xCelinaxRekonstruktion

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MONTAG

 

03:25 Uhr

 

Victor betritt seine Wohnung. Es ist fast halb 4 morgens und damit um einiges später als er erwartet hat. Er schlüpft aus seinen Boots, nimmt die Kapuze vom Kopf und zieht Handschuhe, sowie Lederjacke aus, welche er dann wahllos auf die Couch im Wohnzimmer wirft. Dann geht Victor ins Schlafzimmer.

 

Dort nimmt er seine Maske ab, welche schwärzlich ist und aus Metall besteht, öffnet seinen Tresor und legt sie dort hinein.

 

„Bis heute Abend Mr.Mutatio.“, meint Victor, als er den Tresor wieder verschließt. Dann entledigt er sich seines T-Shirts und seiner Hose, wirft sich ins Bett und bald darauf ist er eingeschlafen.

 

Jetzt hätte er -wortwörtlich- nie zu träumen gewagt, was für schreckliche Dinge ihm in den nächsten Stunden wiederfahren sollten.

 

 

 

07:00 Uhr

 

Die lauten Klänge des Weckers unterbrechen Victors Schlaf. Er öffnet die Augen und stellt ihn ab.

 

Noch ganz verschlafen steht der Mann auf und geht ins Badezimmer.

 

Victor unterzieht sich einer schnellen Dusche und schlüpft danach in die Klamotten, die er sich vor seiner gestrigen „Arbeitszeit“ zurechtgelegt hat. Ein einfaches, graues Shirt, eine Unterhose, Socken und eine Jeans.

 

Dann geht Victor zum Spiegel und setzt seine tägliche Routine fort.

 

Er stylt seine kurzen, weißen Haare und nutzt etwas Make-up. Mehr braucht es nicht um sein Aussehen von 21 auf 16 Jahre zu reduzieren. Das Ganze muss er jedoch täglich tun, um wie eine seiner gefälschten Identitäten, Stanley Smith, auszusehen.

 

Ja, er hatte, um seine Ziele zu erreichen, schon einige Identitäten. Momentan benutzt er außerhalb des Hauses zwei. Stanley Smith, ein einfacher Schuljunge, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, und Mr.Mutatio, ein Krimineller, der sein Geld dadurch verdient, anderen Kriminellen gegen Bezahlung Schutz zu bieten oder einen Teil des Geldes von den Aufträgen seiner Kopfgeldjägern zu erhalten.

 

Victor geht zurück ins Schlafzimmer, doch bleibt dann abrupt stehen. Vorhin, in seinem verschlafenen Zustand, hat er nicht gesehen, dass sein Tresor aufgebrochen wurde.

 

Wie konnte er das nicht mitkriegen? Schnell geht er zum Tresor. Er hofft, dass nur Geld gestohlen wurde, doch dem war nicht so. Stattdessen fehlt die Maske. „Scheiße!“, flucht Victor aufgebracht. Das kann doch nicht wahr sein!

 

Dann erblickt er ein fremdes Handy, welches anstelle der Maske im Tresor liegt. Hat der Dieb es etwa vergessen? Nein, das glaubt er nicht. Es muss aus einem bestimmten Grund dort sein. Victor nimmt es heraus und schaltet es an. Ein graues Display leuchtet ihm entgegen. Er probiert es zu entsperren, doch dafür benötigt er – natürlich- einen sechsstelligen PIN-Code.

 

„Na großartig! Es gibt fast 1 Millionen verschiedene Kombinationen. Es wird ewig dauern, die Richtige zu finden. Und so viel Zeit habe ich nicht! Aber ich brauche diese verdammte Maske!“, flucht er erneut.

 

Er steckt das Handy ein und geht ins Wohnzimmer. Dort erwartet ihn gleich die nächste Überraschung. Sein typisches „Mr.Mutatio-Outfit“ fehlt. Komplett. Die Jacke, die Schuhe, sogar die Handschuhe sind weg. Alles!

 

„Wenn ich dieses Arschloch erwische, dann wird es sich wünschen niemals auch nur auf den Gedanken gekommen zu sein, mich zu bestehlen!“, stößt Victor wütend aus.

 

Doch mehr als fluchen kann er nun auch nicht. Das wird ihm gerade klar. Somit greift Victor wütend nach seiner anderen Jacke, zieht ein paar Turnschuhe an, schultert den Schulranzen und schnappt sich Schlüssel, sein eigenes Handy und seine Sonnenbrille, während er die Wohnung verlässt.

 

 

 

07:40 Uhr

 

Victor tritt, während er seine Sonnenbrille aufsetzt, nach draußen. Sie schützt ihn gut vor der starken Sonneneinstrahlung, die seine Augen sonst erleiden müssten. Er leidet unter Albinismus, welches sich aber -glücklicherweise- nicht auf seine Sehstärke auswirkt.

 

Auf dem Weg zur Schule nimmt er das fremde Handy aus der Hosentasche und probiert ein paar Kombinationen aus. Keine funktioniert.

 

Er ist fast an der Schule als er frustriert das Handy in seine Jackentasche steckt. Überrascht fühlt er dort einen Zettel. Den hat er da nicht reingetan.

 

Victor holt ihn heraus und faltet ihn gänzlich auf. Darauf sind Striche und Punkte in unterschiedlicher Reihenfolge aneinandergereiht. Es sieht aus wie Morsezeichen, jedoch wurde der vorgeschriebene Abstand zwischen den dargestellten Zahlen oder Buchstaben nicht eingehalten. Daher weiß man nicht wo etwas anfängt oder aufhört.

 

Aber warum hat er eine verschlüsselte Nachricht in der Jackentasche? Ist es eine Nachricht vom Dieb? Soll er sie finden?

 

Der Weißhaarige ist so mit den Fragen beschäftigt, dass er nicht bemerkt wie ein Mädchen auf ihn zukommt. „Hey Stanley!“ Damit schreckt sie ihn aus seinen Gedanken. Victor dreht sich zu ihr um.

 

Es ist Emily, eine Freundin von ihm, welche in die Parallelklasse geht. „Hi Emy!“, grüßt er sie zurück und sie umarmen sich.

 

„Was hast du da?“, fragt Emily nach ihrer Begrüßung und deutet auf den kleinen Zettel in seiner Hand.

 

Jedoch, bevor er etwas erwidern kann, nimmt sie ihm den Zettel aus der Hand und begutachtet ihn. „Sind das Morsezeichen?“ „Ja, ich denke schon“, antwortet er überrascht, „Kannst du es etwa entziffern?“

 

Hoffnung keimt in Victor auf. Wenn sie das richtig entschlüsseln kann, dann würde er vielleicht etwas mehr über den Dieb erfahren. „Vielleicht. Aber es könnte etwas schwerer werden, da die Abstände zwischen den Buchstaben oder Zahlen nicht richtig eingehalten wurden.“, meint sie. „So weit war ich auch schon.“, dachte Victor, aber jetzt kam ihm eine Idee.

 

„Ich glaube es sind sechs Ziffern, falls dir das hilft.“, sagt er zu ihr. „Ja, das ist möglich. Aber wenn ich mal fragen darf: Woher hast du den Zettel?“, erwidert sie. „Ein Freund hat ihn mir gegeben und gesagt, dass ich bis nach der Schule herausfinden soll, was draufsteht.“, log Victor.

 

Eine eigentlich schwache Lüge, aber er kennt Emily. Sie ist sehr leichtgläubig und wird sicherlich darauf reinfallen, vor allem, weil er jetzt schon diesen Glanz in ihren Augen sehen kann. Den hat sie immer, wenn sie etwas unbedingt herausfinden will.

 

„Also, hilfst du mir dabei?“, fragt er sie. „Klar! Du weißt wie sehr ich Herausforderungen liebe!“, sagt sie fröhlich. Es hatte tatsächlich funktioniert. Innerlich gab Victor sich grade ein High-Five.

 

„Mein großer Bruder steht voll auf solche Sachen. Ich kann ihn anrufen, habe ja jetzt eine Freistunde. Wenn er was hat, komm ich nach der Stunde zu dir, ok?“ „Geht klar! Und danke dir, du bist die Rettung!“, meint er grinsend, verabschiedet sich und geht zum Unterricht.

 

 

 

08:40 Uhr

 

Es ist schon ein eigenartiges Gefühl in die Schule zu gehen, wenn man eigentlich schon einen Abschluss besitzt, aber Victor nimmt das an. Er findet, dass Schule ein Ort ist, wo man nicht als Krimineller beschuldigt werden kann. Das erwartet einfach keiner. Es sind schließlich noch Kinder.

 

Als er den Raum verlässt, in dem er grade Mathe hatte, kommt Emily grinsend auf ihn zu. Hat sie es etwa geschafft? „Kyle hat es tatsächlich entziffert!“, ruft sie begeistert. „Echt?! Das ist wunderbar! Was steht denn auf dem Zettel?“, erwidert er. Sie überreicht ihm den Zettel. Unter den Zeichen stehen jetzt sechs Zahlen:

 

1-7-0-9-1-4.

 

Verwundert zieht sich Victors Stirn in Falten. Ist das nicht der Todestag seiner Eltern? Der 17. September.2014? Ja, da ist er sich sicher. Aber ist das ein Zufall? Oder ist es gewollt? Schon wieder diese ganzen Fragen, die er nicht beantworten kann! Langsam beginnt es ihn aufzuregen, dass er nicht mit Sicherheit weiß.

 

„Ist alles okay, Stan?“ Zum Zweiten Mal des Tages reißt Emily ihn aus seinen Gedanken. „Ja, alles gut! Ich habe nur kurz nachgedacht. Danke, dass du mir geholfen hast!“, meint er zu ihr und umarmt sie. „Immer wieder gerne! Aber ich muss jetzt los! Unterricht ruft!“, sagt sie und will losgehen, doch Victor kommt erneut eine Idee. Wenn auch sie funktioniert, kann er sich schon viel früher auf die Suche nach dem Dieb machen.

 

„Emy, warte! Kannst du mich noch zum Sekretariat begleiten? Mir geht es schon den ganzen Tag scheiße. Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, der ganze Mist.“, ruft er ihr zu. „Klar! Mache ich, nicht das du noch umkippst oder so.“, sagt sie und kommt wieder auf ihn zu. Es hatte schon wieder funktioniert! Zusammen gehen sie in Richtung Sekretariat.

 

„Aber wieso bist du dann nicht gleich zuhause geblieben?“, will Emy auf den Weg wissen. „Ich dachte es verschwindet alles im Laufe des Tages.“, ist Victors einfache Antwort.

 

 

 

08:47 Uhr

 

Emily klopft für ihn an die Tür des Sekretariats. „Herein!“, ertönt die Stimme Frau Adams von innen. Victor und Emy treten ein.

 

„Hallo Frau Adam. Ich wollte mich abholen lassen.“ „Wen soll ich denn anrufen?“, fragt die Sekretärin freundlich. Victor nimmt sein Handy heraus und erwidert bittend: „Könnte ich das vielleicht selbst machen? Meine Mutter arbeitet gerade und mein Vater hat die Angewohnheit fremde Nummern sofort wegzudrücken.“ Sie nickt ihm lächelnd zu.

 

Victor geht durch seine Kontakte und klickt auf „Brian“. Er ist einer der Onkels seiner Freundin Jean und auch einer der Wenigen der weiß, dass Victor sich unter der Maske Mutatios versteckt. Deshalb spielt er auch immer den Vater, wenn Victor aus der Schule muss und vorgibt krank zu sein.

 

Er ruft ihn an und nimmt das Handy ans Ohr. Es klingelt zweimal, dann nimmt Brian ab.

 

„Ja?“

 

„Hi Dad! Kannst du mich eventuell von der Schule abholen? Mir gings doch heute Morgen nicht so gut.“

 

„Klar, gib mir zehn Minuten, dann bin ich da!“

 

„Ok, danke! Bis gleich!“

 

Dann legt Victor auf.

 

„Er ist in zehn Minuten hier.“, sagt er zu Frau Adam. „Ok, dann warte hier. Sobald er hier ist kannst du gehen.“, erwidert sie. Er nickt und dreht sich zu Emily. „Ich denke du kannst jetzt gehen, mein Dad kommt ja gleich! Danke, dass du mich hier herbegleitet hast!“, sagt Victor und umarmt sie. „Ist doch selbstverständlich! Gute Besserung dir!“ Dann verlässt sie das Sekretariat und geht zu Unterricht.

 

 

 

09:01 Uhr

 

Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit braunem, kurzgeschorenem Haar und graublauen Augen betritt das Sekretariat. Es ist Brian. Victor steht lächelnd von seinem Platz auf. „Hey Dad!“ „Hey Stan“, grüßt dieser zurück.

 

Während Victor seinen Schulranzen schultert, redet Brian kurz mit der Sekretärin. Dann verabschieden sich Beiden, gehen nach draußen und steigen in Brians VW Golf. Brian startet den Wagen und sie fahren los.

 

„Danke Kumpel, dass du es einrichten konntest!“, dankt Victor Brian. Dieser nickt ihm grinsend zu: „Null Problemo. Gern wieder! Mag nämlich eure Sekretärin. Sie ist niedlich! Aber was war denn der Anlass, wenn man fragen darf?“ „Weiß ich selbst noch nicht so ganz. Heute ist alles so ein bisschen wirr. Frag erst gar nicht weiter.“, antwortet Victor ihm darauf. Es ist zwar nicht die ganze Wahrheit, aber er erzählt Brian selten was er vorhat.

 

 

 

09:05 Uhr

 

Victor betritt seine Wohnung und setzt sich sofort auf die Couch. Er holt das fremde Handy heraus und schaltet es an. Dann gibt er den PIN-Code vom Zettel ein und drückt auf „Ok“.

 

Tatsächlich entsperrt sich das Handy. Victor lächelt erfreut. Dann wird er aber wieder überrascht. Auf dem Bildschirm ist nur eine einzige App zu finden. „Notizen“. Er öffnet die App und findet einen Eintrag mit seinem richtigen Namen. „Victor Antonio Schmidt“.

 

Verwundert zieht er eine Augenbraue hoch, klickt auf den Eintrag und liest folgende Nachricht:

 

„Du sollst leiden, wie ich leide“

 

„Was zum-?!“, denkt er verwirrt, „Bin ich in einem verdammten Horrorfilm, oder was?! Oder bei irgendeiner Show mit versteckten Kameras?“

 

Wieder und wieder liest er die Nachricht. „Du sollst leiden, wie ich leide…“, murmelt er immer wieder vor sich hin.

 

Wer leidet? Warum? Und was hat er mit den Problemen von irgendeinem Typen zu tun? Ist es vielleicht einer seiner alten Kunden, der jetzt einen auf „Mr.Mutatio“ machen will, um an Geld zu kommen? Oder um sich zu rächen?

 

Aber wie will der Typ sich rächen? Wie soll Victor leiden? Fehlendes Geld macht ihm nichts aus. Und er hat keine sonderlich engen Freundschaften. Sie alle sind nur ein Mittel zum Zweck. Alle bis auf…Jean.

 

Victor reißt entsetzt die Augen auf. Jean!

 

Im Eiltempo greift er nach seinem Handy. Wenn ihr jemand etwas antuen würde, könnte er es sich nie verzeihen.

 

Er scrollt durch seine Kontakte und ruft, sobald er sie gefunden hat, ihre Nummer an. Es klingelt. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, dann nimmt jemand ab.

 

„Hi, Jean hier! Ich bin zurzeit – warum auch immer- nicht erreichbar. Hinterlass mir eine Nachricht!“

 

Nur die Mailbox. Verdammt! Er legt auf und versucht es nochmal. Wieder die Mailbox. Diesmal legt er aber nicht sofort auf und wartet auf den bekannten Signalton. Dann beginnt er sofort zu sprechen:

 

„Hey Jean! Hier ist Victor! Ruf mich sofort zurück, wenn du das hörst! Bitte, es ist wirklich wichtig!“

 

 

 

09:57 Uhr

 

Victor tigert seit fast einer Stunde durch sein Wohnzimmer. Er wartet immer noch auf einen Anruf von Jean. Er hat noch weitere Male angerufen, doch jedes Mal konnte er nur auf die Mailbox sprechen. Er wäre schon längst zu ihr gefahren, aber er weiß nicht wo sie wohnt.

 

Victor ist kurz davor alles vor Sorge auseinanderzunehmen, als sein Handy vibriert. Er stürmt schon fast darauf zu. Eine Nachricht von Jean. Endlich!

 

Er öffnet den Chat und liest:

 

„Kannst du bitte aufhören mich anzurufen? Ich wollte es dir eigentlich schon früher sagen, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht. Jedenfalls: Es ist aus mit uns.“

 

 Wie erstarrt blickt er auf sein Handy. War das ihr Ernst?

 

Trotz der Bitte ruft er sie nochmal an. Diesmal ging niemand dran, denn sein Anruf wurde abgelehnt.

 

Ein ungutes Gefühl bildet sich in seinem Magen. Irgendwas stimmte hier nicht!

 

Er versucht sie seit einer Stunde zu erreichen und sie meldet sich dann kurz, um ihm zu sagen, dass sie Schluss macht. Und das obwohl sie vorgestern noch essen waren.

 

Das, was ihn aber am meisten stört, ist die Tatsache, dass sie ihm das Ganze geschrieben hat. Jean ist eigentlich ein Mensch, der alles persönlich klären will und nicht durchs Handy oder E-Mails. Sie geht überall hin, wenn es wichtig ist. Und das Beenden einer Beziehung ist nicht gerade unwichtig. Er muss unbedingt mit ihr sprechen!

 

Also greift Victor nach Jacke, Schlüssel und Sonnenbrille -seine Schuhe hat er gar nicht erst ausgezogen- und verlässt die Wohnung, um Jean zu suchen.

 

 

 

10:34 Uhr

 

Victor betritt eine Bar. Sie ist der erste Ort seiner Suche, denn Jean arbeitet dort.

 

Er geht zur Theke. Wenn einer wissen kann, wo sie gerade ist, dann der Barkeeper Tom. Ein Drogendealer, Schützling Mutatios und Jeans anderer Onkel.

 

Victor lehnt sich über die Theke und begrüßte Tom, welcher sich gleich zu ihm umdrehte.

 

„Victor? Bist schon wieder hier? Wo hast du denn Jean gelassen?“ Verwirrt blickte Victor ihn an. „Tom? Ich war heute noch gar nicht hier.“ „Doch klar! Standest heut Morgen in der Tür. Bist dann mit Jean los. Frühstücken bei ihr oder so.“, erwidert er ebenso überrascht, „Bin doch nicht blöd!“

 

„Wann soll das gewesen sein?“

 

„Halb Neun oder so“

 

„Tom, ganz ehrlich: Ich war heute noch nicht hier. Um halb Neun hatte ich keine Zeit. Außerdem hat Jean seit über einer Stunde nicht auf meine Anrufe reagiert. Sie hat mir erst vor einer halben Stunde geschrieben. Und das war auch keine schöne Nachricht. Sie meinte, es sei jetzt aus zwischen uns.“

 

„Sie hat was? Das ist doch gar nicht möglich! Und dann hat sie dir das geschrieben? Klingt mal gar nicht nach ihr!“

 

„Habe ich mir auch schon gedacht! Deswegen wollte ich jetzt mit ihr reden!“, meint Victor etwas aufgebracht.

 

„Halt mal kurz! Das heißt das warst du nicht? Aber der Typ sah aus wie du! Ehrlich!“

 

Victor schüttelt den Kopf: „Nein, ich war das nicht.“

 

„Aber wer wars dann? Und was macht der Typ bei Jean?“

 

Auf einmal leuchtet Victor etwas ein. Was, wenn das der Typ ist, der ihm die Maske gestohlen und das Handy mit der Nachricht hinterlegt hat? Seine Augen weiten sich und das ungute Gefühl in seinem Bauch wird stärker.

 

„Tom! Du musst mir unbedingt sagen wo Jean wohnt! Jetzt! Ich glaube sie ist in ernsthafter Gefahr!“

 

 

 

10:52 Uhr

 

Victor sprintet das Treppenhaus hinauf. Tom sagte ihm sofort wo er hinmuss, nachdem Victor ihm die Situation erklärt hat.

 

Die Lage ist komplett eskaliert. Zuerst ging es nur um seine Maske, jetzt rannte er zur Wohnung seiner Freundin, um sie vor -was-auch-immer -zu schützen.

 

Er kommt vor ihrer Wohnungstür an und klopft heftig an die Tür. Jean hat ihm vorgestern noch erzählt, dass ihre Klingel seit Wochen kaputt ist.

 

Aber es öffnet niemand die Tür. Victor versuchte es noch einmal, diesmal rief er zusätzlich ihren Namen. Wieder keine Reaktion. Ist sie überhaupt zuhause? Er schaut neben die Tür. Drei Paar Schuhe stehen dort auf einer Matte aneinandergereiht. Ein Paar einfache schwarze Turnschuhe mit weißer Sohle, welche aber selten gebrauch fanden, ein Paar schwarze einfache Boots, die sie für die Arbeit nutzt und ein Paar Plattform-Boots, Jeans Lieblingsschuhe.

 

Victor weiß, dass das Jeans einzige Schuhpaare sind. Und das hilft ihm nun seine Frage zu beantworten. Sie ist zuhause. Deshalb klopft er nochmal. Und zum dritten Mal bleibt die Tür zu.

 

Was, wenn ihr schon etwas passiert ist?

 

Damit packt Victor einen Entschluss und bricht die Tür auf.

 

 

 

 

 

10:57 Uhr

 

Er betritt Jeans Wohnung. Sie ist ausgesprochen ordentlich. Alles scheint einen festen Platz zu haben. Was Anderes hat er bei Jean auch nicht erwartet. Wären die Umstände anders, würde er sich alles genauer ansehen. Aber er muss Jean finden bevor es zu spät ist.

 

Das Glück scheint ihm weiterhin zur Seite zu stehen, denn er hört Jeans Stimme leise aus dem Raum am Ende des Flurs. Erleichtert atmet Victor aus. Sie lebt noch! Sofort rennt er in das Zimmer, aus dem er sie wahrgenommen hat.

 

Victor rennt in ein Wohnzimmer, bleibt jedoch abrupt stehen, als er das Bild sieht, welches sich ihm bietet.

 

Jean sitzt auf der Couch, die Augen verbunden. Hinter ihr steht ein Mann. Weißes Haar, hellblaue Augen, blasse Haut. Er gleicht Victor fast bis aufs letzte Haar, nur die Kleidung ist anders. Er trägt das „Mutatio-Outfit“, die Maske hält er in seiner rechten Hand. In der anderen befindet sich eine Pistole, die auf Jeans Kopf zielt.

 

„Victor, wer ist das?“, fragt Jean plötzlich. Bevor Victor jedoch ein Wort sagen kann, antwortet sein Double.

 

„Das ist der Doppelgänger, von dem ich dir erzählt habe. Der, der dich töten will, um sich an mir zu rächen. Aber keine Sorge, Jean! Du bist sicher, er wird dir nichts tun!“

 

„Er klingt sogar wie ich“, denkt Victor überrascht.

 

„Rächen? Wofür?“, fragt Jean sofort und wieder lässt sein Double ihm keine Zeit etwas zu sagen.

 

„Für einen Schuss, den ich vor zwei Jahren abgefeuert habe.“, meinte es und blickte zu Victor. Ein Schuss? Vor zwei Jahren?

 

Wie ein Blitz trifft ihn die Erinnerung.

 

///

 

Victor stand in einem Wohnzimmer. Vor ihm saß eine junge Frau, welcher er eine Pistole an den Kopf hielt.

 

Ein Mann kam hereingerannt. Es war sein Bruder Vincent.

 

Er blieb stehen als er die Pistole sah.

 

„Was zum-?! Victor was tust du?!“

 

„Es tut mir leid Bruder…“

 

Dann ertönte ein Schuss.

 

\\\

 

Erschrocken blickt Victor zu dem Mann vor ihm.

 

„Vincent?“, fragt er und sein Bruder wendet seinen Blick, der vorher bei Jean lag, wieder ihm zu.

 

„Victor, was ist hier los?“, ertönt Jeans Stimme.

 

„Nichts, alles ist gut. Er versucht dich zu verunsichern, indem er sagt ich wäre er. Hör nicht auf ihn.“, meint das Double zu ihr.

 

„Auf eine gewisse Art ist er ja auch gerade ich“, in seinen Gedanken begreift Victor langsam die Situation.

 

Sein Bruder hat sich seine braunen Haare gefärbt, trug Kontaktlinsen und die Kleidung Mutatios. Alles, um so auszusehen, wie Victor es vor ein paar Jahre tat.

 

Er will den Fall rekonstruieren.

 

Der „gleiche“ Mörder, der Bruder der reingerannt kommt, nur ist es nicht Sybille, die sterben soll, sondern Jean.

 

„Vincent hör mir zu! Es tut mir leid! Ich musste es tun, sonst wäre ich gestorben!“, versuchte Victor seinen Bruder von seinem Vorhaben abzuhalten.

 

„Es tut mir auch leid Bruder…“

 

Und dann…BANG!

 

Ein Schuss fiel, ein Mann schrie auf, seine Seele nun zerbrochen.

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One thought on “Rekonstruktion

  1. Moin,

    eine, richtig, richtig starke Storie! Den Plot den du dir da ausgedacht hast, die Art wie du schreibst, packend, fesselnd und einen Spannungsbogen aufbauend, all diese Dinge machen aus deiner Geschichte etwas ganz besonderes!
    Deine Kurzgeschichte hat genau die richtige Länge und war gut und flüssig zu lesen. Das Ende lässt Fragen offen und genau so muß eine Kurzgeschichte konzipiert sein.

    Mein Like lass ich dir gerne da und hoffe das viele andere meinem Beispiel folgen. Deine Geschichte verdient ein viel größeres Publikum!

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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