Nina CullinsonGejagt

Der Bus schaukelt behäbig durch die Straßen. Ab und an wird die Geschwindigkeit gedrosselt, dann bleibt er stehen, um Menschen auszuspucken und andere hineinzusaugen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, aber ich schenke dem Ganzen kaum Beachtung. Stattdessen habe ich mich dem Fenster zugewandt und starre auf die vorbeiziehenden Häuser, dann auf die Bäume, als wir auf der Landstraße unterwegs sind. Die Dunkelheit draußen und der beleuchtete Innenraum des Busses verändern meine Sicht, und schon bald blickt mich mein eigenes Gesicht in der Scheibe gespiegelt ernst an. Unnatürlich blass bin ich, daran kann ich mich nicht gewöhnen, aber ich muss damit leben. Meine Augen sind groß, dunkel umrandet und sehen mich ausdruckslos an. Erst als ich auf meine Lippen schaue, merke ich, dass ich sie zu einer harten Linie gepresst halte, und ich versuche, meinen Mund ein wenig zu entspannen, die Lippen zu lockern. Schon wirkt mein ganzes Gesicht merklich gelöster, aber gleichbleibend nichtssagend. Gut so. Das Rascheln um mich herum wird lauter, und das erneute Auftauchen von Straßenlaternen bedeutet, dass wir nun in meinem neuen Zuhause angekommen sind. Nur noch zweimal anhalten, und ich kann aussteigen. Meine Finger erhöhen den Druck auf die Henkel meiner Tasche, die in meinem Schoß liegt und die ich die ganze Zeit fest an mich gedrückt halte. Für mich funktioniert sie wie eine kleine Schutzmauer. Erst als der Bus das zweite Mal anhält, geht ein Ruck durch meinen Körper und ich wende mich vom Fenster ab. Meine Haltestelle ist erreicht – zeitgleich auch die Endhaltestelle. Ab hier dreht der Bus und fährt nach einer kleinen Pause die eben abgefahrene Runde in entgegengesetzter Richtung abermals ab. Ein immer wiederkehrender Zyklus, der mich wahnsinnig machen würde. Und doch befinde auch ich mich seit einiger Zeit in einem vorgegebenen Rhythmus, den ich Tag für Tag durchlaufe. Ich lebe das Leben einer anständigen und unauffälligen Bürgerin, die pflichtbewusst jeden Donnerstagabend die Mülltonne vors Haus schiebt und wochenends den Bürgersteig fegt.

Ich hasse mein neues Leben.

Langsam drehe ich mich um, bereit, aufzustehen, aus dem Bus zu steigen und die paar Meter zu meiner Wohnung zu laufen, einen Fuß vor den anderen setzend. Wie jeder anständige Bürger. Doch mein Blick bleibt auf dem Sitz neben mir hängen. Ich starre auf das Handy, das dort liegt und versuche zu verstehen, wieso es da liegt. Die ganze Fahrt über hatte niemand neben mir gesessen. Ich blicke mich um, aber außer mir ist niemand mehr im Bus. Der Busfahrer selbst ist aus seinem Führerhäuschen ausgestiegen und auf die Toilette an der Endhaltestelle gegangen, und nach seiner Rückkehr wird er eine rauchen. Ich kenne seine Routine, denn ich brauche jedes Mal einen kleinen Moment um meinen Körper zu überreden, zu gehorchen und aus dem Bus zu steigen. Ich bin genervt. Nun noch auf den Busfahrer warten zu müssen um ihm das Fundstück zu überreichen, fehlte mir noch zu meinem Glück. Meine Finger greifen nach dem Handy, ich drehe es in den Händen. Es sieht recht neu aus, zeigt kaum Gebrauchsspuren auf, gleichzeitig aber ist es ein älteres, billiges Modell. Ich frage mich wie man es schafft, ein Handy so einwandfrei zu halten, aber vermutlich gehört es einem älteren Menschen, der es kaum benutzt, weil er die ganze Technik nicht versteht. Oder vielleicht ist es einer Person aus der Tasche gerutscht, als sie sich an meinem Sitz vorbeigedrückt hat um auszusteigen. Ich erhebe mich von meinem Sitz und laufe zur Bustür, meine Tasche in der linken Hand, das Handy in der rechten. Während ich mir meine Tasche über die Schulter ziehe und meinen rechten Arm unbeholfen zu Hilfe nehme, komme ich auf den Powerknopf, und leuchtend geht das Display an. Was ich darauf sehe, lässt mich auf der Stelle erstarren: Mein eigenes Gesicht lacht mir entgegen. Es ist kein neues Foto, es ist das Foto, das vor zehn Jahren in meiner Abizeitschrift abgedruckt wurde. Panik rauscht wie eine heftige Welle über mich und reißt mich mit sich. Ich weiß nicht, wie ich es aus dem Bus hinausgeschafft habe, doch sobald meine Füße das Kopfsteinpflaster berühren, werden meine Knie weich. Ich muss mich gegen den Bus lehnen, den Blick fest auf das Handy in meinen zittrigen Fingern geheftet. Meine Lunge saugt hektisch Sauerstoff ein, trotzdem habe ich das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Als ich plötzlich angesprochen werde, schrecke ich hoch. Der Busfahrer steht neben mir und sieht mich besorgt an. Ich weiß nicht, was er gefragt hat, vermutlich möchte er wissen, ob alles okay ist, aber natürlich hat er keine Ahnung davon, wie weit entfernt von okay ich tatsächlich bin.

Jemand ist mit mir in mein neues Leben übergetreten. In das neue Leben, das ich so hasse.

Aber noch viel mehr hasse ich mein altes Leben.

 

Irgendwie schaffe ich es nach Hause, obwohl mir jetzt mehr denn je nach flüchten ist. Aber ich brauche nun den vorgetäuschten Trost meiner Wohnung, in der mir nichts passieren kann, obwohl mir absolut klar ist, dass mir überall etwas passieren kann. Seit ich hier wohne, habe ich zwar keine Drohungen mehr bekommen, aber entspannen kann ich nur selten. Ich habe immer damit gerechnet, dass mich meine Vergangenheit einholen wird und hatte gehofft, dann bereit zu sein. Tja. Ich bin alles, aber nicht bereit.

 

Meine Füße tragen mich treu in meine Wohnung. Als hätte ich mich daran verbrannt, werfe ich das Handy auf meine Kommode, dann drehe ich mich gehetzt um und schließe die Wohnungstür gleich doppelt ab. Normalerweise hätte ich auf dem Heimweg einen Abstecher in den Supermarkt gemacht, da mein Kühlschrank kaum mehr etwas hergibt. Stattdessen bin ich schnurstracks nach Hause geeilt und habe mit all meiner Willenskraft den Drang unterdrückt, den ganzen Weg zu rennen. Mehrmals habe ich mich verstohlen umgesehen, aber niemanden entdeckt, allerdings ist es draußen auch dunkel. Seit vorhin stehen mir die feinen Härchen in meinem Nacken fast durchgängig hoch. Es schaudert mich so, dass ich mich unwillkürlich schüttele. Ich werfe dem Handy einen vernichteten Blick zu und laufe in die Küche. Mit einem Ruck ziehe ich die Tür des Kühlschranks auf und greife zielsicher die Flasche Weißwein, die einsam im sonst fast leeren Kühlschrank liegt. Auf ein Glas verzichte ich, es ist einfach nicht die Gelegenheit für ein hübsches Weinglas. Ich stürze gleich ein paar große Schlucke direkt aus der Flasche hinunter, während ich mich an den Esstisch setze und meine Handtasche neben mir auf den Boden werfe. Um mich abzulenken und zu beruhigen, widme ich mich ausgiebig dem Etikett, das die Weinflasche ziert. Ich lese jeden Satz, jedes Wort, aber ich verstehe überhaupt nichts. Ohne dass ich mich dagegen wehren kann, wandern meine Augen zu diesem verdammten Handy, das noch immer auf der Kommode liegt. Wieder setze ich die Flasche an meine Lippen und trinke einen weiteren großen Schluck, dann stelle ich sie mit einem Knall auf den Tisch zurück, stehe ruckartig auf und laufe in den Flur. Entschlossen greife ich das Handy, stapfe wieder in die Küche und setze mich zurück an den Tisch. Aber erst nach einem weiteren Schluck Wein fühle ich mich mutig und betäubt genug, das Handy abermals einzuschalten. 

Noch immer lacht mir mein altes Ich fröhlich entgegen. Es fühlt sich an, als würde ich eine Fremde betrachten, was auch daran liegt, dass ich seit einiger Zeit völlig anders aussehe. Meine damaliger Lockenkopf ist mittlerweile Geschichte, auch meine braunen Augen. Seit anderthalb Jahren trage ich nun blaue Kontaktlinsen. Während meine Augen heller wurden, wurden meine Haare dunkler und kürzer. Meine ehemals hellblonden Haare sind nun brünett und werden jeden Morgen geglättet, um meine natürliche Wellenstruktur zu unterdrücken. Meine auffälligen Sommersprossen überschminke ich meist stark, sodass sie nur noch blass durchscheinen. Sie machten mich schon immer einzigartig, und genau das kann ich mir nicht mehr leisten. Ich muss in der Masse abtauchen können, nicht auffallen. Wenn man in einen Raum kommt in dem ich mich befinde, dann darf ich auf gar keinen Fall die Blicke auf mich ziehen. 

Ein Rappeln reißt mich aus meinen Gedanken. Das fremde Handy hat eine Nachricht empfangen. Ich will es eigentlich nicht tun, aber die Neugierde siegt, und so öffne ich sie. Ich lese den Text und sehe das Bild nur den Bruchteil einer Sekunde, dann schießt mir die Galle die Speiseröhre hoch. Gerade noch rechtzeitig schaffe es zum Spülbecken und erbreche den ganzen Wein gnadenlos.

Während ich noch nach Luft schnappe und meine Sauerei den Abfluss herunterspüle, habe ich nur einen Gedanken: Ich muss Sybille Schlüter anrufen. Das hätte ich schon gleich von der Bushaltestelle aus tun sollen, doch ich war vor Angst wie gelähmt gewesen und hatte schnellstmöglichst nach Hause gewollt. Die Drohungen, die ich vor meinem Umzug bekommen habe, sind wahr geworden. Man hat mich gefunden, jemand ist ganz in meiner Nähe. Ohne mich dagegen wehren zu können, sehe ich nochmals auf das Handy. „Erinnerst du dich?“ steht im Text unter dem Bild. Dem Bild von Marks Leiche.

Meine Hände zittern, ich kann kaum einen Gedanken halten. Was, wenn in diesem Moment jemand vor meinem Fenster steht und mich beobachtet? Oder die Person, die mich das Handy hat finden lassen, plötzlich vor meiner Tür steht? Ich eile von Raum zu Raum, blicke vorne auf die Straße und durch mein Schlafzimmer hinten in den Hof. Die Dunkelheit lässt überall Schatten erahnen, und ich lasse die Rollläden krachend herunter. Schnell gehe ich zur Haustür, in deren Schloss der Schlüssel steckt und drücke die Klinke herunter. Abgeschlossen. Gut. Die abgesperrte Haustür und die heruntergelassenen Rollläden geben mir die Illusion, jede mögliche Gefahr von außen ausgeschlossen zu haben. Tief in mir weiß ich natürlich, dass die kleine Sicherheit, die ich mir erlaube zu fühlen, nur vorgetäuscht ist, aber mehr packe ich im Moment nicht.
Ich muss Sybille anrufen.

Der Haken neben der Haustür, an dem meine Handtasche normalerweise hängt, ist leer. Ich versuche mich zu erinnern, wo ich die Tasche abgestellt habe, aber es will mir nicht einfallen. Unruhig laufe ich durch den Flur und in die Küche, meine Beine unnatürlich wackelig. Ich schaue auf der Arbeitsfläche, auf dem Esstisch, bin verwirrt. Es will sich keine Erinnerung formen. Ich merke, dass ich drauf und dran bin, in Panik zu verfallen. Ich bleibe stehen und lehne mich gegen die Wand. Es fühlt sich fast tröstend an, und so gönne ich mir diesen kurzen Moment, um tief und kontrolliert ein- und auszuatmen. Es funktioniert; mein Pulsschlag beruhigt sich, und meine Beine gewinnen wieder etwas Kraft zurück. Mein Blick ist klarer und konzentrierter, die Panik weicht der etwas sanfteren Angst. Endlich fällt mir auch wieder ein, dass ich die Handtasche vorhin mit zum Esstisch genommen habe. Mit schnellen Schritten eile ich hinüber und versuche, das Handy auf dem Tisch zu ignorieren, während ich in meiner Tasche nach meinem eigenen krame. Ich nutze mein Handy so gut wie kaum – am meisten, um es regelmäßig aufzuladen. Eigentlich habe ich es nur als Sicherheit, damit ich jederzeit einen Notruf absetzen kann, sollte es nötig sein. Außer Sybille gibt es niemanden, mit dem ich telefonieren könnte. Das ist auch der Grund, warum ich kein Festnetztelefon besitze. Ich habe keinerlei Kontakte mehr, kein soziales Leben. Ich bin heute das komplette Gegenteil von der, die ich noch vor einigen Jahren war. Céline Ahrends ist nur noch der Schatten einer Erinnerung. Sie steckt zwar noch in mir, aber ich habe sie tief weggesperrt. Ich bin nur noch ein Geist, der es nicht ganz schafft, unsichtbar zu werden. Ich glaube, ich bin mittlerweile innerlich dermaßen verkümmert, dass ich nicht einmal mehr wüsste, wie ich mit Menschen umgehen soll. Vieles habe ich verlernt, speziell aber das Lächeln. Früher habe ich mir im Spiegel ab und zu noch selbst zugelächelt um mir Mut zu machen, doch irgendwann habe ich auch das aufgegeben. Und würde ich nicht ab und zu beim Bäcker bestellen, hätte ich vermutlich nicht einmal mehr eine Stimme. Ich räuspere mich, nur zur Sicherheit. Dann entsperre ich mein Handy, eine mittlerweile sehr ungewohnte Geste. Schnell drücke ich auf meinen einzigen Favoriten und warte auf das Freizeichen. Ich telefoniere nur äußerst selten mit Sybille. Sie hat mir vor anderthalb Jahren geholfen, unterzutauchen. Gesehen haben wir uns seit damals nicht mehr, trotzdem besteht sie auf einem kurzen Lebenszeichen alle paar Monate. Sie besitzt einen Ersatzschlüssel für meine Wohnung, aber besucht hat sie mich noch nie. Obwohl sie die einzige Person ist die weiß wo ich wohne, wäre es zu riskant. Unsere seltenen aber regelmäßigen Telefongespräche gehen kaum länger als anderthalb Minuten, aus Angst, geortet werden zu können, obwohl das Gerät und die Nummer erst mit meinem neuen Leben zu mir kamen. Und auch das Internet nutze ich nicht, konstant in der Sorge, irgendwelche verräterischen Spuren zu hinterlassen. 

Und dennoch hat mich jemand gefunden. 

 

Ich versuche, den Gedanken abzuschütteln und warte auf das Freizeichen. Aber es kommt nicht. Ich unterbreche die nicht entstandene Verbindung und starre auf die Meldung auf dem Display, die behauptet, ich wäre nicht im Netz angemeldet. Ich schalte das Handy aus, dann wieder ein und versuche es erneut. Keine Verbindung möglich. Zögernd nehme ich das gefundene Handy ins Visier, dann gebe ich mir einen Ruck und versuche, von diesem Gerät aus bei Sybille anzurufen. Aber auch hier stellt sich das Netz tot. Verzweifelt versuche ich den Notruf. Fehlanzeige.

Mein Gehirn wühlt wild in meiner Erinnerung, ohne dass ich mich dagegen wehren kann. Unter dem Stress, den ich fühle, werden diverse Gesichter, Namen und Verbindungen zu meinem früheren Leben in einem sehr animierten Kopfkino hochgespült. Mein Puls steigt, er rauscht mir laut in den Ohren. Ich sitze wie gelähmt da und versuche mich zu konzentrieren. Ich habe immer gewusst, dass es da draußen jemanden gibt, der mich jagen möchte, denn das schrieb mir die Person in den Drohbriefen immer wieder. Vermutlich hat derjenige einen gewissen Verdacht, aber es kann nichts Handfestes sein, sonst säße ich nun nicht hier, sondern hinter Gittern. Denn ich habe meinen Verlobten Mark Fellner umgebracht, und ich bereue lediglich, dass ich seither zwar in Freiheit, aber dennoch nicht mehr frei leben kann. 

Meine Erinnerung zieht mich nun komplett in den Bann und ich befinde mich auf einmal wieder im Jahr 2018. Es ist der fünfte November. Sybille Schlüter war die Polizistin, die schon einige Male zuvor mit ihrem Kollegen Steffen Bengert gerufen worden war als die Nachbarn sich zum wiederholten Male über das Geschrei in unserem Haus beschwert hatten. Sie ist auch der einzige Grund, warum ich noch in Freiheit bin. Ich, die Mark abgestochen hat, habe dank Sybille offiziell in Notwehr gehandelt.

Als ich Mark kennenlernte, hat er mich auf Händen getragen. Ich dachte, er sei der treue, liebevolle Mensch, den sich jeder an seiner Seite wünscht. Er konnte keiner Fliege was zuleide tun. Er hat mich in den Urlaub mitgenommen, hat mir diverse Wellnesswochenenden spendiert, hat mir wöchentlich einen traumhaften Strauß Blumen geschickt, meist mit liebevollen Botschaften. Natürlich habe ich sie, verliebt wie ich war, gesammelt. Und am sechsten November 2018 habe ich sie allesamt verbrannt.

Mark hatte viele Freunde, viele Bewunderer, aber auch Neider. Wie es eben meistens ist, wenn jemand viel Geld hat. Er war wahnsinnig charmant und gönnerisch, und bald bewegte auch ich mich im erlauchten Kreis der Münchener Gesellschaft. Natürlich habe ich es genossen, vielleicht auch ein wenig ausgenutzt. Überall hat er mich herumgezeigt, was mich natürlich auch stolz gemacht hat. Dass sich irgendwann der Wind gedreht hatte, habe ich erst dann gemerkt, als es schon zu spät war. Ich war abhängig von ihm geworden, hatte meine Seele verloren, war zu seiner Trophäe verkommen. Wir waren mittlerweile verlobt, ich hatte keine eigenen Freunde mehr, war in seinem großen Freundeskreis auch nur seinetwegen geduldet. Meinen Wert hatte ich verloren. Ich funktionierte nur noch als hübsches Anhängsel, und ich ließ es mir gefallen, da er mich mit teuren Geschenken ruhig und halbwegs zufrieden hielt. Als ich es doch einmal wagte, mich ihm entgegen zu stellen, schlug er mich das erste Mal. Ich war schockiert. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren könne. Und nie hätte ich von mir gedacht, dass ich dennoch bei meinem Peiniger bliebe. Aber natürlich knickte ich ein, als er sich weinend bei mir entschuldigte und mir versprach, es nie wieder zu tun. Er war so zerknirscht und beteuerte wieder und wieder, dass es ein Ausrutscher gewesen war. Ich hatte ihm schon verziehen, noch bevor wir auf den Malediven gelandet waren, die er als Entschuldigung gebucht hatte. Es war ein himmlischer Urlaub, wir hatten unser eigenes Personal und Mark war einfach ein wahrgewordener Traum von Mann. Er verwöhnte mich die ganze Woche wie im Anfangsstadium unserer Beziehung. Es war das reinste Seelenfutter, und ich nahm automatisch an, dass es immer so weitergehen würde. 

Wieder zuhause in München hielt es tatsächlich fast ein dreiviertel Jahr, ehe es wieder passierte. Und wieder. Seine Entschuldigungen fielen von Mal zu Mal kleiner aus, bis sie schließlich ganz ausblieben. Gleichzeitig war meine Abhängigkeit von ihm viel größer geworden. Es war ein Teufelskreis, meine persönliche Hölle, aus der ich nicht mehr herausfinden konnte. Und es tief drinnen auch nicht wollte, denn was und wer war ich denn noch ohne Mark? Für Zuschauer war ich nach wie vor die Frau, die Mark mit ganzem Herzen begehrte. Mittlerweile waren öffentliche Termine zu wahren Auftritten geworden, für die ich sehr gut bezahlt wurde. Hier eine neue Perlenkette, die die Leute bestaunen konnten, dort ein Kleid, vollbesetzt mit Swarovski-Steinen. Die Leute liebten es, wie Mark mich vermeintlich vergötterte und verwöhnte. Mark Fellner, der aufstrebende und charmante Unternehmer mit gönnerischem Geist für Nachhaltigkeit, und seine hübsche Verlobte, Céline Ahrends. Nicht nur einmal sah ich uns in einem Magazin abgedruckt. Ich erinnere mich, als im Herbst 2016 ein Bild von uns in einer Zeitung erschien, das uns auf dem Oktoberfest zeigte. Als ich das Foto sah, erfuhr ich das pure Gefühlschaos. Das Pärchen auf dem Bild wirkte glücklich. Beide unheimlich attraktiv, nahezu perfekt. Mit perlweißen Zähnen lächelten wir in die Kamera. Wieder verschlug es mir den Atem. Mark war perfekt gewesen. Dichtes dunkelbraunes Haar, blaue Augen, ein Grübchen auf der linken Wange. Ein sinnlicher Mund, der mir früher einmal viele süße Dinge ins Ohr geflüstert hat und ein markantes Kinn, das seine Entschlossenheit zur Schau trug. Seine funkelnden Augen versprachen einen feinen Humor, den er in der Öffentlichkeit immer gerne ans Tageslicht brachte, im Privaten aber mittlerweile abgestellt hatte. Ich weiß noch, wie ich mich selbst auf diesem Bild bestaunt habe. Ich sah diese wunderhübsche Frau und konnte sie mit mir selbst nicht in Verbindung bringen. Es war, als betrachtete ich das Bild einer anderen. Meine eigentlich braunen Augen mit Smokey eyes perfekt in Szene gesetzt, meine blonden Haare kunstvoll geflochten. Ich trug ein traumhaftes Dirndl, die Schleife meiner Schürze rechts gebunden. Marks Arm war um meine Schulter gelegt. Nachdem das Bild geschossen worden war, zog er den Arm sofort zurück. Wir waren mittlerweile perfekt darin, Menschen zu täuschen.

Ich fühlte mich zunehmend gefangen, wusste aber nicht, wie ich entkommen konnte. Ich hatte keinerlei Mittel und Wege, keinen Menschen, dem ich vertrauen konnte. Mark selbst hatte mehr Gönner als Neider, und ich Idiotin habe auch dazu beigetragen, seinen guten Ruf aufrecht zu erhalten. Immer wieder lächelte ich süß, wenn wir einer Einladung folgten und spielte die glückliche Verlobte. Ich sah immer perfekt aus, hatte die besten Manieren, pflichtete Mark in allem bei, was er sagte. Im Gegenzug schien er einer Art Kodex zu folgen, denn er wurde niemals direkt vor einer Party gewalttätig, immer ausreichend viele Tage vorher, sodass ich Zeit hatte, äußerlich zu heilen.  Ein paar Mal rief ein Pärchen aus der Nachbarschaft die Polizei, wenn Mark wieder einmal Streit suchte und auf mich los ging. Für die Polizei allerdings schien es lediglich eine Art Pflichtbesuch zu sein. Es war immer das gleiche Team das uns besuchte, Sybille Schlüter und Steffen Bengert. Ich weiß nicht, welche Fäden Mark gezogen hat, aber sie ließen sich jedes Mal sehr schnell davon überzeugen, dass lediglich der Fernseher zu laut gewesen wäre oder er eine Party gefeiert hätte, die den Lärm verursacht habe. Ich habe mich während dieser Besuche immer versteckt. Beim vierten Mal jedoch fragte Sybille explizit nach mir, und als ich um die Ecke kam, entgingen ihr meine aufgeplatzte Lippe und mein geschwollenes Auge natürlich nicht. Den Rest verdeckte meine Kleidung erfolgreich. Hölzern erklärte ich, dass ich die Treppe heruntergefallen sei. Sie durchschaute mich natürlich und fragte nochmals, ob wirklich alles okay sei, was ich automatisch bejahte. Man sah ihr an, dass sie mich bedrängen wollte, mit der Wahrheit herauszurücken, aber ihr Kollege und Mark bestanden darauf, uns in Ruhe zu lassen, ich sei schließlich erwachsen. Mehr konnte sie nicht tun, und so zogen sie wieder ab. Tief in mir hatte ich die kleine Hoffnung, Sybille würde nochmals wiederkommen und mir aus diesem Leben heraushelfen, aber ich traf sie erst am fünften November wieder. An dem Tag, an dem ich meine Chance endlich ergriff und zu meiner eigenen tragischen Heldin wurde.

 

Ich wusste gleich, dass Marks Ankunft Ärger bedeutete, noch bevor er zur Tür hineinkam. Die Art, wie er die Autotür zuschlug, sprach Bände. Aufgeschreckt und alarmiert rannte ich in die Küche. Schon oft hatte ich davon phantasiert, ihm ein Messer in den Rücken zu jagen, aber der Mut fehlte. Auch jetzt fehlte er mir, doch die Panik feuerte mich an. Ich musste mich endlich verteidigen, ihm klar machen, dass es so nicht weiterging. Vielleicht auch das Ganze endgültig beenden.

In den letzten Wochen waren seine Launen immer labiler geworden, die Gründe, wegen derer er auf mich losging, immer irrationaler. Ich hörte, wie er zur Tür hineinstürmte. Lauthals rief er mich, aber ich antwortete nicht. Gehetzt griff ich mir ein Messer, ohne darauf zu achten, welches es war, denn ich hörte ihn schnell näherkommen. Ich konnte nur inständig hoffen, nicht das kleine Gemüsemesser erwischt zu haben, doch das Gewicht in meiner Hand versprach ein größeres Kaliber. Marks rotes Gesicht erschien in der Tür. Als er das Messer in meiner schweißnassen zitternden Hand entdeckte, eskalierte es. Mit zwei großen Schritten stürzte er sich auf mich und stieß mich gegen die Wand. Das Messer fiel zu Boden, außerhalb meiner Reichweite. Die Ohrfeige, die er mir daraufhin verpasste, nahm ich kaum wahr, zu sehr betrauerte ich meine verpasste Chance. Ich habe eine Sekunde lang zu sehr gezögert. Oder vielleicht hatte ich tatsächlich nicht den Mut in mir, wie ich es mir so oft gewünscht hatte. Nicht nur durch die Gewalt, die er an meinem Körper ausübte, sackte ich ein wenig mehr in mich zusammen. Ich hatte mich selbst im Stich gelassen.

 

Er schleuderte mich gegen den Türrahmen, wobei ich mir eine Platzwunde an der Stirn zuzog. Dann warf er mich zu Boden und ich verpasste nur knapp die scharfkantige Ecke des Tisches, die mir unzählige Male zuvor schon schwere Blutergüsse beschert hatte. Als ich am Boden lag, setzte er sich auf mich und fing an, mich zu würgen. Das war neu. Das Tragische war, dass ich an die Schläge schon gewöhnt war. Ich spürte zwar die Schmerzen, fing aber irgendwann an zu glauben, dass ich es wohl tatsächlich verdient hatte. Jede brennende Wange, jeder zu feste Griff, jede aufgeplatzte Lippe waren die Bestrafung dafür, wenn ich mich falsch benommen hatte. Zumindest dachte ich irgendwann tatsächlich, dass alles meine Schuld sei. Aber niemals zuvor hatte er mich gewürgt.
Es war vorbei. Ein panischer Blick meinerseits in seine Augen, und ich wusste, dieses Mal würde ich fatal bezahlen. Mark schrie mich an, sein heißer Atem und seine Spucke flogen mir ins Gesicht. Er schleuderte mir entgegen, wie sehr ich ihn doch anwidere. Wie falsch ich sei, wie unverdient mein Platz neben ihm war. Er redete sich lauthals in Rage, auch wenn ich dachte, er könne nicht noch wütender werden. Sein Gesicht war knallrot, seine Augen brodelten wild. Seine Wut auf mich war real. Ich sehe bis heute genau vor mir, wie er bedrohlich über mir saß. Sein Gewicht presste mir die Lungen zusammen, seine Hände drückten mir an meinem Hals die Luft zusätzlich ab. Ich bekam riesige Panik und schnappte verzweifelt nach Luft. Es fühlte sich an, als würden mir die Augen aus dem Kopf quellen, aber es interessierte ihn nicht. Mittlerweile hatte er aufgehört, mich anzuschreien. Seine Augen spiegelten die Entschlossenheit wider, mit der er mich nahezu besinnungslos würgte. Ich kapierte, dass ihm das nicht reichen würde; der fünfte November sollte mein Todestag werden.

 

Ich hatte kaum Bewegungsfreiheit. Immer schwächer bäumte ich mich unter ihm auf. Meine Arme kribbelten, dann auch meine Beine. Ich rutschte langsam in eine angenehme Schwärze hinein, der Druck um meinen Hals wurde immer nebensächlicher. Doch plötzlich war er weg. Marks Hände waren weg. Ich sog gierig die Luft ein und musste husten, wieder und wieder. Mein glasiger Blick brauchte einen Moment, um klarer zu werden. Ich kapierte nicht, was Marks Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch dann hörte ich sie, die Stimme, die von außen durch die Tür drang, ich verstand jedoch nicht, was sie sagte. Ich verstand aber, dass Mark unaufmerksam geworden war, und ohne auch nur weiter darüber nachzudenken, nutzte ich es instinktiv aus. Meine Faust traf seinen Unterkiefer so hart, dass ich dachte, meine Hand sei gebrochen. Mark kippte mit einem überraschten Stöhnen zur Seite, und so schnell es meine noch immer zitternden Glieder es erlaubten, rappelte ich mich auf. Aus seinem Mund lief Blut, vielleicht hatte er sich auf die Zunge gebissen. Seine Augen fixierten mich wild, und er machte Anstalten, sich auf mich zu stürzen. Doch ich war schneller. Mit aller Kraft trat ich ihm zwischen die Beine. Fast verlor ich dabei das Gleichgewicht, während er sich schreiend zur Seite krümmte und in der Embryonalstellung liegenblieb. Hastig suchte mein Blick das Messer. Ich wusste nicht mehr, wo ich es hatte fallen lassen. Im Augenwinkel nahm ich wahr, dass Mark versuchte, sich aufzurichten. Abermals überfiel mich Panik, doch dann fand ich das Messer endlich. Meine Hand umschloss den Griff wie eine Schraubzwinge, und ich drehte mich schnell um. Mark hatte Schwierigkeiten, gerade zu stehen. Er taumelte und atmete zischend. Offenbar hatte ich ihn ernsthaft im Schritt getroffen. 

Und dann stach ich zu. Marks feindseliger Blick wich purer Überraschung. Vermutlich sah er das Gleiche in meinen Augen. Es war einfach passiert, ohne dass ich darüber nachgedacht hätte. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, weil kein Blut auf seinem T-Shirt erschien, und so zog ich das Messer wieder heraus. Ich war für einen Moment verwirrt und dachte tatsächlich, ich hätte ihn vielleicht aus irgendeinem Grund nicht getroffen. Als das Messer nicht mehr in seiner Brust steckte, formte sich dann aber doch ein Blutfleck, allerdings nicht so blutig, wie ich es aus dem Fernsehen kannte. Ziemlich zeitgleich mit Mark wurde auch mir klar, dass ich ihn nicht tödlich erwischt hatte. Ich bemerkte ein Zucken in seinen Händen und wusste, er würde sich gleich wieder auf mich stürzen, koste es, was es wolle. Doch dann ließ uns beide eine Bewegung innehalten. Sybille Schlüter stand in der Tür.  Als sie die Situation erfasste, änderte sich ihre Haltung schlagartig und ihre Augen fixierten Mark, der sie sogleich weinend um Hilfe bat. Doch Sybille blieb einfach in der Tür stehen. Die Hand, die sie eben noch an ihrem Gürtel gehalten hatte, bereit, die Waffe zu ziehen, entspannte sich. Ich sehe es noch genau vor mir, als wäre es gestern gewesen. Unsere Blicke trafen sich, und dann nickte sie einfach, wortlos. Mark kapierte zuerst, seine Augen wurden riesig, und er flüsterte ein entsetztes „Nein!“. Es kommt mir vor, als hätte ich von da an alles aus einer anderen Perspektive erlebt. Wohl ähnlich Menschen, die von Nahtoderfahrungen sprechen und erzählen, ihre Seele sei für einen kurzen Moment aus ihrem Körper geschlüpft. Es fühlt sich an, als hätte ich mir selbst dabei zugesehen, wie ich Mark das Messer direkt ins Herz gejagt habe. Ich weiß noch, wie ich mich wunderte, als seine Augen den Fokus verloren, als sein Gesicht sich entspannte. Aus Reflex versuchte ich ihn noch aufzufangen, aber er war plötzlich so viel schwerer als normal. Als er an der Wand herunterrutschte und zusammengesackt auf dem Boden liegen blieb, trat ich einen Schritt zurück. Ich wartete darauf, dass er sich nochmals rührt, aber es kam nichts mehr. Mark war weg, doch der Terror blieb. 

 

Ein Rappeln lässt mich aus meinen Gedanken hochschrecken. Das Display des gefundenen Handys liegt beleuchtet vor mir auf dem Tisch. Ich greife danach und tippe widerwillig die Benachrichtigung an. Was ich da sehe, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren: Wieder ist es ein Bild von mir, aber es ist ein aktuelles Bild. So aktuell, dass es in den letzten Minuten aufgenommen worden sein musste. Es zeigt mich, wie ich mit abwesendem Blick am Tisch sitze. Man sieht mir an, dass ich schweren Gedanken nachhänge und mich nicht im Hier und Jetzt befinde. Ich brauche einen Moment um zu verinnerlichen, dass ich nicht alleine in meiner Wohnung bin.
Als mir das begreiflich wird, schnelle ich hoch, mein Stuhl kippt hintenüber. In einer wahnsinnigen Geschwindigkeit tragen mich meine Beine zu meiner Wohnungstür, mein Fluchtinstinkt auf absoluter Höhe. Ich stürze mich auf den Türgriff, meine rechte Hand schnappt nach dem Schlüssel – und greift ins Leere. Mein Verstand packt die Situation nicht. Es steckt kein Schlüssel mehr im Schloss. Ich reiße an der Türklinke, aber die Tür ist fest verschlossen. Ich verspüre Verzweiflung, dann Panik, als ich Schritte hinter mir vernehme. Ich will mich nicht umdrehen, aber natürlich macht mein Körper genau das, und schon blicke ich in den Lauf einer Pistole. Meine Augen brauchen kurz, um die Person scharfzustellen, die mir die Waffe vors Gesicht hält, und ich verstehe die Welt nicht mehr, als ich Steffen Bengert, Sybilles Kollegen, erkenne. 

 

Ich bin sicher, ich werde gleich schreien, stattdessen stoße ich aber ein heiseres „Warum?“ hervor. Steffen starrt mich verächtlich an, dann packt er die Faust in meine Haare und zieht mich von der Tür weg. Er will keine Aufmerksamkeit erregen, sollten Nachbarn durch den Hausflur gehen und uns hören. Ich bin überrascht, wie wenig wackelig meine Beine sind, die mich, geführt von Steffen und meinen Haaren, in mein Schlafzimmer tragen. Das Zimmer, das am weitesten von der Haustür und der Straße entfernt ist. Steffen hat ganz offenbar seine Hausaufgaben gemacht. Mir schwirrt der Kopf und ich verstehe nicht, welche Rolle er spielt und wieso er mich jagt. In meinem Schlafzimmer angekommen, stößt er mich hart gegen die Wand, sodass ich das Gleichgewicht verliere und falle. „Du miese Schlampe!“, zischt er mir entgegen, sein Gesicht hassverzerrt. „Erst tötest du ihn, dann kommst du damit davon und versteckst dich? Du bist erbärmlich! Du solltest tot sein, nicht Mark!“ Sein ganzer Körper zittert vor Wut. „Wovon redest du?“ Ich hatte nie viel mit Steffen zu tun, ich kenne ihn eigentlich gar nicht, und ich kann die vielen losen Puzzlestückchen einfach nicht zusammenfügen.
Steffen setzt sich auf mein Bett, lässt mich dabei keine Sekunde aus den Augen.
 „Du hast keine Ahnung, was es mich gekostet hat, dich zu finden.“ Er zieht die Arme auseinander, als wolle er mir etwas präsentieren, dann grinst er. „Aber hier bin ich!“ Er wirkt regelrecht stolz auf sich, und ich wundere mich, warum er Handschuhe trägt. Verständnislos starre ich ihn an, ich verstehe wirklich rein gar nichts. „Wo ist Sybille?“, frage ich. Steffen grinst schief, seine Augen lachen nicht mit. Es ist einer dieser verbitterten Gesichtsausdrücke, der von großer Enttäuschung gezeichnet ist. „Scheißegal“, sagt er. Sein Blick fixiert mich, er schüttelt den Kopf. „Du hast eine bodenlose Minusliste bei mir, Céline.“ 

Er rutscht auf die Bettkante, näher an mich heran. Ich drücke mich weiter an die Wand. Der Mistkerl grinst. „Dass Sybille dich deckt, war mir lange klar. Nur leider habt ihr beide es raffiniert genug angestellt. Ich hätte dich gerne im Knast gesehen, dort solltest du verrotten.“ Er schnalzt mit der Zunge. „Statt mit verrotten gebe ich mich aber auch mit elendig verrecken zufrieden. Hat beides seine Vorteile für mich und seine gewissen Nachteile für dich.“ Ich möchte ihm eine knallen als er nun tatsächlich die Nerven hat, mir zuzuzwinkern. Er leckt sich über die Lippen und hebt eine Augenbraue. „Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es mich so lange Zeit kosten würde, dich zu finden.“ Es klingt fast wie ein Kompliment. „Wie hast du mich gefunden?“, frage ich, im Versuch, Zeit zu gewinnen. Ich hoffe auf ein Wunder das mich rettet. Steffen beobachtet mich und scheint abzuwägen, ob er mir davon erzählen soll oder lieber nicht. Sein krankes Ego gewinnt. „Vorgestern war es endlich soweit. Sybille legte ihr Handy ab und vergaß, die Bildschirmsperre einzustellen. Dann ging sie in eine Besprechung. Und obwohl sie gewissenhaft alle sonstigen Spuren verwischt hat, machte sie den Fehler und speicherte dich unter dem Namen ihres Vaters ab, der aber schon seit vier Jahren tot ist. Das wissen nicht viele. Aber Sybille wird bei Streifenfahrten gerne etwas redselig, und ab und an rutschen ihr private Dinge raus.“ Sein Grinsen wird breiter, er ist sichtlich stolz auf seine Detektivarbeit. Ich lasse ihn erzählen. Er holt tief Luft und senkt seine Waffe ein wenig, ohne es zu bemerken. „Scheiß auf Sybille. Sie hat keine Ahnung von Nichts, aber sie wird ebenfalls noch ihre Rechnung bekommen, das werdet ihr beide. Für den Moment bist aber du wichtiger.“ Er korrigiert die Haltung seiner Waffe auf mich. Verdammt. „Worum geht es dir?“, frage ich, als Antwort lacht er freudlos. „Eine kleine Nachtgeschichte für Céline. Bitteschön“. Er rutscht auf meinem Bett herum und schaut mich gönnerhaft an, die Waffe für den Moment nicht mehr auf mein Gesicht gerichtet. Er holt tief Luft.

„Mark und ich wollten zusammen sein. Mark war schwul.“ Steffen macht eine Pause und blickt mich erwartungsvoll an. Ich will ihm eigentlich keine Reaktion geben, aber die Behauptung, die er eben in den Raum gestellt hat, lässt mich genau dies tun. Mein Mund klappt auf, ich kann nicht glauben, was er mir gerade erzählt, und mein fassungsloses Gesicht lässt ihn auflachen. „Richtig gehört, Prinzessin. Dein Verlobter und ich waren ein Paar, noch bevor ihr euch kennengelernt habt. Er hat mich geliebt, ich habe ihn geliebt. Nur leider hätten wir keine Chance gehabt, ohne dass es Mark die Karriere gekostet hätte.“ Er kratzt sich mit dem Lauf seiner Waffe den Haaransatz, dann fuchtelt er mir damit vor der Nase herum. „Wir waren dennoch so oft wie nur möglich zusammen, was leider nicht oft genug war. Die Leute drängten ihn, ruhiger zu werden, eine Partnerin zu finden, die stabil an seiner Seite steht. Er stand mit dem Rücken zur Wand.“ Kurze Pause. „Und dann kamst du.“ Steffen testet meine Reaktion, aber ich gebe ihm keine. Meine Mimik ist blank, meine Gedanken aber rasen. Wie konnte ich das nicht bemerken?! Wie konnte ich über vier Jahre mit Mark zusammenleben und keine Ahnung von seinen wahren Gefühlen haben? Obwohl ich Mark zuletzt gehasst habe, schmerzt es mich gewaltig. Ich scheine nicht die einzige zu sein, die Schmerz fühlt.

Steffen schüttelt den Kopf, er sieht traurig aus. „Es hat Mark – und mich! – so frustriert, dass wir nicht zusammen sein konnten. Es frustrierte ihn so sehr, dass er dich immer mehr abstieß, sogar anfing, dich zu hassen. Du warst der falsche Mensch an seiner Seite. Das hätte mein Leben sein sollen!“ Sein Blick wurde finster, seine Stimme lauter. „Meine Urlaube mit Mark! Meine Auftritte mit Mark! Mark und ich, nicht Mark und diese verwöhnte Schlampe Céline!“ Steffen steht auf und läuft in meinem Schlafzimmer auf und ab, dann bleibt er stehen und hält die Waffe wieder auf mich gerichtet. „Du verdammtes Scheißstück hattest alles, während wir nur noch Frust und Liebeskummer erlebten!“ Ich beiße mir auf die Zunge. Ich soll alles gehabt haben? Glaubt er das wirklich? Es verlangt mir alles ab, keinen Kommentar abzugeben und aber auch, die Tränen zurückzuhalten. 

„Du hast in Marks Licht gestrahlt, und er hat es zusehends gehasst. Er schämte sich so, als er das erste Mal die Hand gegen dich erhoben hat, aber die Verbitterung wegen dir war einfach zu groß. Ich habe ihm die Schuld genommen, habe ihm erklärt, dass es eine völlig normale Reaktion ist. Er sollte sich nicht schlecht fühlen. Du solltest dich schlecht fühlen!“  Ich bin fassungslos über Steffens verqueren Blickwinkel, aber er verliert sich in seiner Erzählung. Die Waffe trägt er jetzt ganz locker neben sich. Ich beobachte ihn die ganze Zeit und überlege, ob ich ihn überwältigen kann, aber ich bin wie gelähmt. Und ich weiß, er ist darauf trainiert, schnell zu reagieren.

„Immer, wenn Sybille und ich zu euch gerufen wurden, tanzte mein Herz, denn ich wusste, du hast wieder das bekommen, was du verdient hast. Ich war so stolz auf Mark.“ Steffens Augen glitzern. „Du solltest einfach nur verschwinden, aber du hast dich wie eine Zecke festgesaugt. Warum bist du Schlampe nicht einfach verschwunden?? Das Luxusleben war einfach zu geil, was?“ Seine Stimme überschlägt sich fast, und zwei Tränen rollen ihm die Wangen hinunter. Er holt tief Luft, versucht, die Fassung wiederzuerlangen. „Irgendwie hätten wir eine Lösung gefunden, zusammen sein zu können.“ Er wischt sich mit dem Ärmel über das Gesicht, dann zieht er die Nase hoch. „Er hat mich geliebt, nicht dich. Und er musste wegen dir sterben.“ Angewidert sieht er mich an und erhebt erneut die Waffe, den Fokus voll auf mich gerichtet. Mein Herz droht mir aus der Brust zu springen. „Aber jetzt bin ich ja hier. Und ich kann zu Ende bringen, was Mark leider nicht geschafft hat.“ Er studiert mein Gesicht, und ich hoffe, er sieht nicht, wie viel Angst ich tatsächlich habe. Auf einmal lacht er. Nicht freudlos, es klingt echt. Er lacht tatsächlich so sehr, dass sein Bauch hüpft. Ich frage mich unwillkürlich, ob er nun komplett den Verstand verloren hat. Seine Augen blitzen amüsiert. „Weißt du eigentlich, wie dämlich du vorhin geschaut hast als dein Handy plötzlich nicht mehr funktionierte? Ich wünschte, ich hätte es fotografiert. Doch, das ärgert mich wirklich. Deine Fresse war Gold wert!“ Wieder lacht er.
„Was hast du getan?“, frage ich. Eigentlich will ich es nicht wirklich wissen. Steffen aber grinst mich überheblich an. „Ein Störsender.“ Er zuckt mit den Schultern. „Sind verboten, aber in meinem Job habe ich einige Vorteile, an gewisse Dinge heranzukommen.“ Er hält mir die Waffe vor die Nase, dann lacht er wieder auf. „Wie auch dieses Schätzchen. Gehört Sybille.“ Er grinst mich an und lässt mir Zeit, die Worte sacken zu lassen. Ich verstehe es tatsächlich nicht auf Anhieb. Besser gesagt, will mein Verstand es nicht wahrhaben. Steffen beobachtet mich genau und erkennt an meinem entsetzten Blick, dass ich kapiere. Er will mich erschießen und es Sybille in die Schuhe schieben. Jetzt machen auch die Handschuhe Sinn.
Eben noch amüsiert, verändert sich seine Miene abermals. Sein wütendes Gesicht kommt näher.
 „Du hast ihm keine Träne nachgeweint, nicht einmal im Gerichtssaal!“ Das stimmt. Ich hatte keine Tränen mehr übrig. Ich fühlte damals keinen Schmerz mehr. Aber auch keine Erleichterung. Mein Herz war kalt. Ich erspare mir jegliche Verteidigung, sie kommt bei Steffen sowieso nicht an. Er hat eine Mission, er will sich rächen. Koste es, was es wolle.

Er beißt die Zähne hart aufeinander. „Und dann versteckst du dich feige und denkst, du kannst irgendwo anders ein neues Leben starten. Einfach so. Das alte Leben abwischen, ein Neues beginnen.“ Er kommt näher, zielt mir genau zwischen die Augen. Scheiße. „Du hast zwei Leben zerstört, du hast kein neues Leben verdient.“ Er drückt mir den Lauf schmerzhaft in die Stirn, und ein altes, eigentlich tief vergrabenes Gefühl kämpft sich in mir hoch: Ich habe meine Chance verpasst. Das war es nun also.  Ich ertrage den Anblick der Waffe nicht. Ich möchte nicht, dass dieses Bild mein letzter Eindruck in diesem Leben sein wird, also schließe ich die Augen. Hinter meinen geschlossenen Lidern taucht mein Foto aus der Abizeitschrift auf. Mein lockiges blondes Haar, meine natürliche Augenfarbe, mein breites Lächeln. Damals dachte ich, die Welt stünde für mich offen. Ich war sorglos und glücklich und ich dachte tatsächlich, ich würde das Glück auch in Zukunft fühlen. Ich versuche das Gefühl zu greifen, das ich damals im Herzen trug. Das ist das Bild, das ich in mir tragen möchte wenn Steffen gleich abdrückt. Da ich nichts mehr zu verlieren habe, lasse ich heraus, was mir auf der Zunge liegt, und ich spüre, wie meine Mundwinkel sich sarkastisch nach oben ziehen. „Vielleicht aber bin ich gleich wieder mit Mark zusammen, wenn ich drüben angekommen bin.“ Ich lache, und ich kann mir nicht helfen, es klingt freudlos. Trotzdem reicht es aus um seine Wirkung zu erzielen. „Und wieder gewinne ich.“

Ich höre Steffen austicken. Ich habe seinem Ego den Todesstoß verpasst und mir das Ticket ins Jenseits gekauft, das sowieso schon lange reserviert gewesen war. Ich höre einen furchtbar lauten Knall und einen dumpfen Aufschlag. Mein ganzer Körper zuckt zusammen, und ich wundere mich, dass das überhaupt noch möglich ist. Fast finde ich es lustig; ich hätte nicht gedacht, dass man noch die Zeit hat, zu erschrecken, wenn man erschossen wird. Es ist alles so surreal. Warum fühle ich überhaupt noch etwas? Ich weiß nicht, was ich mir unter dem Tod vorgestellt habe, aber das ist es nicht.

Wieder zucke ich zusammen, als ich gepackt und geschüttelt werde. Ich reiße meine Augen auf und starre in Sybilles Gesicht. Sie tastet mich ab. „Bist du verletzt, geht es dir gut?“ Sie ist so furchtbar hektisch. Ich verstehe nichts mehr. Meine Augen wandern an ihrem Gesicht vorbei und ich sehe Steffen, der auf meinem Bett liegt. Sein Blick ist seltsam, stur gegen die Wand hinter mir gerichtet. Und ich fange an zu kapieren. Der Tod ist in diesem Raum. Aber er hat nicht mich mitgenommen.

Ich kann keinen klaren Gedanken formen, die Worte bleiben mir in der Kehle stecken. Sybille aber lächelt mich aufmunternd an und streicht mir die Haare aus dem Gesicht. „Er hat sich schon immer seltsam verhalten, aber mit der Zeit wurde es schlimmer. Sein größtes Problem war sein Ego, und dass er sich mir überlegen fühlte.“ Sie lacht mich an, ihre Augen lachen mit. „Ich erkläre es dir später im Detail, aber jetzt solltest du erstmal hier raus und wieder anfangen zu leben.“ Sie hilft mir hoch, und ich starre sie einfach nur an. Ein sehr altes Gefühl drückt mir auf der Brust, mir schießen die Tränen in die Augen. Sybille umarmt mich und streicht mir tröstend über das Haar, während ich in ihre Schulter heule. Ich fühle Glück und Erleichterung.

Unverhofft habe ich eine neue Chance bekommen, ohne Peiniger, ohne gejagt zu werden. Ich kann wieder ich sein.

 

Ich bin frei.

4 thoughts on “Gejagt

  1. Hallo Nina,

    Unglaublich, dass du erst so wenige Likes und Kommentare hast. Deine Geschichte wurde, glaube ich, auf Instagram von jemandem empfohlen. Ich hatte sie mir notiert und wirklich froh, dass ich sie gelesen habe.

    Sie hat mir wirklich sehr gut gefallen, weil ich mich richtig gut in deinen Hauptcharakter einfühlen konnte. Das hast du wahnsinnig gut beschrieben. An der ein oder anderen Stelle war es vielleicht etwas zu lang und könnte für eine KG etwas knapper sein, aber der Lesefluss war für mich super.

    Hier noch ein paar detaillierte Anmerkungen, die ich gerne da lassen würde.

    Auch wenn es theoretisch möglich ist, bin ich drüber gestolpert, dass sie die Tasche erst jetzt abnimmt:
    … und meine Handtasche neben mir auf den Boden werfe.

    Rappeln kenne ich als Ausdruck für einen Handy-Ton nicht, das ist für mich eher ein Rappeln in einer Kiste, wenn eine Maus da drin rum krabbelt z. B. :
    Ein Rappeln reißt mich aus meinen Gedanken.

    Hier fehlt ein „ich“:
    Gerade noch rechtzeitig schaffe es zum Spülbecken und erbreche den ganzen Wein gnadenlos.

    Für mich passt das Wort „Sauerei“ hier nicht, das klingt zu derbe und sticht zu sehr aus deinem restlichen Text raus:
    Während ich noch nach Luft schnappe und meine Sauerei den Abfluss herunterspüle, habe ich nur einen Gedanken…

    Du benutzt viele Verben, die mir in der Kombination zum Substantiv richtig gut gefallen:
    … ich kann kaum einen Gedanken halten…
    Es will sich keine Erinnerung formen.

    Und tolle Ausdrücke, z. B. :
    Mein Blick ist klarer und konzentrierter, die Panik weicht der etwas sanfteren Angst.

    Vieles habe ich verlernt, speziell aber das Lächeln…Ich räuspere mich, nur zur Sicherheit.

    Unter dem Stress, den ich fühle, werden diverse Gesichter, Namen und Verbindungen zu meinem früheren Leben in einem sehr animierten Kopfkino hochgespült.

    Ich war abhängig von ihm geworden, hatte meine Seele verloren, war zu seiner Trophäe verkommen

    ein markantes Kinn, das seine Entschlossenheit zur Schau trug.

    Die Art, wie er die Autotür zuschlug, sprach Bände

    mein Fluchtinstinkt auf absoluter Höhe.

    Sein krankes Ego gewinnt

    Der Tod ist in diesem Raum. Aber er hat nicht mich mitgenommen.

    Ich glaube, du musst nur aufpassen, dass es in Summe nicht zu viele blumige, besondere Ausdrücke sind. Es kann dadurch an manchen Stellen etwas aufgesetzt wirken.

    Es stört mich, dass das Handy einfach so zu entsperren ist oder nicht erklärt wird, wie es funktioniert. Im Bus ist es ja toll erklärt mit dem Power Knopf, da kann man ja auch tatsächlich ein Bild sehen, ohne es zu entsperren. Es würde es glaubwürdiger machen, wenn es erklärt wäre, finde ich.

    Dein Titel gefällt mir auch, nur habe ich dadurch etwas mehr Action erwartet… Ein Katz-und-Maus-Spiel vielleicht. Er passt aber natürlich zur Geschichte im Ganzen.

    Ich hoffe, dass hier noch ein paar Kommentare für dich landen.

    Liebe Grüße,
    Jenny /madame_papilio
    (Nur ein kleiner Schlüssel)

  2. Moin Nina,

    bin eher zufällig in deine Geschichte gestolpert, aber es wäre schade gewesen, hätte ich sie nicht gefunden, denn…..

    ….eine tolle Geschichte die du dir da ausgedacht hast.

    Häusliche Gewalt! Was für ein Thema!

    Dein Schreibstil hat mir außerordentlich gut gefallen. Bildhaft, garniert mit einem tollen Wortschatz.
    Vom Anfang bis zum Ende war deine Geschichte auf einem sehr guten Level, wobei mir der Rückblick am besten gefallen hat. Man konnte dieses Gefühl von der Diskrepanz zwischen dem Glamour und dem Schmerz förmlich mitfühlen. Wieviel Schmerz kann man ertragen, wenn man dafür ein gutes Leben hat?

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

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