wachte jede Stunde zweimal auf, weil ich glaubte, mein Handy klingeln gehört zu haben. Doch jedes Mal, wenn ich einen Blick darauf warf, stellte ich fest, dass es immer noch ausgeschaltet war.

Als es pünktlich um 13 Uhr an der Tür klingelte, stand ich bereits seit einer halben Stunde in meinem schwarzen Anzug im Flur und wartete.

»Hallo, Monica.«

»Hallo, Martin.«

Nicht mehr als eine flüchtige Begrüßung, auf Umarmungen und ähnliche Dinge waren wir noch nie aus.

»Wie kommt es, dass du dich so schick gemacht hast?«, fragte Monica mich.

»Manche Sachen ändern sich in den Jahren, andere ändern sich nie. Du bist pünktlich, wie immer.«

»Man kann sich nicht oft auf mich verlassen, aber auf Pünktlichkeit lege ich großen Wert.«

Wir sprachen nie viel miteinander, auch wenn wir uns nur einmal im Jahr überhaupt sahen, waren wir beide in Gemeinsamkeit dann doch eher für schweigen und so folgte ich ihr wortlos zum Auto. Als ich mich gerade ins Auto setzte und die Tür zuziehen wollte, ergriff sie das Wort.

»Wo soll ich dich diesmal absetzen?«

Ich drehte meinen Kopf langsam zu ihr und schaute sie an, als ob die Frage vollkommen abwegig gewesen wäre.

»Ich komme mit!«, antwortete ich.

Sie war wahrscheinlich sowohl über meine Worte, als auch über die Entschlossenheit verwundert.

»Wie? Du warst seit … , ich dachte … «

Sie brachte keinen vernünftigen Satz mehr heraus.

»Manche Sachen ändern sich in den Jahren«, entgegnete ich ihr mit hoch gezogenen Augenbrauen, bevor wir uns die ganze Autofahrt über anschwiegen.

Monica parkte den Wagen in einer Seitenstraße, sodass wir noch einen kurzen Fußweg vor uns hatten. Nachdem wir das Gelände durch einen großen, silbernen Bogen, der schon zu rosten begonnen hatte, durchquerten, stand ein paar Meter von uns entfernt eine kleine Gruppe, der unsere Ankunft nicht entgangen war. Wir wurden von dieser mit einem ausdruckslosen Kopfnicken begrüßt, bevor die Gruppe wieder in Tuschelei verfiel. Monica machte sich wortlos auf den Weg zu ihnen und ließ mich alleine stehen. Ich war lange nicht mehr an diesem Ort gewesen, dennoch wusste ich genau, wo ich hin wollte und wo ich jetzt hin musste.

Der Weg war zwar nicht weit, dennoch kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Mein Blick streifte nach links und rechts, aber ich nahm nichts von dem, was ich sah, wirklich wahr, dafür waren meine Gedanken zu sehr damit beschäftigt, was mir gleich bevorstand.

Ich war so sehr in Gedanken, dass ich fast den älteren Mann übersehen hätte, der plötzlich vor mir stand. Als er mein Ankommen bemerkte, schaute er kurz zu mir hoch und setzte sich die Kapuze von seinem braunen Ledermantel auf, um seine wenigen grauen Haare, die noch vorhanden waren, vor dem gerade einsetzenden Regen zu schützen. Danach wandte er sich mit grimmigen Gesichtsausdruck von mir ab und begab sich in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Trotzdem glaubte ich, dass ich kurz etwas mitleidiges und barmherziges in seinem Gesicht gesehen habe.

Erst als ich auf den Boden schaute, wurde mir die Schönheit dieses Ortes bewusst. Die schönsten Blumen in den kräftigsten Farben, die ich je gesehen habe. Das hat fast dazu geführt, dass ich anfing zu lächeln, doch die Schritte, die sich hinter mir näherten, rissen mich aus meinen Gedanken. Ich dachte, der ältere Mann von gerade eben sei zurück gekommen und hat es sich doch anders überlegt und sich entschieden mir etwas zu sagen. Ich wollte mich schon umdrehen, doch als er mich ansprach, war mir bewusst, dass jemand anderes hinter mir stand und ich verharrte in der Bewegung.

»Peter Habicht.«

Es war keine Frage, viel mehr der Anfang eines Monologes. In mir zog sich alles zusammen. Ich habe diese Stimme schon lange nicht mehr gehört und gehofft, dass ich dies auch nie wieder tun müsse. Ihren Klang empfand ich als ekelerregend, auch wenn sie für einen Außenstehenden ganz normal klingen musste, wie sie eben zu einem muskulösen, Mitte fünfzigjährigen Mann passt. Aber ich wollte diesen Mann unter keinen Umständen sehen.

»Und wie hieß sie gleich nochmal?«

Eine Frage, die er sich selbst beantworten konnte, vor allem, bei der Ironie, dass er die Antwort genau vor Augen hatte.

»Ah, Annabelle!« Sein schelmisches Lachen ließ die Wut in mir hochkochen.

»Und ihr Sohn, wie alt war er doch gleich? Wenn mich nicht alles täuscht, war er fünf Jahre.«

In diesem Moment bereute ich, hierher gekommen zu sein. Was wollte ich hier? Antworten würde ich gewiss keine bekommen, schon gar nicht von dem Mann hinter mir, dem abscheulichsten Menschen, den ich kenne. Zumindest keine angemessenen. Lino Trest. Schon dieser Name führte bei mir zu einem Brechreiz. Tief atmend, um nicht durchzudrehen, schaute ich weiterhin auf den Boden und lies Lino erzählen, was auch immer er zu erzählen hatte.

»Ich hätte zu gerne gewusst, was du dachtest, als du das Foto gesehen hast. Was für Gefühle du gehabt haben musst. Du erinnerst dich doch jetzt wieder daran, als ob es gestern gewesen wäre. Wie du einfach neben den beiden Menschen stehst, die am Boden liegen und dich nicht um sie kümmerst, als ob sie dich kein bisschen interessieren.«

Seine Stimme, die eben noch wehleidig und ein wenig sarkastisch geklungen hatte, erhob sich und er wurde sauer. Er schrie mich förmlich an und ich hoffte, dass die Gruppe, die nicht sehr weit von uns weg stand, sodass sie das überhören konnte, auf uns aufmerksam wurde und mich von meinem Elend befreien würde. Doch mir war bewusst, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllen würde. Auch wenn sich irgendjemand für uns interessiert und kurz hochgeschaut hätte, er hätte die Gefahr nicht erkennen können, die ich spürte. Es gab auch nichts zu sehen. Für ihn würde dort nur ein Mann stehen, der den Boden anstarrt und den Mann ignoriert, der zwei Meter hinter ihm steht und ihn anschreit. Zumindest nach meinem Empfinden müssen es zwei Meter gewesen sein.

»Mensch, die beiden haben noch geatmet und du hattest wirklich nichts besseres zu tun, als neben ihnen zu stehen und ihnen beim Sterben zuzusehen. Du hättest unser beider Leben in diesem Moment ganz anders gestalten können.«

Den letzten Satz sagte er kopfschüttelnd ganz ruhig, bevor er wieder lauter wurde.

»In meinem Leben hätte es die ein oder andere Sonnenstunde mehr gegeben und du müsstest nicht alle Menschen, die dir wichtig sind, ständig belügen.«

Es schien so, als ob seine Moralpredigt zu Ende sei, doch das Wort Kunstpause ist für Lino kein Fremdwort.

»Ich habe dir gesagt, dass ich dich suchen und finden würde. Was hast du dir gedacht? Dass ich das in den fast 30 Jahren vergessen habe. Glaubst du doch selber nicht!«

Er zog seine Nase hoch, was mir kurz die Möglichkeit zum Durchatmen gab, bevor ich ihm wieder meine volle Aufmerksamkeit schenkte.

»Und als ich mitbekam, dass du ein ganz normales Leben führst, aber ich meins nie mehr zurück bekommen würde, konnte ich dich nicht in Ruhe lassen. Es musste nur noch eine schnelle, gute Idee her. Doch ich konnte dich schlecht einfach nur aufsuchen, dann hätte ich mein Ziel nicht erreicht. Du solltest leiden, genauso wie ich. Und ich glaube es gibt keinen besseren Tag dafür, als heute, den 13.06. Ich wollte, dass du dich erinnerst! Ich hoffe, ich konnte dir dabei helfen, Kleiner.«

Er achtete sorgfältig darauf, das letzte Wort so abfallend wie möglich auszusprechen. Im Film hätte die Person mit Sicherheit noch auf den Boden gespuckt. Immerhin diesen Respekt hatte Lino dem Ort gegenüber noch.

Hilfe brauchte ich keine, ich habe nie vergessen was passierte, ich habe nur versucht damit zu leben. Seine Worte erinnerten mich an das, was er mir in meinem schrecklichsten Erlebnis sagte, von dem ich meinen Freunden und meiner Frau nie was erzählt habe und so wie der Tag heute verlaufen würde, kann ich mir auch nicht vorstellen, das je zu tun. Mir war schon vorher klar, dass ich in der Geschichte, die er mir erzählte, nicht gut da stehen werde. Eigentlich war mir seit gestern, als ich den Namen des Ordners auf dem Handy las, schon bewusst, was mir bevorsteht. Dennoch konnte ich nicht widerstehen, heute das Grab meiner Eltern zu besuchen und auf den Mann zu warten, der für deren Tod verantwortlich ist.

Ich saß in der Küche und war gerade dabei, mit meinem Vater einen Kuchen zu backen. Es sollte eine Überraschung für meine Mutter werden, die an diesem Tag ihren 30. Geburtstag feierte. Mein Vater nahm gerade den Kuchen aus dem Ofen, als es an der Tür klingelte. Ich wollte schon selbst an die Tür gehen, als er meinte, ich solle lieber den Kuchen mit den Kerzen verzieren, während er zur Tür geht. Er war anscheinend genauso davon überzeugt, dass Mama vor der Tür steht, wie ich. Doch dem war nicht so. Sie musste wohl, ohne dass wir es bemerkt hatten, kurz vorher zu Hause angekommen sein. Zuerst hörte ich Papas Schreie. Danach, wie die Badezimmertür geöffnet wurde und kurz darauf auch, wie Mama schrie. Als es plötzlich still war, ging ich mit dem Kuchen in den Flur. Doch was ich sah, ließ mich schockgefroren zurück. Ich zitterte am ganzen Leib und bewegte mich keinen Schritt, bis eine halbe Stunde später die Polizei und Notärzte eintrafen. Ich sah Lino neben meiner Mutter knien, seine Hand immer noch am Messer, dass in ihrem Bauch steckte. Er schaute zu mir rauf, seine Augen haben so viel Kälte ausgestrahlt, dass ich noch heftiger anfing zu zittern.

»Sorry, Kleiner, ich wusste nicht, dass du da bist«, entschuldigte er sich bei mir, obwohl ich nichts von Reue entdecken konnte, bevor er zur Tür rausging. Danach sah ich ihn erst bei der Gerichtsverhandlung wieder, auch wenn ich aufgrund meiner Tränen alles nur verschwommen wahrnahm.

Musste er mich denn jetzt schon wieder Kleiner nennen, so wie gestern in der SMS, die mir bewusst machte, auf wen ich heute treffen würde. Ich drehte mich um ging ein Schritt nach vorne und stach zu. Ich hatte zwar kein Messer, doch als ich gestern die geöffneten Brief sah, weckte der Brieföffner daneben mein Interesse. Er sollte an einem genauso dreckigen Tod sterben, wie meine Eltern. Er hatte es nicht anders verdient. Fassungslos sackte ich zusammen und stellte fest, dass mein Anzug mittlerweile klitschnass war, doch nicht nur vom Regen, sondern auch von meinen Tränen. Nichts merkend, muss ich irgendwann damit angefangen haben und hörte bis jetzt nicht auf. Wieso auch?

Ich wusste wieder, was ich hier wollte: Rache. Aber ich habe sie nicht bekommen, denn vor mir lag kein winselnder Lino, der in seinen letzten Atemzügen liegend noch um Hilfe bettelt. Es war keiner mehr da. Ich hatte alle Qualen erneut auf mich genommen, alles in meinen Kopf zurück gerufen, für nichts und wieder nichts. Nur Lino hat seine Rache bekommen, obwohl er keinen Grund dazu hatte und damit erreicht, dass ich psychisch am Boden zerstört bin.

3 thoughts on “Ich sehe was, was du nicht siehst

  1. Lieber Unbekannte/r Autor/in,
    Du hast da eine wirklich gute Geschichte geschrieben. Erstmal vielen Dank, für dieses Sonntagsentertainment.
    Hat wirklich Spaß gemacht zu lesen!
    Teilweise konnte ich deinen Worten/Handlungen leider nicht folgen. Ich weiß jetzt allerdings nicht ob das an der Uhrzeit oder an deinem Schreibstil lag. Dran bleiben! Du hast auf jeden Fall Potenzial! 🙂

    Herzlich – Lia 🌿

    1. Liebe Lia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Das freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen hat.
      Ich kann nachvollziehen, dass du der Geschichte nicht ganz folgen konntest, das liegt auf jeden Fall auch an meinem Schreibstil, der es nicht gerade einfach macht 🙂
      Das ist aber ein tolles Kompliment, danke schön. Mal sehen wann eine weiter (Kurz)geschichte folgt. Meine „Kompetenz“ liegt dann doch eher beim Liedtexte schreiben 🙂

      Liebe Grüße, Niklas

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