VivienPolaroids

4+

 

Polaroids

 

Von Vivien Hellebrandt

 

Ich ging zu Tisch zwei, wo die einzigen Gäste, die wir im Moment hatten, saßen. „Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“, fragte ich das Pärchen, dass sich lachend unterhielt. „Danke, wir hätten gerne die Rechnung.“, antwortete der Mann. Ich holte den Bon für den Tisch und wiegte das Portemonnaie der Kellner in meiner Hand. Während die Frau das restliche Wasser in ihrem Glas trank, bezahlte der Mann bar. „Für ihre gute Arbeit“, lächelte er und gab mir einen 10-Euro-Schein extra in die Hand. Ich bedankte mich lächelnd, wünschte den beiden noch einen schönen Tag und fing an, den Tisch abzuräumen, während die beiden die Pizzeria verließen. Hinter der Theke grinste mich Dave, mein Arbeitskollege, an.

 

„Na? Schon wieder abgesahnt? Vielleicht sollte ich auch mal so freundlich zu den Gästen sein wie du.“

 

 Ich lachte. „Wäre ne Maßnahme.“

 

„Nein, im Ernst, Mann, wie machst du das? Du bist selbst zu den arschigsten Gästen noch höflich, während ich denen am liebsten ins Essen spucken würde. Die können froh sein, dass ich hinter der Theke arbeite und nicht in der Küche.“

 

„Wärst du aber in der Küche, würdest du nicht mitbekommen, wie arschig die sind.“, antwortete ich lachend.

 

Langsam ging es auf den Feierabend zu. Unter der Woche war es gegen zehn Uhr abends meist schon ruhig, wohingegen es am Wochenende selbst um elf Uhr noch sehr voll sein konnte. Nachdem auch die letzten Gäste gegangen waren, räumten wir auf, machten die Abrechnung und schlossen den Laden. Ich verabschiedete mich, ging zu meinem Wagen und fuhr nach Hause. Fast in meiner Straße angekommen, blickte ich in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass mir niemand folgte oder mich beobachtete und fuhr weiter in die entgegengesetzte Richtung, in der meine Wohnung lag.  Kurz vor meinem Ziel, parkte ich den Wagen unter einem Baum in einer Seitenstraße, zog mir meine schwarze Kapuzenjacke, die ich immer im Auto liegen hatte, über und schloss leise die Autotür. Den Rest des Weges legte ich zu Fuß zurück, damit niemand mein Kennzeichen oder auch nur mein Auto sah.

 

Die rosafarbenen Vorhänge waren zugezogen, doch sie waren so dünn, dass man mühelos in der Dunkelheit in das helle Innere der Wohnung blicken konnte. Mein schwarzer Kapuzenpullover verschmolz mit der dunklen Umgebung, sodass ich mich fast unsichtbar an meinem Stammplatz, direkt unter einem Baum mit tiefhängenden Ästen, der jedoch genug Sicht freigab, um das Objekt der Begierde betrachten zu können, hinstellen konnte. Der kalte Wind pfiff um mich herum, aber ich merkte nichts, denn mein Herz war jedes Mal von Wärme erfüllt, wenn ich sie sah. Ihr langes, blondes Haar wippte von einer Seite zur anderen, als sie aufstand und in die Küche ging. Als sie nach kurzer Zeit wieder zurückkam, hatte sie einen Joghurt in der Hand, setzte sich wieder auf die Couch und sah sich weiter etwas im Fernsehen an. Mein Blick blieb an ihr hängen, wie sie langsam den Löffel hob, ihre sinnlichen Lippen öffnete und den Löffel dazwischenschob. Sie ahnte nicht, dass ich hier stand und wie so oft auf sie aufpasste. Aber das war gut so, sie sollte ein sorgenfreies und sicheres Leben leben können. Kurz überlegte ich, ob ich ihr eine Nachricht in den Briefkasten einwerfen sollte, entschied mich aber dagegen. Heute nicht. Sie schien in Sicherheit zu sein und wahrscheinlich ging sie bald schlafen. Sie ging immer vor Mitternacht schlafen, wenn sie am nächsten Tag in der Mittagsschicht arbeiten musste. Ich blieb noch eine kurze Zeit, ging dann langsam zurück zu meinem Auto und fuhr nach Hause. Den Weg zu mir nach Hause kannte ich im Schlaf, deswegen achtete ich nicht auf den Weg, sondern war in Gedanken ganz bei ihr. Ich dachte an ihr Haar, das so wundervoll weich und glänzend war und so herrlich duftete. Ihre Augen, hellblau, wie der Himmel an einem wolkenlosen Tag im Sommer, zogen mich jedes Mal in ihren Bann. Sie war einfach vollkommen.

 

Zu Hause angekommen, ging ich in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen, als mir das Bild von ihr, mit dem Löffel an ihren Lippen, ins Gedächtnis kam. Verärgert stöhnte ich auf. Warum hatte ich davon kein Foto gemacht? So würde dieses Bild immer weiter verblassen, bis es irgendwann ganz verloren war. Genervt von meiner eigenen Dummheit ging ich in mein Arbeitszimmer, ohne mir etwas zu trinken geholt zu haben, vorbei am Regal, den ich als Raumtrenner nutzte und knipste in dem abgegrenzten Teil des Raums das kleine Licht auf der schwarzen Kommode an. Sofort wurden die vielen, selbstgemachten Polaroids, mit denen ich die freie Wand gegenüber der Kommode geschmückt hatte, sichtbar. Ich setzte mich in den dunkelgrünen Ohrensessel neben der Kommode und betrachtete die Fotos. Sie berührten mich jedes Mal zutiefst.

 

 In meinem Sessel und Träumereien versunken, bemerkte ich nicht, wie die Zeit davon rann und es bereits weit nach Mitternacht war. Ich erhob mich aus dem Sessel – Wie lange hatte ich so gesessen? – und streckte mich, sodass es laut in meinem Rücken knackte. Zeit fürs Bett. Ich war gerade auf dem Weg ins Bad, als mir etwas ins Auge fiel. Auf dem Flurboden vor der Wohnungstür lag etwas. Alarmiert blickte ich mich um. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass mir nichts runtergefallen war und das da auch noch nichts lag, als ich die Wohnung betreten hatte. Schleichend bewegte ich mich in das Wohnzimmer, alle meine Sinne arbeiteten auf Hochtouren. Jemand musste in meine Wohnung eingebrochen sein, während ich in meinem Arbeitszimmer gesessen hatte oder hatte sich bereits in meiner Wohnung befunden, als ich nach Hause gekommen war. Aber hätte ich das nicht bemerkt oder war ich zu sehr mit träumen beschäftigt gewesen? Ich bewegte mich leise und leicht geduckt in meiner Wohnung und durchforstete jedes Zimmer, immer in Bereitschaft mich zu verteidigen, falls ich jemanden begegnen sollte. Ich stand vor der Schlafzimmertür. Ich schloss diese immer hinter mir, doch jetzt stand sie einen Spalt weit offen.  Das war das letzte Zimmer, was ich durchsuchen musste. Falls sich jemand noch in meiner Wohnung befinden sollte, musste er da drin sein. Weiterhin geduckt, öffnete ich die Tür so geräuschlos wie möglich. Mein Blut rauschte mir in den Ohren und ich bemerkte, dass ich den Atem angehalten hatte. Leise atmete ich aus und ging einen Schritt in das Zimmer. Das Mondlicht schien durch das Fenster, sodass man eine relativ gute Sicht auf mein gemachtes Bett, die Nachttische, die Kommode und meinen Kleiderschrank, hatte.  Auf den ersten Blick schien alles in Ordnung zu sein, also schaltete ich das Licht ein, so wie ich es in den anderen Zimmern bereits getan hatte. Ich legte mich flach auf den Boden und lugte unters Bett. Nichts, außer ein paar Wollmäusen. Ich sollte wohl öfters unter dem Bett sauber machen. Blieb jetzt nur noch der Kleiderschrank. Ich stand auf, stellte mich vor den Schrank und öffnete mit einem Ruck die Tür. Plötzlich knallte es und ich schrie. Mein Puls raste und ich versuchte meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Der Baseballschläger. Der verdammte Baseballschläger, den ich seitlich in meinem Schrank aufbewahrte, hatte sich selbstständig gemacht und war umgefallen. Ansonsten sprang mir niemand entgegen. Ich schluckte und versuchte mich zu beruhigen. Niemand war mehr in meiner Wohnung. Ich stellte den Baseballschläger zurück an seinen Platz, ging aber sicher, dass er mir nicht wieder einen Herzinfarkt bescheren würde und schloss die Schranktür. Immer noch leicht zittrig ging ich zurück in den Flur und hob das Ding vor der Wohnungstür auf. Es stellte sich als ein in ein schwarzes Tuch gehülltes Kästchen heraus. Ich ging ins Wohnzimmer und setzte mich, das Kästchen in den Händen haltend, hin. Sowohl das Tuch als auch die Box selbst, waren komplett schwarz. Langsam öffnete ich die Box und zum Vorschein kam ein Handy. Ich runzelte die Stirn. Warum brach man in meine Wohnung ein, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen, um mir dann ein Handy zu schenken? Es sah unbenutzt aus und war eins der neueren Modelle auf dem Markt. Ich wollte es einschalten, doch als ich das Display berührte, leuchtete es auf. Es war bereits an. Meine Nackenhaare stellten sich auf und ich sah mich im Wohnzimmer um. Ich hatte das Gefühl, als würde ich beobachtet werden. Nervös sah ich auf das Handy. Zum Entsperren wurde ein Passwort verlangt. Woher sollte ich das Passwort kennen? Ich legte das Handy beiseite und untersuchte das Kästchen, in dem das Handy gelegen hatte. Auf der Innenseite des Deckels waren Zahlen eingraviert. Die hatte ich vorhin übersehen. Diese Zahlenreihe… Ein ungutes Gefühl machte sich in meiner Brust breit. Die ersten Zahlen bildeten die Postleitzahl der Stadt, in der ich, bevor ich hier hingezogen bin, gewohnt hatte, während die letzten zwei Ziffern meine damalige Hausnummer darstellten. Was hatte das bloß zu bedeuten? War es Zufall? Ich tippte die Zahlenkombination ins Handy und es entsperrte sich. Richtiges Passwort. Als erstes öffnete ich die Apps, mit denen man Nachrichten verschicken konnte, doch ich fand nicht eine Nachricht auf dem Handy. Dann öffnete ich die Liste mit den Kontakten, doch auch die war leer. Erst jetzt fiel mir das Hintergrundbild auf. Es war die Pizzeria, in der ich arbeite. Mein Atem ging jetzt nun schneller und ich fing leicht zu zittern an. Was hatte das bloß zu bedeuten? Zögernd drückte ich auf das Icon für die Fotos. Es waren insgesamt fünf Fotos auf dem Handy. Das erste war nicht zu erkennen, es war fast alles schwarz. Ich wischte nach links, für das nächste Foto und erschrak. Ich. Ich war auf dem Bild. Das Foto zeigte mich, wie ich gerade dabei war, einen Tisch in der Pizzeria abzuräumen. Mein Herz klopfte wie wild und mein Atem ging stoßweise. Ich schluckte. Das konnte doch nicht sein! Wieso war ein Foto von mir auf diesem Handy? Ich wischte nach links, um mir die anderen Bilder anzusehen. Das dritte Bild zeigte mich, wie ich in meinem Auto saß und mir etwas auf dem Handy ansah. Das vierte Bild zeigte wieder mich, wie ich in meinem schwarzen Kapuzenpullover vor dem Fenster meiner Angebeteten stand. Mit zitternden Fingern wischte ich zum letzten Bild. Scharf sog ich die Luft ein und hielt den Atem an. Das letzte Foto zeigte, wie ich durch ihr Fenster in ihre Wohnung einbrach. Das konnte einfach nicht sein! Das durfte einfach nicht sein! Wer hatte diese Fotos gemacht? Und wann? Ich war immer so vorsichtig, achtete immer darauf, dass mich keiner sah und keiner in der Nähe war und jetzt existierten Fotos?! Okay. Alles wird gut. Jetzt nicht durchdrehen und unbesonnen handeln. Ich atmete kontrolliert aus und wieder ein, um meine aufkommende Panik unter Kontrolle zu bringen. Als ich mich etwas beruhigt hatte, sah ich mir die Fotos ein zweites Mal an. Dabei fiel mir auf, dass alle Fotos mich zeigten, bis auf das Erste. Dieses war komplett dunkel, es waren kaum Umrisse zu erkennen. Ich ging auf „Bearbeiten“, stellte den Kontrast höher und machte das Bild insgesamt heller. Das Ergebnis ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus und mein Atem ging wieder stoßweise. Ich hatte mich geirrt. Auch das erste Foto zeigte mich. Es zeigte mich, wie ich in meinem Bett schlief.

 

Ich ließ das Handy auf das Sofa fallen, sprang auf und ließ alle Rollos in meiner Wohnung runter. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich zu isolieren, mich von der Außenwelt und ihrem Blick abzuschotten. Nachdem alle Fenster blickdicht waren, lief ich eilig zur Tür. Erst blickte ich durch den Spion, um mich zu vergewissern, dass niemand vor der Tür stand, aber ich sah nichts als gähnende Leere. Kurz geriet ich in Panik, weil ich dachte, jemand hätte etwas darüber geklebt, bis mir einfiel, dass es mitten in der Nacht war und das Treppenhaus in vollkommener Dunkelheit lag. Sollte ich es wagen, die Tür zu öffnen, um nach Einbruchspuren zu suchen? Ich entschied mich dagegen. Falls doch jemand vor der Tür stand, hätte er freien Eintritt in meine Wohnung und falls nicht, könnte immer noch ein Nachbar wach sein und nach Hause kommen oder aus sonst irgendeinem anderen Grund im Treppenhaus sein und sich wundern, was ich mitten in der Nacht an meiner Tür zu inspizieren hatte. Ich wollte nicht auffallen. Morgen dann. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, wo das fremde Handy auf dem Sofa lag. Was sollte ich jetzt tun? Meine Sachen packen und verschwinden? Aber wohin? Oder war die Reaktion zu überzogen? Was wollte derjenige mit dem Handy überhaupt bezwecken? Mich in Angst und Schrecken versetzen? Das hatte er auf jeden Fall geschafft. Ich nahm das Handy erneut in die Hand, entsperrte es und sah mir den Rest des Handys an, doch da war nichts. Bis auf diese fünf Fotos befand sich absolut nichts darauf. Wären die Bilder nicht gewesen, könnte man meinen, das Handy wäre noch nie zuvor benutzt worden. Keine zusätzlichen Apps, nur die normalen, vorinstallierten, wie sie sich auf jedem neuen Smartphone befanden. Sowohl Tuch als auch Kästchen lieferten ebenfalls keine weiteren Hinweise. Nochmal besah ich mir die Fotos und ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Jemand war mir gefolgt und das schon länger, beobachtete mich, ohne dass ich es bemerkte. Von Paranoia gepackt, lief ich erneut durch die Wohnung und versicherte mich, dass ich allein war und alle Fenster und Türen verschlossen waren. Mittlerweile war es halb vier morgens. Ich musste dringend schlafen. In ein paar Stunden begann meine Frühschicht. Kurz überlegte ich, ob ich mich krankmelden sollte, aber ich fehlte nie und morgen arbeitete ich mit Sarah und das würde ich mir nicht entgehen lassen. Ich ging in mein Arbeitszimmer und öffnete die unterste Schublade der Kommode, in der ich meine Schätze aufbewahrte. Ich nahm das hellblaue Höschen von ihr, das mich so sehr an ihre Augen erinnerte, heraus, ging damit ins Schlafzimmer, zog mich aus und legte mich ins Bett. Ich schmiegte mein Gesicht daran und roch daran. Es war nicht benutzt, doch allein ihr Waschmittel und der Gedanke daran, dass sie es getragen hatte, beruhigte und erregte mich zugleich. Mein Herz schlug nun nicht mehr so wild um sich und auch meine Atmung normalisierte sich, bis ich langsam in einen unruhigen Schlaf glitt.

 

 

Schweißgebadet schreckte ich hoch. Ein Alptraum. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, aber das Gefühl war schrecklich gewesen und war es immer noch. Das Höschen, welches ich die ganze Zeit fest umklammert hatte, verstaute ich in der Schublade meines Nachtschrankes. So hatte ich es immer griffbereit, falls mich nächste Nacht wieder die Panik packen sollte. Danach stieg ich unter die Dusche, um das unangenehme Gefühl und diese Unruhe zu vertreiben. Aber es gelang mir nicht vollständig. Mir fiel wieder das Handy und die sich darauf befindenden Fotos ein und mein Puls beschleunigte sich augenblicklich. Auch die heiße Dusche beruhigte mich nicht. Ließ sich wohl nicht ändern. Also duschte ich zu Ende und zog mich an. Mein Blick ging zur Uhr. Zehn Uhr. Für meine Verhältnisse schon ziemlich spät, eigentlich war ich ein Frühaufsteher. Ich zog meine Schuhe an, um mir beim Bäcker Brötchen zu holen und blieb zögernd vor der Wohnungstür stehen. Ich atmete tief ein, öffnete die Tür mit einem Ruck, nachdem ich sie aufgeschlossen hatte und hielt den Atem an. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht jemanden, der vor meiner Tür lauerte, doch es war nichts zu sehen. Ein kurzer Blick ins Treppenhaus, welches von Sonnenlicht durchflutet wurde, dann inspizierte ich meinen Türrahmen und meine Tür. Keine Einbruchspuren zu sehen. Allerdings arbeitete ich auch nicht für die Kriminalpolizei, also wusste ich auch nicht direkt, wie Einbruchspuren an Türen aussahen, aber ich bildete mir ein, dass ich diese schon erkennen würde, wenn es denn solche gegeben hätte. Peinlich genau achtete ich darauf, dass ich meine Wohnungstür abschloss, als ich mich auf den Weg zum Bäcker machte. Den ganzen Weg über, ich musste nur zwei Straßen weit laufen, fühlte ich mich beobachtet. Immer wieder drehte ich mich um, möglichst unauffällig, damit ich keine Aufmerksamkeit auf mich zog. Beim Bäcker angekommen, sah ich mich nach den anderen Kunden um. Außer mir waren nur noch zwei weitere Kunden in dem kleinen Laden. Eine ältere Dame mit Rollator und ein junges Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, die beide wohl eher unverdächtig waren. Nachdem ich die Brötchen gekauft hatte, machte ich mich schnell auf den Heimweg. Ich fühlte mich nicht sicher. Als ich wieder zu Hause war, sah ich, wie jeden Morgen, im Briefkasten nach. Erschrocken riss ich die Augen auf. Ich hielt ein Polaroidfoto in der Hand, das mich zeigte, wie ich beim Bäcker stand. Ich hatte mich sogar umgesehen und trotzdem hatte ich nicht bemerkt, wie mir jemand gefolgt ist und mich sogar fotografiert hatte. Der Appetit auf die Brötchen war mir jedenfalls vergangen. Benommen setzte ich mich auf die Couch. Weder in der Wohnung noch draußen konnte ich mich jetzt noch sicher fühlen. Abermals nahm ich das Handy in die Hand, mit dem alles angefangen hatte. Wieder schaute ich mir alle fünf Fotos an, um vielleicht erkennen zu können, von wo die Fotos gemacht wurden und von wann sie waren. Vielleicht war mir doch etwas oder jemand aufgefallen. Aber nichts Verdächtiges kam mir in den Sinn. Außerdem trugen alle Bilder das gestrige Datum. Scheinbar wurden sie darauf übertragen und nicht damit gemacht. Ebenfalls kein Hinweis.  Gegen elf machte ich mich auf den Weg zur Pizzeria. Es nutzte nichts, in der Wohnung zu bleiben, wenn ich mich auch hier nicht sicher fühlte. Vielleicht konnten mich meine Arbeitskollegen auf andere Gedanken bringen, vor allem aber Sarah, mit der ich heute arbeiten durfte. Sie konnte mich definitiv auf andere Gedanken bringen.

 

In der Pizzeria angekommen, sah ich sie schon hinter der Theke, wo sie bereits fleißig Besteck polierte. Als sie mich sah, lächelte sie breit und ihre blauen Augen strahlten. Sofort löste sich die Anspannung, die mich die ganze Zeit fest im Griff hatte. Ihr langes blondes Haar hatte sie zu einem hohen Zopf gebunden, was ihr wunderschönes Gesicht noch mehr betonte.

 

„Hey, lang nicht gesehen. Ich freu mich, dass wir heute mal zusammen arbeiten, kommt ja nicht so oft vor.“

 

Ich lächelte sie an. „Ich freue mich auch.“

 

„Wie geht es dir denn? Alles gut? Gibt’s was Neues?“

 

Es freute mich, dass sie augenscheinlich Interesse an mir hatte. Die Wahrheit konnte ich ihr dennoch nicht sagen.

 

„Bei mir ist alles beim Alten. Wie siehts bei dir aus? Gibt’s etwas Interessantes zu erzählen?“

 

Neugierig sah sie mich an. „Merkt man mir das etwa so deutlich an?“ Sie lachte.

 

Wenn es um sie ging, konnte ich jede ihrer Gefühlsregungen und jeden Gedanken in ihrem Gesicht ablesen. Obwohl sie erst seit einigen wenigen Monaten hier arbeitete, hatte ich das Gefühl, sie schon seit Jahren zu kennen. Auch wenn wir uns auf der Arbeit nicht so oft sahen, so sah ich sie nach der Arbeit doch oft genug, um sie zu kennen. Natürlich konnte sie nicht das gleiche von mir behaupten, denn ich sah sie nur im Stillen und Geheimen, ohne, dass sie davon wusste.

 

„Was hast du denn zu erzählen? Muss ja was Tolles sein, wenn du so am Strahlen bist.“

 

„Es geht um meine Schwester. Ihr geht es wieder so gut, dass sie nun endlich aus der Psychiatrie raus darf.“ Ihre Augen leuchteten. Ich hatte sie noch nie so glücklich gesehen. „Ich freue mich so!“

 

„Das sieht man dir an. Ich freue mich für dich mit.“

 

Sarah redete nicht sonderlich viel über ihr Privatleben, was mich etwas störte, denn ich würde gerne alles über sie erfahren und wissen wollen, was sie von meinen kleinen Nachrichten, die sie gelegentlich von mir bekam, hielt, aber ich freute mich umso mehr, dass sie mir etwas so Wichtiges und Persönliches erzählte und das anscheinend mit großer Freude tat. „Jenny hatte viele private Probleme, mit denen sie einfach nicht fertig wurde, sie wurde paranoid, verließ ihre Wohnung nicht mehr und ließ auch keinen mehr rein, sie fühlte sich nirgends mehr sicher und sie steigerte sich so sehr hinein, dass sie Selbstmordgedanken hatte und es auch einige Selbstmordversuche gab, weil sie das alles nicht mehr ertragen konnte. Da haben wir sie einweisen lassen. Aber jetzt geht es ihr wieder so gut, dass sie nach Hause kann.“

 

Sie redete wie ein Wasserfall und ich genoss jede Sekunde, die sie mit mir verbrachte. Während sie sprach, nahm ich ihr Parfum wahr, süß und leicht. Es passte perfekt zu ihr.

 

„Das ist echt heftig, aber umso schöner, dass es ihr jetzt wieder besser geht.“ Das mit der Paranoia konnte ich allerdings nachvollziehen, denn in der gleichen Situation befand ich mich jetzt.

 

Wir bereiteten die Pizzeria darauf vor, zu öffnen, stellten die Stühle, die falsch herum auf den Tischen gelagert wurden, wieder auf den Boden und richteten die Tische her. Währenddessen plauderten Sarah und ich immer mal wieder und lachten. Meine trübe Stimmung verflog und meine Anspannung ließ nach. Um zwölf Uhr mittags öffneten wir dann und es trudelten auch direkt die ersten Gäste ein. Die meisten waren Stammkunden, die immer ihre Mittagspausen hier verbrachten. Ich betrachtete jeden der Gäste ganz genau. Vielleicht war mein Verfolger ja unter ihnen? Schließlich kannten sie mich und hätten leichtes Spiel gehabt, mir bis nach Hause zu folgen. Mein Magen knurrte. Der Duft der Pizzen, die im Ofen gebacken wurden und von der Küche her nach vorne in den Kundenbereich wehte, erinnerte mich daran, dass ich nicht gefrühstückt hatte. Das ungute Gefühl kehrte zurück, was ich bisher, mit Sarahs Hilfe, erfolgreich verdrängt hatte. Ich ging zur Eingangstür und blickte nach draußen auf die Straße, wo Menschen eilig entlangliefen, um zu irgendwelchen Terminen zu hetzen. Missmutig starrte ich die Leute an. Ob ich jetzt gerade auch beobachtet wurde? Wurden weitere Fotos gemacht? Ich wandte mich ab. Sarah kam zu mir.

 

„Alles in Ordnung? Du siehst irgendwie bedrückt aus.“

 

„Es ist nichts.“ Ich wich ihrem Blick aus. Sie sollte nicht wissen, was los war. Sie würde mich bestimmt für schwach halten, wenn sie wüsste, dass ich mich von so etwas ängstigen ließ. Für mich grenzte es eh an ein Wunder, dass sie mich akzeptierte. Frauen wie sie waren überall beliebt und hatte viele Verehrer, die natürlich nicht immer alle nett waren. Sie brauchte Schutz, aber wollte diesen bestimmt eher von einem Typ Bodybuilder haben als von mir halbem Hemd. Deswegen beschützte ich sie im Dunkeln, im Hintergrund. Sie sollte wissen, dass jemand da war, der auf sie aufpasste, aber eben nicht wissen, dass ich es war. Mal abgesehen davon, wenn ich jetzt Angst zeigen würde, hätte sie jeglichen Respekt vor mir verloren. Das konnte und wollte ich nicht riskieren.

 

Besorgt sah sie mich an. „Ist wirklich alles in Ordnung? Du bist auch ganz blass.“

 

Mist. Sah man es mir so deutlich an?

 

„Ich hab schlecht geschlafen, also nichts ernstes.“

 

„Achso, dann ist ja gut.“ Sie lächelte mich an.

 

Gott, sie war so schön. Sie ging wieder zum Tresen und bediente einen Kunden und auch ich ging wieder meiner Arbeit nach. Gegen vier Uhr nachmittags kamen plötzlich Scharen von Kunden in die Pizzeria und ich hatte keine Zeit mehr, mir über meine derzeitigen Probleme Sorgen zu machen. Sarah und ich arbeiteten Hand in Hand und so kam, obwohl viel zu tun war, kein allzu großer Stress auf. Um sechs Uhr machten wir dann eine kurze Übergabe an den Spätdienst, sagten denen, welche Tische noch bedient werden mussten und was sonst noch so zu tun war. Dann nahmen Sarah und ich unsere Jacken, die neben dem Tresen an einer Garderobe hingen, verabschiedeten uns von den anderen und gingen aus dem Laden.

 

„Geschafft! Endlich Feierabend. Also gegen Ende war doch echt ziemlich viel zu tun, findest du nicht?“, fragte sie mich.

 

„Ja, du hast Recht. Als ob plötzlich ein Bus vor dem Laden angehalten hätte und alle zu uns geeilt wären, weil es bei uns etwas gratis gibt.“

 

Sie lachte und es klang wie Musik in meinen Ohren. „Guter Vergleich. So, ich muss dann auch los. War schön, mal wieder mit dir zu arbeiten, Fabian.“

 

„Ja fand ich auch, hat Spaß gemacht.“

 

Sie umarmte mich kurz und ging dann zu ihrem Auto. Ihr Parfüm umhüllte mich wie eine rosafarbene Wolke. Langsam ging ich zu meinem Auto, noch immer berauscht von dem Gefühl, als sie mich umarmt hatte. Ich folgte ihr. Ich musste wissen, was sie machte, ob sie sich mit jemandem traf oder sicher zu Hause blieb. Vorsichtig fuhr ich ihr hinterher. Sie sollte mich auf keinen Fall bemerken. Ich war ihr geheimnisvoller Aufpasser, der im Verborgenen blieb. Anscheinend fuhr sie nach Hause, denn den Weg kannte ich in und auswendig. Als sie in ihre Straße bog, fuhr ich langsamer und parkte in der Straße davor, damit sie mich nicht bemerkte. Ich stieg aus und linste um die Hausecke in ihre Straße. Sie stieg gerade aus ihrem Auto aus. Ihren Zopf hatte sie bereits im Auto gelöst, sodass ihre Haare im Wind wehten. Ein Foto. Ich musste unbedingt ein Foto haben. Es war zu schön, um diesen Augenblick nicht für die Ewigkeit festzuhalten. Ich griff in meine Jackentasche, in der ich mein Handy hatte und betastete außer mein Handy noch etwas anderes. Ich zog es hervor. Ein Foto. Es zeigte mich, wie ich heute in der Pizzeria an der Eingangstür gestanden und nach draußen geblickt hatte. Ich wurde zu diesem Zeitpunkt tatsächlich beobachtet. Ob das jetzt auch der Fall war? Falls ja, sollte ich besser nach Hause fahren und Sarah nicht noch mehr in die Sache hineinziehen. Ich sah mich um. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Am liebsten wäre ich zum Auto gerannt, aber ich wollte möglichst keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Erst als ich im Auto saß, atmete ich auf. So blöd es auch klang, aber im Auto fühlte ich mich einigermaßen sicher. Ich fuhr nach Hause, versuchte jedoch so unauffällig wie möglich zu wirken, sah mich aber immer wieder zu allen Seiten um und blickte vermehrt in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass mir niemand folgte. Zu Hause angekommen, parkte ich, eilte in meine Wohnung und schloss die Tür direkt ab. Schwer atmend lehnte ich mich dagegen. Wie kam dieses Foto bloß in meine Jackentasche? Mein Stalker musste heute einer meiner Gäste gewesen sein, denn nur die hatten die Möglichkeit, unauffällig etwas in meine Jacke zu stecken, denn auch die Jacken einiger Gäste hingen dort. Aber mir war niemand aufgefallen und zugegeben, als so viel zu tun war, hatte ich nicht mehr darauf geachtet. Es musste also einer der Gäste sein, die am Nachmittag zu uns gekommen waren.

 

Erschöpft von der Arbeit und des schlechten Schlafes, schleppte ich mich ins Badezimmer. Ich machte das Licht an und erstarrte. Panisch wich ich zurück. Auf meinem Spiegel stand in blutverschmierten Lettern: Ich werde dich kriegen. Es war wieder jemand in meiner Wohnung gewesen, als ich arbeiten war. Ich rannte zur Wohnungstür, schloss sie auf und sah mir die Tür, das Schloss und den Rahmen nochmal genauer an. Nichts. Alles sah wie immer aus. Keine frischen Kratzer oder sonstiges zu sehen. Das konnte eigentlich nur eins heißen: Derjenige hatte einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Diese Erkenntnis traf mich mit voller Wucht. Niemand, absolut niemand hatte einen Zweitschlüssel. Wie also konnte das sein? Eigentlich war meine Wohnung immer mein Zufluchtsort gewesen, ein Ort, an dem ich entspannen und mich sicher fühlen konnte, aber jetzt kam es mir eher wie eine Falle vor. Ich eilte in mein Arbeitszimmer, wo ich in einem Schrank meine Reisetasche aufbewahrte. Mein Blick ging automatisch in die Ecke mit meinen Polaroids. Oh Gott. Wahrscheinlich hatte derjenige, der mich verfolgte und wiederholt in meine Wohnung einbrach, auch die Bilder an der Wand gesehen, also hatte er noch mehr gegen mich in der Hand. Auch wenn meine Absichten, Sarah zu beschützen, edel waren, so wusste ich dennoch, dass die Polizei, wenn diese Fotos ans Licht kamen, es anders auslegen würde und ich hätte noch ganz andere Probleme als jetzt schon. Ich holte die Tasche aus dem Schrank und ging hinter den Raumtrenner, um die Fotos mitzunehmen. Ich wollte nicht, dass sie hierblieben, während ein Fremder ein und ausgehen konnte, wie er wollte. Entsetzt starrte ich auf meine Fotowand. Alle meine Polaroids von Sarah, alle meine geliebten Fotos von ihr waren zerrissen und lagen auf dem Boden. Anstelle ihrer hingen nun andere Fotos an der Wand. Es waren Fotos von mir. Sie zeigten mich in den verschiedensten Situationen. Wie ich beim Einkaufen an der Kasse stand, mich beim Arbeiten in der Pizzeria, wie ich in meiner Wohnung aus dem Fenster blickte, wie ich tankte und so weiter. Mein Puls beschleunigte, ich konnte kaum atmen. Ich schob die unterste Schublade meiner Kommode, in der ich meine Schätze aufbewahrte, auf und holte ein Klappmesser raus. Ich hatte es bisher noch nie benutzt und ich hatte es auch eigentlich nicht vor, aber ich wollte doch lieber etwas zu meinem Schutz bei mir haben. Wer weiß, was für ein Psychopath hinter mir her war. Ich dachte auch daran, den Baseballschläger mitzunehmen, aber dieser war zu auffällig. Ich rannte mit der Tasche in der Hand und mit dem Messer in der Tasche in das Schlafzimmer, packte das Nötigste ein, dazu gehörte auch das geliebte hellblaue Höschen und fuhr dann in das nächstgelegene Hotel. Auch wenn derjenige wusste, in welchem Hotel ich war, so konnte er nicht wissen, in welchem Zimmer ich mich befand. Ich checkte ein, die Fahrt hatte nur einige wenige Minuten gedauert, und schloss mich augenblicklich im Zimmer ein. Die Vorhänge zugezogen, legte ich mich angezogen auf das Bett und dachte nach. Wer konnte mir all diese Dinge antun? Wer hatte ein Motiv? Und wer kam so ohne weiteres an meine Schlüssel ran? Ich war mittlerweile so erschöpft, dass ich weg döste. Im Halbschlaf erschien vor meinem inneren Auge Sarah, wie sie sich schwungvoll zu mir drehte, ihre Haare, eine Flut aus Gold, mitschwangen und ihre blauen Augen mich strahlend ansahen. Sie lächelte mich an. Ich schrak hoch. Sarah. Sarah konnte, ohne aufzufallen, an meine Schlüssel kommen, um sie sich nachmachen zu lassen. Sie konnte mir auch unauffällig von der Arbeit nach Hause gefolgt sein. Aber als das Foto, auf dem ich aus der Pizzeria hinausblickte, gemacht worden ist, hatte sie mit mir gearbeitet. Das hieß, entweder sie war es doch nicht, oder aber sie hatte einen Komplizen. Ich tendierte zur letzten Überlegung. Das würde nämlich auch erklären, warum die Polaroids von ihr in meiner Wohnung zerrrissen auf dem Boden lagen. Sie verstand anscheinend nicht, dass es nur Andenken von ihr waren und ich sie eigentlich beschützte. Sollte ich das Gespräch mit ihr suchen oder sie lieber erst mal beobachten, ob sich mein Verdacht bestätigt? Es war mittlerweile dunkel draußen. Vielleicht konnte ich unerkannt aus dem Hotel verschwinden und zu ihr fahren. Und was, wenn sie es doch nicht war? Ich nahm das Klappmesser aus der Tasche und verstaute es in meinem Kapuzenpullover, den ich aus dem Auto mitgenommen und angezogen hatte. Ich ging zu meinem Auto, achtete aber darauf, möglichst nicht aufzufallen. Ich stieg ein, blieb jedoch noch eine Weile sitzen und beobachtete die Gegend. Eventuell wurde ich jetzt gerade beobachtet. Es waren nur wenige Menschen unterwegs und diese verhielten sich unauffällig. Auch Sarah war nicht dabei. Also fuhr ich los. Bei ihr angekommen, bleib ich wieder eine Zeit lang sitzen. Vielleicht wurde mir hier aufgelauert. Aber es schien ruhig zu sein. Es war niemand unterwegs, die Straße lag einsam und verlassen da. Also stieg ich aus und ging langsam, entlang der Hauswand, zu Sarahs Wohnung. Sie war in Dunkelheit gehüllt. War sie nicht da? Ich ging die Straße entlang und suchte ihr Auto. Anscheinend war sie gerade unterwegs, denn ihr Auto stand nirgends. Vor ihrem Fenster blieb ich stehen. Kurz blickte ich mich um, niemand zu sehen, dann ging ich in den Hinterhof, auf die andere Seite des Hauses. Ihr Küchenfenster stand offen, durch das ich schon mal eingestiegen bin. Glück gehabt. Einen Fuß stellte ich ins löchrige Mauerwerk, welches neben dem Haus entlanglief und die Hinterhöfe der Häuser trennte. Mit Hilfe der Mauer schaffte ich es, mich auf das äußere Fensterbrett hochzuhieven. Ich sah in die Küche. Alles dunkel. Langsam und möglichst leise kletterte ich in die Küche. Es war zwar dunkel, doch man konnte wegen des Lichts, das durch das große Küchenfenster hineinfiel, genügend sehen. Es war aufgeräumt und ein schwacher Duft nach Zitrone erfüllte die Luft. Auf leisen Sohlen schlich ich aus der Küche, quer durch den kleinen Flur, ins Wohnzimmer. Ich wusste nicht, was ich hier zu finden hoffte. Auf der rechten Seite stand ihr Schreibtisch mit dem Laptop. Irgendetwas zog mich dorthin. Fast dort angekommen, ging plötzlich das Deckenlicht an. Erschrocken schnellte ich herum. Im Türrahmen stand nicht Sarah, wie ich vermutet hatte, sondern eine Frau mit hellbraunen Haaren. Ihre Augen hatten aber dieselbe Farbe wie Sarahs und auch sie war wunderschön. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.

 

„Nett dich wiederzusehen, Fabian.“ Sie lächelte. Doch es war ein freudloses Lächeln, dass mir einen Schauer über den Rücken jagte.

 

„Erkennst du mich nicht mehr? Ich dachte, du wärst verrückt nach mir. Naja, da hab ich mich wohl getäuscht.“

 

Ich betrachtete ihr Gesicht. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie war es. Bevor ich in diese Stadt gezogen bin, gab es eine Frau, die ich, wie Sarah, beschützen wollte. Als sie herausfand, dass ich derjenige war, der sie beschützte, machte sie eine Szene, sie schrie mich an und hasste mich, bis sie eines Tages plötzlich verschwand. Ich hatte mir immer Vorwürfe gemacht, denn ich dachte, ihr wäre etwas passiert und ich hätte nicht gut genug auf sie aufgepasst. Aber hier stand sie.

 

„Jenny.“, flüsterte ich.

 

„Du erinnerst dich also doch.“

 

Dann fiel mir etwas ein. Hatte Sarah nicht gesagt, dass ihre Schwester…

 

„Bist du etwa Sarahs Schwester?“

 

„Ist dir die Ähnlichkeit nicht aufgefallen? Ich hätte dich für aufmerksamer gehalten.“ Mit verächtlicher Miene sah sie mich an.

 

„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht! Du warst plötzlich verschwunden! Ich dachte, dir wäre etwas passiert.“

 

„Du bist mir passiert, du verdammtes Arschloch! Wegen dir war ich in der Psychiatrie, dabei gehörst du da hin, du kranker Stalker!“, sie schrie jetzt und ihre Augen blitzten gefährlich.

 

Sie kam einen Schritt auf mich zu, bedrohlich. Ich wich zurück.

 

„Wegen dir habe ich mich nicht mehr sicher gefühlt! Wegen dir habe ich überall Männer gesehen, die mir folgten! Wegen dir wollte ich mich sogar umbringen!“ Ihre Stimme nahm einen schrillen Ton an.

 

„Ich lebte in ständiger Angst!“

 

„Aber ich habe dich doch beschützt! Ich wollte, dass du dich sicher fühlst! Wenn du verfolgt wurdest, dann doch nicht von mir! Ich habe dich immer beschützen wollen!“

 

 Ich verstand die Welt nicht mehr. Sie hatte sich vor mir gefürchtet? Aber das ergab doch keinen Sinn!

 

Sie kam wieder einige Schritte näher. Angst lähmte mich. Ihr wilder Blick durchbohrte mich. Sie war nicht mehr zurechnungsfähig. Hinter ihr nahm ich plötzlich eine Bewegung wahr. Sarah kam in das Wohnzimmer.

 

„Es ist alles erledigt. Alle Spuren sind beseitigt.“

 

„Das Handy?“

 

„Hab ich. Die Fotos sind auch schon gelöscht. Kästchen und Tuch sind in meiner Handtasche.“

 

„Und die Polaroids?“

 

„Sind verbrannt.“

 

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. „Sarah, was ist hier los?“

 

„Ach Fabian. Du hast echt nichts begriffen, oder? Meinst du ich habe nicht gemerkt, wie du mir gefolgt bist? Wie du Fotos von mir gemacht hast? Anfangs hatte ich so eine Angst. Einen Stalker zu haben ist nichts Schönes, aber das wirst du mittlerweile selbst gemerkt haben.“

 

„Was? Aber ich habe dich nicht gestalked! Ich habe dich doch beschützt!“

 

Wie konnte sie glauben, dass ich ein Stalker bin. Ich wollte sie doch vor solchen Menschen beschützen und sie hatte Angst vor mir gehabt.

 

Sarahs Blick wurde weich und ihre Stimme hatte einen liebevollen Unterton. „Du wolltest mich beschützen? Dann ist das alles nur ein Missverständnis?“

 

„Aber ja! Ich würde dir nie etwas antun! Ich wollte dich immer nur beschützen.“

 

Zögerlich kam sie auf mich zu. Sie hatte Tränen in den Augen. Ich kam ihr entgegen. Zum Glück konnte das Missverständnis aus dem Weg geräumt werden. Sie war nicht verrückt, so wie ihre Schwester. Ich nahm sie in den Arm und sie ließ es zu. Ihre Stirn lehnte an meiner Schulter. Ich konnte es kaum glauben. Hier stand ich mit meiner Traumfrau und hielt sie in den Armen. Es war zu schön, um wahr zu sein.

 

„Ich kann mich selbst beschützen, du verdammter Wichser!“

 

Ich spürte einen heftigen, stechenden Schmerz in meinem Bauch, dann etwas Warmes. Ich sah hinunter. Ein großes Küchenmesser steckte in meinem Unterleib. Ich sah Sarah in die Augen. Kaltes blau blitzte mir entgegen. Das Klappmesser, welches ich die ganze Zeit in den Händen gehalten hatte, fiel scheppernd zu Boden.

 

„Es war ganz eindeutig Notwehr. Du hast Sarah und mich mit einem Messer bedroht, nachdem du von uns beiden abgewiesen wurdest. Deswegen die zerrissenen Polaroids von Sarah in deiner Wohnung. Du wolltest sie umbringen, sie hat sich nur gewehrt.“ Jenny sah mich mit kalten Augen an.

 

„Jeder bekommt, was er verdient.“

 

Ich wollte etwas sagen, aber es kam nur ein Stöhnen aus meiner Kehle. Sarah zog das Messer heraus und ein Schwall Blut ergoss sich über den Boden. Ich brach zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden zerschnitten wurden. Das letzte was ich mitbekam war, wie Jenny die Polizei rief und etwas von einem Stalker und Notwehr erzählte. Dann wurde alles schwarz.

 

4+

Schreibe einen Kommentar