Philipp ThiBesessen von Liebe

Jan strahlt über das ganze Gesicht. Heute hat sie sich für ihn besonders hübsch gemacht. Hat ihr bestes Kleid ausgegraben. Oh wie sie sich im Spiegel anschaut. Sich ihren strahlend roten Lippenstift aufträgt. Und das alles nur für ihn.

Er ist so froh, dass er Isabelle hat. Sie ist alles für ihn. Kein Vergleich zu seiner ersten innigen Beziehung. Zugegeben, an Melanie hatte er lange zu knacken, Jahre lang konnte er sich auf niemand anderes einlassen. Er hat Melanie geliebt. Sie war sein ein und alles. Doch sie ist an seiner Liebe zerbrochen. Am Ende war sie nur noch ein Häufchen Elend. Damals hatte Jan Selbstzweifel. Heute weiß er: Melanie war einfach nur zu schwach für ihn. Für seine Liebe. Seine Zuneigung.

Doch jetzt ist er zurück, glücklicher denn je. Isabelle macht ihn glücklich. Erfüllt ihn. Gibt ihm Halt. So steht Jan da, knapp 20 Meter von Isabelles Schlafzimmer entfernt, im Schutz der dichten Hecke. Niemand stört ihn. Hier ist er mit Isabelle allein. Jan kommt in regelmäßigen Abständen hierher. Mal sind es zwei Tage, mal sogar vier. Seit fast drei Monaten besucht er seine Liebe jetzt schon. Tagsüber spielen ihre zwei Kinder hier, verstecken sich im Dickicht der Hecke. Bekommen Isabelles volle Aufmerksamkeit. Am Abend ist Jan an der Reihe. Am liebsten würde er gleich sofort zu ihr…

Plötzlich schreckt Jan auf, stößt sich den Kopf an einem dickeren Ast inmitten der Hecke. Was war das? Jan schaut nervös zum Fenster. Hat sie seine ruckartige Bewegung bemerkt? Doch Isabelle ist weiterhin dabei, optisch alles aus sich herauszuholen. Sich schön zu machen. Nur für ihn. Noch schöner, als sie sowieso schon ist. Jemand anderes kann ihn nicht gesehen haben. Niemand sieht ihn hier. Nicht vor drei Monaten, als er zum ersten Mal herkam. So auch nicht heute.

Etwas beruhigt widmet sich Jan dem Gegenstand, der ihn hat aufschrecken lassen. Er liegt einfach so dort, keinen Meter von ihm entfernt im Dreck. Es ist ein Smartphone. Wieso ist mir das gerade nicht aufgefallen? Doch es liegt nicht einfach nur so da. Es hat gerade eindeutig vibriert. Geleuchtet. Eine eingegangene Nachricht.

Der erste Schreck verfliegt, Jans Neugierde wird geweckt. Hat Isabelle das Handy dort hingelegt? Möglicherweise gerade sogar eine Nachricht gesendet? Jan nimmt das Smartphone in die Hand. Schaut es sich von allen Seiten an. Auch wenn es nicht das neueste Modell ist, ist es unversehrt. Lässt es sich eventuell ohne Code entsperren? Jan wischt mit seinem Finger über das Display. Tatsächlich, es hat …

Bereits zum zweiten Mal in kurzer Zeit schnellt Jans Puls in die Höhe. Das kann nicht sein. Entsetzt starrt er auf den Startbildschirm des Smartphones. Nein, bitte nicht. Sag, dass das nicht wahr ist. Zum einen ist da das Hintergrundbild. Schätzungsweise vor zwei Monaten aufgenommen. Auf dem Jan zu sehen ist. Wie er im Schutz der Hecke steht. In der Hecke, in der er seit drei Monaten Sicherheit findet. Schutz. Geborgenheit.

Doch es ist nicht das Bild, das allein für Unbehagen bei ihm sorgt. Schließlich hätte das auch Isabelle von ihm machen können. Um ihm zu zeigen, dass sie ihn dort im Dickicht nicht vergessen hat. Dass sie weiß, dass er für sie da ist. Es ist die SMS, die dem Bild einen anderen Beigeschmack gibt.

„Ich kenne deine Vergangenheit, ich beobachte deine Gegenwart, ich bestimmte deine Zukunft, Jannis“ Was hat das zu bedeuten? Niemand weiß über seine Vergangenheit Bescheid. Niemand. Aber schon gar nicht Isabelle. Er selbst hat seine Vergangenheit ausgelöscht. Keine Spuren hinterlassen. Niemand weiß, dass er mal Jannis hieß. Über zehn Jahre hat er diesen Namen nicht mehr gehört. Jannis gibt es nicht mehr. Er heißt doch jetzt Jan.

Reflexartig steckt er das Smartphone in seine Hosentasche. Da erlaubt sich jemand einen ganz schlechten Scherz. Zum Scherzen ist Jan aber gar nicht zu Mute. Sein Wohlsein ist fort. Er wird Isabelle für heute verlassen müssen. Sie wird sich ein anderes Mal für ihn in Schale schmeißen, da ist er sich sicher. Denn ihnen beiden steht die ganze Welt offen.

Mit zügigen Schritten verlässt Jan sein zweites Wohnzimmer, wie er die Ausbuchtung in der Hecke selbst getauft hat. Er wetzt über das dahinterliegende Feld Richtung Straße, ohne dabei auffällig zu werden. Es ist ohnehin niemand da. Oder werde ich doch beobachtet? Bis jetzt hat sich Jan immer sicher gefühlt. Unbeobachtet. Doch das Bild und die dazugehörige SMS heben seine sichergeglaubte Welt aus den Angeln. Er wird noch schneller, will einfach nur weg. Die letzten Minuten vergessen. Er läuft vom Feld durch das kleine Waldstück, kommt schließlich an der abgelegenen Straße an, wo er sein Auto abgestellt hat. Steigt ein und fährt heim.

Zuhause angekommen hat sich Jan etwas beruhigt. Mittlerweile ist er davon überzeugt, dass Isabelle das Foto gemacht hat. Mit Sicherheit war sie nur enttäuscht, dass er erst nach vier Tagen wiedergekommen war. Und die SMS? Wird es schon irgendeine harmlose Erklärung für geben. Vielleicht war die nicht einmal für ihn bestimmt?

Er läuft den Weg zu seinem Hauseingang entlang. Zückt den Schlüssel. Sieht plötzlich schemenhaft etwas vor seiner Tür liegen. Jan schreckt auf. Dieser scheiß Bewegungsmelder. Morgen kommt der ab. Das Licht lässt Jan den Gegenstand nun deutlich erkennen. Es ist ein Paket. Nicht sonderlich groß. Eigentlich nimmt sein Nachbar die Päckchen entgegen, wenn Jan nicht zuhause ist. Ihn überkommt wieder ein mulmiges Gefühl.

Er nimmt das Paket, schließt die Haustür auf. Ohne seine Schuhe auszuziehen, läuft er schnurstracks in die Küche, legt das Paket auf den Esstisch. Als er das Licht einschaltet, sieht er, dass es an ihn adressiert ist. Oder besser gesagt, an sein altes Ich. Seine Nervosität ist schlagartig wieder da.

„Jannis Berger“ steht auf dem Paket geschrieben. Sonst nichts. Keine Adresse, kein Absender, nichts. Jannis, hallt es in seinem Kopf immer wieder. Das kann kein Zufall mehr sein. Jemand versucht ihn gezielt zu schikanieren. Seine Vergangenheit wieder aufzuwühlen. Seine Vergangenheit, die er über zehn Jahre lang tief irgendwo in seinem Kopf verschlossen hatte.

Das Paket ist gut zugeklebt. Jan greift nach dem Messerblock. Zieht eines heraus. Er durchtrennt die Klebestreifen und öffnet das Päckchen. Holt den darin liegenden Gegenstand heraus. Realisiert zunächst nicht, was er dort sieht. Versteht zunächst nicht, was das bedeutet.

Jan hält einen alten Walkman für Kassetten in den Händen. Genau das Modell, welches er selbst besitzt. Welches er noch immer liebend gern benutzt. Schon mit CDs konnte er wenig anfangen, geschweige denn mit MP3 und dem ganzen Kram. Er wendet den Walkman in seiner Hand, als sein Blick hängen bleibt.

Plötzlich fällt es Jan wie Schuppen von den Augen. Mit weißem Permanentmarker stehen dort die Initialen „JB“ geschrieben. Seine Initialen. Wie bei seinem Walkman.

Jan nimmt zwei Treppen auf einmal in den ersten Stock, sprintet in sein Schlafzimmer, öffnet die Schublade seines Nachtschranks. Tabletten, Schlafmaske, sonst nichts. Ihm fährt ein kalter Schauer über den Rücken. Er hält seinen eigenen Walkman in der Hand. Den Walkman, den er noch gestern benutzt hat. Und dann wieder in die Schublade seines Nachtschranks zurückgelegt hat. Den er gerade aus einem Paket geholt hat, das vor seiner Haustür stand.

Mit rasendem Herzen schaut er sich das Gerät noch einmal genauer an. Öffnet es. Ihm blickt eine Kassette entgegen. Eine Kassette, die nicht von ihm selbst ist. Jan lässt die Kassetten nie im Walkman. Räumt sie immer penibel zurück in ihre Hüllen. Jemand muss sie in das Gerät gesteckt haben.

Was mache ich jetzt? Jan wird immer unruhiger. Ich muss wissen, was auf dieser Kassette ist. Er geht die Treppe wieder runter, nimmt zwei Stufen auf einmal, stolpert und kommt fast zu Fall, fängt sich, läuft weiter ins Wohnzimmer. Dort liegen sie. Seine Kopfhörer. Hastig greift er nach ihnen, entwirrt die Knoten. Er steckt die Kopfhörer ein, kontrolliert noch einmal, ob die Kassette komplett zurückgespult ist und drückt auf „Play“.

„Hallo Jannis, ich weiß, es ist eine Ewigkeit her. Doch in den über 10 Jahren, die wir uns nicht mehr gesehen haben, fehlst du mir ungemein. Geht es dir auch so? Dann komm heute Abend ins Guckloch. 23 Uhr. Dort habe ich für uns beide einen Tisch reserviert. Auf deinen Namen. Jannis Berger. Ich warte auf dich. Deine dich immer noch liebende Melanie.“

Melanie? Ungläubig, ängstlich, schockiert starrt Jan auf den Walkman. Er ist wie in Trance. Kann nicht klar denken. Melanie? Das kann nicht sein. Er öffnet den Walkman, spult die Kassette zurück, legt sie erneut ein und spielt sie von vorne ab. Und noch einmal. Und noch einmal.

Melanie? Wie ist das möglich? Das ist nicht möglich. Das kann gar nicht sein. Lässt mich jetzt schon mein Verstand im Stich?

Mittlerweile sind 15 Minuten vergangen, seitdem Jan zum ersten Mal die Kassette angehört hat. Sein Schädel brummt. Er bekommt keine Klarheit. Sein gesunder Menschenverstand sagt ihm, dass die Person auf dem Tape nicht Melanie sein kann. Melanie ist seit zehn Jahren tot. Melanie gibt es nicht mehr. Er hat es selbst gesehen. Ihre Beisetzung. Zumindest von Weitem. Ihr Grab. Hat lange daran zu Knabbern gehabt.

Doch in Jan keimt Hoffnung auf. Hoffnung, dass Melanie doch noch leben könnte. Doch wie ist das möglich? Sie kann doch nicht ihren eigenen Tod vorgetäuscht haben. Und vor allem: Wieso sollte sie das tun? Sein Brummen im Kopf hat sich mittlerweile in einen stechenden Kopfschmerz verwandelt. Klar denken kann Jan nicht mehr. Er kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so die Fassung, den Halt verloren hat. Doch in einer Sache ist Jan sich sicher. Was es mit Melanies Nachricht auf sich hat, kann er nur selbst herausfinden. Heute Abend. Um 23 Uhr. In einer ranzigen Kneipe am Ende der Stadt. Im Guckloch. Jan schaut auf die Uhr. Noch zwei Stunden.

Erschöpft, aufgewühlt und gleichzeitig innerlich leer sinkt er auf das Sofa im Wohnzimmer. Denkt an Melanie. An die gemeinsame schöne Zeit. An Isabelle. Wie sie sich für ihn gerade eben noch hübsch gemacht hat. Sich im Fenster präsentiert hat, während ihr Mann mit den Kindern im Wohnzimmer spielte. Seine Gedanken schweifen ab, Jan schläft ein.

Panisch schreckt Jan hoch. Wirft einen Blick auf die Uhr. Scheiße. In 15 Minuten soll er im Guckloch sein. Die Frau treffen, die sein Leben bereits einmal komplett aufgewühlt hat. Die Frau treffen, die sein Leben erneut aufwühlen wird? Eigentlich wollte er sich noch schick anziehen, doch dafür bleibt keine Zeit mehr. Schnell wirft er sich ein knubbeliges Hemd über, das er am Vortag auf der Couch hat liegen lassen. Dann wetzt er aus dem Haus. Zu Fuß schafft er es nicht mehr, das Auto will er auch nicht nehmen. Schließlich will er mit Melanie anstoßen. Wenn sie es denn ist. Er entscheidet sich für das Fahrrad. Das hat er zum Glück noch vor zwei Tagen auf Vordermann gebracht. Er schwingt sich auf den Sattel und düst los.

Von außen sieht das Guckloch nicht gerade einladend aus. Jans Blick fällt direkt auf die nur spärlich funktionierende LED-Außenbeleuchtung. „Im Guckloch“ soll da stehen, doch mehrere Buchstaben leuchten erst gar nicht, andere flackern vor sich hin. Kein toller Ort, um sich nach 10 Jahren wiederzusehen. Was hat sich Melanie nur dabei gedacht? Rund um das Lokal ist nichts. Nur Wald. Knapp einen Kilometer entfernt ist noch eine Tankstelle. Die war gerade, als Jan vorbeifuhr, aber schon geschlossen.

Er betritt die Kneipe. Bis auf zwei versackte Mitsechziger ist sie leer. In Jan steigt wieder das unwohle Gefühl auf. Was hat sich Melanie nur dabei gedacht? Auf dem Tape hatte sie behauptet, auf seinen Namen einen Tisch reserviert zu haben. Seinen alten Namen. Jan bemerkt, wie ihn der Barkeeper argwöhnisch beobachtet. Er trägt ein verschmiertes, weißes T-Shirt, hat eine Kippe hinter dem Ohr stecken. Seine Fingernägel sind gelb vom ganzen Nikotin.

„Kann ich dir helfen oder haste dich verlaufen?“ fragt er Jan mit verrauchter Stimme.

„Äh, ja, sorry. Ehm. Ich.. Also meine Freundin hat auf meinen Namen einen Tisch reserviert. Jan, äh, Jannis Berger.“

Der skeptische Blick des Barkeepers erhärtet sich. „Weißte nichmal, wie du selber heißt?“

„Doch klar, ich..“, stammelt Jan, als ihn der Mann unterbricht.

„Häufig biste nicht hier, kann dat sein?“

„Nein, bin heute zum ersten Mal hier. Meine Freundin..“ beginnt Jan sich zu erklären, immer unsicherer. Der Barkeeper unterbricht ihn erneut.

„Dat hab ich mir schon gedacht. 40 Jahre gibbet den Laden hier schon. 40 Jahre stehe ich jetz schon hier hinterm Tresen. Aber eins kann ich dir sagen: Eine Tischreservierung hattet hier noch nie gegeben. Nich damals und nich heute.“

Jans Herz fängt an zu pochen. „Aber meine Freundin..“

„Deine Freundin scheint dich ganz schön verarscht zu haben. Noch einmal: Tischreservierung? Hier? Nie und nimmer. Also: Willste jetz’n Bier haben? Wenn nich, würde ich dich bitten zu gehen. Meine beiden Stammgäste da drüben glotzen schon.“

Aus der Verzweiflung heraus bestellt Jan ein kleines, frischgezapftes Bier und lässt sich an einem der vielen leeren Tische nieder. Was hat das alles zu bedeuten? Hat mir doch nur jemand einen Streich gespielt? Aber woher soll derjenige dann meinen alten Namen kennen?

Vielleicht hat er Melanie nur einfach falsch verstanden und sie kommt einfach so, ohne Tischreservierung in der ranzigen Kneipe mit dem schroffen Wirt vorbei. Jan schaut auf die Uhr. 23.10 Uhr. Vielleicht verspätet sie sich nur. Sein Bier hat Jan in wenigen Zügen leergezogen, bestellt ein neues.

Fünf Bier später, leicht angesäuselt, schaut Jan zum x-ten Mal auf seine Uhr. 23.52 Uhr. In acht Minuten macht die Kneipe zu. Von Melanie keine Spur.

„Auch wenn‘s dir hier scheinbar doch ganz gut gefällt, gibbet von mir jetz nur noch die letzte Runde,“ ruft der Wirt ihm zu.

„Ist gut, ich würde zahlen.“

Auch wenn Jan sich trotz mehrerer Gläser Bier nicht sonderlich wohl in der Kneipe gefühlt hat, gibt er einen ordentlichen Batzen Trinkgeld.

„Danke dir. Vielleicht sehn wir uns ja jetz öfter. Und bestell deiner Freundin ma nen schönen Gruß. Vielleicht lässt se dich beim nächsten Mal wenigstens nicht in ‘ner Kneipe mitten in der Pampa sitzen.“

Wütend, enttäuscht, verwirrt verlässt Jan das Guckloch. Das er hierhin zurückkehren wird, ist äußerst unwahrscheinlich. Dass er, der sonst nahezu keinen Alkohol trinkt, in kurzer Zeit einen über den Durst getrunken hat, ist hingegen sehr wahrscheinlich. Sein Kopf dreht sich, ebenso seine Umgebung. Auf das Fahrrad sollte er nicht steigen. Zu gefährlich. Besser schieben. Zumindest durch das holprige Waldstück.

Jan hat Schwierigkeiten, sich auf den Weg zu konzentrieren. Bleibt alle paar Meter stehen. Holt Luft. Geht weiter. Trotz des Vollmondes ist es im Wald ziemlich dunkel. Wie konnte sie mir das nur antun? Melanie, warum hast du das gemacht? Jan merkt, wie seine Gedanken immer wieder zu seiner ersten großen Liebe zurückschweifen. Dass sie ihn versetzt hat. Ihm einen Streich gespielt hat. In trunkenem Kopf schließt er fast aus, dass die Nachricht auf dem Tape möglicherweise nicht von Melanie stammt. Niemand außer ihr kennt meinen vergessenen Namen.

Plötzlich ertönt ein ohrenbetäubender Knall. Vor Schreck stolpert Jan und fällt mit seinem Fahrrad in den weichen Waldboden. Sein Kopf schlägt auf. Der Schmerz bleibt aus. Glück gehabt. Doch was war das?

Als Jan aufblickt, sieht er im schwachen Mondschein eine Gestalt knapp 20 Meter entfernt von ihm zwischen den Bäumen stehen. Leicht benommen durch den Alkohol und den Sturz versucht er, wieder aufzustehen. Schaut erneut zu der Gestalt, die sich ihm in kleinen Schritten nähert. Von jetzt auf gleich ist Jan wieder klar im Kopf. Gleichzeitig schießen ihm tausende Fragen in den Kopf.

Doch raus bringt er nur ein Wort: „Melanie“.

Melanie nähert sich Jan immer weiter. „Hallo Jannis.“

Jans Puls schießt wieder in die Höhe. Melanie kommt weiter auf ihn zu. Melanie, die vor zehn Jahren in seinem Beisein beerdigt wurde. Melanie, die er jahrelang über alles geliebt hatte. Melanie, die.. eine Pistole in ihrer rechten Hand hält. Damit genau auf Jans Brust zielt.

„Melanie, wie… wie kann das sein? Ich dachte du wärst tot. Ich, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Und warum zielst du mit einer Pistole auf mich? Was hat das zu bedeuten?“ findet Jan seine Sprache wieder.

„Melanie sagst du, ja? Du bist so ein armseliges Würstchen. Damals so wie heute. Doch damit wird jetzt gleich Schluss sein.“

Völlig verdattert starrt Jan die Frau an, die ihm gegenübersteht. Versteht nur Bahnhof. „Aber Melanie, was habe ich..“

„Halt deine dumme Fresse. Und hör verdammt noch einmal auf, mich beim Namen meiner Mutter zu nennen.“

Beim Namen meiner Mutter? Plötzlich wird Jan klar, wer da vor ihm steht. Es ist nicht Melanie. Melanie ist vor zehn Jahren gestorben. Jetzt, wo er genau hinschaut, erkennt er, dass die Frau vor ihm deutlich jünger ist. Jünger, größer, etwas schlanker, fast mager. Die Haare sind kürzer, der Mund etwas schmaler. Doch auf den ersten Blick sieht sie ihrer Mutter, die Jan so lange begehrt hat, sehr ähnlich. Mit der Erkenntnis, wen er da vor sich stehen hat, entgleisen Jan die Gesichtszüge. Das bemerkt auch die Frau vor ihm. Lena, die Tochter von Melanie.

„Na hast du’s endlich geschnallt? Ich dachte, du würdest nie darauf kommen. Was mich bei dir jämmerlichem Stalker auch nicht gewundert hätte. Scheinst ja zumindest auch geglaubt zu haben, dass meine Mutter noch leben würde. Doch du wirst sie schneller wiedersehen, als dir lieb ist.“

Jan will so viel sagen, will so viel fragen. Doch er stammelt nur: „Was.. Was soll das?“

„Was das soll? Das fragst du ernsthaft? Du hast meine Mutter in den Wahnsinn getrieben. Du hast dafür gesorgt, dass sie in die Klapse musste. Und als sie wiederkam? Das war nicht mehr meine Mutter. Du hast sie zerstört. Gebrochen. Du hast meine Mutter getötet, Jannis, indem du sie um den Verstand gebracht hast.“

„Aber.. ich habe deine Mutter geliebt,“ bringt Jan nur noch hervor.

„Halt jetzt dein verdammtes Maul, du krankes Schwein. Geliebt? Du hast sie verfolgt. Terrorisiert. Keine Minute mehr in Ruhe schlafen lassen. Jahrelang haben wir in Angst gelebt, mein feiger Vater hat sich aus dem Staub gemacht, weil er es nicht mehr ausgehalten hat. Hörst du mir zu? Er hat es nicht mehr ausgehalten, wie meine Mutter immer weiter zerbrochen ist. Du hast dafür gesorgt, dass sie innerlich verkommt, ohne dein wahres Gesicht zu zeigen.“

Jan fehlen die Worte. Seine heile Welt, die er sich über die Jahre hinweg aufgebaut hat, zerschellt vor seinen Augen. Die dünnen Äste, an die er sich geklammert hat, brechen ab. „Deine Mutter Melanie war mein ein und alles.“

Lena feuert erneut einen Schuss ab. Trifft Jan dieses Mal. Am rechten Bein. Sein Schrei erstickt, er knickt weg, fällt erneut zu Boden. Blickt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Schaut in das in Tränen gehüllte Gesicht der Tochter seiner ersten großen Liebe.

„Du hast nicht nur ein Leben zerstört, Jannis. Nicht nur das meiner Mutter. Du hast auch das Leben meines Vaters zerstört. Sei’s drum, er hat sich feige verpisst. Du hast aber auch mein Leben zerstört. Zwölf Jahre war ich damals alt. Vater weg, Mutter tot, von einem Irren zuvor in den Wahnsinn getrieben. Von einem Irren, den sie nie zu Gesicht bekommen hat. Der sich immer nur im Dunkel versteckt hat. So nah war und doch so fern.

Und was glaubst du, wie ich die vergangenen zehn Jahre aufgewachsen bin? In einem beschissenen Heim. Ohne Freunde. Ohne Chancen. Abgestempelt haben sie mich von Anfang an. Tochter einer Irren. Einer Irren mit Wahnvorstellungen. Vater hat sich aus dem Staub gemacht. Mit sechszehn schwor ich mir dann: Ich finde diesen Geisteskranken, der mehrere Leben zerstört hat. Der meine Mutter jahrelang verfolgt hat. Schön dumm von dir, dass du immer wieder in regelmäßigen Abständen zu meinem Elternhaus zurückgekehrt bist. Irgendwie hatte ich damit gerechnet. Und dich dann eines Tages wirklich dort auftauchen sehen. Ich wusste sofort, dass du der Gesichtslose warst, so vernarrt du das Haus aus der Deckung angeschaut hast. Und so schnell wendete sich das Blatt. Der Verfolger wird zum Verfolgten. Und hast du etwas gemerkt? Kein Stück. Hast dich wohl zu sehr in Sicherheit gewogen. Und anstelle mit der Scheiße aufzuhören, dir bereits dein nächstes Opfer gesucht. Doch eins verspreche ich dir: Damit ist jetzt Schluss. Du wirst niemanden mehr in den Wahnsinn treiben.“

Lena hebt erneut die Waffe, zielt auf Jan. Jan ist nicht mehr in dieser Welt. Schmerz, Trauer, Wut, Entsetzen. Alles kommt zusammen. Hat er begriffen? Er weiß es nicht. Wer bin ich? Jan? Jannis? Es scheint, als prasselten die letzten 15 Jahre seines Lebens auf ihn ein. Das einzige, was er noch hervorbringt, ist ein heiseres „Es tut mir leid.“ Dann drückt Lena ab.

10 thoughts on “Besessen von Liebe

  1. Moin Phillip, eine tolle Kurzgeschichte hast du dir da ausgedacht! Beim Lesen war ich sozusagen in den Gedanken von Jan…äh Jannis! Echt gut gemacht. Und wie du das „ stalken „ von Isabell beschreibst gab mir ein Gefühl als hätte sie sich für mich hübsch gemacht. Es gab hier und da auch mal einen eher schwächeren Schreibmoment, aber den Gesamteindruck trübte es keineswegs. Nee, ehrlich..hat mir gut gefallen!

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

  2. Ich glaube da lauerte kein Jan im schützenden Dunkel des Laubs, sondern der Autor selbst. Ich hatte das Gefühl ihm während seiner Zeit mit Isabelle über die Schulter zu schauen. All die Momente und Impulse habe ich mitfühlen können und mir die Figuren sehr gut vorstellen(wenn auch nicht nachvollziehen, hehe). Ich würde mich freuen, mehr zu lesen!

  3. Hallo Philipp,

    eine mega klasse Geschichte! Ich bin total begeistert.
    Sie hat mich vom ersten Moment an gefesselt.
    Dein Schreibstil gefällt mir besonders gut… kein langes drumrum und ausschmücken… und doch hatte ich die Bilder ganz klar vor Augen und steckte mittendrin.
    Ich hoffe von Dir gibt es in Zukunft noch mehr zu lesen.
    Lg Kerstin (Die erzwungene Wahrheit)

  4. Hallo Jan… Nee Jannis… Äh Philipp,

    Bei deiner Geschichte bin ich echt etwas hin- und hergerissen.
    Zum einen hat deine Geschichte unglaublich viel Tempo, du bringst es auf den Punkt und schmückst nicht viel aus… Ich liebe diese rasante Fahrt und dass keine Info zu viel ist – aber es ist auch nicht ganz mein Stil, den ich – zumindest bisher – gerne lese.
    Ich finde es total faszinierend, dass ich mich auch ohne blumige Umschreibungen total in Jan hineinversetzen kann. Das kribbelt schon fast ein bisschen, weil seit der Serie „You“ ist das ein präsentes Thema. Und ich kann nicht mal sagen, woran es liegt, dass ich gleich nach ein paar Zeilen wusste in welche Richtung es geht. Dass du so schnell diese Stimmung geschaffen hast, finde ich wirklich mega toll!
    Ich hab so meine Schwierigkeiten mit der Story von Melanies Tochter und dem Rachegedanken, aber nicht weil die Idee dahinter schlecht wäre, sondern weil ich die Perspektive von Jan im Gebüsch die spannender fand… Ich glaube, ich hätte gar nicht mehr als das gebraucht und hätte davon gerne mehr gehabt.

    Ich hoffe, das Feedback bringt dich weiter.

    Alles Liebe für dich

    Jenny /madame_papilio

  5. Hallo Philipp,

    als deine Geschichte anfing, musste ich sofort an „You“ denken. Dann gab es eine Wendung und ich befürchtete schon, es geht weiter in Richtung „Tote Mädchen lügen nicht“. Die Auflösung war dann aber doch zum Glück eine andere. Somit war Spannung durchweg gegeben.
    Dein Schreibst gefällt mir und die wörtliche Rede hast du super umgesetzt.

    Alles in allem hat mich deine Geschichte gut unterhalten und deshalb bekommst du ein Like von mir.

    Viele Grüße,
    Yvonne / voll.kreativ (Der goldene Pokal)

    1. Liebe Yvonne,

      vielen Dank für deinen netten Kommentar. Mich freut es sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. Ich finde es sehr interessant, dass du schon die Zweite bist, die eine Verbindung zu „You“ hergestellt hat – da habe ich beim Schreiben gar nicht dran gedacht. Auch der Ansatz, es könne in die Richtung von „Tote Mädchen lügen nicht“ gehen – sehr spannend. Mich würde interessieren, wie das genau in deinen Vorstellungen ausgesehen hätte? 🙂

      Vielen Dank und liebe Grüße
      Philipp

  6. Hi zusammen,

    vielen Dank noch einmal für die netten Kommentare, für die ich mich ja auch schon bei Instagram bedankt habe – freue ich mich sehr drüber. Ich finde, es sind sehr spannende Ansätze und Anregungen dabei, u.a. dazu, wie die Geschichte auch hätte anders weitergehen können.

    Und vor allem: Sorryyyy, dass ich hier erst so spät einen Kommentar schreibe! Bei Instagram fand ich es auf dem kurzen Weg etwas direkter…

    Liebe Grüße
    Philipp

  7. Sympatisch ist Dein Protagonist nicht, aber man erlebt ihn von Beginn an durch die tolle bildhafte Erzählung. Die Geschichte geht aufgrund der guten, flüssigen Schreibweise flott voran beim Lesen. Das gefällt mir, darum gebe ich Dir mein „Like“.
    LG
    L. Paul (Die Mutprobe)

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