MarioSchDie Bürde der Wahrheit

6+

„Guten Tag, kann ich behilflich sein?“

Der Mediamarkt-Angestellte kam auf Petra zu, kaum hatte sie einen Blick in den Gang mit den ausgestellten Handys geworfen.

Hmpf. Wie ich das hasse. Aber bei 20% Preisnachlass… „Ich wollte mich nur umsehen. Ich hatte zum Geburtstag diesen Gutschein im Briefkasten für ein neues Handy.“

„Ah ja. Schauen Sie sich in Ruhe um. Wenn Sie Fragen haben, ich bleib in der Nähe.“

Ja, schon OK.

„Und noch alles Gute zum Geburtstag.“
Petra erwiderte das aufgesetzte Lächeln deutlich erzwungener.
„Ich weiß, man soll Frauen nicht nach dem Alter fragen, aber…“
Mensch. Lass mich in Ruhe. Auf Anflirtversuche konnte sie im Moment verzichten. Sie wollte doch nur die Zeit totschlagen, bis sie sich mit Steffi traf. Er sah ja nicht schlecht aus, war in ihrem Alter. Über den Seitenscheitel und die Nerd-Brille hätte sie noch hinwegsehen können. Nur das dunkle Gestrüpp im Gesicht zerstörte den Gesamtein- druck endgültig. „20“, antwortete Petra knapp. Jetzt ist aber gut.

Sie wandte sich den Samsung Handys zu. Ihr eigenes hatte bereits drei Jahre auf dem Buckel. Daher spielte sie schon länger mit dem Gedanken auf ein neues und hatte sich bis zuletzt im Internet nach den aktuellen Modellen erkundigt. Da kam der Gutschein echt gelegen.

Sie nahm ihren bisherigen Favoriten auf. Auch nach Abzug des Rabatts würden noch 640 Euro stehen bleiben.

Aber man darf ja noch träumen dürfen.
Als Petra das Display mit der Seitentaste aufweckte, verschluckte sie sich fast. Was ..?
Unter der aktuellen Uhrzeit des Bildschirms lachte sie sich selbst mit einem Cocktailglas entgegen. Nach einem Moment der ratlosen Belustigung stieg ihr Puls rasant in die Höhe. Sie wusste genau, wann das Bild entstanden war.

Petra schaute sich hektisch um. Beobachtet mich jemand? Sie blickte an die Decke. Wo sind hier die Überwachungskameras?

Schräg hinter ihr kniete der Angestellte und sortierte an Zubehör von Freisprecheinrichtungen rum. Bevor sie ihn ansprechen wollte, ob das ein übler Scherz sein sollte, konzentrierte sie sich wieder auf das Handy in ihrer Hand. Es gab noch mehr Fotos von diesem Abend. Petra entsperrte den Bildschirm mit einem Wisch und ging zuerst in die Nachrichten-App – kein Chatverlauf vorhanden. Ein Messenger war darauf nicht installiert. Dann mit trockener Kehle weiter in die Fotobibliothek.

Petras Herz setzte einen Schlag aus. In dem Ordner befand sich nichts anderes, als Bilder, die sie vor einem knappen Jahr an diesem einen Abend in ihrem damaligen Stammclub zeigten. Die ersten noch allein oder mit ihren Freundinnen. Dann zusammen mit dem Freund ihrer Schwester, dem sie zufällig begegnet war.

Was hat das zu bedeuten?! Sie blickte auf den Rücken des Angestellten. Sie sollte die Fotos sofort löschen. Doch sie wollte auch Antworten. Wo kamen die Bilder her? Wie kommen sie da drauf? Weiß jemand davon? Was sie im Club noch anstellen würde wusste natürlich jemand. Irgendwer hatte ja die Fotos auf dem Klo gemacht. Aber das danach… Und wieso ausgerechnet auf diesem Handy?

Petra blickte auf das Vorjahresmodell. Sie schluckte schwer und drückte zögerlich die Seitentaste.

Verdammt! Auch hier fand sie ein Bild aus derselben Fotoreihe wieder. Ebenso beim nächsten Handy und bei dem daneben.

Petra hielt sich an dem Regal fest. Ihr wurde schwindlig.
„Alles gut?“, hörte sie von der Seite die Stimme des Angestellten.

Sie nickte dem Mann zu. „Eigentlich nicht.“ Sie atmete tief durch. „Wieso sind auf allen Handys Bilder von mir drauf?“

Er legte seine Stirn in Falten. „Von Ihnen?“

Sie führte ihm ein paar der Sperrbildschirme vor und hielt ihm dann das Modell in ihrer Hand entgegen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ohne es aus der Hand zu geben, zeigte sie ihm nur die ersten Fotos im Bilderordner darauf.

„Da hat sich vielleicht jemand einen Scherz erlaubt. Die Bluetooth-Schnittstelle ist nicht gesperrt. Die hätte jeder draufziehen können.“

Das ist kein Scherz! Nicht bei diesen Bildern.

„Ich werde die Fotos sofort löschen.“
Petra zog das Handy an sich. „Das mach ich selbst.“
Er lächelte sie an. „Wie Sie wünschen. – Vielleicht sollten wir aber vorher noch die Polizei rufen.“
Petra verschluckte fast die Zunge. „Die Polizei?!“
Vergangene Nacht wurde hier eingebrochen, aber es fehlte nichts. Womöglich hat das was damit zu tun.“
Petras Herz schlug wie ein Hammer gegen ihre Brust. „Ich weiß nicht, ob man deshalb gleich die Polizei holen 
muss.“
„Ich klär das schnell mit dem Geschäftsführer. Warten Sie bitte solange hier? Ich bin sofort wieder da.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er Richtung Informationsstand davon und verschwand um die Ecke.
Petra schluckte. 
Die Polizei. Die dürfen die Bilder nicht sehen. Zumindest die letzten nicht. Sie scrollte zum Ende der Bilderreihe und löschte die Fotos, die sie und die Zufallsbegegnung von über der Toilettenkabine in eindeutigen Posen zeigten. Tränen traten ihr dabei in die Augen. Sie schluchzte, als sie das nächste Handy aufnahm. Sie musste sich beeilen.

Nach mehreren Minuten legte sie das letzte Gerät in der Reihe zurück und atmete auf. Geschafft.

Ihr Blick richtete sich zur Information. Sie war zwar froh, genug Zeit für die erneute Vertuschung gehabt zu haben, aber der Angestellte ließ doch sehr lange auf sich warten.

Petra ging zum Info-Stand und sprach die Frau dahinter an. „Verzeihung. Ich warte auf einen Kollegen von Ihnen von den Handys. Er wollte gleich wieder zurück sein. Er hat einen Vollbart und eine schwarze Brille auf.“

Die Angestellte wischte sich eine Haarsträhne bei Seite und überlegte. „Da klingelt bei mir nichts. Seinen Namen wissen sie nicht, vom Namensschild?“ Sie tippte auf ihr eigenes mit den Aufdruck Susanne darauf.

„Nein, den weiß ich nicht. Er wollte zum Geschäftsführer wegen des Einbruchs gestern.“

Susanne zog die Augenbrauen nach oben. Sie wandte sich zu ihrem Kollegen hinter ihr am PC. „Felix, weißt du was von einem Einbruch gestern?“

Petras Magen krampfte.
Felix schüttelte den Kopf. „Wer sagt das?“
„Wollt ihr mich verarschen? Einer eurer Kollegen! Er ging hier lang zu eurem Chef.“ Petra folgte dem Weg und 
blickte um die Ecke. Doch da befanden sich nur die Kassen. Der Ausgang.
„Das Büro vom Geschäftsführer ist beim Lager.“ Felix zeigte auf ein Tor auf der anderen Seite des Ladens.
Petras Knie zitterten. 
Was zum Teufel soll das?!
„Geht’s Ihnen gut?“
Petra ignorierte Susannes Frage. Sie griff in ihre Gesäßtasche und holte ihren personalisierten Gutschein heraus. „Ich bin eigentlich wegen dem hier.“
Susanne nahm ihn zweifelnd entgegen. Felix schaute ihr über die Schulter.
„Tut mir leid, aber der ist nicht von uns.“
Was?! „Wie, ist der gefälscht?“ Hat mich der Kerl hier her gelockt?!
„Hey hey! Da bist du ja.“
Petra drehte sich herum. Ihr Puls stieg wieder.
Steffi kam lächelnd auf sie zu, doch das Lächeln sank schnell, bei dem Blick auf die ernsten Mienen vor sich. „Ist 
was?“ 

Petra griff sich ihren Gutschein aus Susannes Händen und steckte ihn ein. „Nein, schon gut. Gehen wir.“

Ohne die Angestellten weiter zu beachten, schleppte Petra ihre Freundin aus dem Markt. Besser, sie bekommt das nicht mit. Immerhin war Steffi die beste Freundin ihrer Schwester. Würde sie erfahren, dass Julia wegen mir… – oder die Polizei… Die vergraben geglaubten Schuldgefühle kochten wieder hoch.

„Du hast doch was.“ Steffi riss sie aus den Gedanken.
„Nein, passt alles. Gehen wir einfach…“ Petra blieb wie angewurzelt stehen.
Eines der Fotos prangte auf einer großen Leinwand im Foyer des Einkaufszentrums. Petras Herz raste. 
Wie kommt das da hin?! Schweiß sammelte sich auf ihrer Stirn. Das Bild wechselte – eine Diashow mitten durch den Bilderordner.

„Hey. Das bist doch du.“

„Ja, mag sein. Komm, gehen wir weiter.“ Sie griff an Steffis Jacke und zog sie in den nächsten Seitengang Richtung Parkgaragen.

„Ähm. Magst du mir das nicht erklären?“
Wie soll ich das denn bitte erklären?! „Später vielleicht. Mir ist gerade nicht so gut. Lass uns lieber fahren.“
„Willst du auf die Toilette? Etwas kaltes Wasser ins Gesicht? Du siehst fiebrig aus.“ Steffi deutete mit ihrem Kopf 
zu den Sanitäranlagen ein paar Meter weiter.
Petra überlegte für einen Moment. „Ja, nur kurz.“ Gefolgt von Steffi drückte sie die Türe auf und stellte sich vor 
das Waschbecken und den Spiegel, der die halbe Wand einnahm. Eine der zwei Kabinen hinter ihr schien besetzt. Petra hielt die Hände an den Sensor des Wasserhahns und klatschte sich das in ihren Handflächen gesammelte Wasser ins Gesicht. Durch das Rauschen des Wassers aus dem Hahn hört sie ein Klacken. Die Kabine musste entriegelt worden sein.

Petra blickte in Spiegel, doch die Farbe an der Türverriegelung zeigte noch Rot. Sie neigte den Kopf zum Ein- gang, an dem Steffi mit dem Rücken zu ihr stand. In ihrer Hand hielt sie einen Schlüssel, den sie ein weiteres Mal in dem Türschloss herumdrehte.

Petra versteinerte über das Waschbecken gebeugt. Ihre Augen suchten die von Steffi, die sich zu ihr zurück- wandte und ihr verachtend entgegensah.

„Werden in so einem Klo nicht Erinnerungen wach?“

Totenstille folgte auf Steffis kalten Worte. Das Wasser hatte sich automatisch abgestellt. Nur ihren eigenen Herzschlag hörte Petra in ihren Ohren und spürte ihn in ihrem Hals.

„Ja, ich weiß es“, entgegnete Steffi Petras weit aufgerissenen Augen. „Bald ein Jahr ist es her, als du Julia in den Tod getrieben hast.“

Sie kann nicht… Petra richtete sich langsam auf und hielt sich an der Kante des Waschbeckens fest. „D – Du hast das ein- gefädelt?“

„Nicht allein.“

Ein helleres Klacken als zuvor war zu vernehmen. Die Kabinentüre schwang auf. Petras Augen wurden weit. Anders als im Markt mit einem strahlenden Lächeln trat der angebliche Angestellte mit einem bedrückten Gesichtsausdruck einen Schritt heraus auf Petra zu. „Du auch?! Wer bist du?“

Steffi schüttelte den Kopf. „Nach eurem Abenteuer in einer solchen Kabine, hast du ihn schon vergessen? Zuge- geben, mit dem künstlichen Bart mussten wir etwas nachhelfen. – Den wievielten Typen hast auf diese Weise ge- braucht und weggeschmissen? Vier? Fünf? Eigentlich würde mich das nicht interessieren, aber dass du deine Fin- ger nicht mal von Julias Freund lassen konntest.“

Petra blickte verständnislos auf den Mann, der sich das Gestrüpp von der Haut zog. „Lukas?!“

„Lange nicht mehr gesehen,“ gab er kleinlaut von sich. „Ich bin hier inzwischen Haustechniker, solltest du einen Gedanken an mich verschwendet haben, seit dem Abend. Seit Julias Tod.“

„Was habt ihr vor? Was soll das Ganze? Ja, es war ein Fehler mit dir zu schlafen, aber wieso stürzt ihr euch auf mich? Du bist genauso dafür verantwortlich!“

„Bei weitem nicht!“ Steffis Augen sprühten voller Verachtung. Petra schluckte. Weiß sie mehr?!

„Wusstest du, dass Julia Tagebuch führte?“ Steffi zog ein DIN A 5 Heft aus der Innenseite ihrer Jacke und hielt es hoch.

Petras Herz setzte einen Schlag aus.

„Ich war auch an dem Abend im Club. Ich hab die Fotos auf dem Klo gemacht und sie Julia geschickt. Ich dachte, dass die Bilder sie einen Tag später in den Selbstmord trieben. Dass ich Schuld daran war. Dass ich sie ihr nie schicken hätte dürfen. Ich hab mit dir getrauert, und deinen Eltern. Und mit Lukas.“

„Auch ich hab mir lange Vorwürfe gemacht“, ergriff Lukas das Wort. „Doch dann kam Steffi mit Julias Tagebuch, von dem sie wusste, wo sie es versteckt hatte.“

„Hört mal. Egal was da drin steht. Egal was ihr glaubt. Das hat sie bestimmt nur im Hass auf mich geschrieben.“

„Ach ja? Dass sie dich sofort zur Rede gestellt hat, als du heimkamst? Ihr gestritten habt und du ihr gedroht hast, sie aus dem Fenster zu schmeißen, wenn sie es euren Eltern sagt?“

„Das hab ich im Rausch gesagt!“

„Und den Tag darauf sollst du noch mehr getrunken haben, hab ich gehört. Eine Stunde später nachdem man dich zum letzten Mal im Club sah, war Julia tot!“

Tränen traten in Petras Augen. „Das ist reine Spekulation.“

Lukas mischte sich wieder ein. „Hat die Polizei nicht auf Julias Handy nach Hinweisen gesucht? – Du hast die Fotos gelöscht, bevor sie eintraf, oder?!“

Tränen liefen von Petras Wangen. „Was – was habt ihr jetzt vor? Wollt ihr mich anzeigen?“

Steffi zischte. „Selbst mit den Bildern und dem Tagebuch. Ich glaube nicht, dass das reicht, um dich zur Rechen- schaft zu ziehen. Über Monate hinweg hast du uns im Glauben gelassen, dass sich Julia durch unsere Schuld das Leben nahm. Dass sie selbst in den Tod sprang. Ich will, dass du zugibst, dass du es warst! Du hast sie aus dem Fenster gestoßen!“

In Steffis Augen sammelten sich Tränen.
Petra schluchzte. 
Das kann ich nicht! – Oder soll ich? Ihre Brust schmerzte. „Und wenn nicht?“
Steffi neigte ihren Kopf angewidert zur Seite. „Wir haben uns da was überlegt.“
Petra schaute zu Lukas, der seinen Blick zu Boden senkte. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und schüt
telte entschlossen den Kopf. „Lasst mich sofort hier raus!“ Sie schritt auf Steffi zu und stellte sich auf ein Handgemenge ein.

Da packte sie Lukas von hinten am Kragen und schleuderte sie rücklings mit dem Hinterkopf gegen die Kante des Waschtisches. Ihr Körper stürzte auf den Fliesenboden und verharrte reglos.

Petra blinzelte in einen hellen Raum hinein. Unter sich spürte sie eine weiche Matratze. Ihr Kopf wandte sich kraftlos von links nach rechts. Ich bin in einem Krankenhaus.

Eine Schwester trat an ihr Bett. „Guten Morgen. Schon wieder wach? Sehr schön. Können sie sich an etwas erinnern? Wissen sie ihren Namen?“

Petra nickte behutsam. „Petra Ziegler.“

Sie wusste noch mehr als nur ihren Namen. Alles, um genau zu sein. Doch hatte sie keinen Gedanken für die Ge- schehnisse im Einkaufszentrum übrig. Nur ihre eigene Schuld flutete ihren brummenden Schädel. Tränen traten in ihre Augen.

„Sehr gut. Ich hole gleich den Arzt. Ihre Eltern informiere ich auch.“
„Wie lange werde ich hierbleiben müssen?“
„Nun, mindestens über Nacht zur Beobachtung. Aber Genaueres erfahren sie vom Doktor.“
Petra richtete ihren Blick sehnsüchtig auf das Fenster, während sich die Pflegerin davon machte. Ihr Magen 
krampfte. Eine Welle der Schuld drohte, sie erneut zu erdrücken, wie schon vor einem knappen Jahr. Doch hatte sie damals noch nicht den Mut gefunden. Julia. Es tut mir so schrecklich leid.

„Sagen Sie, in welchem Stockwerk sind wir hier?“

6+

One thought on “Die Bürde der Wahrheit

  1. Kurz und Knapp, eine Kurzgeschichte eben.
    Die Geschichte hat ein tolles Tempo und der offene Schluss gefällt mir auch sehr gut.
    Eine schöne Geschichte.

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen >>Glasauge.
    Über ein Feedback würde ich mich freuen.

    0

Schreibe einen Kommentar