Jona BaykouchevWahrheit oder Pflicht

»Es tut mir wirklich sehr leid, aber unser Verdacht hat sich leider bestätigt.«

Nein. Das war das Erste, was Janosch dachte, als er den Ermittler hörte. Jeden weiteren Gedanken verdrängte er und verbot ihm, in seinen Kopf einzudringen. Er durfte nur keine weiteren Schlüsse aus dem Gesagten ziehen. Dann würde nichts passieren. Doch seine Anstrengung war umsonst, denn im nächsten Moment sprach der Ermittler, dessen Namen er schon wieder vergessen hatte, weiter und zerstörte alles.

»Wir haben Ihren Sohn und Ihre Frau gefunden.«

Das Blut gefror ihm in den Adern und Janosch hielt die Luft an. Das Atmen bereitete auf einmal Schmerzen.

Der Ermittler sprach jetzt wie in Zeitlupe und Janosch hörte ihn nur noch gedämpft, wenn auch deutlich. Das, was von seinem Verstand noch übrig war, blendete alles um ihn herum aus. Er hörte nur noch die Stimme des Ermittlers. Janosch verschlang jedes der Worte, ohne auch nur eines verdauen zu können. »Sie. Sind. Tot.«

Was der Ermittler von da an sagte, bekam er nicht mehr mit. Die Gestalt des Mannes verschwamm vor seinen Augen und wurde schließlich schwarz, während er unendlich weit rückwärts in die Tiefe fiel.

Janosch schreckte hoch. Er saß schweißgebadet und außer Atem in seinem Bett. Wieder der Albtraum. Ein Blick auf seinen Wecker verriet ihm, dass es bereits nach 18 Uhr war. Draußen dämmerte es schon und der Winter ließ den Wind gegen die Fensterscheiben peitschen. Die Schneeschicht, die bereits seit Tagen auf dem Boden lag, obwohl kein Neuschnee mehr fiel, tauchte die Landschaft draußen in ein helles Weiß. Der Anblick beruhigte Janosch ein wenig und er schaute noch eine Weile aus dem Fenster. Es war eine Woche vor Weihnachten. Ein Fest, das er nicht mehr feierte, seit er allein war und nichts mehr zu feiern hatte.

Für einen kurzen Moment hoffte er, dass es tatsächlich nur ein Traum war, doch die leere Hälfte des Bettes erinnerte ihn an die Realität. Seine Frau, sein Sohn, sie würden nicht wiederkommen. Aber der Mörder war noch da draußen und Janosch hatte es zu seinem Lebensziel gemacht, ihn zu finden.

Wenn die Polizei ihre Arbeit nicht tat, war es seine Pflicht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Alles, was man bisher herausgefunden hatte, war, dass Lilly, seine Frau, eine Woche vor ihrem Tod und unmittelbar, bevor sie das letzte Mal gesehen wurde mit Leon, seinem Sohn, verschwand, und das gesamte Geld der Konten, auf die sie Zugriff hatte, abgehoben hatte. Das war das Unerklärliche. Hatte ihr jemand gedroht, wenn sie nicht zahlte? Wofür? Der Gedanke daran verstärkte Janoschs Wunsch, den Täter eigenhändig zur Rechenschaft zu ziehen.

Eigentlich hatte er sich heute Nachmittag nur für eine kurze Zeit hinlegen wollen, doch dann schlief er bis in den Abend. Die Sonne würde bald untergehen.

Seine Therapeutin hatte ihm erklärt, dass er den Moment, in dem er die Nachricht erhielt, durch das Wiedererleben in Träumen zu verarbeiten versuchte. Sie hatte ihm geraten, unmittelbar nach dem Erwachen aus dem Traum den Raum zu wechseln, um den Alptraum hinter sich zu lassen. Er stand auf und ging in das Nebenzimmer.

Dort geschah es. Janosch sah, auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa, den Umschlag, direkt neben dem eingerahmten Bild, das er von seiner Familie aufbewahrt hatte.

Seitdem er seine Familie verloren hatte, lebte er in dieser Hütte im Wald, abgeschottet von jeglichem menschlichen Kontakt. Er konnte es nicht mehr ertragen, die glücklichen Familien in den Straßen zu sehen und daran erinnert zu werden, dass das nie wieder für ihn möglich sein würde.

Es war unmöglich, dass eine fremde Person diesen Brief hier deponiert haben konnte. Niemand lieferte bis hierhin und er bekam nie Besuch. Er war sich nicht einmal sicher, ob überhaupt jemand wusste, dass er hier lebte. Er war allein. Und doch lag dieser Umschlag da.

Janosch griff nach ihm. Hastig riss er ihn auf. Fotos. Gleichzeitig fiel sein Blick auf das Bild auf dem Tisch. Es zeigte Lilly und ihn, als sie schwanger war.

Als er sich den Fotos aus dem Umschlag zuwandte, stockte ihm der Atem. Es waren alte Urlaubsfotos, auf denen er mit Leon und Lilly zu sehen war. Er drehte eines der Bilder um und las, was auf der Rückseite stand. Es war Lillys Handschrift. Janosch, Lilly und Leon. Die glücklichste Familie aller Zeiten!

Das waren sie. Glücklich und zufrieden. Dabei wollte er ursprünglich keine Kinder. Er war der Ansicht gewesen, dass Kinder ihn nur von seiner beruflichen Karriere abhalten würden. Doch Lillys Wunsch war so groß, dass sie sich schließlich darauf einigten, ein Kind und nicht mehr zu bekommen. Und er hatte es nie bereut. Das Gefühl, Leon im Arm zu haben und zu wissen, dass es sein Sohn war, war unbeschreiblich. Ein Gefühl, das ihm genommen wurde.

Janosch schossen die Tränen in die Augen, während er die anderen Fotos durchblätterte. Da war eines, welches er nicht wiedererkannte. Es zeigte, wie er gerade aus seinem Auto stieg und auf die Hütte zuging, in der er jetzt auf dem Sofa saß. Im Vordergrund war Leon zu sehen, der offenbar die Kamera hielt und ungefähr 20 Meter von der Hütte entfernt stand.

Das, was er auf diesem Foto sah, war unmöglich. Er lebte in dieser Hütte erst, nachdem seine Familie ermordet wurde. Er hatte ihre Leichen selbst gesehen. Leon konnte nicht auf diesem Bild sein. Er war tot!

Mit zitternden Fingern und tränenverschwommenen Augen entzifferte er den mit Druckbuchstaben geschriebenen Text auf der Rückseite des Fotos. Ich kenne dein Geheimnis.

Eine knappe Stunde später erreichte er das Zentrum der Stadt. Tausend Fragen schwirrten ihm durch den Kopf. Wie kann es sein, dass Leon noch lebt? Warum hat er sich nicht gemeldet? Welches Geheimnis ist gemeint?

Janosch hatte keine Geheimnisse.

Er hastete aus dem Wagen, schloss ihn nicht einmal ab und lief in Richtung Polizeipräsidium. Er spürte die Kälte sofort. Mittlerweile war die Wintersonne vollkommen untergegangen und die dicke Schneeschicht erschwerte ihm den Weg.

Er wusste selbst nicht genau, was er sich davon erhoffte, aber irgendetwas musste er tun. Diese Fotos waren Beweise! Vielleicht gab es Fingerabdrücke. Er musste wissen, was das zu bedeuten hatte.

Da wurde sein Gedankenfluss von einem Klingeln unterbrochen. Gleichzeitig spürte er eine Vibration in seiner Jackentasche. Er tastete und bemerkte, dass sie aus dem Umschlag in seiner Tasche kam. Schnell zog er ihn heraus und warf einen Blick hinein. Zwischen den Fotos lag ein kleines Handy, das er in seiner Aufregung bisher nicht bemerkt hatte. Wenn es in einem Umschlag mit Fotos von seinem Sohn lag, konnte der Anrufer Leon sein! Sein Herz schlug noch schneller. Ohne weiter nachzudenken nahm er den Anruf an.

»Hallo?« Janosch schrie fast in den Hörer.

»Hallo!« Die eindeutig männliche Stimme am anderen Ende klang, als würde die Person sich freuen, ihn zu hören. Dabei kam sie ihm nicht im Geringsten bekannt vor. Das war nicht Leon. Im nächsten Satz wurde die Person sofort ernst. »Ersparen wir uns doch den Anfang. Wir wissen beide, was du vorhast. Du willst mit dem Umschlag zur Polizei gehen. Das würde ich unbedingt unterlassen. Wenn die von deinem Geheimnis erfahren, hast du, denke ich, ein viel größeres Problem als ich. Die werden mich sowieso nicht kriegen.« Diese Stimme klang sehr gelassen, selbstsicher, was Janosch wütend machte.

»Ich habe kein Geheimnis, du Dreckskerl. Wo ist Leon? Wenn du ihm was antust, bringe ich dich um.«, schrie er und ignorierte die Blicke der Passanten.

»Willst du das Risiko eingehen? Dann geh zur Polizei.«

Janosch fasste sich an die Stirn und drehte sich verzweifelt um. Er gehorchte, obwohl er nichts zu verbergen hatte. Welches Geheimnis der Anrufer auch meinte, es existierte nicht. Aber Janosch sah eine Chance. Wenn der Mann am anderen Ende der Mörder war, war das seine Chance, ihn zu fassen. Wenn er jetzt zur Polizei gehen würde, würde man ihn ohnehin nur davon abhalten selbst zu handeln, zu tun, was er tun wollte, seit er die Leichen seiner Familie gesehen hatte. »Was wollen Sie?«

»Oh. Ich will nur spielen. Und dann werden wir dein Geheimnis lüften. Und weißt du, bei welchem Spiel Geheimnisse aufgedeckt werden?« Der Anrufer klang vorfreudig, wie ein kleines Kind, das sich auf eine Runde Verstecken mit seinem Großvater freute. »Wahrheit oder Pflicht!«

»Was?« Janosch konnte nicht glauben, was der Mann da gerade gesagt hatte und machte sich auf den Weg zurück zum Auto. Das war Leons Lieblingsspiel gewesen, als er noch jünger gewesen war. Immerzu wollte er es mit Janosch und Lilly spielen. Wie konnte der Anrufer davon wissen?

Doch dann blieb er stehen und drehte sich wieder um. Hatte er richtig gesehen? Etwa 50 Meter von ihm entfernt stand eine Gestalt mit einer Kapuze, die das Gesicht verdeckte. Und wenn er sich nicht täuschte, beobachtete die Person ihn. Doch es war ausgeschlossen, dass der Anrufer auch der Verfolger war. Dieser Mann telefonierte nicht. Janosch sprach mit einer anderen Person, was ihn noch weiter beunruhigte.

»Richtig. Und weil ich sozusagen der Gastgeber bin, darf ich anfangen.«, sagte der Anrufer.

Im Auto angekommen, warf Janosch sich hinter das Steuer und schlug den Kopf auf das Lenkrad.

Wieder das Handy: »Nimmst du Wahrheit oder Pflicht?«

Janosch hatte sich auf das Spiel eingelassen und musste es jetzt auch spielen. Stöhnend traf er seine Wahl. »Wahrheit.« Er sah sich noch einmal um, aber die Gestalt, die ihn verfolgt hatte, konnte er nicht mehr sehen.

»Also gut. Fühlst du dich schlecht? Macht dein dreckiges, kleines Geheimnis dir überhaupt ein schlechtes Gewissen?«

Janosch war fassungslos. Der Anrufer sprach hasserfüllt, doch er konnte sich nicht vorstellen, was er getan haben sollte. »Hören Sie, hier muss eine Verwechslung vorliegen. Ich habe kein Geheimnis. Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen!«

»Oh, nein.« Die Stimme klang jetzt sehr ernst und vernichtend. »Das hier ist keine Verwechslung, Janosch.«

Janosch riss seinen Kopf von dem Lenkrad hoch und presste seinen Rücken tief in den Sitz. Wie konnte dieser Mann seinen Namen kennen, wenn er selbst nicht einmal seine Stimme erkannte?

»Ich weiß, was du getan hast und heute wirst du dafür bezahlen!«

Janosch schluckte, beide schwiegen für eine Weile. Schließlich fasste Janosch den Entschluss, nach den ihm aufgezwungenen Regeln zu spielen und weiterzumachen. »Sie sind dran.« Er versuchte, seiner Stimme einen möglichst festen Klang zu verleihen, was ihm nur teilweise gelang. »Wahrheit oder Pflicht?«

Der Mann lachte. »Also gut. Spielen wir weiter. Ich wähle Wahrheit.«

Janosch hatte gehofft, dass er Wahrheit wählen würde, um endlich fragen zu können. »Was ist mein Geheimnis?«

Der Anrufer seufzte. »Wenn du deine Fragen wirklich mit Dingen verschwenden möchtest, die du ohnehin schon weißt, nur zu. Ich war im Gefängnis wegen dir! Du hast mein Leben von dem Moment an, in dem es begann, zerstört.«

Gefängnis? Dieser Mann musste ihn verwechseln. Er war noch nie mit Menschen, die Straftaten begangen hatten, in Kontakt gewesen. »Hören Sie, ich weiß wirklich nicht, was ich getan haben soll. Meine Familie wurde vor einem halben Jahr umgebracht und …«

»Was? Deine Familie ist tot?« Einen Augenblick wirkte der Anrufer überrascht und betroffen, doch im nächsten Moment hatte er sich wieder gefangen. »Das ändert nichts. Du bist immer noch an allem schuld!«

Janosch ignorierte die ohnehin nur kurz anhaltende Betroffenheit und sprach weiter. »Seitdem lebe ich allein in meinem kleinen Haus im Wald. Ich habe keinen Kontakt zu anderen Menschen. Ich kann Ihnen nichts getan haben.«

»Janosch, das weiß ich. Du hast es schon viel früher getan. Lange bevor deine Familie getötet wurde. Du hast hier übrigens ein sehr schönes Bild von dir und deiner Frau. War sie da schwanger? So sieht es jedenfalls aus.«

Janosch konnte das Lachen des anderen nicht mehr hören, denn er hatte bereits aufgelegt. Der Kerl musste bei ihm im Haus sein und das Bild auf seinem Couchtisch meinen. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Janosch wieder auf der Landstraße stadtauswärts fuhr. Jetzt hatte er die Chance ihn zu fassen! Er krallte sich in das Lenkrad mit aller Kraft, um seine Wut wenigstens ein bisschen zu entladen, als sein Blick in den Rückspiegel fiel. Um diese Uhrzeit war die Straße normalerweise leer, allerdings konnte er jetzt zwei Scheinwerfer und die Umrisse eines großen Geländewagens ausmachen. Sofort musste er an seinen Verfolger denken und gab noch mehr Gas. Doch als er dann ein weiteres Mal zurückschaute, war es stockdunkel hinter ihm. Keine Scheinwerfer. Kein Verfolger.

Das Handy klingelte wieder. Er nahm es von dem Armaturenbrett und presste es an sein Ohr. »Was?«, schnauzte er ärgerlich. Langsam wurde ihm dieses Spiel zu blöd.

»Janosch. Du hast uns einfach so unterbrochen. Wir konnten unser Spiel gar nicht beenden. Da du ja beschlossen hast, die Regeln zu missachten, tue ich das Gleiche und treffe die nächste Wahl für dich. Ich habe nämlich eine Pflicht für dich vorbereitet.« Der Mann machte eine kurze Pause, in der Janosch spüren konnte, wie er grinste. »Entkomme deinem Verfolger.«

Der Anrufer hatte aufgelegt, doch bevor Janosch sich darüber wundern konnte, hörte er einen Motor aufheulen. Erschrocken drehte er sich um und sah, wie die Scheinwerfer hinter ihm wieder aufgetaucht waren und rasend schnell näherkamen. Bevor er reagieren konnte, war das große Auto schon von hinten in seines hineingefahren und er verlor die Kontrolle über seinen Wagen. Er schlitterte zur Seite, was es seinem Verfolger ermöglichte, neben ihm zu fahren. Sein Herz raste, als der große Wagen ihn erneut rammte, dieses Mal seitlich. Er trat auf die Bremse, wodurch er einen harten Aufprall vermeiden konnte, doch er hatte immer noch eine hohe Geschwindigkeit, als sein Wagen auf die Leitplanke zuschoss, aber von dem dort aufgetürmten Schnee aufgefangen wurde. Dann war alles schwarz.

Janosch wurde von dem Klingeln geweckt. Er hatte höllische Kopfschmerzen, als er seinen Kopf vom Lenkrad hob. Der Aufprall war wohl nicht stark genug gewesen, um den Airbag auszulösen. Er sah in den Rückspiegel, um seine Verletzungen zu begutachten. Er hatte eine Platzwunde an der Schläfe und seine Lippe war aufgeplatzt und hatte offensichtlich stark geblutet, denn er sah auf seinem Hemd rote Flecken.

Er nahm den Anruf an, um endlich das Klingeln nicht mehr hören zu müssen. Er sagte nichts und wartete, bis der Anrufer merkte, dass er verbunden war.

»Janosch. Wie schön. Dann können wir ja weiterspielen.«

»Sind Sie noch bei Sinnen? Man hat mich fast umgebracht und Sie wollen Ihr unsinniges Spiel weiterspielen!« Janosch sah sich um, konnte den Geländewagen aber nicht mehr erblicken. Wie lange er wohl ohnmächtig gewesen war?

»Also gut. Ich verstehe dich. Dann will ich dir nur noch eine Wahrheit beantworten.«

Janosch orientierte sich kurz, was in der Dunkelheit sehr schwer war. Er bemerkte, dass er schon in der Nähe seiner Hütte war. Bei der Verfolgungsjagd hatte er nicht auf den Weg geachtet. Er war schon viel näher als erwartet. Also riss er die Fahrertür auf und torkelte zum Kofferraum. Eisiger Wind wehte ihm entgegen und ließ ihn frösteln. Jetzt ärgerte er sich doch über die Entscheidung, in der Eile seinen Mantel nicht mitgenommen zu haben.

Die Kopfschmerzen hatten sich intensiviert. Er warf das Handy achtlos auf den Boden des Kofferraums und suchte nach der Taschenlampe, die er dort wusste. Dann ließ er das Auto stehen und lief mit Taschenlampe und Handy in den verschneiten Wald. Es wurde schlagartig noch dunkler, da jetzt auch der Mondschein von den Bäumen verschluckt wurde. Nur der Kegel seiner Taschenlampe bot ihm Orientierung.

»Hast du dir eine Frage überlegt?« Der Anrufer war offensichtlich verärgert, so lange missachtet worden zu sein.

Janosch blieb im Dickicht stehen und schloss die Augen. Dann stellte er die Frage, die ihm immer die wichtigste gewesen war. »Haben Sie meine Familie umgebracht?« Er musste es wissen, bevor er in dieses Haus ging, in dem der Anrufer auf ihn wartete.

»Nein. Das habe ich nicht.« Es klang sehr offen und ehrlich. »Deswegen tue ich das hier auch nicht.«

Janosch wusste nicht, wie beruhigt er sein sollte. Er wollte den Mörder seiner Familie finden, doch er glaubte dem Anrufer, dass er es nicht war. Welche Rolle aber spielte er dann, wenn er ihm Fotos von seiner ermordeten Familie zukommen ließ?

Ohne ein weiteres Wort drückte er den Anruf weg und lief weiter. In der Ferne war Licht zu erkennen, das aus der Hütte kommen musste. Der Anrufer konnte nicht wissen, wie nah Janosch schon war. Der Kapuzentyp, den er auf Janosch angesetzt hatte, hatte ihm vermutlich erzählt, dass dieser am Straßenrand stehen würde und sein Wagen nicht mehr einsatzbereit war. Der Anrufer wusste aber wahrscheinlich nicht, dass die Hütte ganz in der Nähe und auch zu Fuß schnell erreichbar war. Jetzt konnte er ihm endlich einen Schritt voraus sein.

Janosch ignorierte das wieder klingelnde Handy. Er hatte nur einen Gedanken: die Identität der Person herauszufinden, die fest davon überzeugt war, dass er ihr Leben zerstört hätte und ihm deswegen mit dem Tod drohte. Es waren nur noch wenige Meter. Er stürmte die Stufen zur Veranda hinauf, hielt dann aber inne, da er sich über die bereits offen stehende Haustür wunderte.

Dann ging er langsam in Richtung Wohnzimmer. Als er die Tür aufschob, war ihm schlagartig klar, dass sein Leben sich für immer verändert hatte. Nur wenige Meter von ihm entfernt saß er. Auf dem Sofa saß, wo er selbst vor ein paar Stunden noch gesessen hatte. Leon. Sein Sohn, der vor einem halben Jahr für tot erklärt wurde.

»Hallo, Papa.«

Janosch schluckte den Speichel herunter, der sich in seinem Mund angesammelt hatte und versuchte, etwas zu sagen, doch es war ihm unmöglich. Wieso tat Leon das? Wieso terrorisierte er ihn am Telefon und sprach von irgendeinem Geheimnis? Wie war es möglich, dass er, Janosch, seine Stimme nicht wiedererkannte? Und warum hatte sein Sohn seinen Tod nur vorgetäuscht? Wie war das möglich gewesen? Er hatte Leons Leiche gesehen. »Aber … das ist … das ist unmöglich.« Tränen füllten Janoschs Augen und er stand starr vor Leon. »Du bist tot.«

»Das hättest du wohl gerne.« Wut stand Leon ins Gesicht geschrieben und Janosch hatte nicht die geringste Ahnung, warum er so hasserfüllt war. »Das ist möglich. Und ich kann dir auch sagen, warum. Ich bin nicht Leon.«

Janosch zweifelte an seinem Verstand. »Was?«

»Ich bin dein anderer Sohn, der, den du nicht haben wolltest.«

Janosch konnte nicht glauben, was Leon da sagte. »Was redest du denn da?«

»Das kann ich dir sagen.«

Janosch hörte eine tiefe männliche Stimme hinter sich und spürte etwas Kaltes an seinem Hinterkopf. Der Lauf einer Pistole. Doch am schlimmsten war, dass Leon es ebenfalls nicht erwartet zu haben schien, denn sein Gesicht war von dem Schrecken überzogen, den ihm das einjagte, was er hinter Janosch sah. »Los, aufs Sofa, Janosch!«, fuhr die Stimme hinter ihm ihn an.

Das war das zweite Mal, dass er von einer Person, die er an ihrer Stimme nicht erkannte, mit seinem Namen angesprochen wurde. Nur dass er sich beim ersten Mal sicher war, die Stimme nicht zu kennen, und jetzt herausfand, dass es sein Sohn war, über dessen Tod er sich sicher war. Janosch warf sich neben seinen Sohn auf das Sofa.

Als er den Mann mit der Pistole vor sich sah, kam eine verblasste Erinnerung in ihm auf. Er kannte diesen Mann, der gerade eine Pistole auf sie beide richtete. »Ich kenne Sie!«, rief er.

Der Mann lachte arrogant und selbstüberzeugt. »Oh ja, Janosch. Ich kenne dich auch. Ich bin Doktor Victor Hoch.«

Der Name löste etwas in Janosch aus, doch er konnte sich nicht erinnern.

»Na, klingelts?« Der Mann grinste.

Dann traf Janosch die Erinnerung. »Sie sind der Arzt, der Lilly zu ihrer Geburt behandelt hat!« Die Erkenntnis traf ihn genauso schnell wie anschließend die Verwirrung darüber, was dieser Arzt hier mit einer Pistole auf ihn und seinen Sohn gerichtet wollte.

»Bingo!« Der Arzt grinste noch breiter.

»Was wollen Sie hier?« Der junge Mann neben ihm, der sein Sohn war, von dem er eigentlich dachte, er wäre tot, war sichtlich verängstigt von dem Auftreten des Mannes. Janosch wurde das Gefühl nicht los, dass er mehr wusste als er.

Der Arzt zog sich einen Stuhl von Janoschs Esstisch heran und drehte ihn mit der Lehne nach vorne, bevor er sich setzte. »Mir scheint, als gäbe es hier ein paar offene Fragen.« Er stützte die Pistole auf der Stuhllehne ab, sodass sie auf Janosch und den jungen Mann zeigte. »Um das direkt zu sagen: Daniel ist dein Sohn, Janosch.« Er zeigte auf den Mann, von dem Janosch dachte, er sei Leon, da er exakt so aussah wie dieser.

Janosch erwiderte den Blick. »Das kann nicht sein. Leon ist mein Sohn!«

»Ja, er auch. Du bist Vater von eineiigen Zwillingen.« Der Arzt sagte es, als hätte Lilly gerade die Geburt hinter sich. Aber seitdem waren 21 Jahre vergangen.

Die Puzzleteile lagen vor ihm, doch Janosch konnte sie nicht verbinden. »Das ergibt keinen Sinn. Ich habe nur einen Sohn. Ich war doch bei der Geburt dabei.«

»Falsch. Du warst danach dabei. Aber bei dem Kaiserschnitt nicht.« Der Arzt machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. »Deine Frau kam damals zu mir, nachdem sie erfahren hatte, dass sie zwei Kinder zur Welt bringen würde. Sie wollte aber nur eines. Sie war sogar bereit, mir Geld dafür zu zahlen, wenn ich eines der Kinder verschwinden ließe.«

Dafür hatte Lilly das Geld also abgehoben. Doch das Schlimmste war, dass es Janoschs Schuld war. Hätte er ihr nicht gesagt, dass er nur ein Kind wollte, hätte alles anders kommen können. Lilly hatte so gehandelt aus Liebe zu ihm. Janosch hielt die Tränen zurück, dieser Kerl sollte ihn nicht weinen sehen.

»Ich bin ehrlich.« Victor Hoch zeigte auf seine eigene Brust. »Das war nicht das erste Mal, dass ich solche Aufträge annahm. Also tat ich es.«

»Und du hast damit mein Leben zerstört!« Daniel schrie ihn an. Für einen kurzen Moment wurde es still. Doch dann fuhr er fort. »Dieser sogenannte Arzt hat mich in eine Dealer-Familie gesteckt! Mit acht Jahren musste ich meinen ersten Botengang durchführen. Ich sah, wie meine falschen Eltern sich alles Mögliche spritzten und konnte nichts dagegen tun.« Er hatte ein hasserfülltes Funkeln in den Augen, als er das Wort Eltern aussprach, das alles übertraf, was Janosch in dieser Nacht von ihm gehört hatte. »Wer so aufwächst, hat keine Chancen mehr im Leben. Mit 18 kam ich in den Knast. Von da an wollte ich nichts mehr als Rache an meinen wahren Eltern, die das zugelassen hatten.« Er schluckte. Janosch konnte die roten Äderchen in seinen Augen sehen. »Es hat fast ein Jahr gedauert, aber dann habe ich Victor doch gefunden. Er hat mir euren Kontakt gegeben. Dass meine Mutter und mein Bruder aber tot waren, sagte er nicht.«

»Hör zu, Daniel.« Janosch streckte den Arm in seine Richtung. »Ich schwöre dir, dass ich das nicht wusste. Meine Frau und dieser Arzt haben das hinter meinem Rücken getan. Ich hätte das niemals zugelassen!« Ich bin nur der Grund dafür.

Der Arzt unterbrach sie. »Doch wurde deiner Frau die Last schließlich zu schwer. Sie kam vor einem halben Jahr mit deinem Sohn Leon zu mir und wollte alles aufdecken. Ich konnte das nicht zulassen. Ich wäre für Jahre hinter Gitter gekommen. Und zusätzlich hätte ich ein Problem mit den Leuten, die es mir damals überhaupt erst ermöglicht haben, Daniel loszuwerden. Das war nicht das erste Mal, dass ich mit denen Geschäfte gemacht habe und ich weiß, wie mächtig die sind. Mit denen ist nicht zu spaßen. Die wären auch im Knast an mich rangekommen und an deine Familie auch.

Janosch sprang auf und stellte sich ohne ein weiteres Wort vor den Arzt. Es war nicht nötig, dass er weitererzählte. Janosch war durch die blinde Wut getrieben, die er jetzt freilassen musste. Hoch war der Mörder. Doch dieser schoss bereits. Der Schmerz traf Janosch im Bein und breitete sich von dort aus in seinen gesamten Körper aus. Er fiel auf den Boden und drehte sich vor Schmerz auf den Rücken.

Das Erste, was er sah, als er die Augen öffnete, war Daniels Gesicht. Er war über ihn gebeugt und redete auf ihn ein, was er jedoch nicht verstehen konnte. Als Janosch Daniel aus der Nähe sah, bemerkte er ein kleines Muttermal über dem rechten Auge. Leon hatte dort kein Muttermal.

Jetzt konnte Janosch hören, was Daniel ihm sagte. »… das musst du mir glauben: ich glaube dir, dass du nichts wusstest und es tut mir leid, Papa.« Er redete immer schneller. »Ich wollte eigentlich nur, dass du es zugibst und wollte dich dazu mit diesem Typen, den ich bezahlt habe, einschüchtern. Ich wusste nicht, dass Hoch kommen würde und ich wusste nicht, dass er unsere Familie umgebracht hat. Dann hätte ich diesen Deal niemals gemacht! Ich wollte doch nur einen richtigen Vater, von dem ich dachte, er würde mich nicht wollen.« Seine Tränen mischten sich mit den Blutflecken auf Janoschs Hemd.

Janosch wusste nicht, was schmerzvoller war. Die Schusswunde oder die Erkenntnis, dass sein Sohn glaubte, dass er unschuldig sei, obwohl er Lillys Gedanken, ein Kind wegzugeben, selbst vorbereitet hatte. Er trug die größte Schuld! Auch wenn er nichts getan hatte. Er war Auslöser alles weiteren, dessen Opfer seine beiden Söhne und auch seine Frau waren.

»Was für ein Deal?«, Janosch hatte das Gefühl, dass die Schmerzen größer wurden. Er hob seine Hand, die auf seinem Bein lag und sah das Blut.

Daniel kam nicht dazu zu antworten, Hoch kam ihm zuvor. »Er hat mich ausfindig gemacht und mich bezahlt, um ihm Informationen über dich zu geben, damit er sich rächen konnte. Ich sah es als einen Weg an. Wenn ich euch gegeneinander aufhetzte, würde meine Rolle in den Hintergrund treten. Also verriet ich ihm nicht nur deine Identität, sondern auch, dass du ein Kind behalten und zugelassen hast, dass eines weggegeben wurde. Nämlich er. Ich ließ ihm Informationen zukommen, die ich von Lilly hatte, wie Leons Lieblingsspiel oder Fotos von euch, ohne ihn. Er wusste ja weder, dass der Rest der Familie tot war, noch, dass dich keine Schuld trifft.« Hoch schien sehr überzeugt von seinem Plan. »Aber dann hatte er doch nicht die Eier zu handeln und seine Rache zu vollenden. Also muss ich es tun.«

Weder Janosch noch Daniel konnten etwas weiteres sagen, denn Doktor Victor Hoch handelte bereits, indem er seine letzten Zeugen aus dem Weg räumte.

26 thoughts on “Wahrheit oder Pflicht

  1. Интересна история, написана много вълнуващо от автора. Развитието на сюжета държи в напрежение до края. Голям потенциал. Поздравления. Очаквам още творби.

  2. Hallo Jona

    Du hast eine großartige Geschichte geschrieben.
    Du hast mich berührt und gefesselt.

    Vielen Dank.

    Deine Geschichte zeigt deine ganz eigene Persönlichkeit.

    Die Handlung hat mich überzeugt, die Grundidee ist super, das Ende war gut und toll angelegt und ich mag deinen Schreibstil.

    Die Protagonisten waren glaubhaft und die Dialoge immer realistisch.

    Ich gratuliere dir ganz herzlich zu deiner Geschichte.

    Du kannst stolz auf dich sein.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.

    Mein Herz hast du natürlich sicher.

    Schreib weiter und du wirst noch viele bezaubernde Geschichten schreiben.
    Und du wirst noch viele bezaubernde Leserinnen und Leser unterhalten und begeistern.

    Aber schreibe vor allem FÜR DICH SELBST weiter.
    Erfolg ist nicht das Wichtigste.

    Das Wichtigste ist, dass du dein Schreiben liebst und es dich glücklich macht.
    Wenn dich deine Geschichten glücklich machen, hast du im Leben alles erreicht.

    Kämpfe weiter und gib niemals auf.

    Liebe Grüße und pass auf dich auf.

    Dir und deiner Familie alles Gute.

    Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Ich würde mich sehr freuen.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Vielen Dank.
    Swen

    1. Wow, vielen Dank Swen für Dein ausführliches und dickes Lob. Ich freue mich sehr, dass Dir meine Geschichte gefallen hat. Ich werde auf jeden Fall weiterschreiben (gerade an meinem ersten Roman). Auch wenn ich erst 16 Jahre bin und so manchmal das Gefühl habe, dass ich einige Dinge in meinen Geschichten aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung noch nicht richtig beschreiben kann, macht es mir Spaß und ich bleibe dran! Kommentare wie Deine sind da sehr motivierend für!
      Dir auch alles Gute!

  3. Moin Jona,

    hab ich das gerade richtig gelesen? Du bist 16 Jahre jung?

    Das macht deine Geschichte ja noch besser, als sie es ohnehin schon ist. WOW! Eine richtig tolle Geschichte ist das. Vom Anfang bis zum Ende sehr spannend. Hat mir gut gefallen. Du hast Talent! Mach auf alle Fälle weiter. Nur wenn du schreibst, kannst du noch besser werden.

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

  4. Der Anfang der Geschichte hat mir bereits super gefallen. Du ziehst den Leser mit Spannung in die Story hinein. Und durch die flüssige Schreibweise und den tollen Aufbau bleibt die Geschichte bis zum Ende interessant und spannend. Dafür gebe ich Dir gerne mein „Like“.
    LG
    L. Paul (Die Mutprobe)

  5. Hey Jona,
    Der erste Satz hatte mich direkt gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Ich mag deinen Schreibstil und fand super wie sich deine Geschichte immer mehr aufgeladen hat, bis sie sich im Finale überraschend entladen hat. Top! Ein Like von mir 💛. Ich wünsche Dir viel Erfolg 🍀.

    Gruß

    Maddy

    P. S Meine Geschichte ist „Alte Bekannte“ und ich würde mich freuen wenn du sie liest ☺️🙈🍀.

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