RustyB91Le jeu

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Das erste Kind wurde an einem sommerwarmen Apriltag für vermisst gemeldet. Die kleine Melanie M., 7 Jahre alt, war in der Nähe des Waldrands spielen gegangen und nicht zurückgekehrt. Für die örtlichen Zeitungen war es eine perfekte Gelegenheit und überall konnte man bald die gruselige Story vom „Kinderkraller“ lesen. Für die friedlichen Bewohner des idyllischen Örtchens im Rheintal war es eine Tragödie.

Ich hatte meine kleine Praxis erst einigen Monate zuvor eröffnet und betreute nun Melanies Eltern und ein paar der anderen Angehörigen.  

Francois Brunot war der erste außenstehende Patient, den ich hatte. Mein Freund Dr. Schwelger, der mir auch die Praxisräume vermittelt hatte, war sein Hausarzt. Er hatte ihn nach einer Konsultation wegen Angstzuständen und Paranoia an mich verwiesen. Brunot hatte sich dem Vorschlag einer medikamentösen Behandlung strikt verweigert, zeigte sich aber einer Therapie gegenüber nicht abgeneigt.

 

Als er am Abend unserer ersten Sitzung meine Praxis betrat, umgab ihn sofort eine Aura der Verwahrlosung. Obwohl es schon den ganzen Tag regnete, hatte er sich nicht um einen Regenschirm bemüht, sondern sich nur einen grauen Regenmantel übergeworfen. Völlig durchnässt stand er vor meiner Türschwelle.

Er war ein kleiner Mann mit gebeugter Haltung und schütterem braunen Haar. Die Einwirkungen von Wind und Regen hatten ihre Spuren hinterlassen und es stand nun in dünnen, ungepflegten Fetzen in alle Richtungen ab.

Brunot war mittleren Alters und hatte tiefliegende Augen von dunkelblauer Farbe, die auffallend wach und intelligent wirkten. Seine Haut war faltig von der Art, wie sie Menschen haben, die viel Zeit ihres Lebens in der Sonne verbringen. Trotz seiner gebeugten Haltung strahlte er den Eindruck körperlicher und geistiger Kraft aus.

Auf meine Bitte hin, trat er vorsichtig ein, die Hände hinter dem Rücken gefaltet. Er machte keine Anstalten sich abzutrocknen oder auch nur den Mantel abzunehmen. Lediglich stand er da und ließ den Blick interessiert durch das Zimmer wandern.

„Einen schönen guten Abend, mein Name ist Dr. Robert Traut.“, begrüßte ich ihn. „Den Mantel können Sie gerne dort drüben aufhängen.“

Ich machte eine Geste in Richtung der Garderobe neben der Tür.

Er richtete seinen Blick auf mich und betrachtete mich gerade so, als wäre ihm meine Anwesenheit eben erst klar geworden. Diese wachen Augen in ihren dunklen Höhlen berührte mich unangenehm, doch ich ließ mir natürlich nichts anmerken.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte ich schließlich, als mir das Starren zu lange ging.

„Vielen Dank.“, sagte er, ohne auf meine Frage einzugehen.

„Francois Brunot“, fügte er dann knapp hinzu und neigte den Kopf.

„Schön Sie kennen zu lernen. Bitte setzen Sie sich doch.“

Er schüttelte langsam den nassen Kopf.

„Nein danke, ich habe nicht vor lange zu bleiben.“

Seine Stimme war sanft und er hatte einen leichten französischen Akzent, was bei seinem Namen nicht verwunderlich erschien.

„Das ist schade, ich hatte gehofft, dass wir uns heute etwas näher kennen lernen würden.“, entgegnete ich freundlich.

Er sah mich nur belustigt an.

„Ich möchte mir nur einen ersten Eindruck verschaffen, bevor wir weitere Sitzungen beginnen.“, begann er nachdenklich.

„Bitte sehr.“, sagte ich und lud ihn ein fortzufahren.

„Verzeihen Sie meine Art, monsieur le docteur, aber ich habe Probleme persönlichster Art und ich möchte sichergehen…“, er machte eine vielsagende Pause,“…, dass Sie eine Person sind, mit der ich so etwas besprechen möchte.“

Er hob entschuldigend die Schultern.

„Was auch immer Sie mir erzählen, es wird diese vier Wände nicht verlassen“, antwortete ich ihm pflichtbewusst.

Er musterte mich noch einmal eindringlich, dann sagte er:

„Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nicht zufällig in dieser Stadt bin.“

Er machte wieder eine Pause und ich wartete.

„Und ich möchte auch, dass Sie wissen, dass ich vor habe noch ein wenig zu verweilen.“, fügte er in unheilvollem Ton hinzu.

„Daran sehe ich nichts ungewöhnliches.“, entgegnete ich etwas perplex.

Er nickte feierlich, dann fuhr er fort: „Ist die Polizei noch am Waldrand stationiert? Sie reden doch mit Ihnen?“

Er klang aufrichtig neugierig.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Können oder wollen Sie nicht?“, fragte er und lächelte, sprach dann aber weiter, ohne meine Antwort abzuwarten.

„Es kann sein, dass ich noch heute Abend dahin zurück muss.“, sagte er leise wie zu sich selbst.

Dahin Zurück.

„Wohin zurück? Zum Waldrand?“, fragte ich verwirrt.

„Ja, ich glaube ich habe dort etwas wichtiges vergessen.“, sagte er geheimnisvoll und musterte mich, wobei seine Augen schelmisch blitzten.

Ich starrte ihn an, unfähig zu entscheiden, was ich sagen oder tun sollte.

Machte er gerade Witze?

Wieder entstand eine längere Pause. Wieder begann Brunot als Erster zu sprechen.

Monsieur le docteur?“, fragte er leise und fixierte mich. Wieder war ich diesen unangenehmen, glänzenden, Augen ausgeliefert. Dieses Mal blickten sie jedoch nicht gelassen, sondern strahlten eine Besessenheit aus, die mir einen Schauer den Rücken runterjagte. Überhaupt hatte sich sein ganzer Ausdruck für den Bruchteil einer Sekunde bis zur Unkenntlichkeit verändert. Sein ganzer Körper schien wie elektrisiert.

„Ja, bitte?“, antworte ich und merkte wie heiser ich klang.

„Sie leben erst seit kurzem hier, nicht wahr?“

Ich bestätigte das.

„Ich auch“, fuhr er fort. “So etwas schafft Vertrauen und Vertrauen ist mir sehr wichtig. Enttäuschen Sie es nicht!“

Laut seinem Gesicht war es eine Drohung, aber der Tonfall klang eher nach einem Geschäftssabschluss.

Ich versuchte seinem bohrenden Blick standzuhalten, während ich antwortete: „Es ist nicht meine Absicht Ihr Vertrauen zu missbrauchen. Ich bitte Sie jedoch zu bedenken, dass…“

„Ihre Absicht genügt mir.“, unterbrach er mich und wandte sich ab. Mit zwei Schritten war er bei der Tür.

Au revoir, ich sehe Sie nächste Woche zur selben Zeit.“, Dann war er im Treppenhaus verschwunden.

 

Die kleine Christin K., 6 Jahre alt, verabschiedete sich am folgenden Mittwoch von ihren neuen Schulfreunden und ging nach Hause. Sie kam nie dort an und und ihre Eltern meldeten sie noch am selben Abend für vermisst. Die Zeitungen hatten wieder was zu drucken.

 

Brunot stand pünktlich zu unserer nächsten Sitzung in meinem Wartezimmer und betrachtete die Landschaftsstiche, die ich dort aufgehängt hatte. Trotz des Wärmeeinbruchs trug er wieder seinen grauen Regenmantel und zu meinem Erstaunen schwarze Lederhandschuhe. Er sah zwar gepflegter aus als zu unserem ersten Treffen, aber dafür hatten sich jetzt dunkle Ringe unter seinen ohnehin tiefliegenden Augen gebildet. Ich bat ihn herein und er ließ sich in den Sessel vor mir nieder.

„Hartes Wochenende.“, sagte er als er meinen Blick bemerkte.

„Ich war ein wenig spazieren, wissen Sie?“

Pause.

Die Stadt erkunden, wie man so sagt.“, fuhr er fort bevor ich etwas erwidern konnte.

„Oh ja, es ist ein hübsches Städtchen, nicht wahr? Prächtige alte Bauten.“, sagte ich darauf hoffend, dass er nur Small-Talk betreiben wollte.

Er nickte.

„Besonders hat mir die Schule gefallen. Hat ein paar alte Erinnerungen hochgebracht.“, sagte er sanft.

Was zum Teufel?

„Ich glaube ich habe mich dort…, wie soll ich sagen…, etwas länger als nötig aufgehalten.“, sprach er weiter und sah mich herausfordernd an.

Ich sagte nichts, wartete nur angespannt darauf, was noch kommen würde. Als ich nicht reagierte sprach er verträumt weiter: „Wie war es diesmal? Sagen Sie es mir. Waren die Leute schockiert, dass das Mädchen noch jünger war, oder haben Sie sich bereits daran gewöhnt?“

Ich sah ihn pikiert an, hielt jedoch den Mund.

„Und die arme Polizei hat noch immer keine Spur.“, fuhr er gnadenlos fort und ein Lächeln spielte um seine Lippen.

Eine weitere lange Pause trat ein.

„Sie scheinen sehr bemüht mit mir über diese Vermisstenfälle zu sprechen.“, sagte ich schließlich ganz vorsichtig. „Interessieren Sie sich dafür?“

„Oh nein, das verstehen Sie falsch.“ Er sah immer noch amüsiert aus.

„Ich will eigentlich über das hier sprechen.“, antwortete er und kramte in seiner Manteltasche.

„Sie erinnern sich an Dr. Schwelgers Diagnose über mich?“, fragte er.

„Paranoide Angstzustände“, erwiderte ich trocken.

„Ja… Angst“, sagte er selbstvergessen und zog ein Handy hervor.

„Das hier habe ich letzte Woche erhalten. Wer hätte da nicht Angst?“

Seine Stimme klang zynisch, doch sein Ausdruck war todernst.

Er schaltete das Handy ein und reichte es mir. Auf dem Display leuchtete ein Foto auf, das Brunot mit einem Mädchen von vielleicht 10 Jahren an der Hand zeigte. Beide schenkten der Kamera keine Beachtung, sondern schienen lediglich bei einem Parkspaziergang abfotografiert worden zu sein. Das Foto war leicht verschwommen und es wirkte wie von weiter Ferne aufgenommen.

„Dies ist nicht meins.“, sagte er während ich das Foto betrachtete.

„Sie meinen das Handy? Woher kommt es dann?“

„Es wurde mir anonym zugesandt. Es beinhaltet nichts weiter als dieses Foto.“

„Das Foto ist ziemlich unscharf. Sind Sie sicher, dass Sie das sind?“, fragte ich, während ich das Handy näher an die Augen hielt.

„Ganz ohne Zweifel.“

„Wer ist das Mädchen?“

Er lächelte merkwürdig verträumt, bevor er mir antwortete.

„Ihr Name war Emilie. Es ist schon einige Zeit her, dass ich sie besucht habe.“

„Ihre Tochter?“

Daraufhin gab er mir keine Antwort.

Ich gab ihm das Handy zurück und er steckte es wieder in seine Manteltasche.

„Halten Sie das für eine Drohung? Waren Sie schon bei der Polizei?“, fragte ich ihn.

„Ja und nein und ich habe auch nicht vor die Polizei zu informieren.“, entgegnete er gelassen.

„Wieso nicht?“

Er begann hysterisch zu kichern.

„Na, weil ich genau die Aufmerksamkeit erregt habe, die ich gesucht habe. Die Polizei kann da nicht weiterhelfen.“

Ich griff zur Karaffe neben mir und schenkte mir ein Wasser ein. Meine Hand zitterte etwas.

Er lehnte sich nach vorne und sah jetzt sehr ernst aus.

„Das einzige, was mich daran wirklich beunruhigt…, ich meine wirklich…, ist dass ich das Handy HIER erhalten habe.“

Ich muss wohl sehr fragend ausgesehen haben, denn er klang vorwurfsvoll, als er weitersprach.

„Na, das bedeutet doch, dass meine Adresse bekannt ist.“

Als ich noch immer nicht zu begreifen schien, packte mich Brunot am Arm. Seine Hand war kalt und kräftig.

„Wer auch immer mir dieses Handy geschickt hat, gehört zu der Sorte Mensch, von der ich eben nicht will, dass sie weiß, wo ich wohne!“, sagte er schrill und sein Ausdruck zeigte das erste Mal eine Spur von Angst.

Ich entzog mich seinem Griff und rieb mir das Handgelenk. Ich trank einen Schluck Wasser. Er lehnte sich wieder im Sessel zurück.

„Aber nichts, was sich nicht mit einem kleinen Umzug lösen lässt.“, sagte er in fröhlichem Ton und zwinkerte mir zu.

„Sie wollen deswegen gleich umziehen? Ist das nicht ein bisschen dramatisch?“, fragte ich.

„Wenn man meine Berufung für sich gewählt hat, muss man flexibel sein, monsieur.“, antwortete er und grinste mir teuflisch zu.

„Oh, mon dieu, ich muss ja los.“, sagte er mit einem plötzlichen Blick zur Uhr. Er erhob sich hektisch und stürmte zur Tür vor der noch einmal nachdenklich innehielt.

„Achja, ich werde nächste Woche wohl nicht kommen können. Es steht noch zu viel an, bitte entschuldigen Sie. Ich würde sagen, dass Sie mich in drei Wochen wieder erwarten dürfen.“

Von erneuter Energie gepackt, riss er theatralisch die Tür auf und stürmte hinaus, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

 

Über die unheilvollen drei Wochen gab es vier weitere Vermisstenfälle. Darunter war auch die Tochter des Hauptkommissars. Seine Frau suchte mich einige Male auf und ich gab mein Bestes ihr Hoffnung zuzusprechen, während sie mir erzählte, dass ihr Mann mittlerweile auf dem Revier schlief. Er hielt es wohl nicht mehr zu Hause aus, seitdem seine Tochter spurlos aus ihrem Zimmer verschwunden war. Ich fühlte mich immer unfähiger diesen Menschen zu helfen und ertappte mich dabei, wie ich der nächsten Sitzung mit Brunot voller Abscheu entgegensah.

 

„Es nimmt Form an.“, sagte er und rieb sich zufrieden grinsend die Hände.

Ich versuchte meinen Ekel zu verbergen.

„Wir nähern uns der finalen Phase, monsieur le docteur.“

Ich schwieg, unfähig, der Dreistigkeit seiner Freude Kontra zu geben. Er wedelte mir mit dem Finger entgegen.

„Sie haben Wort gehalten, monsieur und ich bin beeindruckt“, sagte er.

„Keiner hat mich unterbrochen, während ich noch einmal bei den Tatorten war und dabei hätte es sich gelohnt, mon ami.“

Seine Augen glänzten fiebrig.

„Wollen Sie mir erzählen, dass Sie nun auch noch im Haus des Kommissars waren?“, platzte ich heraus.

Er schien verwundert über meinen Ausbruch.

„Natürlich nicht IM Haus. Im Garten war alles was ich brauchte.“, sagte er in einem Ton der Selbstverständlichkeit.

„Ich kann das alles nicht so weiterlaufen lassen, das ist Ihnen klar, oder?“, fragte ich ihn und rieb mir die Schläfen.

„Oh nein, monsieur, natürlich nicht.“, sagte er verständnisvoll und hob beschwichtigend die Hände.

„Das alles muss sehr an Ihnen genagt haben, aber ich kann Ihnen versprechen, dass es bis Ende der nächsten Woche vorbei sein wird.“

Ich starrte ihn an.

„Vorbei? Inwiefern vorbei?“, fragte ich aufgebracht.

„Sie haben schon verstanden. Meine Suche ist vorbei! Es ist so befreiend!“, entgegnete er wie aufgelöst und grinste manisch.

„Was haben Sie denn vor?“, fragte ich langsam und hoffte nicht zu argwöhnisch zu klingen.

„Oh, aber das soll doch eine Überraschung werden!“, sagte er und kicherte schelmisch.

„Warum erzählen Sie mir das alles?“, fuhr ich ihn an und sprang auf. Ich fühlte mich von seiner arroganten Art abgestoßen.

Sein Lächeln verschwand und er taxierte mich mit ernster Miene, bevor er sagte: „Es ist mir sehr wichtig, dass ich mich mitteilen kann…“

Wir starrten uns an und es kam mir wie eine Ewigkeit vor.

„Keine Sorge monsieur, Sie sind jetzt auch dran.“, begann Brunot wieder leise zu sprechen.

„Es ist an der Zeit, dass Sie mir Ihre Gedanken mitteilen.“

Ich setzte mich, zuckte jedoch sofort zusammen, als er mich wie bei einem Verhör laut anrief: “Sagen Sie mir, wie fühlen Sie über diese Verbrechen? Was denken Sie darüber? Was sagt Ihre Psychologie zu alledem?“

Er betonte jede Silbe des Wortes. Psy-cho-lo-gie.

Er zog wieder das Handy hervor.

„Und dann teilen Sie mir noch alles darüber mit, okay?“

Er erstarrte in einer Pose fiebriger Erwartung.

Ich seufzte tief, entschied aber, dass es das Beste wäre, ihm alle seine Fragen zu beantworten.

Ich teilte ihm meine Abscheu über die Verbrechensserie mit und erzählte ihm alles über das Leid, das die Angehörigen der Kinder mit mir zu teilen versuchten. Ich sprach davon, wie schwer es für sie war in einer solchen Situation Hoffnung zu erlangen und wie sehr sich jeder hier im Ort Klarheit und das Ende dieser schrecklichen Entführungen wünschte. Kommentare über das Täterprofil ließ ich aus, schloss aber mit den Worten: “Ich vermute außerdem, dass sich der Täter akribisch auf die Entführungen vorbereitet und deswegen die Kinder so effizient, vor den Augen aller, wegschnappen kann.“

Ich machte eine kurze Pause bevor ich noch leise hinzufügte: „Vielleicht, macht er Fotos mit oder von seinen Opfern. Als Trophäen. Es ist immerhin harte Arbeit. Das wäre nicht untypisch.“

Brunot senkte das Handy und sah mich einige Sekunden mit glasigen Augen an.

„Warum sagen Sie das?“, fragte er langsam.

Ich antwortete nicht.

„Eine Trophäe? So denken Sie darüber? Deswegen denken Sie, habe ich das hier?“

Er betrachtete das Handy in seiner Hand.

„Ja, eine Trophäe in der Tat…“, sagte er leise und selbstvergessen.

„Laut Ihrer Aussage kann es ja jetzt nur zwei Erklärungen dafür geben, oder?“, rief er aus und sein Kopf schnellte nach oben. Fiebrig starrte er mich an.

Ich antwortete wieder nicht.

„Denken Sie, ich halte hier eine Trophäe in der Hand?“

Er wartete kurz auf meine Antwort, doch sie blieb erneut aus.

„Denken Sie vielleicht, dass alles hier ist ein großer Witz?“

Es klang, als würde er eine Spieleshow moderieren.

Ein Spiel.

Als ich nicht zu reagieren schien, lehnte sich Brunot mit einem angestrengten Seufzer nach vorne. Sein Gesicht war jetzt ganz nahe an meinem. Er roch nach Kaffee und Schweiss.

Er flüsterte: „Sie verstehen es doch schon, oder? Sie wissen, wer ich bin, nicht wahr?“

Ich wandte meinen Blick nicht ab, starrte ihm nur in die Augen und ließ die Stille sacken.

„Erkennen Sie mich an!“, schrie Brunot plötzlich und sprang auf wobei er beide Arme in die Luft schleuderte.

„Ist gut, ist gut! Ich wusste, ab dem ersten Tag, an dem Sie meine Praxis betreten haben, wer Sie sind!“, rief ich aus.

Er hielt kurz in seiner lächerlichen Pose inne und wieder starrten wir uns gegenseitig nieder.

Nach einer Weile lachte er grimmig auf und beugte sich zu mir hinunter. Dann schrie er mich unerwartet aus vollem Halse an: „Und DU hast einfach weitergemacht! Mich einfach weiter empfangen! Bist dagesessen und hast mir zugehört!“ Sein Gesicht lief rot an und ein Ausdruck von Abscheu machte sich breit.

„Ich habe dir das verdammte Foto gezeigt!“

Seine Stimme wurde immer schriller. Er hielt mir das Handy vors Gesicht.

Ich war wie erstarrt, schloss sogar die Augen.

So laut.

„Dieses Foto! Sieh es dir an! Wieso bist du nicht geflohen? Antworte!“

Ich schwieg.

„Dachtest wohl nicht, dass ich dich erkennen würde, du elende Drecksau!“, brüllte er mich jetzt wutentbrannt auf Französisch an.

„6 Jahre, 6 Jahre lang verfolge dich jetzt schon. Quer durch Frankreich, über die Grenzen…, 6 Jahre…, bis hier her! Kinder, überall Kinder… Leichen, immer den Leichen nach… Immer warst du ein bisschen schneller!“

„Wovon reden Sie da?“ stammelte ich. Er gab mir als Antwort eine schallende Ohrfeige.

„Lass die Scheisse!“, schrie er und Spucke Tröpfchen regneten auf mich ein.

Kein guter Bluff.

Er fuchtelte wild mit dem Handy vor meinem Gesicht herum.

„Das hier war dein Fehler!“

Ich starrte ihn fassungslos an.

„Deine Trophäe! Warum jetzt? Das hab ich mich gefragt! Warum, nach all den Jahren?“

Ich starrte ihn nur an und spürte wie sich Schweiß unter meinen Achseln zu bilden begann.

„Weil du zeigen wolltest, wie nah ich dir gekommen bin, nicht wahr? Du wolltest die Oberhand behalten! Mir zeigen, dass es trotzdem nicht reicht…“, sagte er in die Stille hinein.

Ich regte mich nicht.

Sein Zug. Solider Angriff.

„Hast dich nicht gewundert warum ich im Hochsommer Handschuhe trage, was?“

Er leckte sich die Lippen, dann fuhr er hysterisch fort: „Hab ein paar Proben aus deinem Wartezimmer entnommen! Clever, oder? Hast gut geputzt, aber ein bisschen ist übrig geblieben. Hat meinen Verdacht bestätigt!“

Er sprang vom Sessel herunter und lehnte sich zu mir nach vorn, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Du musstest mir das Handy schicken, oder? Ist dein neues Ding, was? Konntest wohl nicht an dich halten?“

Er schwang seine Hände wieder wie ein Wahnsinniger in die Höhe.

„Allen Eltern hast du diese beschissenen Dinger geschickt! Warum nicht nur die Fotos? Findest du es so noch lustiger, oder was?“

Kein guter Zug.

„Technologiiiieee…“, sagte er in albernem Ton, als wäre ich geistig zurückgeblieben. Dann warf er mir das Handy an den Kopf und zog einen Revolver hervor.

„Bordeaux 2013. Du hast dich noch an sie erinnert, oder? An Emilie. Natürlich hast du das! Du hast mir ja das Handy geschickt. Hast nicht damit gerechnet, was ein verzweifelter Vater so in sich haben kann, oder?“

Seine Stimme wurde immer gehässiger.

„Ich muss zugeben, dass ich es genossen habe… Unser Spielchen hier, meine ich! Dich langsam unter Druck zu setzen…, an den Tatorten nach Hinweisen suchen… ALL DER SCHEISS!“

Ein Spiel.

Er drückte mir den Pistolenkolben gegen die Stirn. Ich schloss die Augen.

„Alles hierfür, für diesen einen Moment.“

Sein letzter Zug.

Brunot schien jede Sekunde auszukosten, bevor er fortfuhr.

„Ich hätte dich sofort niederschießen sollen, als ich hier reinkam, aber ich hatte Zweifel. Erst das Handy hat mir gezeigt, wie du tickst. Ich hatte ja keine Ahnung! Ich dachte mir, sich hierhin zu setzen, in diese kleine Gemeinde und die Leute betreuen, deren Trauer du verursacht hast…, das ist schon ganz schön krank. Dann bekomme ich dieses Ding und ich merke: Halt, nein! Das ist ein Spiel. Für ihn ist das lustig!“

Seine Stimme schwoll an, am Ende brüllte er wieder.

„Nein, dachte ich mir. Ich erschieße ihn nicht! Ich schlage ihn, in seinem Spiel!“

Eine Guerillataktik?

Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Also habe ich gesucht und Kontakte geknüpft und wieder gesucht und hier gesessen. Hab ein bisschen beobachtet, wie du reagierst.“

Er drückte mit der Pistole meinen Kopf zurück und atmete rasselnd ein und aus.

„Mich hat es ja immer so im Finger gejuckt!“

Er verharrte kurz und mein Nacken verkrampfte sich. Schließlich zog er sich zurück und setzte sich wieder mir gegenüber.

„Aber ich weiß, dass die Kinder noch leben. Das ist der Vorteil, wenn man sich lange genug mit dir beschäftigt. Du bist ein kleiner Routinier, nicht wahr?“, fragte er süßlich, doch seine Augen betrachteten mich aufmerksam.

Ich öffnete die Augen und stellte mir vor, dass ich gerade überrascht aussehen musste. Ich lächelte darüber.

„Hör auf zu grinsen! Wo ist dein kleiner Sexkeller?“, blaffte er mich an.

„Erschieß mich.“, antwortete ich ihm kalt auf Französisch. Mein Grinsen wurde breiter. „Ich werde dir nicht sagen, wo sie sind.“

Mein Zug.

Er schlug mir mit der Pistole gegen den Kopf. Ich schmeckte Blut. Diesmal war ich wirklich überrascht. Er lachte.

„Du bist noch viel dümmer als ich dachte. Ich weiß bereits, wo Sie sind! Denkst du wir haben dich die letzten Wochen einfach so rumlaufen lassen?“

Ich sah ihn an und wartete gespannt, wie ein Kind auf das Ende eines Zaubertricks.

„Mach nicht so große Augen! Als es sicher war, dass du unser Mann bist, habe wir dich natürlich beschattet.“

Brunot lachte wieder auf. Es klang mitleidig. Ich fühlte Übelkeit in mir aufsteigen.

„Wir haben alles, verstehst du? Alles. Und du hast verloren. Endgültig. Du bist nicht der böse Onkel, sondern nur ein geisteskranker Wurm!“

Wieder schlug er mir mit dem Revolver ins Gesicht.

Kalter Hass stieg in mir hoch und schnürte mir die Kehle zu. Er presste mir gewaltsam das Handy gegen mein Gesicht.

„Das hier hat uns Tor und Tür zu dir geöffnet!“, sagte er und grinste teuflisch. schließlich zog er ein anderes vibrierendes Handy aus der Tasche und hob ab.

„Ja, ich bin dran. Ja, ich habe ihn. Er ist hier“, sagte er und warf mir einen kurzen, verächtlichen Blick zu. „Bis auf ein paar Blessuren in Ordnung. Kommt hoch. Ich hab‘ mich und ihn im Griff.“

Er legte auf.

Mich und ihn im Griff.

„Das waren deine neuen Freunde. Ich hoffe du freust dich darauf, wie jeder gewöhnliche Verbrecher im Loch zu verrotten!“, sagte er. „Ich hab ja gehört, dass Kinderschänder besonders beliebt sein sollen.“

Der Hauptkommissar persönlich und zwei Beamte kamen herein und legten mir Handschnellen an. Einer betete das übliche „Dann kann und wird alles gegen sie verwendet“ runter. Ich dachte nach. Es sah schlecht aus. Brunot hatte den Revolver eingesteckt und unterhielt sich mit dem Kommissar. Alle sahen sehr zufrieden aus. Richtig idyllisch das Ganze.

Ein Spiel mit nur noch einem Zug.

Sie führten mich ab.

Ein letzter Zug. Ich stand im Schach.

Ich wandte mich noch einmal um.

Er allerdings auch.

Ich rief: „Willst du wissen, wie deine Kleine klang, als ich sie genagelt habe?“

Ich ließ ihm eine Millisekunde Zeit, die Frage zu verarbeiten. Dann äffte ich ganz laut ein hohes, quiekendes Geräusch nach. Er riss den Revolver hoch.

Schach und Matt. Gewonnen.

Mein Preis war Dunkelheit.

 

 

 

9+

8 thoughts on “Le jeu

  1. Hallo Rusty,
    Ich bin gerade auf deine Geschichte gestoßen und bin überrascht, dass es noch so wenig Kommentare gibt. Ich finde die Geschichte sehr spannend, ich habe den Twist überhaupt nicht kommen sehen und vorallem die Dialoge der 2 Hauptcharaktere fand ich sehr gelungen! Ich hoffe in Zukunft stoßen noch ein paar mehr Leute auf deine Geschichte.

    Liebe Grüße,
    Jim

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  2. Wow, was für eine tolle Story.
    Für mich ganz klar einer meiner Favoriten.
    – Die Story ist großartig !
    – Der Spannungsbogen wird herausragend aufgebaut, der Twist kommt völlig unerwartet !
    – Dein Schreibstil ist unheimlich sicher und sehr eigen !
    – Du hast die Charaktere total gut und eindringlich aufgebaut !
    – Eine der – meiner Meinung nach – Königsdisziplinen, die Dialoge sind Dir unglaublich gut gelungen
    – Und last but not least : Der Schluss setzt dem Ganzen nochmal einen drauf !

    Ich kann nur wiederholen, dass mir Deine Geschichte richtig gut gefallen hat, ganz großes Kompliment.

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen („Glasauge“) und ein Feedback da zu lassen.

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    1. Sehr gute und spannungsgeladene Kurzgeschichte mit gutem Aufbau ,flüssigem Stil und ideenreichen Dialogen.Eine insgesamt hervorragend gelungene Geschichte,die begeistert und eine zahlreiche Leserschaft finden sollte.

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