j.schreyerVerhängnisvolle Entscheidung

Als ich aufwachte, war es 3 Uhr nachts. Was hatte mich geweckt? Ich setzte mich langsam auf, schob das dünne Bettlaken zur Seite und sofort wurde mein Körper von Gänsehaut überzogen. Die Heizung funktionierte nicht, da meine Mutter mal wieder ihr ganzes Arbeitslosengeld für dieses weiße Pulver ausgegeben hatte. Sie wollte mir nicht verraten, was es ist, aber sie sagte, es mache sie glücklich. Als ich es probieren wollte meinte sie nur, das wäre nichts für 8-jährige Mädchen. Vielleicht wenn ich älter bin. Ich stand also von meiner Matratze auf, die als Bett dienen sollte und schlich zur Tür unseres Schlafzimmers. Meine Mutter lag nicht auf ihrem „Bett“, aber das war nicht ungewöhnlich. Meistens schlief sie tagsüber, wenn ich in der Schule war. Ich spähte also nach draußen, und sah sie am Küchentisch sitzen. Ein Mann war bei ihr, sie waren in ein Gespräch vertieft. Durch die laute Musik, die aus dem Radio dröhnte, konnte ich nur ein paar Gesprächsfetzen auffangen. „Sie muss morgen zur Schule…“ sagte meine Mutter zu dem unheimlichen Kerl. Ich hatte ihn noch nie bei uns gesehen, aber er unterschied sich nicht ihren anderen Freunden. Ihnen allen fehlten einige Zähne, die Haare waren ungewaschen und die Kleidung schmutzig. Der Mann lächelte und murmelte etwas, das klang wie „dann muss ich wohl bis dahin mit dir Vorlieb nehmen..“ und zog meine Mutter zu sich. Schnell verkroch ich mich wieder unter meine Decke, denn was als Nächstes kam, wollte ich nicht beobachten. Ich hatte es schon oft gesehen, und wusste, dass der Mann zu mir kommen würde, wenn er mit Mama fertig war. So lief es immer ab. Sie versprach mir jeden Tag aufs Neue, dass die Männer nicht mehr zu mir kommen würden, wenn ich am nächsten Tag in die Schule musste. Schließlich hatte sie schon genug Anrufe meiner Lehrerin bekommen, wieso ich so müde und abwesend bin. Doch ihr weißes Pulver konnte sie nur bekommen, wenn sie die Typen zu mir ließ, das hatte ich mittlerweile verstanden. Und so lag ich nun auf meiner fleckigen Matratze und hoffte inständig, dass ich zumindest heute Nacht verschont bleiben würde…

 

 

Es war mal wieder einer dieser Tage, an dem alles perfekt lief. In seinem neuen Leben gab es viele solche Tage. Als hätte er in seinem alten Leben genug gelitten, und wurde nun für seine Geduld belohnt. Paul war Börsenmakler und hatte heute Morgen eine saftige Provision erhalten. Das kam ihm sehr gelegen, denn er und seine schwangere Frau Linda hatten vor ein paar Wochen das perfekte Haus im Münchner Stadtteil Grünwald gefunden, das sie sich jetzt leisten konnten. So konnte nun ein extra Zimmer für das Baby vorbereitet werden, und ihr 4-jähriger Sohn Tom hatte einen Raum ganz für sich allein. Dementsprechend gut war Pauls Laune, als er an diesem sonnigen Freitagnachmittag durch die Münchner Innenstadt schlenderte. Linda und Tom waren im Park und würden erst abends nach Hause kommen, also hatte er noch genug Zeit. Er wollte ein schönes Abendessen vorbereiten, um seiner geliebten Frau die guten Nachrichten zu überbringen. Sollte er ihre Lieblingslasagne kochen, oder doch etwas Ausgefalleneres? Und Blumen dürften natürlich auch nicht fehlen. Am Besten weiße Rosen, die mag sie so gern.. Gedankenverloren ging Paul weiter, als ihn plötzlich ein komisches Gefühl überkam. Er wusste nicht wieso, denn es war alles normal. Ein üblicher Freitag, an dem er, wie jede Woche, am Marienplatz entlang ging. Von da aus war es nur ein kurzer Fußweg in die stickige Zweizimmerwohnung, in der er zur Zeit noch lebte. Auf einmal sah er sie.. Eine junge Frau, langes, blondes Haar kam direkt auf ihn zu. Sie kam ihm bekannt vor, doch er war sich sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben. Sie wirkte gestresst, hastete an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Schnellen Schrittes ging sie in die Bäckerei, neben der er stand. „Komisch“, dachte er sich. Bestimmt war es nur eine Verwechslung gewesen. Dann sah er ein Handy auf dem Boden liegen. Es lag auf den Eingangsstufen zur Bäckerei und musste wohl der Blondine aus der Tasche gefallen sein. Er hob es vorsichtig auf. Was er dann auf dem Telefon sah, verschlug ihm die Sprache, und mit einem Mal wusste er, wer sie war. Und er wusste, dass die Zeit gekommen war, und er nicht länger davonlaufen konnte…

 

 

Als Paul 17 Jahre alt war, änderte sich sein Leben schlagartig. Er war in schlechten Verhältnissen aufgewachsen, Alkohol und Drogen waren viel zu früh in sein noch junges Leben getreten. Sein Vater war Alkoholiker, er und seine Mutter waren oft dessen Schlägen ausgesetzt. Um seinen Kummer zu ertränken, um das Leid seiner Mutter ertragen zu können, fing er selbst an zu trinken. Mit gerade mal 13 Jahren. Seine Schulbildung litt erheblich darunter, was ihm aber vollkommen egal war. Wie sollte er sich auf so etwas Unwichtiges konzentrieren, wo zuhause der Teufel wütete. Oder mit anderen Worten: sein Vater. Doch an jenem besagten Tag, an dem der 17-jährige Paul von der Schule nach Hause kam, sollte sich alles ändern.
Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch zur Schule gehen durfte. Er hatte schon zwei Verweise erhalten, und seine Noten waren im Keller. Er wiederholte gerade die 10 . Klasse, in der Hoffnung, dieses Jahr endlich den Hauptschulabschluss zu schaffen. Seine Freunde wollten sich abends noch auf ein Bier treffen, und Paul wollte nur schnell seinen Rucksack nach Hause bringen, um dann so schnell wie möglich wieder zu verschwinden. Zuhause war es nicht auszuhalten, seine Mutter weinte den ganzen Tag und versteckte sich vor dem Vater. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er seine Wut wieder an ihr auslassen würde. Paul versteckte sich auch, aber auf eine andere Art und Weise. Meistens schlief er im Park und kam nur mittags kurz heim, da war Vater meistens noch nicht da. Als er leise die Tür öffnete, bot sich ihm ein völlig fremdes Bild. Seine Mutter lag nicht zusammengekauert auf dem Sofa, wie sonst immer, sondern hastete durch die Wohnung. „Paul, da bist du ja endlich!“ rief sie ihm entgegen. „Was ist hier los, Mama?“. Sie ignorierte seine Frage und rannte ins Schlafzimmer. Auf dem Bett lag ein Koffer und sie warf unkontrolliert alle ihre Sachen hinein. Viel war es ohnehin nicht. „Pack schnell deine Sachen, wir hauen ab“, sagte sie, während sie ihm einen zweiten Koffer gab. Er musterte sie mit einem fragenden Blick, das konnte schließlich nicht ihr Ernst sein. Sie hatten überhaupt kein Geld um wegzulaufen und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis er sie finden würde. Und die darauffolgenden Prügel würden sie mit Sicherheit beide nicht überleben…
„Ich hab heimlich Geld gespart, seit Jahren. Ich habe Zugtickets gekauft, wir werden nach München fahren und uns dort ein neues Leben aufbauen. Keine Sorge, ich werde mir einen Job suchen. In den ersten Wochen werden wir auf der Straße leben müssen, das Geld hat noch nicht für eine Wohnung gereicht.“ Sie lief ins Bad, um dort ihre restlichen Sachen zu holen und auch Pauls Zahnbürste landete in ihrem Koffer.
„Ich weiß, du hast viele Fragen, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Wir müssen zum Bahnhof, bevor dein Vater nach Hause kommt!“
Paul war immer noch total perplex, aber nun war er auch von der Aufregung gepackt worden. Er glaubte zwar nicht, dass es gut gehen konnte, aber alleine die Vorstellung…
Er lief in sein Zimmer und warf seine Klamotten in den Koffer. Gerade als er ihn zumachen wollte, hörte er das Klirren der Haustürschlüssel. Sein Vater kam nach Hause! Er lief ins Schlafzimmer, seine Mutter saß seelenruhig auf dem Bett. „Mama, schnell! Wir gehen durchs Fenster raus!“, doch sie reagierte nicht. Nach ein paar Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten, kam endlich Bewegung in ihren Körper. Sie reichte ihm einen Umschlag und sagte: „Hier sind die Tickets und ein kleiner Rest an Bargeld. Für mich ist es zu spät, aber wenn ich ihn ablenke, kannst du dich rausschleichen.“ Sie sah seinen Blick, und bevor er etwas sagen konnte, unterbrach sie ihn. „Keine Widerrede! Du bist schon fast erwachsen, ich weiß, dass du es schaffen kannst. Bau dir ein neues Leben auf, fern von Alkohol und Drogen. Such dir einen Job, beende die Schule. Ich liebe dich und du hast ein besseres Leben verdient als das hier. Lass mich zurück, und versprich mir, dass du niemals so wirst wie er!“ Mit diesen Worten schob sie ihn in sein Zimmer. Obwohl sie ihre Tränen zurückhielt, konnte er sie in ihren glänzenden Augen sehen. Gerade als er zum Fenster raus war, hörte er schon die schlurfenden Schritte und die wütende Stimme seines Vaters. Er hatte den Koffer gesehen und sofort eins und eins zusammengezählt. Paul hörte noch die ersten Schläge, die seine Mutter ertragen musste, während er zu laufen begann. Als er am Bahnhof ankam und den Umschlag öffnete, sah er nur ein Zugticket neben dem Geld. Seine Mutter hatte wohl von Anfang an geplant, dass nur er fahren würde. Noch nie hatte er in der Öffentlickeit geweint, doch jetzt konnte er nicht anders. Doch als er da so saß, wusste er, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, um das Leben zu leben, das sich seine Mutter für ihn wünschte. Und das, obwohl seine Jugendliebe ihm gestern gestanden hatte, dass sie schwanger war, und seine Hilfe brauchte…

 

 

Unschlüssig hielt er das Handy in der Hand. Was sollte er nur tun? Da es nicht mit einem Code gesperrt war, öffnete sich sofort die Galerie als er es aufhob. Und diese war voll mit Bildern von ihm. Fotos, die in mit seiner Frau bei der Hochzeit zeigten, und auch Porträts von seinem Sohn. Ebenso war er als Junge zu sehen, wie er gerade die Schule beendet hatte. Die junge Frau musste seine Tochter sein, daran gab es keinen Zweifel. Er hatte schon damit gerechnet, dass dieser Tag kommen würde. Er wusste, dass Lisa das Kind auch ohne ihn bekommen hatte. Sie bat ihn um Hilfe, wollte wissen wo er war und zu ihm ziehen. Aber er hatte doch gerade erst einen Platz in einer WG gefunden, nachdem er fast ein Jahr lang auf der Straße gelebt hatte. Es war so schwer gewesen, einen Job zu finden. Wie sollte er sich jetzt auch noch um eine Frau und ein Kind kümmern? Er ignorierte also jede ihrer Nachrichten und blockte jeden Kontaktversuch ab. Doch jetzt war es soweit, er musste sich seiner Tochter stellen. Dass auf ihrem Handy ausschließlich Bilder von ihm waren gab ihm ein sehr mulmiges Gefühl, doch er versuchte, das zu verdrängen. Er ging langsam in die Bäckerei und sah sich um. Es waren viele Leute da, Schüler, die sich in ihrer Pause etwas zu Essen kauften und ältere Damen beim Kaffeetrinken. Dann sah er sie, und sein Herz setzte einen Schlag aus. Nun erkannte er auch die vielen Ähnlichkeiten zu ihrer Mutter. Langsam ging er auf sie zu, noch immer unwissend, was er sagen sollte. „Entschuldigung… Sie haben ihr Handy verloren, als Sie hier rein gegangen sind“ sagte er zögerlich. Sie blickte auf und sah ihn direkt an. Für einen Moment herrschte unangenehme Stille und er erkannte seine eigenen strahlend blauen Augen in ihrem Gesicht wieder. „Dankeschön.. ich bin Amelie.. und wie sie vielleicht schon erkannt haben…“ stotterte sie. „Ja, Sie sind meine Tochter.“ sagte Paul und ihm wurde übel. „Das kommt jetzt vielleicht sehr überraschend, aber können wir einen Kaffee trinken? Meine Schicht hier ist zuende, ich hatte nur etwas vergessen. Ich würde Sie gerne kennenlernen…“ sagte Amelie leise. Das war eigentlich das Letzte was er wollte, schließlich wollte er ihr nicht gestehen, dass er sie damals im Stich gelassen hatte. Aber er hatte es ja gewusst, irgendwann müsste er sich dem Ganzen stellen. Also willigte er ein, und die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch in einer ruhigen Ecke.

 

 

Paul saß neben Amelie im Wagen und schaute aus dem Fenster. Es konnte noch immer nicht fassen, was passiert war. Sie hatten sich von der ersten Minute an sehr gut verstanden und das Gesprächsthema war ihnen nie ausgegangen. Amelie war mittlerweile 25 Jahre alt, studierte Wirtschaftsingenieurswesen und arbeitete nebenbei in der Bäckerei. Er hatte sich bei ihr entschuldigt und sie war sehr verständnisvoll gewesen, damit hatte er nicht gerechnet. Nach all den Jahren in denen er verdrängt hatte, dass er seine Tochter im Stich gelassen hatte, als sie ihn am Meisten brauchte, hatte er mit allem gerechnet. Wut, Trauer, Hass. Doch sie schien ihm kein bisschen böse zu sein. Sein Instinkt riet ihm dennoch zur Vorsicht, sie hatten bisher unangenehme Themen wie Amelies Mutter ausgelassen. Und warum sie so viele Bilder von ihm auf ihrem Handy hatte, kam ihm auch nach wie vor komisch vor. Aber er wollte sie nicht verscheuen, schließlich war es sehr erwachsen von ihr, ihm alles so schnell zu verzeihen. Sie waren gerade auf dem Weg zu Amelies WG, wo sie ihm ihren Hund zeigen wollte. Er liebte Hunde, Linda war aber leider allergisch. Und da er noch etwas Zeit hatte, willigte er gerne ein, sich den Labrador anzusehen. Er hatte immer noch ein mulmiges Gefühl, als er an seinem Kaffee nippte. ,Was ist bloß los mit mir?´ fragte er sich. Amelie war so ein nettes, bodenständiges Mädchen und er war wirklich beeindruckt, was sie schon alles erreicht hatte. Er fragte sich, wie sie es geschafft hatte, aus der Drogenspirale raus zu kommen, in der auch ihre Mutter gesteckt hatte… Aber alles war perfekt gelaufen, er hätte sich gar nicht so große Sorgen machen sollen. Doch war es vielleicht zu perfekt gewesen? Sein Gedankenkarussell drehte sich immer weiter, bis er schlagartig müde wurde und schließlich, mit dem Kopf ans Autofenster gelehnt, einschlief…

 

 

,Wahnsinn, ist der schwer..´ dachte ich, als ich versuchte, ihn aus dem Wagen zu zerren. Mein Plan ging bis jetzt perfekt auf, nur leider hatte ich nicht bedacht, wie anstrengend es sein würde, einen erwachsenen Mann aus einem Auto auf einen Stuhl zu heben. Einen bewusstlosen erwachsenen Mann, wohlgemerkt. Ich konnte gar nicht glauben, wie naiv er war. Er dachte doch tatsächlich, ich würde ihm einfach alles verzeihen. Irgendwie schaffte ich es dann doch in auf den Stuhl zu zerren und dort fest zu binden. Zum Glück konnte ich mit meinem Auto direkt in die alte Lagerhalle fahren und musste ihn deshalb nirgends hin schleppen. Schnell band ich ihn fest, genau so wie ich es geübt hatte. Es hat also doch Vorteile, wenn man mit 12 Jahren zum Waisenkind wird: Man hat viele zwielichtige Kontakte, die einem leerstehende Lagerhallen verschaffen. Und man ist es gewöhnt, auf sich alleine gestellt zu sein. Denn das war ich nun, bei meinem großen Plan. Jetzt musste ich nur warten, bis er aufwachte…

 

 

Als Paul erwachte, hatte er keine Ahnung wo er war. Er saß festgebunden auf einem Stuhl, seine Glieder schmerzten und sein Kopf fühlte sich an, als würde jemand mit einem Hammer dagegen schlagen. Er versuchte, sich umzusehen, doch es war stockdunkel. Langsam fiel ihm wieder ein, was passiert war. Amelie! Er hätte wohl besser auf sein Bauchgefühl hören sollen, das ihn gewarnt hatte. Aber was wollte sie? Und wo war sie überhaupt? „Amelie?“ rief er in die Dunkelheit. Dann hörte er Schritte, und das Licht ging an. Für einen Moment war er so geblendet, dass er sie gar nicht auf ihn zukommen sah. Und plötzlich stand sie vor ihm. „Amelie, was soll das alles?“. Sie lächelte. „Das werde ich dir erklären, denn genau dafür bist du hier. Aber vorneweg möchte ich dir eine Frage stellen: Warst du wirklich dumm genug zu glauben, dass ich dir einfach so verzeihen würde?“ Sie schien ganz ruhig zu sein, und doch konnte er in ihren Augen sehen, wie wütend sie war.
„Nein, natürlich nicht. Aber um ehrlich zu sein war es leichter, dir einfach zu glauben. Ich schäme mich so für…“. Weiter kam er nicht, denn sie unterbrach ihn. „Für was? Dass du meine Mutter allein gelassen hast? Dass du zugelassen hast, dass sie zu einem menschlichen Wrack wurde? Ach halt, das weißt du ja alles gar nicht, denn du warst ja nicht da.“ Sie stand auf, holte sich einen Campingstuhl aus dem Kofferraum ihres Wagens und setzte sich direkt vor ihn. Am Liebsten würde er ihr alles erklären, wie sehr er ihre Mutter geliebt hatte und wieso er ihr nicht helfen konnte. Weil er feige war, und Angst hatte sie nicht versorgen zu können. Doch sein Instinkt sagte ihm, dass er sie reden lassen sollte. Und dieses Mal würde er auf ihn hören.
„Also, wo fange ich am Besten an… Meine Mutter war gerade mal 17, als ich zur Welt kam, aber das solltest du ja noch wissen. Wir wurden von meiner Oma rausgeworfen und mussten auf der Straße leben. Mama wurde schnell drogenabhängig, oder war er vorher schon. Hin und wieder konnten wir bei ihren Dealer-Freunden schlafen, irgendwann haben wir mithilfe von Arbeitslosengeld eine Wohnung gefunden, wenn man das Loch, in dem wir gelebt haben, so nennen kann. Ich habe sie immer nach dir gefragt, doch bekam nie eine Antwort.“ Sie stockte kurz und sah mir tief in die Augen. „Irgendwann hab ich in ihrem Schrank meine Geburtsurkunde gefunden. Und dann wusste ich, wer du bist. Ich hab dich gegoogelt und war sofort begeistert. Also habe ich dich jahrelang idealisiert, bis ich herausfand, was für ein Schwein du bist!“ Sie sprang wütend auf und ging dann ein paar Runden im Kreis, wahrscheinlich um sich zu beruhigen. Paul dachte an seine Familie, die sich wahrscheinlich schon Sorgen machten. Aber er blieb weiter still, um sie nicht noch mehr zu verärgern. Er hatte große Angst vor dem, was noch kommen würde…

Da saß er nun, gefesselt auf einem Stuhl. So lange hatte ich auf diesen Moment gewartet. Ich sah die Angst in seinen Augen, bestimmt dachte er an seine perfekte Familie zuhause. Bestimmt hat er ihnen nie von mir erzählt. Das machte mich wieder wütend, doch ich musste ruhig bleiben. Sonst konnte ich das Ganze nicht zu Ende bringen. Ich atmete also nochmal tief durch und setzte mich wieder. „Wie dem auch sei. Ich dachte also, du seist perfekt und habe mir immer mehr gewünscht, dass du mich da rausholst. Der Wunsch wurde noch stärker, als Mama anfing, mich an ihre Dealer zu verkaufen, um an Stoff zu kommen. Ja, du hast richtig gehört. Ich wurde vergewaltigt und missbraucht, seit ich denken kann. Freunde hatte ich natürlich auch keine, wer will schon mit einer Asozialen befreundet sein? Der einzige Gedanke, der mich am Leben hielt, warst du. Und ich wollte deine Aufmerksamkeit erlangen. Ich hatte weder eine Handynummer, noch eine Adresse oder sonst was. Aber ich war mir ganz sicher, dass du in Kontakt mit meiner Mutter stehst, die dich wahrscheinlich angelogen hat. Sonst wärst du mir schon lange zur Hilfe geeilt. Also musste ich zu drastischeren Maßnahmen greifen. Ich hab meine Mutter umgebracht, als ich 12 war.“
Diesen Satz ließ ich erstmal wirken. Er sah mich genau so fassungslos an. Ich genoss diesen Moment in vollen Zügen, denn genauso hatte ich ihn mir vorgestellt.
„Ich hab sie oft beobachtet, wie sie ihre Pillen geschluckt hat. Und als sie mal wieder voll im Rausch war hab ich eben ein paar mehr dazu gelegt. Ich war mir ganz sicher, dass du mir helfen würdest, sobald du nichts mehr von ihr hören würdest. Doch nichts ist passiert. Die haben mich einfach in ein Heim gesteckt und niemand hat mir geholfen. Irgendwann hab ich es dann tatsächlich geschafft, deine Nummer ausfindig zu machen. Ich hab dich angerufen, erinnerst du dich?“ Ich schrie den letzten Teil der Frage, denn nun konnte ich meine Wut nicht mehr zurückhalten.
„Das… das warst du?“ stotterte er schockiert. „Ich dachte immer, das sei ein Streich gewesen. Ich dachte, jemand hätte von dir erfahren und wollte mir einen Schrecken einjagen.. Ehrlich, ich wusste nicht, dass..“
Ich musste ihn wieder unterbrechen, diese Ausreden konnte ich nicht mehr ertragen. „Das soll ja wohl ein Witz sein! Und nach diesem angeblichen Scherzanruf hast du nicht mal versucht, rauszufinden, ob da was dran ist? Nein, hast du nicht. Weil du feige bist, und nicht wolltest, dass ich dein perfektes Leben zerstöre. Ich wusste, dass du ein selbstverliebter Egoist bist, aber dass du zu so etwas fähig bist… Du hast es verdient, dass ich dich gesucht habe.“ Er schaute mich ganz verwirrt an, glaubte er etwa immer noch, unsere Begegnung sei zufällig gewesen?
„Ich habe das Handy natürlich absichtlich dort plaziert! Alles war geplant! Als du damals schnell wieder aufgelegt hattest, wusste ich, wie du in Wahrheit bist. Und ich wusste, dass ich mich rächen will. Also hab ich einen guten Schulabschluss gemacht, bin direkt aus dem Heim raus nach München gezogen und habe mir hier ein Leben aufgebaut. In der Nähe von dir und deiner tollen Familie. Ich hoffe, du hast dich heute Morgen ausreichend von ihnen verabschiedet, sie werden dich so schnell nicht wiedersehen…“

Nach diesem Satz sprang sie auf und stürmte nach draußen, wahrscheinlich um sich zu beruhigen. Paul konnte nicht glauben, was er da gerade eben gehört hatte. Sein Kopf dröhnte noch immer. Bestimmt hatte sie ihm etwas in den Kaffee gemischt, um ihn hier her zu bringen. Er fragte sich, ob er lebend aus dieser Situation herauskommen würde. Wahrscheinlich nicht. Aber das hatte er verdient. Sein ganzes Leben basierte auf einer Lüge, und Amelie hatte unfassbar viel Leid ertragen müssen, nur wegen ihm. Aber war es fair, dass nun seine neue Familie darunter leiden musste? Sie waren bestimmt schon krank vor Sorge. Paul war noch nie so überfordert gewesen, er dachte über tausend Möglichkeiten nach, wie es enden könnte. Und keine dieser Möglichkeiten war gut. Er könnte versuchen, sich zu befreien, doch was dann? Er wollte endlich für seine Taten geradestehen, jetzt wo ihm das volle Ausmaß bewusst war. Andererseits wollte er seine schwangere Frau und seinen kleinen Sohn nicht im Stich lassen. Er durfte diesen Fehler auf keinen Fall wiederholen… Während er in Gedanken versunken auf den Boden starrte, verzweifelt nach einer Lösung suchte, wie er alles wiedergutmachen und seine Familie retten könnte, merkte er gar nicht wie Amelie wieder herein kam. Als er schließlich ihre Schritte hörte, und den Kopf hob, wurde ihm bewusst, dass er keinen Einfluss auf das Ende der Geschichte hatte. Es lag in ihren Händen. Genau wie die Pistole, in deren Lauf er blickte…

 

 

2 thoughts on “Verhängnisvolle Entscheidung

  1. Hallo J.
    Spannendes Thema, der Einstieg ist gut gewählt, danach muss man weiterlesen. Ich wüsste gerne, wie es für die Familie ausgeht, aber ich mag offene Enden, eben weil man sich Gedanken darüber macht, wie es denn ausgehen könnte. Ein kleiner Vorschlag am Rande wäre, die Perspektivwechsel nicht nur durch einen kleinen Absatz zu trennen. Ein Name als Zwischenüberschrift, Sternchen o.ä. würden es etwas leichter machen, zu folgen. Hat aber auch so geklappt 😉
    LG, Simone mit „Momentaufnahme“

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