MelindaNatalieMein stummes Ich

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„Amelie, Schatz, ich bin zu Hause“, hallt Toms Stimme durch unsere Wohnung. Vom Flur höre ich Rumoren und Rascheln von Kleidung, während ich noch schnell die Auflaufform in den Ofen schiebe. „Ich bin in der Küche!“, rufe ich zurück. „Gut, dass du da bist. Ich muss dir unbedingt etwas erzählen!“ Wie von selbst breitet sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus. Vor ungefähr zwei Stunden habe ich erfahren, dass mir meine lang ersehnte Beförderung nun endlich gewährt wurde. Aus diesem Grund habe ich auch Lasagne in Mengen für eine vierköpfige Familie gekocht, denn wenn ich aufgeregt bin, will ich aus irgendeinem Grund immer kochen.
Tom streckt lächelnd seinen Kopf in die Küche. „Uh, das riecht nach guten Neuigkeiten!“ Lachend kommt er auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Er kennt mich einfach zu gut, was nach über vier Jahren Beziehung aber auch kein Wunder ist.
Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und gebe ihm einen flüchtigen Kuss. „Rate mal“, fordere ich ihn immer noch grinsend auf. Wahrscheinlich werde ich die nächsten Tage nicht mehr aufhören zu lächeln.
Tom sieht mich eine Weile prüfend an, bevor er seine Augen aufreißt. „Die Beförderung?“
Ich nicke so heftig, dass mir meine blonden Haare ins Gesicht peitschen. Mein Freund jubelt, hebt mich hoch und dreht mich mehrmals im Kreis. Wir müssen beide lachen, als er mich schließlich wieder abstellt. „Das müssen wir feiern!“, bestimmt er sofort.
Ich nicke zustimmend. „Ja, auf jeden Fall. Aber ich muss zuerst gleich nochmal los, Mama hat mich vorhin angerufen.“ Ich nehme meine Kochschürze ab und hänge sie an den kleinen, extra dafür vorgesehenen Haken neben dem Kühlschrank. „Kannst du die Lasagne in zwanzig Minuten aus dem Ofen nehmen?“
„Klar, Schatz.“ Wir küssen uns zum Abschied, und dann mache ich mich auch sogleich auf den Weg. Wenn meine Mama anruft, springe ich eigentlich immer sofort los. Als ich noch ein Kind war, war sie immer für mich da und gab alles, um mir das beste nur mögliche Leben zu gewähren. Vor allem in meinen ersten acht Lebensjahren, in denen ich stumm war, war sie die beste Mutter, die ein Kind sich nur wünschen konnte. Ich glaube, ohne ihre Liebe wäre dieses Wunder, die plötzlich Genesung meiner Stummheit, nicht möglich gewesen.
Da heute so schönes Wetter ist und die Sonne auf mich herabscheint, beschließe ich, zu Fuß zu gehen. Es ist gerade Anfang Mai, fühlt sich aber beinahe schon an wie mitten im Sommer. Ich schließe kurz die Augen und genieße die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht. Ich bin keine zehn Meter weit gekommen, als ich von hinten jemanden meinen Namen rufen höre. Als ich mich neugierig umdrehe, entdecke ich unsere Nachbarin Denise winkend auf mich zukommen. Denise ist schon ein wenig älter und so etwas wie die gute Seele in unserem kleinen Wohnkomplex. Ein wenig außer Atem bleibt sie vor mir stehen. „Amelie! Gut, dass ich dich hier treffe. Ich habe etwas für dich.“
Überrascht hebe ich eine Augenbraue. „Ach ja?“ Erst jetzt bemerke ich den braunen Briefumschlag in ihrer rechten Hand, den sie mir nun entgegenstreckt. „Das Paket hier lag heute in meinem Briefkasten, ist aber an dich adressiert.“
Ein wenig zögerlich nehme ich den Umschlag entgegen. „Das ist ja komisch, ich habe gar nichts bestellt.“ Das Paket fühlt sich relativ leicht an, und ich spüre nur einen kleinen rechteckigen Gegenstand darin.
Denise zuckt mit den Schultern. „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, oder?“
Ich ringe mir ein Lächeln ab und verabschiede mich mit der Begründung, es eilig zu haben. Das Paket stecke ich in meine Handtasche, obwohl es mich förmlich darum zu bitten scheint, hineinzuschauen. Eigentlich will ja zuerst nach Mama schauen, doch dann schaffe ich es gerade mal bis in den nur fünfzig Meter entfernten Park, als meine Neugierde siegt. Seufzend setze ich mich auf die erstbeste Parkbank und ziehe das Paket wieder aus meiner Handtasche. Abwägend wiege ich es ein paar Mal in meinen Händen hin und her, bevor ich es aufreiße. Dann drehe ich die Verpackung um und lasse den Inhalt in meine flache Hand fallen. Irritiert runzle ich die Stirn, als ich erkenne, worum es sich handelt. Ein Handy? Wer schickt mir denn ein Handy per Post? Probehalber drücke ich auf den Ein-Knopf, woraufhin es sich tatsächlich entsperrt. Es ist nicht einmal mit einem Pin-Code geschützt, was in der heutigen Zeit schon sehr seltsam ist. Als Hintergrundbild ist ein etwas älteres Haus eingestellt, das mir irgendwo in den Tiefen meines Unterbewusstseins bekannt vorkommt. Ich halte mir das Handy so nah wie möglich vor die Augen, um das Haus genauer anzusehen. Plötzlich durchzuckt mich die Erkenntnis und ich lasse das Handy vor Schreck beinahe fallen. Ich schaffe es gerade noch, es aufzufangen. Mit klopfendem Herzen starre ich auf das Bild. Ich kenne dieses Haus, ich habe bis zu meinem achten Lebensjahr darin gelebt. Nein, nein, nein. Ich schüttle den Kopf, um der Erinnerung zu entrinnen. Dieses vergangene Leben zählt nicht. Mein wahres Leben hat erst danach begonnen.
Ich schlucke mehrmals hintereinander und spiele mit dem Gedanken, das Handy irgendwo zu vergraben. Oder drauf zu treten. Aber irgendetwas in mir hält mich davon ab. Dieses Foto meines alten Familienhauses … ich weiß genau, wann es aufgenommen wurde. Denn vor dem Haus sitzt mein ehemaliger Hund Balta. Balta, den ich nur ein Jahr lang hatte, als ich fünf Jahre alt war, weil er danach von einem Auto überfahren wurde. Dieses Foto ist damit ungefähr zwanzig Jahre alt. Und ich bin mir sicher, es zusammen mit allen anderen Fotos aus dieser Zeit verbrannt zu haben.
Beinahe manisch öffne ich die Bildergalerie auf dem Handy. Irgendwie habe ich es gewusst – gewusst, was ich zu sehen bekommen werde. Es sind nur wenige Bilder gespeichert, und sie alle zeigen mich als Kind vor meinem achten Lebensjahr. Damals noch mit braunen Haaren. Auf keinem der Fotos sehe ich glücklich aus, was allerdings auch nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, was mir alles in den jungen Jahren widerfahren ist…
Mit voller Wucht werfe ich das Handy zu Boden, und zwinge meine Gedanken dazu, Ruhe zu geben. Ich habe mir so viel Mühe gegeben, diese ersten acht Jahre meines Lebens aus meiner Erinnerung zu streichen und sie durch schöne Wunschvorstellungen zu ersetzen. Das werde ich mir jetzt nicht kaputt machen lassen durch irgendwelche alten Kinderfotos von mir, die eigentlich gar nicht mehr existieren dürften! Meine Atmung geht auf einmal viel zu hektisch, ich habe das Gefühl, kurz vor einer Panikattacke zu stehen. Schnell kneife ich meine Augen zusammen und versuche, mich selbst wieder zu beruhigen. Das funktioniert nur bedingt. Ich muss sofort zu Mama – Zeit mit ihr zu verbringen, wird mich an das erinnern, was wirklich zählt. Ohne weiter darüber nachzudenken, springe ich auf und will davoneilen. Doch dann drehe ich noch einmal um, hebe das Handy auf und stopfe es in meine Handtasche. Ich kann es nicht einfach hier liegen lassen. Wenn jemand es findet und Nachforschungen anstellt, könnte womöglich alles auffliegen! Ich sollte es sofort vernichten, aber ich muss zuerst herausfinden, wer es mir geschickt hat. Denn dieser jemand kennt mein dunkelstes Geheimnis.

 

„Hey, Paul, kannst du mir einen Gefallen tun?“ Am nächsten Morgen stehe ich am Hintereingang der forensischen Abteilung der hiesigen Polizeistation und sehe Paul bittend an. Er ist ein Arbeitskollege von Tom, der bei der Polizei arbeitet. Wenn man bedenkt, was für ein Geheimnis ich mit mir herumschleppe, ist es sicherlich nicht die beste Entscheidung, einen Polizisten als Freund zu haben. Aber man kann sich nun mal nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Und vielleicht habe ich auch die stille Hoffnung, dass er mir helfen würde, sollte jemals herauskommen, was ich getan habe.
Paul lehnt mit einer großen Kaffeetasse in der Hand im Türrahmen. „Klar, was kann ich für dich tun?“
Unsicher trete ich von einem Bein auf das andere, meine Hand bereits in meiner Handtasche. „Sag aber Tom nichts davon, ja? Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht.“
Paul lässt seine Tasse sinken. „Oh je, jetzt machst du mir langsam Angst, Amelie.“
Ich atme lautstark aus, und ziehe schließlich das Handy hervor. Neugierig beugt Paul sich nach vorne und begutachtet das Telefon in meiner Hand. „Das hier habe ich gestern per Post zugeschickt bekommen. Ohne Absender. Da sind … Fotos von mir drauf. Kannst du vielleicht schauen, ob du Fingerabdrücke darauf findest? Außer meinen natürlich.“
Paul sieht mich an, als hätte ich ihn gerade darum gebeten, eine Leiche für mich zu entsorgen. „Du hast einen Stalker, Amelie! Das musst du Tom sagen! Oder meinetwegen irgendjemand anderem bei der Polizei. Die können dir helfen, du kannst das nicht allein regeln.“
Ich lasse meine ausgestreckte Hand wieder sinken und drücke das Handy gegen meine Brust. „Bitte, Paul! Lass es mich zuerst allein versuchen. Wenn ich es nicht schaffe, kann ich immer noch zu Tom gehen.“ Als er immer noch nicht einverstanden aussieht, ziehe ich meinen einzigen Trumpf. „Du schuldest mir was. Diese Schuld fordere ich jetzt ein.“ Vor ungefähr einem Jahr habe ich ihn zufällig dabei erwischt, wie er seine Frau mit einem Mann betrug. Ich musste ihm versprechen, niemandem davon zu erzählen, und das habe ich bis heute auch nicht.
Paul presst seine Lippen zusammen, bevor er mir das Handy aus der Hand reißt. Ich folge ihm in das Innere des Labors und beobachte ihn anschließend dabei, wie er Fingerabdrücke von dem Handy nimmt. Das Ganze geht viel schneller, als ich gedacht habe.
Paul drückt mir das Handy wieder in die Hand. „Ich brauche noch deine Fingerabdrücke, damit ich sie von den eventuellen anderen unterscheiden kann.“
Ein leicht mulmiges Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus, aber ich stimme zu. In Gedanken sage ich mir immer wieder, dass es kein Problem ist, wenn die Polizei meine Fingerabdrücke gespeichert hat. Was ich damals getan habe, ist längst verjährt. Außerdem weiß die Polizei nicht einmal, dass damals ein Verbrechen geschehen ist, also haben sie auch keinen Grund mithilfe meiner Fingerabdrücke irgendetwas nachzuforschen.
„Ich melde mich, wenn ich die Fingerabdrücke zuordnen konnte“, gibt Paul mir schließlich subtil zu verstehen, dass ich jetzt besser gehen sollte. Die Tür fällt mit einem lauten Knall hinter mir zu, kaum dass ich das Gebäude wieder verlassen habe. Ich fühle mich nicht wirklich erleichtert, als ich zu meinem Auto zurückgehe. Ich habe letzte Nacht keine Minute geschlafen, weil meine Gedanken sich einfach nicht stumm schalten ließen. Immer wieder drängte sich dieselbe Überzeugung in den Vordergrund: Es gibt nur eine einzige Person, die weiß, was ich getan habe. Weil sie Teil meiner Tat, das Opfer, war. Aber nie kam jemand bei uns vorbei, der mich mit einem Tatvorwurf beschuldigte. Sie hat also entweder nichts gesagt oder niemand glaubte ihr. Ich tippe seit jeher auf zweiteres, da sie vor Jahren von ihren Eltern in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Sie kann gar nicht diejenige sein, die mir dieses Handy geschickt hat. Es muss eine andere Erklärung dafür geben.
Ursprünglich dachte ich damals nie, dass mein Plan so lange gut gehen würde. Ich dachte, ich würde ein paar schöne Tage haben, und danach würde sowieso alles auffliegen, weil sie mich verraten würde. Aber allein die Aussicht auf einige wenige schöne Stunden verleitete mich dazu, dies zu tun. Außerdem war ich nur ein Kind, ich wusste mir nicht anders zu helfen. Doch aus ein paar schönen Tagen wurden mehrere schöne Wochen, Monate, Jahre. Niemand merkte etwas, und ich sagte nichts.
Ein kurzer, aber lauter Klingelton lässt mich zusammenzucken. Gut, dass ich noch nicht losgefahren bin, sonst hätte ich jetzt bestimmt einen Unfall gebaut. Ich weiß sofort, dass der Ton nicht von meinem eigenen Handy stammt. Meine Hände zittern leicht, als ich in die Tasche greife und das neue geschenkte Handy herausfische. In der rechten oberen Ecke des Displays blinkt ein kleines grünes Licht. Ich schlucke, bevor ich es entsperre und die eingegangene SMS antippe.

 

Erinnerst du dich noch an mich, Amelie? Oder sollte ich lieber Karen sagen?

 

Das Handy rutscht mir aus der Hand und fällt in den Fußraum der Fahrerseite. Karen, Karen, Karen, höre ich immer wieder im Kopf die Stimme meiner Mutter. Nein, das bin ich nicht! Nicht mehr. Wütend fummle ich bei meinen Füßen herum, bis ich das Handy ertaste und wieder hochhebe.

 

Was willst du von mir???

 

Ich warte. Eine Minute, zwei, fünf, zehn. Aber keine Antwort. Ich pfeffere das Handy auf den Beifahrersitz und starte den Motor. Ich bin zwar einerseits wütend, aber andererseits hält mich auch die Angst fest in ihren Klauen. Vielleicht habe ich gar nicht mehr so lange Zeit, bis Paul die Fingerabdrücke zuordnen konnte.
Als ich beim Ausparken in den Rückspiegel schaue, bleibt mein Herz für eine Sekunde stehen und ich trete die Bremse durch. Über den Spiegel hinweg scheint sie mich direkt anzuschauen. Sie sieht aus wie ich, nur mit braunen Haaren. Sie trägt ein Kleid, das eher zu einem kleinen Mädchen passen würde, als zu einer Mittzwanzigerin, und lächelt mich an. Ja, irgendwie sieht sie aus, wie das unheimliche Mädchen aus dem Film The Ring. Für ein paar Sekunden bin ich wie erstarrt, doch dann löse ich meinen Blick von dem Spiegel, reiße die Autotür auf und springe aus dem Wagen. „Du jagst mir keine Angst ein! Nun sag schon, was…“ Ich halte mitten in meinem Gebrüll inne. Denn da ist niemand. Der ganze Parkplatz wirkt wie verwaist, dabei stand sie doch vor wenigen Sekunden noch direkt hinter meinem Auto. Mein Kopf ruckt herum, ich scanne die ganze Umgebung ab. Nichts. Habe ich mir sie nur einbildet? Spielt meine Fantasie jetzt schon verrückt? Nach allem, was in den letzten Stunden so passiert ist, wäre das durchaus denkbar. Aber irgendetwas sagt mir, dass sie nicht bloße Einbildung war, dass sie wirklich hier stand.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Parkplatze stehe, und bestimmt auf alle anderen Menschen wie eine Verrückte wirken muss. Doch irgendwann schaffe ich es, meine Beine wieder in Bewegung zu setzen und zurück zu meinem Auto zu gehen. Verzweifelt versuche ich dieses Gefühl, beobachtet zu werden, zu ignorieren. Hektisch steige ich den Wagen und brettere, dieses Mal, ohne in den Rückspiegel zu schauen, vom Parkplatz. Ich achte kaum auf den Verkehr, daher ist es ein Wunder, dass ich heile zuhause ankomme. Was soll ich nur tun? Sollte ich doch Tom alles erzählen? Nein, das geht nicht! Ich kann ihm nicht erzählen, was ich getan habe, viel zu groß ist meine Angst, dass er es niemals verstehen würde.
Die letzten paar Meter von meinem Stellplatz bis zur Wohnung renne ich wie vom Teufel gejagt, ohne dabei auf die irritierten Mienen einiger Passanten zu achten. Mit rasendem Herzen knalle ich die Wohnungstür so lautstark hinter mir zu, dass gefühlt das ganze Haus erbebt. Normalerweise bin ich kein ängstlicher Mensch, doch heute benutze ich zum ersten Mal das Sicherheitsschloss an unserer Tür. Erst danach fühle ich mich halbwegs sicher – wobei ich mir das vermutlich nur einrede, denn so wie meine Finger sich immer noch um den Henkel meiner Handtasche klammern, sieht mein Körper das mit der Sicherheit ganz anders. Langsam ein und wieder ausatmen, ermahne ich mich selbst und sitze minutenlang einfach nur schwer atmend auf dem Boden direkt vor meiner Wohnungstür. Eigentlich sollte ich arbeiten, wahrscheinlich sogar Überstunden machen. Die Beförderung bekommen zu haben, bedeutet sicher nicht, dass ich ab jetzt auf der faulen Haut liegen darf. Das kann ich mir nicht leisten, sonst bin ich die Beförderung schneller wieder los, als ich schauen kann. Aber wie soll ich mich in Ruhe hinsetzen und an meinem neuesten Projekt arbeiten, wenn meine dunkle Vergangenheit mich gerade wieder einholt? Ich arbeite in der Werbebranche und soll bis nächste Woche einen Werbeslogan für einen neuen Schokoriegel für Kinder entwickeln. Die Kunden wünschen sich natürlich etwas Fröhliches und Kinderfreundliches. Aber das einzige, was ich momentan zusammenbrächte, wäre höchstens für Halloween geeignet.
Nein, so funktioniert das nicht. Und ich kann auch nicht einfach Däumchen drehend abwarten, bis Paul die Ergebnisse bekommt. Wer weiß schon, wie lange so etwas dauert. Ich muss selbst irgendetwas tun, ich muss sie finden. Den einzigen Anhaltspunkt, den ich zu ihr habe, ist mein altes Haus, also sollte ich dort mit meiner Suche anfangen. Entschlossen rapple ich mich wieder auf und schüttle die Panik ab. Ich bin eine Kämpferin, seit jeher. Ich werde mich nicht so einfach unterkriegen lassen. Schon gar nicht von irgendeiner Verrückten, die offenbar ein Psychospiel mit mir spielen will. Mein Blick zuckt zur Schlafzimmertür, als ich mich erhebe und bereits nach der Türklinke greife. Da Tom Polizist ist, hat er einen Waffenschein und auch einen verschlossenen Waffenschrank, in dem er seine Pistolen aufbewahrt. Seine Dienstwaffe hat er jetzt natürlich dabei, aber er besitzt auch noch eine private Waffe – nur für den Notfall. Damit ich mich verteidigen kann, falls eingebrochen wird und er nicht da ist. Aus diesem Grund kenne ich auch den Pin-Code des Waffenschranks. Kurz zögere ich noch, doch dann ist meine Entscheidung gefallen. Ich will sie natürlich nicht erschießen, nicht einmal anschießen. Ich will nur, dass sie mich in Ruhe lässt. Ich darf mich nur nicht mit der Pistole erwischen lassen – und schon gar nicht, wie ich damit jemandem drohe. Denn dann dürfte es wahrscheinlich sogar für Tom schwer sein, mich wieder raus zu boxen.  Bevor ich es mir nochmal anders überlegen kann, tippe ich mit flinken Fingern den Code in das Tastenfeld neben dem Waffenschrank ein und hole die Pistole heraus. Tom hat mir gezeigt, wie ich sie entsichern und nachladen kann. Dieses Wissen nutze ich dazu, um erstmal sicherzustellen, dass das Magazin leer ist. Ich will ihr schließlich wirklich nicht wehtun, und um ihr zu drohen, genügt auch eine ungeladene Waffe. Außerdem stelle ich damit auch sicher, dass sie mich nicht verletzen kann, falls sie es schaffen sollte, mir die Waffe zu entwenden. Dann wickle ich die Pistole in einen Schal ein, damit sie nicht ganz so offen in meiner Handtasche liegt, und stecke sie ein. Meine Tasche fühlt sich auf einmal unglaublich schwer an, obwohl die Pistole selbst nicht viel wiegt. Ich weiß, dass es die Angst ist, die ich spüre. Die Angst, dass etwas schief geht, die Angst, erwischt zu werden. Die Angst, den größten Fehler meines Lebens zu begehen. Trotzdem mache ich keinen Rückzieher, und zwinge mich dazu, nicht mehr darüber nachzudenken, auf welche verschiedenen Arten diese Aktion schief gehen könnte.
Als ich den Fußweg zu meinem Auto nehme, fühle ich mich von allen Leuten beobachtet. So als wüssten sie ganz genau, dass ich etwas Illegales im Schilde führe. Es kommt mir so vor, als würde jeder Passant mich entweder vorwurfsvoll ansehen oder ängstlich vor mich zurückweichen. Das bildest du dir nur ein, sage ich zu mir selbst und gehe selbstbewusst weiter. Niemand kann wissen, dass sich eine Waffe in meiner Handtasche befindet. Es ist bloß meine eigene Panik, die mir das Gefühl gibt, von allen Menschen durchschaut zu werden. Nur noch zwei Meter von meinem Auto entfernt, bleibt mein Herz für eine Sekunde stehen. Eine Politesse steht direkt neben meinem Auto, fast so als würde sie dort auf mich warten, obwohl sie natürlich nur die Gültigkeit meines Parkscheins überprüft. Ich zwinge mich dazu, ruhig zu bleiben und einfach weiterzugehen, anstatt panisch zurück in meine Wohnung zu rennen, wie alles in mir es verlangt. Zum Glück habe ich den Autoschlüssel bereits in der Hand, denn in meiner Handtasche danach zu suchen, während eine Politesse unweit von mir steht, würde ich mich niemals trauen.
„Guten Tag!“, grüße ich so unbeschwert wie möglich und bleibe neben der Fahrertür meines Wagens stehen. „Es ist doch alles in Ordnung mit meinem Parkschein, oder?“ So etwas fragt man doch, oder etwa nicht? Würde ich unter normalen Umständen Small-Talk mit einer Politesse führen? Ich finde keine Antworten auf diese Fragen. In meinem Kopf herrscht gähnende Leere, so als hätte es gerade eben einen Kurzschluss in mir gegeben.
Die Frau sieht von ihrem Notizblock auf und mir direkt ins Gesicht. Verdammt, ich Vollidiot! Wahrscheinlich würde sie nicht einmal auf mich achten, wenn ich sie nicht angesprochen hätte. Sie wirkt noch relativ jung, höchstens Anfang dreißig, und zudem höchst motiviert. Es sieht nicht so aus, als würde ihr Job sie langweilen, sondern als würde sie ihn äußerst genau ausführen. Mit ihrem Dutt und den nachgezeichneten Augenbrauen sieht sie auf einmal streng aus, als sie mich mit gerunzelter Stirn mustert. „Ja, mit Ihrem Parkschein ist alles in Ordnung. Aber es scheint mir, mit Ihnen ist nicht alles in Ordnung. Sie sehen so blass aus, als hätten Sie eine Leiche im Kofferraum.“
Ich kann sie einfach nur anstarren, während mein Herz zu rasen beginnt. Gut, ich habe natürlich keine Leiche in meinem Kofferraum. Aber eine Pistole in meiner Handtasche zu haben, und das, ohne einen Waffenschein zu besitzen, erscheint mir auch nicht viel besser. Ich fühle mich ertappt und weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Da fängt die Politesse plötzlich schallend zu lachen an. „Das war nur ein Scherz! Sie sollten mal Ihr Gesicht sehen.“
Ich versuche mich ebenfalls an einem Lachen, aber ich bin mir sicher, dass es schrecklich gekünstelt klingt. Welche Politesse macht denn Scherze über Leichen im Kofferraum? „Der … der war gut! Aber sie können gerne in meinen Kofferraum schauen, wenn sie wollen.“ Ohne auf eine Antwort ihrerseits zu warten, stapfe ich zu meinem Kofferraum und öffne ihn für sie. Erwartungsvoll sehe ich ihr entgegen, bis sie schließlich ebenfalls um das Auto geht. Offensichtlich hat sie nicht erwartet, dass ich ihren Scherz so ernst nehmen könnte. Wahrscheinlich benehme ich mich gerade höchst verdächtig. Und weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, um sie von meinem nervösen und komischen Verhalten abzulenken, beginne ich wie ein Wasserfall zu reden. „Wissen Sie, eigentlich sollte ich das schon gewohnt sein. Ich meine, mein Freund ist Polizist, er macht andauernd solche Witze. Aber naja, ich habe gerade ein dünnes Nervenkostüm. Ich muss einen Werbeslogan entwickeln für diesen neuen Kinderriegel, Crocos Schokofreunde. Kennen Sie den? Nein, natürlich nicht, denn er ist ja neu. Na, auf jeden Fall habe ich nur noch bis nächste Woche Zeit dafür und mir will einfach nichts einfallen. Also … ich fühle mich wahnsinnig gestresst derzeit.“ Am Ende rede ich so schnell, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie mich überhaupt noch versteht.
Doch sie lächelt freundlich und hält mich offensichtlich nicht mehr für kriminell, sondern nur noch für eine Quasselstrippe und Burn-out gefährdet. „Wenn das so ist, will ich Sie nicht weiter aufhalten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und noch einen schönen Tag!“
„Danke, Ihnen auch einen schönen Tag!“, rufe ich ihr noch hinterher. Ich bin froh, dass sie nicht mehr auf mich zu achten scheint, während ich schnell den Kofferraum wieder schließe und endlich einsteige. Wahrscheinlich ist sie froh, so schnell wie möglich von der verrückten Werbefrau wegzukommen. Erleichtert und gleichzeitig kurz vor einem Herzinfarkt stehend lasse ich mich in den Autositz sinken. Ich brauche mehrere Anläufe, um den Motor zu starten, weil meine Finger so sehr zittern, dass ich das Schlüsselloch erst beim vierten Versuch treffe. Vermutlich sollte ich in meinem Zustand nicht Autofahren, aber mein altes Haus liegt fünfzig Kilometer entfernt in einer anderen Stadt. Also eindeutig zu weit, um zu Fuß zu gehen, und eine Busverbindung gibt es auch nicht. Immerhin kann ich die Fahrzeit dazu nutzen, um mich wieder halbwegs zu beruhigen und mir einen Plan zurechtzulegen. Wenn ich auf sie treffe, darf ich nicht in Panik ausbrechen und schon gar nicht improvisieren. Am besten überlege ich mir vorher ganz genau, was ich zu ihr sagen werde. So etwas wie: Ich will dir nicht wehtun, aber wenn du mich nicht in Ruhe lässt, zwingst du mich dazu. Nein, das klingt abgedroschen, wie aus irgendeinem Low-Budget-Film geklaut. Vielleicht sollte ich ihr etwas Geld anbieten? Ich verdiene nicht gerade schlecht und habe ein paar tausend Euro auf der hohen Kante. Ich könnte sie damit entschädigen, für das, was ich ihr damals angetan habe, und dann sehen wir uns nie wieder. Das klingt doch nach einer guten Möglichkeit, die meisten Leute wollen schließlich eigentlich immer Geld.
Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich in die richtige Straße einbiege, habe ich mir ein perfektes Konzept überlegt. Jetzt muss ich sie nur noch hier antreffen. Es ist auch gut möglich, dass diese Aktion ein Reinfall wird, weil sie gar nicht hier ist. Nur weil das Haus das Hintergrundbild auf dem Handy ist, heißt das ja noch lange nicht, dass sie hier sein muss. Aber einen Versuch ist es wert. Ich parke das Auto ein paar Häuser entfernt, und beschließe, das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Die Wohnsiedlung hat sie nicht sonderlich verändert, allerdings habe ich die meisten Erinnerungen daran verdrängt. Trotzdem weiß ich noch ganz genau, wo unser altes Haus steht – oder wohl besser: stehen sollte. Denn es ist nicht hier, wie vom Erdboden verschluckt. Dreimal gehe ich die ganze Straße entlang, mit dem Gedanken, mich vielleicht doch getäuscht zu haben. Aber ich bin mir sicher, dass es genau dort stehen sollte, wo jetzt ein hoch modernes Einfamilienhaus steht, das dem Katalog eines erfolgreichen Architekten entsprungen sein könnte. Ich runzle die Stirn. Wurde mein Haus etwa abgerissen? Womöglich wohnt sie ja in diesem neuen Haus. Das wäre allerdings nicht so gut für mich, denn wenn ihre Familie sich so ein Haus leisten kann, ist sie sicher nicht an meinen mickrigen 50.000 Euro interessiert.
Kurzerhand steure ich direkt auf das Haus zu. Sollte ich meine Pistole bereithalten? Nein, das kann ich nicht machen. Ich weiß ja nicht einmal, ob sie wirklich hier wohnt, und ich will nicht riskieren, dass irgendjemand anderes mich mit einer Waffe sieht. Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich mich dazu überwinden kann, zu klingeln. Schneider steht auf dem Klingelschild. Ein ziemlich häufiger Nachname, aber ich kenne dennoch niemanden, der so heißt. Unruhig trete ich von einem Fuß auf den anderen, während ich darauf warte, dass mir geöffnet wird. Nach nicht einmal einer Minute sehe ich durch das Milchglas der Tür hindurch eine Silhouette auf mich zukommen. Ein schon etwas älterer Mann ungefähr Mitte vierzig öffnet mir die Tür. Nicht nur sein Haus, sondern auch sein Aussehen schreit reich förmlich in die Welt hinaus. Er trägt einen Anzug, dessen Stoff verdächtig nach Seide aussieht, und passende Lackschuhe dazu. Wer läuft denn in seinen eigenen vier Wänden in so einem Outfit herum?
Er mustert mich einmal von oben bis unten und verzieht leicht den Mund. „Ja, bitte? Was kann ich für Sie tun?“
Ich räuspere mich, weil ich meiner Stimme auf einmal nicht mehr traue. „Entschuldigen Sie die Störung, Herr Schneider. Das mag vielleicht komisch klingen, aber wohnt hier eine Frau, die so aussieht wie ich, nur mit braunen Haaren?“
Der Mann hebt eine Augenbraue und sieht mich irritiert an. Wahrscheinlich fragt er sich gerade, ob ich womöglich aus einem Irrenhaus entkommen bin. Kurz befürchte ich sogar, er würde mir einfach die Tür vor der Nase zuknallen, doch dann schüttelt er den Kopf. „Nein, ich wohne hier allein mit meinem Mann. Und wir haben auch keine Tochter oder dergleichen. Wieso fragen Sie mich das? Soll ich jemanden für Sie anrufen?“
„Nein, nein, das ist nicht notwendig. Ich…“ Händeringend suche ich nach irgendeiner Erklärung, die ihn davon abhalten wird, die Polizei zu benachrichtigen, weil eine Verrückte vor seinem Haus steht. „Ich habe früher hier gewohnt, als Kind. Also naja, in dem Haus, das vor Ihrem hier stand. Ich dachte nur… Wissen Sie vielleicht, was mit dem Haus passiert ist?“
Sofort nimmt seine Miene einen verständnisvollen Ausdruck an. „Ach, Sie sind…“ Er spricht den Satz nicht zu Ende, und ich frage mich, für wen er mich wohl hält. „Nun, das ist eine sehr tragische Geschichte. Es gab einen Brand, das Haus ist fast vollständig abgebrannt. Erinnern Sie sich nicht mehr daran?“
Ich schüttle den Kopf. Nein, ich habe das Haus nicht mehr betreten, seit… seit meiner Tat damals. Ich habe nicht einmal mehr daran gedacht, geschweige denn, mich darüber informiert, was nach meinem Auszug damit passiert ist. Aber wenn das Haus abgebrannt ist – was ist dann mit ihr geschehen? Es war mein einziger Anhaltspunkt, wo ich sie finden könnte, doch jetzt könnte sie meines Wissens nach sonst wo leben. Als ich Mitgefühl in dem Gesicht des Mannes entdecke, weiche ich automatisch einen Schritt zurück. Keine Ahnung, welche Schlüsse er zieht, aber ich sollte schleunigst von hier verschwinden. „Vielen Dank für Ihre Auskunftsbereitschaft!“, sage ich schnell und drehe mich um. Ich höre ihn hinter mir herrufen, und beschleunige meine Schritte. Es war eine idiotische Idee, hierher zu fahren. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Nichts offensichtlich! Und genau das ist das Problem. Ich habe mir eine Waffe aus dem Waffenschrank meines Freundes genommen und bin damit durch die Gegend gefahren, um eine Frau zu bedrohen, damit sie mich in Ruhe lässt. Das ist doch nicht normal, das bin nicht ich! Sie und ihr Psychospiel bringen mich komplett durcheinander. Ich darf mich nicht so darauf einlassen. Paul hatte recht. Ich muss Tom davon erzählen, er weiß sicher, was zu tun ist.
Ich rase zurück zu meiner Wohnung und halte mich keine Minute an die geltenden Geschwindigkeitsbegrenzungen. Es ist bereits halb sechs Uhr abends, Tom sollte also schon von der Arbeit zurück sein. Auf einmal fühlt es sich richtig an, mit ihm darüber zu reden. Er ist mein Freund, er liebt mich, und wird sicher auf meiner Seite stehen. Alles wird wieder gut werden.
Auf dem Weg vom Auto zur Wohnung sehe ich eine SMS von Paul, dass die Ergebnisse der Fingerabdruck-Überprüfung da sind und ich ihn anrufen soll. Erleichtert atme ich aus. Noch ein Schritt weiter in die richtige Richtung. Tom und ich können Paul nachher gleich gemeinsam anrufen, nachdem ich Tom alles erzählt habe. Die Wohnungstür ist noch verschlossen, also ist Tom wohl doch noch nicht von der Arbeit zurück. Allerdings ist das vielleicht auch ganz gut, so habe ich noch etwas Zeit, um mich zu beruhigen. Aus dem Kühlschrank nehme ich mir ein Glas selbst gepressten Orangensaft, welchen Tom erst heute Morgen gepresst hat. Eigentlich würde mich in meinem derzeitigen Zustand auch der Sekt anlachen, der direkt neben dem Orangensaft im Kühlschrank wartet, aber vermutlich wäre das keine gute Idee.
Ausgelaugt lasse ich mich auf die Couch fallen, lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen. Dieser Tag war eine einzige Katastrophe. Hoffentlich hat das alles bald ein Ende. Es fühlt sich schrecklich an, andauernd fürchten zu müssen, dass man verfolgt wird. Wahrscheinlich werde ich auch noch Tage später, wenn das alles schon längst vorbei ist, unter Verfolgungswahn leiden. Vielleicht sollte ich Mama vorschlagen, zusammen ein Wellness-Wochenende zu machen, das würde meinen Nerven sicher guttun. Das Geräusch der aufschließenden Tür reißt mich aus meinen Gedanken. Sehr gut, Tom ist endlich hier. Meine Erleichterung darüber verfliegt jedoch im selben Moment, als ich aufstehe und mein Blick auf meine Handtasche fällt, die ich zuvor achtlos auf dem Esstisch habe liegen lassen. Oh nein, ich habe vergessen, die Pistole zurück in den Waffenschrank zu legen! Dabei wollte ich die Tatsache, dass ich versucht habe, die Angelegenheit mit einer Waffe selbst zu regeln, eigentlich unter den Tisch fallen lassen. Die ganze Geschichte ist schon schlimm genug, da muss er dieses kleine Detail ja nicht unbedingt auch noch wissen. Jetzt kann ich allerdings nur noch hoffen, dass er das Fehlen der Waffe vorerst nicht bemerkt, denn um sie zurückzulegen, ist es jetzt zu spät.
All meine Überlegungen lösen sich wie Rauchwolken in Luft auf, als eine Person das Wohnzimmer betritt. Es ist nicht Tom. „Hallo Amelie. Hast du mich vermisst?“
Unwillkürlich stolpere ich einen Schritt zurück und falle dabei fast über den Couchtisch. Sie trägt dasselbe Kleid wie heute Vormittag und dasselbe unheimliche Lächeln. So sehen in Horrorfilmen die Menschen aus, die von einem Dämon besessen sind. In dem Moment übernimmt mein Instinkt das Handeln für mich. Ich denke nicht darüber nach, sondern stürze einfach nach vorne zu meiner Handtasche. Es ist wohl mein Glück, dass sie nichts von der Pistole in meiner Handtasche weiß, denn ansonsten würde sie mich sicherlich davon abhalten, an die Waffe zu gelangen. Doch so sieht sie einfach aufmerksam dabei zu, wie ich mir meine Tasche schnappe. Sie wirkt auf mich ein bisschen wie ein Kind, das ein ihm noch unbekanntes Tier beobachtet. Neugierig, als könne sie es gar nicht erwarten zu sehen, was ich als Nächstes tun werde.
Ich ziehe die Pistole aus der Handtasche und lasse letzteres achtlos zu Boden fallen. Ein kurzer Blick nach unten genügt, damit ich den Sicherungshebel finden und die Waffe zum Schein entsichern kann. Sie wirkt nicht einmal beunruhigt, als ich auf sie ziele, was mich aufs Äußerste verwirrt. Sie kann ja nicht wissen, dass die Waffe nicht geladen ist. Ich an ihrer Stelle würde in Panik ausbrechen. Als sie einen Schritt auf mich zukommt, bin ich diejenige, die zurückweicht, dabei sollte es eigentlich umgekehrt sein. Wütend presse ich die Lippen zusammen. „Bleib da stehen! Glaub mir, ich schieße, wenn du nicht stehen bleibst!“ Immerhin bleibt sie tatsächlich stehen und beobachtet mich interessiert. „Sag mir, was du von mir willst. Geld vielleicht?“
Sie lacht kurz hart auf und schüttelt dann den Kopf. „Geld? Was soll ich mit Geld? Ich lass mich nicht einfach so von dir aus meinem Leben drängen! Das ist es, was ich von dir will: mein Leben zurück.“
„Vergiss es!“, antworte ich reflexartig. Ich kann ihr ihr Leben nicht zurückgeben. Ich habe mich daran gewöhnt die letzten siebzehn Jahre und ich werde es sicher nicht mehr hergeben!
„Schön, du hast es nicht anders gewollt.“ Bevor ich überhaupt den Sinn hinter ihren Worten verstehen kann, springt sie plötzlich auf mich zu und reißt mich zu Boden. In dem Moment wünsche ich mir wirklich, ich hätte die Munition doch nicht entfernt. Wir wälzen auf dem Boden hin und her, während ich versuche, die Pistole festzuhalten und gleichzeitig ihren Attacken auszuweichen. Einer ihrer Schläge trifft meine linke Gesichtshälfte und lässt mich für einen Moment Sterne sehen. Nur mit Mühe schaffe ich es, bei Bewusstsein zu bleiben. Alles in meinem Kopf dreht sich und schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen. Ich spüre den Ruck an meiner rechten Hand, als sie mir die Pistole entreißt, kaum. Ich muss mehrmals zwinkern, bis ich meine Umgebung wieder halbwegs scharf wahrnehmen kann und direkt in den Pistolenlauf schaue.
„Na, wer sitzt jetzt am längeren Hebel?“, fragt sie mich triumphierend. Sie sitzt rittlings auf mir und blickt mit hasserfüllter Miene auf mich herab.
„Du kannst mich nicht erschießen“, gebe ich selbstbewusst zurück. Ich werde nicht so einfach kleinbeigeben! Vor allem, da sie mit der ungeladenen Pistole ohnehin nicht viel anfangen kann.
„Amelie, was tust du da?“ Mein Kopf ruckt herum in Richtung der Stimme. Tom steht mitten im Flur und schaut schockiert in unsere Richtung.
Ich will ihm etwas zurufen, doch meine Stimme wird durch einen lauten Knall übertönt, der in meinem Kopf widerhallt. Tom sieht ungläubig und mit schmerzerfüllter Miene zu mir, bevor er vor meinen Augen zusammenbricht. „Ich kann dich vielleicht nicht erschießen, ihn aber schon“, nehme ich wie aus weiter Ferne ihre völlig emotionslose Stimme wahr. In der ersten Sekunde ist mein Kopf wie leergefegt, und plötzlich schießen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Wie ist das möglich? Ich habe das Magazin doch geleert! Was hat Tom mir damals erklärt? Im Lauf… Ich habe vergessen den Lauf zu überprüfen! Darin muss noch eine Kugel gewesen sein. Nein, nein, nein. Ich weiß nicht, ob sie von mir runtergeht oder ob ich sie zur Seite stoße, doch plötzlich sitzt sie nicht mehr auf mir und ich kann mich wieder bewegen. Ich krieche auf Tom zu, der mit glasigem Blick zur Decke starrt. Blut tränkt sein weißes T-Shirt und breitet sich immer weiter aus. „Tom!“, rufe ich, nicht fähig, irgendetwas anderes zu sagen. Tränen nehmen mir beinahe die Sicht, als ich endlich über ihm kniee. Rein intuitiv presse ich meine Hände auf seine Wunde, um die Blutung irgendwie zu stoppen, doch da ist so viel Blut. Innerhalb von wenigen Sekunden sind meine Hände blutrot. „Bitte, sag etwas! Du musst durchhalten, hörst du?“ Er öffnet seinen Mund, aber keine Worte verlassen ihn. Lediglich noch mehr Blut rinnt plötzlich aus seinem Mundwinkel.
Aus den Augenwinkeln nehme ich eine Bewegung wahr. Ohne es bewusst zu tun, hebt mein Kopf sich an und ich blicke direkt in ihre Augen. Sie steht über uns und sieht unbeteiligt auf mich herab. Dann lässt sie die Pistole neben mir zu Boden fallen, steigt über Toms Körper hinweg und geht einfach Richtung Tür. „Das kannst du nicht machen!“, rufe ich ihr hinterher. „Bleib gefälligst hier!“ Doch sie dreht sich nicht einmal um. Am liebsten würde ich ihr nachrennen und sie stellen, aber ich will Tom nicht allein lassen. Tom, der mich plötzlich mit nur noch leeren Augen ansieht. Tom, dessen Hand schlaff neben seinem Körper auf den Boden fällt. Tom, der gerade seinen letzten rasselnden Atemzug nimmt. „Nein!“, schreie ich immer wieder, bis ich vor lauter Schluchzern kein Wort mehr herausbekomme. Ich lehne meine Stirn gegen seine Brust und klammere mich an ihm fest, als könnte ich ihn so davon abhalten, mich jetzt einfach allein zu lassen. In der Ferne höre ich noch die Sirenen, bevor ich gar nichts mehr wahrnehme.

 

Ich fühle mich wie in Trance. Um mich herum dreht sich die Welt zwar weiter, aber es fühlt sich nicht mehr so an, als wäre ich ein Teil von ihr. In mir ist plötzlich diese gähnende Leere, als wäre ein lebensnotwendiger Teil von mir herausgerissen worden.
„Frau Müller!“, spricht mich zum bestimmt fünften Mal eine männliche Stimme an. Ich sitze in einem kahlen Raum an einem eisernen Tisch. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht daran erinnern, wie ich hierhergekommen bin oder wie lange ich schon hier sitze.
Eine Tür geht auf, aber ich sehe nicht auf. Jeder Atemzug tut so unendlich weh. „Lass mich mit ihr reden“, ertönt eine weitere männliche Stimme, die mir jedoch bekannt vorkommt. Ich zwinge mich dazu, den Kopf zu heben, und sehe geradewegs in das Gesicht von Anton. Toms Boss bei der Polizei. Ich habe ihn ein paar Mal getroffen, wir waren sogar einmal bei ihm zu Hause zum Abendessen eingeladen. Das alles erscheint auf einmal unendlich weit weg zu sein. 
Langsam lässt er sich mir gegenüber nieder und lässt mich dabei keine Sekunde aus den Augen. „Amelie, erzähl mir bitte, was passiert ist.“
Nein, ich will nicht daran denken. Ich schüttle den Kopf und schließe die Augen. Wenn ich die Augen wieder öffne, stellt sich bestimmt alles nur als ein böser Traum heraus. Ich würde mich gerne kneifen, aber das geht nicht, weil meine Hände mit Handschellen an den Tisch gefesselt sind.
Als ich schon fast wieder vergessen habe, dass Anton hier ist, höre ich ihn seufzen. „Hör zu, Amelie. Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht mit mir sprichst. Ich verstehe ja, dass das alles sehr … schockierend für dich ist.“ Schockierend? Das wäre nicht das Wort, das ich wählen würde. „Gut, ich muss dir sagen, dass der Fall ziemlich klar für uns aussieht. Gestern hast du unseren Forensiker Paul um Hilfe gebeten und wolltest auf keinen Fall, dass er Tom davon erzählt. Heute finden wir Tom tot vor, neben ihm seine Pistole mit deinen Fingerabdrücken drauf. Außerdem haben wir Zeugenaussagen, dass du dich nur wenige Stunden zuvor sehr merkwürdig verhalten hast. Hat Tom herausgefunden, dass du ihm etwas verheimlichst – diese Sache mit dem Handy – und du hast ihn im Affekt erschossen? War es so?“
Mein Kopf ruckt nach oben und ich reiße meine Augen auf. „Ich war das nicht! Ich liebe ihn, ich würde so etwas niemals tun!“ Wie kann Anton nur so etwas denken?
„Wer war es dann? Was ist passiert, Amelie?“ Seine Stimme klingt zwar sanft, aber ich nehme ihm sein Mitgefühl auf einmal nicht mehr ab.
„Es war Karen. Karen Ulinskie.“ Anton tauscht einen kurzen Blick mit seinem Kollegen, der zuvor erfolglos versuchte, mich zum Reden zu bringen. Dieser verlässt nun den Raum, um was auch immer zu tun. Anton belästigt mich vorerst nicht weiter mit Fragen, sodass ich wieder meiner Trauer nachhängen kann. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, bis sich die Tür erneut öffnet und drei Personen hereintreten. Der Polizist von vorhin, eine Frau Anfang vierzig und ein betuchter Herr mit schneeweißen Haaren. Ich frage mich nur nebenbei, wer diese Leute sind, denn im Grunde ist es mir egal. So wie mir momentan alles egal ist.
„Hallo, Frau Müller. Mein Name ist Anna, ich bin Ihre Anwältin.“ Ich sehe die Frau, die auf einmal sehr mütterlich auf mich wirkt, eine Weile schweigend an. Ich frage mich, warum sie mir ihren Vornamen nennt, denn das kommt mir sehr unprofessionell vor. Aber vielleicht gebe ich einfach einen so erbärmlichen Eindruck ab, dass sie glaubt, wie mit einem Kind mit mir reden zu müssen. Anna gibt den zwei Polizisten, die sich bis gerade eben murmelnd unterhalten haben, ein Handzeichen. Anton lässt sich daraufhin erneut schwerfällig in den Stuhl fallen. „Nun, Amelie. Da du nun deine Anwältin hast, können wir fortfahren. Der Herr neben dir ist unser Polizeipsychologe und wird ebenfalls während dieses Verhörs anwesend sein.“
Ich nicke nur, weil ich ohnehin nicht das Gefühl habe, sonderlich viel Mitspracherecht zu haben. „Also“, fährt der andere Polizist fort, den ich nun dank seines Namensschilds als „M. Bauer“ ausweisen kann. „Wir haben eine Personenabfrage durchgeführt. Es gibt keine Karen Ulinskie.“
Ich schüttle sofort heftig den Kopf. „Natürlich gibt es sie! Ich… Vielleicht hat sie ihren Namen geändert.“ Ich atme lautstark aus, als ich eine Entscheidung fälle. „Also gut, ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte.“
Herr Bauer verschränkt seine Arme vor der Brust und sieht mich abwartend an. „Ich bitte darum.“
Vor diesem Tag hatte ich immer Angst. Ich wollte nie, dass jemand herausfindet, was ich vor so langer Zeit getan habe. Aber jetzt muss ich es tun. Für Tom. „Mein richtiger Name ist nicht Amelie Müller. Ich bin Karen Ulinskie. Zumindest war ich es, bis zu meinem achten Lebensjahr.“ Ich spüre zwar die irritierten Blicke meiner Zuhörer, doch kaum, dass ich zu sprechen begonnen habe, wollen die Worte einfach endlich raus. „Ich bin als Karen Ulinskie geboren. Als ich acht Jahre alt war, habe ich dann zufällig ein Mädchen getroffen, dass bis auf die Haarfarbe genauso aussah wie ich. Ihr Name war Amelie Müller. Sie war stumm, und ein liebes Mädchen. Und sie wurde von allen gemocht. Mich hingegen mochte niemand. Meine Eltern interessierten sich nicht für mich und in der Schule wurde ich gemobbt. Da hatte ich diese Idee… Ich war nur ein Kind, ich wusste mir nicht anders zu helfen! Ich hab sie zu mir nach Hause eingeladen, damit wir uns gegenseitig Strähnchen in die Haare machen konnten. Meine Eltern waren wie meistens nicht da, also haben auch sie nichts mitbekommen. Dann… Ich habe ihr keine Strähnchen gemacht, sondern ihre blonden Haare braun gefärbt. Dann habe ich sie an einen Stuhl festgebunden und bin weggelaufen. Ich selbst habe meine Haare auch gefärbt, damit sie blond waren. So sah ich aus wie Amelie, und sie sah aus wie ich. Amelies Eltern erzählte ich, dass ich plötzlich doch sprechen könne und sie waren so überglücklich. Und naja, die echte Amelie war stumm, also konnte sie niemandem sagen, was passiert ist. Da meine Eltern sich nicht für mich interessierten, war es ihnen wohl auch egal, dass ich plötzlich stumm war. Ich dachte immer, das Ganze würde nach ein paar Tagen auffliegen. Ich meine, sie hätte ja auch einfach einen Brief schreiben können. Aber niemand merkte etwas, und dann eines Tages erfuhr ich, dass meine Eltern sie in eine Psychiatrie einweisen ließen. Wahrscheinlich … wahrscheinlich hat sie ihnen alles geschrieben, aber sie hielten sie für verrückt. Ich weiß nicht genau. Ich hätte etwas tun sollen, das weiß ich. Doch stattdessen habe ich einfach mein neues besseres Leben genossen. Und jetzt, jetzt ist sie wieder aufgetaucht und will sich offensichtlich rächen!“
Alle sehen mich so an, als hätte ich einen an der Klatsche. Ja, die Geschichte klingt auch verrückt, aber es ist die Wahrheit. „Sie hat Tom erschossen. Sie … Auf der Pistole müssen ihre Fingerabdrücke sein! Sie hatte keine Handschuhe an, das weiß ich.“
„Auf der Pistole waren lediglich deine und Toms Fingerabdrücke“, widerspricht Anton mir und zieht mir damit den Boden unter den Füßen weg. Nein, das ist unmöglich! Wie kann sie keine Fingerabdrücke hinterlassen haben? Immer wieder versuche ich mich zu erinnern, aber ich bin mir ganz sicher, dass sie keine Handschuhe trug.
Der Polizeipsychologe, dessen Namen ich nicht einmal kenne, verlässt zum ersten Mal seinen Platz an der Wand und kommt zu mir herüber. Unwillkürlich weiche ich ein Stück vor ihm zurück. Er scheint zu merken, dass ich mich unwohl fühle, denn er bleibt ein paar Schritte von mir entfernt stehen und begibt sich in die Hocke, sodass wir uns auf Augenhöhe befinden. „Könnte ich bitte mit Karen sprechen?“, fragt er und bringt mich vollkommen aus dem Konzept. Hat er denn nicht zugehört? Ich habe doch vor nicht einmal fünf Minuten erklärt, dass ich in Wirklichkeit Karen bin.
„Sie sprechen doch bereits mit ihr.“
„Könnten Sie uns bitte aufklären, Doc?“, mischt sich Anton ein und lenkt die Aufmerksamkeit des Doc auf ihn. Erleichtert atme ich aus, denn dieser Psychologe ist mir irgendwie unheimlich.
Der Mann erhebt sich wieder und nickt. „Natürlich.“ Daraufhin begeben sich alle wie auf Kommando in eine Ecke des Raumes und stecken die Köpfe zusammen wie Kinder auf dem Schulhof. Nur sind sie nicht sonderlich gut darin, leise zu sprechen, denn ich kann jedes Wort verstehen. Und vielleicht soll ich das sogar.
„Die junge Frau leidet meiner ersten Einschätzung nach an einer Dissoziativen Identitätsstörung, Ihnen allen wahrscheinlich besser bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung. Das bedeutet, dass sie mehrere Identitäten besitzt, die alle in ihr leben und abwechselnd die Kontrolle übernehmen. Diese Störung wird oft auf traumatische Erlebnisse in der Kindheit zurückgeführt. Daher vermutete ich, dass der Brand ihres Elternhauses und der damit in Zusammenhang stehende Tod ihrer Eltern zur Entwicklung einer zweiten Persönlichkeit geführt hat. Sie, also Karen, konnte mit diesem Erlebnis nicht umgehen. So entstand Amelie, die von da an die Kontrolle übernahm, und das nachfolgende Leben in ihrer Pflegefamilie lebte. Um eine genauere Diagnose stellen zu können, sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig.“
Das ist doch absoluter Blödsinn! Ich soll so sein wie dieser gruselige Mann aus dem Film Split? Haben die mir überhaupt zugehört? Es gibt eine Doppelgängerin von mir, keine zweite Persönlichkeit! Und meine Eltern sind auch nicht bei diesem Brand gestorben. Anscheinend gab es zwar wirklich einen Brand, denn das hat ja auch dieser Herr Schneider erzählt, aber der muss erst Jahre später passiert sein. Er hat nichts mit mir zu tun, daran könnte ich mich ja wohl erinnern!
„Können Sie mit dieser Krankheit auch erklären, wieso sie Tom erschossen hat?“, fragt Anton, und das bringt das Fass zum Überlaufen. Ich schlage so fest mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass die Handschellen klirren und ein dumpfer Schlag durch den kleinen Raum hallt. Einige der Anwesenden zucken zusammen. „Ich habe niemanden erschossen!“, schreie ich und rüttle an den Handschellen. „Und wieso reden sie eigentlich so über mich, als wäre ich gar nicht im Raum?“
Anna eilt zu mir, während die zwei Polizisten und der Polizeipsychologe sich weiter unterhalten, dieses Mal aber so leise, dass ich nichts mehr versehen kann. „Aber hör mal, Amelie. Das ist doch gut. Wir können auf Schuldunfähigkeit plädieren.“
Langsam drehe ich meinen Kopf in ihre Richtung. Mein Blick muss ziemlich furchteinflößend wirken, denn sie weicht unbewusst einen Schritt zurück. „Gut? Das nennen Sie gut? Dass ich als psychisch Kranke weggesperrt werde, während Toms wahre Mörderin dort draußen frei herumläuft?!“
Ich rüttle immer mehr an den Handschellen, weil ich das alles nicht fassen kann! In dem Versuch, mich irgendwie loszureißen, springe ich auf und stoße den Stuhl dabei um. Anna weicht nun endgültig vor mir zurück, während die Polizisten auf mich zueilen und mich wieder unter Kontrolle bringen. Ihr Griff ist grob, als sie mich nach vorne gegen den Tisch drücken. Anton löst zwar endlich die Handschellen, doch nur, um meine Hände sogleich wieder hinter meinem Rücken zu fesseln. „Ich denke, wir bringen dich erst einmal in deine Zelle, damit du dich etwas beruhigen kannst.“
Ich merke ziemlich schnell, dass es zwecklos ist, sich zu wehren, wenn beide Arme gefesselt sind und man von zwei Polizisten eskortiert wird. Ich muss einen anderen Weg finden. Vielleicht sollte ich darum bitten, Mama anrufen zu dürfen. Sie wird mir sicher helfen. Sie weiß zwar nicht, dass ich genetisch gesehen nicht ihre wahre Tochter bin. Aber sie kann zumindest bestätigen, dass sie mich nicht als ihr Pflegekind aufgenommen hat, nachdem meine Eltern bei einem Brand gestorben sind, wie es diese Polizisten offenbar vermuten. Dann werden sie hoffentlich Nachforschungen anstellen und die Diagnose dieses angeblichen Psychologen noch einmal überdenken.
Auf dem Weg zu den Zellen gehen wir bei einigen bodentiefen Fenstern vorbei, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Da drüben, nur ein paar Meter weiter links, ist die Freiheit. Und da sehe ich sie plötzlich. Sie steht direkt vor dem Gebäude, lächelnd und winkt mir zu. „Da ist sie! Sehen Sie doch!“, rufe ich und deute mit meinem Kopf in ihre Richtung.
Sie schüttelt lediglich den Kopf, als die Polizisten zwar tatsächlich kurz stehen bleiben, doch dann einfach weitergehen und mich mit sich zerren. Sie verbeugt sich kurz wie die Hauptdarstellerin ihres Theaterstücks, bevor sie auf dem Absatz kehrtmacht und in ihren High Heels davon stöckelt. Sie hat bekommen, was sie wollte – sie hat mir mein perfektes Leben wieder genommen.

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