linaundleoautorenVon Rache getrieben

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17:32 Uhr

Noch als ich in meiner Handtasche nach meinem Schlüssel kramte, überkam mich das seltsame Gefühl, als wäre hier etwas nicht richtig. Doch ebenso schnell wie dieses Gefühl gekommen war, verging es auch wieder. Und als ich den Schlüssel endlich gefunden hatte und seufzend die Tür aufschloss dachte ich schon gar nicht mehr darüber nach.  

Wie üblich hing ich meinen Mantel an die Garderobe, warf meine Handtasche auf den Boden und den Schlüssel auf den Tisch. Mein Mann hasste meine Unordnung, aber ich konnte ja noch aufräumen, bevor er von der Arbeit zurückkam. Es war schließlich ein schöner Abend geplant.

Thorsten wollte Essen von unserem Lieblingsitaliener mitbringen und ich hatte versprochen eine Flasche Wein zu besorgen.

 

17:34 Uhr

Der erste Anruf

Aus dem Schlafzimmer hörte ich den schrillen Klingelton eines Handys. Seltsam. Hatte Thorsten sein Handy etwas Zuhause vergessen? So schlampig war er doch sonst nicht.

Ich öffnete die Tür zum Schlafzimmer und sah das Handy auf unserem Bett. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Während ich das Handy in die Hand nahm wurde mir klar, was hier nicht stimmte. Das war nicht Thorstens Handy. Dieses Handy hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Es war ein modernes Smartphone, nur der Klingelton war unangenehm laut und schrill. Unbekannte Nummer. Mehr verriet das Display nicht.

»Hallo?«, meldete ich mich unsicher.

»Hallo Sabine. Wie ich sehe hast du mein Geschenk erhalten«, sagte eine Männerstimme mit osteuropäischem Akzent.

»Wer spricht da?«

Das leichte Zittern meiner Stimme konnte ich nicht verhindern. Irgendwoher kannte ich diese Stimme. Nur woher? Wer war der Anrufer?

Ein Seufzen war zu hören.

»Du enttäuschst mich. Ich dachte ich habe eine markante Stimme. Eine Stimme, die jemandem sehr ähnlich ist, den du kanntest. Aber vielleicht kommst du ja noch drauf, wenn ich dir eine Minute zum Nachdenken gebe.«  

Wer zur Hölle war der Anrufer? Und viel wichtiger: wie war dieses Handy in mein Schlafzimmer gekommen? In mein Bett!

Schnell ging ich in Richtung des Flurs. Mein eigenes Handy war noch immer in meiner Manteltasche. Ich musste unbedingt jemanden über das ganze hier informieren. Auch ohne zu wissen, wer der Anrufer war.

»Wo willst du denn hin Sabine? Oder sollte ich lieber Ilana sagen? An deiner Stelle würde ich schnellstens zurück ins Schlafzimmer gehen und mich ruhig aufs Bett setzen. Wir wollen schließlich beide nicht, dass du etwas unternimmst, was du später bereuen würdest.«

»Verdammt, beobachtets du mich?«, schrie ich den Anrufer an.

»Sehr gut erkannt. Aber versuch gar nicht herauszufinden wie. Das spielt keine Rolle.«

»Wer zur Hölle bist du?«  

Meine Anspannung schlug in Wut um. Alle Regeln, die ich zur Verhandlung mit Kriminellen gelernt hatte, warf ich über den Haufen. Das hier war persönlich.  

»Langsam bin ich ernsthaft gekränkt. моето лале

Mein Blut in den Adern gefror.

Meine Tulpe“. Es gab nur eine Person, die das gesagt hatte. Mitko. Doch der war schon seit Jahren tot.

»Georgi, Georgi Mitkov Sultanov?«

»Gratuliere. Dieses Rätsel hast du gelöst. Wobei ein Rätsel war es ja eigentlich gar nicht. Dafür war es vieeel zu einfach.«

»Was willst du?«, zischte ich.

»Dir ein richtiges Rätsel geben. Du hast 10 Minuten Zeit etwas auf dem Handy zu finden. Dann melde ich mich wieder. Nur eins noch: denk gar nicht daran, irgendjemanden zu kontaktieren. Auch nicht mit dummen Tricks.«   

»Sonst was?«, blaffte ich ins Telefon.

Doch Georgi hatte schon aufgelegt.

 

17:42 Uhr

Der Pin war geknackt

Endlich. Meine Verzweiflung in den letzten Minuten war immer größer geworden. Ich hatte versucht unbemerkt mein Springmesser in die Socke zu stecken. Doch Georgi hatte es gesehen. Eine Kamera hatte ich zuvor entdeckt und weggedreht. Es musste also entweder eine weitere Kamera in diesem Raum geben, oder er beobachtete mich durch das Fenster.

Dieser Versuch war also schonmal gescheitert. Georgi hatte mich keine 20 Sekunden später angerufen und mich gezwungen das Messer wieder aus der Socke zu holen. Doch zumindest hatte er mir noch einen Hinweis für den Pin gegeben. Ansonsten wäre ich vermutlich nie darauf gekommen. Er hatte mir verraten, dass es mit meiner Familie zu tun hatte. Und nach zwei Versuchen war es mir klar geworden. Der Pin war 1403. Das Geburtsdatum meiner Tochter, von der niemand wusste. Weder meine Familie noch mein Arbeitgeber, für den ich damals nach Bulgarien gegangen war. Niemand hier wusste es. Doch offensichtlich wusste Georgi davon.  

Schnell durchsuchte ich das Telefon. Wonach wusste ich selbst nicht. Vielleicht nach einer SMS, nach einem Anruf. Nach irgendetwas, das auffällig war. Mir blieben noch vier Minuten, um es zu finden. Dann würde der nächste Anruf kommen.

 

17:46 Uhr

Der zweite (dritte) Anruf

Das schrille Klingeln des Handys riss mich aus meiner Schockstarre. Dieses Bild würde sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen. Ich hatte gefunden, wovon Georgi gesprochen hatte. Es war kein Anruf, keine SMS. Es waren Bilder.

Das erste zeigte mich an der Seite von Boris. Ich sah verliebt aus. Und ich war es auch gewesen. Auch damals wusste ich schon, dass es ein Fehler war. Trotzdem hatte ich meinen Gefühlen nachgegeben. Zumindest ein Stückweit. Boris hatte trotzdem nie erfahren, wer ich wirklich war.

Doch das Bild war nicht das, was mich schockiert hatte. Denn ich kannte es. Die Bilder danach waren etwas anderes. Es gab zwei Bilder, die mich während meiner ersten Schwangerschaft zeigten. Alle Bilder danach zeigten meine Tochter. Das erste Bild konnte nur kurz nach der Geburt im Haus entstanden sein. Meine Tochter lag in meinen Armen, während ich schlief. Dieses Foto hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen und fragte mich, wie Georgi wohl darangekommen war. Doch noch schockierender für mich war, dass er Bilder meiner Tochter hatte. In jedem Alter. Auch wenn sie auf einigen Bildern lächelte, sah sie nie glücklich aus. Auf keinem einzigen der Bilder. Im Gegenteil. Ihr Lächeln war gezwungen, aufgesetzt. Wie eine Maske.

Das letzte Bild war jenes, welches ich bis gerade angestarrt hatte. Ich schätzte sie auf dem Bild auf ca. 20 Jahre. Doch sie war erschreckend abgemagert. Das Lächeln wirkte noch unnatürlicher und gezwungener als zuvor. Sie sah aus wie ein Mädchen, das gerettet werden musste. Und ich hatte sie im Stich gelassen. Lebte sie überhaupt noch?

Falls ja wäre sie heute 26. Wie sah sie wohl aus?  

Erst jetzt nahm ich den Anruf an. Wie lange das Handy geklingelt hatte wusste ich nicht.

»Hallo«, war alles was ich rausbrachte.

»Du hast also die Bilder gefunden. Wie schön.«

»Warum bringst du sie ins Spiel? Was willst du von mir? Und wie geht es meiner Tochter? Lebt sie noch?«

»Du stellst zu viele Fragen. 26 Jahre hat sie dich nicht interessiert. Wieso sollte ich auch nur eine Frage im Bezug auf sie beantworten für dich? Weiß deine Familie davon? Von deiner Tochter?«

Ich atmete tief durch.

»Nein. Und lass meine Familie aus dem Spiel! Sie haben damit nichts zu tun.«

»Natürlich nicht. Nur verrate mir eins: warum sollte ich deine Familie aus dem Spiel lassen? Nachdem du meine zerstört hast! Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Außerdem hast du einen Teil deiner Familie gleich mitzerstört! Nur hast du danach weitergelebt, wie als wäre nichts gewesen. Warum sollte ich deine Familie nicht einfach ganz zerstören? Nenn mir auch nur einen guten Grund!«

»Bitte Georgi«, flehte ich. »Sie sind unschuldig. Sie wissen nichts. Was auch immer du von mir willst, halt sie da raus! Ich bitte dich…«

Mir war bewusst, dass ich einen Fehler beging, noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte. Es war nie gut einem Geiselnehmer, Erpresser oder wem auch immer seine Macht noch zu demonstrieren. Doch genau das tat ich gerade. Indem ich ihn darum bat, zeigte ich ihm, dass er die Kontrolle hatte. Das größte Problem an der Sache war: Er hatte wirklich die Kontrolle. Wenn er es geschafft hatte in meine Wohnung einzubrechen, dann wusste er auch, wo meine Kinder wohnten, wo mein Mann arbeitete. Er wusste wahrscheinlich alles. Und er war von Rache getrieben.

»Fangen wir doch erstmal damit an, dass du keine dummen Tricks mehr versuchst. Wir wollen schließlich nicht, dass deiner Familie in dieser gefährlichen Welt irgendetwas zustößt. Oder zumindest du willst das offensichtlich nicht. Also kommen wir jetzt zum Geschäftlichen. Ich habe eine Aufgabe für dich.«

Georgi schwieg. Er wollte offensichtlich die Frage von mir hören, welche Aufgabe. Diese Genugtuung wollte ich ihm nicht geben. Nicht auch das noch. Er sollte sehen, dass er nicht alles erzwingen konnte. Auf der anderen Seite konnte ich mir solche Spielchen nicht leisten. Das Leben meiner Familie stand hier auf dem Spiel.

Ich rang mich durch zu fragen. »Was für eine Aufgabe?«

»Ich dachte schon du fragst nie.«

Georgi lachte. Er hatte dasselbe grässliche Lachen wie sein Vater. Genau so hatte sein Vater gelacht, bevor er seinen Bodyguard erschossen hatte. Weil dieser versagt hatte, mich zu überprüfen.

»Es geht um etwas, wofür du offenbar prädestiniert bist. Mord.«

Ich schwieg, was sollte ich dazu auch sagen? Prädestiniert war sicherlich das falsche Wort, zumal ich seit Jahren nur noch einen Schreibtischjob hatte. Aber es wäre auch nicht mein erster Mord.

»Oder liege ich damit etwa falsch?«

»Warum ich?«

»Stellst du mir ernsthaft diese Frage?«

Er wurde wütend.

»Du hast meine Familie zerstört! Du hast meinen Vater kaltblütig ermordet. Vor meinen Augen! Auch wenn du mich vermutlich gar nicht bemerkt hast. Aber ja, ich habe es beobachtet. Meine Mutter ist zwei Jahre später gestorben. Wie ich später erfahren habe eine Mischung aus Alkohol und Medikamenten. Der Tod meines Vaters hat sie in den Tod getrieben! Und ich? Ich bin auf der Straße aufgewachsen. In Bulgarien, kurz nach dem Zerfall der UdSSR. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das war? Nein, wie solltest du auch? Du bist danach einfach wieder nach Deutschland gegangen. Hast dir ein schönes Leben gemacht.«

Wir beide schwiegen. Georgi hatte nicht Unrecht. Vor allem hatte ich damals mein Kind zurückgelassen. Eine Entscheidung, die ich mir selbst nicht verzeihen konnte. Mühsam unterdrückte ich die Tränen.

»Aber sprechen wir nicht mehr über die Vergangenheit«, sagte er wieder etwas ruhiger. »Kommen wir lieber zurück zu deinem Auftrag. Die Person, die du umbringen sollst, ist Boris Danov. Er ist für 07:00 Uhr heute Abend in einem Restaurant verabredet. Dann hast du deine Chance. Allerdings kann ich dir nicht erlauben eine Schusswaffe oder ein Messer zu nutzen. Schließlich will ich meine Leute nicht in Gefahr bringen. Du wirst dir also etwas anderes einfallen lassen müssen.«

Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich der Name der Zielperson traf.

»In welchem Restaurant findet das Treffen statt?«, fragte ich so sachlich wie möglich.

»Das verrate ich dir eine halbe Stunde vorher, um 6:30 Uhr. Bis dahin solltest du dir einen Plan zurechtlegen.«

Und wie ich mir einen Plan überlegen musste. Aber einen, um meine Familie zu retten, nicht um Boris umzubringen.

 

18:07 Uhr

Ich hatte einen Plan

Als ich auf dem Parkplatz am Hauptfriedhof der Stadt anhielt wusste ich genau, was ich als nächstes tun würde. Jeder einzelne Schritt war geplant. Während der Autofahrt hatte ich Zeit zum Nachdenken gehabt. Dabei hatte ich einen Plan entwickelt. Er war vielleicht nicht optimal, aber ich musste einen Versuch wagen.

Denn was blieb mir sonst übrig? Irgendwie musste ich dieser Situation entfliehen, ich musste Georgi loswerden. Nach über zehn Minuten Fahrt, war ich mir relativ sicher, dass ich nicht verfolgt wurde. Aber wozu auch? Georgi konnte mit Sicherheit auf das GPS des Handys zugreifen. Vielleicht hatte er auch einen Peilsender an meinem Auto angebracht. So oder so: Wenn mein Plan funktionierte, würde ich beides loswerden. Es musste einfach funktionieren! 

Ich betrat den Friedhof. Es gab keinen Plan B, falls dieser scheitern würde. Irgendwie ironisch, fand ich. Ausgerechnet einen Friedhof für meine Flucht zu nutzen. Aber es war der beste Ort, der mir in dem Moment eingefallen war. Und die Toten würden sich wohl kaum darüber beschweren.

Ich blickte mich um. Niemand war zu sehen. Trotzdem beschleunigte ich meine Schritte. Fest umklammerte ich das Handy in meiner linken Jackentasche. Georgis Handy. Das Handy, auf dem das Bild meiner Tochter war, das mich noch immer verfolgte.

Wie hatte ich sie damals im Stich lassen können? Die Antwort darauf kannte ich, nur wusste ich nicht, ob sie mir gefiel.

Damals hatte ich meine Tochter zurückgelassen, weil mich mein Job wieder nach Deutschland gebracht hatte. Alles hatte ich mit meinem Job begründet. Den Mord an Georgis Vater. Doch wofür? Was hatte es gebracht?

Rein gar nichts. Das Gefühl hatte ich zumindest. Damals, nach dem Zerfall der UdSSR gab es einen boomenden Schwarzmarkt und schnell breitete sich die Kriminalität aus.  

Man hatte mich geschickt, um einen der größten aufstrebenden Clans zu unterwandern. Genau das war mir auch gelungen. Bis ich mich verliebt hatte. Bis ich mir selbst nicht mehr sicher war, auf welcher Seite ich überhaupt stand. Oder wo ich stehen sollte. Und nicht zuletzt, bis Mitko mich enttarnt hatte. Also hatte ich ihn umgebracht und war zurückgekehrt. Zurück nach Deutschland. Ohne meine Tochter.

Nur verändert hatte es nichts. Bulgarien hatte immer noch eine extrem hohe Kriminalitätsrate, der Clan bestand noch immer. Nur unter wessen Führung wusste man nicht.

Das Thema hatte mich nie losgelassen. Vielleicht, weil ich meine Tochter nicht vergessen konnte. Vielleicht, weil mir Boris immer noch etwas bedeutete. Ein weiterer Grund, warum ich diesen Mord nicht geschehen lassen wollte. Außerdem konnte ich mich nicht erpressen lassen.

Was würde Georgi daran hindern, meine Familie trotzdem zu zerstören? Nichts. Meine einzige Hoffnung war deshalb, dass mein Plan aufging.  

Je näher ich der Wegkreuzung kam, umso mehr verkrampfte sich mein Griff um das Handy. Ein kalter Wind blies mir ins Gesicht, doch das blendete ich aus.

Nur noch fünf Schritte. Vier Schritte. Drei Schritte. Langsam zog ich meine Hand aus der Jackentasche.

Ich warf das Handy in den Mülleimer, genau als ich daran vorbeilief. Keine Sekunde später wechselte ich die Richtung und bog auf den Weg nach rechts ab. Dieser Weg führte zu einer Bahnhaltestelle. Genau dort wollte ich als nächstes hin. Doch zunächst musste ich meine Familie warnen.

Meine Hände zitterten. Es dauerte einen Moment, bis ich mein Handy aus der Handtasche gefischt hatte. Aber ich wollte auf keinen Fall stehen bleiben. Mein einziger Gedanke war: Immer weiter in Bewegung bleiben.

Ich blickte auf den Bildschirm. Aus irgendeinem Grund ließ mein Handy sich nicht anschalten. Ich versuchte es neu zu starten. Nichts. Es tat sich absolut gar nichts.

Plötzlich tauchte auf dem Bildschirm ein roter Totenkopf auf. Ich blieb stehen. Nur eine Sekunde später wurde mir ein Anruf angezeigt. Unbekannte Nummer. In diesem Moment wusste ich, dass ich versagt hatte.

 

18:14 Uhr

Zurück im Auto

Wütend schlug ich auf das Lenkrad ein. Vor allem war ich wütend auf mich selbst. Aber auch auf Georgi. Denn ohne ihn wäre ich gar nicht in dieser misslichen Lage. Irgendwie hatte er auch mein privates Handy gehackt. Er war der Unbekannte Anrufer gewesen. Aufgebracht hatte er mich angeschrien. Hoffentlich tat er meiner Familie nichts an. Zugegebenermaßen hatte ich nicht damit gerechnet, dass er mein privates Handy gehackt haben könnte. Hätte ich mein Handy einfach mit weggeworfen, hätte mein Plan funktionieren können. Hatte er aber nicht. Damit blieb mir nichts anderes übrig: Ich musste Boris umbringen. Hoffentlich würde dieser Albtraum damit enden.

Glücklicherweise hatte ich eine Idee. Zumindest für die Mordwaffe. Doch erst wenn ich das Restaurant kannte, konnte ich mir einen genauen Plan für die Umsetzung überlegen. Bis dahin waren es aber noch 16 Minuten. Vielleicht schaffte ich es bis dahin bei unserem Schrebergarten zu sein. Denn dort wollte ich als nächstes hin.

 

18:30 Uhr

Der nächste Anruf

Ich war gerade am Schrebergarten angekommen, als der erwartete Anruf für 18:30 Uhr einging.

»Ja.«

»Du klingst so gestresst. Ich hoffe es liegt nicht an den Sorgen, wegen deinem kleinen Fluchtversuch. Natürlich habe ich mir eine kleine Strafe überlegt, aber keine Sorge: Niemand ist ernsthaft zu Schaden gekommen. Nur vielleicht solltest du in ein paar Minuten deine SMS prüfen. Telefonieren kann ich dir nicht erlauben und eine Antwort auch nicht. Nicht, dass du irgendwie etwas mitteilst.«

»Was hast du getan?«

»Nichts, im Vergleich zu dem, was ich hätte tun können. Nur eine kleine Warnung. Ab jetzt solltest du wirklich nach unseren Regeln spielen.«

Wieder schwieg ich. Georgi hatte Recht. Er könnte meiner Familie problemlos etwas antun. Ich sollte dankbar sein, dass er es nicht tat.

Oh nein! Genau so durfte ich nicht denken! Ich durfte ihm nicht dankbar sein, für nichts. Er erpresste mich, bedrohte meine Familie und zwang mich zu diesem Mord. Niemals hätte ich gedacht ich sei so leicht zu manipulieren.

» Jetzt, wo das hoffentlich endgültig geklärt ist kommen wir zu deiner Aufgabe. Der Name des Restaurants lautet Malcesine. Wenn ich mich nicht ganz irre solltest du es kennen. Boris weiß nur, dass er sich mit einer wichtigen Person trifft. Diese Person wird nicht auftauchen, zumindest nicht die Richtige. Allerdings hat er die Person noch nie getroffen. Die Entscheidung, ob du ihn glauben lässt, du wärest diese Person, überlasse ich dir. Er weiß nicht, dass du damals in Bulgarien für den BND gearbeitet hast. Oder bis heute für sie arbeitest, wenn auch weniger aktiv. Du kannst natürlich auch versuchen gar keine Zeit mit ihm zu verbringen. Mir ist das alles egal. Hauptsache du tötest ihn. Fragen?«

Ja, mir schwirrten hunderte Fragen im Kopf herum. Warum sollte ich ausgerechnet Boris umbringen? Wieso hatte Georgi ihm nicht von meiner wahren Identität erzählt? Woher wusste er überhaupt davon? Und warum hatte er mir Bilder meiner Tochter gezeigt? Wie passte sie in die ganze Sache? Mal abgesehen davon, dass ich ihren Vater umbringen sollte?

Doch ich würde keine Antwort bekommen. Für keine der Fragen.

»Nein, keine Fragen.«

»Sehr gut. Dann viel Glück. Oder besser noch: Gutes Gelingen…«

Er legte auf.

Mir rannte die Zeit davon. Zum Restaurant brauchte ich mindestens zwanzig Minuten, aber auch dreißig Minuten waren nicht unrealistisch. Verdammt, plante ich wirklich diesen Mord? Ja, wenn ich meine Familie retten wollte, musste ich es durchziehen. Das Restaurant hatte Georgi mit Sicherheit nicht zufällig gewählt. Dort hatte mir Thorsten damals den Heiratsantrag gemacht.

In dem Augenblick fiel mir ein, was Georgi noch gesagt hatte. Rasch holte ich mein privates Handy aus der Handtasche. Mir wurden 7 verpasste Anrufe und eine SMS angezeigt.

„Hi Schatz, ich hatte auf dem Heimweg einen kleinen Autounfall. Mir ist jemand seitlich ins Auto gefahren. Es geht mir gut, nur das Auto ist beschädigt. Ich nehme jetzt ein Taxi Zuhause und lege mich ein bisschen hin. Alles Liebe, Thorsten.“

Ich musste eine Träne unterdrücken. Das alles geschah nur wegen mir. Doch ich hatte jetzt keine Zeit mich selbst zu bemitleiden.

Schnell schnappte ich mir meine Handtasche und rannte zu unserem Schrebergarten. Natürlich hatte ich den Schlüssel zu unserer Gartenhütte vergessen. Doch ich fand einen großen Stein, mit dem ich das Fenster einschlug. Hoffentlich hörte niemand das Klirre.

Durch das Fenster zwängte ich mich ins Innere. In einer Ecke stand ein kleines Schränkchen, mit einem Zahlenschloss gesichert. Obwohl ich den Code kannte brauchte ich eine Weile, bis ich mit meinen zitternden Händen die Zahlen richtig gedreht hatte.

Endlich, mit einem Klick öffnete sich das Schloss. Ich griff in den Schrank, nahm ein Fläschchen nach dem anderen in die Hand. Verdammt, es musste einfach hier sein!   

Endlich! Maitotoxin. Danach hatte ich gesucht. Das erste Mal in meinem Leben war ich froh darüber, dass mein Mann so verrückt war und sich in seiner Freizeit mit Giften beschäftigte. Und dass er als Chemiker auch noch irgendwie an das Zeug drankam. Vorsichtig steckte ich das Fläschchen in meine Handtasche, bevor ich mich auf den Weg zurück zum Auto machte. Und zum Restaurant. Um das zu tun, was ich musste. Ich würde Boris umbringen!

 

19:07 Uhr

Ankunft am Restaurant

Hektisch stieg ich aus dem Auto und hoffte, Boris wäre noch im Restaurant. Bei jemandem wie ihm konnte man nie wissen. Immerhin war es sieben Minuten nach der vereinbarten Zeit. Doch als ich an der Glasfront des Restaurants vorbeilief konnte ich ihn sehen.

Himmel, ich war nervös. Ich wäre schon nervös gewesen, ihn nur wiederzusehen. Denn ich liebte ihn noch immer. Doch jetzt sollte ich noch viel mehr tun als ich nur zu treffen. Ihn umbringen. Hoffentlich merkte er mir meine Anspannung nicht zu sehr an. Noch immer hatte ich keinen genauen Plan, wie ich mich vorstellen würde, was ich sagen sollte.Es ging eigentlich nur darum einen guten Moment abzupassen, damit ich das Gift in sein Glas oder über sein Essen tun konnte.

Nervös betrat ich das Restaurant. Man führte mich an den Tisch von Boris.

Als er mich erblickte wich jegliche Farbe aus seinem Gesicht.

»Ilana?«  

»Ja. Du erkennst mich also noch nach all den Jahren. Ich habe mich gewundert, ob das wohl der Fall sein würde.«

Gezwungen brachte ich ein Lächeln zustande. Verzweifelt versuchte ich die Rolle zu spielen. Die Rolle einer wichtigen, kriminellen Person.

Boris erwiderte nichts. Glücklicherweise trat in diesem Moment der Kellner an unseren Tisch.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«

»Ein Wasser«, bestellte ich.

»Für mich bitte einen Whiskey. Einen starken.«

Nachdem der Kellner wieder außer Hörweite war, hatte Boris wohl den ersten Schock überwunden.

»Du bist also auch im großen Business. Wieso bist du damals verschwunden? Wir hätten die Sache gemeinsam aufbauen können! Was ist passiert?«

Er klang vorwurfsvoll. Wer konnte es ihm verübeln?  

»Eine verdammt lange Geschichte. Lass uns nicht darüber reden. Wie geht es unserer Tochter?«

»Keine Ahnung. Sie hat sich seit fast zwei Jahren nicht bei mir gemeldet. Entschuldige mich bitte einen Moment.«

Boris verließ den Tisch. Er wirkte aufgewühlt. Vermutlich musste er sich sammeln. Sobald er außer Sichtweite war schlug ich die Hände vors Gesicht. Diese Sache war noch viel schlimmer als ich erwartet hatte.

Kurz darauf brachte der Kellner die Getränke. Noch war von Boris nichts zu sehen. Das war meine Chance. Einfacher würde es nicht mehr werden.

Mit meiner rechten Hand hielt ich das Fläschchen fest umklammert. Wenn mein Mann seine Experimente mit den Ameisen durchführte nutzte er nur einen einzigen Tropfen aus der Pipette. Für die gesamte Kolonie. Ich würde mehr nutzen müssen. Doch ich konnte es nicht tun! Oder doch?

Ich rang mich dazu durch. Nahm das Fläschchen und tropfte ein paar Tropfen in das Glas. Keine Sekunde zu früh hatte ich das Fläschchen wieder in meine Handtasche gleiten lassen, denn Boris kam zurück. Er hatte sich gefangen. Sein Auftreten wirkte wieder selbstsicher. Geradezu angsteinflößend. Seit ich gegangen war hatte er sich verändert. Mehr als nur ein bisschen. Es waren aber auch über 2 Jahrzehnte vergangen. Wer veränderte sich in dieser Zeit nicht? 

Wir redeten. Noch nie hatte ich mich so unwohl in meiner Haut gefühlt. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis Boris endlich etwas von seinem Whiskey trank. Und noch einmal mindestens genauso lange dauerte es, bis das Gift zu wirken schien. In der Zwischenzeit hatten wir sogar schon etwas zu Essen bestellt.

Worüber wir alles geredet hatten, wusste ich schon nicht mehr, als Boris die ersten Symptome zeigte. Viel zu wenig hatte ich mich auf das Gespräch konzentriert. Und viel zu sehr hatte ich auf diese Sekunde gewartet.

»Wieso ist mein Whiskey so warm? Ich habe ihn doch extra mit Eis bestellt?«

Das war ein erstes Zeichen, dass das Gift wirkte. Danach hatte es keine Minute gedauert, bis sich Schweiß auf Boris‘ Stirn bildete. Es war zeit für mich zu gehen.  

Ich entschuldigte mich. Dann nahm ich meinen Mantel und verließ mit zügigen Schritten das Restaurant. Innerhalb der nächsten Minute würde Boris vermutlich zusammenbrechen. Und dann sollte ich besser nicht mehr in der Nähe sein. Mein Auto hatte ich absichtlich ganz in der Nähe geparkt.

Ich war gerade ins Auto eingestiegen, als mein Handy klingelte. Es war Georgi.

»Ich habe getan, was du wolltest. Jetzt lass mich und meine Familie in Ruhe!«

»Nicht so schnell, wir haben da noch eine offene Sache. Deine Tochter. In zwanzig Minuten beim Mexikaner am Marktplatz. Dort wirst du sie treffen. Sei nicht zu spät!«

 

20:58 Uhr

Das Aufeinandertreffen mit meiner Tochter

Zwei Minuten. Das war die Zeit, die mir blieb, bis ich meine Tochter wiedersah. Nach 25 Jahren. Doch ich verstand den Zusammenhang noch immer nicht. Warum hatte Georgi sie überhaupt ins Spiel gebracht? Ich hätte seinen Befehlen auch sonst gehorcht.

Ich saß an einem Tisch, in dem Restaurant, das Georgi mir genannt hatte. Um Punkt neun sah ich meine Tochter das Restaurant betreten. Ich erkannte sie sofort. Auch wenn sie sich verändert hatte, im Vergleich zum aktuellsten Foto, das ich von ihr gesehen hatte. Sie war weniger abgemagert, sah gesünder aus. In der Hand hielt sie eine kleine Box, die wie eine Geschenkbox aussah.

Sie kam immer näher. Ich sah, dass sie lächelte. Doch in diesem Lächeln lag kein Gefühl, keine Freude. Es war ein gefrorenes Lächeln, kein glückliches. Wortlos setzte sie sich mir gegenüber.

Dann nahm sie die Geschenkbox, legte sie auf den Tisch und schob sie leicht zu mir rüber.

»Ein Geschenk für dich. Es ist etwas ganz Besonderes. Bewahre es gut auf.«

Schweigend nahm ich die Box in die Hand. Ich wollte meiner Tochter eine Erklärung liefern. Eine Erklärung, warum ich sie zurückgelassen hatte. Doch ich wusste noch immer nicht, was ich sagen sollte. Obwohl ich schon so lange darüber nachgedacht hatte. Also versuchte ich mir etwas Zeit zu kaufen.

Schweigend öffnete ich die Box einen Spalt breit. Beinahe hätte ich sie schreiend fallen gelassen. In der Box war ein Finger. Mit einem Ring. Ich starrte den Finger in der Box an, dann den Ehering an meinem Finger. Sie waren identisch.

Als ich den Finger sah wurde mir die schockierende Wahrheit bewusst. Mein Mann war Tod. Umgebracht worden.

Von dieser Sekunde an hatte ich das Gefühl mich selbst nur noch zu beobachten. Ich konnte nichts mehr tun, nichts mehr ändern.

Durch die Eingangstür sah ich Georgi mit zwei Bodyguards das Restaurant betreten. Er kam in die Nähe unseres Tisches und meine Tochter stand auf. Georgi legte seine Hand um ihre Hüfte.

»Komm Schatz!«, sagte sie. »Ich bin fertig hier. Sie hat das Geschenk. Und ich habe meinen Frieden.«

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