Alexandria Emilia RawaKeine Lügen mehr

Too much blood has flown from the wrists of the

children shamed for those they chose to kiss.

 

Rise Against – Make It Stop (September Children)

 

 

 

 ***

 

 

„Niemand versteht mich so wie du“, sagt Marie.

 

„Ich gebe mein Bestes,“ antworte ich. 

 

Es fängt an zu regnen.

 

 

***

 

 

Es gibt Menschen, die wachen auf und wissen nicht, wo sie sind, wer sie sind und welcher Tag ist.

 

Ich wache auf und wünschte, ich wäre so jemand. 

 

Nichts will ich mehr, als einfach zu vergessen, aber es geht nicht. Es vergisst sich relativ schlecht mit regelmäßig wiederkehrenden Alpträumen. 

 

Kaum bei Bewusstsein, aus dem üblichen unruhigen Schlaf erwacht, fühle ich bereits meinen Puls ansteigen und kalten Schweiß auf meiner Stirn ausbrechen. Meine Schläfen pochen. Maries Gesicht tanzt noch immer vor meinem inneren Auge.

 

Kein Zweifel mehr, welches Datum wir haben. 

 

Es ist der 17. April 2020.

 

Mein 35. Geburtstag.

 

Ich starte gerade zum zwanzigsten Mal in den schlimmsten Tag meines Lebens.

 

 

***

 

 

In Zeitlupe erhebe ich mich aus dem Bett – in der stillen Hoffnung, Laura neben mir nicht aufzuwecken. 

 

Fast geschafft. Die Türklinke ist zum Greifen nah…  

 

„Char?“ 

 

Shit.

 

„Charlie?“ 

 

Ich fühle meinen Magen zehn Stockwerke nach unten stürzen. Schnell setze ich mir mein überzeugendstes Lächeln auf, bevor ich mich zu meiner Frau umdrehe, die mich schläfrig anblinzelt. 

 

„Guten Morgen“, flüstere ich, lege mir den Finger auf die Lippen deute mit dem Kinn in Richtung Babybett.

 

Aber Laura winkt nur ab und richtet sich halb im Bett auf. 

 

„Alles gut?“, fragt sie leise, ohne den Blick von mir zu nehmen.

 

Menschen haben unterschiedliche Talente. Manche können singen, Klavier spielen, mit der Zunge Knoten in Kirschstängel machen… 

 

Und ich? Ich kann lügen. 

 

„Ja ja, klar“, nicke ich und lächle wieder.

 

Aber Laura schaut mich weiter einfach nur an. Das Mitleid und die unbeantworteten Fragen, die in ihrem Blick liegen, schnüren mir augenblicklich die Luftröhre zu. 

 

Meine Frau ist der einzige Mensch, der meinen Bullshit als eben solchen enttarnen kann, wenn sie mich lange genug anschaut. Also wende ich mich so schnell wie möglich ab und verschwinde im Bad.

 

 

***

 

 

„Es war ein Unfall, Charlie, okay?“, flüstert sie mir ins Ohr.

 

„Wo… Was meinst du?“, frage ich und drehe mich wieder um.

 

Aber Marie ist nicht mehr da. 

 

 

***

 

 

Frühstück geht schnell: Brötchen, Kaffee, Paracetamol gegen die Migräne. Zack, zack. Aktionismus hilft, die dunklen Gedanken auf Abstand zu halten. Dafür hätte ich nicht Psychologie studieren müssen, ich habe schließlich jahrelange Erfahrung.

 

Laura wünscht mir einen guten Tag. Sonst sagt sie nichts – und dafür liebe ich sie. Sie weiß mittlerweile, dass Geburtstag in meinem Leben nicht stattfindet, und, dass sie bei den Alpträumen nicht nachhaken sollte. Dass Marie weg ist, weiß sie auch. Weggezogen und den Kontakt abgebrochen. 

 

Ich sag ja: lügen.

 

Ich gebe Laura und unserer 1-jährigen Tochter Lucie einen Kuss zum Abschied. Na also, läuft doch super bisher.

 

Ich bin schon fast aus dem Haus, ich bin eigentlich schon aus dem Haus, als ich auf etwas drauftrete. Was in Dreiteufelsnamen…?

 

Ein Handy. Ein uraltes Nokia.

 

Ich stutze. Mein Körper reagiert sofort mit einem mulmigen Gefühl und meine Hände zittern leicht, als ich nach dem Ding greife.

 

Auf dem Bildschirm ist irgendetwas. Ein Foto, ausgeschnitten und draufgeklebt. 

 

Mein Herz bleibt fast stehen. Ich vergesse zu atmen. Es ist, als hätte jemand meinen Brustkorb wie einen Gong geschlagen. Und alle dunklen Gedanken, die ich mir bis hierhin erfolgreich vom Hals habe halten können, brechen nun doch über mich herein. 

 

Es ist ein Foto, nein – das einzige Foto, das es von Marie und mir in der Form gibt. Auf dem wir uns küssen. 15 und 14 Jahre alt.

 

Mir wird heiß und kalt gleichzeitig. 

 

Das Nokia 3310. Marie hatte genauso ein Handy. Mir ist, als wäre es gestern gewesen, dass wir abwechselnd Snake darauf gezockt haben. Aber… was macht dieses Handy auf meiner Fußmatte?

 

Blanke Panik steigt in mir hoch. Alle Härchen auf meiner Haut stellen sich auf.

 

Dieses Handy kann nicht hier sein. Denn es ist vor 20 Jahren in den Abgrund gefallen und im Fluss ertrunken. Zusammen mit Marie. Über 450 Kilometer von hier. 

 

 

***

 

 

Es gibt Spaghetti Bolognese. 

 

Marie sitzt mir gegenüber. Rechts von mir sitzt ihr Zwillingsbruder Severin. Ab und zu schaut er zu mir rüber und lächelt, und ich lächle zurück.

 

Ich finde es faszinierend, wie ähnlich die beiden sich sehen. Sie haben genau das gleiche Profil. Dazu stahlblaue Augen und goldblonde Haare. 

 

„Ich hab‘ heute gelesen“, sagt Marie plötzlich, „dass es unter Schwänen viele gleichgeschlechtliche Paare gibt. Männchen klauen Eier von den Weibchen und ziehen die dann zusammen auf. Süß, oder?“

 

Ein unangenehmes Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus. Maries Vater gibt ein bellendes Lachen von sich.

 

„Das ist nicht süß, das ist unnatürlich“, posaunt er. „Abknallen sollte man die. Ganz einfach. Abknallen. So wie alle Schwuchteln.“

 

Irgendwie ist mir plötzlich schlecht. Unauffällig schiele ich nach rechts, um Severins Reaktion zu sehen. 

 

Erst macht er gar nichts. Dann zuckt sein Mundwinkel. Er kichert erst leise, dann verschluckt er sich, lacht und hustet gleichzeitig.

 

„Schwule Schwäne“, prustet er und schüttelt fassungslos den Kopf. „Was ’n perverser Scheiß.“ 

 

Marie und ich essen unsere Spaghetti nicht mehr auf. 

 

 

***

 

 

Nein, nein, nein. Das kann alles nicht sein.

 

Meine Kopfschmerzen sind stärker denn je zurückgekommen und schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen, während ich zu meinem Auto haste.

 

„Guten Morgen, Charlie“, höre ich plötzlich eine Stimme von links. „Alles Gute zum Geburtstag!“ 

 

Erschrocken fahre ich herum. Mein Herz springt mir fast aus der Brust.

 

Frau Kwiatkowski, unsere 72-jährige Nachbarin und Vermieterin, steht im Morgenmantel an ihrem Küchenfenster und winkt mir zu. Irgendwie steht sie da immer. Und sie weiß alles über uns. Verdammt seien Reihenhäuser, und verdammt seien Nachbarn.

 

„Ach, Sie haben heute Geburtstag?“, ruft Herr Finkel, unser anderer Nachbar, der gerade seine Blumen gießt. „Na dann, herzlichen Glückwunsch.“

 

Ich hebe stumm den Arm und ringe mir ein Lächeln ab. Selbst das ist gelogen.

 

Was ist das hier bitte für eine paranoide Stasi-Show? 

 

Apropos… 

 

„Haben Sie heute vielleicht zufällig jemanden vor unserem Haus gesehen?“, frage ich die beiden, aber sie verneinen unison.

 

Mir ist kotzübel. Ich kann mich gerade noch rechtzeitig ins Auto retten. Die Panikattacke kratzt schon an der Tür. Einatmen, ausatmen… Es dauert eine Weile, bis ich es schaffe, meine Lunge wieder halbwegs zu entspannen. 

 

Meine Hand ist immer noch um das Nokia gekrampft.

 

 

***

 

 

„Ich liebe dich“, sage ich zu Severin.

 

Er lächelt und küsst mich auf den Mund. 

 

Alles daran fühlt sich falsch an.

 

 

***

 

 

Schon bevor ich Indias Zimmer betrete, merke ich, dass etwas anders ist. Und es liegt nicht an mir. 

 

Heute Morgen war ich kurz davor, mich spontan krankzumelden, aber das wäre kontraproduktiv und unfair gewesen. Ich brauche die Ablenkung und meine Klienten brauchen mich.

 

Mein Blick fällt sofort auf ein Stück Pflasterband, das an Indias Unterarm unter ihrem Ärmel hervorguckt.

 

„India“, sage ich vorsichtig, „was ist passiert?“ 

 

Sie dreht sich auf ihrem Bürostuhl zu mir um. Ihr blasses Gesicht ist tränenverschmiert. Sie schlingt die Arme um sich selbst, als würde sie sich buchstäblich zusammenreißen wollen, und sieht damit nur noch zerbrechlicher aus. 

 

„Bitte schick mich nicht in die Klinik zurück“, flüstert sie flehend. „Es war nicht tief. Nur ein Kratzer. Ich schwöre.“

 

Ehe ich etwas entgegnen kann, zieht sie halb schluchzend die Luft ein und spricht weiter. 

 

„Joy ist gestorben.“ Bei den letzten Silben bricht ihre Stimme.

 

Ich halte geschockt inne. 

 

Shit. Stimmt. Das ist anders. Jede Woche ist – oder war – die alte Labradordame die Erste, die mich in diesem Haus begrüßt. Wie kann mir das entgangen sein? Ich bin wirklich komplett durch den Wind. Mir fehlen die Worte.

 

Und dann wird mir die Schwere der Situation bewusst. Ich spüre sie fast körperlich wie einen Stein in meinem Magen. Joy war Indias Hoffnungsquelle, ihre beste Freundin. Dieser Hund hat mir überhaupt erst die Tür zu Indias Herzen geöffnet.

 

Joy war nach der Band Joy Division benannt gewesen. Mit meiner Affinität zu Punkrock und Grunge hatte ich Indias Aufmerksamkeit relativ schnell. Schon bei unserem ersten Treffen haben wir begeistert über Ian Curtis, Kurt Cobain, Brody Dalle und Wes Eisold „abgenerdet“, wie India sagt.

 

„Ich… Das tut mir leid“, schaffe ich schließlich zu sagen. „Ich weiß, dass sich das schrecklich anfühlt, aber…“

 

„Es gibt kein Aber“, schneidet sie meinen Satz. „Jetzt bin ich komplett alleine, und niemanden interessiert’s. Keiner gibt ‘nen Fick auf mich!“

 

Ich atme tief durch, um der zerstörerischen Energie meiner Klientin entgegenzuwirken. „Du weißt, dass das nicht stimmt. Deine Eltern wollen, dass es dir gut geht. Und ich will das auch. Darum bin ich hier.“ 

 

„Ach ja?“ Indias Augen glänzen mit Tränen und ihre Wangen sind vor Wut gerötet. „Und was weißt du darüber, wenn man plötzlich seinen besten Freund verliert? Den einzigen, den man je hatte?“

 

„Mehr als du denkst“, sage ich, bevor ich darüber nachdenken kann.

 

India stutzt. „Und… würdest du es mir erzählen?“

 

Shit. Soll ich? India schaut mich mit verheulten Augen an… und kurz glimmt ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer darin auf. 

 

Hoffnung – genau das hatte Marie nicht mehr.

 

Sofort schießt mir das Handy mit dem Foto wieder in den Kopf. Mein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen. 

 

„Ich kann nicht“, antworte ich und senke meinen Blick. „Es geht hier um dich, India, und nicht um mich.“ 

 

Natürlich kann ich meine Lebensgeschichte nicht meiner Klientin aufbürden – einem 16-jährigen Mädchen mit Depressionen. Aber als ich sehe, wie Indias Augen jetzt ermatten, wie sie sich enttäuscht wegdreht – enttäuscht, aber nicht überrascht, weil sie in ihrer von negativen Gedanken geprägten Welt das Gefühl der Enttäuschung besser kennt als jedes andere… bleibt mir nur ein kurzer Augenblick, um das Schlimmste abzuwenden. Um zu verhindern, dass sie sich in ihr Schneckenhaus zurückzieht und sich den schwarzen Gedanken erneut hingibt, mit Gott weiß welchen Konsequenzen.

 

Ich treffe eine unprofessionelle Entscheidung: Ich schließe einen Pakt mit dem Teufel namens Depression.

 

Mit zwei Schritten bin ich am Schreibtisch bei India, greife blind nach einem Notizzettel und schreibe drauflos. Dann hocke ich mich vor sie, greife nach ihrer Hand und lege den Zettel hinein. 

 

„Du kommst nicht in die Klinik, India. Unter einer Bedingung“, sage ich. „Wenn dir nächstes Mal alles zu viel wird, wenn du das Gefühl hast, das Leben hat keinen Sinn und keiner ist für dich da, dann rufst du mich an, okay? Du rufst mich sofort an, bevor du dir etwas antust. Oder wenn du einfach reden willst. Und ich werde da sein. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Immer. Versprochen.“

 

Das ist keine Lüge. Und es fühlt sich verdammt gut an.

 

Langsam hebt India ihren Blick. Hat sie Marie immer schon so ähnlichgesehen? Die Trauer in ihrem Gesicht bricht mir das Herz, aber ihre Augen haben die Mattheit, die Hoffnungslosigkeit abgelegt.

 

Es dauert ein paar Atemzüge, bis sie sich aufraffen kann, etwas zu sagen. Für keinen einzigen lasse ich sie aus den Augen.

 

„Immer?“, wispert sie schließlich fast tonlos.

 

„Immer.“

 

„Okay.“ 

 

Dieses eine Wort ist alles, was ich in diesem Moment hören will.

 

Zwei Minuten, nachdem ich Indias Haus verlassen habe, kriege ich eine neue Nachricht. Sie hat mir den Hunde-Emoji geschickt. 

 

Vorsichtshalber stelle ich mein Handy auf extra laut.

 

 

***

 

 

„Deine Eltern würden es verstehen.“

 

„Meinst du?“, frage ich.

 

„Klar. Vielleicht nicht direkt, aber irgendwann. Die sind echt okay. Aber ich? Ich werde niemals ich selbst sein können. Und ich glaube, wenn ich nicht ich selbst sein kann, dann bin ich lieber gar niemand.“

 

 

***

 

 

Es klingelt an der Tür. Überrascht schauen Laura und ich uns an, schließlich ist die Sushi-Bestellung gerade mal zehn Minuten her.

 

„Das ging ja schne…“ Ich öffne die Tür und bin bereit, unseren Lieblingsasiaten anzustrahlen, als mir das Lachen buchstäblich in der Kehle steckenbleibt.

 

Ich schaue in stahlblaue Augen. 

 

Maries Augen.

 

In Severins Gesicht. 

 

Vor mir steht Maries Zwillingsbruder. Mein Exfreund. Sofort wird mir eiskalt und gleichzeitig treten mir Schweißperlen auf die Stirn.

 

„Was machst du hier?“ Ich schaffe es gerade so, nicht zu stammeln.

 

„Wie hat dir mein kleines Geschenk gefallen?“, fragt er, legt den Kopf schief und grinst. „Schon lustig, oder? Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis meine Eltern sich aufgerafft haben, endlich ihr Zimmer auszuräumen. Und da war dieses schicke Foto, ganz unten in einer Schublade.“

 

Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Nach all den Jahren ist Severins Ähnlichkeit zu Marie einfach zu viel. Er hat noch denselben schelmischen Charme und dasselbe perfekte Zahnpasta-Lächeln wie früher, aber… mittlerweile hat sich auch etwas leicht Unheimliches daruntergemischt. Etwas, das ich nicht greifen kann.

 

„Woher hast du meine Adresse?“, frage ich zurück.

 

Er lacht auf. „Oh, bitte. Du denkst doch nicht ernsthaft, du kannst wegziehen und zwei Bundesländer weiter findet dich keiner mehr? Es gibt nur eine Charlotte-Anna Kuschel in Deutschland.“

 

Bevor ich reagieren kann, tritt Laura zu mir an den Türrahmen und schmiegt sich an mich, bevor sie Severin sieht. „Oh, das ist gar nicht unser Sushi?“

 

Augenblicklich legt sich ein Schatten über Severins Gesicht. Seine Stirn wirft Falten. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich.

 

„Und was ist das hier?“, fragt er und zeigt angewidert auf meine Frau. „Lesben-WG oder was?“

 

Ich höre Laura nach Luft schnappen. Klar, sie hat ihr Leben lang in Köln gelebt. Niemand hat jemals so mit ihr gesprochen. Ich hingegen musste regelrecht aus meinem Heimatdorf in Sachsen-Anhalt flüchten, um ein normales Leben führen zu können. Ein Leben, das Severin gerade in Gefahr bringt.

 

Im nächsten Moment greift er in seine Jackentasche. Die Hälfte eines Klappmessers wird sichtbar. Ich registriere den Anblick, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich bin starr und stumm vor Schock – genau wie damals. 

 

Im Gegensatz zu mir reagiert Laura sofort. Sie reißt mich an der Schulter zurück und will die Tür zuschlagen, doch Severin ist schneller. Er hat sofort einen Schuh im Türspalt und schmeißt sich mit seinem gesamten Körpergewicht gegen die Tür. 

 

Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt meinen Kopf. Shit. Die Tür ist mit voller Wucht gegen meine Nase geknallt. Etwas Warmes fließt auf meine Lippen. Ich schmecke Blut. Mir wird schlecht.

 

Völlig apathisch muss ich mitansehen, wie Severin gewaltsam in unser Haus eindringt. Unsere heile Welt. Irgendetwas in mir drin zerbricht – oder reißt es nur auf?

 

„Wo ist Lucie?“, schießt mir instinktiv durch den Kopf, aber wir haben sie bereits vor einer Weile schlafen gelegt. Gott sei Dank. 

 

Severin hält Laura das Messer an die Kehle. Ich sehe Panik in ihren Augen aufflackern. Jeder Muskel meines Körpers spannt sich an, zu allem bereit.

 

„Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst,“ zische ich, „wirst du niemals erfahren, was mit Marie passiert ist.“

 

Severins Miene verhärtet sich. „Da bin ich aber gespannt. Du hast sie doch bestimmt vergiftet mit deinem, keine Ahnung… deinem Lesbenscheiß. Hast du deshalb mit mir Schluss gemacht? Weil du geil auf meine Schwester warst? Bah!“

 

Er spuckt auf unseren Flurteppich. Meine blutige Nase und mein Kopf pochen und ich fühle unbändige Wut in mir hochkochen. 

 

„Wir waren verliebt. Beide“, sage ich mit bebender Stimme. „Aber sie wusste, dass sie niemals akzeptiert werden würde.“

 

„Und sie hatte recht“, denke ich mir dazu.

 

„Lüg mich nicht an!“, schreit Severin und packt Laura fester. „Meine Schwester war keine Lesbe. Zieh sie nicht in den Dreck!“

 

Er presst das Messer fester gegen Lauras Hals. Tränen kullern ihr über die Wangen. Die Hilflosigkeit in ihrem Gesicht tut mir körperlich weh. 

 

Dann lacht Severin dreckig auf. Ich möchte kotzen. 

 

„Weißt du was?“, grinst er. „Ich wusste von Anfang an, dass es kein Unfall war. Ich habe das gespürt. Du kannst alle anlügen, aber ein Zwillingsband lässt sich nicht verarschen.“

 

Plötzlich erklingt in voller Lautstärke Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ aus meiner Hosentasche.

 

Ich zucke zusammen, greife instinktiv sofort zu meinem Telefon.

 

„Denk nicht mal dran“, warnt Severin.

 

Ich spüre einen Stich in meinem Herzen. 

 

Es ist India.

 

„Severin“, flehe ich fast, „bitte. Ich muss rangehen. Es ist…“

 

„Ist mir scheißegal, schmeiß sofort das scheiß Ding weg“, brüllt er und fuchtelt mit dem Messer vor Lauras Gesicht, sodass ich ernsthaft Angst bekomme.

 

Ich werfe das klingelnde Handy von mir weg. Es ist ein schreckliches Gefühl. Mit jeder Sekunde, die vergeht, sehe ich Indias Hoffnung schwinden und die altbekannte Enttäuschung wieder in ihr aufsteigen. Ich habe ihr ein Versprechen gegeben, ein einziges Versprechen, und ich kann es nicht mal halten. Meine Gedanken rasen. 

 

Das ist der Grund, warum ich Psychologie studiert habe. Warum ich es liebe, im sozialpsychiatrischen Dienst zu arbeiten. Um jungen Menschen zu helfen, sich selbst zu finden. Um zu unterstützen, zu vermitteln, einfach da zu sein, wo sonst keiner ist. Das bin ich. Das ist mein Sinn.

 

Und jetzt werde ich India verlieren, so wie ich Marie verloren habe. Kann ich einen weiteren Verlust ertragen, frage ich mich? Doch auch diesmal scheine ich keine Wahl zu haben.

 

Das Telefon hört auf zu klingeln. 

 

Ich falle komplett in mir zusammen.

 

„Gib’s doch einfach zu“, faucht Severin. „Du warst dabei. Du hast sie geschubst oder irgendwas. Du hast sie getötet!“

 

Wie ein Schlag in die Magengrube. So fühlt es sich an. 

 

Fassungslos schaue ich ihn an. Seine Pupillen sind geweitet. Gott, glaubt er wirklich, was er da sagt? Mein Herz hämmert schmerzhaft in meinem Brustkorb.

 

Ich habe keine Kraft mehr, mich zu wehren. Ich lasse meinen inneren Widerstand einfach gehen. Meine Schutzmauern fahren nach unten. 

 

Ich balle die Fäuste, schließe die Augen und spreche die Wahrheit aus.

 

„Marie hat sich selbst umgebracht.“

 

 

***

 

 

Es ist der 17. April 2000. Ich bin seit einer Stunde 15 Jahre alt.

 

Es regnet. Der Waldboden ist uneben und rutschig. Maries Lieblingsstelle ist eine kleine Lichtung an einer steilen Klippe, die zum Fluss hinabführt. 

 

Marie bleibt stehen, nimmt mein Gesicht in ihre Hände und schaut mich eindringlich an. Ihre Hände sind kalt. Sie steht sehr nah am Abgrund.

 

„Niemand versteht mich so wie du“, sagt sie.

 

„Ich gebe mein Bestes“, antworte ich.

 

Das ist unsere Art, „Ich liebe dich“ zu sagen.

 

„Es tut mir so leid“, sagt Marie dann. „Ich kann nicht mehr. Ich hab’s versucht.“

 

Verwirrt gucke ich sie an. Macht sie Schluss mit mir? Weiß sie, dass mein Geburtstag ist? Augenblicklich ist mir zum Heulen zumute.

 

„Du bist nie hier gewesen, Charlie, okay? Du warst zuhause und hast geschlafen.“

 

Wie automatisch nicke ich. Wir treffen uns ja oft heimlich. 

 

Marie gibt mir einen Kuss auf den Mund. „Du schaffst das. Für uns beide.“ 

 

Auf einmal klingt ihre Stimme brüchig, so als würde sie weinen. Aber ich kann keine Tränen erkennen, weil vom Regen eh schon alles nass ist. 

 

„Es war ein Unfall, Charlie, okay?“, flüstert sie mir ins Ohr. „Es war einfach nur ein Unfall.“

 

Ich schlucke und finde dann meine Stimme wieder. „Was war ein Unfall?“ 

 

„Das da hinten“, antwortet sie und zeigt auf etwas in meinem Rücken. „Siehst du das? Schau genau hin.“

 

Ich drehe mich um, aber alles was ich sehe ist Wald. Nasse Bäume, Laub, Matsch. Der Regen prasselt unaufhörlich. Mir gefällt’s hier nicht, langsam möchte ich nach Hause. Vielleicht sollte ich ihr sagen, dass ich Geburtstag habe? Vielleicht können wir noch feiern?

 

„Wo… Was meinst du?“, frage ich und drehe mich wieder um.

 

Aber Marie ist nicht mehr da. 

 

Der Fluss unter der Klippe rauscht lauter als der Regen.

 

Es fühlt sich an wie Jahre, in denen ich einfach nur dastehe und in den dunklen Abgrund schaue, in den sie gefallen ist, nein – sich hat fallen lassen. Ich bin wie erstarrt. 

 

Irgendwann gehe ich nach Hause. Ich fühle gar nichts mehr.

 

Und am nächsten Morgen tue ich das, was ich am besten kann: lügen. 

 

 

***

 

 

Es ist vollkommen still im Raum. Mein Kopf pulsiert. Ich höre das Blut durch meine Adern rauschen. Severin und Laura rühren sich nicht. Beide schauen mich schockiert an. Jetzt erst fällt mir auf, dass mein Gesicht tränennass ist.

 

„Warum…“ Severin ist kreidebleich. „Warum hast du nichts gesagt?“ 

 

Beinahe lache diesmal ich ihm ins Gesicht. 

 

„Weil sie mich darum gebeten hat. Du hast keine Ahnung, wie es ist, nie du selbst sein zu können. Marie musste sich ständig verstecken. Vor ihrer Familie. Vor den Menschen, die sie eigentlich bedingungslos hätten lieben und unterstützen sollen“, sage ich und bin überrascht, wie ruhig meine Stimme ist. „Sie hat sich so geschämt für das, was sie war, dass sie nicht mehr leben wollte.“

 

In Severins Kopf scheint es zu rattern, der Wahn ist aus seinem Gesicht verschwunden. Ich trete nach.

 

„Vielleicht war es das, was euer Zwillingsband dir mitteilen wollte.“ 

 

Auf einmal dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Buchstäblich. 

 

Die Polizei tritt in unseren Flur, gefolgt von unser Vermieterin Frau Kwiatkowski. Ich höre Worte wie „alles beobachtet“, „Polizei gerufen“ und „Reserveschlüssel“. Meine Kopfschmerzen schwellen an. Was passiert hier gerade?

 

Severin lässt das Messer fallen. Laura ist frei, sinkt zu Boden. Mein Adrenalin kickt wieder ein.

 

Ohne zu überlegen stürze ich zu meinem Handy. Mit zitternden Fingern drücke ich mehrfach auf Indias Namen. Shit, shit, shit.

 

Marie hätte ich damals nicht helfen können. Aber wenn India sich jetzt etwas antut… Das wäre meine Schuld. Gott, ich hätte sie einweisen sollen. Die Selbstgefährdung war offensichtlich.

 

Es klingelt. Und klingelt. 

 

Ich kneife die Augen zusammen und beiße mir auf die Lippe, um von den schrecklichen Schmerzen abzulenken. Es darf noch nicht zu spät sein, es darf nicht… 

 

„Hallo?“, sagt India.

 

Schon wieder lassen sich meine Tränen nicht bremsen. 

 

„India? Ist alles okay?“ War es nur Einbildung oder klang sie gerade… fröhlich?

 

„Oh, ja“, antwortet sie unbefangen. „Charlie, stell dir vor: Meine Eltern haben erlaubt, dass wir einen neuen Hund nehmen. Einen Welpen! Ich wollte, dass du die Erste bist, die es hört. Weißt du, wie ich ihn nennen will? Kurt!“

 

Ich höre sie durch die Leitung lächeln. Lächeln

 

„Kurt“, wispere ich, „wie Kurt Cobain?“

 

„Yes! Ich wusste, dass du’s verstehst“, freut sich India. „Niemand versteht mich so wie du.“ 

 

„Ich…“, beginne ich und kann den leisen Schluchzer nicht unterdrücken, „ich gebe mein Bestes.“

 

„Samma, heulst du?“, fragt sie. 

 

„Nei…“, will ich sofort abstreiten, die übliche Ausrede vom Zwiebelschneiden schon auf meiner Zunge parat.

 

Da fällt mir auf, dass das gar nicht das ist, was ich eigentlich sagen will. Denn alles, was ich will, sind keine Lügen mehr.

 

Ich ziehe die Nase hoch und hickse, bevor ich antworte. 

 

„Ja.“

One thought on “Keine Lügen mehr

  1. Hallo Alexandria,

    das ist mal eine Wendung, mit der ich absolut nicht gerechnet habe.

    Schon der Anfang hat mein Interesse geweckt und ich wollte unbedingt wissen, warum sich Charlie wünscht zu vergessen.

    Du hast es geschafft, mich mit den Rückblenden, der Namenswahl und den „Umständen“ (ich finde gerade kein anderes Wort 😉) auf eine falsche Fährte zu führen. Zwar hatte ich Severin direkt bei seiner 1. Erwähnung in Verdacht, aber aus völlig anderen Gründen. So soll es doch sein 👍🏻

    Und ich habe mitgefiebert, ob India gerettet wird und war erleichtert, dass es geklappt hat 😊

    Tolle Idee mit traurigem Hintergrund, tolle Umsetzung und eine unvorhersehbare, überraschende Wendung.

    Danke für diese Geschichte 😃

    Liebe Grüße
    Sarah

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/rache-ist-suess

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