Jens Christian MaurerWer bist du?

von Jens Christian Maurer

 

Eine Zweizimmerwohnung in Berlin. Der herrliche Duft aus Abgasen und Pisse liegt schwer wie eine abgesackte Wolke auf den Dächern und dringt in jede Ritze. Nachts schallen die Schreie der quietschenden Reifen durch die Straßen und gelegentlich hört man einen Hund bellen. Für mich gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem ich lieber leben würde. Hier fühle ich mich geborgen, zu Hause. Meine Augen öffnen sich und mein Blick fällt direkt auf den schnarchenden Berg neben mir. Sie schläft noch. Ich schwinge meine Beine über die Bettkante und fische mit meinen Füßen nach meinen Pantoffeln. Kaum gefunden, schlüpfe ich hinein und trotte ins Bad. Der Blick in den Spiegel verrät mir, dass ich aussehe, wie ein Autounfall – so wie jeden Morgen. Ich öffne den Hahn und klatsche mir das eiskalte Wasser ins Gesicht. Der Anblick hat sich zumindest etwas gebessert. Aus dem Schlafzimmer dröhnt ein tiefes Ächzen. Sie ist wach. Ich gehe in die Küche und betätige den Schalter der Kaffeemaschine. Ein lautes Rattern dringt durch den Raum und ein grünes Licht signalisiert mir, dass es nur noch wenige Minuten dauern wird, bis mich das schwarze Lebenselixier aus meiner Trance reißt. Ich ziehe zwei graue Tassen aus dem Regal und platziere sie unter den Drüsen. Mit starrem Blick verfolge ich den Stand der Flüssigkeit, der langsam ansteigt und knapp vor den Rändern der Tassen zum Stillstand kommt. Beide stelle ich auf den Esstisch und begebe mich zur Wohnungstür, um den Briefkasten zu leeren. Ich öffne den metallenen Schlitz und ziehe zwei Couverts heraus. Aber Halt … da ist ja noch eins. Beim  Blick in den Briefkasten sehe ich, dass das dritte Couvert zwischen Schlitz und Innenseite des Kastens eingeklemmt ist. Mit meinen Fingern bekomme ich das nicht heraus. Ich öffne die Tür und versuche, den Brief von außen herauszuziehen. Es dauert zwar einen Moment, aber dann halte ich ihn – ein wenig zerknittert – in den Händen. Euphorisiert durch den morgendlichen Erfolg tanze ich zurück in den Flur, als mein Fuß auf etwas Hartes tritt. Ein, durch den Pantoffel nur wenig abgedämpfter, Blitz durchfährt meinen Körper; das schmerzerfüllte „Mist“ habe ich nicht mehr unterdrücken können. Ich hebe meinen Fuß an, um das Ungetüm zu sehen, dass mir den Moment des Erfolges ruiniert hat und sehe … ein Handy? Es ist angeschaltet und auf dem Bildschirm leuchten weiße Ziffern auf einem schwarzen Hintergrund. Ich bücke mich, hebe es auf und drehe es so, dass ich die mysteriöse Nachricht lesen kann. Was zum …? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Der Kaffee, die Euphorie, der Schmerz im Fuß – alles vergessen. Meine Hand zittert, mein Atem stockt. Das Handy gleitet aus meiner Hand, fällt zu Boden – das Display splittert. Wie paralysiert starre ich die weißen Ziffern an, die mein gesamtes Leben zerstören könnten. Immer wieder schaue ich auf die Zahlenfolge, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht doch geirrt habe. Nein, sie ist es. Die Zahl, die damals … Der Ruf meiner Frau reißt mich aus meinem Alptraum. Ich nehme das Handy an mich, antworte „Ich komme“ und gehe zurück in die Wohnung.

 

Meine Hand zittert immer noch, obwohl der Fund schon ein paar Stunden her ist. Ich habe mir zwei Toastbrote reingestopft und dann meiner Frau vorgegaukelt, ich müsste noch kurz etwas besorgen. Jetzt laufe ich schon seit zwei Stunden ziellos durch die schlafenden Straßen Berlins und weiß nicht, was ich tun soll. Soll ich untertauchen? Einfach abhauen und ein neues Leben beginnen? Nein, das kann ich nicht – dafür habe ich mir dieses Mal zu viel aufgebaut. Zum Glück reißt mich ein Klingelton aus meinen Gedanken. Verwirrt taste ich meine Taschen ab und bekomme mein Telefon zu fassen. Aber … es klingelt nicht. Angst steigt in mir auf. Ich fahre vorsichtig mit meiner Hand an meine Gesäßtasche und spüre eine leichte Vibration durch den Jeansstoff. Das Handy … es klingelt. Ich ziehe es aus der Tasche und suche voller Aufregung nach dem Anrufer. „Anonym“. Verdammt. Soll ich rangehen? Was bleibt mir denn anderes übrig? Ich schaue mich um, um sicher zu gehen, dass sich niemand in Hörweite befindet. Zu meinem Glück ist die Straße menschenleer. Dann drücke ich auf „Anruf annehmen“ und melde mich mit einem leisen „Wer ist da?“. Es vergehen ein paar Momente, die sich für mich wie eine Ewigkeit anfühlen und ich vernehme ein leichtes Knistern am anderen Ende. „Hallo?“, frage ich, dieses Mal mit mehr Druck in der Stimme. Als Antwort erhalte ich einen monotonen Ton, der lange anhält. Aufgelegt. So ein Mist! Ich muss mich beruhigen. Mein Blick schweift erneut durch die leergefegte Straße und fällt auf einen Kiosk. Beim Eintreten bemerke ich, dass ich vielleicht doch lieber draußen geblieben wäre. Der unerträgliche Gestank der Straße scheint hier seinen Ursprung zu finden. Ich halte die Luft an und schaue mich in dem kleinen Laden um. In der einen Ecke stapeln sich Müllsäcke, in der anderen ist eine Lache mit einer gelblichen Flüssigkeit, von der ich gar nicht erst wissen will, was es ist. Ich kaufe eine Packung Kippen und ein Feuerzeug und verschwinde so schnell, wie ich gekommen bin. Es fängt an zu regnen. Ich stelle mich unter einen kleinen Vorsprung und stecke mir die erste Fluppe an. Erneut ziehe ich das Handy hervor und betrachte es genauer. Es ist billig produziert, besteht fast ausschließlich aus dunkelgrauem Plastik und ist von einer Marke, die ich nicht kenne. Beim Drücken des Knopfes an der Seite des Handys blitzt der Bildschirm auf. Ich versuche auf den Startbildschirm zu kommen, aber es verlangt einen Code von mir. Verdammt. Ich gebe die Zahlenfolge ein, die die mysteriöse Person als Sperrbildschirm eingestellt hat. Vergebens. „Noch zwei Versuche“ erscheint in schwarzen Lettern. Mein Blick fällt auf die Uhrzeit, die sich über dem Eingabefeld befindet. So spät schon? Ich stecke das Handy wieder ein, werfe meine Kippe weg und begebe mich auf den Weg nach Hause. Noch ein Rätsel, das es zu lösen gilt.

 

Zuhause begrüßt mich meine Frau mit einem sorgsamen Blick und einem gelben Handtuch. Sie wuschelt mir damit durch die nassen Haare und schickt mich danach ins Bad zum Haare föhnen. Stattdessen stelle ich mich in die Dusche und lasse mir das eiskalte Wasser über den Körper laufen. Vielleicht kann ich so mein Gehirn neustarten und besser nachdenken. Fünf Minuten später sitze ich meiner Frau in frischen Klamotten und trockenen Haaren am Esstisch gegenüber. Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber sie kommt mir zuvor. „Ich habe vorhin einen Anruf bekommen, als du weg warst“, sagt sie und schaut mich durchdringlich an. Meine Hand fängt wieder an zu zittern. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn und ich frage mich, wieso ich überhaupt geduscht habe. Hat dieser Psycho sie etwa auch angerufen? Mein Blick klebt an ihrem Mund, aber meine Frau lässt sich Zeit. Sie spielt mit ihren Haaren – so wie sie es immer tut, wenn sie nervös ist. Sekunden vergehen, die sich anfühlen wie Jahrhunderte. „Das Krankenhaus. Der Zustand meines Vaters hat sich verschlechtert. Er … er wird es nicht schaffen.“ Tränen laufen ihr über das gerötete Gesicht. Sie schluchzt. Ich springe auf und lege tröstend meine Arme um sie. „Alles wird gut“, sage ich und umarme sie fester. Puh, das war knapp. Aber so kurz vor dem Ziel lasse ich mich nicht besiegen. Erst recht nicht, wenn ich so eine tolle Nachricht bekomme und mich vor lauter Vorfreude zurückhalten muss, um nicht laut aufzuschreien. Bald ist es soweit!

 

Stille. Seit wir ins Auto eingestiegen sind, hat keiner von uns ein Wort gesprochen. Ich versuche, ein Gespräch mit ihr aufzubauen, aber sie blockt ab. Also beschließe ich, es dabei zu belassen und schalte das Radio ein. Die Melodie eines Pop-Rock Klassikers harmonisiert mit dem rhythmischen Prasseln des Regens. Mein rechter Zeigefinger tippt zum Takt auf das Lenkrad. Ich schaue zu meiner Frau herüber. Sie ist eingeschlafen. Gut, es ist besser, wenn sie sich jetzt erholt. Ich will gerade wieder meinen Blick nach vorne richten, als er auf einen blauen VW Golf im Rückspiegel fällt. Der Wagen ist schon seit einiger Zeit hinter uns. Werden wir verfolgt? Das Auto kommt mir irgendwie bekannt vor. Ganz ruhig, wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein. Um ganz sicher zu gehen, biege ich bei der nächsten Kreuzung rechts ab und fahre einen Umweg. Der blaue Golf biegt ebenfalls ab. Verdammt. Vielleicht bilde ich mir das doch nicht ein und der Psycho, der mir das Handy vor die Tür gelegt hat, verfolgt uns tatsächlich! Was will der Kerl? Immer öfter schaue ich in den Spiegel, um die Gestalt auf dem Fahrersitz zu erkennen. Sie ist zu dunkel. Dann hilft nur noch eins: abhauen! Mein Herz fängt an zu rasen und ich drücke aufs Gaspedal. Das gibt es doch nicht! Der Golf wird auch schneller! „Warum rast du so?“, höre ich die verschlafene Stimme meiner Frau. „Alles gut, ich will nur, dass wir schnell ankommen“, lüge ich. Knapp 100 Meter vor uns sehe ich, wie die Ampel der Kreuzung von Grün auf Gelb schaltet. Das ist meine Chance! Ich drücke das Gaspedal voll durch und wir schießen über die rote Ampel. Ein BMW-Fahrer geht in die Eisen und hupt. Egal, wichtiger ist, dass der Golf hinter uns knapp hinter der Haltelinie zum Stehen kommt. Geschafft! Ich werfe erneut einen Blick in den Spiegel und kann den Fahrer im veränderten Licht besser erkennen. Es ist … eine Frau? „Schatz, schau nach vorne!“, schreit meine Frau vom Beifahrersitz. Erschrocken wende ich meinen Blick auf die Straße und drücke auf die Bremse. Eine Sekunde später und ich wäre dem Auto vor uns aufgefahren. „Bist du verrückt geworden? Warum schaust du denn nicht auf die Straße?!“, fragt sie und schaut mich mit einem verständnislosen Blick an. „Ich … ich weiß es nicht“, antworte ich. Sie lehnt ihren Kopf wieder an die Fensterscheibe und schließt die Augen. „Fahr vorsichtig – wir wollen zwar ins Krankenhaus, aber nur als Besucher.“ Mein Herzschlag hat sich wieder beruhigt, aber meine Gedanken sind immer noch bei der Frau aus dem blauen Golf. Warum kommt sie mir so bekannt vor?

 

Der Arzt legt meiner Frau seine Hand auf die Schulter, schenkt ihr einen mitleidigen Blick und verlässt danach das Krankenzimmer. Was auch immer er gesagt hat, es hat sie traurig gemacht. Ich habe nicht zugehört, dafür war ich zu sehr in meine Gedanken vertieft. Diese Frau … ich habe sie irgendwo schon einmal gesehen. Mein Blick fällt auf den Menschen vor mir. Wenn man ihn noch als solchen bezeichnen kann. Sein Gesicht ist verdeckt von einer Maske, die Luft in seine zu schwachen Lungen pumpt. Seine Arme sind blass und haben eine unnatürliche Farbe angenommen; Schläuche und Kabel verlaufen von seinem Körper in teuer aussehende Geräte. Lange wird dieser Mann nicht mehr leben. Hoffentlich. Sobald er den Löffel abgibt, kann mein Plan endlich umgesetzt werden. Ein Jahr. So lange arbeite ich schon an meinem bisher größten Coup. Ich lege einen Arm um meine Frau und drücke sie fest an mich. Keine Sorge, Schatz, bald ist alles vorbei.

 

Ich hasse Krankenhäuser. Überall Husten, Schniefen, Krankheit. Ich habe meiner Frau und mir zwei Kaffee aus der Cafeteria geholt, als meine Gesäßtasche anfängt zu vibrieren. Um ein Haar hätte ich die Becher fallen lassen. Ich stelle sie auf dem Boden ab und ziehe das Handy hervor. Eine SMS. Absender: Anonym. „1902“, steht in schwarzen Lettern geschrieben. Mein Hochzeitsdatum. Ist das etwa … der Code? Ich wische die SMS zur Seite und tippe die Zahlenfolge in das Eingabefeld ein. Mit einem klimpernden Geräusch öffnet sich automatisch die Galerie des Telefons. Ich tippe das erste Bild an, es wird vergrößert und füllt den gesamten Bildschirm aus. Ich kenne dieses Bild. Es zeigt zwei Menschen – einen Mann und eine Frau – bei einer Hochzeit. Nicht etwa, bei irgendeiner Hochzeit, sondern bei meiner. Dieser Psycho hat es also tatsächlich auf mich abgesehen! Verdammt, wenn er dieses Bild hat, heißt das etwa … aber das kann nicht sein. Ich bin extra auf Nummer sicher gegangen, da muss ein Irrtum vorliegen. Aber wer sonst … Mit einem Mal wird mir alles klar. Mein Fuß streift den Kaffeebecher am Boden und wirft ihn um. Die Flüssigkeit breitet sich schnell auf dem Linoleum aus und bildet eine Lache – aber das ist mir egal. Das Handy, die Zahlenfolge, der Code, der Anruf, das Bild … die Frau. Dass ich da nicht vorher drauf gekommen bin! Ich will gerade das Handy wegpacken, als es erneut zu vibrieren beginnt. Ein Anruf. Anonym.

 

„Hallo?“, frage ich.

„Hallo“, antwortet eine Frauenstimme.

„Wer ist da?“, frage ich.

„Das weißt du bereits.“

Ich balle meine Hand zu einer Faust.

„Was willst du von mir?“

„Gerechtigkeit! Wegen dir ist meine Mutter tot!“

Ich zögere einen Moment. Die Sollten die Gerüchte um ihren Suizid doch wahr sein?

„Und deshalb legst du mir ein Handy vor die Tür? Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

Wie ich dich gefunden habe ist doch egal – viel wichtiger ist doch, dass ich dich gefunden habe.“

Meine Faust zittert. Wie gerne würde ich sie dieser blöden Schnepfe ins Gesicht drücken.

„Was hast du vor?“

„Wie gesagt, ich möchte für Gerechtigkeit sorgen. 204850 – Ich vermute, dass du die Zahl wieder erkannt hast, als du das Handy aufgehoben hast. Ansonsten hättest du dich wohl kaum so erschreckt.“

Verdammt. Sie beobachtet mich schon länger.

„Ich frage mich bis heute, wie du es geschafft hast, meine Mutter um so eine Summe zu erleichtern. Sie muss dich wirklich geliebt haben – immerhin hat sie sich deinetwegen das Leben genommen.“

Ihre Stimme bebt. Warum habe ich nicht früher daran gedacht? Sie war mir schon suspekt, als mich ihre Mutter ihr das erste Mal vorgestellt hat. Damals war sie erst sechzehn und hat mich jedes Mal schief angeschaut, wenn ich vorgegaukelt hatte, ihre Mutter zu lieben. Ich wusste, dass ich das Risiko nicht hätte eingehen sollen. Da sind mir Frauen ohne Kinder doch wesentlich lieber.

„Ich habe das Geld nicht mehr.“

„Du glaubst wirklich, es geht mir nur ums Geld?“, fängt sie an. „Wichtiger ist, dass du hinter Gitter kommst und keiner mehr auf deine Scharade rein fällt. Die Polizei ist schon längst informiert und sollte jeden Moment eintreffen.“

„Du kleines …“

Sie hat aufgelegt. Wie paralysiert schaue ich auf den Bildschirm des Handys. Ist das das Ende? Nein, das kann nicht sein. Nicht so kurz vor dem Ziel. Ich stecke das Handy weg und laufe los. 

 

Was soll ich denn jetzt machen? Die Polizei ist auf dem Weg hierher und wird mich wegsperren! Meine gesamte Arbeit, die investierte Zeit – letzten Endes umsonst? Nein, reiß dich zusammen! Ich habe mich mein ganzes Leben aus brenzligen Situationen herausgeschlichen, dann schaffe ich das hier auch! Einen Plan … ich brauche einen Plan! Ziellos irre ich durch die ellenlangen Gänge des Krankenhauses. Ärzte und Krankenschwestern werfen mir merkwürdige Blicke zu und weichen mir mit abweisenden Mienen aus. So wie ich gerade aussehe, denken sie wohl, ich bin ein Verrückter, der aus der Klapsmühle ausgebrochen ist. Aber das ist mir egal. Sollen sie doch glotzen, wenn es sie glücklich macht – ich habe gerade Wichtigeres zu tun. Ich biege um eine Ecke und komme schnell zum Stehen. Zwei uniformierte Polizisten kommen mir entgegen! Jetzt muss ich mich beeilen! Ich drehe mich blitzschnell um und suche den Gang nach möglichen Verstecken ab. Mist – hier ist alles komplett übersichtlich. Ich habe keine Wahl. Wer auch immer hier drin ist, bitte schrei nicht, wenn ich jetzt hereinkomme! Ich öffne die Tür, schlüpfe hinein und schließe sie leise hinter mir. Mein Ohr presse ich gegen die Zimmertür. Schritte nähern sich. Haben sie mich etwa doch gesehen?! Mein Puls rast und ich spüre, wie mein Herz immer härter gegen meinen Brustkorb springt. Ich falte meine Hände und mache, was ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe – Beten. Jahre vergehen – oder sind es doch nur Sekunden? Die Schritte werden leiser, mein Herz beruhigt sich. Geschafft! Ich habe die Bullen ausgetrickst – jetzt muss ich nur noch hier rauskommen. Ich lasse von der Tür ab, atme tief durch und erschrecke mich fast zu Tode, als ich eine mir bekannte Stimme vernehme. „Hallo, Schatz! Wo ist denn der Kaffee, den du mir versprochen hast?“

 

Das darf doch nicht wahr sein! Von allen Zimmern, die dieses Krankenhaus besitzt, bin ich genau in das meines Schwiegervaters geplatzt?! Das ist doch wohl ein schlechter Scherz! Oder … das größte Glück überhaupt! „Ich habe keinen mehr bekommen. Es ist spät, wir sollten so langsam heimfahren“, sage ich und versuche dabei die Anspannung in meiner Stimme zu unterdrücken. „Ich möchte noch ein wenig bei meinem Vater bleiben. Ist alles in Ordnung bei dir? Du siehst etwas blass aus.“ Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. „Ja ja, mir geht’s gut! Wir sollten nur schnell los!“ Verdammt, ich mache ihr Angst. Ich brauche eine rationale Begründung, damit sie mit mir mitkommt. Warum muss diese Frau auch so starrköpfig sein?

„Warum hast du es denn so eilig?“

Das Blut in meinen Adern gefriert. Ein eiskalter Schock fährt mir über den Rücken und meine Nackenhaare stellen sich auf. Die Frage kommt nicht von meiner Frau, sondern aus der Richtung, aus der ich gerade gekommen bin – von der Zimmertür. Langsam drehe ich meinen Kopf und starre auf die Gestalt, die sich im Türrahmen positioniert hat. Sie ist es. Und sie ist nicht allein. Hinter ihr stehen die zwei Polizisten, die ich eben noch überlistet hatte. „Schatz, wer ist diese Frau? Und was in aller Welt hat die Polizei hier zu suchen?“ Meine Gedanken rasen. Wie habe ich mich denn jetzt schon wieder in solch eine ausweglose Situation manövriert? Bleib ruhig. Mein Blick wechselt von meiner Frau zu meinem schlimmsten Erzfeind und wieder zurück. „Das … das ist nur eine alte Freundin von mir“, lüge ich. „So? Freunde sind wir also? Ich würde unser Verhältnis als ein noch viel Engeres bezeichnen – eher familiär. Findest du nicht auch, Stiefvater?“ Stille. Das einzige Geräusch, das durch den Raum hallt, ist das rhythmische Piepen des Herzmonitors. Das Gesicht meiner Frau versteinert sich. „Was soll das heißen – Stiefvater?“ Sie ist aufgestanden und bewegt sich langsam auf mich zu. Ich möchte zurückweichen, aber das Monster blockiert meinen Fluchtweg. „Sag mir die Wahrheit! Was ist hier los?!“ Ich habe meine Frau noch nie so wütend erlebt. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns erst seit einem Jahr kennen und ich sie auf Händen getragen habe, damit ich ihr irgendwann das Erbe ihres Vaters hätte abziehen können.

„Sag schon! Was ist dein Geheimnis?!“

Jetzt ist sie mir bedrohlich nah auf die Pelle gerückt und starrt mir in die Seele.

„Spuck es endlich aus!“

Ich kann nicht mehr.

„Sprich!“

Das war’s.

„Ich … ich“, stottere ich. Mir wird schwarz vor Augen.

 

Hallo Mama.

Ich schreibe diesen Brief, um dir mitzuteilen, dass ich es geschafft habe. Du wirst diesen Brief nicht mehr lesen können, aber er schenkt mir die Gewissheit, das Richtige getan zu haben und endlich mit dieser Sache abschließen zu können. Ich habe das Schwein, das dich damals in den Suizid getrieben hat, hinter Gitter gebracht und dafür gesorgt, dass keine andere Frau mehr auf ihn hereinfallen wird. Endlich können wir einen Schlussstrich ziehen und diese Sache hinter uns lassen.

Hoffentlich sehen wir uns eines Tages wieder. Bis dahin werde ich immer an dich denken und dich in meinem Herzen bei mir tragen.

In Liebe,

Deine Tochter

2 thoughts on “Wer bist du?

  1. Eine tolle Idee und wirklich spannend umgesetzt. Der Kontrast seiner Gedanken über seine Frau und wie er dann direkt mit ihr gesprochen hat, hat mir einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Eine tolle Geschichte! LG Lisa

  2. Eine tolle Idee! Man ist am Anfang richtig gefesselt und sucht die Antwort auf so viele Fragen. Wer ist sie? Was für eine Zahl? Wieso freut er sich über den Tod seines Schwiegervaters?
    Als Anmerkungen hätte ich nur vorgeschlagen, die Zahl, die er sofort wiedererkennt, deutlicher zu machen. Vielleicht das vorherige Hochzeitsdatum? Würde er die Geldsumme wirklich sofort wiedererkennen? Das ist die Frage, die ich mir persönlich am Ende gestellt habe:)

    Vielleicht hast du ja auch Lust, bei mir vorbei zu schauen: „Der letzte Tag“ von L.Grosch

    Liebe Grüße

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