juliamalyMasken fallen

Masken fallen                                                                                                               Julia Maly

„Dass hier aber auch niemand seinen Dreck wegräumt. Denken die, die Müllbeutel an der Tür hängen dort zur Deko?“ schimpfte Lydia, während sie im Theatersaal zwischen den Stühlen herumkroch und Popcornkrümel, noch halbvolle Chipstüten und achtlos zurückgelassene Pfandflaschen einsammelte. Das hatte sie sich eigentlich anders vorgestellt. Als sie ihre Bewerbung beim Theater eingereicht hatte, war sie voller Vorfreude und Euphorie, denn es war schon immer ihr Traum gewesen, nach dem Abitur eine Ausbildung zur Maskenbildnerin zu beginnen. Da kam es ihr selbstverständlich gelegen, dass Frau Wintertag, die Mutter ihrer besten Freundin Aliza, sie durch Beziehungen für die Stelle als Aushilfe im Theater vorschlagen konnte und ihre Bewerbung berücksichtigt wurde.

„Und nun krieche ich auf dem Boden des Theatersaals herum und muss Kaugummis von durchgesessenen Stühlen entfernen. Richte deiner Mutter noch einmal schönen Dank aus“, nörgelte Lydia ironisch in ihr Handy und stöhnte kurz schmerzerfüllt auf, als sie sich ihren Kopf an einem Stuhl stieß. „Kann ja keiner ahnen, dass die dich nach diesen ätzenden  Schulveranstaltungen als Putzfrau einsetzen“, hörte sie Aliza trocken entgegnen. Nachdem Lydia nur mit einem Grummeln reagierte, versuchte Aliza, sie etwas zu beschwichtigen. „Das wird aber sicher nicht dabei bleiben. Die werden dein Talent für dieses Maskenzeugs schon noch erkennen.“ Lydia kommentierte Alizas wenig empathische Ausdrucksweise nicht weiter; sie kannte sie inzwischen lange genug, um zu wissen, dass sie das nicht böse meinte. Als sie ihr vor zwei Jahren von ihrem Berufswunsch erzählte, wurde ihr durch ihre Reaktion sofort klar, dass Aliza ihre Begeisterung für den Beruf nicht teilte. Es gab allgemein nicht viel, was sie begeisterte. Wenn Lydia recht darüber nachdachte, hatte sie es noch nie erlebt, dass Aliza so richtig für etwas brannte. Mit ihrer sarkastischen und etwas widerwilligen Art schien sie das genaue Gegenteil von Lydia zu sein, denn sie hingegen war ein sehr positiver und aufgeweckter Mensch. Inzwischen verstand sie Alizas Art zwar meistens, doch konnte sie diesem Sarkasmus einfach nichts abgewinnen. Sie selbst sagte geradeheraus, was sie dachte. Dafür hatte sie sich zwar schon den einen oder anderen empörten Blick eingefangen, doch daraus machte sie sich nichts. Sie war stolz darauf, sich als von Grund auf offene und ehrliche Person beschreiben zu können. Und kreativ war sie auch: Bereits in jungen Jahren entstand ihre Begeisterung fürs Theater. Sie liebte die Vorstellung, eines Tages Schauspieler durch eigens entworfene Masken, Kostüme und Frisuren zu dem werden zu lassen, was sie auf der Bühne verkörpern sollten. Ihnen dazu zu verhelfen, eine andere Identität anzunehmen und in eine fremde Welt zu schlüpfen. In eine Welt voller Emotionen und Abenteuer.

„Ich hoffe, dass ich irgendwann die Chance bekomme, mich zu beweisen. Und  bis zu diesem Tag werde ich weiter die Räume sauber machen, nachdem diese Rotzlöffel ihre Pflichtveranstaltung hier abgesessen haben, die sie übrigens genauso wenig zu schätzen wissen wie du“, scherzte Lydia. „Ach naja, komm, bei Pflichtveranstaltungen an einem Samstag hört der Spaß eben auf. Wenn ich nur daran denke, dass Frau Thomas uns letztes Wochenende tatsächlich Maria Stuart reingedrückt hat..“ „..wirst du dich im Deutsch-Abi dankend daran zurückerinnern. Du, ich muss jetzt auflegen, mit einer Hand putzt es sich so schlecht. Wenn ich mich nach der Arbeit nicht mehr melde, bin ich vor Langeweile gestorben.“ „Dann wirst du wohl nie wiederkehren… Naja. Ich drücke dir die Daumen, dass dein tristes Arbeitsleben noch vor deinem Ableben von einem großen Abenteuer heimgesucht wird“ hauchte Aliza gewollt dramatisch ins Telefon, bevor sie auflegte. Lydia verdrehte kurz die Augen, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen. Sie machte sich wieder daran, die Stühle im Theatersaal der Reihe nach auf Krümel und Kaugummis zu inspizieren. Drei Reihen und sieben Stühle weiter fand sie eine liegengelassene Sonnenbrille und in der vorletzten Reihe ein Handy. Dass Schüler nach Aufführungen Sachen vergaßen, war keine Seltenheit. In den drei Wochen, die Lydia bereits im Theater arbeitete (immer dienstags und freitags nach der Schule), waren bereits etliche Jacken, Sportbeutel, Uhren und sogar schon zweimal ein Schlüssel liegengeblieben. Aber dass ausgerechnet ein Handy vergessen wird, obwohl die meisten Schüler wahrscheinlich sowieso die Hälfte des Stückes an diesem Ding hingen, wunderte Lydia. Naja wobei, vielleicht hatte jemand das Handy auch absichtlich zurückgelassen, so alt wie das Ding aussah. Es war ein schwarzes Tastenhandy, das ziemlich mitgenommen war. Wollte der Besitzer das überhaupt zurückbekommen? Oder war das womöglich tatsächlich ein verzweifelter Versuch eines Schülers gewesen, seine Eltern zu einem neuen  Smartphone zu überreden, weil alle Klassenkameraden doch auch die neuesten Modelle besaßen? Lydia packte die Fundsachen gemeinsam in eine Kiste und sammelte ihre Putzutensilien und die inzwischen gefüllten Müllbeutel ein. Sie dachte über ihren Fund nach. Das arme Kind musste wahrscheinlich gegen seine Eltern ankämpfen, nur um ein Smartphone zu bekommen und als kleiner Fisch mit dem Strom schwimmen zu… Moment mal. Aus dem Augenwinkel sah Lydia, wie das Handy aufleuchtete. Sie richtete ihren Blick auf das Display und erkannte einen eingehenden Anruf. Hm. Unbekannte Nummer. Vielleicht war es der Handybesitzer oder dessen Eltern, die nun verzweifelt versuchten, das Ding ausfindig zu machen. Lydia entschied sich kurzerhand dazu, den Anruf entgegenzunehmen. Schließlich würde sie dem Anrufer einiges an Stress ersparen, wenn sie ihm gleich sagen konnte, dass sie sein Handy gefunden hatte.

„Hallo?“ – Stille. „Hallo, wer ist da? Hier spricht eine Mitarbeiterin des Theaters, dieses Handy wurde hier gefunden, sicherlich wird es schon vermisst. Es liegt hier in der Gerhardstraße 7 für Sie bereit.“ – Tut. Tut. Tut. „Na schönen Dank auch fürs Gespräch.“ Lydia legte das Handy wieder in die Box zurück, räumte die Putzsachen in die Abstellkammer neben dem Theatersaal und machte sich mit der Fundkiste auf den Weg zum Foyer. Kurz bevor sie vorne ankam, leuchtete das Display erneut auf, doch diesmal kürzer als zuvor. Eine SMS. War das nun der zweite Versuch einer Kontaktaufnahme? Lydia war neugierig und drückte einmal die OK-Taste. Dabei stellte sie fest, dass das Handy nicht entsperrt werden musste und so ploppte die Nachricht direkt auf und sprang ihr förmlich ins Gesicht.

Lydia. Endlich. Unser Abenteuer beginnt.

Was? Kurz konnte Lydia es nicht glauben, dass sie ihren Namen in der Nachricht lesen konnte. Eigentlich müsste sie doch an den Besitzer des Handys adressiert sein, der sie gerade noch angerufen hatte. Oder gab es gar niemanden, der dieses Handy vermisste? Das würde bedeuten, dass das Handy im Theater platziert und extra zurückgelassen wurde, nur dass Lydia es beim Putzen finden und diese bescheuerte Nachricht erhalten würde. Als sie sich an ihr Telefonat mit Aliza und insbesondere an ihren letzten Satz erinnerte, dämmerte es ihr jedoch wieder. Wow. Aliza hatte wohl eindeutig ihren Hang zur Dramatik entdeckt. Dass sie sich irgendwie heimlich ins Theater geschlichen hatte, nur um dort ein Handy zu verstecken und Lydia von einer unbekannten Nummer aus Nachrichten zu schicken, hätte sie ihr eigentlich nicht zugetraut. Normalerweise würden sie keine zehn Pferde freiwillig in ein Theater bringen und – was hatte sie denn davon? Aber nach ihrer eindeutig formulierten Ankündigung vorhin war es ja offensichtlich, dass sie das gewesen sein musste. Lydia schaute sich das Handy noch einmal genauer an. Vielleicht waren darauf ja irgendwelche Kontakte gespeichert und das Handy gehörte doch jemandem. Fehlanzeige. Das wäre auch ein ziemlich großer Zufall gewesen, da die Besitzerin auch Lydia hätte heißen müssen, weil in der SMS explizit ihr Name erwähnt wurde. Sie überlegte weiter, was sie nun mit dieser Nachricht anfangen sollte. Aliza war, was andere Verpflichtungen anging, meist ziemlich träge und unmotiviert. Das letzte Mal, dass sie etwas für die Schule gemacht hatte, musste bereits Jahre zurückliegen und wie es bei ihr nach dem Abi weitergehen würde, falls sie es packen sollte, wusste sie auch nicht. Das sorgte in ihrer Familie momentan auch häufig für Stress. Daher schmeichelte es Lydia nach einigem Hin und Her doch, dass Aliza sich extra für sie so eine Mühe gemacht hatte. Sie beschloss, sich auf das „Abenteuer“ einzulassen, ohne Aliza diesbezüglich zur Rede zu stellen und einfach so zu tun, als wüsste sie tatsächlich nicht, wer die Nachricht geschickt hat. Ihre beste Freundin wollte ihr ja schließlich nur den Arbeitstag etwas spannender gestalten, weil sie sich schon so oft über ihren langweiligen Job beschwert hatte. Und so antwortete sie auf die Nachricht.

Wer bist du? Und von was für einem Abenteuer sprichst du?

Die Antwort auf ihre Fragen bekam sie ziemlich schnell.

Ich muss Jemanden dringend loswerden, doch das geht nur mit deiner Hilfe.

Okay. Anfangs fand Lydia die Idee ja ganz lustig, langsam aber sicher wurde ihr jedoch alles ein bisschen zu viel. Gerade eben noch hatte sie sich über die Geste ihrer Freundin gefreut, doch was sollte denn nun so eine abgedrehte Nachricht? Lydia würde sich zwar als gute Freundin bezeichnen, vielleicht auch als Freundin zum Pferde stehlen, doch ein Mord?! Nein, da würde sie sich ausklinken. Und das war es doch, was Aliza da von ihr verlangte, oder? Gerade setzte sie an, um Aliza ihre Meinung zu geigen, da sie sich nach dieser Aktion nicht mehr sicher war, ob ihre beste Freundin noch ganz bei Trost war. Doch als sie bereits ein paar gepfefferte Zeilen in das alte Handy getippt hatte, signalisierte ihr das kleine Briefumschlagsymbol in der linken oberen Ecke des Displays den Eingang einer weiteren Nachricht.

Sie hat mir schon so viel Leid zugefügt. Aber das von letzter Woche war zu viel.

Und erst durch diese Nachricht hatte Lydia verstanden, worum es Aliza ging. Um Frau Thomas! Sie hatte wohl noch immer nicht verarbeitet, dass ihre Deutschlehrerin dem gesamten Kurs für letzten Samstag einen Theaterbesuch angeordnet hatte. Das heißt, das alles war also doch nur ein Scherz gewesen und Aliza wollte lediglich ihrem Ärger weiter Luft machen und tat das nun auf diesem Wege, um Lydia damit direkt noch Unterhaltung bieten zu können. Manchmal war es für Lydia eben auch nach mehrjähriger Freundschaft noch schwierig, Alizas Art nicht falsch zu verstehen, zumal sie sich bei diesen Nachrichten ja auch besonders Mühe gegeben hatte, sie zu verwirren. Daher beantwortete Lydia die SMS.

Du hast Recht. Was sie sich geleistet hat, geht gar nicht. Du solltest ihr eine Abreibung verpassen;-)

Lydia warf einen Blick auf die Uhr und  bemerkte, dass sie bereits Feierabend hatte. Sie packte ihre Sachen zusammen, machte alle Lichter aus, schloss ab und machte sich auf den Heimweg. Als sie zu Hause ankam, hatte ihre Mutter bereits etwas gekocht und Lydia aß mit ihren Eltern zu Abend. „Ach Lydia, was ich dich noch fragen wollte: Ich wusste gar nicht, dass Aliza auch Maskenbildnerin werden möchte. Das hat sich immer ganz anders angehört, sie war von deinem Berufswunsch doch nie wirklich angetan.“ Als Lydias Vater seine Frage beendet hatte, musste sie ganz schön dumm aus der Wäsche geschaut haben, da er hinzufügte: „Ich habe da vor ein paar Tagen ein Interview mit Frau Wintertag gelesen, die macht doch bei der Bürgermeisterwahl dieses Jahr mit und gilt als Favoritin. Die Kandidaten wurden interviewt und da gab es auch eine Frage über ihre Familie, da hat sie das erzählt. Schau, ich habe den Artikel extra aufgehoben.“ Kurz darauf hatte Lydia den Artikel vor der Nase liegen und starrte auf die Interview-Fragen vom 23. Mai, von denen eine lautete:

Reporter: Frau Wintertag, Sie haben einen Mann und zwei Kinder, steht ihre Familie denn hinter Ihrer Entscheidung, sich als lokale Politikerin behaupten zu wollen?

Wintertag: Ja selbstverständlich. Ich kann mich auf meine Familie immer verlassen. Meine Kinder haben selbst zwar eher andere Ziele im Sinn, aber ihren Ehrgeiz haben sie dennoch von mir: Mein Sohn Clemens studiert im fünften Semester Medizin und meine Tochter Aliza ist künstlerisch sehr begabt. Sie möchte nach ihrem Abitur Maskenbildnerin werden; das ist für sie schon seit Ewigkeiten klar, weil sie so vernarrt ins Theater ist und dieser Beruf ihre Leidenschaften kombiniert. So ein zielstrebiges Kind zu haben, das wünscht sich doch jeder. Ich bin unglaublich stolz auf meine Kinder und ihren Ehrgeiz und auch sehr dankbar darüber, dass sie mich bei meinen Entscheidungen genauso unterstützen wie ich sie bei ihren.

Lydia versuchte, passende Worte zu finden, doch war sprachlos. Bei dem Versuch, eine vernünftige Antwort auf die Frage ihres Vaters zu formulieren, stammelte sie mehr als dass sie sprach: „Oh..ääh. Davon weiß ich gar nichts, da äh muss ich sie mal fragen. Bin dann mal oben, ich bin total platt. Das Essen war lecker, Mama.“

In ihrem Zimmer legte Lydia sich auf ihr Bett und ließ ihre Gedanken kreisen. Was Frau Wintertag da erzählt hatte, entsprach doch nicht einmal ansatzweise der Wahrheit. Clemens wollte eigentlich Architektur studieren, doch hatte er sich von seiner Mutter breitschlagen lassen und wegen ihr das Medizinstudium begonnen. Und Aliza? Eher würde sie freiwillig als Zirkusclown mit einem Affen auf dem Kopf in einer Manege auftreten als sich einem Arbeitstag im Theater hinzugeben; geschweige denn dauerhaft dort zu arbeiten. Und dessen war Lydia sich sicher, da diese Formulierung wortgetreu von Aliza selbst stammte. Wieso sie eine derartig große Abneigung gegen all das hatte, wusste Lydia zwar nicht, doch sie würde niemals auf die Idee kommen, Alizas Meinung diesbezüglich in Frage zu stellen. Frau Wintertag kannte Alizas Meinung zu diesem Thema ebenfalls. Aliza musste sich zu Hause ständig Standpauken anhören und erst letztens hatten die beiden sich wieder ziemlich heftig gestritten. Das war doch erst letzte Woche, als Aliza die Theaterveranstaltung hatte schwänzen wollen… Letzte Woche?! Sofort musste Lydia wieder an die letzte Nachricht auf dem Handy denken und in ihr breitete sich ein großes Unbehagen aus.

Sie hat mir schon so viel Leid zugefügt. Aber das von letzter Woche war zu viel.

Was, wenn sie sich geirrt hatte und diese Nachrichten überhaupt nicht von Aliza kamen? Schließlich war Frau Wintertags Interview eindeutig. Sie wünschte sich eine andere Tochter. Eine die mehr war wie… Lydia. Oh nein! Als Lydia diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, lief es ihr eiskalt den Rücken herunter. Wenn sich der Verdacht, den sie momentan hegte, bewahrheiten sollte, würde es bald ein riesengroßes Problem geben. Denn was ist, wenn sie das Handy und die Nachrichten in Wahrheit von Frau Wintertag erhalten hatte und diese nun tatsächlich vorhatte, ihre eigene Tochter aus dem Weg zu räumen, weil sie nicht in ihr idyllisches Familienbild passte?! Sofort schnappte Lydia sich das Handy und schrieb eine Nachricht an die unbekannte Nummer.

Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Egal, was sie Ihrer Meinung nach alles falsch gemacht hat, lassen Sie sie in Ruhe! Ich weiß, was hier los ist und werde das nicht zulassen!

Nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte, versuchte sie umgehend, Aliza auf ihrem Handy zu erreichen. Es klingelte drei Mal, bevor Aliza endlich abhob. „Oh hey, Lydia, wie geht’s? Wie ich sehe, hast du die Arbeit ja doch überlebt.“ „Aliza, hör mir jetzt gut zu.“ „Ja, ich weiß schon. Sorry für den doofen Spruch, den ich dir gedrückt hab. Ich hab jetzt leider auch gar keine Zeit, meine Mutter wollte sich mal wieder mit mir aussprechen, wir gehen jetzt spazieren. Weiß zwar nicht, was ihr das bringt. Durch ihre vorgeheuchelten Entschuldigungen kommen mir auch kein Streberzeugnis und ein supertoller Berufswunsch entgegengeflattert und unsere Gespräche arten doch eh jedes Mal im Streit aus, aber naja. Ich ruf dich nachher zurück.“ „Haaalt Aliza, warte doch!“ Doch es war bereits zu spät. Aliza hatte aufgelegt. Doch während des Gesprächs war auf dem gefundenen Handy wieder eine Antwort eingegangen, die Lydia das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Ach Lydia, eine Abreibung reicht da nicht mehr. Ich muss sie loswerden. Komm doch mit und hilf mir, das stärkt unsere Beziehung zueinander 🙂 In ein paar Minuten auf der großen Brücke im Park. Ich freue mich auf dich.

Frau Wintertag musste vollkommen durchgedreht sein. Was sollte Lydia denn jetzt machen. Sie überlegte panisch, ob sie die Polizei alarmieren sollte, doch entschied sich dafür, das dann von unterwegs aus zu erledigen. Sie musste nun so schnell wie möglich los, um Aliza zu helfen. Sie sprang vom Bett auf, schnappte sich ihre Jacke und sprintete die Treppen herunter, so schnell sie nur konnte. Unten zog sie sich ihre Schuhe an und vertröstete ihre verdutzt dreinblickenden Eltern mit einem „Muss nochmal schnell los!“. Und weg war sie. Sie rannte in den Park, in Richtung Brücke. Zur Brücke, auf welcher sich die Schulwege von Lydia und Aliza kreuzten. Oh Gott, was würde Lydia bloß machen, wenn Aliza tatsächlich etwas zustieß? Das könnte sie sich nie verzeihen. Sie hätte die ganze Sache von Anfang an ernst nehmen sollen. Aliza hatte zwar manchmal schräge Ideen, aber diese Angelegenheit war nicht nur schräg, sondern richtig krank. Frau Wintertag wollte ihre eigene Tochter töten, nur um nicht länger die Tatsache verbergen zu müssen, dass Aliza einfach ein Teenie ohne große Zukunftspläne war. Und stattdessen wollte sie lieber Lydia als Tochter haben, nur weil sie pflegeleichter und Aliza in ihrer Zukunftsplanung ein paar Schritte voraus war. In ihrem Alter noch nicht zu wissen, wo es mit einem hingeht, war doch nicht schlimm, wieso stand Frau Wintertag nicht einfach zu ihrer Tochter? All diese Gedanken überschlugen sich förmlich in Lydias Kopf, während sie immer schneller Richtung Brücke rannte. Und das alles hatte sie jetzt davon, dass sie Frau Wintertag um den Gefallen geboten hatte, beim Theater ein gutes Wort für sie einzulegen. Dass sie die Frau damit auf den Gedanken brachte, ihr eigenes Kind umzubringen, konnte ja keiner ahnen.

Ungefähr in hundert Metern Entfernung konnte Lydia zwei Gestalten auf der großen Brücke ausmachen. Und den sich anschreienden Stimmen nach zu urteilen, waren diese beiden Personen Aliza und ihre Mutter. „Ich hab keinen Bock mehr auf deine verlogene, scheinheilige Art!“ „Das alles müsste überhaupt nicht sein, wenn du dein Leben mal auf die Reihe kriegen würdest“ Lydia spürte zwar schon ein heftiges Seitenstechen doch beschleunigte noch ein letztes Mal und unterbrach das Streitgespräch mit einem lauten „Haaaaaalt! Tun Sie ihr nichts!!!“ Frau Wintertag verstummte schlagartig und blickte fragend drein. „Lydia? Was machst du denn hier? Und was sollte ich Aliza tun, dreht ihr beiden denn jetzt völlig durch?“ „Sie dachte, du würdest mich umbringen. Soweit würdest du zwar nicht gehen, doch mir wäre das zugegebenermaßen langsam lieber, als mich von dir ständig vollschwafeln und unter Druck setzen zu lassen“, antwortete Aliza an Lydias Stelle. „WAS? Das mit dem Handy warst doch du?! Und um das klarzustellen: Hier soll niemand aus dem Weg geräumt werden?“ „Sorry Lydia, aber ich wusste, du würdest genauso reagieren wie du es getan hast und das war wichtig für das Ganze hier.“ „Aliza, mir reicht es jetzt. Erklär mir sofort, was hier los ist!“ Frau Wintertags Stimme überschlug sich. „Tja Mama, da hast du dein Theater. Das wolltest du doch so gern. Oder nicht? Das ist wirklich das Letzte, wie du dich in der Öffentlichkeit gibst. Du tust auf heile Welt und wundervolle Familie, nur um dich bei deinen Wählern zu profilieren. Dabei unterdrückst du mit deiner rechthaberischen Art die ganze Familie.“ „Aliza, das tut mir leid. Du hättest mir doch sagen können, wie schlecht es dir wirklich geht“ mischte sich Lydia wieder ins Gespräch ein. „Ach, wie schlecht es ihr geht. Blabla. Aliza würde es besser gehen, wenn sie endlich ihr Leben auf die Reihe bekommen würde, statt nur faul zu Hause zu sitzen und die Schule zu schwänzen. Wenn du dich wenigstens für irgendetwas interessieren würdest. Von mir aus auch wie Lydia für dieses dämliche Theaterzeug. Aber dir ist ja wirklich alles egal.“ Und Lydia konnte so langsam auch verstehen, wieso das so war. Dass Alizas Mutter so ein Monster war, hatte sie all die Jahre über nicht mitbekommen. Doch offensichtlich war Aliza schon immer einem enormen Druck ausgesetzt gewesen, unter dem sie langsam zu zerbrechen drohte. Kein Wunder, wenn man als Krönung über einen Zeitungsartikel gesagt bekommt, man wäre nicht die Tochter, die sich die eigene Mutter wünscht. Aliza entgegnete ihrer Mutter scharf: „Wenigstens ist es mir im Gegensatz zu dir egal, was andere von mir denken. Hauptsache du kannst immer den Schein wahren. Dass du damit schon deinen eigenen Sohn vertrieben hast, ist dir nicht einmal aufgefallen. Und Papa traut sich schon gar nicht mehr, dir zu widersprechen“ „Ich bitte dich. Clemens macht etwas aus seinem Leben! Er ist erfolgreich und studiert Medizin!“ „Nein, Mama, das tu ich nicht“, kam plötzlich eine Stimme aus dem Gebüsch. „Schon lange nicht mehr. Ich wollte das nie machen, doch du hast mich förmlich dazu genötigt, ja, fast schon gezwungen.“ Die Stimme gehörte tatsächlich zu Clemens, der mit einer Kamera in der Hand aus der Dunkelheit hervortrat. Er hatte das gesamte Gespräch aufgezeichnet! „Als wir deinen peinlichen Zeitungsartikel gesehen haben, mussten wir einfach handeln. Wir halten das nicht länger aus und deine Wähler sollen ruhig dein wahres Gesicht kennenlernen. Sorry Lydia, dass wir dich in die ganze Sache mit reingezogen haben, wir hatten gehofft, dass du hier sogar mit der Polizei aufläufst, das hätte die Aktion noch größer gemacht. Aber das hier reicht schon vollkommen, das Video wird direkt an die Zeitung gehen.“ „Ihr seid doch alle verrückt geworden!“ schrie Frau Wintertag nun hysterisch. „Wieso sind meine Kinder solche Versager?!“

Diesen Abend musste Lydia erst einmal verdauen. Dass Aliza über Jahre hinweg so von ihrer Mutter malträtiert wurde, hatte sie nicht einmal ansatzweise vermutet. Um ehrlich zu sein, hatte sie damals eher Mitgefühl mit Frau Wintertag gehabt, da sie von den Auseinandersetzungen ja mitbekommen hatte, sie aber immer davon ausgegangen war, dass es Alizas Mutter war, die es mit ihrer Tochter hin und wieder schwer hatte und somit „im Recht“ war. Doch in Wirklichkeit zerbrach Aliza an ihrer eigenen Mutter und traute sich nicht einmal, ihrer besten Freundin davon genauer zu erzählen. Das alles hatten die beiden Freundinnen am letzten Abend nachgeholt. Da erfuhr Lydia dann auch, dass Alizas Hass aufs Theater aus einer prägenden Kindheitserfahrung herrührte. Schon als sie vier Jahre alt war, versuchte ihre Mutter, ihr Texte für Theateraufführungen ins Gehirn zu prügeln, was Aliza dahingehend wohl etwas traumatisiert hatte.

Eigentlich war Lydia noch ganz schön sauer gewesen, weil Aliza und Clemens ihr so einen Schrecken eingejagt hatten, doch nachdem sie die Gründe für all das erfahren hatte, konnte sie ihrer besten Freundin gar nicht mehr böse sein. So ließ sie all diese Ereignisse und Gedanken revue passieren, während sie zufrieden auf die Schlagzeile der Tageszeitung blickte:

Masken fallen: Wie der Bürgermeisterkandidatin das Theater zum Verhängnis wurde.

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