Alessa2310Nachrichten

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Piep. 

Zwischen dem dröhnenden Gluckern der Kaffeemaschine hielt sie einen Moment inne. Angestrengt lauschte sie, ob sie das Geräusch noch ein weiteres Mal hörte. Außer dem Rattern der Maschine hörte sie nichts. Mit einem lauten Zisch spuckte der schwarze Kasten den letzten Tropfen Kaffee aus und verstummte. Sie liebte dieses Geräusch am Morgen. Zusammen mit einem einfachen Buttertoast war es das perfekte Frühstück. Jeden Morgen nach dem Aufstehen ging sie hinunter ins Wohnzimmer und öffnete die Terrassentür. Dank des großzügigen Vordaches regnete es selten herein. An diesem Morgen wehte ihr kühle Frühlingsluft um die nackten Beine. Sie goss Milch in den Kaffee, rührte kräftig um und stellte die Tasse auf ein kleines Tablett. Sie nahm das bunt gestrichene Holztablett und schlurfte zur Terrassentür. Ihr Blick fiel auf die grüne, wasserabweisende Tischdecke. Ein Telefon lag auf der Tischplatte, das dort nicht hingehörte. Kaffee schwappte auf das Tablett. Erst jetzt merkte sie, dass sie heftig zitterte. Vorsichtig ging sie auf den Tisch zu und stellte das Tablett ab. Sie starrte auf das fremde Mobiltelefon. Ruckartig schaute sie sich um. In den Tannen zwitscherten Vögel und der Springbrunnen im Teich plätscherte leise vor sich hin. Der große Garten bot vielen kleinen Tieren und Insekten Versteckmöglichkeiten, ein Mensch jedoch musste sich schon sehr anstrengen, um nicht gesehen zu werden. Sie schaute auf das grüne Metallhäuschen, das links von ihr am Zaun stand. Das Vorhängeschloss war ohne Zweifel intakt und verriegelt. Langsam setzte sie sich auf das weiche Polster der kitschigen Holzbank und griff nach dem fremden Telefon. Sie drückte auf den Knopf in der Mitte. Das Telefon war sofort entsperrt. Der Bildschirmhintergrund zeigte eine blaue Acrylmalerei.

„Was soll das?“, entfuhr es ihr. Ihren Herzschlag fühlte sie bis zum Hals. Sie versuchte Tränen wegzublinzeln und wischte sich mit dem Arm über die Nase, die unweigerlich Sekret ausstieß. Der plötzliche Druck in ihrer Brust artete sich zu einer akuten Atemnot aus.

„Beruhig dich!“, dachte sie angestrengt. Drei große, tiefe Atemzüge brauchte sie, um sich zu beruhigen. Sie drehte sich um und schaute auf die gegenüberliegende Wand im Wohnzimmer. Dort hing ihre blaue Acrylmalerei, die sie vor acht Jahren für eine Kunstausstellung zum Thema „Identität“ angefertigt hatte. Sie blickte erneut auf das Telefon und zurück auf die Wand. Es gab keinen Zweifel. Das Bild stammte aus ihrem Wohnzimmer und war keine digitale Kopie, wie sie auf ihrer Künstlerwebseite zu finden war. Ein leises Piep riss sie aus ihrer Starre. Eine Nachricht erstreckte sich quer über das erste obere Drittel des Bildschirms.

Guten Morgen. Lass dir deinen Kaffee und Toast schmecken. Ich liebe diese täglichen Routinen, sie ge…

Die Textnachricht brach abrupt ab. Sie hielt das Telefon mit beiden Händen fest, damit es ihr nicht aus den zitternden und feuchten Fingern glitt. Sie berührte mit dem Daumen die Nachricht und sie öffnete sich in einem neuen Fenster.

… sie geben einem Sicherheit. Ich komme viel leichter durch den Tag, wenn ich die gleichen Abläufe habe. Dazu gehört natürlich ein gutes Frühstück. Guten Appetit.

Sie drehte sich hastig in alle Richtungen, doch außer einer Amsel auf dem Rasen war sie ganz allein. Sie schob das Tablett von sich. Der Appetit war ihr vergangen. Das Telefon piepte erneut.

Bevor ich’s vergesse, schau in das Fotoalbum auf dem Telefon.

Ein unangenehmes Pfeifen machte sich in ihrem Ohr breit. Es war so laut, dass sie die singenden Vögel kaum noch hören konnte. Ihre trockene Kehle verursachte einen lästigen Hustenreiz. Erst jetzt merkte sie, dass sie schnell und laut schnaufte.

„Komm runter, beruhig dich!“, betete sie wie ein schützendes Mantra in ihren Gedanken. Sie schloss für einen Moment die Augen, doch es brachte nicht die erwünschte Wirkung.

„Ich muss die Polizei rufen. Nicht reagieren, einfach ignorieren! Ich hole mein Telefon, ruf die Bullen und die regeln das. Alles wird gut. Mein Anwalt freut sich“, sprach sie sich selber Mut zu.

Piep

Erschrocken blickte sie auf den Bildschirm.

Hast du in das Album gesehen?

Noch immer dröhnte das Pfeifen in ihrem Ohr, doch langsam gesellten sich die lieblichen Vogelgesänge dazu und schließlich war der Tinnitus verschwunden. Sie überlegte, ob sie auf die Frage antworten sollte.

„Ruf die Polizei!“, ermahnte sie sich. Andererseits war sie schon immer ein neugieriger Mensch gewesen und schöpfte daraus viele Ideen für ihre Kunst.

„Ein kurzer Blick vielleicht?“, dachte sie. Sie legte das Telefon zurück auf den Tisch fixierte die letzte Nachricht. Die Amsel landete in der Nähe des Tisches und suchte den Boden nach Fressbarem ab.

Piep. 

Für einen kurzen Augenblick schaute die Amsel zu ihr hoch, drehte sich um und flog davon. Sie beugte sich leicht vor, um die Nachricht lesen zu können.

Und?

Sie wischte sich noch einmal die feuchten Finger an ihrem Nachthemd ab und griff nach dem Telefon. Zielstrebig öffnete sie das Album, das sie leicht an dem Fotosymbol erkennen konnte. Sie lächelte sich entgegen. Beim Anblick des Fotos richteten sich ihre Nackenhaare auf. An den Moment der Aufnahme erinnerte sie sich noch genau. Jemand hatte ihr ein Glas trockenen Rotwein in die Hand gedrückt. Aus Höflichkeit hatte sie es entgegengenommen und einen Schluck probiert. Sie hasste trockenen Rotwein, wollte aber kein schlechter Gast sein. Ihr Lächeln war aufgesetzt und reine Schauspielerei. 

Mit zittrigen Fingern legte sie das Telefon zurück auf den Tisch. Was sie jetzt brauchte, war kein Kaffee, sondern Schnaps. Bedauerlicherweise hatte sie den letzten Klaren vor drei Wochen an ihrem Geburtstag aufgebraucht.

Dieser verfluchte Tag vor acht Jahren. 

Piep.

Jetzt hast du hineingesehen, oder?

„Erwartest du eine Antwort, du Arschloch?“, zischte sie in Richtung des Telefons. Sie stand abrupt auf. Die weiß lasierte Holzbank rutschte nach hinten und knallte gegen die Hauswand.

Piep. 

Sie schaute hinunter.

Da sind noch mehr Bilder. Die Vergangenheit holt uns alle ein. Diesmal konnte sie die Tränen nicht wegblinzeln. Mit verschleiertem Blick suchte sie den Garten ab, schaute ins Wohnzimmer hinein und überlegte, was sie tun sollte. Ihr eigenes Telefon lag auf der Arbeitsplatte in der Küche. Sie holte es und wählte den Notruf der Polizei. Nach endlos erscheinenden Minuten und Erklärungen riet man ihr, auf der Polizeiwache Anzeige zu erstatten. Ernüchtert legte sie auf. Als sie auf die Terrasse zurückkehrte, warteten zwei weitere Nachrichten auf sie. 

Meine Vergangenheit holt mich jeden Tag ein.

Sieh dir die Bilder an! Schniefend setzte sie sich an den Tisch und öffnete erneut die Bildergalerie. Das zweite Bild zeigte sie mit dem Organisator der Ausstellung „Identität“. Ein gut aussehender Mittfünfziger, in Scheidung lebend, der ihr an diesem Abend Avancen gemacht hatte. Wäre sie an diesem Tag nicht aufgewühlt und müde von der wochenlangen Arbeit für diese Ausstellung gewesen, sie wäre auf seine Annäherung eingegangen. Ihr blieb nur eine freundliche Absage, die er zähneknirschend akzeptierte. Auf dem dritten Bild schüttelte sie der Bürgermeisterin des Ortes die Hand. 

Der plötzliche Adrenalinschub war so heftig, dass ihr das Telefon aus der Hand glitt. Der Artikel über die Eröffnung der Ausstellung erschien in drei Lokalzeitungen. Die Fotos mit Carola Schultz ähnelten sich, zeigten die beiden aber aus einer anderen Perspektive. Es waren die letzten Aufnahmen, die von der  Politikerin zu ihrer Lebzeit gemacht wurden. 

Piep.

Sie war eine sehr attraktive Frau.

„Stimmt“, dachte sie. Ihre Schönheit erweckte Aufmerksamkeit bei ihrer ersten und letzten Begegnung.

Piep.

Weißt du noch, was passiert ist?

Wie konnte sie es vergessen? Die letzten Jahre gelang es ihr, den Tag zu verdrängen, aber niemals zu vergessen. Sie nickte stumm. Irgendetwas musste sie tun. Sie saß wie gelähmt auf ihrer Holzbank, die sie vor Jahren vom Sperrmüll gerettet hatte. 

„Wer bist du?“, flüsterte sie, „was soll das alles?“, weinte sie, ohne eine Antwort zu erwarten.

Piep. 

Verdattert hob sie den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, damit sie die Nachricht lesen konnte.

Ich bin dein schlechtes Gewissen

Ruckartig drehte sie sich um, glaubte, hinter sich jemanden gehört zu haben, doch da war niemand. Mit festem Griff schob sie den Tisch von sich weg und stand auf. Das schmerzende Piepen in ihrem Ohr kehrte zurück. Jeder Muskel in ihrem Körper zitterte. Sie stolperte über die kleine Stufe an der Terrassentür zurück in ihr Wohnzimmer. Sie war definitiv allein, es gab in dem großzügigen Raum keine Versteckmöglichkeiten. Sie eilte in die Küche und griff nach dem großen Gemüsemesser. Ihre rutschigen Hände hatten Mühe, das Messer fest zu umklammern. Rennend durchquerte sie das Wohnzimmer und trat auf die Terrasse. Sie musste wissen, ob sie eine weitere Nachricht erhalten hatte. 

Du hast ein schlechtes Gewissen, oder? Hatte sie das? Zu gerne hätte sie sofort bejaht, aber ihr Zögern war eindeutig. Leise setzte sie sich hin, das Messer fest im Griff. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor. War ihr Peiniger nicht in ihrer Nähe? War es keine Gegenfrage, sondern passte zufällig zu ihrer Frage? Sollte sie auf diese Nachricht antworten? Wenn sie antwortete und sie entsprach nicht der gewünschten Reaktion, was dann? Für einen Moment drehte sich alles in ihrem Kopf. Sie musste endlich wissen, wer mit ihr dieses böse Spiel trieb und warum. Sie griff nach dem Telefon und schrieb eine Nachricht in das Textfeld.

„Wer bist du?“ Sie drückte auf senden und wartete. Das Telefon hielt sie mit beiden Händen fest. Noch immer waren ihre Finger rutschig.

Piep.

Lisa, kannst du es dir nicht denken? 

„Dieses Arschloch kennt meinen Namen, natürlich“, dachte sie. Sie zog geräuschvoll Luft durch die Nase hoch und tippte eine Antwort.

„Nein, würde ich sonst fragen?“ Langsam stieg Wut in ihr auf. Irgendjemand legte den Finger in eine Wunde, die sie lange genug ignoriert hatte. Erinnerte sie an einen unverzeihlichen Fehler. Damals wusste sie, dass sie dieser Fehler einholen werde und sie dafür büßen würde.

Piep.

Bedauerlich. Doch was habe ich anderes erwartet? Du gehst ja gerne über Leichen. Lisa atmete laut aus. Sie wollte sagen, dass dies eine Lüge war, doch dieser eine verhängnisvolle Tag bewies das Gegenteil.

„Was willst du von mir?“, schrieb sie. Es verging eine Weile, bis sie eine Antwort erhielt.

Piep. 

Lisa guckte angestrengt auf den Bildschirm.

Rache. Endlich Rache. Lisa wandte den Blick vom Telefon ab und schaute auf die Tannenbäume am Ende des Gartens. Etwas kitzelte ihre rechte Wange. Es war eine einzelne Träne, die sich langsam den Weg hinunter zum Kinn bewegte. Rasch wischte sie sie fort. Der Tag war da. Acht lange Jahre lang verdrängte sie erfolgreich, was niemals hätte verdrängt werden dürfen und nun erhielt sie die Quittung. Ihr Brustkorb bewegte sich schnell auf und ab und sie glaubte, ihr Herz in ihrem Hals zu spüren. Das große Gemüsemesser lag einladend auf dem Tisch. Lisa griff danach, überlegte einen kurzen Moment und legte es zurück.

„Nein, ich bin noch nicht bereit für diesen Tag“, sagte sie leise.

Piep.

Wann ist man schon bereit? Erschrocken sprang sie auf. Lisa griff nach dem Messer. Sie schaute sich um und versuchte, leise zu atmen.

„Verdammt, wo bist du?“, dachte sie. Sie suchte die Umgebung mit ihren Augen ab, erfolglos. Ihr Blick wanderte nach oben. An der Decke über ihr zogen Stubenfliegen ihre Kreise. Das Vordach war eine kleine Terrasse vom Gästezimmer im ersten Stock, die mit feinem Kies bedeckt war. Irgendwann wollte sie dort einen kleinen Kräutergarten pflanzen, schob das jedoch vor sich her. Lisa nahm das Telefon vom Tisch und ging leise einige Schritte rückwärts, ohne den Blick von der Decke abzuwenden. Sie versuchte, gegen den Tinnitus in ihrem Ohr anzukämpfen, um besser hören zu können. Lisa presste die Fingerkuppe ihres linken Ringfingers kräftig für einige Sekunden in ihr Ohr. Langsam verschwand der unangenehme Ton und sie hörte klarer. Ihr Blick fiel auf das Telefon in ihrer Hand. Angewidert schmiss sie es zurück auf den Tisch und lauschte. Eine Krähe stürzte aus den Tannen und landete schimpfend auf ihrem Rasen. Sie fand etwas auf dem Boden und flog damit davon.

Piep.

Lisa schaute zum Telefon. Sie ignorierte es. Leise drehte sie sich um und schlich durch das Wohnzimmer zur Treppe im Flur. In diesem Moment war sie froh über ihr modernes Haus. Die alten, quietschenden Treppen im Haus ihrer Großeltern konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Lisa schaute angestrengt nach oben, während sie langsam einen Fuß vor den anderen setzte. Das Gästezimmer befand sich hinter dem Treppenaufgang. Oben angekommen drehte sie sich langsam herum. Die Tür zum Gästezimmer war verschlossen. Lisa schlich zur Tür und blieb davor stehen. Ihr Herz raste vor Anspannung und es kostete sie viel Kraft, leise zu atmen.

„Auf drei!“, dachte sie. „Eins, zwei, drei!“ Sie drückte die Türklinke herunter und stürzte in das Zimmer. Es war leer. Die Tür zur Terrasse war geschlossen, doch der Türgriff stand waagerecht. Mit dem Messer voran rannte sie zur Tür, riss sie auf und stürzte hinaus. Sie war allein.

„Wo bist du?“, sagte sie und schnappte nach Luft. „Das Telefon!“ Lisa drehte sich um, rutschte auf dem Kies aus und stolperte zurück in das Zimmer. So schnell sie konnte, rannte sie die polierten Holzstufen hinunter, durch den kleinen Flur zurück in das Wohnzimmer und in den Garten. Atemlos starrte sie auf den Tisch. Das Telefon war weg. Ein weißer Briefumschlag lag auf der grünen Tischdecke. Keuchend stützte sich Lisa am Tisch ab.

„Was…“, schnaufte sie und ließ sich auf die Eckbank fallen. Das Messer hielt sie die ganze Zeit fest. Mit zittrigen Händen griff sie nach dem Briefumschlag. Lisa legte das Messer neben sich auf die Bank. Hektisch riss sie den Umschlag auf und holte einen kleinen Zettel heraus. Langsam las sie die Worte.

 

Heute ist ein viel zu schöner Tag um zum Sterben. Morgen soll es Regen geben. Wir sehen uns. Für Carola!

 

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2 thoughts on “Nachrichten

  1. Liebe Alessa,
    Deine Geschichte hat mir wirklich ganz gut gefallen. Besonders schön fand ich es, dass du so oft die Tierwelt mit eingebaut hast. Das hat es so authentisch gemacht. Leider kam mir dein Ende so abrupt vor, als hättest du nicht mehr Zeilen zur Verfügung gehabt. Vielleicht kann man das ja noch etwas ausweiten?! Einfach dran bleiben!:)

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