AuroraWer bist du?

8+

»Haben Sie vielen Dank!«, sagte er, als er das bisschen Geld, das er sich erbettelt hatte, für eine Papiertüte voll Lebensmittel von der Tafel eintauschte. Er war obdachlos, ohne zu wissen, wie es dazu gekommen war. Das Betteln nach Geld fiel ihm nicht leicht, aber vom Flaschensammeln allein bekam er selten genügend zusammen.

Eines Abends wachte er auf einer Parkbank auf und konnte sich an nichts erinnern – nicht einmal an seinen eigenen Namen. Er hatte sich daher angewöhnt, sich selbst Holger zu nennen. Die Kleidung, die er trug, war schmutzig und löchrig. Holger konnte von Glück reden, dass gerade Sommer war und er sich nicht vor möglichen Erfrierungen schützen musste. Wie oft hatte er im Winter schon gedacht, dass er die nächste Nacht nicht überleben würde? Noch wusste Holger nicht, wie er aus seiner momentanen Situation wieder herauskommen sollte. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wusste daher gar nicht mehr, wie lange er nun schon auf der Straße lebte – aber es mussten einige Jahre sein, denn die Jahreszeiten hatten sich schon mehrmals geändert. Es war nicht leicht, lernen müssen, irgendwie über die Runden zu kommen, ohne wie die meisten Obdachlosen um ihn herum dem Alkohol zu verfallen. Doch mittlerweile gelang es ihm recht gut, auch wenn er natürlich hoffte, dass er sich irgendwann wieder an sein altes Leben erinnern konnte. Gab es überhaupt ein altes Leben, in das er zurückkehren konnte oder war er dafür schon viel zu lange obdachlos?

Als Holger der ersten Gruppe Obdachloser begegnet war, hatte er noch die Hoffnung gehabt, dass diese ihn kannten oder ihm zumindest sagen konnten, wie er hieß. Denn laut seinem Aussehen beim Erwachen nach dem Gedächtnisverlust nahm er an, dass er sich schon länger auf der Straße befinden musste. Doch diese Hoffnung wurde schnell zerschlagen, denn niemand hatte ihn je zuvor gesehen.

Seufzend setzte er sich mit seinem gesamten Hab und Gut, das er sich in letzter Zeit zusammengesammelt hatte und nicht mehr war, als in eine große Einkaufstasche vom Supermarkt passte, auf eine Bank. Sein Magen knurrte schon vernehmlich. Holger war gespannt, was die Tafel ihm diesmal zusammengestellt hatte und packte die Tüte aus.

Als er all die leckeren Lebensmittel neben sich auf die Bank verteilt hatte und sich nicht entscheiden konnte, was davon er zuerst essen sollte, stutzte er. Da befand sich noch etwas in der Tüte. Etwas, das da ganz sicher nicht hineingehörte: ein Smartphone. Hatte ein Mitarbeiter das Handy versehentlich mit in die Tüte gepackt? Vermutlich. Holger musste es auf der Stelle zurückbringen. Vielleicht bekam er dann sogar einen kleinen Finderlohn.

Als er das Handy herausnahm, kam er dabei auf den Taster am unteren Rand des Mobiltelefons.

Zum Entsperren streichen, stand auf dem Display. Daneben war ein kleines Vorhängeschloss abgebildet, dessen Bügel geöffnet war.

Einen Moment zögerte Holger noch, doch dann siegte seine Neugier und er wischte mit dem Zeigefinger über das Display.

Beinahe hätte er das Handy fallen gelassen, denn was er nun sah, war noch seltsamer als der Fund des Handys an sich: Auf dem Bildschirm war nun ein Foto zu sehen – ein Foto von ihm selbst. Holger war darauf deutlich jünger als jetzt, wo er sich auf Anfang dreißig schätzte. Auf dem Bild war er vielleicht Mitte zwanzig. Allerdings war er darauf nicht allein zu sehen. Neben ihm stand ein etwa gleichaltriger Mann und beide lächelten sie sichtlich gut gelaunt in die Kamera. Außerdem hatte jemand das Bild beschriftet.

Wer bist du wirklich?, stand darauf in roten Buchstaben und ein ebenfalls roter Pfeil zeigt auf Holger.

Was in drei Gottes Namen hatte das zu bedeuten? Und wie kam ein Bild von ihm auf dieses Handy, das ihm nicht einmal gehörte? Wer war überhaupt der Typ neben ihm? Sie sahen sehr vertraut miteinander aus, aber er kannte ihn nicht – was bei seinem momentan eher nicht vorhandenen Gedächtnis allerdings nichts Ungewöhnliches war.

Aber die wohl wichtigsten aller Fragen im Augenblick waren andere. Sollte er das Handy nach dieser Entdeckung wirklich zurückbringen? Wollte der Eigentümer des Smartphones vielleicht sogar, dass Holger das Foto fand und war die Platzierung des Geräts in der Tüte sogar absichtlich geschehen?

Er versuchte, sich an die Person zu erinnern, von der er die Tüte entgegengenommen hatte. War es ein Mann oder eine Frau gewesen? Obwohl Holger vor nicht einmal einer halben Stunde die Tafel verlassen hatte, konnte er es nicht mehr mit Gewissheit sagen. Mit der Zeit hatte er sich abgewöhnt, andere Menschen näher zu betrachten. Denn entweder sahen sie ihn mitleidig oder angeekelt an.

Noch einmal warf Holger einen Blick auf das Foto. »Wer bin ich wirklich? Das ist eine sehr gute Frage und die Antwort wüsste ich selbst gern.« Allerdings hatte er keinen blassen Schimmer, wo die Antwort zu finden war. Immerhin suchte Holger sie schon, seit er auf der Parkbank erwacht war.

Aber wer außer ihm hatte ein Interesse daran, dass er sich wieder erinnern konnte?

Vielleicht gab das Handy ja noch mehr Hinweise preis.

Scheinbar hatte Holger nicht zum ersten Mal ein Smartphone in der Hand, denn er bediente es, als würde er so etwas täglich machen.

»Mist. Da ist nichts drauf, außer dem einen Foto. Keine weiteren Dateien, keine Notizen, nicht einmal Kontakte im Telefonbuch. Sehr seltsam.« Umso mehr glaubte Holger nun jedoch, dass ihm das Handy bewusst zugespielt wurde.

Auf einmal klingelte das Gerät in seinen Händen. Wie schon bei der Entdeckung des Fotos erschrak er so sehr, dass er es beinahe fallen ließ. Warum war er so schreckhaft? Hieß es nicht, wer sich leicht erschreckte, hatte ein schlechtes Gewissen? Aber Holger hatte keines. Oder gehörte das auch zu dem Teil seines Lebens, an den er sich nicht erinnern konnte?

Das Handy klingelte immer noch und spielte dabei eine Melodie, die ihm vage bekannt vorkam, ohne dass er sie einordnen konnte.

Was sollte er tun? Drangehen – an ein fremdes Handy? Oder lieber ignorieren?

Holgers Daumen schwebte bereits über dem Symbol mit dem grünen Hörer. Bevor er es sich noch einmal anders überlegen konnte, nahm er das Gespräch entgegen, schwieg jedoch.

Auch auf der anderen Seite der Leitung war zunächst nichts zu hören. Dann knackte es und eine elektronische Stimme sagte: »Ich stelle fest, du hast das Handy gefunden und vermutlich auch das Foto entdeckt. Ich hoffe sehr, dass du dich daran erinnerst, was du getan hast.« Ein erneutes Knacken ertönte und kurz darauf war die Verbindung unterbrochen.

Holger hatte nicht bemerkt, dass sein Herzschlag sich bei diesen Worten beschleunigt hatte. Auch wenn sie ihm nicht viel weiterhalfen als zuvor das Foto. Nur, dass er in seiner für ihn nichtexistierenden Erinnerung scheinbar etwas getan haben musste, an das er sich unbedingt erinnern sollte. Wäre demnach ein schlechtes Gewissen doch angemessen oder handelte es sich am Ende sogar um etwas Gutes? Hatte es vielleicht mit dem Mann auf dem Foto zu tun? Aber warum machte derjenige, dem das Handy gehörte – er vermutete, dass der Eigentümer und der Anrufer dieselbe Person waren –, so ein Geheimnis daraus? Wenn er mehr wusste, konnte er es ihm doch einfach sagen. Die Stimme von der Tonaufnahme war eindeutig männlich gewesen. Sie klang nur ein wenig verzerrt. Wahrscheinlich sollte verhindert werden, dass Holger ihn gleich an der Stimme erkannte. Aber warum? Was sollte dieses Katz-und-Maus-Spiel?

Noch einmal sah er sich das Foto an. War der Mann darauf der Anrufer gewesen?

Holger beschloss, nun endlich etwas zu essen. Mit knurrendem Magen konnte er nur sehr schwer nachdenken.

Während er aß, ertönte eine Autohupe und er blickte auf.

Ein blauer Corsa fuhr sehr langsam am Park vorbei.

Ihn überkam unverhofft ein kalter Schauder, als würde eine Erinnerung für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzen.

Der Corsafahrer gab Gas und entschwand seinem Sichtfeld.

Die Ereignisse an diesem Tag irritierten Holger immer mehr. Hatte das Auto eben auch wieder etwas mit diesem seltsamen Spiel zu tun, das mit ihm gespielt wurde?

Auf einmal kam ein etwa 10-jähriger Junge direkt auf ihn zu und hielt ihm einen Briefumschlag hin. »Soll ich dir geben.«

Kaum hatte Holger nach dem Umschlag gegriffen, drehte der Junge sich wieder um.

»Von wem denn?«

»Darf ich nicht sagen!«, rief der Kleine und rannte davon. Hinter ihm überquerte ein Eichhörnchen den Weg und kletterte den nächsten Baumstamm empor.

Holger blickte dem Jungen noch so lange hinterher, bis dieser um die nächste Ecke bog. Erst dann erinnerte er sich wieder an den Briefumschlag, der ihm überreicht worden war. Dieser sah ganz gewöhnlich aus, war nicht beschriftet, aber zugeklebt. Mit dem Zeigefinger fuhr Holger unter den oberen Teil der Lasche, um den Umschlag zu öffnen. Darin befand sich ein nicht gefalteter computerbeschrifteter Zettel:

Komm heute um 18:00 Uhr zur Kreuzung Wismarer Straße Ecke Goerzallee.

Wie passte das nun wieder in das Puzzle und was würde ihn an dieser Kreuzung erwarten? Etwa des Rätsels Lösung oder nur wieder neue Hinweise? Langsam fragte er sich auch, woher der Gamemaster wusste, wo er sich gerade befand. Oder hatte der Junge zuvor den gesamten Park nach ihm abgesucht? Möglich wäre es, denn allzu groß war dieser nicht.

Holger betätigte noch einmal den Taster auf dem Handy, um die Uhrzeit zu überprüfen. Kurz nach 17:00 Uhr. Er hatte also noch knapp eine Stunde Zeit, um herauszufinden, wo diese Kreuzung war. Sie sagte ihm nämlich nichts.

Seinem ersten Impuls folgend, entsperrte er das Smartphone, um im Internet zu suchen. Allerdings musste er schnell feststellen, dass ihm keine mobilen Daten zur Verfügung standen. Internet – mobile Daten – schon wieder Begriffe, die Holger noch aus der Zeit vor seiner Amnesie kennen musste und für ihn scheinbar vollkommen normal waren.

Aber wie konnte er stattdessen die Kreuzung finden? Er hatte schließlich keinen Stadtplan in der Tasche. Stadtplan! Das war es! An jeder Bushaltestelle mit Wartehäuschen hing ein Ausschnitt des Berliner Stadtplans. Vielleicht hatte er Glück und die Kreuzung befand sich noch in dem Radius der nächstgelegenen Haltestelle.

Rasch raffte er seine Sachen zusammen und lief zur Straße. Als Holger die Parkanlage verließ, blieb er stehen und blickte erst nach rechts, dann nach links, wo er in einiger Entfernung ein Haltestellenhäuschen ausmachen konnte.

Bei diesem angekommen, lächelte er einer älteren Frau zu, die auf der Bank saß und auf den Bus wartete.

Naserümpfend blickte sie ihm entgegen und rückte von ihm ab. Denn Holger musste neben die Bank treten, um einen Blick auf den Plan zu werfen.

Ein roter Kreis markierte die Gegend, in dessen Mitte er sich gerade befand. Systematisch suchte er die Straßenzüge ab, bis er tatsächlich auf eine der beiden Straßen stieß, die auf dem Zettel standen. Mit dem Finger fuhr Holger diese entlang und hielt nach einer Querstraße Ausschau, die den anderen gesuchten Namen trug.

Beinahe hätte er freudig aufgeschrien, als er die richtige Kreuzung fand. Doch er konnte sich gerade noch beherrschen, wohlwissend, dass er immer noch den argwöhnischen Blicken der Frau ausgesetzt war.

Holger prägte sich die Route ein und sah noch einmal auf das Handy, um zu sehen, wie viel Zeit inzwischen vergangen war.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie die Frau missbilligend den Kopf schüttelte. Wahrscheinlich dachte sie, er hätte das Smartphone geklaut.

Ihm blieb noch etwas mehr als eine Dreiviertelstunde, um sein Ziel zu erreichen. Da Holger nicht wusste, wie lange er bis zu der Kreuzung brauchte, machte er sich sofort auf den Weg.

Immer wieder überprüfte er die Uhrzeit. Da er nach seinem Einkauf bei der Tafel nur noch ein paar Cents in der Tasche hatte, konnte er sich keine Busfahrkarte leisten. Schwarzfahren kam für Holger nicht infrage und außerdem war es viel zu riskant. Denn wenn er ausgerechnet jetzt dabei erwischt würde, käme er auf keinen Fall pünktlich an der Kreuzung an. Vielleicht verspielte er damit die einzige Chance, herauszufinden, wer er war und warum er sich nicht an seine Vergangenheit erinnern konnte.

Fünf Minuten vor 18:00 Uhr kam Holger völlig außer Atem an seinem Ziel an und sah sich suchend um. Auf den ersten Blick fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf.

Doch als die Ampelschaltung umschlug und die bis eben stehenden Autos losfuhren, entdeckte er einen Baum auf der gegenüberliegenden Straßenseite, an dem ein schlichtes Holzkreuz stand und daneben eine angezündete Grabkerze.

Er wartete, bis die Fußgängerampel auf Grün sprang und überquerte die Straße.

Auf einmal hörte Holger einen aufheulenden Motor. Aus dem Augenwinkel sah er ein Auto auf sich zu rasen. Gerade noch rechtzeitig konnte er zur Seite springen, sonst wäre er glatt überfahren worden.

Zitternd blickte er dem Auto hinterher und runzelte die Stirn. Ein blauer Corsa – schon wieder. Ob es derselbe war wie vorhin, konnte er nicht sagen, aber wenn nicht, musste das schon ein richtig großer Zufall sein.

Auf wackeligen Beinen setzte er seinen Weg zur anderen Straßenseite fort. Dort angekommen, las er den Namen, der in das Kreuz eingraviert worden war: Michael.

Bei diesem Namen kribbelte es wieder in ihm. Wie schon vorhin im Park war ihm für einen Moment, als müsste ihm dieser Name etwas sagen. Doch auch diesmal war der Gedanke schneller wieder verschwunden, als Holger ihn greifen konnte.

Noch einmal sah er sich seine Umgebung genauer an. Dieser andere Blickwinkel auf die Kreuzung löste erneut etwas in ihm aus. Holger war sich ziemlich sicher, dass er hier schon einmal gewesen war. Aber wann und was war hier passiert? War überhaupt etwas passiert? Ruckartig sah er wieder auf das Kreuz zu seinen Füßen.

»Schrecklich, nicht wahr?«, hörte er plötzlich die Stimme eines älteren Mannes, der, sich auf einen Stock stützend, neben ihm stehengeblieben war und ebenfalls auf das Kreuz hinabsah.

»Wie bitte?«, hakte Holger nach.

Der Mann deutete mit seinem Stock auf das Kreuz. »Na, der Unfall. Keine schöne Geschichte. Der Fahrer muss sturzbetrunken gewesen sein, als er mitten in der Nacht mit hoher Geschwindigkeit über die Kreuzung raste, plötzlich die Kontrolle über das Auto verlor und gegen den Baum krachte. Der Beifahrer war auf Stelle tot und der Fahrer gilt seitdem als vermisst. Die Suchmeldung ging durch alle Medien.«

Holgers Herz hatte unwillkürlich zu rasen begonnen und sein Atem ging schneller.

Der alte Mann musterte ihn besorgt. »Geht es Ihnen gut?«

Holger räusperte sich, um den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, loszuwerden. »Ja … ja, alles in Ordnung.« Er drehte sich um und ließ den Mann einfach stehen. Schnellen Schrittes lief er davon.

Erst als er einige Straßen weiter eine kleine Grünanlage entdeckte, wurde er wieder langsamer und ließ sich auf einer Parkbank nieder.

Verzweifelt verbarg er sein Gesicht in seinen Händen. War das des Rätsels Lösung? Hatte er einen Unfall verursacht und daraufhin feige Fahrerflucht begangen? War das Todesopfer am Ende sogar der zweite Mann auf dem Handyfoto?

Ihm fiel ein, dass der alte Mann ihm sagte, die Suchmeldung nach dem Fahrer wäre durch alle Medien gegangen. Wie konnte er Zugriff auf das Internet bekommen? Dass das Smartphone in der Hinsicht nutzlos war, wusste er inzwischen.

Genau in dem Augenblick klingelte das Mobiltelefon.

Erneut hob er ab, ohne etwas zu sagen, und wieder hörte er ein Knacken, dem eine elektronische Stimme folgte. »Na, weißt du nun endlich wieder, was du angerichtet hast? Ich wünsche dir, dass du jetzt genauso sehr leidest wie ich.« Knacken und Stille.

Holger legte auf und atmete tief durch. Nein, noch immer wusste er nicht mehr als zuvor. Aber er musste unbedingt mehr in Erfahrung bringen, denn es schien wichtig zu sein – zumindest dem Anrufer. Nur wie sollte er das anstellen?

Die Bibliothek!, fiel ihm ein. Er konnte nur hoffen, dass man ihm in seinem jetzigen Zustand überhaupt Einlass gewährte. Ein Versuch war es allemal wert.

War es möglich, dass seine Erinnerungen nach und nach zurückkehrten? Denn auf einmal kannte er sich in der Gegend aus und wusste genau, wo die nächste Bibliothek zu finden war. Allerdings dürfte diese um die Uhrzeit schon geschlossen haben. Daher entschied sich Holger dafür, die Nacht hier auf der Parkbank zu verbringen und der Bibliothek am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten.

In dieser Nacht fand er kaum Schlaf. Das lag nicht an den städtischen Geräuschen, die nachts zu hören waren und an die er sich längst gewöhnt hatte. Stattdessen ließ er diesen merkwürdigen Tag immer und immer wieder Revue passieren und grub in seinem Gedächtnis nach irgendwelchen brauchbaren Erinnerungen. Aber er fand keine, nur gähnende Leere.

Mit dem ersten Vogelkonzert wachte er gänzlich auf und fühlte sich wie gerädert.

Natürlich war es noch viel zu früh für die Bibliothek. Deshalb gönnte er sich zum Frühstück ein wenig von dem Obst aus seiner Papiertüte. Außerdem hatte er unweit der Parkbank einen Trinkbrunnen entdeckt, an dem er seinen unfassbaren Durst stillen konnte.

Die beiden Frauen hinter dem Ausleihtresen der Bibliothek musterten Holger abschätzig, als er sich ihnen kurz nach der Öffnung mit dem freundlichsten Lächeln, das er zustande brachte, näherte. »Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen. Wo finde ich denn bitte die für Besucher zugänglichen Computer?«

Einer der beiden Frauen rutschte die Augenbraue in die Höhe. »Was wollen Sie denn an einem Computer?«

Er legte Daumen und Zeigefinger an sein Kinn. »Nun, was will ich da wohl? Den nächsten Drogendealer ausfindig machen? Oder doch lieber nach einem Bauplan für Bomben suchen?«

Die andere Frau sog erschrocken die Luft ein.

»Nein, natürlich nicht. Ich möchte mir die aktuellen Nachrichtenmeldungen anschauen. Denn auch jemand ohne festen Wohnsitz, zu denen ich leider momentan gehöre, möchte doch trotzdem auf dem Laufenden bleiben, was gerade so in der Welt passiert.«

Obwohl ihnen die Skepsis noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben stand, wiesen sie ihm den Weg zu den Computern.

Er liftete seinen nicht vorhandenen Hut. »Haben Sie vielen Dank.«

Nur wenig später saß er an einem der insgesamt sechs Computer, die im hinteren Bereich der Bibliothek standen, und gab ein paar Begriffe in die Suchmaschine ein, die ihn hoffentlich zum gewünschten Ergebnis führten.

Tatsächlich erschienen kurz darauf viele Zeitungsartikel mit der Suchmeldung nach einem gewissen Axel D. Auch ein Foto wurde von der Suchmaschine ausgespuckt – ein Foto von ihm selbst. Auf diesem war er kaum älter als auf dem Handyfoto.

Er fragte sich, warum der alte Mann ihn gestern nicht erkannt hatte, und kratzte sich dabei am Kinn. Aber natürlich! Der Bart! Und auch seine Haare waren deutlich länger als auf dem Foto. Wahrscheinlich hätte er sich selbst nicht erkannt.

Axel hieß er demnach also. Der Name kam ihm allerdings gänzlich unbekannt vor. Er löste nichts in ihm aus.

Noch hatte er keinen der Zeitungsartikel geöffnet. Wenn er überall als Fahrerflüchtiger gesucht wurde, konnte das nichts Gutes bedeuten.

Letztendlich überwand er sich und klickte mit zitternden Fingern den ersten Artikel an.

Axel D. nach Unfall gesucht!

Wir berichteten bereits letzte Woche von dem tragischen Unfall Wismarer Straße Ecke Goerzallee, bei dem der 26-jährige Michael M. als Beifahrer des blauen Opel Corsa ums Leben kam. Mittlerweile konnte auch der Fahrer ermittelt werden, der nicht mehr am Unfallort gewesen war, als ein Passant dort eintraf und den Unfall meldete. Es handelt sich dabei um den 25-jährigen Axel D. Seit diesem Tag gilt er als vermisst. Seine Frau Ilona händigte der Presse ein Foto von ihm aus und bat um die Mithilfe bei der Suche nach dem Vater ihrer gemeinsamen fünfjährigen Tochter. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

Axels Herzschlag hatte sich beim Lesen wieder einmal deutlich beschleunigt. Er hatte demnach nicht nur einen Unfall mit Fahrerflucht auf dem Kerbholz, sondern obendrein auch noch seine Familie vernachlässigt.

Er klickte auf den verlinkten Bericht vom Unfall, der zu dem Zeitpunkt erst eine Woche zurücklag – mittlerweile waren knapp fünf Jahre vergangen, wie ihm das Datum des Artikels verriet. Also ereignete sich der Unfall vermutlich etwa zu dem Zeitpunkt, ab dem er sich nicht mehr an seine Vergangenheit erinnern konnte.

Während er las, schossen ihm mehr und mehr Flashbacks durch den Kopf. Er erlebte den Unfall aus der Sicht des Corsafahrers. Schweiß brach ihm aus allen Poren aus und er geriet beinahe in Panik, als er sich plötzlich wieder an alles erinnern konnte. Er war schuld daran, dass sein bester Freund Michael, mit dem er zusammen aufgewachsen war, nicht mehr lebte. Aber anders als in dem Artikel dargestellt, war er keineswegs betrunken gewesen. Er war zu schnell gefahren, weil er mit Michael in Richtung Krankenhaus unterwegs war. Michael war zuvor bei Axel zu Hause gewesen, um ihm bei einer Renovierungsarbeit zu helfen. Wie es jedoch meistens bei ihnen der Fall war, wenn sie zusammen Zeit verbrachten, war Michael viel länger geblieben als eigentlich geplant. Plötzlich hatte Michael einen Anruf bekommen. Seine Frau war gerade mit einem Taxi auf dem Weg ins Krankenhaus gewesen, weil ihr die Fruchtblase geplatzt war. Natürlich hatte Michael so schnell wie möglich zu ihr gewollt, um bei der Geburt seines ersten Kindes dabei sein zu können. Er wollte jedoch nicht selbst fahren, weil er viel zu nervös war und bat Axel daher, ihn hinzufahren. Weil Axels Auto sich gerade in der Werkstatt befand, nahmen sie Michaels Corsa.

Beim Abbiegen an der Unfallkreuzung war Axel viel zu schnell um die Kurve gebogen, sodass die Fahrt an einem Baum geendet hatte. Als er festgestellt hatte, dass Michael sofort tot war, war er in Panik geraten, ausgestiegen und hatte sich vom menschenleeren Unfallort entfernt. Ziel- und kopflos war er durch die Stadt geirrt, bis er sich irgendwann auf einer Parkbank niedergelassen hatte. Jetzt erst erinnerte er sich auch, dass er beim Aufwachen bis auf Boxershorts nackt gewesen war und die ranzigen Klamotten, die er anschließend trug, neben der Bank gelegen hatten. Womöglich hatte irgendein Obdachloser ihm einfach die Klamotten vom Leib gerissen und ihm dafür seine eigenen hinterlassen.

Aber wer war der Typ, der wollte, dass er sich wieder an alles erinnerte?

»Ist dein schlechtes Gewissen nun endlich zurück?«

Axel zuckte zusammen, als er unvermittelt eine Frauenstimme hinter sich hörte, die so kalt war, dass es ihm eisig den Rücken hinunterlief. Er drehte sich um.

»Katja?« Hinter ihm stand Michaels Frau – oder besser gesagt seine Witwe. Er runzelte die Stirn. »Steckst du hinter all dem? Wolltest du, dass ich mich wieder an den Unfall erinnere? Aber der Anrufer war doch ein Mann. Und woher weißt du, dass ich hier bin?«

Trocken lachte Katja auf. »Ja, das ist alles mein Werk. Auch der Anrufer war ich. Ich habe meine Stimme ein wenig modifiziert, nachdem ich sie aufgezeichnet habe. Toll, was mit der Technik heutzutage alles möglich ist, nicht wahr? Auf dem Smartphone, das ich dir mit deiner Lebensmittelausgabe untergejubelt habe, ist ein GPS-Tracker installiert, der mir stets deinen genauen Standort übermittelt.«

»Ich verstehe immer noch nicht ganz. Warum wolltest du, dass ich mich erinnere? Wegen meiner Familie? Damit ich wieder nach Hause zurückkehren kann?«

Erneut lachte Katja humorlos auf und sah Axel durchdringend an. »Deine Familie ist mir herzlich egal. Vor allem, nachdem du schuld daran bist, dass ich keine mehr habe.«

Axel schluckte, doch der Kloß in seinem Hals wollte nicht weichen. »Es tut mir wahnsinnig leid. Der Unfall passierte, weil wir so schnell wie möglich zu dir ins Krankenhaus wollten.« Er sah sich nach einem kleinen Mädchen um, konnte jedoch keines entdecken. »Wo ist Ina? Bei deinen Eltern? Geht es ihr gut? Sieht sie Michael ähnlich?« Er hoffte, dass er das Gespräch damit in eine andere Richtung lenken konnte. Doch er täuschte sich gewaltig.

»Nein, Ina ist nicht bei meinen Eltern und ich kann dir auch nicht sagen, ob es ihr gut geht oder sie Michael ähnlichsieht.«

»Ich verstehe nicht ganz.«

Katja atmete tief durch und ballte ihre Hände zu Fäusten. »Als ich unmittelbar nach Inas Geburt vom Unfall und seinen Folgen erfuhr, hatte ich einen Zusammenbruch. Es war so schlimm, dass ich Ina nicht in meiner Nähe ertrug. Letztendlich nahm man sie mir weg, weil man entschied, dass ich nicht in der Lage war, mich um sie zu kümmern. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen und ich weiß auch nicht, ob ich sie überhaupt jemals wiedersehen werde. Du hast mir also nicht nur meinen Mann, sondern auch meine Tochter genommen. Ein normales Leben ist für mich seitdem auch nicht mehr möglich. Ich wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Erst seit einigen Monaten lebe ich wieder in unserer alten Wohnung und versuche, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Noch immer muss ich wöchentlich zur Therapie, um all das zu verarbeiten, was du mir angetan hast. Bei der Tafel helfe ich erst seit kurzem aus, um nach und nach zurück eine Art Alltag und in das soziale Leben zu finden. Doch als ich dich letzte Woche dort sah, kam alles wieder hoch.«

Axel schluckte trocken. »Aber der Corsa? Er war doch sicherlich ein Totalschaden, oder?«

»Natürlich war er das. Als ich das Auto gestern bei einem Gebrauchtwagenhändler stehen sah, kam mir die Idee, ihn heute für eine Probefahrt zu nutzen, um ihn für meine Zwecke einzusetzen. Kaufen werde ich das Auto natürlich nicht. Ich bin froh, dass ich das Teil wieder los bin.«

»Aber warum das alles? Warum bist du nicht einfach zur Polizei gegangen und hast ihnen erzählt, dass du mich gefunden hast?«

Sie funkelte ihn wütend an. »Meinst du wirklich, ich wollte es dir so einfach machen? Nein, du solltest leiden, dich selbst wieder erinnern – und dich selbst der Polizei stellen.« Sie drehte ihm den Rücken zu. »Ich hoffe sehr, dass dir das Schuldgefühl niemals wieder abhandenkommen wird.« Damit ging sie davon.

Für einen Moment blieb Axel sitzen, versuchte zu verarbeiten, was er soeben erfahren hatte.

Anschließend machte er sich auf den Weg nach Hause. Nach Hause – das kam ihm eigenartig vor nach all der Zeit, in der sein Zuhause die Parkanlagen der Stadt waren.

Genauso wie seine Brieftasche mit all seinen Papieren war wohl auch der Schlüsselbund zusammen mit seinen Klamotten verschwunden. Demnach musste er klingeln, als er das kleine Einfamilienhaus am Berliner Stadtrand erreichte.

Die Tür öffnete sich und Ilona stand vor ihm. Ihre Augen weiteten sich. »Axel?«, hauchte sie ungläubig.

Er konnte nur nicken.

»Papa?« Lisa, seine mittlerweile 10-jährige Tochter lugte um die Ecke und sah ihn mit großen Augen an. Ein Strahlen breitete sich auf ihr Gesicht aus, sie rannte auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch. Kurz darauf ließ sie wieder von ihm ab und rümpfte die Nase. »Puh, du stinkst.«

Es war wieder zu Hause, hatte endlich wieder ein Leben. Aber in einem musste er Katja recht geben: Das Schuldgefühl würde er wohl nie wieder loswerden. Morgen würde er sich bei der Polizei melden.

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One thought on “Wer bist du?

  1. Er kann einem auch wirklich nur Leid tun. Im Grunde wollte er ja nur seinem Freund helfen, für ihn da sein. Und dann dieser Unfall, der alles zerstörte. Und nun die ganzen Schuldgefühle, nachdem er sich wieder erinnern kann – in der Hinsicht war das Leben ohne eine Identität und Erinnerung wohl einfacher, da er ohne diese Vorwürfe lebte.
    Ich finde es jedenfalls stark von ihm, dass er sich dazu entscheidet trotzdem noch zur Polizei zu gehen und sich zu stellen.
    Mir gefällt die Geschichte sehr 🙂

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