GunnarSelligIch beobachte dich

27+

Der Braunbär sah so aus, als wollte er Karl zerfleischen. Karl wäre zweifelsohne leichte Beute für den Bären. Doch das Raubtier war längst tot und bereicherte als Tierpräparat die Inneneinrichtung der Villa. Der in Angriffshaltung dargestellte Braunbär war nicht das einzige, tote Tier in diesem Haus. Über dem Kamin desselben Zimmers hing ein Hirschhaupt. Im Foyer waren zwei Iltispräparate zu bestaunen, die ihre spitzen Zähne zur Schau stellten. Besonders skurril war der Kopf einer Giraffe, der im Obergeschoss aus der Wand kam. Karl fand vor allem die Giraffe gruselig. Allerdings wirkte die Villa in ihrer Gesamtheit wie der Schauplatz eines Horrormärchens. Sie war über 150 Jahre alt, stand am Fuße eines Berges, völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Ein Pfad, der noch gerade so mit einem Auto befahrbar war, war die einzige Verbindung zu einer 500 Meter entfernten Landstraße. Das nächste Dorf war mit einer halbstündigen Autofahrt zu erreichen. Kurzum: Karl befand sich mutterseelenallein in einem alten, herrschaftlichen und schaurig anmutenden Landhaus. Und das machte er freiwillig. Er hoffte hier die nötige Inspiration und Atmosphäre für seinen nächsten Roman zu finden.

Karl hatte mit 26 Jahren sein Debüt veröffentlicht, dass sich sofort zum Bestseller entwickelte. Er wurde als Jungstar unter den deutschen Thrillerautoren gefeiert. Auch das Image des allein schon optisch unkonventionellen Autors hob ihn von den Massen ab. Zu seinen Lesungen und bei Fernsehauftritten trug er Cappys, Sneaker und T-Shirts, die mit witzigen Sprüchen bedruckt waren. Also das, was er auch in seiner Freizeit gerne trug.

Sein zweites Buch wurde ein Jahr später noch erfolgreicher. Seine beiden letzten Thriller waren dagegen von der Presse regelrecht zerrissen worden und konnten auch bei den Verkaufszahlen nicht an die Erfolge der vorherigen Thriller anknüpfen. Vor allem der sehr bekannte Literaturkritiker David Schanker urteilte besonders hart und medienwirksam mit den Worten:

Der Junge hat einfach keine Lebenserfahrung, aus der er schöpfen könnte. Er bedient Klischees, wo er nur kann und wäre gut darin beraten, seinen geistigen Horizont etwas zu erweitern, ehe er meint, seinen nächsten Beitrag zur Trivialliteratur leisten zu müssen. Der Bursche weiß doch gar nicht, was echte Todesangst ist. 

Seit zwei Jahren schrieb und verwarf Karl immer wieder die Zeilen für sein nächstes Buch. Sein Vater war es, der ihn auf dieses Landhaus aufmerksam gemacht hatte.

Wir haben da vor ein paar Monaten ein verlängertes Wochenende verbracht. Für deine Mutter war’s ein einziger Albtraum. Aber für einen neuen, gruseligen Thriller wäre das doch was.

Karl hatte die Villa, die im Internet als Ferienhaus mit alpinen Stilelementen deklariert wurde, für vier Wochen gemietet. Heute war der zweite Abend, an dem er vor seinem Laptop saß und auf ein bisher zehnseitiges Word-Dokument starrte. Zehn Seiten, die er am liebsten jetzt schon wieder komplett löschen wollte. Und dabei hörte er nur das unaufhörliche Ticken der Standuhr, die schon bald wieder zur nächsten vollen Stunde schlagen würde. Eine weitere Stunde, in der Karl keine brauchbaren Zeilen zu Papier gebracht hatte.

Dabei gab es hier keinerlei Ablenkung. Kein Fernsehen, kein Internet. Auch sein Handy hatte er oben in den Safe gelegt. Hier gab es nur ihn und sein neues Buchprojekt. Dazu eine Atmosphäre, die geradezu perfekt für einen Thriller war. Und der massive, schwere Schreibtisch aus Mahagoniholz ließ ihn an die ganz Großen wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Thomas Mann denken. Zumindest in seiner Fantasie hatten sie alle an solchen Tischen gesessen und ihre Werke geschrieben. Aber auch diese Vorstellung schien sein kreatives Schaffen nicht sonderlich zu beflügeln.

Es macht mir stattdessen noch mehr Druck, wenn ich an so große Namen denken muss. 

Karl wollte gerade zu seiner Bierflasche greifen, als es plötzlich an der Tür läutete.

Wer ist das denn jetzt?

Eigentlich konnte es nur Erich Heine sein, der verschrobene Vermieter dieses Landhauses. Zumindest konnte sich Karl niemanden sonst vorstellen, der sich um acht Uhr abends zu dieser alten Villa im Nirgendwo verirrte.

An dem Braunbär-Präparat vorbei, verließ er das Wohnzimmer und kam so ins Foyer. Hier ließ er die imposante Treppe hinter sich, die auf halber Höhe nach links und rechts abzweigte und ins Obergeschoss führte.

Karl stand nun vorm Eingangstor und öffnete es zunächst nur einen Spalt.

„Hallo?“, fragte er, erhielt jedoch keine Antwort.

Schon durch den Spalt sah er etwas am Boden, das wie ein Couvert aussah. Er öffnete die Tür nun ganz und tatsächlich stand da niemand vor dem Haus. Dafür lag ein brauner DIN A5 Umschlag zu seinen Füßen.

FÜR SIMON RAABE, hatte jemand in großen Druckbuchstaben draufgeschrieben.

Was soll der Scheiß?

Karl kannte Simon Raabe. Vermutlich besser, als jeder andere auf der Welt. Das war nämlich der Protagonist seines Erstlingswerks. Nur eine Figur, die er sich ausgedacht hatte.

„Hallo!“, rief Karl in den dunklen Wald hinein, der die Villa umgab.

Die Antwort blieb jedoch aus. Karl hob den Briefumschlag auf und schloss die Eingangstüre wieder hinter sich. Er öffnete den Umschlag und fand darin ein Smartphone. Das Gerät war bereits eingeschaltet. Das Display leuchtete auf, als er drauf tippte und offenbarte ein seltsames Hintergrundbild. Es war einfach nur weiß und in schwarzen Lettern waren zentriert die Worte „Ich beobachte dich“ zu lesen.

Das ist doch ein blöder Scherz, ging es ihm durch den Kopf.

Als er das Gerät versuchte zu entsperren, forderte es natürlich einen Zahlencode ein.

Karl probierte einfache Zahlenabfolgen aus. Ohne Erfolg. Auch mit seinem Geburtsdatum kam er nicht weit.

„Was für ein Scheiß“, dachte er laut und ging zurück ins Wohnzimmer.

Dabei kam ihm jedoch eine Idee.

0206

Das Geburtsdatum von Simon Raabe funktionierte.

„Sehr witzig. Und was kommt jetzt als nächstes?“, redete er mit dem Haus, als steckte es hinter dieser Aktion.

Beim Durchsuchen des Smartphones dachte Karl zunächst, dass es nicht viel zu entdecken gab. Bis er den Bilderordner öffnete. Sieben Fotos waren dort zu sehen. Sieben Fotos von ihm. Wie er schlief. In einem der Schlafzimmer dieser Villa. Die ersten fünf Fotos noch mit etwas Abstand gemacht, sodass man auch das ganze Bett sehen konnte. Die zwei restlichen aus nächster Nähe. Mit Blitz. Sein schlafendes Gesicht. Leicht offenstehender Mund. Geschlossene Augen.

„Ich soll jetzt wohl Angst bekommen?“, sprach er wieder laut, als wäre er das Opfer eines Streichs.

Vielleicht war er das ja auch. Fakt war jedenfalls, dass er langsam wirklich Angst bekam. Irgendjemand war in der Nacht hier gewesen und hatte diese Fotos von ihm gemacht.

Steckt der Vermieter dahinter? 

Das war die naheliegendste Vermutung, denn er war der Einzige, der den Zweitschlüssel besaß. Karl konnte den Mann allerdings nicht wirklich einschätzen. Er hatte nur ein paar Mal mit ihm telefoniert und ihn kurz bei der Schlüsselübergabe getroffen.

Karl konnte sich nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen, als er plötzlich laute Musik aus dem Obergeschoss vernahm.

Was zum Teufel?

Er vermutete zumindest, dass es von oben kam, weil es dort eine Art zweites Wohnzimmer gab, in dem eine etwas angestaubte Stereoanlage stand.

Als er über das Foyer in die erste Etage ging, wurde die Musik immer lauter und sein Verdacht bestätigte sich. Das Lied „Losing my religion“ von R.E.M. dröhnte bei voller Lautstärke aus den Boxen. Hier trugen sich gerade mehrere beunruhigende Ereignisse zu und er war sich nicht sicher, was ihm am meisten Angst einjagte. Die Tatsache, dass er offenbar nicht allein in dieser Villa war oder dass jemand ausgerechnet diesen Song spielte? Das war nicht nur einer seiner Alltime-Favorites. Das Lied hatte auch für den fiktiven Simon Raabe eine besondere Assoziation. Und zwar eine traumatische.

Karl drehte die Lautstärke der Anlage so weit runter, dass das Lied verstummte. Im gleichen Moment fiel ihm auf, dass der Safe, in dem er sein Handy gelagert hatte, offenstand.

„Fuck, mein Handy ist weg“, stellte er fest, als er zum Tresor ging.

Dann vibrierte das fremde Smartphone, dass er noch in seiner rechten, inzwischen sehr verschwitzten Hand hielt. Eine Nachricht war eingegangen.

„Ich kenne dein dunkles Geheimnis. Kennst du es auch, Simon?“

Jetzt war es amtlich. Karl war in das Fadenkreuz eines Verrückten geraten. Ja, seine Romanfigur Simon hatte ein dunkles Geheimnis. Mit 19 Jahren war er betrunken mit seinem Auto über eine Landstraße gerast, hatte den Song „Losing my religion“ aufgedreht und dann eine Joggerin überfahren. In seiner Panik war er einfach weitergefahren und die Polizei konnte nie ermitteln, wer die Frau getötet hatte. Diese Sünde holte Simon viele Jahre später ein, nachdem der Vater dieser Frau alles herausgefunden hatte und ihm fortan das Leben zur Hölle machte.

Aber ich bin nicht Simon!

Dank der eingegangenen Nachricht hatte Karl eine Handynummer, die er nun wählte. Sein Herz schlug ihm zwar derartig zum Hals, dass er nicht sicher war, überhaupt noch ein Wort sprechen zu können, aber er musste diesen Verrückten zur Rede stellen.

Jemand ging dran. Doch der Unbekannte schwieg und atmete nur schwer.

„H-Hallo?“

Keine Antwort. Schweres Atmen.

„Was soll der Mist!? Wer sind Sie?“

Dieser Psycho hauchte nur weiter ins Telefon und sagte nichts.

„Ich bin nicht Simon Raabe. Simon Raabe existiert nicht! Also hören Sie auf mit dem Blödsinn.“

Karls Stimme war zittrig, brüchig. Er klang lange nicht so einschüchternd, wie er eigentlich wollte.

„Sagen Sie mir, wer Sie sind, oder…“

Dann fiel ihm der Unbekannte ins Wort. Mit einer tiefen, verzerrten Stimme, die Karl einen Schauer verpasste.

„Ich bin nur ich. Bist du sicher, dass du nur du bist?“

Aufgelegt.

Was soll das denn jetzt heißen?

Erneut vibrierte das fremde Smartphone. Die dunkle Stimme hatte ihm ein Video geschickt.

Das ist doch…?

Man konnte sofort erkennen, dass es im Wohnzimmer im Erdgeschoss aufgenommen worden war. Denn die Kamera bewegte sich langsam, aber zielstrebig, auf den toten Braunbären zu. Dabei konnte man erkennen, dass ein Stück Papier am aufgerissenen Maul des Bären festhing. Nach elf Sekunden war das Video auch schon wieder vorbei.

Während Karl noch verdutzt und verängstigt auf das Display starrte, spürte er, wie ihm ein Tropfen Angstschweiß an der Schläfe herunterfloss. Und das passierte immer nur dann, wenn er sich beinahe buchstäblich vor Angst in die Hosen machte.

Im nächsten Moment verließ er den Raum, stürmte die Treppe hinunter und bog rechts ab ins Wohnzimmer. Zu seiner Linken fand er das Bären-Präparat vor und an einem seiner riesigen Eckzähne war ein Stück Papier aufgespießt worden.

Der Typ ist hier. Mit mir in diesem Haus. Er hat dieses scheiß Video gerade gemacht und mir geschickt. Er hat diesen Zettel gerade erst ins Maul des Bären gelegt.

Karl sprintete auf den Kamin zu und bewaffnete sich mit einem Schüreisen.

„Komm raus, du Psycho!“, forderte er den Eindringling nun heraus.

„Na los! Zeig dich!“

Doch niemand zeigte sich. Nichts regte sich. Nur das unaufhaltsame Ticken der Standuhr und das Poltern seines Herzens waren zu hören.

Karl wollte sich den Zettel, der am Zahn des Bären hing, anschauen. Doch er entschied sich stattdessen dazu, die Polizei zu rufen. Glücklicherweise befand sich das Telefon auf einem Beistelltisch, ganz in der Nähe des Kamins.

Mit dem Schüreisen begab er sich zum Festnetz-Telefon und wählte die 110. Zu seinem Entsetzen stellte er aber fest, dass das Telefon komplett tot war. Kein Freizeichen. Kein Wählton. Nichts.

„Das kann doch alles nicht wahr sein.“

Er versuchte es mit dem fremden Smartphone. Er tippte die 110 ein und drückte mit seinem Daumen auf das Anrufsymbol. Doch auch da tat sich nichts.

Das muss ein beschissener Albtraum sein. Wieso funktioniert hier nichts?

Er versuchte es noch drei Mal. Ohne Erfolg. Offenbar hatte der Psycho, der ihn für seine Romanfigur hielt, das Handy irgendwie für Notrufe unbrauchbar gemacht. Das Festnetz genauso.

Okay, okay…jetzt bloß nicht in endgültige Panik verfallen. Ich gehe jetzt geradewegs zurück ins Foyer, schnapp mir meine Jacke und dann hau ich ab.

Gedacht, getan. Allerdings kam Karl dabei erneut an dem Braunbären vorbei und konnte nicht widerstehen, nach dem Stück Papier zu greifen.

Es handelte sich um eine Traueranzeige, die im Maul des Bären platziert worden war. Eine Anzeige von vor elf Jahren. Datiert mit dem 12. Oktober.

Erinnerungen, die unser Herz berühren, gehen niemals verloren.

 

Lisa Staudinger 

 

Das Mädchen war vor elf Jahren verstorben. Es kam aus demselben Kaff, in dem auch Karl aufgewachsen war. Und der 12. Oktober vor elf Jahren…Karl kannte dieses Datum. Er würde es auch nie wieder vergessen.

Das war die Nacht, in der ich damals mit Tom und Sebi eine Spritztour gemacht habe. Und zwar mit dem Auto meines Vaters. Dummerweise haben wir in der Nacht auch gesoffen. Ich Idiot war noch in der Probezeit. Wir haben uns so cool gefühlt. Ich dachte, ich wär auch nach fünf Flaschen Bier noch der beste Autofahrer der Welt. Ja, von wegen. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Detail. Es ging alles so schnell und meine Erinnerungen sind nicht ganz lückenfrei. Jedenfalls habe ich die Kontrolle über den Wagen verloren, wir kamen von der Straße ab und sind in einen Baum geknallt. Niemand hat sich verletzt. Und als mich das Adrenalin scheinbar auf einen Schlag nüchtern machte, hab ich meinen Vater angerufen. Wie er halt so ist, machte er mich nicht zur Sau. Stattdessen kam er sofort mit seinem Zweitauto zur Unfallstelle, schleppte uns ab und entschied, dass die Polizei davon nichts erfahren musste. Er glaubte, der Schock wäre mir Lehre genug.

Und jetzt, elf Jahre später hatte ihm jemand diese Todesanzeige absichtlich zukommen lassen. Karl beschlich eine ganz üble Vorahnung. Eine, die er nicht mal in seinen Gedanken auszusprechen wagte. Aber Schuld und Angst begannen so laut in seinem Inneren zu poltern, dass er sich nicht lange gegen diesen beängstigenden Verdacht wehren konnte.

Ist damals, in dieser Nacht, vielleicht doch jemand zu Schaden gekommen? Habe ich diese Mädchen erwischt?

„Nein! Stopp“, dachte er nun laut.

„Ich habe niemanden überfahren! Das ist Simon Raabe passiert. In meinem Buch. Und dieser Psycho glaubt, ich wäre Simon Raabe. Oder will mir irgendwelche Gedanken einpflanzen, die nichts mit der Realität zu tun haben!“

Er sprach es laut aus. In der Hoffnung, sich selbst überzeugen zu können. Doch diese Wirkung blieb aus.

Stattdessen vibrierte wieder das fremde Smartphone, das er sodann zückte und so auf die neue Nachricht stieß.

Du hast mir meine Tochter genommen, Simon!

 

Als Karl gerade schreien wollte, dass er verdammt nochmal nicht Simon war, wurde es plötzlich stockfinster. Alle Lampen gingen aus, wie bei einem Stromausfall.

„Fuck!“, schrie er vor Schreck.

Dann öffnete er die Taschenlampen-App und brachte so wieder etwas Licht in die Dunkelheit der Villa. Mit dem Schüreisen in der rechten und dem Handy als Taschenlampe in der linken Hand ging er zum Lichtschalter. Doch das Licht ließ sich nicht mehr einschalten. Jemand musste sich am Stromkasten zu schaffen gemacht haben. Das vergegenwärtigte ihm einmal mehr, dass sich dieser Psycho mit ihm in der Villa befand. Jederzeit konnte er aus einer dunklen Ecke herausspringen und auf ihn losgehen. Er musste hier weg. Sofort.

Also verließ er das Wohnzimmer, hastete durchs Foyer, griff nach seiner Jacke, die hier am Kleiderständer hing, und verließ durch die Eingangstore das Haus. Das Schüreisen behielt er weiterhin als Waffe in der Hand.

Sein Golf parkte direkt vor dem Anwesen, die Schlüssel lagen in der Jackentasche. Während Karl eiligen Schrittes auf seinen Wagen zulief, fiel ihm aber schon auf, dass die Scheinwerfer eingeschaltet waren.

„Das darf jetzt nicht wahr sein.“

Er war sich sicher, dass er das Licht nicht angelassen hatte, als er gestern hier angekommen war.

Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut. Er öffnete das Auto, setzte sich hinters Steuer und sprach zu seinem elf Jahre alten Golf: „Bitte lass mich jetzt nicht hängen.“

Seine schlimmste Befürchtung bestätigte sich dann jedoch. Der Anlasser des Autos hustete nicht einmal. Da ging gar nichts mehr ohne Starthilfe.

„Fuck, fuck, fuck“, fluchte er und schlug frustriert auf das Lenkrad ein.

Dieser Psycho hatte offenbar schon dafür gesorgt, dass Karl nicht so einfach abhauen konnte.

Ich verbringe keine weitere Minute in diesem Irrenhaus. Dann gehe ich halt zu Fuß bis zum nächsten Dorf, wenn’s sein muss. 

Noch bevor er aus dem Auto wieder aussteigen konnte, begann jedoch das fremde Handy erneut zu vibrieren. Diesmal rief ihn der Verrückte sogar an. Karl nahm ab.

„Wo willst du denn so schnell hin, Simon?“, sprach die dunkle verzerrte Stimme.

„Ich bin nicht Simon, du Spinner! Lass mich endlich in Ruhe!“

„Du hast mir jemanden genommen, den ich geliebt habe“, sprach die Stimme unbeirrt weiter und im Hintergrund konnte Karl ein Stöhnen vernehmen.

„Jetzt nehme ich dir auch jemanden, den du liebst.“

„Ich habe niemanden überfahren!“, protestierte Karl. Gleichzeitig spürte er, dass ihn dieser schreckliche Gedanke, einen Menschen getötet zu haben, längst infiziert hatte. Was war, wenn sein Vater noch aus einem sehr viel schwerwiegenderen Grund die Polizei damals nicht involviert hatte?

„Karl! Hilfe! Er hält mich hier fest, im Keller…“

„Bist du das, Kira?“, fragte Karl entsetzt, doch dann legte die dunkle Stimme auch schon auf.

Kira…seine kleine Schwester. Das war ihre Stimme gewesen. Dieses Monster hatte sie in seiner Gewalt.

Jetzt nehme ich dir jemanden, den du liebst. 

Karl musste wieder zurück ins Haus. Er hatte keine Wahl. Auch wenn die Angst ihn in Form des Anschnallgurtes an den Autositz zu fixieren schien. Er musste gegen seine Angst ankämpfen. Er konnte seine Schwester nicht einfach zurücklassen.

„Scheiße!“, brüllte er sich frei und stieg aus dem Wagen aus.

Kurz darauf fand er sich im dunklen Foyer wieder. Hinter der imposanten Treppe auf der linken Seite befand sich die Tür, die in das Untergeschoss des Hauses führte.

Vor eben dieser stand er bald, immer noch mit Schüreisen und Handytaschenlampe ausgerüstet. Die Kellertür quietschte. Hinter ihr tat sich eine Treppe auf, die hinunter in die Dunkelheit führte.

Während Karl diese knarzende Treppe hinabstieg, ging er gleichzeitig eine Treppe in seinem Kopf hinunter, die hinab führte in sein Unterbewusstsein. Da, wo er vielleicht eine Erinnerung verborgen lag. Eine Erinnerung die elf Jahre alt war. Hatte er dieses Mädchen aus seinem Heimatdorf tatsächlich überfahren? Getötet? Oder war es diesem Psycho gelungen, in seinen Kopf einzudringen und ihn allmählich wahnsinnig werden zu lassen?

Karl hatte keine Zeit, noch tiefer in seinem Unterbewusstsein nach Antworten zu suchen, denn er hatte das Ende der Treppe erreicht und ein Wimmern gehört.

„Kira? Bist du hier unten?“, fragte er in die Dunkelheit.

Das Licht des Handys erleuchtete im Moment nur ein paar schmutzige Fliesen des Kellerbodens und Umrisse eines großen, alten Bauernschranks.

Da…wieder…ein Wimmern aus der Dunkelheit.

Dann ein Knarzen und…Schritte?

Karl hielt das Schüreisen hoch, sodass er jederzeit zuschlagen konnte, sobald ihn ein Monster aus der Finsternis ansprang. Während er sich weiter in die Düsternis des Kellers hervortastete, schlug sein Herz so schnell und so laut wie noch nie zuvor.

Plötzlich…ein animalisches Brüllen, gefolgt von einem Stöhnen.

Scheiße…was war das?

Karl wusste nicht was besser war; den Atem anhalten oder zurückbrüllen?

Vor seinem inneren Auge sah er nun den Braunbären aus dem Wohnzimmer zum Leben erwachen. Er lauerte ihm auf, um ihn gnadenlos zu zerfleischen.

Vor Karl tauchte im Licht der Taschenlampe ein Durchgang auf. Er traute sich, diesen zu durchqueren und es fühlte sich so an, als beträte er einen weitläufigen Raum des Untergeschosses. Es wurde kälter. Karl fror.

Ein Quietschen. Hinter ihm. Das war die Tür. Die Tür zum Keller. Dann das Knarzen. Das Knarzen der Treppe. Jemand kam die Treppe hinunter. Karl dachte, er hätte das Maximum an Angst bereits erreicht, doch jetzt steigerte sich das Angstgefühl nochmals.

Hat er mich in die Falle gelockt?

Dann brüllte erneut der Braunbär. Karl wusste nicht, wohin er sollte. Vor? Zurück? Wo lauerte das Monster? Das, das sich seine Schwester vorgenommen hatte. Und jetzt nach seinem Leben trachtete.

Das Licht ging an.

PENG!

Es knallte. Karls Herz blieb stehen. Das Handy fiel ihm runter.

Konfetti. Zwei Gesichter. Vertraute Gesichter. Lachen.

Das glaube ich jetzt nicht. 

„Überraschung!“, grölten seine Schwester und sein Vater synchron.

Mit Kanonen bewaffnet standen sie vor ihm. Mit Konfettikanonen, die sie vor vier Sekunden gezündet hatten.

„Ich hasse euch!!!“, schrie Karl sie an.

Und dann wurde er von unendlicher Erleichterung auch schon übermannt. Ja, er war also doch Opfer eines Streichs geworden.

Kira kam lachend auf ihn zu und nahm ihn in den Arm.

„Ihr seid solche Arschlöcher. Ich bin gestorben vor Angst.“

„Tut mir leid, Bruderherz.“

Dann kam sein Vater und umarmte ihn ebenfalls.

„Papa hatte die Idee“, wies Kira schnell jegliche Schuld von sich.

„Ihr seid echt so scheiße. Ist hier noch irgendwo ein Fernsehteam? Versteckte Kameras?“

„Nein, das haben wir drei ganz allein auf die Beine gestellt“, beteuerte sein Vater.

„Ihr drei?“

„Ja, deine Schwester, ich und Herr Heine“, meinte sein Vater und schaute dabei an Karl vorbei.

Karl drehte sich um und sah, wie der verschrobene Vermieter zu ihnen in den Raum trat. Er war gerade die Treppe hinuntergekommen.

„Ich habe nur mitgemacht, weil Ihr Vater meinte, dass Sie das mal nötig hätten“, rechtfertigte sich der alte Mann.

„Sie wissen schon, wegen Ihrer Schaffenskrise.“

„Ähmm…Papa, was…?“

„Also, erstmal brauchst du dir keinen Kopf zu machen über den Unfall vor elf Jahren“, fiel sein Vater ihm ins Wort.

„Du hast niemanden auf dem Gewissen. Die Traueranzeige hat deine Schwester, sehr überzeugend, wie ich finde, gefälscht.“

„Für einen Moment hattest du mich, du Arsch.“

Plötzlich war wieder das Brüllen eines Bärs zu hören.

„Oh, Entschuldigung“, meinte sein Vater, nachdem er versehentlich den Ton erneut von seinem Handy abgespielt hatte.

Karl konnte einen tragbaren Lautsprecher ausmachen, mit dem das Handy seines Vaters via Bluetooth verbunden war.

„Karl, deine Schwester und ich hatten wirklich Spaß bei unserem Streich, aber ich wollte dir vor allem einen Gefallen tun. Glaub mir, nach heute Abend wird sich dieser aufgeblasene Fatzke nicht mehr herausnehmen können, so miese Kritiken über deine Bücher zu schreiben.“

Sein Vater musste von David Schanker reden.

„Der Bursche weiß doch gar nicht, was echte Todesangst ist“, zitierte er Schanker.

„Pah! Von wegen! Nach der Erfahrung heute Nacht, wirst du so ein angsteinflößendes Buch schreiben, dass der Blödmann sich nicht trauen wird, es zuende zu lesen.“

Karl wusste, dass sein Vater das ernst meinte. Und dass er dieses Theater hier tatsächlich mit besten Absichten veranstaltet hatte. Weil er es gut meinte. Um seinem Sohn zu helfen. So wie sein Vater immer für ihn da war. Auch wenn seine Methoden nicht selten fragwürdig waren.

„Bist du uns jetzt böse?“, fragte Kira ihn flehentlich.

Karl schaute sie an, dann seinen Vater. Er schwieg. Er ließ sie absichtlich zappeln und unterdrückte ein Lächeln.

„Och, Karlchen“, meinte seine Schwester dann noch.

„Wenn man euch als Familie hat, braucht man keine Feinde mehr, echt“, sagte Karl dann mit einem Lachen auf den Lippen.

Sie umarmten ihn erneut und mussten alle lachen.

„Okay, ich werde hier wohl nicht mehr gebraucht. Schönen Abend noch. Und das Konfetti können Sie wieder aufsaugen“, meinte Erich Heine und schlurfte dann wieder die Treppe hinauf.

„So und jetzt schläfst du dich mal aus und morgen schreibst du dann deinen nächsten Bestseller“, meinte sein Vater.

Mit diesen Worten verließen sie gemeinsam den Keller.

Dabei bemerkte niemand, wie auf dem fremden Smartphone eine weitere SMS einging.

Ich beobachte dich.

 

 

ENDE

27+

10 thoughts on “Ich beobachte dich

  1. Schon der erste Satz hat mich neugierig gemacht. Die Atmosphäre mit dem alten Herrenhaus finde ich schön schaurig. Sind auch alle 5 Parameter gut eingearbeitet worden. Die Auflösung hat auch mal was Erfrischendes!
    Sehr gute Kurzgeschichte!!!

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  2. Interessante Idee, wie regelrechte Hater Rezensionen den Protagonisten in eine Schaffenskrise gestürzt haben. Mit solchen Ängsten haben vermutlich auch viele Autoren hier in dieser Community zu tun. Ansonsten schön gruselig, gut und sauber geschrieben, netter Twist am Ende und gute Grundidee. Gibt ein Like von mir.

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  3. Gruseliges kleines Schauermärchen mit einem Ende, dass ich so auch noch nicht gelesen habe, das fast schon rührend auf seltsame Art und Weise ist. Finde zwar, dass der Charakter der Schwester irgendwie sehr abrupt auftaucht, vielleicht hätte man sie vorher irgendwie schon einführen können, aber sonaten habe ich nichts zu meckern.

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  4. ACHTUNG, SPOILERALERT:

    Ich finde es abgedreht, dass der Vater sowas für seinen Sohn macht, aber irgendwie auch schön. Das Verwirrspiel mit den Identitäten (ist Karl vielleicht doch Simon?) hat mir auch sehr gut gefallen. Die Story verdient mehr Aufmerksamkeit.

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  5. Hat was, mit dem Braunbär einzusteigen. Auch wenn er sich nur als Tierpräparat entpuppt. Finde es auch gut, wie er so ein bisschen als Leitmotiv für die Gefahr eingesetzt wird. Ansonsten solider Schreibstil, coole Idee, alle Parameter gut verpackt. Guter Beitrag!

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  6. Hi,
    mir hat die Geschichte sehr gefallen.
    Vor allem einige Formulierungen fand ich klasse („… brüllte sich frei..“, „…Während Karl diese knarzende Treppe hinabstieg, ging er gleichzeitig eine Treppe in seinem Kopf hinunter…“ ).
    Die Idee mit dem Schriftsteller in seiner Leseblockade ist auch mal was anderes.
    Und natürlich der Schluss – ganz großartig. Da kann man noch sehr schön weiter denken ..
    Mein Like hast Du!.

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte („Glasauge“) zu lesen und ein Feedback da zu lassen.

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