KatarinaSieben Fotos – einmal Angst

Sieben Fotos – einmal Angst

Anfänglicher Verwunderung folgte binnen Sekunden der Schock. Irgendjemand musste, ohne Spuren hinterlassen zu haben, in Sarahs Wohnung eingebrochen sein. Wobei, eine Spur gab es: Ein Handy. Älteres Modell, auf ihrem Kopfkissen drapiert, als sollte sie es keinesfalls übersehen.

Sarahs Herz begann augenblicklich zu rasen. Einem ersten Antrieb folgend, zog sie hastig die Vorhänge zu und löschte das Licht. Unschlüssig, wie sie vorgehen sollte, starrte Sarah das fremde Objekt an und kaute auf ihrer Unterlippe.

Sekunden. Minuten. Dann griff sie beherzt zu.

Ein Schrei entfuhr ihr, gleichzeitig ließ sie das Handy fallen, wie ein Stück glühende Kohle. In ihren Gedanken formten sich die wildesten Fantasien. Sie schüttelte sich, als könne sie den Unsinn abwerfen. Kontrolle! Ruhe bewahren! Strukturiere deine Gedanken!

Wer könnte es in ihrem Schlafzimmer platziert haben? Ein Handy, auf dem sieben Fotos von ihr zu finden sind, jedoch keine Anzeichen weiterer Nutzung, keine gespeicherten Telefonkontakte, keine Anruflisten, keine Apps.

Noch einmal betrachtete sie die Fotos, zoomte hinein. Es sind Aufnahmen der letzten beiden Tage, sie im Park, sie in einem Cafè und beim Aussteigen aus einem Taxi.

Ohne Zweifel, jemand musste sie in den vergangenen beiden Tagen beobachtet haben, ihr gefolgt sein. Nur: Warum?

Sarah wählte mit zittrigen Fingern ihre eigene Nummer. Ihr Handy läutete in ihrer Tasche. Sie legte auf. Stück für Stück gewann der Verstand wieder die Oberhand.

Peter, du bist mir doch noch einen Gefallen schuldig?“, sagte Sarah, um Contenance bemüht.

Hm.“, brummte ihr Kollege am anderen Ende der Leitung.

Wie immer war Peter noch an seinem Schreibtisch. Sie konnte sich darauf verlassen, dass er nie vor zehn am Vormittag kam, aber auch nie vor zehn am Abend ging.

Hör mal, könntest du bitte folgende Telefonnummer checken?“

Sarah diktierte ihm die unbekannte Nummer.

Du weißt schon, dass ich das eigentlich nicht darf.“, wandte er ein.

Komm schon, hör auf. Ist für meine Ermittlungen.“

Du ziehst mich jetzt aber nicht in irgendwas mit rein, oder?“

Nur das Übliche: Drogen, Mord und Totschlag.“

Sie bemühte sich gelassen und witzig zu klingen, schüttelte aber über diesen armseligen Spruch selbst den Kopf.

Jaja, schon gut. Ich meld‘ mich.“

Sarah war in der dunklen Stille ihrer kleinen Wohnung gefangen. Noch hatte sie nicht den geringsten Verdacht, wer ihr mit dieser Aktion Angst einjagen wollte. Sie arbeitete als Ermittlerin bei der Kriminalpolizei, dennoch verspürte sie Angst.

Wieder sah sie sich die Fotos an. Eines stach aus allen anderen hervor: Ein weißes Blatt, darauf Worte, aus Zeitungen ausgeschnitten und sorgfältig aufgeklebt: Hast du Angst vor dem Unbekannten?

Vor der Übernahme der Ermittlungen zu einem Drogenboss und seinen illegalen Geschäften im Zusammenhang mit Hehlerei und Geldwäsche hatte man sie im Präsidium gewarnt: Sie solle achtsam sein. Aber ging sie nicht vorsichtig genug vor? Hatte sie nicht umsichtig agiert? Hatte sie nicht alle Schritte abgewägt und vorab mit ihrem Team alle Szenarien besprochen? Sollte sie sich schon jetzt, gleich zu Beginn, Feinde gemacht haben? Wenn ja, wen? Sie hatte doch erst vor fünf Tagen begonnen, im Internet zu recherchieren, Daten zu sichten und sich bislang mit nur einem Informanten getroffen.

Sarah zuckte zusammen, als ihr eigenes Handy plötzlich läutete. Peter.

Die Nummer gehört einem Samuel Haller, hier aus der Stadt. Sagt dir der Name etwas?“

Sarah dachte angestrengt nach und schüttelte unmerklich den Kopf. Fiel dieser Name im Gespräch mit dem Informanten? Nein. Las sie ihn in den Akten? Nein.

Sarah?“

Nein. ‚Tschuldige. Nein, sagt mir nichts. Hast du mehr?“

Er scheint sauber. Taucht in unseren Daten nicht auf.“

Mist!“, entfuhr ihr.

Aber ich hab‘ ihn im Internet gefunden. Bin ziemlich sicher, dass er es ist.“

Wo?“

Was?“

Na, wo du ihn gefunden hast.“ Sarah klang leicht genervt.

Ah, Facebook. Ist aber ’n privater Account. Nichts zu sehen, außer seinem Profilbild.“

Mist!“, fluchte sie erneut.

Alles okay bei dir?“

Ja. Danke Peter, hast mir sehr geholfen. Wir sehen uns dann morgen.“

Hallo?“, meldete sich die ihr wohlvertraute Stimme ihrer Schwester am Telefon.

Hallo Samira. Wo steckst du grad?“

Sarah? Was soll das? Es ist mitten in der Nacht?“

Sag mir einfach, wo du steckst und ich leg wieder auf.“

Sarah, du hast seit einem Jahr nicht mit mir gesprochen. Was ist los?“

Ich muss nur wissen, wo du bist.“

Ich bin noch immer in Japan. Was ist denn?“

Ich … Geht es dir gut?“

Ja.“

Sarah holte tief Luft: „Sami, ich muss dich was fragen. Als du mit Mama und Papa gestritten hattest, vor ihrem Unfall, um was ging es? Du bist abgehauen, ohne mit mir zu sprechen. Sie starben einen Tag nach deiner überstürzten Abreise auf dem Weg zu mir. Sie wollten mit mir reden. Sami, um was ging es?“

Es tut mir so leid, dass ich nicht auf der Beerdigung war, Sarah. Ich kann nicht drüber sprechen. Ich … Ich lege jetzt auf. Pass auf dich auf, okay?“, stotterte Samira und beendete abrupt das Gespräch.

Sarah wählte die Nummer ihrer Schwester erneut. Nichts.

Scheiße!, fluchte sie laut. Sie hatte nichts erreicht. Nicht einmal auf den unbekannten Namen hatte sie ihre Schwester ansprechen können. Was ist nur damals passiert? Ihre Eltern kann sie nicht mehr fragen. Ihre Schwester blockt jeglichen Kontakt ab.

Kaffeeduft zog durch die nachtschweren Räume, während Sarah sich durch das Internet ackerte. Sie kritzelte Telefonnummern, Jahreszahlen, Adressen und Namen in ihren Notizblock. Als sich die ersten Sonnenstrahlen langsam durch die Gardinen schoben, nahm sie einen letzten Schluck ihres längst kalten Kaffees und machte sich auf den Weg ins Revier.

Sie wechselte nur ein paar knappe Sätze mit ihrem Team und hängte sich ans Telefon, wählte Nummer um Nummer, stellte die immer gleichen Fragen.

Als Peter gegen zehn erschien, fing sie ihn ab, zog ihn in ihr Büro.

Peter, könntest du bitte im Archiv suchen, ob du dort was über ihn im Zusammenhang mit Kirche findest?“

Ist er ’n Dealer oder so?“

Er ist suspekt. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.“

Zeitraum?“

Vor etwa dreißig Jahren. Beeil dich bitte, ja!“, drängt Sarah.

Wieso ziehst du mich immer in deinen Kram rein, Sarah?“, maulte er, als sie ihn vor ihre Tür schob.

Sie wollte ihn ganz sicher nicht in diese Sache reinziehen. Sollte sich ihr Verdacht bestätigen, dann wäre das eine private Angelegenheit, falls nicht, könnte sie in Schwierigkeiten kommen.

Peter konnte ihr nicht weiterhelfen. Alles, was er fand, wusste sie bereits.

Sarah arrangierte ein Treffen mit Samuel Haller, medialer Netzwerke sei dank.

Am gleichen Abend wartete sie am vereinbarten Treffpunkt. Unruhig schaute sie sich um, versuchte unter den vielen Gesichtern, die an ihr vorbei gingen, das eine auszumachen.

Da war er. Sarah erschrak. Er verlangsamte seinen Schritt. Dann stand vor ihr. Oder stand sie vor einem Spiegel?

Hallo. Du bist Sarah, richtig? Ich bin Samuel.“

Sarah stockte der Atem. Das kann nicht sein!, dröhnte es in ihrem Kopf. All die Jahre? Warum hatte sie keine Erinnerung an Samuel?

Du hast mir eine Scheißangst eingejagt.“

Ich hab dir Angst eingejagt? Das war nicht meine Absicht, aber ich muss zugeben, ich wollte dich herausfordern. Ich suche dich schon sehr lange.“

Stalking, Einbruch, Einschüchterung, Drohung – Du musst gute Gründe dafür haben.“, fauchte Sarah ihn an. „Warum hast du das getan?“

Meine Eltern … Ich … Das Einzige, was meine Eltern mir mitgegeben haben, ist mein Vorname, Samuel. Sonst nichts. Mein halbes Leben habe ich nach meiner Familie gesucht. Ich wollte doch nur … zu irgendwem gehören. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, allein zu sein.“ Samuel stockte. „Du hast keine Ahnung, wer ich bin?“

Sie schüttelte vorsichtig den Kopf. Allein sein. Diese Worte hallten in ihr nach. Ihre Eltern starben vor einem knappen Jahr, ihre Zwillingsschwester verweigert ihr seit dem jeglichen Kontakt. Sie wusste nur zu genau, wie es sich anfühlte, allein zu sein.

Sie sah erneut auf, zu Samuel. Ihren nächtlichen Recherchen nach zu urteilen müsste er … Aber wie konnte das sein?

Er riss sie aus ihren Gedanken. „Ich wurde vor knapp einunddreißig Jahren, als wenige Tage altes Baby, in einer Kirche abgelegt, wuchs in einem Heim und bei einer Pflegefamilie auf. Als ich mit zwölf wegen ein paar blöder Jungenstreiche zurück ins Heim musste, brach eine Welt für mich zusammen. Ich gehörte zu niemandem mehr. Keiner wollte mich. Vor ungefähr einem Jahr fand ich deine Schwester und kontaktierte sie, doch dann war sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Es war nicht einfach, dich zu finden. Wegen deines Berufes, nehme ich an. Aber das brachte mich auf die Idee mit den Fotos. Du weißt schon … Wenn ich jahrelang suchen muss, warum solltest du dich nicht auch ein bisschen abmühen? Ich weiß, dass mit der heutigen Technik der Besitzer eines Handys aufgespürt werden kann. Und es ist doch schließlich dein Job, Leute zu finden, oder nicht?“

Sie verkniff es sich, ihn darauf hinzuweisen, dass er nur knapp einer Anzeige entgangen ist, denn sein Vorgehen imponierte ihr. „Schon krass: Ich kenne dich nicht. Und doch ahne ich, wer du bist. Ich verstehe das alles nur nicht.“

Ich war nicht gewollt. Ich war kein Mädchen, ich war ein Junge. Sarah, ich bin dein Bruder. Der dritte Zwilling.“

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