bnjkhrTodesangst

7+

Jetzt

Dann ist alles still. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Alles um sie herum bewegt sich in Zeitlupe. Sie schließt die Augen, taucht in ein tiefes, alles verschlingendes Schwarz und versinkt in einem niemals mehr endenden Schlaf.

Drei Wochen zuvor

»Egal wie, aber sie muss weg von ihr!« Er hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Ein kurzes Nicken, ein Händedruck, dann stieg er in sein Auto und fuhr davon.

Zwei Stunden zuvor

Ein zauberhaftes Alter. Die ersten drei Jahre waren schwer gewesen. Endlose Nächte, nie genau wissen, warum sie schon wieder weinte und dauerndes Herumtragen. Aber mit einem Mal wurde es besser. Als hätte jemand den Schalter von teuflisches Monster auf zuckersüßer Engel umgelegt. Sie lächelte vor sich hin, ihre Tochter mit einem Blick fixiert, der sagte, »Du bist die Liebe meines Lebens und ich würde für dich sterben. Jederzeit!«.

Es war ein traumhafter Tag. Der Park war voller Menschen, die von den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings aus ihren Häusern getrieben wurden und bereit waren, den Sommer mit offenen Armen zu empfangen. Erste Blumen kämpften sich durch den noch harten Boden, Vögel sangen, die Bäume standen in herrlichem Grün. Ein schwacher, verblassender Geruch von Schnee lag in der Luft, die letzten Reste des Winters schmolzen zusehends dahin.

Ihre Tochter war vor zwei Monaten vier geworden. Sie wollte nie Kinder haben, aber sie hatte nicht aufgepasst und wurde schwanger. Während ihrer Schwangerschaft hat sie oft mit der Entscheidung gerungen, das Kind zu behalten. Sie wollte Karriere machen, das war immer der Plan gewesen. Und jetzt? Na ja, würde schon irgendwie gehen. Einen Mann hatte sie nicht, um ehrlich zu sein, war sie nicht einmal sicher, wer der Vater war. Zu der in Frage kommenden Zeit hatte sie was mit zwei Typen aus dem Büro. Beide könnten es sein. Oder vielleicht doch der gut aussehende Latino aus der Nachbarwohnung. Wer konnte das schon sagen? Im Grunde war es ihr auch egal gewesen, sie hatte ohnehin vorgehabt, das Kind alleine groß zu ziehen.

Wenige Minuten nach der Geburt, als ihre Tochter in ihren Armen lag, so winzig, schrumpelig und noch leicht verschmiert, wurden ihr zwei Dinge klar: Erstens, der Latino war ganz sicher nicht der Vater. Außerdem, zweitens, dass sie nie wieder einen Menschen so sehr würde lieben können wie dieses Kind. Ihr Herz quoll über vor Glück und sie seufzte leise, als sie mit dem kleinen Finger über die winzige Wange ihrer Tochter strich. »Ich liebe dich«, flüsterte sie. Als hätte die Kleine sie verstanden, griff sie nach dem Finger, hielt ihn so fest sie eben konnte und ließ ihn die ganze Nacht nicht mehr los. Beide schliefen erschöpft, aber glücklich ein. In dieser Nacht war alles perfekt.

Als sie ein paar Tage später zu Hause war, erschien ihr alles nicht mehr ganz so perfekt. Keine Hilfe, keine Krankenschwestern, die ihr zeigten, wie man die Windeln wechselte oder die Kleine richtig an der Brust anlegte. Niemanden, mit dem sie reden konnte. Ihre Eltern waren schon seit vielen Jahren tot, tragischer Unfall, der ihre Kindheit nicht eben einfacher gemacht hatte, und echte Freunde hatte sie seit der Schwangerschaft nicht mehr. Sie war oft deprimiert gewesen, schlecht gelaunt und für nichts zu begeistern. Geplagt von Schuldgefühlen, sich nicht auf ihr Baby freuen zu können, zog sie sich mehr und mehr zurück.

Die Nächte waren am schlimmsten. Nicht eine Stunde konnte sie am Stück schlafen. Die Erschöpfung war an manchen Tagen so groß, dass sie am liebsten die Augen geschlossen und nie wieder geöffnet hätte. Sie hasste ihr Kind, abgrundtief. Und liebte es zugleich so sehr, dass es in ihrer Brust schmerzte. An einem Tag war sie die liebevolle, großherzige, fürsorgliche Mutter, tags darauf hätte sie ihre Tochter am liebsten umgebracht. Immer öfter dachte sie darüber nach, ihrem eigenen Leben ein Ende zu bereiten. Irgendwer würde sich schon um ihr Kind kümmern. An solchen Tagen war sie sich sicher, dass es ihrer Kleinen überall besser gehen würde, als bei ihr.

Wie sie so darüber nachdachte, auf einer Bank am Rande des Spielplatzes, und ihr Kind dabei beobachtet, wie es einen Sandkuchen nach dem anderen formte, kam sie sich schäbig vor. Ihre Tochter schaute zu ihr herüber, winkte mit der Sandschaufel in der einen und einem kleinen, gelben Eimer in der anderen Hand. Ihre dunkelblonden, lockigen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein paar Locken hatten sich befreit und rahmten ihr schneeweißes Gesicht. Die blauen Augen blitzen in der Sonne.

Sie schämte sich für ihre Gedanken von damals, mehr aber noch für die Gefühle, die sie zu dieser Zeit zugelassen hatte. Und das, was sie getan hatte. Immer wieder. Ihrer Tochter weh zu tun, das erschien ihr heute so absurd, dass alleine der Gedanke daran für ein unangenehmes Gefühl in ihrer Magengegend sorgte. Die Vorstellung, sie hätte ihren Liebling nicht jeden Tag bei sich, zerriss ihr das Herz.

Sie schloss die Augen und atmete die frische Luft tief in ihre Lungen. Einen klaren Kopf bekommen, einen Moment anhalten, entspannen und das Hier und Jetzt genießen. Langsam atmete sie wieder aus. Gegen Abend wurde es noch so kalt, dass sie eine kaum sichtbare aber dennoch vorhandene Dampfwolke vor ihrem Mund erzeugte. Sie war glücklich. Mit sich, ihrem Leben und ihrer Tochter. Die schlimmen Tage waren vorüber, schon eine ganze Zeit lang. Einen Partner hatte sie immer noch nicht, sah dafür aber auch keine Notwendigkeit. Sie hatte ihre Tochter, ihr ein und alles. Die Liebe ihres Lebens, zu der sie so oft so ungerecht gewesen war. Aber das war vorbei, endgültig.

Schon bald würden sie in eine andere Stadt ziehen und ein besseres Leben beginnen. Sie hatte einen neuen Job und ein schönes Haus gefunden. Der Garten war beinahe so groß wie ein halbes Fußballfeld, jede Menge Platz für eine eigene Schaukel und einen Sandkasten. So wie es sich ihre Tochter immer gewünscht hatte. Und nicht zuletzt hatte sie die Hoffnung, dass die Gedanken an ihre Vergangenheit sie endlich in Frieden lassen würden. Sie öffnete die Augen und blickte auf. Sie fröstelte. Es war Zeit, nach Hause zu gehen.

Ihre Tochter war verschwunden.

Panik stieg auf. Sie zwang sich zur Ruhe, schluckte schwer, lief hinüber, dorthin wo die Kleine eben noch gesessen hatte und sah sich um. Ihr Blick flog hastig über den Spielplatz, zur Rutsche, der Schaukel, dem Klettergerüst. Nichts. Sie ist ganz sicher irgendwo! Die Panik kam zurück, dieses Mal heftiger als zuvor. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, ihr Hals wurde eng, als hätte die Angst mit ihren Klauen bereits fest zugepackt. Sie rief ihren Namen, rannte von einer Seite des Geländes zur anderen, wieder zurück, hin und her wie ein aufgescheuchtes Tier. Ohne Ziel, ohne Plan. Sie schrie immer wieder ihren Namen. Eine andere Mutter kam und bot ihre Hilfe an. Gemeinsam liefen sie über den Platz, riefen den Namen des kleinen Mädchens, das bis gerade eben noch im Sandkasten gesessen hatte. Andere Eltern standen da, reckten die Hälse und blickten sich verstohlen um.

Tränen schossen ihr in die Augen, sie konnte sie nicht mehr zurückhalten. In der Zwischenzeit suchten mehrere Eltern das Kind, gingen auch die Wege und Wiesen außerhalb des eingezäunten Spielplatzes ab. Der Park war groß, von drei Seiten durch einen hohen Zaun begrenzt, eine Seite schloss offen an einen Wald.

Mittlerweile war auch die Polizei eingetroffen und ein Beamter versuchte, sie zu befragen. Mit mäßigem Erfolg. Ihre Gedanken schossen umher, ohne eine Chance sie zu kontrollieren oder festzuhalten. Ihr Baby war verschwunden. Sie hatte für weniger als eine Minute die Augen geschlossen, aber das hatte ausgereicht, um  – ihr Kind zu entführen?

Sie hasste sich dafür. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Tochter wieder auftauchen würde? Hatte überhaupt schon jemand angefangen, nach ihr zu suchen? Sie schrie den Polizisten an, der vergeblich versuchte, Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Er schien nicht überrascht zu sein, nickte beruhigend mit dem Kopf und versicherte ihr, dass bereits alles getan werde was in ihrer Macht stand.

Sie drehte sich im Kreis, Schwindel überkam sie. Panik, beklemmende Angst presste mit aller Kraft gegen ihren Brustkorb. Überall standen Menschen, riefen den Namen ihrer Tochter, zwei Polizisten befragten scheinbar willkürlich Passanten und Elternteile, es war ihr nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und schrie, so laut sie konnte. Dann verließ sie ihre Kraft, sie beugte sich nach vorne und übergab sich. Sie sank auf die Knie, hob den Kopf und blickte in die Menschenmenge. Einige von ihnen starrten sie an, teils traurig, teils schockiert, so als hätte sie den Verstand verloren. Hatte sie vielleicht auch.

Was wollten diese Leute alle hier? Die Panik kämpfte sich zurück in ihren Kopf, aber ihre Gedanken zerrten sie wieder in die Realität, zu ihrer Tochter. Für sie würde es immer ihr Baby bleiben, egal wie alt sie war. Beide waren durch eine emotionale Hölle gegangen. Gemeinsam hatten sie dort wieder herausgefunden, sich einen Weg an die Oberfläche erkämpft. Und jetzt war sie verschwunden. Vor wenigen Minuten, direkt vor ihren Augen. Aber sie wollte nicht aufgeben, und sie wollte sich schon gar nicht auf andere Menschen verlassen. Zusammenreißen!, dachte sie und stand auf. Ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit. So laut sie konnte, schrie sie ihren Namen, immer und immer wieder.

Die Sonne stand bereits tief und die einbrechende Dunkelheit presste das verbleibende Licht aus diesem letzten Rest Tag. Sie stand vor dem Sandkasten und betrachtet die Kuchen ihrer Tochter, daneben lagen die Schaufel und der kleine, gelbe Eimer. Dann zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke bis unter ihr Kinn, blickte in den dunkel vor ihr liegenden Wald und lief los.

Zehn Minuten zuvor

Sie hatte Angst. Und sie versuchte, nach ihrer Mutter zu rufen. Immer und immer wieder. Aber der Mann presste seine Hand auf ihren Mund, so dass sie kaum atmen, geschweige denn schreien konnte. Er zerrte sie durch den Wald. Sie verstand nicht, was hier passierte. Eben saß sie noch im Sandkasten und hatte Kuchen gebacken. Ihre Mutter war ganz in der Nähe, sie konnte sie sehen. Jetzt war sie hier, im Wald, alleine mit diesem Mann.

Sie hatte auf die Toilette gemusst, aber ihre Mutter hatte sie nicht gehört. »Mama, ich muss Pippi«, hatte sie gerufen. Aber sie saß auf der Bank, die Augen geschlossen. Also, dachte sie, geht sie kurz hinter einen Baum, so wie es sonst ihre Mama mit ihr machen würde. Sie würde sich ganz sicher freuen, stolz sein, hatte sie gedacht. Mama wirkte oft so genervt, wenn sie etwas von ihr wollte. Aber sie war ja noch ein kleines Kind, konnte viele Dinge einfach noch nicht. Und sie wollte ihre Mama nicht wütend machen. Es war alles so gut in letzter Zeit.

Gerade als sie die Hose herunter gezogen hatte, packte sie jemand von hinten, presste ihr eine große, schwere Hand auf den Mund und rannte mit ihr davon. Sie wusste nicht, was passierte. Für einen kurzen Moment hielt sie es für ein Spiel, aber es tat weh. Die große Hand auf ihrem kleinen Mund tat fürchterlich weh. Und sie drückte fester zu, je mehr sie versuchte, sich zu befreien. Sie spürte etwas Warmes ihre nackten Beine entlanglaufen. Pipi, dachte sie. Tränen liefen über ihre Wangen und sammelten sich an der Handkante des Mannes, der mit ihr immer weiter in Wald hinein rannte.

Wo war ihre Mama? Warum kam sie ihr nicht zur Hilfe? Mama war doch sonst immer da. Vor ein paar Tagen, als noch Schnee gelegen hatte, fiel sie ganz schlimm auf den Boden. Es war glatt gewesen und diese doofen kleinen Steine taten an ihren Händen weh. Mama hatte ihr erklärt, dass man diese kleinen Steine streut, damit Menschen nicht auf dem Eis ausrutschen. Sie hatte es nicht verstanden. Obwohl überall diese kleinen Steine herumlagen, war sie ausgerutscht. Also wozu diese blöden Dinger dann? Beide Hände hatten geblutet, sie hatte geweint, aber Mama war da, hatte sofort ihre Hände gewaschen und auf die großen Wunden Pflaster gemacht. Mit einem Pflaster war alles gleich nur noch halb so schlimm. Am wichtigsten aber, Mama war da. Und heute? Wo war Mama jetzt? Sie strampelte, stieß mit Händen und Füßen, aber der Mann war so viel stärker und größer als sie. Und er hörte nicht auf, zu rennen.

Ein Polizist kam aus Richtung des Waldes auf die anderen zugelaufen. „Wir haben eine Haarspange gefunden“, sagte er. Ob sie dem Mädchen gehörte, wollte er wissen. Alle sahen sich um, aber die Mutter war verschwunden. Keine Spur von ihr. »Jetzt suchen wir also schon zwei«, sagte sein Kollege und schüttelte den Kopf. Ein paar Menschen bewegten sich Richtung Wald, die anderen suchten den Park nach weiteren Hinweisen ab. Ein geschäftiges Treiben, bislang ohne Ergebnis. Ein weiteres Polizeiauto fuhr vor, ein Beamter stieg aus, öffnete die Heckklappe und ein Schäferhund sprang heraus. Sie hielten ihm die Haarspange vor die Nase und er begann, aufgeregt über den Boden zu schnüffeln.

Sie rief immer wieder den Namen ihrer Tochter. Sie konnte ihr Kind spüren, ihre Angst, den Schmerz. Hinter sich hörte sie einen Hund bellen, weit entfernt. Sie erhöhte das Tempo, joggte durch das Unterholz. An einem Ast mit Dornen blieb sie hängen, riss sich ein Stück ihrer Jacke auf, verringerte aber keineswegs die Geschwindigkeit. Sie musste ihre Tochter finden, die sich ganz in der Nähe befand. Das konnte sie spüren. Es wurde dunkler, die Sonne war jetzt beinahe untergegangen. Ihr Atem erzeugte nun große, schwer in der Luft hängende Wolken. Hinter ihr wieder das entfernte Bellen eines Hundes. Sie blieb stehen, stemmte die Hände auf die Knie und rang nach Luft. Da hörte sie es. Ein langgezogenes, angsterfülltes, durchdringendes »Maaaaaaaaamaaaaaa!« Sie rannte los.

Fünf Minuten zuvor

Der Mann wurde langsamer, er atmete schwer und stank ganz fürchterlich nach Schweiß. Sie ekelte sich vor ihm, wand sich immer noch hin und her, in der Hoffnung, sich losreißen zu können. Es war schon fast dunkel. Das Rufen nach ihrer Mama hatte sie aufgegeben, Mund und Nase taten schrecklich weh. Sie schmeckte Blut. Irgendwie bitter und süß zugleich. Plötzlich strauchelte der Mann, stolperte nach vorne, nahm für einen Augenblick seine Hand von ihrem Mund, um den Fall abzufangen. Da rief sie erneut, so laut sie konnte. Ein einziges Mal, dann hatte er seine stinkende Hand schon wieder auf ihr Gesicht gepresst. Sie weinte, schlimmer als zuvor. Ein Schluchzen, Rotz lief ihr aus der Nase. Es schmeckte salzig, zusammen mit dem bitter-süßen Geschmack ergab das eine ekelerregende Mischung. Sie würgte, musste sich beinahe übergeben. Die Tränen verbrannten ihr Gesicht, so heiß fühlten sie sich an. Sie hatte keine Kraft mehr. Es fühlte sich an, als würde sie seit Stunden gegen die schier unbändige Kraft dieses Mannes ankämpfen.

»HEY!« Sie hörte den Ruf, der wie durch Watte an ihre Ohren drang. Dumpf, kaum wahrnehmbar. Sie war müde, erschöpft vom vielen strampeln, treten und weinen. Aber er war da, da war sie sich sicher. Und noch etwas wusste sie genau: Es war ihre Mutter, die da gerufen hatte.

Zwei Minuten zuvor

Der Mann blieb stehen, drehte sich um und hielt das kleine Mädchen fest an seine Brust gedrückt. Eine Hand verdeckte ihr halbes Gesicht, die andere fummelte nach etwas in der Jackentasche. Er zog eine Taschenlampe hervor, eine von diesen kleinen Stablampen, die man oft im Handschuhfach aufbewahrt. Er knipste die Lampe an und leuchtete in ihre Richtung. Sie stand zwischen zwei Bäumen, außer Atem aber entschlossen. »Lassen Sie meine Tochter gehen!«, schrie sie ihm entgegen.

Das Mädchen hatte wieder zu strampeln begonnen, sie schrie, bäumte sich von links nach rechts, von oben nach unten. Und es half: Der Mann lockerte für eine Sekunde seinen Griff, um nachzufassen. Da rutschte sie auf den Boden, stand auf und rannte zu ihrer Mutter. Sie wollte ihrer Tochter entgegenlaufen, aber ihre Beine waren wie aus Blei. Der Mann schien ebenfalls überfordert zu sein und regte sich nicht. Ihr Kind lief weinend auf sie zu. Kurz bevor sie bei ihrer Mutter angekommen war, erwachte ihr Entführer aus seiner Starre, drehte sich um und rannte tiefer in den Wald.

In diesem Moment war es ihr egal. Sie schloss ihre Tochter in die Arme, drückte sie an sich, küsste sie, umschloss ihr Gesicht mit ihren Händen und sagte immer wieder »Mein Baby, mein Baby, mein Baby«. Die Nase blutete, sie weinte immer noch und zitterte am ganzen Körper. Sie kniete sich auf den Boden, stellte ihre Tochter vor sich ab und sah ihr ins Gesicht. Mit den Daumen wischte sie die Tränen unter ihren Augen weg. Sie strich ihr die Haare nach hinten, die vor Rotz und Blut ganz klebrig waren. Das Kind schluchzte nur, sagen konnte es nichts. Hinter sich hörte sie den Hund, jetzt nicht mehr weit weg.

Eine Minute zuvor

Er rannte durch den Wald, hatte versagt. Der Typ hatte ihm einen Haufen Geld gegeben, damit er die Göre zu ihm brachte. Sie sei seine Tochter, hat er gesagt. Es war ihm scheißegal gewesen, Hauptsache die Kohle stimmte. Und die stimmte. Beinahe hatte er es geschafft. Wer konnte ahnen, dass die Alte ihm so schnell in den Wald hinterherrennen würde? Egal. Jetzt blieb ihm nur noch eines zu tun, damit er wenigstens einen Teil seiner Gage kassieren konnte. Kurze Zeit später erreichte er den Jägerstand und kletterte die Holzleiter nach oben. Er setzte sich einen Moment lang auf den Boden, versuchte, seine Atmung zu beruhigen, holte Plan B unter dem Sitz hervor, kniete sich hin und legte an. Er wusste, dass ihm nur wenige Sekunden blieben, um zu entkommen. Außerdem war es schon beinahe dunkel.

Jetzt

Sie hält ihre Tochter im Arm, ein Polizist steht neben ihr, zwei Sanitäter untersuchen das Kind so gut es eben geht. Loslassen will sie es unter keinen Umständen. Man kann es ihr nicht verdenken.

Ein Knall durchbricht das leise Schluchzen des Mädchens, durchschneidet die Luft, wie ein plötzlicher Donner. Vögel stoßen fluchtartig aus den Baumkronen, in denen sie es sich für die Nacht bequem gemacht hatten. Die kleine Gruppe erstarrt für einen kurzen Moment. Einen Wimpernschlag lang ist alles still, selbst der Hund gibt keinen Laut mehr von sich. Haben sie ihn erwischt? Und womöglich erschossen? Sie drückt ihre Tochter fester an sich und umschließt sie mit beiden Armen. »Alles ist gut Honey«, sagt sie. Dann schießt ein brennender Schmerz durch ihr rechtes Bein, als hätte jemand das Blut darin durch heiße Lava ersetzt.

Aus einer tiefen Wunde spritzt dunkelroter Saft, mit jedem Herzschlag ein neuer, kräftiger Strahl. In der Dunkelheit dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis die Sanitäter sehen, was passiert ist. Schwindel überkommt sie. Schmerzen verspürt sie keine mehr. Sie sieht ihrer Tochter in die Augen. Diese großen, blauen Augen, die ihr in diesem Moment Absolution für alles, was in der Vergangenheit geschehen war, zu erteilen scheinen.

Für die Prügel, die ausgedrückten Zigaretten auf meinem Rücken, die gebrochenen Knochen. Das Leid und den Schmerz. Immer wieder. Weil du eben so traurig warst, Mami, und alleine. Die vielen Besuche im Krankenhaus, die Lügen, die ich dem Doktor dort erzählen musste, damit du nicht wieder böse wurdest, Mami. Und damit sie mich dir nicht wegnehmen, hast du gesagt. Das heiße Wasser, dass diesen großen, roten Fleck auf meinem Rücken hinterlassen hat.

Ich hab dich lieb, Mami. Habe ich immer, und ich werde dich immer lieb haben. Lass mich jetzt bitte nicht alleine. Du hast es ganz bestimmt nie böse gemeint, Mami. Wäre ich doch nur immer ein braves Mädchen gewesen, dann hättest du keinen Grund gehabt, so traurig zu sein. Es war alles meine Schuld, Mami, und es tut mir leid. Bitte geh nicht weg, Mami.

Sie sieht die Jahre als Mutter vor ihrem inneren Auge ablaufen. Schnelldurchlauf. Drei davon waren die Hölle gewesen. Und es tut ihr entsetzlich leid. Sie will den Mund öffnen, ihre Tochter um Vergebung bitten, aber er gehorcht nicht mehr.

Dann ist alles still. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Alles um sie herum bewegt sich in Zeitlupe. Sie schließt die Augen, taucht in ein tiefes, alles verschlingendes Schwarz und versinkt in einem niemals mehr endenden Schlaf.

Egal wie, aber sie muss weg von ihr!

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