Alex.SchneiderSchuld und Sühne

Damals

Jakob schloss die Eingangstür auf, wobei er mehrere Anläufe brauchte, um den Schlüssel richtig ins Schloss zu stecken, und stolperte in die Wohnung. Die Mühe, angesichts der späten Uhrzeit besonders leise zu sein, machte er sich nicht. Sollte Tina doch aufwachen, sie würde eh nur schwer seufzen, ihm beim ausziehen helfen und ihn kommentarlos ins Bett verfrachten. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, wenn sie tatsächlich wach würde und ihm half. Er war nicht sicher, ob er die Knöpfe seines Hemdes noch alleine öffnen konnte.

Das Licht im Wohnzimmer war noch an, also war sie wahrscheinlich wieder mal auf der Couch eingeschlafen während sie auf seine Rückkehr wartete. Mit je einer Hand an der Wand abgestützt, schleppte er sich den schmalen Flur entlang bis zum Wohnzimmer. Er wollte gerade „Hallo“ sagen, um Tina aufzuwecken, da erstarrte er.

Sie lag da, auf dem Rücken, ein Arm hing schlaff von der Couch herab, schwebte direkt über einer leeren Glasflasche auf dem Boden. Der Couchtisch, der sonst so penibel aufgeräumt und nur mit Untersetzern und Fernbedienungen bestückt war, glich einem einzigen Chaos. Weitere Flaschen standen und lagen darauf, auf den größeren prangte ein Weinetikett, die kleineren Flaschen, die auf dem Glastisch verstreut herumlagen, zeigten die bunten Etiketten von hochprozentigen Spirituosen.

Doch nicht die Flaschen ließen ihn erstarren und nach Luft schnappen, während er weiter wie paralysiert in der Wohnzimmertür stand. Was Jakobs Aufmerksamkeit auf sich zog waren die zwei offenen weißen Plastikdosen, offensichtlich beide leer, die neben den Flaschen lagen. Er kannte die Döschen, wusste, was sich darin befand. Tina bewahrte sie normalerweise im Badezimmerschrank auf, ganz oben, damit Philipp nicht an die Pillen herankam.

Philipp.

Jakob drehte sich auf dem Absatz um und hastete den Flur hinunter, so schnell es der sich anbahnende Schwindel und der dröhnende Kopfschmerz erlaubte.

Polternd stieß er die Tür zum Kinderzimmer auf, schaltete das Licht an und stand nach wenigen großen Schritten am Bett. Diesmal bemühte er sich nicht, leise zu sein, um Tinas Sohn nicht zu wecken, er wusste, dass dies nicht passieren würde. Jakob riss die Steppdecke zur Seite und beugte sich über den kleinen schlaksigen Körper, rüttelte kurz an der schmalen Schulter.

Keine Reaktion.

Sein Herz pochte schneller, er konnte den Rhythmus seines Pulses in seinem Kopf spüren, Übelkeit stieg in ihm auf, gleichzeitig wurden seine Handflächen feucht.

Selbst in seinem von Alkohol vernebelten Hirn wusste Jakob sofort, was passiert war, was sie getan hatte.

Einen Moment blieb ihm die Luft weg und sein Brustkorb verengte sich. Er schluckte, blinzelte heftig, leckte sich nervös über die Lippen. Er wusste, dass er keinen Krankenwagen würde rufen können, nicht angesichts der Fragen, die ihm die Sanitäter mit absoluter Sicherheit stellen würden, wenn sie Tina untersuchten. Und plötzlich wusste er, was er stattdessen tun musste. Er schob die Decke zurück über den kleinen Körper, drehte sich um, löschte das Deckenlicht und lief den Flur wieder zurück.

Lautlos zog er die Wohnungstür hinter sich zu und stieg die Treppen herab, die er sich erst wenige Minuten zuvor mühselig herauf gekämpft hatte.

Heute

Die schwere Echtholztür fällt hinter ihm zu und löst ein dumpfes Geräusch aus, das in der leeren Kirche widerhallt. An diesem Abend nimmt Jakob das hohle Klacken, das er sonst so tröstlich und beruhigend findet, kaum war. Sein Kopf ist zu beschäftigt damit, die in beängstigender Geschwindigkeit umher schwirrenden Gedanken einzufangen, damit er sich mit einem von ihnen konkret beschäftigen kann, ihn wirklich denken kann, doch sie scheinen seinem Verstand zu entgleiten wie eine eingeölte Seifenflasche, sobald er einen Gedanken gepackt hat.

In letzter Zeit suchen die Träume ihn wieder vermehrt heim, machen einen erholsamen Schlaf schlichtweg unmöglich mit ihrer überwältigenden Detailliertheit und den beängstigend echt wirkenden Bildern.

Der Hergang war immer derselbe. Jakob war im Treppenhaus, rannte hinauf zur Wohnung und stolperte hinein nachdem seine zittrigen Finger sich scheinbar ewig mit dem Schlüssel im Schloss abmühten und endlich die Tür auf bekamen. Durch den Flur rennend bog er mal zuerst links ins Wohnzimmer ab, mal rechts ins Kinderzimmer und sah sie, Tina und Philipp, rüttelte an ihnen, schrie sie an, sie sollen wach werden, rannte zwischen den beiden Räumen hin und her, von der Couch zum Kinderbett, vom Kinderbett zur Couch. Jedes Mal bäumte sich plötzlich einer der beiden liegenden Körper röchelnd auf, die blutleeren Augen weit aufgerissen, und starrte ihn durchdringend an. „Mörder“, flüsterte dann mal Philipp, mal Tina, bevor ein Schwall voll Blut aus dem Mund auf den Boden floss und alles um Jakob herum tiefrot färbte bis er in der zähen Flüssigkeit zu ertrinken drohte. Jedes Mal wachte er an dem Punkt schweißgebadet und schwer atmend auf und fand den Rest der Nacht keinen Schlaf mehr.

Langsam geht er den Mittelgang entlang, versucht, möglichst tief und gleichmäßig zu atmen und die Atmosphäre der gotischen Kirche auf sich wirken zu lassen. Hier ist sein Rückzugsort. Hier wird er seine Gedanken sortieren können und wieder Ruhe finden, so wie immer wenn die Vergangenheit ihn heimsucht.

Seine Beine tragen ihn fast schon automatisch zu seinem angestammten Platz in der vierten Reihe, dort, wo die Sicht auf das große, in buntem Bleiglas dargestellte Stillleben von Jesus und seinen Jüngern in der Fensterfront hinter dem Altar besonders hübsch ist.

Die Bank knarzt leise, als Jakob Platz nimmt. Er bekreuzigt sich und senkt dann den Kopf, um ein Gebet zu beginnen, als sein Blick etwas streift, das unter der vorderen Sitzbank liegt. Ein kleiner blauer Gegenstand, so groß wie ein Handy, ist halb versteckt unter der Fußablage.

Mit dem Fuß schiebt er das Ding unter der Bank hervor. Es ist tatsächlich ein Handy. Er hebt es auf und betrachtet es eingehend. Es musste einem Besucher unbemerkt herunter gefallen sein, dank einer schützenden Plastikhülle hat es jedoch keinerlei Kratzer. Insgesamt sieht es ziemlich neu aus, allerdings hat Jakob keine große Ahnung von Smartphones und kann somit nicht sagen, um welches Modell es sich handelt. Versuchsweise tippt er zweimal auf das Display und sofort leuchtet das Mobiltelefon auf und zeigt ihm einen Sperrbildschirm, auf dem die aktuelle Uhrzeit auf dem Hintergrund eines glänzend schwarzen Sportwagens zu sehen ist. Jakob entscheidet, dass es das beste sein würde, das Mobiltelefon mit nach Hause zu nehmen und bei nächster Gelegenheit dem Küster zu geben, der jetzt am späten Abend nicht mehr anzutreffen ist.

Gerade will er das Smartphone in seine Jackentasche stecken, da überkommt ihn ein spontaner Gedanke, ein Gefühl der Neugier wie er es seit Kindertagen nicht mehr erlebt hat. Heutzutage hat fast jeder Mensch alle möglichen Informationen in seinem Handy gespeichert; er hält gerade sozusagen das Privatleben eines anderen Menschen in der Hand. Unschlüssig beißt er sich auf die Unterlippe. Er ist völlig allein in der Kirche, was würde es schaden, einen kurzen Blick hinein zu werfen? Wahrscheinlich ist das Teil sowieso mit einer PIN gesperrt, um es vor neugierigen Blicken wie dem seinen zu schützen. Es wäre also nichts dabei, es einmal auszuprobieren, das Handy würde ihn sowieso am stöbern hindern.

Erneut tippt Jakob auf das Display und erneut leuchtet das Bild des Luxusautos auf. Er streicht quer darüber und ist überrascht, als plötzlich ein anderes Bild erscheint, das die Nahaufnahme eines Fußballs auf blassgrünem Rasen zeigt.

Was nun? Soll er wirklich in der Privatsphäre eines Anderen herumstöbern? Bevor er es sich anders überlegen kann, tippt Jakob auf das Menü-Symbol. Unzählige kleine Quadrate zeigen ihm die Möglichkeiten seiner Spionage auf: Email-Postfach, Galerie, Nachrichten, Kontaktliste. Kurzentschlossen wählt er die Galerie, Fotos scheinen ihm am interessantesten. Es gibt lediglich ein einziges Album. Jakob überfliegt die kleinen Voransichten der ersten Fotos. Ungläubig weiten sich seine Augen. Die Nackenhaare stellen sich ihm auf und mit einem Schlag verzieht sich jeglicher Speichel aus einem Mund.

Das ist nicht möglich, schießt es ihm durch den Kopf wie ein Blitz.

Die Vorschaubilder sind winzig, aber der Inhalt der Fotos ist unverkennbar. Unverkennbar deshalb, weil er die Bilder bereits kennt, ebenso wie die Personen auf ihnen.

Jakob wählt das erste Bild der Reihe aus und vergrößert es. Beinahe fällt ihm das Handy aus der Hand, als er in sein eigenes Gesicht blickt und reflexhaft seinen Griff lockert.

Auf dem Foto ist er jünger und sein Gesicht ist ein wenig voller, aber es ist eindeutig er selbst zu sehen, wie er breit lachend posiert, ein Arm in Richtung Kamera gestreckt, um den Auslöser zu drücken, während der andere Arm locker um die Schulter der blonden Frau gelegt ist, die neben ihm steht und ebenso wie er in die Kamera lacht.

Tina.

Beim Anblick ihres Gesichtes spürt Jakob einen kurzen dumpfen Schlag tief im Solar Plexus, als hätte jemand direkt in ihn hinein gegriffen und halte seinen Magen in einem unbarmherzigen Klammergriff.

Mit dem Daumen wischt er nach links und betrachtet das nächste Bild in der Reihe. Wieder ein Selfie, diesmal haben sie die Seiten getauscht und die junge Frau hat ihren schlanken Arm in die Kamera gestreckt.

Tina hatte Selfies geliebt und oftmals darauf bestanden, ein Foto zu machen. „Ach komm schon,“ hatte sie immer gesagt, „das ist doch eine tolle Erinnerung an einen besonderen Moment.“

Im Schnelldurchlauf geht Jakob die folgenden Bilder durch, die diese besonderen Momente eingefangen hatten. Alle sind ähnlich und zeigen ein Pärchen, das glücklich in die Kamera lächelt, sich küsst oder Grimassen schneidet.

Beinahe hätte er zu weit gewischt, als er plötzlich an einem Foto hängen bleibt, das Jakob nicht kennt. Dieses ist komplett anders als die Vorgänger, in dem Sinne, dass es nur eine Person in der Nahaufnahme zeigt. Und auch, weil auf dieser Nahaufnahme die blonde junge Frau nicht lächelt, einen Kussmund macht oder die Zunge heraus streckt. Dazu ist sie angesichts der aufgeplatzten Unterlippe wahrscheinlich gar nicht fähig gewesen. Ihr rechtes Auge ist halb geschlossen, das Lid dick geschwollen, und umrandet von einem dunkelvioletten Hämatom, das sich in verschiedenen Farbschattierungen bis zur Wange zieht.

Schnell blättert Jakob zum nächsten Foto. Wieder eine Nahaufnahme, der Bildausschnitt reicht vom Kinn bis zum Ansatz eines Dekolletés. Rote Striemen ziehen sich quer über den offensichtlich weiblichen Hals.

Jakobs Kopf schießt hoch. Hektisch sieht er sich in der Kirche um. Sein Herz schlägt wie wild, so laut, dass er überzeugt ist, es nicht nur zu spüren, sondern laut schlagen zu hören.

Bilder strömen im Takt seines Herzschlages vor sein inneres Auge, laufen ab wie eine Diashow. Tina, das Gesicht angstverzerrt, die Hände zur Abwehr gehoben. Nächstes Dia.

Jakobs Arm, ebenfalls erhoben, die Hand zur Faust geballt. Nächstes Dia. Wieder Tina. Am Boden liegend, die Handfläche gegen die Wange gepresst, das Gesicht verschmiert mit Blut, Wimperntusche und Tränen. Nächstes Dia. Philipp. In der Tür stehend, die kleinen Hände fest in den Saum des Schlafanzugoberteils gekrallt, die Augen weit aufgerissen, Panik stand ihm in Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben.

Ein erstickter Laut, irgendwas zwischen winseln und röcheln, holt Jakob wieder in die Wirklichkeit zurück und er realisiert, dass er aus seiner eigenen Kehle stammt.

Was zur Hölle ist hier los? Wem gehört dieses Handy?

Er starrt das Gerät an wie ein gefährliches Tier, das ihn jederzeit anspringen könnte. Plötzlich kommt ihm eine Idee, die so aberwitzig wie lächerlich ist. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er den Besitzer des Smartphones persönlich kennt? Vermutlich gegen null.

Andererseits… auf dem vermeintlich fremden Handy sind Fotos von von ihm selbst, also ist die Möglichkeit vielleicht doch nicht so abwegig. Schnell zieht er sein eigenes Handy aus der Tasche, ruft auf dem fremden Handy das Tastenfeld auf und wählt seine Handynummer.

Das leise Tuten des Freizeichens klingt aus dem blauen Handy und einen Augenblick später blinkt das Display von Jakobs Handy auf.

Mit einem Poltern rutscht ihm vor Schreck nun tatsächlich das Handy aus der Hand, allerdings sein eigenes, dass er, sobald er den Namen des Anrufers gelesen hat, fallen lässt wie ein Stück heiße Kohle.

Hastig hebt er das noch immer vibrierende Telefon auf und beendet den Anruf, ohne noch einmal darauf zu schauen. Sein Gehirn ist durcheinander. Sicher hat es ihm einen Streich gespielt. Seine Synapsen sind schlichtweg so überfordert, dass er falsche Schlüsse gezogen und alte Erinnerungsfetzen fehlerhaft in Zusammenhang gesetzt hat, denn wie anders ist es zu erklären, dass er auf seinem Display den Namen „Philipp“ gelesen hat?

Beruhige dich, ruft er sich selbst innerlich zu Ordnung. Nicht nur aus offensichtlichen Gründen ist dies unmöglich. Tinas Sohn hatte gar kein Handy besessen, er war doch noch viel zu klein gewesen.

Nein, halt. Tina hatte ihm eines geschenkt, als er aufs Gymnasium gewechselt war, gar nicht so lang bevor…

Diesmal verdrängt Jakob energisch die aufkeimenden Bilder und beginnt, im Kopf Zahlen zu überschlagen. Damals, vor 6 Jahren, war Philipp erst 11 gewesen. Viel zu jung, um…

Knarz.

In der Bank hinter ihm ertönt das Geräusch von jemandem, der sich hinsetzt.

Hallo Jakob.“

Jakobs Gehirn arbeitet aufgrund der ihn übermannenden Panik so langsam, als seien die winzigen Rädchen darin mit zähflüssiger Molasse umhüllt, sodass er einen Moment braucht, die ihm einst so vertraute Stimme der korrekten Person zuzuordnen.

„Du sagst ja gar nichts. Bist du so überrascht? Ach, natürlich bist du das, du hast ja wohl kaum mit mir gerechnet, nachdem du mich damals ZURÜCKGELASSEN HAST UND EINFACH ABGEHAUEN BIST!“ Bei der schieren Wucht der letzten Worte zuckt Jakob zusammen, dreht sich aber noch immer nicht um.

Ihm ist, als wäre er in einem seiner Träume gefangen, nur, dass er diesen hier noch nicht kennt und nicht weiß, wie der Ablauf ist. Und, dass er sich viel zu verdammt real anfühlt.

„Was“ er bricht ab, muss sich räuspern, setzt noch einmal an. „Was machst du hier?“ Was willst du von mir?

Ihr Lachen ist hell und klar, doch es entbehrt jeglicher Fröhlichkeit.

„Das sind tatsächlich deine ersten Worte an mich? Nach all der Zeit, nach allem was passiert ist? Versuchen wir das doch nochmal, hm?“

Jakob schluckt gegen den Kloß in seinem Hals an. Verschwinde und lass mich in Ruhe! würde er am liebsten brüllen. Ich wollte das doch alles nicht!

„Es tut mir leid“ sagt er halblaut. Es klingt so atemlos, als wäre er kurz zuvor einen Marathon gelaufen.

Ein Quietschen von der Bank hinter ihm, gefolgt von warmem Atem in seinem Nacken suggerieren, dass sie sich vor gelehnt hatte.

„Was tut dir denn leid? Dass du mir den liebenden, fürsorglichen Freund nur vorgespielt hast? Dass du mich nach Strich und Faden verprügelt hast, wenn du zu viel getrunken hattest? Oder dass du uns umgebracht hast?“

Jakob schnappt nach Luft und wirbelt nun doch herum.

Sie ist immer noch genau so schön wie damals, wie auf den Pärchenfotos, die er sich gerade eben erst angeschaut hatte. Einen Moment lang starrt er sie bloß an. Kurz überlegt er, die Hand zu heben und sie probeweise zu berühren, um zu testen, ob sie wirklich real war. Aber etwas sagt ihm, dass ihm die Gnade, jeden Moment aufzuwachen, nicht gewährt sein wird.

„Ich habe euch nicht umgebracht.“ Er ist selbst überrascht davon, wie stark seine Stimme klingt.

Tina lehnt sich wieder zurück. „Das stimmt natürlich, sonst säße ich ja jetzt nicht hier. Weißt du übrigens, wie schwer es war, dich zu finden?“ Sie wiegt den Kopf sanft hin und her. „Ich muss schon sagen, die Idee, den Mädchennamen deiner Mutter anzunehmen und aus Jakob Bastian Kolmer Sebastian Neumeister zu machen war wirklich clever. Du dachtest wohl, in die Anonymität einer Großstadt zu flüchten würde dir Sicherheit geben. Damit du nochmal neu anfangen kannst.“ Sie wackelt schelmisch mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht, bevor sie fortfährt.

„Natürlich habe ich keine sechs Jahre gebraucht, um dich zu finden. Aber leider sind die Möglichkeiten der Recherche erheblich eingeschränkt, wenn man im Gefängnis sitzt.“

Jakobs Augenbrauen heben sich perplex nach oben.

„Ja glaubst du denn, wenn du deinen eigenen Sohn tötest, bekundet dir die Polizei ihr aufrichtiges Beileid und wünscht dir dann noch ein schönes Leben?“ Tina schnaubt verächtlich. „Die gleichen Ärzte, die dich in der Notaufnahme so mitleidig ansehen, wenn du sagst, du bist gestolpert und gegen die Tischkante gefallen, raten dir während der Haft dringend zur psychologischen Behandlung, sobald sie fertig sind, deinen Magen auszupumpen. Weil du emotional labil bist.“ Bei den Worten emotional labil malt sie mit den Fingern imaginäre Gänsefüßchen in die Luft.

„Fünf Jahre lang habe ich die Welt da draußen durch Gitterstäbe betrachtet. Aber zumindest bin ich jetzt offiziell von Gesetztes wegen frei von jeglicher Schuld. Und gelte wieder als emotional stabil.“ Wieder die Gänsefüßchen. Tina grinst, aber die Art, wie sie die Mundwinkel hebt wirkt mehr wie eine grausame Fratze.

Verliert er langsam den Verstand? Ist das hier überhaupt real?

Du scheinst etwas überfordert zu sein.“ Tina hebt entschuldigend eine Hand. „Das verstehe ich. Bis gerade eben dachtest du ja, wir wären tot.“

Jakob holt Luft, um etwas zu erwidern, aber Tina schüttelt den Kopf. Er schließt den Mund wieder.

„Tja, leider hat die Menge an Schlaftabletten nicht gereicht, um mein Leben zu beenden, obwohl ich mir redliche Mühe gegeben habe. Ich habe extra alle Pillen eingenommen, die ich noch hatte, minus denen, die ich Philipp ins Abendessen gemischt hatte.“ Während ihres Monologs hatte Tina die ganze Zeit über Jakobs Blick festgehalten, bei der Erwähnung ihres Sohnes jedoch wird ihr Blick glasig und schweift ziellos in die Ferne. Eine Pause entsteht, quälend still und bleischwer.

Tina schluckt und atmet tief durch. Schließlich ergreift sie wieder das Wort. „Ich wollte, dass wir zusammen gehen und raus kommen aus dieser Hölle, wir alle drei.“

Nun mischt sich Jakob doch ein. „Wieso wir drei? Ich war doch an dem Abend gar nicht zuhause.“ Und außerdem wolltest du doch bestimmt eher vor mir fliehen statt mit mir?!

„Ich meine ja auch nicht dich, du dummer, ahnungsloser Wichser! Ich meinte uns drei, mich, Philipp und das Baby! Aber stattdessen habe ich sie beide umgebracht!“ Zornig schläft Tina mit der Faust auf die Bank neben sich.

Erst da entdeckt Jakob die mattschwarze Pistole, die sie in der Hand hält.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Die Welt stürzt auf Jakob ein, die Kirchendecke fällt auf ihn herab, begräbt ihn unter tonnenschwerer Last. Er sackt zur Seite, die Ränder seines Blickfeldes werden schwarz, die Ohren dröhnen immer lauter, gleichzeitig nimmt der Druck in seiner Brust immer mehr zu, bis er schließlich die Augen schließt und fällt. Er fällt bis da nichts mehr ist, bis er nicht mehr fällt und auch nicht landet, sondern einfach überhaupt nichts mehr da ist außer ein tiefer, verzweifelter, stechender, alles verschlingender Schrei, der sich in Jakobs Inneren bildet und den Weg nach draußen sucht.

Doch nichts passiert.

Die Decke fällt nicht herab und auch die Barmherzigkeit einer Ohnmacht ist ihm nicht vergönnt. Nicht einmal schreien kann er. Nur ein einziger schwacher, tonloser Laut dringt aus seiner Kehle.

„Baby“ flüstert er.

Mein Baby.

Ihre Blicke treffen sich. Einige Momente sehen sie einander schweigend an und er betrachtet ihr Gesicht. Trauer, Schuld, Reue, Hass, Wut, er sucht irgendetwas, das ihm einen Anhaltspunkt ihrer Gefühlslage geben kann, aber da ist nichts. Keine kalte Gleichgültigkeit, sondern eher eine große, dunkle Leere, die durch ihre Augen nach außen dringt.

Sein Baby.

Tinas Anblick.

Die Pistole.

Die Flut an Informationen und der Adrenalincocktail in Jakobs Venen lösen mit einem Schlag eine solche Erschöpfung aus, dass er sich am liebsten einfach auf die harte Kirchenbank legen würde. Er will nur schlafen und niemals wieder aufwachen. Nicht damit leben müssen, was er gerade gehört hat.

Ist das Gottes Strafe? Muss er so für seine Schuld büßen, bis in alle Ewigkeit?

Oder will sie sich rächen? Für die Tat, die er zwar nicht ausgeführt, aber dennoch zu verantworten hat? Ist der Tag der Schuldbegleichung endlich gekommen? Wird sie ihn erschießen?

„Sei nicht albern. Natürlich nicht.“ Es dauert eine Sekunde, bis Jakob Tinas Worte verarbeitet hat und ihm bewusst wird, dass er die letzte Frage laut gestellt haben musste.

„Ich werde dich doch nicht erschießen. Das hier ist schließlich ein Gotteshaus.“

Der Seufzer der Erleichterung bleibt Jakob im Hals stecken. Sie würde ihn hier nicht erschießen? Jetzt nicht?

Er sieht auf ihre Waffe. Überlegt, ob er sie ihr wohl abnehmen könnte, wenn er schnell genug ist.

Und dann was? Sie erschießen? Sich selbst erschießen? Einfach gehen?

Ist er überhaupt haftbar für das was passiert war? Wird auch er bald die Welt durch Gitterstäbe sehen?

Jakob fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht und durch die Haare, wiegt sich leicht vor und zurück. Was soll er nur tun?

Langsam, ganz langsam steht er auf. Schiebt sich seitwärts aus der Bank bis in den Mittelgang. Auf Höhe von Tinas Bank bleibt er stehen, sie sieht zu ihm auf. Dann legt sie die Waffe aus der Hand, bekreuzigt sich und faltet die Hände. Sie wendet den Blick ab, senkt den Kopf und beginnt, leise zu beten.

Jakob hört ihr Murmeln, während er die Kirche verlässt und die schwere Echtholztür hinter ihm zufällt. Das dumpfe Geräusch klingt kein bisschen tröstlich und beruhigend.

4 thoughts on “Schuld und Sühne

  1. „Unzählige kleine Quadrate zeigen ihm die Möglichkeiten seiner Spionage auf“
    ich weiß nicht genau was ich an diesem Satz so cool finde, aber das hat mir total gut gefallen!

    Aber vor allem hat mir der komplette Teil von „Plötzlich geht alles ganz schnell.“ bis „Mein Baby.“ gefallen. Du hast das so gut beschrieben, wie irgendwie Jakobs Welt total in sich zusammenbricht, ich habe da richtig mitgefühlt und am Ende kommt er wieder in der Realität an.

    Es gab noch mehrere kleine Stellen, die mir alle sehr gut gefallen haben, aber das waren meine beiden „Lieblingsstellen“ an deiner Geschichte.

    Die Entscheidung, das „Heute“ nicht in der Vergangenheit zu schreiben ist halt Geschmackssache, es war auf jeden Fall mutig von dir^^
    Aber es passt ja auch irgendwie in das Thema, dass Jakob von seiner Vergangenheit heimgesucht wird. Dadurch werden die Parts irgendwie klar getrennt und für mich entsteht dadurch der Eindruck, dass Jakob nicht mehr „der Frauenschläger“ ist, der er mal war, auch wenn ihn das alles immer noch verfolgt. Ist das so gewollt?

  2. Toller Plot, Parameter gekonnt umgesetzt. Deine Geschichte beginnt seinem dunklen Geheimnis und der Leser fragt sich nun, wer sich rächen will. Das Spannungsgefühl wurde dadurch sofort erzeugt und gehalten. Ich mag deinen tollen Schreibstil, die bildlich beschriebenen Gedankengänge mit den hervorgerufenen Emotionen. Das Ende bleibt offen. Aus dieser short Story könntest du richtig gut einen Roman machen. Mir hat sie wirklich richtig gut gefallen und lasse dir gern ein ❤ da.
    Liebe Grüße frechdachs
    P.S.: Schau doch mal bei wir_schrieben_zuhause vorbei. Da kannst du deine Geschichte vielen anderen, die auch hier teilgenommen haben, vorstellen. Und dort gibts noch vieles mehr. Lohnt sich 😊

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